Gute Autoren sind meistens auch gute Leser. Das klingt zunächst nach einer Binsenweisheit, dahinter steckt aber eine der wichtigsten Grundlagen des Schreibens.
Wer regelmäßig und aufmerksam liest, entwickelt ganz nebenbei ein besseres Gefühl für Sprache, Rhythmus, Perspektive, Dramaturgie und Figuren. Dabei geht es gar nicht darum, möglichst viele Bücher zu verschlingen. Entscheidend ist vielmehr, wie man liest. Wer einen Text nicht nur konsumiert, sondern gelegentlich genauer hinsieht und sich fragt, warum eine bestimmte Szene funktioniert oder weshalb ein Satz besonders gut klingt, kann daraus viel für das eigene Schreiben mitnehmen.
Lesen erweitert den sprachlichen Werkzeugkasten
Autoren arbeiten mit Sprache – und je größer ihr sprachlicher Werkzeugkasten ist, desto mehr Möglichkeiten haben sie, Gedanken, Gefühle und Situationen treffend auszudrücken. Wer unterschiedliche Autoren und Genres liest, begegnet automatisch verschiedenen Satzstrukturen, Wortfeldern, Bildern und Rhythmen. Ein Kriminalroman klingt anders als ein literarischer Roman, ein Sachbuch anders als eine Kurzgeschichte. Selbst innerhalb eines Genres können Welten zwischen zwei Schreibstilen liegen.
Beim Lesen stoßen wir außerdem immer wieder auf Formulierungen, auf die wir selbst vielleicht nie gekommen wären. Wir lernen neue Wörter kennen, entdecken sprachliche Nuancen und entwickeln mit der Zeit ein Gespür dafür, welche Formulierung an welcher Stelle funktioniert. Das bedeutet natürlich nicht, den Stil anderer zu kopieren. Im Gegenteil: Gerade durch die Begegnung mit vielen unterschiedlichen Stimmen kann sich nach und nach die eigene entwickeln.
Gute Sätze kann man hören
Lesen schult nicht nur den Wortschatz, sondern auch das Sprachgefühl. Besonders deutlich merkt man das beim Rhythmus. Manche Sätze wirken schwerfällig, andere fließen beinahe von selbst. Manche Absätze treiben eine Geschichte voran, andere nehmen bewusst Tempo heraus. Und manchmal ist ein kurzer Satz wirkungsvoller als jede ausführliche Beschreibung.
Wer viel liest, nimmt solche Unterschiede irgendwann ganz selbstverständlich wahr. Man merkt, dass Sprache nicht nur aus ihrer Bedeutung besteht, sondern ebenso aus Klang, Tempo und Rhythmus. Genau dieses innere Ohr ist später beim Überarbeiten eigener Texte unglaublich hilfreich. Plötzlich fällt auf, dass ein Satz zu lang geraten ist, sich ein Wort zu oft wiederholt oder ein Absatz einfach nicht rund klingt. Ein Text muss schließlich nicht nur grammatikalisch korrekt sein – er sollte sich auch gut lesen lassen.
Lesen zeigt, wie Geschichten funktionieren
Auch Dramaturgie lässt sich hervorragend durch Lesen lernen. In Romanen erleben wir, wann Figuren eingeführt werden, wie Konflikte entstehen, an welcher Stelle Informationen preisgegeben werden und wie Autoren Spannung aufbauen. Gerade bei einem Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, lohnt sich deshalb eine einfache Frage: Warum möchte ich eigentlich weiterlesen?
Vielleicht wurde gerade eine Frage aufgeworfen, deren Antwort noch fehlt. Vielleicht wissen wir etwas, das die Hauptfigur nicht weiß. Oder ein Konflikt hat sich so zugespitzt, dass wir unbedingt erfahren möchten, was als Nächstes passiert. Wer solche Mechanismen erkennt, versteht schnell, dass Spannung selten zufällig entsteht. Sie ist das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen. Wer wie ein Autor liest, fragt deshalb nicht nur: „Was passiert?“, sondern hin und wieder auch: „Warum funktioniert das so gut?“

Figuren müssen nicht erklärt werden
Gerade am Anfang neigen viele Schreibende dazu, ihre Figuren sehr ausführlich vorzustellen: Alter, Aussehen, Beruf, Kleidung, Charaktereigenschaften. Doch eine Figur wird nicht allein dadurch lebendig, dass wir möglichst viel über sie wissen. Oft erfahren wir viel mehr über einen Menschen, wenn wir beobachten, wie er handelt.
