Vater Mieter Mörder
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 420
ISBN: 978-3-99146-707-6
Erscheinungsdatum: 24.06.2024
Wie weit wirst du gehen, um den Traum vom Eigenheim zu erfüllen? Wie weit wirst du gehen, um deine Familie zu retten? Tom, Vater von drei Kindern und kurz vor der Scheidung, geht durch die Hölle und zurück …
Prolog
Aus Wikipedia – Die freie Enzyklopädie: „Unter dem Begriff Ghosting (engl. „Geisterbild“, „Vergeisterung“) versteht man in einer zwischenmenschlichen Beziehung (Partnerschaft oder Freundschaft) einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Obwohl vorher etwa Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich jegliche Kontaktversuche ins Leere.
Geghostete werden in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert und entwickeln Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung.
Ghosting-Betroffene können ein Gefühl grundsätzlicher Verunsicherung erfahren oder unter ungünstigen Umständen in eine tiefe Krise geraten. Auch können sie die Angst des plötzlichen und scheinbar grundlosen Verlassenwerdens in nachfolgende Beziehungen mitnehmen. Traumata und Verlustängste können ebenfalls auftreten. In besonders harten Fällen kann es zu einem schwerwiegenden psychischen Schaden bis hin zu Suizidgedanken kommen. Das liegt daran, dass viele sich auch nach dem Abbruch einer kurzen Beziehung sehr verletzt fühlen. Wer auf diese Art und Weise verlassen wird, fühlt sich häufig entwertet, auch weil man dem anderen ja nicht mal mehr ein paar Worte wert war.“
1. Die Offenbarung
Tom holte tief Luft. „Stell dir vor, wir kommen nach Hause. In unser schönes, neues Haus. Die Kinder sind bei deiner Schwester. Der Eingangsbereich ist großzügig. Ich helfe dir aus dem Mantel. Im Kühlschrank wartet eine Flasche Sekt. Frische Weintrauben stehen auf der großen Kücheninsel, die frei im Raum steht. Alles ist hell, die Fenster sind riesig, der Fußboden angenehmes Eichenparkett, die Möbel in Weiß gehalten. Die Sonne steht tief und scheint bis weit in die Räume. Es wirkt ein wenig wie in einem Strandhaus. Ich setze mich auf einen der Barhocker. Du kommst zu mir, legst deinen Arm um meine Hüfte und steckst mir eine Weintraube in den Mund“, teilte Tom einen Tagtraum mit seiner Frau. Sandra atmete tief ein und hielt die Luft an. Sie lagen in ihrem Ehebett und die drei Kinder schliefen. Es war Sonntagabend, etwa 21 Uhr. „Es riecht süßlich im Haus. Es riecht nach dir und nach Zuhause. Eine schöne Eichentreppe führt in der Mitte des Hauses ins Obergeschoss. Ich greife deine Hand und ziehe dich langsam hinter mir her, die Treppe hinauf. Oben angekommen, gehen wir ins Bad. Das Bad ist riesig. Das schönste der ganzen Stadt! Mindestens! Überall stehen Kerzen, das Licht ist gedimmt, zartes Rosa strahlt gegen die weißen Wände. Ich knöpfe dir die Hose auf …“, Tom unterbrach seine Ausführungen abrupt, weil das schöne Luftschloss vom plärrenden Babyphon eingerissen wurde. Johanna machte Tieffliegeralarm. Das Baby verlangte nach seiner Mama.
„Hach, Kinder sind einfach das effektivste Verhütungsmittel …“, seufzte Sandra und quälte sich aus dem Bett.
„Das ist alles mit dem Kindergeld abgegolten, Schatz!“
„Du und deine blöden Sprüche“, seufzte Sandra und verließ das Schlafzimmer auf leisen Sohlen. Tom blieb allein zurück. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass Sandra regelrecht erleichtert darüber war. Sie hatten schon gefühlt ewig nicht miteinander geschlafen. Tom kroch auf dem Zahnfleisch, doch Sandra schien es nicht zu vermissen. Er steigerte sich ein wenig in diesen Verdacht hinein und wurde immer unruhiger. Er wartete ewig, doch aus dem Babyphon kam noch stundenlang Gemurmel des Säuglings.
„Seid fruchtbar und mehret euch, haben sie gesagt, diese Sadisten …“, flüsterte er leise zu sich selbst. Irgendwann schlief er einfach darüber ein.
Am nächsten Tag, es war ein Montag, hatte Tom am Nachmittag einen Banktermin. Es ging darum, einen Kredit zu ergattern, um damit ein Haus zu kaufen. Der Bankberater war ein Mittfünfziger mit ordentlichem Plus an Figur. Er stank nach billigem Aftershave und Nikotin sowie Alkohol-Ausdünstung. Er hatte praktisch keine Haare mehr auf dem Kopf und schwitzte elendiglich. Nachdem Tom die Finanzen der Familie und interessante Objekte vorgestellt hatte, begann der Bankberater krampfhaft damit, Tom zu überreden, doch etwas Günstigeres zu kaufen – eine Ruine sozusagen.
„Die können Sie dann ja renovieren, während Sie schon drinnen wohnen“, schlug er vor.
