Cover: Ein Weg durch die Hölle

Ein Weg durch die Hölle
Vom Schmerz der Vergangenheit zur Kraft der Liebe – Fritz’ Leben als Vermächtnis für die Nachwelt


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 114
ISBN: 978-3-7116-1162-8
Erscheinungsdatum: 19.01.2026
Ein bewegendes Lebenszeugnis: Fritz Arnold erzählt von Kindheit, Krieg und Liebe – ein authentischer Blick auf ein Jahrhundert der Extreme. Ergreifend, ehrlich und aktueller denn je.
Geschichte hat keinen Anfang und kein Ende – Geschichten schon –

„Diese Geschichte wird Ihnen nicht nur ans Herz gehen – sie wird Ihnen die Augen öffnen. Fritz verlor nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Kindheit, Jugend und Unschuld an eine grausame Zeit. Diktaturen rauben Kindern auf der ganzen Welt ihre Zukunft – ihre Träume, ihre Freiheit, ihr Leben. Fritz’ Schicksal ist ein Weckruf: Seine Aufzeichnungen und Erlebnisse zeigen eindringlich, wie menschliches Leid in den Schatten großer Geschichte gerät. In einer Welt, die sich heute mitten im dritten Weltkrieg befindet, erinnert uns dieses Buch daran, dass jedes Einzelschicksal zählt – und dass wir uns für Frieden und Menschlichkeit einsetzen müssen.“

Mit seiner Erika fand er das Glück, und bei ihrer 60. Hochzeit feierten wir alle gemeinsam in Wien – ohne zu ahnen, welch schweres Schicksal Fritz zuvor getragen hatte. Erst durch die Aufzeichnungen, die mir seine Tochter Susanne anvertraute, erfuhr ich von den Abgründen und Triumphen seines Lebens. Diese Zeilen, die Fritz für die Nachwelt geschrieben hat, sehe ich als seinen Auftrag: eine Erinnerung daran, wie kostbar Frieden und Menschlichkeit sind.

Was geschah wirklich am Sonntag, 24. Juli 1932, nachmittags um halb 4 im finsteren Bosrucktunnel zwischen Oberösterreich und der Steiermark? Unbekannt war zunächst der ältere Herr, der im Dunklen auf der 5500 m langen Strecke aus dem Zug stürzte. Was wirklich geschah, weiß niemand. War es ein Unfall oder doch nicht? Der prominente und vermögende Firmenboss der Singer Nähmaschinen AG hätte auch Opfer eines Anschlags sein können.

Für unseren „kleinen“ 12-jährigen Fritz veränderte sich schlagartig sein Leben. Das jähe Ende einer sorglosen Jugend und die fürsorgliche Hand seines sehr viel älteren Vaters. Fritz war ein „wohlbehütetes“ Nesthäkchen.
Seine Geschichte hat mein Cousin Fritz selbst geschrieben und seiner Tochter Susanne Arnold hinterlassen. Heute, an der Schwelle eines neuen Weltkriegs, werfen wir einen Blick zurück: ein Einzelschicksal – ein Weg durch die Hölle.

Der Weg der Einsamkeit – das Licht der Verführung – die Begeisterung – die Siege – das Töten – die Vernichtung – die Schmerzen – die Schmach – das veruntreute Erbe – die Hoffnung – die Sehnsucht – und eine lebenslange große Liebe.


Jetzt beginnt meine Geschichte,
die ich meiner Nachwelt hinterlassen möchte.

Glaubt an nur euch selbst
und lasst euch nicht verblenden:



Ich der Fritz Arnold
Wien, 2005

Was immer daraus werden mag, ich will versuchen, mein Leben von der Kindheit an aufzuzeichnen bzw., soweit es geht, meine Erinnerungen festzuhalten. Wenn ich nun mit dem 12.6.1920 als Einleitung zu den Erinnerungen beginne, ist es wohl einigermaßen vermessen. Ich kann mich an diesen Tag, es war ein Samstag, wo ich das erste Mal einen Schimmer des Lichtes dieser Welt bekam, beim besten Willen nicht erinnern, dass ich außerdem weder geplant noch gewollt war, steht auf einem anderen Blatt, wo auch vermerkt ist, dass im Gegenteil alles versucht wurde, mich schon im Frühstadium zu vertreiben. Auch dass meine Mutter an diesem denkwürdigen Tag vor dem großen Ereignis im Schrebergarten noch 80 Salatpflanzen gesetzt hat, weiß ich nur aus Erzählungen. Ich habe aber alles – außer einer gewissen Abneigung für Salat – gut überstanden und mich durchgesetzt.

