Vorsicht, Falle! Wie Sie Perspektivfehler beim Schreiben erkennen und vermeiden

Vorsicht Falle - Perspektiv Ansicht Frau mit Blätter

Noch bevor Sie mit dem Schreiben Ihres Romans beginnen, gilt es, eine grundlegende Entscheidung zu treffen: Wer soll die Geschichte erzählen? Aus wessen Sicht wird der Leser die Story erleben?

Ist diese Entscheidung einmal getroffen, kann es mit dem Schreiben losgehen. Doch ist die Perspektive einmal gewählt, möchte sie auch beibehalten werden! Einer der größten Stolpersteine beim Schreiben ist für jeden Autor der Perspektivfehler, der sich unbemerkt einschleicht und oft erst dem geschulten Auge eines Lektors ins Auge sticht. Wir stellen Ihnen die verschiedenen Erzählperspektiven vor und zeigen Ihnen anhand von Beispielen, wie sich perspektivische Probleme bemerkbar machen können. Mit einem geschärften Blick können Sie in Zukunft solche Stellen in Ihrem Manuskript entlarven oder bereits von Beginn an vermeiden.

Verschiedene Erzählperspektiven

Der personale Erzähler

Eine Erzählung aus Sicht eines Protagonisten erlaubt einen tiefen Einblick in dessen Inneres, seine Gedanken- und Gefühlswelt. Wir wissen jedoch ausschließlich das, was er weiß, was er sieht, was er fühlt. Was anderswo geschieht, wie sich andere Menschen fühlen, all das kann der personale Erzähler – und somit auch der Leser – nicht wissen. Das lässt beim Lesen deutlich mehr Freiraum zur Interpretation, als es bei der auktorialen Perspektive der Fall wäre.

Der auktoriale Erzähler

Über mehr Informationen verfügt hingegen der auktoriale Erzähler, denn er ist allwissend. Er kennt nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft. Er weiß, was passieren wird, und kann einen Rückblick auf vergangene Geschehnisse schenken. Nicht nur das Innenleben des Protagonisten, sondern jenes aller vorkommenden Figuren ist ihm vertraut. Außerdem ist es nur ihm erlaubt, die Geschichte auch zu kommentieren. Dies gewährt dem Leser einen allumfassenden Blick auf das Geschehen.

Der neutrale Erzähler

Eine völlig neutrale Außenperspektive bietet diese Erzählform. Der neutrale Erzähler ist selbst keine Figur in der Geschichte, sondern berichtet als stummer Beobachter objektiv und sachlich, ohne einen Einblick in Gefühle oder Gedanken der Figuren zu haben.

Ich-Erzähler

Die Ich-Perspektive bringt einige Besonderheiten mit sich, denn sie ist zwar auf eine einzelne Person fokussiert, die Erzählweise kann jedoch sowohl auktorial als auch personal sein. Man blickt durch die Augen dieser Figur auf das Geschehen, wodurch die Beschreibung von Gedanken und Gefühlen auf diese eine Person limitiert ist. Gleichzeitig darf die Erzählstimme insofern allwissend sein, als sie eine bereits vergangene Geschichte erzählen kann, die sie bereits durchlebt hat.

Vorsicht, Falle - Wie Sie Perspektivfehler beim Schreiben erkennen und vermeiden

 

Perspektivische Fehler erkennen

Doch woran erkennt man nun einen Perspektivfehler? Wir zeigen Ihnen anhand folgender Beispiele, wie schnell der Erzähler unbemerkt aus seiner Rolle fallen kann.