Eine Figur sagt in einem schwierigen Moment die Wahrheit, obwohl sie dadurch selbst Nachteile hat. Eine andere schweigt, weicht aus oder lügt. Schon solche kleinen Entscheidungen verraten uns viel über ihren Charakter, ohne dass der Autor ihn erklären muss. Gute Bücher zeigen sehr schön, wie Figuren durch Handlungen, Dialoge und Reaktionen entstehen. Gleichzeitig lernt man dabei etwas, das für das Schreiben besonders wichtig ist: den Lesern zu vertrauen und ihnen zu erlauben, selbst zwischen den Zeilen zu lesen.
Perspektive verändert eine Geschichte
Ein und dasselbe Ereignis kann vollkommen unterschiedlich wirken, je nachdem, wer davon erzählt. Ein Streit erscheint aus Sicht der einen Figur nachvollziehbar und aus Sicht der anderen vielleicht ungerecht oder verletzend. Ein allwissender Erzähler kann eine Situation nüchtern schildern, während dieselbe Szene aus der Perspektive einer beteiligten Figur emotional und unmittelbar wirkt.
Wer unterschiedliche Bücher liest, entwickelt ganz automatisch ein Gefühl dafür, wie stark die Erzählperspektive unsere Wahrnehmung beeinflusst. Welche Informationen bekommen wir? Was weiß die erzählende Figur nicht? Was wird bewusst zurückgehalten? Perspektive ist deshalb weit mehr als eine technische Entscheidung. Sie bestimmt wesentlich mit, was Leser fühlen und wie sie eine Situation beurteilen.
Manchmal ist weniger tatsächlich mehr
Eine der schwierigsten Aufgaben beim Schreiben ist das Weglassen. Viele Texte funktionieren nicht deshalb weniger gut, weil ihnen etwas fehlt, sondern weil sie zu viel erklären. Gedanken werden mehrfach ausgesprochen, Informationen wiederholt und Gefühle erläutert, die durch die Handlung längst deutlich geworden sind.
Gute Bücher zeigen, wie wirkungsvoll Zurückhaltung sein kann. Manchmal erzählt ein einziges Detail mehr als ein ganzer Absatz. Ein kurzer Dialog kann eine Beziehung sichtbar machen, ohne sie anschließend noch erklären zu müssen. Deshalb lohnt es sich beim Lesen auch darauf zu achten, was ein Autor nicht schreibt. Warum endet ein Kapitel genau hier? Warum bleibt eine Information offen? Warum wird eine Situation nicht bis ins kleinste Detail beschrieben? Leser müssen nicht alles gesagt bekommen. Ein Teil der Freude am Lesen besteht schließlich darin, Dinge selbst zu entdecken.
Auch schlechte Bücher können gute Lehrmeister sein
Man muss übrigens nicht ausschließlich großartige Literatur lesen, um etwas über das Schreiben zu lernen. Manchmal ist ein Buch, das einen überhaupt nicht überzeugt, sogar besonders aufschlussreich. Vielleicht wirken die Dialoge künstlich, die Figuren unglaubwürdig oder die Handlung zieht sich. Vielleicht ist die Sprache unnötig kompliziert.
Entscheidend ist dann, nicht bei „Das gefällt mir nicht“ stehen zu bleiben. Interessanter wird die Frage nach dem Warum: Weshalb wirkt diese Figur unglaubwürdig? Wo verliert die Geschichte ihr Tempo? Welche Information wurde zu früh verraten? Warum stolpere ich immer wieder über bestimmte Sätze? Wer so liest, betreibt bereits Schreibtraining – und kann aus misslungenen Beispielen manchmal genauso viel lernen wie aus gelungenen.
Fremde Texte schaffen Abstand zum eigenen Schreiben
Das eigene Manuskript objektiv zu beurteilen, ist schwierig. Man kennt schließlich jede Figur, jede Szene und jeden Gedanken dahinter. Was für einen selbst vollkommen logisch erscheint, muss für einen Leser deshalb noch lange nicht funktionieren.