„Sanieren“, korrigierte Tom. „Solche Häuser muss man sanieren. Nein, danke. Das kommt für uns nicht in Frage. Wir haben drei kleine Kinder. Jahrelang in einer Ruine wohnen, das geht nicht“, fuhr er fort. In einer Ruine wohnten sie außerdem schon und sein handwerkliches Geschick konnte mit den Ansprüchen seiner Frau ohnehin nicht mithalten. Mit drei kleinen Kindern war außerhalb der Elternzeit, in der er zurzeit war, sowieso keinerlei Raum für derartige Sperenzchen. Das ging eine ganze Weile so hin und her, bis Tom schließlich aufstand, sich bedankte und verabschiedete. Er hatte genug gehört. Was für eine Demütigung! Der Bankberater hatte sich sichtlich zusammenreißen müssen, ihn nicht lauthals auszulachen. Tom hatte einen finanziellen Striptease hingelegt und statt tosenden Applauses nur Schulterzucken geerntet. Dabei wollte er doch lediglich einen Kredit für ein Haus in einer Vorstadt seiner rheinischen Heimatmetropole. Nichts Spektakuläres, ohne Türmchen oder Pool – einfach bloß die eigenen spießigen vier Wände, von denen alle jungen Familien träumten. Wie sollte er das Sandra erklären? Sie hatte schon Pläne geschmiedet: Kräutergarten, Hobbyraum, das ganze Programm. Und er redete ihr auch seit Monaten, ja sogar seit Jahren, den Mund wässrig. Stattdessen war jetzt weiter Platte angesagt. Denn Tom bewohnte mit seiner Frau Sandra und den Töchtern Marie, Elena und Johanna eine Vier-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung im zehnten Stock eines »Sozialbaus« der 1960er Jahre. Ein Traum in Waschbeton – mit nächtlichem Lärm, Müllbergen, Drogenabhängigen, wöchentlichen Polizeieinsätzen und allem, was dazugehörte. Dafür gab es keinerlei Verschattung an den Fenstern der oberen Stockwerke. Toms Wohnung befand sich direkt unter dem Flachdach, das mit Dachpappe gedeckt war. Dementsprechend stieg die Temperatur im Sommer oft bis auf über 30° C. Im Winter war es dafür eiskalt, wenn nicht permanent die Heizungen auf höchster Stufe bollerten. Auf jedem Balkon gab es eine Satellitenschüssel, auf vielen hing die Fahne der Herkunftsländer der Bewohner. Fast überall stapelten sich Sperrmüll und anderer Unrat auf den Balkonen. Dazwischen saß oft jemand und rauchte. Es war die in Beton gegossene Trostlosigkeit. Seit Jahren legten Tom und Sandra deshalb jeden Cent, der übrig blieb, auf die hohe Kante, um das nötige Eigenkapital zusammenzukratzen und damit ein Eigenheim »Im Grünen« zu kaufen. »Im Grünen« hieß in ihrer Preisklasse jedoch eher »An der Bahnlinie und Kläranlage« – doch all das wäre besser gewesen als die Platte. Die Suche dauerte jetzt schon fast fünf Jahre. Sobald sie schwanger gewesen war, hatte bei Sandra der ultimative Nestbautrieb eingesetzt.
Tom fuhr mit dem Fahrrad von der Bank nach Hause und dachte darüber nach, wie er Sandra die Enttäuschung beibringen sollte. Tom und Sandra waren beide Anfang dreißig und hatten vor sieben Jahren geheiratet. Um Geld für ein Eigenheim zu sparen, hatten sie die Hochzeit nur im ganz kleinen Kreis und ohne Prunk gefeiert. Und sie hatten sehr spartanisch gewohnt und gelebt. Obwohl Sandra ebenfalls Ingenieurin wie Tom war, verdiente sie deutlich weniger. Sie schaffte es einfach nicht, ihre Leistungen ins rechte Licht zu rücken, und fragte in Mitarbeitergesprächen grundsätzlich nicht nach mehr Gehalt. Und so blieb sie jahrelang bei ihrem Einstiegsgehalt, das kaum über dem lag, was eine Sekretärin verdiente. Tom hatte irgendwann aufgehört, ihr deswegen Ratschläge zu geben oder Vorwürfe zu machen. Das hatte immer nur für schlechte Stimmung gesorgt. Er liebte sie über alles und wollte es ihr, wann immer möglich, so komfortabel wie möglich gestalten. Als dann ihre erste Tochter Marie geboren wurde, hatte sich das Thema ohnehin erst einmal erledigt. Sandra wollte ursprünglich warten mit dem Kinderkriegen, bis sie ein Haus gekauft hatten, hatte sich dann aber umentschieden. Zu groß war ihre Angst, aufgrund fortgeschrittenen Alters keine Kinder mehr bekommen zu können oder Fruchtbarkeitsbehandlungen über sich ergehen lassen zu müssen. Doch auch Tom trat, was sein Gehalt anging, seit Jahren auf der Stelle. Er wurde immer wieder vertröstet:
„Die Abteilung ist ohnehin schon viel zu teuer. Du weißt schon, die ganzen Altverträge der älteren Kollegen aus der guten alten Zeit“, erklärte sein Chef ihm gebetsmühlenartig in jedem Mitarbeitergespräch. Tom empfand es als furchtbar ungerecht, dass die Kollegen, die doppelt so alt waren wie er und dafür nur halb so schnell arbeiteten, teilweise das Doppelte verdienten. Er fühlte sich schlicht betrogen. Doch mit drei Kindern war es nicht so einfach, sich beruflich neu zu erfinden, zumal Sandra ihm nicht gerade offensiv den Rücken dafür freihielt. Im Gegenteil: Er war es, der sie stützte.
An einer Kreuzung bog Tom von seinem Heimweg ab, um seinem Onkel Til einen Besuch abzustatten. Onkel Til wohnte in einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt am Ende einer Sackgasse namens Steinweg. Es war das einzige Altenheim der ganzen Stadt mit Tiefgarage. Aus irgendeinem, für Tom nicht nachvollziehbaren Grund waren die Betreiber unendlich stolz darauf und warben offensiv damit. Der Steinweg war bis auf das Altenheim gesäumt von Einfamilienhäusern – Toms Objekten der Begierde. Seinen Neid herunterschluckend radelte er zügig an den spielenden Kindern vorbei. Eigentlich spielten die Kinder nicht richtig. Die Kinder des satten oberen Mittelstandes dieser Siedlung starrten stattdessen auf ihre Smartphones. Aber weil die Cappuccino-Muttis das so wollten, taten sie es wenigstens »an der frischen Luft«. Tom stellte sein Fahrrad im Fahrradständer vor dem Haupteingang des Altenheims ab. Die automatische Doppel-Schiebetür öffnete sich und Tom schlug ein Schwall Kaffee- und Urin-Geruch entgegen. Er fing routiniert eine »flüchtende« ältere Dame ab, die wild entschlossen zur Tür heraus marschierte.