 

  • Beispiel 1: Personale Perspektive (Klara)

„Als Klara am nächsten Morgen erwachte, war ihre Mutter bereits in die Stadt gegangen und kaufte dort frisches Gebäck und einen bunten Tulpenstrauß für den Frühstückstisch.“

Der Satz scheint auf den ersten Blick unauffällig, dennoch liegt hier ein perspektivisches Problem vor. Die Perspektivträgerin ist Klara, die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Es darf also nur erzählt werden, was Klara hört, sieht, fühlt oder denkt. Wo liegt hier also das Problem? Klara erwacht gerade in ihrem Bett, sie kann also zu diesem Zeitpunkt keinesfalls wissen, wo ihre Mutter gerade ist und was sie tut. Wie könnte der Satz nun richtig lauten? „Als Klara am nächsten Morgen erwachte und hinunter in die Küche ging, sah sie, dass ihre Mutter bereits frisches Gebäck und einen bunten Tulpenstrauß besorgt hatte.“

  • Beispiel 2: Ich-Perspektive (Protagonist)

„Wir verabschiedeten uns herzlich von unseren Gastgebern und stiegen schweren Herzens in das Auto, das uns zurück zum Bahnhof bringen sollte. Claude und Juliette winkten uns lachend hinterher, bis sie uns nicht mehr sehen konnten.“

Auch hier liegt eindeutig ein perspektivisches Problem vor. Es wird aus Sicht des Protagonisten erzählt, wir dürfen also nur das erfahren, was er sieht, hört oder fühlt. Er kann also nicht wissen, wie lange ihm tatsächlich hinterher gewunken wird, sobald er selbst außer Sichtweite ist.

Korrekt könnte der Satz lauten: „Claude und Juliette winkten uns hinterher, bis wir um die Ecke bogen.“

  • Beispiel 3: Ich-Perspektive (Protagonistin)

„Mit einem breiten Grinsen überreichte Tom mir mein Geburtstagsgeschenk. Ich bedankte mich artig und riss aufgeregt und mit leuchtenden Augen die Verpackung auf.“

Die Erzählung erfolgt hier aus Sicht der Protagonistin. Wir können nur wissen, was sie sieht, hört, fühlt oder denkt. Wo liegt hier also das Problem? Ob ihre Augen leuchten, kann sie selbst nicht wissen, sofern sie nicht gerade in einen Spiegel blickt. Das kann nur ein Außenstehender wie zum Beispiel Tom bemerken.

Alternative: „Ich bedankte mich artig und riss aufgeregt die Verpackung auf. Ich muss wohl über das ganze Gesicht gestrahlt haben, denn Tom lachte und meinte nur: ‚Du liebst wohl nichts mehr als Geschenke, oder?‘“

  • Beispiel 4: Personale Perspektive (Klara)

„Klara seufzte bedrückt. Sie und Oliver standen sich eine Weile schweigend gegenüber und dachten beide angestrengt über den gestrigen Abend nach.“

Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Klara. Sie kann nur vermuten, dass ihr Gegenüber ebenfalls angestrengt über den Vorabend nachdenkt, doch sie kann es nicht genau wissen. Die Vorgänge in Olivers Kopf bleiben ihr verborgen. Er denkt vielleicht an etwas völlig anderes.

Alternative: „Sie und Oliver standen sich eine Weile schweigend gegenüber, Klara dachte angestrengt über den gestrigen Abend nach und bestimmt ging es ihm genauso.“

  • Beispiel 5: Neutrale Perspektive

„Karl ließ sich erschöpft in den Sessel fallen. Er nahm das Buch zur Hand, das er seit nun einigen Tagen las und das ihm bisher nicht besonders gefiel. Lustlos blätterte er an die Stelle, an der er aufgehört hatte zu lesen, und seufzte.“

Wir haben es in dieser Geschichte mit einem neutralen Erzähler zu tun, der nur die sichtbaren Vorgänge kennt und beschreibt. Dieser kann also nicht wissen, ob Karl erschöpft ist, ihm das Buch nicht gefällt und ob er lustlos darin blättert. Der Satz müsste korrekt lauten: „Karl ließ sich in den Sessel fallen. Er nahm das Buch zur Hand, das er seit einigen Tagen las. Er blätterte an die Stelle, an der er aufgehört hatte zu lesen, und seufzte.“

 

Sie sehen, ein Perspektivfehler schleicht sich schneller ein, als man denken würde. Für das Schreiben wünschen wir Ihnen den richtigen Blickwinkel und ein wachsames Auge!
 

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