„Show, don’t tell“ - so schreiben Sie authentisch und nahbar

Ratgeber - Show, don't tell - so schreiben Sie authentisch

Wenn Sie sich mit den Fertigkeiten des Schreibens vertraut machen, so stolpern Sie wahrscheinlich in beinahe jedem Schreibratgeber über den Ausdruck „Show, don’t tell“.

Für viele Autor*innen, Schreibtrainer*innen und Lektor*innen ist es die eine goldene Regel, die der Garant für einen gelungenen und mitreißenden Roman ist: beschreiben, anstatt bloß zu erzählen. Doch ist der rigorose Einsatz dieser Methode wirklich immer empfehlenswert, oder sollte auch einmal darauf verzichtet werden?
 

Zeigen oder Erzählen – wo liegt der Unterschied?

Tell, also das Erzählen, bedeutet, nur allgemeine Grundlagen zu schaffen und Lesende nicht das Geschehen hautnah miterleben zu lassen. Wir verwenden hierfür allgemeine Beschreibungen und kaum Details, es dient im Grunde der bloßen Übermittlung von Informationen. Die Handlung wird quasi zusammengefasst und den Leser*innen wird somit vorgeschrieben, was sie denken sollen.

Zeigen, also show, bedeutet hingegen, im Kopf der Leser*innen Bilder zu schaffen und deren Sinne anzusprechen. Sie fühlen mit, werden selbst Teil der Geschichten, werden regelrecht in das Geschehen hineingezogen. Beschreibungen werden hier geschickt in die Handlung oder in Dialoge verpackt. Das geht natürlich mit einer deutlich höheren Wortzahl einher, die für eine detailreiche Schilderung nötig ist.

 

Bitte nicht zu viel verraten!

Die Mission dieses Ansatzes ist klar: Gefühle und Geschehnisse sollen mit Worten dargestellt werden, damit Lesende den Eindruck bekommen, mitten im Geschehen zu sein. Ziel ist eine lebendige, mitreißende Erzählweise. Sagen sie nicht direkt, dass eine Ihrer Figuren gerade zornig, verliebt oder müde ist – zeigen Sie es! So können sich Ihre Leser*innen besser in die Situation versetzen und regelrecht mitfiebern. Sie sollen selbst aus dem Kontext herauslesen, wie es dem/der Protagonist*in gerade ergeht.

Beispiel 1:
Tell: Sie bekam plötzlich Panik.
Show: Sie spürte, wie ihre Hände feucht wurden und die Hitze sekundenschnell von ihren Zehenspitzen bis in den Kopf schoss. Ihr Atem ging merklich schneller und sie versuchte, das Pochen in ihren Schläfen zu ignorieren. Das konnte alles nicht wahr sein. Wie hatte es so weit kommen können?

Beispiel 2:
Tell: Katharinas Mann war früher einmal Uhrmacher gewesen.
Show: Als Katharina den Raum betrat, saß er am Tisch, blickte durch seine Lupe und bemühte sich, möglichst nicht zu atmen. Die Stille wurde nur vom Ticken der Pendeluhr durchbrochen. Mit ruhiger Hand versuchte er, den Sekundenzeiger wieder am Zifferblatt der alten Doxa anzubringen, die schon so einiges erlebt hatte. Endlich, der Zeiger saß an der richtigen Stelle! Erleichtert atmete er aus und wandte sich mit einem stolzen Lächeln zu ihr um. „Ich wusste, dass ich es nach all den Jahren immer noch kann.“


Erkennen Sie den Unterschied? Der Fokus liegt in der jeweils zweiten Variante auf spezifischen Details, die zu einem dynamischen, fesselnden Schreibstil beitragen. Natürlich müssen Sie jedoch nicht in jedem Fall ausschweifend werden, oft reichen bereits kleine Anpassungen, wie in Beispiel 3:

Tell: Er war sehr spendabel.
Show: „Ich mache das.“Er winkte die Kellnerin zu sich – wie immer ließ er es sich nicht nehmen, die ganze Runde einzuladen.


Insbesondere bei der Beschreibung von Emotionen ist der Einsatz von „Show, don’t tell“ in den meisten Fällen sehr sinnhaft. Fragen Sie sich, was Ihr Charakter gerade fühlt. Was tut er, wie benimmt er sich in der entsprechenden Situation? Woran können die Leser*innen merken, wie es ihm geht, ohne dass es direkt ausgesprochen werden muss?

Streichen Sie Erklärungen!

Dort, wo ohnehin gezeigt wird, sind zusätzliche Erklärungen fehl am Platz.
 

Beispiel: Sie fächerte sich Luft zu und nippte an ihrem kalten Getränk. Die Sonne stand immer noch hoch und brannte gnadenlos auf den Sand. Es war ein heißer Sommertag.
 

Sie sehen, der letzte Satz wird völlig überflüssig, da der Text ohnehin ein sehr klares Bild vermittelt. Streichen Sie solche Ergänzungen rigoros, denn sie schaden dem Lesefluss und werten den Text ab.

Zeigen Sie mittels Dialogen


Dialoge sind ein essenzielles Stilmittel, denn durch sie können Sie das aktuelle Geschehen in einem Gespräch zeigen. Durch die Worte, die Ihre Charaktere wählen, erhalten Lesende auch zusätzliche Hinweise auf deren Persönlichkeit. Gleichzeitig ist es Ziel von Dialogen, die Handlung voranzutreiben. Durch ein Gespräch können Sie deutlich machen, wie Ihre Figuren in bestimmten Situationen reagieren, mit anderen interagieren, wie sie ihre Emotionen verbal ausdrücken.

Beispiel:Nichts wünschte er sich mehr, als auf diese große Reise zu gehen.

Lassen Sie den Charakter anstelle dieser nüchternen Beschreibung mit anderen Menschen über seine Wünsche und Träume sprechen, lassen Sie ihn zuhören, wie jemand von seinen eigenen Reisen erzählt, und ihn dabei wehmütig werden! Ihrer Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt!

Zu viel des Guten?


Wie immer beim Schreiben ist auch beim Einsatz von „show, don’t tell“ Fingerspitzengefühl gefragt! Wann möchten Sie bei Leser*innen wirklich ein spezielles Bild erzeugen, wann dürfen die Details ihrer Fantasie überlassen werden? Manchmal ist es strategisch klüger, Dinge offenzulassen. Zudem kann ein Übermaß an show das Erzähltempo verlangsamen, denn wenn Ihre Figur eine ganze Seite benötigt, um im Bus zu einer Verabredung zu fahren, treibt dies die eigentliche Handlung nicht voran.

Beispiel:Edith eilte so schnell sie konnte zum verabredeten Treffpunkt, doch Peter hatte das Café bereits verlassen.

Wenn Edith auf dem Weg zu besagtem Café nichts Besonderes widerfährt, das für die Geschichte selbst von Bedeutung ist, so kann hier ruhig einfach erzählt werden, da es nichts zu zeigen gibt. Edith ist zu spät dran und versäumt die Verabredung. Ihre Verspätung ist damit nicht das Hauptereignis, auf das Aufmerksamkeit gelegt wird, sondern nur die Ursache für die weitere Entwicklung.
 

Kurz gefasst: Versuchen Sie stets, die interessanten Teile Ihrer Geschichte mittels Beschreibungen, Aktionen, Dialogen oder inneren Monologen zu zeigen, während Sie sich bei den eher langweiligen auf das bloße Erzählen beschränken!

Lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf!
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