„Aber ich muss doch zum Unterricht! Meine Schüler warten auf mich!“, protestierte die sichtlich verwirrte Frau.
„Aber Frau Specht, Sie wissen doch, dass Sie heute frei haben. Es sind schließlich Ferien!“, erwiderte Tom. Frau Specht war eine Bewohnerin auf Onkel Tils Station und fast einhundert Jahre alt. Früher war sie offensichtlich Lehrerin gewesen. Immer wieder wurde Tom von ihr gelobt, er sei heute brav gewesen und müsse deswegen keine Hausaufgaben machen. Er ging im Altenheim seines Onkels beinahe täglich ein und aus und hatte dort früher als Zivildienstleistender gearbeitet. Tom bedankte sich herzlich, lieferte Frau Specht an der Rezeption des Altenheims ab und schwor sich wieder einmal, sich beim ersten Anzeichen einer Demenz auf der Stelle zu erschießen.
Er hörte sie den Gang hinunter noch lautstark singen, »Kölsche Mädcher, kölsche Junge, sin dem Herrjott jot jelunge!«.
„Meister aller Klassen!“, begrüßte Onkel Til ihn. Tom erzählte von Frau Specht und seinem Plan, dem Alzheimer mit Suizid zuvorzukommen.
„Aber wie willst du das denn anstellen, Junge? Hast doch nicht mal ’ne Kanone!“, antwortete Onkel Til darauf. „Obschon du natürlich eine Kanone in der Platte leicht kaufen könntest. Du weißt schon, wo.“
Tom umarmte den »alten Sack«, wie Onkel Til sich selbst nannte, und erzählte vom Bankberater.
„Das war dieser Schröder, oder? Ist ’ne ganz miese, linke Socke, der Typ! Kloppt sich sicher heut Abend einen drauf …“, schimpfte Onkel Til wie ein Seemann. Er war tatsächlich eine Art Seemann, das betonte er stets, war er doch früher Schlepper im Rheinhafen der Stadt gefahren. Dass das nur die halbe Wahrheit war, sollte Tom bald erfahren.
„Jetzt schiebe ich statt Kohlenfrachtern meinen beschissenen Rollator durch die Gegend! Is’ doch scheiße!“, pflegte er in regelmäßigen Abständen zu fluchen. War auch scheiße, fand Tom. Aber immerhin war Onkel Til sich treu geblieben und sein Verstand scharf wie die Klingen seiner Messer. Onkel Til hatte ein Faible für schöne, scharfe, ausgefallene Messer. Doch weil sie im Altenheim verboten waren, hatte er sie zu Tom ausgelagert. Sandra hatte das gar nicht gepasst.
„Wir haben zwei kleine Kinder, was zur Hölle sollen wir mit einer Messersammlung!?“, hatte sie geschimpft. Johanna war damals noch nicht geboren gewesen. Onkel Tils Messersammlung füllte den halben Keller – Tom behauptete gegenüber seinem Onkel aber stets, die Messer lägen im Wohnzimmerschrank und zeigte zum Beweis gestellte Fotos auf seinem Handy. Die wertvollsten Messer lagerte er tatsächlich, jedoch eher aus Angst vor Diebstahl, auf dem Wohnzimmerschrank. Er und Sandra lagerten alles Gefährliche dort oben – außer Reichweite der Kinder.
„Messer verarschen dich wenigstens nicht, Tom!“, redete sich Onkel Til in Rage und Tom versuchte, das Gespräch wieder einzufangen.
„Wenn ich nur wüsste, was ich tun kann! Ich meine, die Situation ist katastrophal: Es gibt Interessenten ohne Ende, aber kein Angebot“, erklärte er.
„»Sozialismus braucht den Mangel«, Junge! Ich sollte mir diesen Spruch einrahmen und an die Wand hängen“, fiel Onkel Til ihm ins Wort. „Außerdem seid ihr jungen Leute doch selbst schuld! Wer wird denn heute noch Handwerker? Von »Irgendwas mit Medien« und diesem ganzen neumodischen Firlefanz werden jedenfalls keine Steine zu einem Haus zusammengezaubert!“
„Die brauchbaren Häuser wechseln unter der Hand im Familien- und Bekanntenkreis den Besitzer. Und wenn mal ein Haus auf den Markt kommt, dann werden mindestens 600.000 Euro dafür aufgerufen – und dann ist das eine Ruine. Wir haben aber nicht einmal 50.000 Euro auf der hohen Kante. Die Bank möchte aber mindestens die Nebenkosten in Höhe von 15 bis 20 % als Eigenkapital haben. Wir legen im Jahr rund 10.000 Euro zurück, aber die Preise steigen jedes Jahr um 15 %.“
„Ja, ja, ja, ich hab’ schon verstanden: Deine Armut kotzt dich an!“, unterbrach Onkel Til ihn. „Aber diese ganzen Zahlen, Junge, Junge, da schwirrt mir der Kopf!“
„Das entspricht 90.000 Euro im Jahr beim Kaufpreis oder 13.500 bis 18.000 Euro beim Eigenkapital. Das bedeutet: Wir können nicht gegen diese Preissteigerungen ansparen und ja: Es kotzt mich an! Mit Renovierung müssten wir einen Kredit über 800.000 Euro aufnehmen. Bei anfänglicher Tilgung von 2 % …“
„Das klingt nach einem Gendefekt, Junge. Solltest du mal untersuchen lassen!“, empfahl Onkel Til und grinste dabei. Tom sah ihn furchtbar ernst an. Onkel Til kratzte sich am Kopf.