Bei fremden Texten fehlt diese emotionale Nähe. Dort erkennen wir leichter, ob ein Dialog natürlich klingt oder eine Szene zu viel erklärt. Mit der Zeit entsteht daraus ein innerer Maßstab, der sich irgendwann auch auf das eigene Schreiben überträgt. Man beginnt, den eigenen Text nicht mehr ausschließlich als Autor zu betrachten, sondern zunehmend auch mit den Augen eines Lesers.

Lesen entwickelt den eigenen Geschmack
Schreiben ist nicht nur Handwerk, sondern immer auch Geschmackssache. Welche Geschichten interessieren mich? Welche Figuren bleiben mir im Gedächtnis? Welche Sprache berührt mich? Welche Erzählweisen langweilen mich? Je mehr unterschiedliche Texte wir kennenlernen, desto genauer können wir diese Fragen für uns beantworten.
Gerade für angehende Autoren lohnt es sich deshalb, nicht ausschließlich im eigenen Lieblingsgenre zu bleiben. Ein Sachbuch kann überraschende Ideen für den Aufbau eines Romans liefern. Eine Kurzgeschichte zeigt vielleicht, wie mit wenigen Seiten eine starke emotionale Wirkung entsteht. Ein Essay wiederum kann den eigenen Umgang mit Argumenten verändern. Inspiration entsteht häufig genau dort, wo unterschiedliche Formen und Ideen aufeinandertreffen.
Lesen und Schreiben gehören zusammen
Im Grunde sind Lesen und Schreiben zwei Seiten derselben Tätigkeit. Beim Schreiben produzieren wir Sprache, beim Lesen erleben und untersuchen wir sie – manchmal bewusst, manchmal ganz unbewusst. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Autor täglich stundenlang lesen muss. Schon kleine Veränderungen können einen Unterschied machen.
Nach einem guten Kapitel kann man sich beispielsweise drei Fragen stellen: Was hat mich daran gefesselt? Welche Technik hat der Autor eingesetzt? Und was kann ich daraus für mein eigenes Schreiben lernen? Wer möchte, kann interessante Stellen markieren und später noch einmal genauer ansehen. Warum funktioniert dieser Satz? Wie wurde Spannung erzeugt? Weshalb wirkt diese Szene emotional? Mit der Zeit muss man darüber immer weniger bewusst nachdenken, weil vieles davon ins eigene Sprachgefühl übergeht.
Dabei sollte Literatur natürlich Literatur bleiben dürfen. Niemand muss jedes Buch permanent auseinandernehmen. Manchmal möchte man einfach lesen und sich in einer Geschichte verlieren – und genau so soll es sein. Der entscheidende Unterschied liegt darin, zwischen zwei Arten des Lesens wechseln zu können: Als Leser lässt man sich auf die Geschichte ein, als Autor schaut man gelegentlich hinter die Kulissen und fragt sich, wie diese Wirkung eigentlich entstanden ist.
Bessere Autoren lesen nicht unbedingt mehr – sondern bewusster
Am Ende kommt es deshalb weniger darauf an, wie viele Bücher jemand gelesen hat. Zehn aufmerksam gelesene Bücher können für das eigene Schreiben wertvoller sein als hundert, durch die man nur hindurchgeflogen ist. Gute Texte zeigen uns, was möglich ist. Schwächere Texte machen sichtbar, was vielleicht nicht funktioniert. Unterschiedliche Genres erweitern den Horizont, verschiedene Stile schärfen das Sprachgefühl und neue Perspektiven eröffnen andere Möglichkeiten des Erzählens.
Irgendwann verändert sich dadurch auch der Blick auf das eigene Manuskript. Man hört Sätze anders, erkennt überflüssige Wörter schneller und spürt eher, wenn eine Szene nicht richtig funktioniert. Vor allem entwickelt man nach und nach ein Gefühl dafür, wie sich ein guter Text anfühlen soll.
Key Takeaway: Wer besser schreiben möchte, sollte deshalb nicht nur schreiben. Er sollte auch lesen – und hin und wieder etwas genauer hinschauen.
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– Das Team des novum Verlags

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