Wie sprachliche Fehler zu Gewohnheiten werden

Sprachliche-Fehler-bunte-buchstaben

Sprache verändert sich – das ist normal. Problematisch wird es allerdings, wenn sich schlichte Fehlverwendungen einschleichen und verbreiten. Häufig geschieht das durch Nachahmung: Wir hören eine Formulierung oft genug, und irgendwann fühlt sie sich „richtig“ an, obwohl sie grammatikalisch falsch ist oder den Sinn entstellt.

Im digitalen Zeitalter findet diese Vervielfachung vor allem in sozialen Netzwerken, Storys, Reels und Kommentaren statt. Fehler, die früher sofort auffielen, rutschen heute durch und werden zur Gewohnheit. Falsche Grammatik verbreitet sich viral, weil viele Nutzer Gehörtes unkritisch übernehmen. Wir räumen mit den häufigsten Fehlern auf!

Der Imperativ – und warum „gebe“ kein Befehl ist

Ein um sich greifendes Problem ist die falsche Bildung des Imperativs, also der Befehlsform:

„Gebe!“ „Helfe!“ „Nehme!“

Diese Formen sind grammatikalisch falsch. Sie entsprechen dem Indikativ Präsens, nicht dem Imperativ.

Richtig wäre:

  • „Gib!“ statt „Gebe!“
  • „Hilf!“ statt „Helfe!“
  • „Nimm!“ statt „Nehme!“
  • „Lies!“ statt „Lese!“
  • „Iss!“, „Sieh!“ und „Sprich!“ statt „Esse!“, „Sehe!“ und „Spreche!“

Wer solche Formen ständig hört, übernimmt sie leicht unbewusst. So verlieren selbst einfache Befehle ihre Klarheit und Sprache wirkt zunehmend beliebig.

 

Das Plusquamperfekt – wenn aus Vergangenheit eine doppelte Vergangenheit wird

Eine weitere sprachliche Eigenheit ist der völlig falsche und unbegründete Gebrauch des Plusquamperfekts. Da heißt es etwa:

„Gestern hatte ich einen schönen Abend gehabt.“

Das Plusquamperfekt beschreibt eine Handlung, die vor einer anderen vergangenen Handlung stattgefunden hat. Fehlt diese zweite Handlung, ist die Vorvergangenheit in der Regel unnötig.

Richtig heißt es:

„Gestern hatte ich einen schönen Abend.“

Sinnvoll ist das Plusquamperfekt dagegen bei zwei aufeinander bezogenen Ereignissen:

„Ich hatte bereits gegessen, als meine Freunde ankamen.“

Zuerst hatte ich gegessen, danach kamen meine Freunde. Das Plusquamperfekt schafft hier eine zeitliche Ordnung.

Gerade in erzählenden und literarischen Texten ist diese Unterscheidung wichtig. Beim Überarbeiten hilft deshalb die einfache Frage: Was ist hier vor was passiert? Wenn es keine zwei vergangenen Ereignisse gibt, deren Reihenfolge geklärt werden muss, ist das Plusquamperfekt wahrscheinlich überflüssig.

 

Das nervigste Füllwort unserer Zeit

Das Wort „genau“ sollte eigentlich Präzision oder Zustimmung ausdrücken – in der Alltagssprache wird es neuerdings jedoch häufig für Denkpausen oder als Platzhalter benutzt, obwohl es naturgemäß alles andere als ein Füllwort ist. Man beginnt einen Satz mit Nachdruck und beendet ihn plötzlich mit „genau“, wenn einem nichts mehr einfällt. Das wirkt unsicher und verwässert die Aussage.

Ein weiser Mann sagte einmal: „Wenn der Intonationszug entgleist, muss man wohl hinten einen Waggon dranhängen.“ Genau das passiert, wenn „genau“ falsch verwendet wird: Es wird zum künstlichen Waggon, der Sätze unnötig verlängert und Zuhörer irritiert. Oder vielmehr: irritieren sollte.

Soziale Medien verstärken die Verwendung solcher falschen Füllwörter. Wer reflexartig „genau“ sagt, trainiert unbewusst andere dazu, es ebenfalls zu tun. Die Sprache wird dadurch nicht präziser, sondern unschärfer. Auch beim Schreiben authentischer Dialoge sollte daher kritisch hinterfragt werden, ob „genau“ die richtige Wahl ist.