„Bist du jetzt endlich fertig mit deinem Zahlensalat? Was willst du mir sagen?!“
„Ich arbeite mir den Arsch wund, aber ich kann mir nicht mal ’nen Porsche leisten! Die älteren Kollegen arbeiten halb so viel, bekommen dafür doppelt so viel. Wo bleibt da die Generationengerechtigkeit? Außerdem wohnen sie alle in abbezahlten Häusern und ich zur Miete in der Platte!“
„Verstehe. Es war noch nie leicht, an anderer Leute Geld zu kommen! Sieh mal: Es ist doch gar nicht politisch gewollt, dass Leute wie du und ich ein Eigenheim haben. Wegen der Flächenversiegelung und so! Du gehörst zu den Leuten, die man wohl »Durchmischer« oder so was in der Art nennt“, redete Onkel Til in Toms Augen wirres Zeug.
„»Durchmischer«? Barkeeper, oder was?!“, witzelte Tom, weil er nur Bahnhof verstand.
„Überleg mal: Wenn in der Platte nur noch der Bodensatz wohnt, dann fällt der Kotten doch bis Ende des Jahres auseinander. Es braucht in Vierteln wie diesen auch Leute mit stärkerem Einkommen, aus bürgerlicheren Schichten, die den Laden sprichwörtlich am Laufen halten“, erklärte Onkel Til. Tom guckte ihn furchtbar ernst an. „Da wohnt nur der Bodensatz! Die Bude fällt auseinander! Wie auch immer. Das ist mir zu sehr Verschwörungstheorie! Wo ist mein Aluhut?!“, winkte Tom ab.
„Denk mal an diesen Film! Wie hieß der noch? »Icepiercer«?!“, fragte Onkel Til.
„»Snowpiercer«“, korrigierte Tom ihn.
„Richtig! »Snowpiercer«! Da brauchen sie doch immer diese kleinen Jungs, um in der großen Maschine irgendetwas am Laufen zu halten. Genauso ist es bei uns auch: Die Armen werden gebraucht! Es ist nicht gewollt, dass sie wohlhabend werden. Sie sollen Vermietern Rendite verschaffen. Sie sollen die Drecksarbeit erledigen. Und sie sollen Wählerstimmen bringen, wenn sie vom Staat abhängig sind.“
„Mag alles sein. Aber das bringt mich nicht weiter. Ich brauche mehr Geld!“, wandte Tom ein.
„Du könntest Zeitungen austragen, nebenbei, mit den Kindern zusammen“, schlug Onkel Til vor und grinste schelmisch.
„Zeitungen austragen ist doch völliger Mist. Da kann ich mich auch vorne an die Ampel stellen und zur Unterhaltung der Autofahrer mit leeren Bierdosen jonglieren, da kommt mehr bei rum“, antwortete Tom sarkastisch und zeigte seinem Onkel den Vogel.
„Als ob du jonglieren könntest!“, widersprach Onkel Til.
„Kann auch nicht schwieriger sein, als mit einem Dietrich ein Schloss zu knacken“, antwortete Tom und zuckte mit den Schultern.
„Was ist mit Sandras Eltern? Können die euch nicht aushelfen? Ich dachte, die haben Geld wie Heu?“
„Das will Sandra nicht. Sie haben immer gesagt, sie soll nicht mich heiraten, sondern einen reichen Schnösel. Und sie haben Sandra schon immer finanziell am langen Arm verhungern lassen. Sie solle auf eigenen Beinen stehen! Auf denen eines reichen Ehemanns. Was für ein Schwachsinn! Außerdem tanzen die immer noch in Timbuktu um den Heiligen Bimbam, oder weiß der Teufel, was die machen“, seufzte Tom.
„Die sind immer noch auf Weltreise? Seit wie lange jetzt? Fünf Jahre?“
„Ich glaube, es sind bald sogar sechs. Sie haben die Mädchen noch nie gesehen und bei unserer Hochzeit waren sie auch nicht“, erklärte Tom.
„Du hast wirklich die merkwürdigsten Schwiegermonster der Welt. Sollten die dir nicht das Leben ordentlich aktiv zur Hölle machen?!“
Es herrschte eine Weile Stille.
„Angebot und Nachfrage!“, sagte Onkel Til schließlich. „Man müsste entweder das Angebot erhöhen oder die Nachfrage verringern …“, Onkel Til kratzte sich erneut am Kopf.
„Was meinst du? Soll ich etwa jeden Interessenten für unser Haus abmurksen!?“, fragte Tom mehr im Scherz. »Unser Haus«, das war das Luftschloss, mit dem Tom und Sandra sich gegenseitig bei Laune hielten. Das Ganze hatte bereits solche epischen Ausmaße angenommen, dass die beiden öfters vergaßen, dass sie gar kein konkretes Haus im Auge, geschweige denn eines gekauft hatten.
„Schwierig! Du müsstest sie genau abpassen, das Zeitfenster bei Hausbesichtigungen ist kurz, es gibt haufenweise Zeugen und so weiter. Keine gute Gelegenheit für einen Mord“, stellte Onkel Til fest und bekam einen seiner Hustenanfälle.
„Was verstehst du schon vom perfekten Mord!?“, machte Tom sich über Onkel Til lustig, nachdem der aufgehört hatte, zu husten. Onkel Til war Toms Ersatzvater, seit Toms echter Vater, Onkel Tils jüngerer Bruder, sich mit seiner Mutter zerstritten und kurz darauf selbst umgebracht hatte. Tom war gerade mal zehn Jahre alt gewesen. Dementsprechend war Tom Onkel Til sehr dankbar und besuchte ihn täglich im Altenheim. Tom hatte Gerüchte über seinen Onkel gehört: Angeblich war er nicht der biedere Schlepper-Skipper im Hafen gewesen, sondern eine Rotlichtgröße. Doch Tom hatte davon nie etwas mitbekommen und glaubte den Gerüchten deshalb nicht.
„Nerven liegen blank, wa? Sandra dreht sicher durch!? Nimmste auch einen!? Du darfst auch »Nein« sagen“, fragte Onkel Til grinsend und füllte Tom Schnaps in ein Glas, noch bevor dieser geantwortet hatte.
