Eine Liebe, so vergänglich und süß wie die Blüten einer Orange. Die Liebesgeschichte eines Sommers hält Gastautorin Yasmine Meier in ihrer verträumten Kurzgeschichte fest.

Zwei Mal im Jahr suchen im Rahmen unseres novum Verlag Wortwechsel Geschichtenwettbewerbs die besten Gedichte, Kurzgeschichten und Texte aller Genres von Autoren und allen, die es werden wollen. Im Winter 2024 haben wir zu einfallsreichen Beiträgen zu dem sommerschwangeren Titel „Der Orangengarten“ aufgerufen. Mit einer Geschichte, die uns in die so süßen wie unergründlichen Windungen eines Orangengartens entführt, hat uns Autorin Yasmine Meier überzeugt. Die Kurzgeschichte der Autorin finden Sie ab sofort in unserer neuen Anthologie novum #16, die eine Sammlung kurzweiliger, gefühlvoller Texte für jede Stimmung enthält. Doch auch hier am Blog können Sie die Geschichte lesen, kurz die Augen schließen und den süßen Duft der Orangen atmen.

Der Orangengarten von Yasmine Meier.


»Der Orangengarten. Die drei goldenen Orangen«, von Yasmine Meier

Für Klaudia und Alberto

Als Kaya an dem weitläufigen italienischen Orangengarten vorbeiradelte, ahnte sie nicht, dass die Begegnung mit Leandro ihr Leben für immer verändern sollte, dem sie nur zufällig in die mandelbraunen Augen gesehen hatte, als er gerade am Zaun die ersten reifen Orangen einsammelte. Spontan bremste Kaya ab, weil sie ihre Augen von einem klaren Himmelblau nicht hatte abwenden können von diesem Mann, der die Orangen aufhob, als sammelte er das kostbarste Gut der ganzen Welt ein. Für eine Weile hatte Leandro seine Frau Emilia und seine Kinder Alessandro und Romina im zum Grundstück geerbten Haus sogar ganz vergessen, die – nur ein paar Meter entfernt – das gemeinsame Mittagessen zubereiteten. Während er selbst mit dieser blonden und hübschen Frau hier am Zaun stand, unfähig wie sie auch, ein Wort zu sagen. Beide hatten sich in Sekundenbruchteilen ineinander verliebt. Daran musste Kaya unwillkürlich denken, als sie nur Stunden später im Krankenhaus in Palermo erwachte. Kurz nachdem Leandro ihr ohne Worte drei Orangen in einen dafür viel zu großen Korb gelegt hatte, den er ihr in die rechte Hand drückte. Zuvor hatte er eilig die bereits gesammelten Orangen herausgekippt und die drei schönsten Orangen genommen, worauf er etwas mit einem zufällig vorhandenen schwarzen Edding schrieb. Kayas erster vager Blick in dem italienischen Krankenzimmer fiel auf das neben ihrem Bett stehende graue Nachtschränkchen. Tatsächlich, als hätte sie es bereits vermutet, lagen dort die drei Orangen, völlig unversehrt.

Kaya konnte sich sekundengleich sogar erinnern, wie sie dachte, als sie diese gerade erst im Korb gesehen hatte, dass die Sonne genau in diesem einen magischen Moment darauf schien, als hätte sie Goldlack darauf gesprüht. Das war gleichsam auch der Moment, als Kaya da am Zaun Wärme durchströmte, weil Sekunden zuvor Leandro ihr den Korb überreicht hatte, wobei er wie aus Versehen ihre Hand gestreift hatte. Sie dachte schon da, dass es das wundervollste Geschenk wäre, das man ihr machen könnte. Es war nicht so sehr das Obst, das ihr Herz höher schlagen ließ, sondern das, was Leandro darauf nur für sie geschrieben hatte! Kaya betrachtete die erste der drei Orangen in ihrer Hand. Und lächelte glücklich. Denn darauf las sie in krakeliger Schrift: LEANDRO. Auf die zweite Frucht hatte er die zwei italienischsten Wörter verewigt: TI AMO! Und auf die dritte seine Telefonnummer. Sofort danach hatten sie sich trennen müssen. Denn Leandro wurde zum Essen ins Haus gerufen von einer weichen italienischen Frauenstimme. Ab da setzte sich Kayas Erinnerung an die folgenden Ereignisse nur noch bruchstückhaft zusammen.

