Im neuen Krimi von Thomas Breidenbach werden einem Familienvater die Sorgen und Herausforderungen des Alltags zum Verhängnis. Was Verzweiflung aus uns Menschen machen kann und ob in jedem von uns ein Mörder steckt, beantwortet uns der Autor im Interview.

Im Juni 2024 ist mit »Vater, Mieter, Mörder« ein neuer, herausragender Krimi im novum Verlag erschienen. Was den Krimi auszeichnet, sind seine unmittelbare Nähe zur Lebensrealität und Authentizität. In dem scharfsinnigen Buch begegnen wir Menschen, die uns wie alte Bekannte erscheinen, weil sie in jeder Stadt, in jeder Straße zu Hause sind. Allerdings bewegen sie sich nicht auf den Bühnen dieser Welt, sondern sie sind die, die hinter den Vorhängen verharren. Die Schattenbilder der Glänzenden und Glorreichen, der Künstler im Vordergrund. Sie sind die, die im Hintergrund verbleiben und doch – auf ihre Art und Weise – Lebenskünstler, die auch ein Teil des Schauspiels sind. Um Charaktere wie sie zu entdecken, muss man schon genauer hinschauen. Thomas Breidenbach ist dieser Blick aufs Verstellte gelungen, das Ergebnis seiner präzisen Beobachtungsgabe erleben wir in »Vater, Mieter, Mörder«, wo wir so komplexen Figuren wie Situationen begegnen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie vielschichtig sind und zum Nachdenken anregen. Der neue Krimi von Thomas Breidenbach passt nicht ins schwarz-weiße Denkschema. Er schockiert, provoziert und entreißt uns mit Ausflügen in menschliche Abgründe dem allzu sicheren Gang des Alltags.
Wir haben den Autor zum Interview getroffen und mit ihm über die Erlebnisse und Begegnungen in seinem Leben gesprochen, die seinen Blick auf die Welt prägten und ihn befähigten, ein Buch zu schreiben, das man bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will.
Interview mit Thomas Breidenbach
Ihr Roman spielt unter anderem in der Tristesse eines in die Jahre gekommenen Sozialbaus. Was hat Sie zu diesem Schauplatz inspiriert?
Ich habe selbst mehrere Jahre sowohl in München als auch in Hochdahl in vergleichbaren Wohnkomplexen gewohnt. Außerdem bin ich in einem ähnlichen Viertel großgeworden. Ich schreibe also stark aus Erfahrung.

Der Hauptprotagonist Ihres Krimis, Tom, versucht vergeblich, einen Kredit für den Traum vom eigenen Haus zu ergattern. Unweigerlich fühlt man sich an die aktuelle, angespannte Situation am Wohnmarkt erinnert. Ist Ihr Buch auch als Kritik an der Branche zu verstehen?
Nein, Banken sind ihren Kunden verpflichtet. Die dürfen nicht jedem einen Kredit über eine halbe Million Euro geben, bloß weil der zufällig gerade ein Haus möchte. Aber dennoch: Auf der Suche nach einem Kredit bekommt man schon viel Unverschämtes und Verrücktes zu hören. Aber Staat und Gesellschaft leisten auch ihren erheblichen Beitrag. Bei uns in Deutschland wird der Eigenheimerwerb auf der einen Seite durch KfW-Darlehen gefördert, auf der anderen Seite werden für den Kauf oder Bau einer (selbstgenutzten) Immobilie immense Steuern fällig. Der Staat verteuert das Bauen durch Steuern, Bürokratie, Vorschriften etc. und die Gesellschaft durch ihre eigenen Ansprüche. Meine Großmutter hat oft erzählt, die ersten 10 Jahre im Haus hatten sie keine Möbel im Wohnzimmer. Heute sind die Ansprüche ganz andere. Und ich möchte an dieser Stelle Onkel Til aus dem Buch zitieren: »Wer wird denn heute noch Handwerker? Von »Irgendwas mit Medien« und diesem ganzen neumodischen Firlefanz werden jedenfalls keine Steine zu einem Haus zusammengezaubert!« Meiner Erfahrung nach ist die Eigenheimquote unter Handwerkern deutlich höher als unter Akademikern.