So war ich also da.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo nun wirklich mein Erinnerungsvermögen einsetzt und eine zusammenhängende Schilderung möglich ist, sind auch nur Streiflichter in meinem Gedächtnis. Die meisten und eindrucksvollsten sowie die am weitest zurückliegenden beziehen sich auf Klosterneuburg. Fünf Jahre war ich alt, als Vater unsere Badehütte bauen ließ. Von 1925 bis 1932 verbrachten wir dann hier den größten Teil des Sommers, und ich erlebte hier den schönsten Teil meiner Kindheit. Als Indianer erst ohne und später auch mit Squaw, eine herrliche Zeit. Bevor das richtige Indianerleben begann, musste ich aber noch einiges durchstehen.

Schwimmen zu lernen war die Hauptaufgabe, nachdem ich zweimal beinahe ertrunken wäre. Das erste Mal direkt bei unserem eigenen Bootssteg, da war Onkel Teddy mein Lebensretter, der mich zwischen Booten verschwinden sah. Nicht viel später kam der nächste Schlag. Meine Eltern wollten ein neues Boot kaufen und nahmen mich zu einem Bootsbauer mit. Da mir kein Mitspracherecht zugebilligt wurde, verlor ich das Interesse an den Verhandlungen und beschloss daher, mich mit dem Boot, mit dem wir gekommen waren, selbstständig zu machen. Schnell entschlossen ruderte ich, besser gesagt, versuchte ich, alleine zurückzurudern. So 40 oder 50 Meter vom Ufer entfernt dürfte es dann passiert sein. Den Sturz ins Wasser nahm ich aber wirklich nicht tragisch und kann mich nicht einmal erinnern, erschrocken zu sein. Im Gegenteil, ich überlegte kurz, kam zur Überzeugung, wenn ich untergehe, komme ich auf Grund und kann dann zu Fuß zum Ufer zurückgehen.

Logische Überlegungen waren, wie man sieht, schon damals meine Stärke. Den Weg fand ich nicht, und langes Suchen wurde mir aber auch erspart. Meine Abwesenheit wurde von meiner Mutter bemerkt und das leer treibende Boot von meinem Vater entdeckt, wie auch der Haarschopf, der von mir noch auf der Wasseroberfläche zu sehen war. Das Strampeln, um Grund zu finden, ließ diesen Teil meines Körpers noch sichtbar bleiben. Nun, ich lernte dann schwimmen und konnte mit acht oder neun Jahren bereits in Begleitung meines Vaters bei Donauüberquerungen mein Können unter Beweis stellen.

Jetzt ist es aber an der Zeit, auch über meinen Vater etwas zu sagen. Er beschäftigte sich sehr viel mit mir, und ich hing auch sehr an ihm. Mir wurde von ihm fast nichts verbeten, und er hatte auch immer interessante Aufgaben für mich. Mit sieben Jahren sollte ich zum Beispiel das Dach unserer Hütte mit ihm teeren. Nun, ob ich eine große Hilfe war, weiß ich nicht, auch nicht, ob ich lange auf dem Dach war. Nur, dass ich plötzlich den Halt verlor, im Fall kurz mit dem Geländer des Balkons Bekanntschaft machte und dann am Betonweg neben der Hütte landete, wobei sich Bauch und Brust als Stoßdämpfer bestens bewährten. Dass dieses Abenteuer noch wie viele andere dieser Art gut ausging, verdanke ich meinem Schutzengel.

Nochmals Vater. Gefahr kannte er für mich anscheinend keine. Ganz egal, ob es sich dabei um das Fangen von Schlangen, Turnübungen auf hohen Leitern oder sonstigen nicht ganz ungefährlichen Situationen handelte. Auch der Umgang mit Pfeil und Bogen, Messern, Tomahawk, Luftdruckgewehr etc. wurde nicht nur nicht untersagt, sondern die Geräte in bester Ausführung von ihm zur Verfügung gestellt. Dass ein Freund an einem Hüftschuss operiert werden musste und ich selbst einen Steckschuss neben der Halsschlagader abbekam, tat dem keinen Abbruch. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon ein guter Indianer.