Beim Anblick der nun vor ihr liegenden Orangen dachte sie in dem kühlen Krankenzimmer noch, dass sie und Leandro sich wie Panzer in der schüchternen Verliebtheit verhalten hatten, ohne schon preiszugeben, welche Fülle an süßer Verlockung dahinter wartete, entdeckt zu werden. Kayas Erinnerung enthüllte noch, dass sie unmittelbar vor ihrer Abfahrt auf dem roten Leihrad ihre zuvor in dem kleinen Fischerort gemachten Einkäufe stehengelassen hatte, als sie – beseelt von der atemberaubenden Begegnung mit Leandro – einfach davongeradelt war, nachdem er – ohne sich noch einmal umzudrehen – im Haus verschwunden war. Kaya erinnerte sich vage, dass sie wohl vorgehabt hatte, sobald sie die kleine Pension am Strand erreicht hätte, sofort bei Leandro anzurufen. Sie war sich sicher gewesen, dass die Stimme, die ihn zum Essen rief, zu einer Hausangestellten gehörte. Erst später fiel ihr wieder ein, dass ihr das Haus auf dem riesigen Anwesen vorgekommen war, als würde man auf eine überdimensional große Pinnwand blicken und auf eine Stecknadel, die das Haus darstellte. Überall hingen orangene kleine Notizzettel, die die Orangenbäume symbolisierten. Soweit zu Kayas Gedanken.

Ihre frischeste nächste Erinnerung wiederum war wie der Blick auf eine Ansichtskarte. Denn vor ihr lag auf einmal die kleine Pension, die sie wohl mit dem Rad angesteuert haben musste. An die Zeit vom Verlassen des Orangengartens, in den Leandro sie gezogen hatte, um ihr einen flüchtigen Kuss zu geben im Schatten eines Orangenbaumes, wo sie niemand sehen konnte, bis zum Aufwachen im Krankenhaus lag das meiste im Dunkeln. Der Arzt hatte ihr mitgeteilt, dass sie jemand angefahren hatte. Kaya drehte ihren Kopf in Richtung der zum Nachtschränkchen gegenüberliegenden Wand. Und dort nahm sie von ihrem Bett aus schemenhaft die Umrisse einer Person in einem Stuhl wahr.

Sofort, als sie sich in Richtung der Person umdrehte, ergriff diese Kayas Hand. Und im selben Augenblick durchströmte sie ein schon bekanntes Gefühl. Kaya wusste genau, wer da bei ihr saß. Sie fühlte sich erinnert an die Hand, die ihr den Korb in die Hand gedrückt hatte. Leandro saß bei ihr! Nun stand er auf und machte Licht. Und lächelte sie an. Eine Woge aus Wärme durchflutete ihre beiden Körper. Und es gab hier keinen Grund, sich nicht länger festzuhalten. Ihr Italienisch war ohnehin gerade genauso unsortiert wie sie selbst. Worte waren auch gar nicht nötig. Amore benötigte keine Sprache. Leandro wurde beim Mittagessen darüber informiert, dass es in der Nähe seines Hauses einen Unfall gegeben hatte, bei dem ein zu schnelles Auto eine junge Radfahrerin angefahren hatte. Da man durch die drei Orangen nur seinen Namen ausfindig machen

konnte, weil Kaya ihren Personalausweis nicht dabei hatte, wurde Leandro angerufen. Denn das Krankenhaus glaubte wohl aufgrund des TI AMO auf der zweiten Orange, Leandro und Kaya wären ein Liebespärchen Leandro war nur froh, dass nicht seine Frau Emilia ans Telefon gegangen war. Denn ihr galt die süße Liebesbotschaft nicht.

