In ihrem neuen Poesieband, »Wie die Zeit, so die Lage« gehen die Autor*innen Yasmine Meier und Herbert Wolf der Poesie der Zeit auf den Grund. Im Interview verraten sie, wie man die Zeit in Versen zu fassen bekommt.

»Wie die Zeit, so die Lage. Lyrik und Kurzgeschichten« lautet der Titel des neuen, nachdenklichen Sammelbandes von Yasmine Meier und Herbert Wolf. Geschrieben in einer ganz besonderen Zeit, in einer ganz besonderen Lage, ist es Zeugnis des Einflusses, den die Zeit auf unser Denken, Fühlen und Empfinden permanent ausübt und schildert ihren poetischen Fluss.
Die zwei Autor*innen wurden in ihrem Leben jeweils auf ihre ganz eigene Art und Weise berührt, vom Fluss der Zeit. Yasmine Meier musste lernen, dass die Zeit auch grausam sein kann – vor allem, weil sie auch in schwierigen Stunden stumm bleibt und keine Antworten gibt auf Fragen, die uns quälen. Herbert Wolf beschäftigte das Phänomen des Zeitempfindens, das eine zutiefst persönliche Erfahrung ist. In unserer Wahrnehmung ist die Zeit so unbeständig wie der Zeiger einer Uhr. Kinder, so der Autor und Lyriker, leben entbunden von der Zeit, während Erwachsene ihr Knecht sind.
»Man muss den Dingen die eigene stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären«, schrieb Rainer Maria Rilke in seinem berühmten Gedicht »Über die Geduld«. Ähnliche Zeiterfahrungen werden auch in Yasmine Meiers und Herbert Wolfs Poesiesammlung erlebbar. Im Interview mit uns haben die Autor*innen erzählt, wie die Zeit ihre Begegnung, ihre Gedichte und ihr Leben bewegt hat und wie es gelingt, ihr zu entfliehen: In der Zeitlosigkeit der Poesie.

Interview mit Yasmine Meier und Herbert Wolf
Ihr Buch ist aus einer besonderen Begegnung entstanden. Sie und Herbert Wolf lernten einander auf Instagram kennen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, gemeinsam ein Buch zu schreiben?
Yasmine Meier: Wir fanden es spannend, unsere verschiedenen Schreibstile in einem Buch zu vereinen. Und die Kurzgeschichten und Gedichte zu mischen in ihrer Themenvielfalt, ob ernst, ob heiter.
Herbert Wolf: Uns fiel auf, dass wir auf Instagram häufig dieselben Posts likten oder kommentierten. Darunter waren nicht selten die Beiträge von Silke Bodenbender, deren Filme wir beide gerne sehen.
Co-Autorenschaft braucht viel Abstimmung und Gespür für den Stil und das Schaffen des Anderen. Ihre und die schriftstellerischen Schwerpunkte von Herbert Wolf unterscheiden sich sehr. Wie ist es Ihnen gelungen, einen Band zu schreiben, der sich trotzdem so ausgewogen und harmonisch liest?
Yasmine Meier: Weil wir seit Anfang an mögen, was der andere schreibt, und es in allen Bereichen passt.
Herbert Wolf: Für den gemeinsamen Titel fanden wir in unseren Beiträgen und den Überschriften wiederkehrende Worte oder Themen, nämlich die Zeit und die Situation der Lage. Daraus haben wir dann einen Titel »gebastelt«.
Die Zeit ist das bestimmende Thema Ihres Werks. Wieso haben Sie sich entschieden, ausgerechnet die Zeit in Ihren Gedichten und Kurzgeschichten zu behandeln?
Yasmine Meier: ZEIT ist etwas, mit dem jeder etwas verbinden kann. Gut wie schlecht.
Herbert Wolf: Die Zeit wird je nach Alter unterschiedlich wahrgenommen. Für das Kind spielt sie fast keine Rolle. In der Schule und erst recht im Beruf bestimmen Termine, Deadlines, Zeitpläne die Wahrnehmung. Mit dem Alter erinnert der Zeitablauf an einen Fluss, dessen Wasser sich schließlich mit dem Ozeanwasser unauflöslich vermischt. Ich denke, mit der Lebenszeit empfinden ältere Menschen das ähnlich.