„Hast du nicht immer gesagt, Sorgen könnten schwimmen?“, fragte Tom etwas überrascht.
…
Aus Wikipedia – Die freie Enzyklopädie: „Unter dem Begriff Ghosting (engl. „Geisterbild“, „Vergeisterung“) versteht man in einer zwischenmenschlichen Beziehung (Partnerschaft oder Freundschaft) einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Obwohl vorher etwa Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich jegliche Kontaktversuche ins Leere.
Geghostete werden in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert und entwickeln Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung.
Ghosting-Betroffene können ein Gefühl grundsätzlicher Verunsicherung erfahren oder unter ungünstigen Umständen in eine tiefe Krise geraten. Auch können sie die Angst des plötzlichen und scheinbar grundlosen Verlassenwerdens in nachfolgende Beziehungen mitnehmen. Traumata und Verlustängste können ebenfalls auftreten. In besonders harten Fällen kann es zu einem schwerwiegenden psychischen Schaden bis hin zu Suizidgedanken kommen. Das liegt daran, dass viele sich auch nach dem Abbruch einer kurzen Beziehung sehr verletzt fühlen. Wer auf diese Art und Weise verlassen wird, fühlt sich häufig entwertet, auch weil man dem anderen ja nicht mal mehr ein paar Worte wert war.“
1. Die Offenbarung
Tom holte tief Luft. „Stell dir vor, wir kommen nach Hause. In unser schönes, neues Haus. Die Kinder sind bei deiner Schwester. Der Eingangsbereich ist großzügig. Ich helfe dir aus dem Mantel. Im Kühlschrank wartet eine Flasche Sekt. Frische Weintrauben stehen auf der großen Kücheninsel, die frei im Raum steht. Alles ist hell, die Fenster sind riesig, der Fußboden angenehmes Eichenparkett, die Möbel in Weiß gehalten. Die Sonne steht tief und scheint bis weit in die Räume. Es wirkt ein wenig wie in einem Strandhaus. Ich setze mich auf einen der Barhocker. Du kommst zu mir, legst deinen Arm um meine Hüfte und steckst mir eine Weintraube in den Mund“, teilte Tom einen Tagtraum mit seiner Frau. Sandra atmete tief ein und hielt die Luft an. Sie lagen in ihrem Ehebett und die drei Kinder schliefen. Es war Sonntagabend, etwa 21 Uhr. „Es riecht süßlich im Haus. Es riecht nach dir und nach Zuhause. Eine schöne Eichentreppe führt in der Mitte des Hauses ins Obergeschoss. Ich greife deine Hand und ziehe dich langsam hinter mir her, die Treppe hinauf. Oben angekommen, gehen wir ins Bad. Das Bad ist riesig. Das schönste der ganzen Stadt! Mindestens! Überall stehen Kerzen, das Licht ist gedimmt, zartes Rosa strahlt gegen die weißen Wände. Ich knöpfe dir die Hose auf …“, Tom unterbrach seine Ausführungen abrupt, weil das schöne Luftschloss vom plärrenden Babyphon eingerissen wurde. Johanna machte Tieffliegeralarm. Das Baby verlangte nach seiner Mama.
„Hach, Kinder sind einfach das effektivste Verhütungsmittel …“, seufzte Sandra und quälte sich aus dem Bett.
„Das ist alles mit dem Kindergeld abgegolten, Schatz!“
„Du und deine blöden Sprüche“, seufzte Sandra und verließ das Schlafzimmer auf leisen Sohlen. Tom blieb allein zurück. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass Sandra regelrecht erleichtert darüber war. Sie hatten schon gefühlt ewig nicht miteinander geschlafen. Tom kroch auf dem Zahnfleisch, doch Sandra schien es nicht zu vermissen. Er steigerte sich ein wenig in diesen Verdacht hinein und wurde immer unruhiger. Er wartete ewig, doch aus dem Babyphon kam noch stundenlang Gemurmel des Säuglings.
„Seid fruchtbar und mehret euch, haben sie gesagt, diese Sadisten …“, flüsterte er leise zu sich selbst. Irgendwann schlief er einfach darüber ein.
Am nächsten Tag, es war ein Montag, hatte Tom am Nachmittag einen Banktermin. Es ging darum, einen Kredit zu ergattern, um damit ein Haus zu kaufen. Der Bankberater war ein Mittfünfziger mit ordentlichem Plus an Figur. Er stank nach billigem Aftershave und Nikotin sowie Alkohol-Ausdünstung. Er hatte praktisch keine Haare mehr auf dem Kopf und schwitzte elendiglich. Nachdem Tom die Finanzen der Familie und interessante Objekte vorgestellt hatte, begann der Bankberater krampfhaft damit, Tom zu überreden, doch etwas Günstigeres zu kaufen – eine Ruine sozusagen.
„Die können Sie dann ja renovieren, während Sie schon drinnen wohnen“, schlug er vor.