Für »Vater, Mieter, Mörder« haben Sie auch spannende Nebenfiguren, wie etwa den besagten, ausgefuchsten, alten Onkel Til, entwickelt. Wie ist es Ihnen gelungen, so interessante Charaktere zu erschaffen?
Vielen Dank für die Blumen! Onkel Til dient dazu, die Generation 80+ sichtbar zu machen. Außerdem ist er Toms Begleiter, der kein Blatt vor den Mund nimmt, aber aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht aktiv in die Geschichte eingreift. Ich hatte während meines Zivildienstes im Seniorenheim viel Kontakt zu diesen Menschen. Es hat mich vom ersten Tag an fasziniert, wie sie miteinander umgehen, wie sie ihr Schicksal erdulden und ganz oft ihren Humor nicht verlieren. Er ist also eine bunte Melange aus Menschen jenseits der 80, die mir persönlich begegnet sind. Und er hat den ein oder anderen Spruch meines verstorbenen Großvaters auf der Zunge, was ihn für mich ein bisschen wieder lebendig macht. Ich habe die Figur aber nicht am Reißbrett geplant oder so. Sie ist einfach aus mir heraus gepurzelt.
Tom und Sandra sind im Hamsterrad gefangen. In ihrer Vorstellung löst der Traum vom Eigenheim alle Probleme. Ist der Glaube, mit genug Geld wären alle unsere Sorgen vergessen, Ihrer Meinung nach eine Illusion oder steckt auch etwas Wahres in ihm?
Tragen Sie mal zwei Kinder und die Einkäufe in den 10. Stock, weil der Aufzug mal wieder kaputt ist. Es gibt dieses schöne Zitat von Marcel Reich-Ranicki: »Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, im Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.« Ich habe mit meiner Familie vier Jahre lang im Hochhaus gelebt und vier Jahre lang im Eigenheim. Der Unterschied ist so frappierend, dass schon was Wahres dran ist. Viele Familien zerbrechen aber auch daran, früher oder später.
»Und er hasste diese Macht- und Mittellosigkeit, die Leute aus der unteren Mittelschicht nun mal haben«, lautet ein Satz in ihrem Buch. Wie Sie auch große, gesellschaftspolitische Themen mit Ihrem Krimi streifen, ist ein meisterlicher Kunstgriff. War es Ihnen wichtig, mit Ihrem Buch mehr als nur Unterhaltung zu bieten?
Ja, auf jeden Fall. Ich möchte aber niemanden belehren oder die Revolution anzetteln. Ich möchte zum Nachdenken anregen. In welche Richtung entwickeln wir uns als Gesellschaft? Welchen sozialen Zündstoff bietet die demografische Krise. Wir betreten aktuell das Zeitalter des Arbeitskräftemangels. Das betrifft uns praktisch alle täglich. Außerdem ging es darum, den Charakteren Tiefe zu verleihen, indem sie sich eben nicht nur über Belanglosigkeiten unterhalten.
Verzweiflung und Leidensdruck machen aus Vater und Mieter Tom einen Mörder. Steckt in uns allen ein Mörder, wenn die Umstände uns dazu zwingen?
Toms Motiv ist ja letztlich die Habgier. Es gibt so unfassbar viele Leute da draußen, die mit bewundernswertem Stoizismus ihre doch sehr bescheidene Existenz ertragen und trotzdem niemanden ermorden. Deswegen ein glasklares Nein.