Nach dem Anruf aus Palermo war Leandro überstürzt aus dem Haus gerannt. Ohne seiner Familie mitzuteilen, was geschehen war. Diese blieb irritiert zurück. Zuvor war nur Emilia aufgefallen, wie wortkarg, beinahe desinteressiert, er mit ihnen beim Mittagessen gesessen hatte. Ohne wirklich zu essen. Obwohl es seinen Lieblingsfisch gab. Und jetzt saß er an Kayas Seite. Ihn quälte der Gedanke, dass sie sich vielleicht nicht mehr erinnern könnte, dass sie einen Grund hatte, zum Orangengarten zu kommen. Und er wusste nicht, ob er es ihr sagen sollte. Jetzt, da sie so fragil wirkend vor ihm lag. Bei dem Mittagessen mit seiner Familie hatte ihn eine kurze Nachricht erreicht. Zuerst hatte er gehofft, dass sie von Kaya wäre. Doch seine Großmutter schrieb ihm – wohl weil sie vor Aufregung nicht sprechen konnte –, dass Kaya auf dem Weg zu ihm war. Seiner geliebten Nonna Maria gehörte der kleine Dorfladen, in dem vorhin erst Kaya eingekauft hatte. Jedoch hatte seine Großmutter dann vergessen, die Nachricht gleich abzusenden. So hatte Leandro erst später erfahren, also nachdem Kaya bei ihm anhielt, was er Kaya sagen musste. Nur nicht hier. Nicht jetzt. Dass er ihre Hand hielt, sollte ihr seine Unterstützung zeigen. Denn sie war ja mehr oder weniger allein hier. Und in Palermo völlig fremd. Und wer war schon gerne im Krankenhaus? Nonna Maria hatte Leandro in ihrer Nachricht mitgeteilt, dass sie ein Geheimnis hütete. Und als vorhin die junge Deutsche in ihrem Laden war, erinnerte diese sie an Leandros Mutter, von den blonden Haaren einmal abgesehen. Als sie sie nach ihrem Vornamen fragte, wusste sie, sie musste Kaya zu Leandro schicken. Denn ihre Tochter Mariana hatte ihr auf dem Sterbebett offenbart, dass sie vor über 32 Jahren eine kurze Affäre mit einem deutschen Marineoffizier in Deutschland hatte. Dieser hieß Andreas und war Kayas Vater. Er war schon mit 38 verstorben . Kaya hatte jeden Sommer bei ihrer Mutter im Haus mit dem Orangengarten verbracht. So wie auch alle anderen Ferien, die sie mit ihren beiden Kindern Maribel und Leander dort verbrachte. Und Leandro war Kayas Halbbruder.

Mariana hatte sich all die Jahre geschämt, ihrem Mann fremdgegangen zu sein. Und aus Scham konnte sie sich niemandem anvertrauen. Weil sie fürchtete, dass sie Schande über ihre altmodische italienische Familie bringen könnte. Nicht einmal ihren beiden Kindern hatte sie es sagen können. Doch weil sie ihr Geheimnis auch nicht mit in ihr zu frühes Grab nehmen wollte, hatte sie sich auf dem Sterbebett ihrer Mutter anvertraut. Maria versprach ihr, es Leandro zu erzählen. Und bei Gelegenheit auch Kaya. Das kam viel früher als erwartet, als Kaya in ihrem Laden auftauchte. Was reiner Zufall war, denn eigentlich ging Kaya stets nur im großen Supermarkt einkaufen. Da dieser aber renoviert wurde, betrat sie den kleinen Dorfladen. Nicht ahnend, wie sich ihr Leben ab hier verändern sollte. Kaya und ihre Großmutter würden in Kontakt bleiben. Aber Kaya würde nie mehr auch nur einen Fuß in den Orangengarten setzen. Letztlich war das der Ort, an dem sie vor ihrer Abreise noch mehr über ihre italienische Familie erfuhr Allerdings hatte Maria sie darum gebeten, es ihnen nicht zu erzählen.