„Sanieren“, korrigierte Tom. „Solche Häuser muss man sanieren. Nein, danke. Das kommt für uns nicht in Frage. Wir haben drei kleine Kinder. Jahrelang in einer Ruine wohnen, das geht nicht“, fuhr er fort. In einer Ruine wohnten sie außerdem schon und sein handwerkliches Geschick konnte mit den Ansprüchen seiner Frau ohnehin nicht mithalten. Mit drei kleinen Kindern war außerhalb der Elternzeit, in der er zurzeit war, sowieso keinerlei Raum für derartige Sperenzchen. Das ging eine ganze Weile so hin und her, bis Tom schließlich aufstand, sich bedankte und verabschiedete. Er hatte genug gehört. Was für eine Demütigung! Der Bankberater hatte sich sichtlich zusammenreißen müssen, ihn nicht lauthals auszulachen. Tom hatte einen finanziellen Striptease hingelegt und statt tosenden Applauses nur Schulterzucken geerntet. Dabei wollte er doch lediglich einen Kredit für ein Haus in einer Vorstadt seiner rheinischen Heimatmetropole. Nichts Spektakuläres, ohne Türmchen oder Pool – einfach bloß die eigenen spießigen vier Wände, von denen alle jungen Familien träumten. Wie sollte er das Sandra erklären? Sie hatte schon Pläne geschmiedet: Kräutergarten, Hobbyraum, das ganze Programm. Und er redete ihr auch seit Monaten, ja sogar seit Jahren, den Mund wässrig. Stattdessen war jetzt weiter Platte angesagt. Denn Tom bewohnte mit seiner Frau Sandra und den Töchtern Marie, Elena und Johanna eine Vier-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung im zehnten Stock eines »Sozialbaus« der 1960er Jahre. Ein Traum in Waschbeton – mit nächtlichem Lärm, Müllbergen, Drogenabhängigen, wöchentlichen Polizeieinsätzen und allem, was dazugehörte. Dafür gab es keinerlei Verschattung an den Fenstern der oberen Stockwerke. Toms Wohnung befand sich direkt unter dem Flachdach, das mit Dachpappe gedeckt war. Dementsprechend stieg die Temperatur im Sommer oft bis auf über 30° C. Im Winter war es dafür eiskalt, wenn nicht permanent die Heizungen auf höchster Stufe bollerten. Auf jedem Balkon gab es eine Satellitenschüssel, auf vielen hing die Fahne der Herkunftsländer der Bewohner. Fast überall stapelten sich Sperrmüll und anderer Unrat auf den Balkonen. Dazwischen saß oft jemand und rauchte. Es war die in Beton gegossene Trostlosigkeit. Seit Jahren legten Tom und Sandra deshalb jeden Cent, der übrig blieb, auf die hohe Kante, um das nötige Eigenkapital zusammenzukratzen und damit ein Eigenheim »Im Grünen« zu kaufen. »Im Grünen« hieß in ihrer Preisklasse jedoch eher »An der Bahnlinie und Kläranlage« – doch all das wäre besser gewesen als die Platte. Die Suche dauerte jetzt schon fast fünf Jahre. Sobald sie schwanger gewesen war, hatte bei Sandra der ultimative Nestbautrieb eingesetzt.
Tom fuhr mit dem Fahrrad von der Bank nach Hause und dachte darüber nach, wie er Sandra die Enttäuschung beibringen sollte. Tom und Sandra waren beide Anfang dreißig und hatten vor sieben Jahren geheiratet. Um Geld für ein Eigenheim zu sparen, hatten sie die Hochzeit nur im ganz kleinen Kreis und ohne Prunk gefeiert. Und sie hatten sehr spartanisch gewohnt und gelebt. Obwohl Sandra ebenfalls Ingenieurin wie Tom war, verdiente sie deutlich weniger. Sie schaffte es einfach nicht, ihre Leistungen ins rechte Licht zu rücken, und fragte in Mitarbeitergesprächen grundsätzlich nicht nach mehr Gehalt. Und so blieb sie jahrelang bei ihrem Einstiegsgehalt, das kaum über dem lag, was eine Sekretärin verdiente. Tom hatte irgendwann aufgehört, ihr deswegen Ratschläge zu geben oder Vorwürfe zu machen. Das hatte immer nur für schlechte Stimmung gesorgt. Er liebte sie über alles und wollte es ihr, wann immer möglich, so komfortabel wie möglich gestalten. Als dann ihre erste Tochter Marie geboren wurde, hatte sich das Thema ohnehin erst einmal erledigt. Sandra wollte ursprünglich warten mit dem Kinderkriegen, bis sie ein Haus gekauft hatten, hatte sich dann aber umentschieden. Zu groß war ihre Angst, aufgrund fortgeschrittenen Alters keine Kinder mehr bekommen zu können oder Fruchtbarkeitsbehandlungen über sich ergehen lassen zu müssen. Doch auch Tom trat, was sein Gehalt anging, seit Jahren auf der Stelle. Er wurde immer wieder vertröstet:
„Die Abteilung ist ohnehin schon viel zu teuer. Du weißt schon, die ganzen Altverträge der älteren Kollegen aus der guten alten Zeit“, erklärte sein Chef ihm gebetsmühlenartig in jedem Mitarbeitergespräch. Tom empfand es als furchtbar ungerecht, dass die Kollegen, die doppelt so alt waren wie er und dafür nur halb so schnell arbeiteten, teilweise das Doppelte verdienten. Er fühlte sich schlicht betrogen. Doch mit drei Kindern war es nicht so einfach, sich beruflich neu zu erfinden, zumal Sandra ihm nicht gerade offensiv den Rücken dafür freihielt. Im Gegenteil: Er war es, der sie stützte.
An einer Kreuzung bog Tom von seinem Heimweg ab, um seinem Onkel Til einen Besuch abzustatten. Onkel Til wohnte in einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt am Ende einer Sackgasse namens Steinweg. Es war das einzige Altenheim der ganzen Stadt mit Tiefgarage. Aus irgendeinem, für Tom nicht nachvollziehbaren Grund waren die Betreiber unendlich stolz darauf und warben offensiv damit. Der Steinweg war bis auf das Altenheim gesäumt von Einfamilienhäusern – Toms Objekten der Begierde. Seinen Neid herunterschluckend radelte er zügig an den spielenden Kindern vorbei. Eigentlich spielten die Kinder nicht richtig. Die Kinder des satten oberen Mittelstandes dieser Siedlung starrten stattdessen auf ihre Smartphones. Aber weil die Cappuccino-Muttis das so wollten, taten sie es wenigstens »an der frischen Luft«. Tom stellte sein Fahrrad im Fahrradständer vor dem Haupteingang des Altenheims ab. Die automatische Doppel-Schiebetür öffnete sich und Tom schlug ein Schwall Kaffee- und Urin-Geruch entgegen. Er fing routiniert eine »flüchtende« ältere Dame ab, die wild entschlossen zur Tür heraus marschierte.