Wer bewusst darauf verzichtet, gewinnt automatisch mehr sprachliche Eleganz und Ausdrucksstärke. Denkpausen lassen sich stilvoll mit kurzen ruhigen Momenten füllen, oder man nutzt neutrale Brücken wie „also“ oder „wie gesagt“, die den Satzfluss unterstützen, ohne die Zuhörer zu irritieren.

Kurz gesagt: „genau“ als Füllwort zu missbrauchen ist nicht nur überflüssig – es ist ein Ausdruck sprachlicher Bequemlichkeit, der das eigentliche Ziel der Kommunikation, klare und verständliche Botschaften zu vermitteln, untergräbt.

„Sinn machen“ und andere sprachliche Mitbringsel

Auch die englische Sprache hinterlässt Spuren. „Das macht Sinn“ ist inzwischen so verbreitet, dass viele gar nicht mehr darüber nachdenken. Die Wendung folgt dem englischen „to make sense“; traditionell heißt es im Deutschen jedoch „Sinn ergeben“.

Ähnlich verhält es sich mit „Ich bin fein damit“, das sich am englischen „I’m fine with that“ orientiert. Auch Formulierungen wie „Ich hoffe, meine Nachricht findet Sie wohlauf“ wirken wie direkte sprachliche Übernahmen.

Nicht jeder dieser Ausdrücke ist zwangsläufig falsch. Manche sind längst Bestandteil der deutschen Sprache, andere wirken noch fremd und verschwinden vielleicht wieder. Entscheidend ist die sprachliche Aufmerksamkeit.

Wer einen Text schreibt, sollte sich fragen, ob eine Formulierung tatsächlich die beste ist – oder nur deshalb selbstverständlich klingt, weil sie einem ständig begegnet.

 

Die Rolle sozialer Medien – Verstärkung durch Reichweite und Nachahmung

Die digitale Kommunikation wirkt wie ein Verstärker für sprachliche Ungenauigkeit:

  • Reichweite: Ein Fehler erreicht heute schnell Hunderttausende.
  • Algorithmus: Wiederholte sprachliche Muster werden verstärkt.
  • Vorbildwirkung: User orientieren sich an Influencern, die selbst nicht immer korrekt sprechen.
  • Schnelligkeit: Spontane Kommunikation lässt wenig Raum für Reflexion.

So können Präzision, Klarheit und Ausdruckskraft durch unreflektierte Nachahmung verloren gehen.

Fazit: Warum wir bewusst sprechen und schreiben sollten

Sprache lebt – und sie darf sich verändern. Zugleich ist sie unser wichtigstes Werkzeug, um Gedanken präzise auszudrücken. Gerade deshalb sollten wir beim Schreiben genauer hinsehen.

Ein falscher Imperativ mag wie eine Kleinigkeit wirken. Ein unnötiges Plusquamperfekt kann den zeitlichen Ablauf einer Erzählung verwischen. Ein inflationäres „genau“ verliert seine eigentliche Bedeutung. Englische Wendungen, Füllwörter und verkürzte Formulierungen können zudem unbemerkt aus der gesprochenen Alltagssprache und der Social-Media-Kommunikation in sorgfältig geschriebene Texte gelangen.

Die Antwort darauf kann nicht sein, jede Veränderung der Sprache zu verteufeln. Wir müssen nicht so schreiben wie vor hundert Jahren. Aber wir sollten wissen, warum wir eine bestimmte Formulierung wählen.

Wer schreibt, kann innehalten: einen Satz noch einmal lesen, ein überflüssiges „genau“ streichen, einen falschen Imperativ korrigieren, den Gebrauch des Plusquamperfekts prüfen oder einen Anglizismus bewusst stehen lassen.

Denn darin liegt der Unterschied zwischen Nachlässigkeit und Sprachwandel: Wer Sprache bewusst verwendet, darf mit ihr spielen und sie verändern. Wer sie nur gedankenlos übernimmt, gibt ein Stück ihrer Präzision aus der Hand.

Geschriebene Sprache verdient diese Aufmerksamkeit – nicht weil sie statisch bleiben soll, sondern weil sie Gedanken ordnen, Nuancen sichtbar machen und genau den Ton treffen kann, den ein Text braucht.

Vielleicht sollten wir beim Schreiben deshalb nicht nur fragen: „Kann man das so sagen?“, sondern auch: „Ist das wirklich die beste Art, es zu sagen?“


In diesem Sinne: Lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf!

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