Diese schöne, wilde Zeit wurde am 24. Juli 1932 beendet, als uns mit einem Telegramm die Nachricht vom Tod des Vaters mitgeteilt wurde. Nun muss ich die Zeit aber nochmals zurückkurbeln. Denn auch in Wien gingen die Jahre nicht spurlos vorüber. Anfang September 1926 musste ich wohl oder übel den Schulbeginn feiern. Sonderlich beeindruckt war ich nicht.

Irgendwie musste ich geahnt haben, was hier auf mich zukam. Mit Masern, Blattern etc. versuchte ich gleich, mich zu drücken. Der Erfolg war umwerfend. Außer der Rubrik entschuldigte Tage im ersten Zeugnis lauter Einser. Ein Erfolg, den ich bei regelmäßigem Schulbesuch nie wieder erzielen konnte. Auch unser guter Herr Lehrer Springschütz und die teilweise nachhelfende Frau Lehrerin Zugringel konnten daran nichts ändern. Die Einser blieben mir nur in Turnen, Religion und Gesang freu. In Musik war ich aber auch groß. Ich durfte dafür den Schülerchor dirigieren. Dass dieser Vorzug nur eine Maßnahme des Lehrers war, um zu verhindern, dass ich mitsinge, wurde mir erst später bewusst. Für Schulaufgaben zeigte ich äußerst wenig Interesse. Ich lernte lieber häkeln, stricken, ajourieren und den Umgang mit der Nähmaschine. Die Handarbeiten brachte mir meine Mutter, die auf diesem Gebiet leidenschaftlich tätig war, bei. Dass ich auch auf der Nähmaschine meine Frau stellte, erfüllte wieder meinen Vater, der Geschäftsführer bei Singer war, mit Stolz. Mit so viel hausfraulichem Können, welches ich in der Küche immer wieder bewies, ausgerüstet, war ich natürlich auch in der Lage, für meine Puppen zu sorgen, mit denen ich gerne spielte, und auch Kleider für sie selbst zu fertigen, war mein Stolz. Das Spielen mit den Puppen übertrug ich beizeiten auf lebende Objekte. Mein Vater war auch darüber nicht böse. Im Gegenteil, ich sah ihn schmunzeln, wenn ich Interesse an unseren meist jungen und hübschen Dienstmädchen zeigte.

Eine zur Mutter gemachte Bemerkung, die ich aufschnappte, bei der es sich um einen beizeiten sich krümmenden Haken handelte, war Bestätigung, diesen Weg nicht zu verlassen. Auch eine Erwiderung der Mutter, in der von einem nicht weit vom Stamm fallenden Apfel die Rede war, blieb ohne Einfluss.

Dass ich aber nur mit Puppen gespielt hätte, ist natürlich auch nicht der Fall. Nur, was man mir sonst noch in die Hand gab, war ziemlich bald kaputt. Ich erinnere mich an eine Dampfmaschine, die meine mit Märklin und Matador gebauten Anlagen betreiben sollte. Nun, dieses mit Spiritus beheizte Prachtstück war auch eines von den kurzlebigen Gütern. Volldampf bei abgesperrtem Sicherheitsventil, und schon flogen die Trümmer durch die Luft, um an Decke und Wänden ihre Spuren zu hinterlassen. Auch ein Tretauto in solider handwerklicher Arbeit, im Auftrag meines Vaters hergestellt, lebte nicht lange.
Das heißt, ich weiß nicht, wie lange es noch nach der Reparatur, die durch meine Behandlung notwendig wurde, anderen Kindern Freude machte. Mir wurde es jedenfalls entzogen mit dem Hinweis, ich sei zu wild, nachdem ein Kräftemessen mit einem Laternenpfahl schlecht ausgegangen war.

Aber nochmals Puppen, das letzte Jahr in der Volksschule war von zwei Ereignissen geprägt, die unter den Erinnerungen einen besonderen Platz einnehmen. Zu dieser Zeit gab es noch keine gemischten Klassen, sodass die Notwendigkeit bestand, Distanzen zu überbrücken. Jede Gelegenheit musste dazu genützt werden. Eine besondere bot sich bei einem Kinobesuch der beiden vierten Klassen im Schlosskino.

Sinn und Zweck des Besuches war, dass über das Thema ein Aufsatz geschrieben werden sollte. Nun, an den Film kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass es mir gelungen war, den Platz hinter einer von mir Angebeteten zu ergattern. Von der Dunkelheit geschützt, konnte ich dann ihr lässig über die Lehne gelegtes Händchen halten und beginnend mit hingehauchten und immer fester werdenden Küssen zu bedecken. Dass ich den Vorgängen auf der Leinwand nicht so aufmerksam folgen konnte und auch der Aufsatz nicht den Erwartungen entsprach, brauche ich wohl nicht zu betonen.