„Aber ich muss doch zum Unterricht! Meine Schüler warten auf mich!“, protestierte die sichtlich verwirrte Frau.
„Aber Frau Specht, Sie wissen doch, dass Sie heute frei haben. Es sind schließlich Ferien!“, erwiderte Tom. Frau Specht war eine Bewohnerin auf Onkel Tils Station und fast einhundert Jahre alt. Früher war sie offensichtlich Lehrerin gewesen. Immer wieder wurde Tom von ihr gelobt, er sei heute brav gewesen und müsse deswegen keine Hausaufgaben machen. Er ging im Altenheim seines Onkels beinahe täglich ein und aus und hatte dort früher als Zivildienstleistender gearbeitet. Tom bedankte sich herzlich, lieferte Frau Specht an der Rezeption des Altenheims ab und schwor sich wieder einmal, sich beim ersten Anzeichen einer Demenz auf der Stelle zu erschießen.
Er hörte sie den Gang hinunter noch lautstark singen, »Kölsche Mädcher, kölsche Junge, sin dem Herrjott jot jelunge!«.
„Meister aller Klassen!“, begrüßte Onkel Til ihn. Tom erzählte von Frau Specht und seinem Plan, dem Alzheimer mit Suizid zuvorzukommen.
„Aber wie willst du das denn anstellen, Junge? Hast doch nicht mal ’ne Kanone!“, antwortete Onkel Til darauf. „Obschon du natürlich eine Kanone in der Platte leicht kaufen könntest. Du weißt schon, wo.“
Tom umarmte den »alten Sack«, wie Onkel Til sich selbst nannte, und erzählte vom Bankberater.
„Das war dieser Schröder, oder? Ist ’ne ganz miese, linke Socke, der Typ! Kloppt sich sicher heut Abend einen drauf …“, schimpfte Onkel Til wie ein Seemann. Er war tatsächlich eine Art Seemann, das betonte er stets, war er doch früher Schlepper im Rheinhafen der Stadt gefahren. Dass das nur die halbe Wahrheit war, sollte Tom bald erfahren.
„Jetzt schiebe ich statt Kohlenfrachtern meinen beschissenen Rollator durch die Gegend! Is’ doch scheiße!“, pflegte er in regelmäßigen Abständen zu fluchen. War auch scheiße, fand Tom. Aber immerhin war Onkel Til sich treu geblieben und sein Verstand scharf wie die Klingen seiner Messer. Onkel Til hatte ein Faible für schöne, scharfe, ausgefallene Messer. Doch weil sie im Altenheim verboten waren, hatte er sie zu Tom ausgelagert. Sandra hatte das gar nicht gepasst.
„Wir haben zwei kleine Kinder, was zur Hölle sollen wir mit einer Messersammlung!?“, hatte sie geschimpft. Johanna war damals noch nicht geboren gewesen. Onkel Tils Messersammlung füllte den halben Keller – Tom behauptete gegenüber seinem Onkel aber stets, die Messer lägen im Wohnzimmerschrank und zeigte zum Beweis gestellte Fotos auf seinem Handy. Die wertvollsten Messer lagerte er tatsächlich, jedoch eher aus Angst vor Diebstahl, auf dem Wohnzimmerschrank. Er und Sandra lagerten alles Gefährliche dort oben – außer Reichweite der Kinder.
„Messer verarschen dich wenigstens nicht, Tom!“, redete sich Onkel Til in Rage und Tom versuchte, das Gespräch wieder einzufangen.
„Wenn ich nur wüsste, was ich tun kann! Ich meine, die Situation ist katastrophal: Es gibt Interessenten ohne Ende, aber kein Angebot“, erklärte er.
„»Sozialismus braucht den Mangel«, Junge! Ich sollte mir diesen Spruch einrahmen und an die Wand hängen“, fiel Onkel Til ihm ins Wort. „Außerdem seid ihr jungen Leute doch selbst schuld! Wer wird denn heute noch Handwerker? Von »Irgendwas mit Medien« und diesem ganzen neumodischen Firlefanz werden jedenfalls keine Steine zu einem Haus zusammengezaubert!“
„Die brauchbaren Häuser wechseln unter der Hand im Familien- und Bekanntenkreis den Besitzer. Und wenn mal ein Haus auf den Markt kommt, dann werden mindestens 600.000 Euro dafür aufgerufen – und dann ist das eine Ruine. Wir haben aber nicht einmal 50.000 Euro auf der hohen Kante. Die Bank möchte aber mindestens die Nebenkosten in Höhe von 15 bis 20 % als Eigenkapital haben. Wir legen im Jahr rund 10.000 Euro zurück, aber die Preise steigen jedes Jahr um 15 %.“
„Ja, ja, ja, ich hab’ schon verstanden: Deine Armut kotzt dich an!“, unterbrach Onkel Til ihn. „Aber diese ganzen Zahlen, Junge, Junge, da schwirrt mir der Kopf!“
„Das entspricht 90.000 Euro im Jahr beim Kaufpreis oder 13.500 bis 18.000 Euro beim Eigenkapital. Das bedeutet: Wir können nicht gegen diese Preissteigerungen ansparen und ja: Es kotzt mich an! Mit Renovierung müssten wir einen Kredit über 800.000 Euro aufnehmen. Bei anfänglicher Tilgung von 2 % …“
„Das klingt nach einem Gendefekt, Junge. Solltest du mal untersuchen lassen!“, empfahl Onkel Til und grinste dabei. Tom sah ihn furchtbar ernst an. Onkel Til kratzte sich am Kopf.