Als man sie aus dem Krankenhaus entließ, verabschiedete sie sich noch von dem Haus mit dem Orangengarten. In diesem Haus und seinem sonnigen Garten hatte Kaya alle Ferien ihres Lebens verbracht. In dem dann ihre Mutter Urlaub machte mit ihr, der aber eigentlich ihr Alltag war, immer für ein paar Wochen. Als sie Leandro dort begegnet war, nahm sie an, dass er der Gärtner wäre, der ebenso Leandro hieß und den ihre Mutter noch kurz vor ihrem Tod eingestellt hatte, sodass Kaya ihm nie zuvor begegnet war. Mit Leandro, der jedoch ihr Halbbruder war, würde sie erst Kontakt haben, wenn sie beide in der Lage wären zu vergessen, dass sie einander liebten. Sofern das je möglich wäre. Da auch auf Kaya jemand zuhause wartete, nämlich ihre junge Freundin Muriel, wäre es auch nicht infrage gekommen, etwas mit Leandro anzufangen, das schon jetzt nach weit mehr anmutete, als nur nach einem Sommerflirt. Aber vor allem waren sie auch verwandt. Und auf dieser Basis gab es keine gemeinsame Zukunft.

Kaya war in Italien, um an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmen. Und Mariana selbst war es gewesen, die ihr mitgeteilt hatte, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Schließlich wurde Kaya über eine Zugehfrau ihrer Mutter über deren Ableben informiert. Seltsamerweise lag Kaya in der Zeit ihres Aufenthaltes in Italien für kurze Zeit im selben Krankenhaus wie ihre Mutter vor Kurzem. Nach der Beisetzung verließ Kaya das Land ihrer Mutter. Und für den Rest ihres Lebens wird sie sich gerne zurückerinnern an die unzähligen Stunden im Orangengarten, der nun ihrem Halbbruder gehörte, was Mariana noch kurz vor ihrem Tode so entschieden hatte. Kaya wiederum bekam die kleine Mietwohnung ihrer Mutter in Palermo. Aber den herrlichen Orangengarten mit den süßesten Früchten würde sie nie mehr betreten.

Auch Sie wollen Ihre Kurzgeschichte, Ihr Gedicht oder vielleicht auch einen Auszug aus Ihrem aktuellen Buch veröffentlichen? Bewerben Sie sich hier für unsere novum Anthologie #17, die im Winter 2024/2025 im novum Verlag erscheint.

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Über das Buch

Titel: „novum #16 Volume 1“ & „novum #16 Volume 2“ & „novum #16 Volume 3“ & „novum #16 Volume 4“ & „novum #16 Volume 5“ 
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Lebensbereichen vereinen sich in diesem Band. Ihre Geschichten, Sachtexte und Gedichte bilden einen Vielklang an Stimmen der Gegenwart und bieten persönliche Erfahrungen, bewegende Momente und kritische Blicke.
Seitenanzahl: 300 (Volume 1) & 244 (Volume 2) & 308 Seiten (Volume 3) & 262 Seiten (Volume 4) & 320 Seiten (Volume 5)
ISBN: 978-3-7116-0180-3 (Volume 1) & 978-3-7116-0181-0
(Volume 2) & 978-3-7116-0182-7 (Volume 3) & 978-3-7116-0183-4 (Volume 4) & 978-3-7116-0184-1 (Volume 5)
Preis: € 21,90

Die novum #16 Anthologie ist in insgesamt fünf Teilen erschienen. Die Kurzgeschichte von Yasmine Meier wurde in Band 4 abgedruckt. Hier geht es zur Buchbestellung von:

• Volume 1
 Volume 2
• Volume 3
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• Volume 5