Komposita – ein sprachlicher Baukasten

Buchstaben German

Das Deutsche bedient sich zusammengesetzter Wörter wie kaum eine andere Sprache. Es ist ein mächtiges Mittel, um Inhalte zu präzisieren, zu differenzieren und sogar ganz neue Wortschöpfungen vorzunehmen. Doch wie immer gibt es Regeln einzuhalten.

Wir alle verwenden sie in allerhöchstem Ausmaß, und das jeden Tag: Zusammengesetzte Wörter, die sogenannten „Komposita“, umgeben uns ständig. Waren Sie heute schon mit dem Auto unterwegs? Dann hatten Sie schon ein Lenkrad in der Hand, waren auf einem Parkplatz und haben sichergestellt, dass Sie Ihre Haustür versperrt haben.

Sie sehen: Viele Komposita sind so alltäglich, dass wir sie gar nicht mehr als zusammengesetzte, konstruierte Worte erkennen. Stattdessen haben sie sich mit ihrer durch die Kombination neu gewonnen, verschärften Bedeutung längst in unser kollektives Gedächtnis gebrannt. Und das wortschöpferische Potenzial ist praktisch endlos. Bei der Fülle an Komposita und der Selbstverständlichkeit, mit der wir sie verwenden, geht es schon leicht unter, dass sie alle etliche Gemeinsamkeiten haben und nach demselben Prinzip funktionieren.

 

Der Kopf sagt, wo es langgeht

Ziehen wir die vorherigen drei Beispiele noch einmal heran: das „Lenkrad“, den „Parkplatz“ und die „Haustür“. Alle drei präsentieren sich uns als Hauptwörter, die groß geschrieben und mit einem Artikel versehen werden. Doch wenn Sie genau hinsehen, werden Sie bemerken, dass nur die „Haustür“ wirklich ausschließlich aus Hauptwörtern besteht. „Lenk“ und „Park“ hingegen sind die Stämme von Verben. Allen drei gemeinsam ist jedoch, dass das letzte Glied der Wortkette ein Hauptwort ist – der sogenannte „Kopf“ bzw. das „Grundwort“ des Kompositums.

Egal, wie lang und ausgefallen ein Kompositum sein mag – am Ende steht immer ein Hauptwort. Dieses bestimmt die grammatikalischen Eigenschaften der Konstruktion; am leichtesten zu sehen anhand der Artikel, die Genus und Numerus abbilden.

Doch wenn es einen „Kopf“ gibt, dann muss es auch etwas Untergeordnetes geben, nämlich alle vorangehenden Teile der Wortkette, die sogenannten „Bestimmungswörter“. In unseren Beispielen sind das „lenken“, „parken“ und „Haus“. Sie definieren näher, um welche Art von Rad, Platz oder Tür es sich handelt. Den Bestimmungswörtern sind theoretisch keine Grenzen gesetzt: Es können Nomen, Verben oder Adjektive sein und in beliebiger Zahl auftreten. Sicher haben Sie schon Beispiele wie die berühmte „Donaudampfschifffahrtskapitänsmütze“ gehört.

 

Den Überblick behalten

Wenn Sie ein Buch schreiben, werden Sie zweifellos Unmengen an Komposita verwenden – und vielleicht sogar neue erfinden.

Lange Wortketten bergen dabei die Gefahr, missverständlich zu werden. Um dies zu vermeiden, kann das Kompositum mithilfe von Bindestrichen besser strukturiert werden. Es gibt kaum hieb- und stichfeste Regeln, die besagen, wann ein solcher benutzt werden soll. Stattdessen ist es eher Ihrem Sprachgefühl als Autor*in überlassen, Ihre Worte zu gliedern. Ein paar etablierte Faustregeln können dabei helfen:

  • Wortketten mit Zahlen oder Zeichen:
    Hier dienen die Bindestriche mehr dazu, um die Zusammengehörigkeit anzuzeigen. Beispiele dafür sind der „10-Euro-Schein“ oder die „50-%-Chance“. Wenn Sie hier die Ziffern verwenden, anstatt sie auszuschreiben, gibt es gar keine andere Möglichkeit als den Bindestrich, um die Worte zu verbinden.
  • Wortketten mit Fremdwörtern:
    Hier sind es natürlich primär Entlehnungen aus dem englischen Sprachraum, die Gegenstand der deutschen Kompositabildung werden, wie etwa das „Anti-Aging-Produkt“.
  • Wortketten mit mehr als zwei Bestandteilen:
    Ein Kompositum, das nur aus dem Kopf und einem Bestimmungswort besteht, würde nicht geteilt werden. Sobald sich weitere Bestandteile dazugesellen, wäre die Verwendung von Bindestrichen durchaus denkbar. Auch hierbei spielt das Sprachgefühl eine gewisse Rolle: Den „Wohnzimmerschrank“ würden Sie Ihren Lesern wahrscheinlich eher zumuten als die „Dachdecker-Ausbildung“.

Wenn Sie sich entscheiden, lange Wortketten durch Bindestriche zu trennen, können diese dabei nicht willkürlich gesetzt werden. Der „Wohnzimmer-Schrank“ und der „Wohn-Zimmerschrank“ sind schließlich nicht dasselbe. Oft ergeben sich durch einen falsch platzierten Bindestrich Worte mit mehreren, nicht beabsichtigten Bedeutungen – oder sogar ohne jedwede sinnvolle Aussage.

Komposita ein sprachlicher Baukasten - Schreibtafel mit Kreide

Zusammen oder getrennt geschrieben?

Auf diese Frage gibt es tatsächlich eine eindeutige Antwort: zusammen.

Die Getrenntschreibung ist in anderen Sprachen – wiederum im Englischen – präsent, im Deutschen hingegen nicht. Jedes Wort steht für eine in sich geschlossene Sinneinheit, und der Leerschritt dazwischen markiert die Grenze. Einzig bei klar definierten Eigennamen oder völlig übernommenen, stehenden Begriffen aus anderen Sprachen würde die getrennte Schreibweise beibehalten werden. Das berühmteste Beispiel dafür ist wahrscheinlich „Social Media“. Sobald diese jedoch Teil eines Kompositums im Deutschen werden, beugen sie sich den dortigen Regeln und nutzen wiederum den Bindestrich, wie in „Social-Media-Plattform“. Der „super Tag“ oder die „Riesen Sache“ sind daher oft gemachte Fehler bei der Bildung von zusammenhängenden Bedeutungen.

 

Der Raum dazwischen

Sicher haben Sie in diesem Text schon etliche Beispiele dafür gefunden, dass die einfach anmutende Regel, Worte aneinanderzuhängen und sie nach dem „Kopf“ zu flektieren, nicht auf alle Komposita zutreffend ist. Oder Sie kamen heute schon an der Volksschule vorbei, hatten einen Rinderbraten in Ihrem Einkaufswagen oder haben bemerkt, dass nicht einmal der viel zitierte Bindestrich diese Regel befolgt. Doch was hat es mit diesen eigensinnigen Zwischenräumen auf sich?

Hier kommt der sogenannte „Fugenlaut“ zum Tragen. Er ist ein Phänomen, das sich im Hinblick auf die Aussprache von Komposita entwickelt hat und diese erleichtern soll. Er dient der Angleichung des letzten Lautes des Bestimmungswortes an den ersten Laut des darauffolgenden Elementes (das so gut wie immer der „Kopf“ ist). Fugenlaute treten am häufigsten dann auf, wenn das Bestimmungswort auf einen Vokal endet, wie etwa in „Zitronensäure“ oder „Küchengerät“. Hier gibt es kaum einheitliche Regelungen, die einem helfen können, sich im Mysterium Sprache zu orientieren. Vor allem im Zusammenhang mit Verben zeigt sich diese Angleichung sogar in wegfallenden Lauten anstatt in dazukommenden, wie etwa beim „Schlafzimmer“ oder selbst dem „Bindestrich“.

Die Bildung von Wortketten gibt Autorinnen und Autoren ein sehr weitreichendes Werkzeug in die Hand, mit dem Dinge geschaffen werden können, die ansonsten kaum ausgedrückt werden könnten. Der Umgang damit will jedoch gelernt und geübt sein, da es leicht passiert, dass eine Aussage verändert oder gar umgekehrt wird. Wir wünschen gutes Gelingen bei der Erprobung und Erweiterung Ihrer sprachlichen Fähigkeiten und freuen uns darauf, die Resultate zu sehen!

Bis dahin: Schreiben Sie zusammen.

 

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