Was fasziniert Sie persönlich an dem Phänomen Zeit?
Yasmine Meier: Veränderung, was zu verbessern. Ich weiß aber auch, wie grausam Zeit sein kann, weil ich über 28 Jahre warten musste auf Antwort zum Verbleib meiner verschwundenen Mutter.
Herbert Wolf: Wie scheinbar vergangene Zeiten sich doch öfter im aktuellen Denken oder Handeln bemerkbar machen.
Wie haben Sie die Themen und Gedichte, die Sie in dem Buch platzieren wollten, ausgewählt und gesammelt? Was hat Sie inspiriert?
Yasmine Meier: Ich habe die – meiner Meinung nach – besten Gedichte aus meiner Feder genommen. Inklusive jener vier Werke, mit denen ich auch bei Lyrikwettbewerben gewonnen habe. Herbert Wolf hat seine Beiträge ähnlich ausgewählt – also vor allem die, in denen ein Zeitbezug gegeben ist. Zudem gibt er häufig in seinen Geschichten wieder, was er selbst erlebte.
Herbert Wolf: Der Bezug zum Titel des Buches einerseits und andererseits möglichst das Heranziehen persönlicher Erlebnisse waren mir wichtig.
Sie selbst schreiben seit Ihrer frühesten Jugend Gedichte. Ihr Talent, sich in Lyrik auszudrücken, spiegelt sich in mehrfachen Preisen wider, die Sie für Ihr Werk erhalten haben. Wer oder was hat in Ihnen die Liebe zur Lyrik geweckt?
Yasmine Meier: Ich schrieb lange Tagebuch. Und fand, dass es kürzer ginge. Und als ich dann meinte, ich könnte es in weniger Zeilen lieber reimen, war der Weg geebnet. Eine Rolle spielte auch, dass ich meiner Oma zum 75. Geburtstag ein Gedicht schenkte.
Herbert Wolf: Schreibversuche hatte es früher gegeben, aber das ernsthafte Schreiben begann ich erst, als ich in Rente ging und genügend Zeit dafür fand.

An welchen schriftstellerischen Vorbildern orientieren Sie sich beim Schreiben?
Yasmine Meier: In dieser Hinsicht habe ich keine Vorbilder.
Herbert Wolf: Ähnlich! Die Kreativität und den Witz eines Loriots wären nicht schlecht.
»Du hast meine Zeit kostbar gemacht. Und mich wie deinen Schatz bewacht«, schreiben Sie, Frau Meier, in Ihrem Gedicht »Für immer und ewig«, das Ihrer Mutter gewidmet ist. Denken Sie, es sind andere Menschen, die der Zeit ihren Wert geben?
Yasmine Meier: Meine Mutter, ja. Weil es die schönste Zeit in meinem Leben war. Leider nur zwanzig Jahre davon.
Die Themen, die Sie in dem Buch behandeln, sind so wechselhaft wie die Launen der Zeit: Ihre Gedichte sind persönlich, politisch oder gesellschaftskritisch. Andere lesen sich wieder mehr wie ein Spiel mit Worten, die aus der puren Lust an der Lyrik entstanden zu sein scheinen. Welches der Gedichte aus dem Buch ist Ihnen besonders wichtig?
Yasmine Meier: Neben »Werbeslogan-Woogie«, meinem ersten Sieger bei einem Wettbewerb, der mir die Tür öffnete zum ersten eigenen Buch, weil ich mich sonst vielleicht nicht getraut hätte, natürlich »Für immer und ewig«. Das persönlichste Gedicht an meine ermordete Mutter. Ich schrieb es ihr zum Abschied und legte es ihr 2017 mit ins Grab. Durch »Das Geheimnis des Totenwaldes« und »Dig Deeper« auf Netflix, kennt es mittlerweile die ganze Welt.
»Es ist immer nur die Uhr, wonach alle sich richten« schreibt Herbert Wolf in einem seiner Gedichte. Die Zeit bestimmt unser Leben, so wie unser Werk. Wie lange haben Sie gebraucht, um »Wie die Zeit, so die Lage« zu schreiben?
Yasmine Meier: Bei den meisten Gedichten wusste ich genau, welche im Buch sein müssen und welche nicht. Nur wenige kamen noch nach. Das ging aber auch schnell. Weil ich täglich schreibe, habe ich zu der Zeit einfach die besten genommen, die ich in etwa einer Woche geschrieben hatte.
Herbert Wolf: Das oben zitierte Gedicht von mir entstand im Juli 2020 beim Blick aus unserem Wohnzimmer. Für das Buch habe ich es mehrfach, über Tage, überarbeitet, bis es passte.