„Bist du jetzt endlich fertig mit deinem Zahlensalat? Was willst du mir sagen?!“
„Ich arbeite mir den Arsch wund, aber ich kann mir nicht mal ’nen Porsche leisten! Die älteren Kollegen arbeiten halb so viel, bekommen dafür doppelt so viel. Wo bleibt da die Generationengerechtigkeit? Außerdem wohnen sie alle in abbezahlten Häusern und ich zur Miete in der Platte!“
„Verstehe. Es war noch nie leicht, an anderer Leute Geld zu kommen! Sieh mal: Es ist doch gar nicht politisch gewollt, dass Leute wie du und ich ein Eigenheim haben. Wegen der Flächenversiegelung und so! Du gehörst zu den Leuten, die man wohl »Durchmischer« oder so was in der Art nennt“, redete Onkel Til in Toms Augen wirres Zeug.
„»Durchmischer«? Barkeeper, oder was?!“, witzelte Tom, weil er nur Bahnhof verstand.
„Überleg mal: Wenn in der Platte nur noch der Bodensatz wohnt, dann fällt der Kotten doch bis Ende des Jahres auseinander. Es braucht in Vierteln wie diesen auch Leute mit stärkerem Einkommen, aus bürgerlicheren Schichten, die den Laden sprichwörtlich am Laufen halten“, erklärte Onkel Til. Tom guckte ihn furchtbar ernst an. „Da wohnt nur der Bodensatz! Die Bude fällt auseinander! Wie auch immer. Das ist mir zu sehr Verschwörungstheorie! Wo ist mein Aluhut?!“, winkte Tom ab.
„Denk mal an diesen Film! Wie hieß der noch? »Icepiercer«?!“, fragte Onkel Til.
„»Snowpiercer«“, korrigierte Tom ihn.
„Richtig! »Snowpiercer«! Da brauchen sie doch immer diese kleinen Jungs, um in der großen Maschine irgendetwas am Laufen zu halten. Genauso ist es bei uns auch: Die Armen werden gebraucht! Es ist nicht gewollt, dass sie wohlhabend werden. Sie sollen Vermietern Rendite verschaffen. Sie sollen die Drecksarbeit erledigen. Und sie sollen Wählerstimmen bringen, wenn sie vom Staat abhängig sind.“
„Mag alles sein. Aber das bringt mich nicht weiter. Ich brauche mehr Geld!“, wandte Tom ein.
„Du könntest Zeitungen austragen, nebenbei, mit den Kindern zusammen“, schlug Onkel Til vor und grinste schelmisch.
„Zeitungen austragen ist doch völliger Mist. Da kann ich mich auch vorne an die Ampel stellen und zur Unterhaltung der Autofahrer mit leeren Bierdosen jonglieren, da kommt mehr bei rum“, antwortete Tom sarkastisch und zeigte seinem Onkel den Vogel.
„Als ob du jonglieren könntest!“, widersprach Onkel Til.
„Kann auch nicht schwieriger sein, als mit einem Dietrich ein Schloss zu knacken“, antwortete Tom und zuckte mit den Schultern.
„Was ist mit Sandras Eltern? Können die euch nicht aushelfen? Ich dachte, die haben Geld wie Heu?“
„Das will Sandra nicht. Sie haben immer gesagt, sie soll nicht mich heiraten, sondern einen reichen Schnösel. Und sie haben Sandra schon immer finanziell am langen Arm verhungern lassen. Sie solle auf eigenen Beinen stehen! Auf denen eines reichen Ehemanns. Was für ein Schwachsinn! Außerdem tanzen die immer noch in Timbuktu um den Heiligen Bimbam, oder weiß der Teufel, was die machen“, seufzte Tom.
„Die sind immer noch auf Weltreise? Seit wie lange jetzt? Fünf Jahre?“
„Ich glaube, es sind bald sogar sechs. Sie haben die Mädchen noch nie gesehen und bei unserer Hochzeit waren sie auch nicht“, erklärte Tom.
„Du hast wirklich die merkwürdigsten Schwiegermonster der Welt. Sollten die dir nicht das Leben ordentlich aktiv zur Hölle machen?!“
Es herrschte eine Weile Stille.
„Angebot und Nachfrage!“, sagte Onkel Til schließlich. „Man müsste entweder das Angebot erhöhen oder die Nachfrage verringern …“, Onkel Til kratzte sich erneut am Kopf.
„Was meinst du? Soll ich etwa jeden Interessenten für unser Haus abmurksen!?“, fragte Tom mehr im Scherz. »Unser Haus«, das war das Luftschloss, mit dem Tom und Sandra sich gegenseitig bei Laune hielten. Das Ganze hatte bereits solche epischen Ausmaße angenommen, dass die beiden öfters vergaßen, dass sie gar kein konkretes Haus im Auge, geschweige denn eines gekauft hatten.
„Schwierig! Du müsstest sie genau abpassen, das Zeitfenster bei Hausbesichtigungen ist kurz, es gibt haufenweise Zeugen und so weiter. Keine gute Gelegenheit für einen Mord“, stellte Onkel Til fest und bekam einen seiner Hustenanfälle.
„Was verstehst du schon vom perfekten Mord!?“, machte Tom sich über Onkel Til lustig, nachdem der aufgehört hatte, zu husten. Onkel Til war Toms Ersatzvater, seit Toms echter Vater, Onkel Tils jüngerer Bruder, sich mit seiner Mutter zerstritten und kurz darauf selbst umgebracht hatte. Tom war gerade mal zehn Jahre alt gewesen. Dementsprechend war Tom Onkel Til sehr dankbar und besuchte ihn täglich im Altenheim. Tom hatte Gerüchte über seinen Onkel gehört: Angeblich war er nicht der biedere Schlepper-Skipper im Hafen gewesen, sondern eine Rotlichtgröße. Doch Tom hatte davon nie etwas mitbekommen und glaubte den Gerüchten deshalb nicht.
„Nerven liegen blank, wa? Sandra dreht sicher durch!? Nimmste auch einen!? Du darfst auch »Nein« sagen“, fragte Onkel Til grinsend und füllte Tom Schnaps in ein Glas, noch bevor dieser geantwortet hatte.
„Hast du nicht immer gesagt, Sorgen könnten schwimmen?“, fragte Tom etwas überrascht.
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