Ein anderer Versuch, mit einer Schönen der Parallelklasse in Verbindung zu kommen, endete weniger erfolgreich. Mit Hilfe eines Freundes verfasste ich einen Liebesbrief. Mein erster Versuch auf diesem Gebiet. Gerichtet an ein liebes Mädchen, das zufällig Tochter des damaligen Stadtschulrats Glöckel war. Irgendwie kam dieses mit viel Mühe und großen Anstrengungen verfasste Schriftstück aber in falsche Hände. Über Umwege, den Lehrer und meinen Vater, der auch Vorsitzender des Elternrates war, kam es an mich zurück. Die Rechtschreibfehler peinlich genau korrigiert, trug es auch den Hinweis, dass es besser für mich wäre, mich mehr um meine Schulaufgaben zu kümmern. Eine Ermahnung, der auch mit starker Hand Nachdruck verliehen wurde und mir für einige Zeit Beschwerden beim Sitzen verursachte.

Dies nur nebenbei. Sonst war ich ein ruhiger und braver Bub, der mit seinem Vater Schach spielte, jeden Sonntag einen Ausflug machte und ernsthafte Gespräche führte, zum Beispiel, was ich einmal werden wolle. Nun, ich hatte diesbezüglich nie bestimmte Vorstellungen. Kurzerhand wurde daher über mich entschieden, und in dem Bestreben, mich etwas Vernünftiges werden zu lassen, wurde ich auf das Gymnasium geschickt.

Diese Rechnung war aber ohne den Wirt gemacht. Mein Vater, ein ortsbekannter Paradesozialist, und ich in einer rabenschwarzen Schule, dem Seipel-Gymnasium. Wie weit dieser Umstand und die Tatsache, als erster Protestant in diese Schule eingedrungen zu sein, mitspielte, dass meine Gastrolle an diesem Wissensvermittlungsinstitut nur ein Trimester dauerte, weiß ich nicht. Eines ist sicher, dass ich eben nicht so war, wie man es verlangte und gerne gesehen hätte. Sicher ist aber auch, dass die vielen Eintragungen im Klassenbuch, mit denen ich einen Rekord erreichte, nicht immer gerecht waren.

Mein Vater zeigte aber auch in diesem Fall Verständnis. Das Weihnachtsfest und die Feiertage vergingen, wie wenn nichts geschehen wäre. Anschließend, nachdem der Mensch etwas lernen soll, unterrichtete Herr Professor Schweiger mich eine längere Zeitspanne privat, um mich auf die Umschulung in die Realschule – für die ich nun vorgesehen war – vorzubereiten. Den Herrn Professor Schweiger besuchte ich gerne. Die Anziehungskraft war allerdings nicht er, sondern seine hübsche Tochter, die wieder indirekt zu meinem Lernerfolg beitrug, da ich mich vor ihr auf keinen Fall bloßstellen wollte. Die Tochter war auch Grund genug, nach meinem Eintritt in die R 12 meine Besuche in dem Haus des Professors fortzusetzen.

Von der Schule selbst ist nicht viel zu sagen, außer dass die Herren des Lehrkörpers hier recht aufgeschlossen waren und sich nicht darum kümmerten, auf welcher Seite wir standen, wenn wir uns in der Pause gegenseitig verprügelten. Wir wussten es eigentlich auch selbst nicht immer ganz genau, ob wir gerade zu den Kommunisten, Hakenkreuzlern, Wandervögeln, den Sozis oder was immer gezählt wurden. War ja auch egal, der Spaß war immer der gleiche. Mit so netten Abwechslungen vergingen sogar die Schuljahre, an deren Ende immer die mehr oder minder guten Erfolge über den Abschluss des Jahres bestätigt wurden.

Aber dafür ging es dann wieder nach Klosterneuburg. Die Schule wurde vergessen, und man konnte wieder Indianer sein. Ein Dasein, das, wie schon gesagt, mit der Nachricht vom Tod des Vaters endete. Für mich war das auch das Ende meiner Kindheit. Ein langer Gedankenstrich wäre nun hier angebracht. Bevor ich diesen jedoch ziehe, muss ich noch in Gedanken kramend auf die Verbindung zu den übrigen Familienmitgliedern eingehen.