Ihr Buch ist im Jänner 2024 im novum Verlag erschienen. Welche Erfahrungen mit dem novum Verlag haben Sie gemacht und wie haben Sie die Zeit und Zusammenarbeit mit uns erlebt?
Yasmine Meier: Im Ganzen angenehm und zielführend. Die Begleitung und Beratung durch den novum Verlag hat uns sicher geholfen, das Buch auf den Markt zu bringen. Wir hatten gehofft, das Buch bereits zur Weihnachtszeit in den Händen halten zu können, sicher auch, um es dann verschenken zu können. Doch wie alles braucht es Zeit, damit etwas Gutes entstehen kann.
Herbert Wolf: Für mich ist es das vierte Buch, das ich mit dem novum Verlag publiziere. Es war naheliegend, sich an diesen Verlag zu wenden.
In Ihrem gemeinsamen Werk haben Sie die vielen Facetten der Zeit beleuchtet. Gibt es schon ein neues Thema, dem Sie und Herbert Wolf gemeinsam auf den Grund gehen wollen?
Yasmine Meier: Da ist nichts geplant. Jeder hat sein eigenes Projekt bzw. habe ich bereits mehrere abgeschlossen und überlege nun, was jetzt kommt. Wahrscheinlich: »15. 8. 89 – Als mein Leben plötzlich endete.« Über das Verschwinden meiner Mutter, was es mit mir machte. Und wunderbare Rückblicke auf das unvergessliche Leben mit meiner geliebten Mutter.
Herbert Wolf: Wie Yasmine sagt, es gibt auch bei mir ein Projekt, von dem ich hoffe, es noch bis zum Sommer abschließen zu können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über die Autorin

Yasmine Meier wurde im Mai 1969 in Hamburg geboren. Seit frühester Jugend schreibt sie Gedichte und Geschichten, veröffentlichte bisher fünf Lyrik-Sammlungen und zwei Romane. Vier Mal wurde eines ihrer Gedichte bei einem Wettbewerb für Lyrik ausgezeichnet. Weltbekannt wurde das sehr persönliche Gedicht »Für immer und ewig« durch den Film »Das Geheimnis des Totenwaldes« sowie die Netflix Dokumentation »Dig Deeper«. Das entsetzliche Verbrechen an ihrer Mutter belastet sie unverändert. Mit zwei Katzen, die sie über alles liebt, lebt sie in Lüneburg.
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Über den Autor

Herbert Wolf wurde im März 1947 geboren und lebt am Klein Köris See in Brandenburg. Seine freie Zeit widmet er seiner Familie. Mit dem Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten hat er erst spät begonnen. Davor war er IT-Mitarbeiter in einem großen Konzern und lernte dabei Länder wie Brasilien und Mexiko kennen. Fünf Romane hat er bisher veröffentlicht.
Ausschnitte aus dem Alltag eines Dichters und Schriftstellers erleben Sie auch auf dem Instagram Channel des Autors, den Sie hier finden. Zur Website des Autors gelangen Sie hier.
Yasmine Meier und Herbert Wolf lernten sich über ihre Posts auf Instagram kennen. Diese weckten ihr Interesse an ihren jeweiligen Arbeiten und führten zur Idee, dieses Buch zu schreiben.
Über das Buch

Eine Autorin und ein Autor haben in einer bunten Mischung aus witzigen, oft berührenden Gedichten und spannenden Geschichten erzählt, wie Die Zeit abläuft und sich dabei Die Lage für die Protagonisten überraschend, gelegentlich aber auch bedrohlich verändert.
»Wie die Zeit, so die Lage. Lyrik und Kurzgeschichten«
Yasmine Meier und Herbert Wolf
162 Seiten
ISBN: 978-3-99146-514-0
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