Toms und Sandras Situation scheint aussichtslos. »Der Zweck heiligt die Mittel«, rechtfertigt Tom seine Taten vor sich selbst. Würden Sie zustimmen oder liegt es an den Lesern, das zu entscheiden?
Nichts rechtfertigt einen Mord. Mir ist das auch sehr wichtig, zwischen Kunst und Meinung zu unterscheiden. Ich billige das Verhalten meines Charakters Tom nicht, aber ich empfinde natürlich Mitleid. Ich erzähle eine fiktive Geschichte. Natürlich dürfen sich meine Leser ein eigenes Urteil darüber bilden.
Bei der novum Verlag #CrimeNight, bei der Sie erste Auszüge Ihres Buchs vor Publikum präsentiert haben, erzählten Sie von Ihrem Bruder, der bei der Polizei arbeitet und Sie in der Recherchearbeit unterstützt hat. In welchen Bereichen konnten Sie von der Expertise Ihres Bruders profitieren?
Neben dem genannten Beispiel mit dem Chef der Wasserschutzpolizei und dem Begriff »Entenpolizei« habe ich vor allem davon profitiert, zu begreifen, dass Polizisten Menschen wie Sie und ich sind. Die machen Fehler, die haben Gefühle, Bedürfnisse und ein Privatleben. Da mein Buch aus der Sicht des Täters geschrieben ist, steht die Arbeit der Polizei eher im Hintergrund.
Welche Recherchetipps würden Sie Autoren geben, die selbst einen Krimi schreiben wollen?
Mit Menschen zu sprechen ist grundsätzlich empfehlenswert. Ich habe großen Wert daraufgelegt, nur über Dinge zu schreiben, von denen ich etwas verstehe, damit die Geschichte authentisch bleibt. Sonst wird es zwangsläufig schnell oberflächlich.
Noch mehr Tipps, um das perfekte Verbrechen für Ihren Krimi zu planen, finden Sie in diesem Beitrag!
Ihr Buch ist im Juni 2024 im novum Verlag erschienen. Welche Erfahrungen mit dem novum Verlag haben Sie gemacht und welches Erlebnis ist Ihnen als Autor besonders in Erinnerung geblieben?
Auf den Webseiten der großen Verlage stehen so ermutigende Sätze wie „Sie haben ein Manuskript geschrieben? Schön für Sie! Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, es uns zuzusenden! Wir werden sowieso schon damit zugemüllt.“ Das fand ich äußerst befremdlich. Der novum Verlag war da offener. Mir sind zwei Erlebnisse besonders in Erinnerung geblieben: Erstens die Korrektur meines Manuskripts durch meine Lektorin, das gespickt war mit lauter Kommentaren mit Datum Heiligabend – Ich habe mir dann vorgestellt, sie säße mit einem Glas Rotwein an Heiligabend am Kaminfeuer – mit meinem Manuskript. Und das zweite Erlebnis war natürlich ganz klar die Crime Night in Wien. Das war ein toller Einstieg. Meine Töchter waren völlig aus dem Häuschen: Der Papa live bei YouTube! Als Belohnung gab es anschließend ein echtes Wiener Schnitzel.

Die #CrimeNight mit einer Lesung von Thomas Breidenbach aus seinem neuen Krimi finden Sie hier:
»Vater, Mieter, Mörder« ist spannend bis zur letzten Seite und hat in uns die Lust auf mehr von Thomas Breidenbach geweckt. Dürfen wir auf einen weiteren Krimi aus Ihrer Feder hoffen?
»Vater, Mieter, Mörder« beschreibt ein Setting, bei dem sich gewaltige gesellschaftliche Konflikte anbahnen. Ich arbeite bereits an einem Nachfolger. Ob es allerdings wieder ein Krimi wird, das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber es wird auf jeden Fall wieder spannend!
Vielen Dank für das Gespräch!
Ich danke!
Über den Autor

Der Autor Thomas Breidenbach, Jahrgang 1987, ist im multikulturellen Schmelztiegel einer Kölner Vorstadt aufgewachsen. Als Bachelor of Engineering arbeitet er als Softwareentwickler in der Automobilindustrie. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder – was ihn nicht nur als Kammerdiener und Kellner qualifiziert, sondern auch als Koch, Psychologe, Lehrer und vieles mehr. Wenn dann noch Zeit bleibt, ist das Schreiben seine Leidenschaft. Ein Eigenheim war schon immer ein Herzenswunsch, den der Autor dann auch mit allen Höhen und Tiefen für die eigene Familie in die Tat umsetzte. Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in »Vater Mieter Mörder« wider, der ersten Veröffentlichung des Autors.
Spannende Einblicke in seine Welt teilt Thomas Breidenbach auch auf seinem offiziellen Instagram Channel mit seinen Lesern und Leserinnen!
Über das Buch

»Vater Mieter Mörder«
Thomas Breidenbach
420 Seiten
ISBN: 978-3-99146-707-6
Hier geht es zum Buch!


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