Von den Brüdern, zwei an der Zahl, aus der ersten Ehe meines Vaters und 20 bzw. 22 Jahre älter als ich, sind mir wenige Einzelheiten in Erinnerung. Mein Bruder Gustl wohnte mit seiner Frau Gretel im 10. Bezirk, hatte eine eigene Badehütte in Kritzendorf. Der Kontakt war auf gelegentliche Besuche und Gegenbesuche beschränkt. Bruder Bertl lebte mit seiner Frau Magda, soweit ich zurückdenken kann, in Toronto. Beide wissenschaftlich tätig, waren viel zu gescheite Leute für mich. Bei ihrem Besuch 1926 oder 27 wohnten sie einen Urlaub lang bei uns. Bertls eifrige Bemühungen, gerade in dieser Zeit Flöte spielen zu lernen, zehren heute noch an meinen Nerven. Die nicht nur stunden-, sondern tagelangen Übungen waren für alle Hausbewohner ein unvergessliches Erlebnis.

Sein sehnlichster Wunsch, vom Vater eine goldene Flöte zu bekommen, die angeblich den besten Klang oder Ton haben sollte, wurde nicht erfüllt. Bertl konnte das nie überwinden. Meine Schwestern, auch zwei an der Zahl, aus der ersten Ehe meiner Mutter, acht und zehn Jahre älter, zeigten für den Spätling auch wenig Interesse, bzw. stand er ihren eigenen Interessen gelegentlich im Weg und wurde bestenfalls als lästig empfunden.

Nach der Überführung der Leiche (Vater verunglückte – der Tod meines Vaters brachte uns dann noch einmal im Bosrucktunnel) und der Beisetzung in Wien fuhren wir nach Rottenmann. Gustl, hier inzwischen ansässig und bei den Rottenmanner Eisenwerken beschäftigt, hatte gerade Bertl mit Magda und deren Tochter Eva zu Besuch, da meine Schwägerin Magda ihr zweites Kind in Österreich zur Welt bringen sollte oder wollte.

Dieses Vorhaben gelang auch, und ich war damit zweifacher Onkel, was ich als beachtliche Leistung für mein Alter empfand. Dass ich jetzt kein Kind mehr war oder sein konnte, war damit besiegelt. Was war ich jetzt wirklich? Ein Waisenknabe? Womit ein neuer Lebensabschnitt begann. Nun, was man im Allgemeinen unter einem Waisenknaben versteht, war und wurde ich allerdings nicht. Um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen, will ich gleich sagen, dass diese Bezeichnung nur in der Richtung verstanden werden kann, dass ich keinen Vater mehr hatte. Nachdem sich für mich, da ich nicht gerade als Musterknabe galt, kein Vormund fand, lag die ganze Last auf meiner Mutter.

Mein um 22 Jahre älterer Bruder Gustl war bereit, ihr einen Teil davon abzunehmen, und behielt mich in Rottenmann, wo ich nun das Schuljahr 32/33 zubrachte. Hier am Land war natürlich, obwohl Rottenmann Stadtrecht hatte, alles ganz anders. Auch die Einstellung der Schuljungen und der Lehrer. Bei den robusten Bauernburschen hatte ich anfangs wenig Chancen, als gleichberechtigt anerkannt zu werden.

Die Lehrer und die Natur taten ihr Bestes, um den Unterschied zu vergrößern. Die Natur damit, dass sie den Verlust des Vaters und die Trennung vom Elternhaus mit Störungen beantwortete, die oft zu Übelkeit und Erbrechen etc. führten. Und die Lehrer – ich billige ihnen beste Absichten zu – mich mit Mitleid abschirmen wollten. Auch meine Schwägerin Gretel, die Mutterstelle vertrat, tat alles, um Unbill von mir fernzuhalten. Ich bin heute noch überzeugt, dass alles gut gemeint war, und bin allen Beteiligten Dank schuldig. Aber die Befreiung, die ich im Unterbewusstsein anstrebte, musste langsam kommen.

Dazu wurde mir durch das Hineinwachsen in die neue Umgebung Gelegenheit geboten.

Der Forstmeister, ein Freund meines Bruders, gab den ersten Anhaltspunkt. Die Familie, die aus den beiden Elternteilen, einer Tochter und einem Sohn bestand, beide etwas jünger als ich, nahm mich auf. Das war natürlich die Crème in diesem Ort. Aber von hier aus ging es weiter.

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