Cover: Bolechow 1866

Bolechow 1866
Wiener Blut


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-7116-0719-5
Erscheinungsdatum: 08.07.2025
Ein bewegendes Familienepos über Flucht, Vertreibung und Überleben. Von Galizien nach Wien – das Schicksal einer jüdisch-christlichen Familie, geprägt von Krieg, Verlust und Hoffnung. Ein Zeugnis der Vergangenheit und eine Mahnung für die Zukunft.
Wiener Blut


Geschichte hat keinen Anfang.

Geschichte hat auch kein Ende.

Geschichte wird immer fortgeschrieben,
solange sich die Erde dreht und wir Menschen
Geschichte und Geschichten schreiben.

Meine Geschichte hat einen Anfang und auch ein Ende – ganz sicher!

Am 24. Februar 1947 – also vor 75 Jahren – wurde ich in Wien-Pötzleinsdorf geboren, in der Kinderklinik Glanzing. Kinderarzt war Dr. Palm. Mein erstes Zuhause befand sich in der Starkfriedgasse. All das hat mir meine Mutter erzählt.

Gut erinnern kann ich mich allerdings an meinen 75. Geburtstag. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Wie oft habe ich seit diesem Tag Tränen in den Augen. Schreckliche Bilder gehen um die Welt. Stündlich neues Grauen. Morden, Metzeln, Massengräber, Bomben, Flüchtlinge, millionenfaches Leid.

Ein unfassbarer Krieg ist am 24. Februar 2022 wieder mitten in Europa entbrannt.

Die Ukraine steht in Flammen und kämpft um das Überleben.

DER ÜBERMÄCHTIGE RUSSISCHE BRUDER entscheidet über Leben und Tod des schwächeren Nachbarn. „Kain und Abel?“

Der Krieg hat viele Väter.

Ein Krieg hat von jeher wirtschaftliche Hintergründe.
Kriege haben immer Gewinner und Verlierer, sagt man – denkt man. Rückblickend gibt es nur Verlierer, wie die Geschichte zeigt.

Geschichte wiederholt sich immer. Geschichte hilft uns, das Leben zu begreifen. Das Leben hat so viele Facetten.

Deshalb möchte ich eine Geschichte meiner Familie erzählen, von der Linie meiner lieben Großmutter.

Bevor ich beginne: Gerade bin ich aus Wien angekommen, wo ich mich mit meinen Cousinen Dr. Hanna Molden und Susanne Arnold getroffen habe. Wir wollten über Oma plaudern. Über alles, was ich über die Familie dank sehr alter Urkunden herausgefunden habe. Treffpunkt war das Hotel Vienna-Marriott. Der Patriarch dieser Hotelgruppe, Bill Marriott, feierte am 25. März seinen 90. Geburtstag.

Am 25. März 1972 haben Doris und ich geheiratet.

Unsere 50 goldenen Jahre.

Was für ein Zufall.

Gleich hinter dem Hotel ist der Theodor-Herzl-Platz. Benannt nach einem bekannten Schriftsteller und Journalisten. Gut, dass er auch in meiner Erzählung ein respektierliches Gedenken gefunden hat.

Bolechow 1866




Vorwort


Mit 2020 beginnt für die Menschheit das Jahr Null. Das Coronavirus hat die Welt im Würgegriff. Überall Totenstille. Straßen menschenleer. Kein Flugverkehr am strahlend blauen Himmel. Wer kann, igelt sich ein und vermeidet jeglichen Kontakt zu anderen Menschen. Nach Wochen der Isolation schleichen sich psychische Veränderungen ein. Realitätsverlust, Existenzängste, Depressionen, Endzeitstimmung! Immerhin mit „70 plus“ blickt man mit Dankbarkeit auf sein Leben zurück. Auf die lebendige, offene, bunte, lustvolle Welt. Erinnerungen an zahlreiche Reisen rund um den Erdball. Unvergessliche Bilder. Nach Corona wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Anders eben, bescheidener, manches gewiss auch positiv?

Gedanken an die eigene Vergänglichkeit haben jetzt ihren Platz gefunden. Sie wuchern und mahnen, endlich die Dinge zu erledigen, die längst auf Ordnung warten.

JETZT IST DOCH GENÜGEND ZEIT DAFÜR.

Tage, Wochen, Monate oder vielleicht Jahre? Die Welt wartet ungeduldig auf einen Impfstoff. Endlich ist es soweit. Modernste Vakzine erhalten eine Zulassung. Allerdings kann nicht genug geliefert werden. Niemand kann mit Sicherheit sagen, OB und WANN man seine rettende Dosis bekommt. Im Fokus stehen die Virologen, die Labore, die Politiker und die Medien.

Die Gelegenheit, sich die Zeit mit Aufräumen und Wegwerfen zu vertreiben, ist gekommen. Ein Schrank wird entrümpelt. Irgendwann beginnt man, alte Dokumente, Urkunden, Briefe und Bilder seiner Vorfahren – manche 200 Jahre alt, einige unleserlich – zu sichten. Doch schnell erkennt man den Wert dieser Schriftstücke. Respektvoll lege ich sie zur Seite. In einem Banksafe fand ich zum Beispiel einmal eine winzige, niedliche Holzschnitzerei. Es handelt sich um ein sehr altes, wertvolles japanisches Netsuke. WAS? Ich forsche nach und finde seine Spur und seinen Ursprung in einem Bestseller:

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“
von Edmund de Waal.

Die Geschichte der Bankier-Familie Ephrussi. Eine „Zeitreise“ von Odessa nach Wien, Paris nach Japan und zurück … Faszinierend, fesselnd. Die Sache lässt mich plötzlich nicht mehr los. Und nun diese kleine, kunstvolle Netsuke: Dargestellt wird der TANUKI, „Der Fuchs überlistet den Jäger“

Fasziniert beginne ich, die alten Dokumente zu sichten, versuche, sie zu lesen und ordne sie nach Datum. Langsam versinke ich in einer fernen Welt. In meinem Bücherregal steht dekorativ ein „Brockhaus“. 18 dicke Bände mit edlem Lederrücken. Aus dem Jahr 1898. Eine Fundgrube – sie beleuchtet die Welt der k. u. k. Monarchie.

Das Leben damals, in der Zeit meiner Großmutter, die 1866 – also vor über 150 Jahren – in Galizien geboren wurde. In Bolechow. Auch ihr Vater wurde 1836 in Bolechow geboren, ihr Großvater stammte ebenfalls von dort. Die Urkunden reichen weit zurück, sie sind Dokumente des Zeitgeschehens vor über 200 Jahren.

Penibel geordnet, übersetzt, an Eides statt beglaubigt. Am Ende meist ein Stempel des Amtsgerichts Wien aus dem Jahr 1938, versehen mit dem Deutschen Reichsadler und dem Hakenkreuz.

Auffallend: Selbst der Urgroßvater war nach christlichem Ritus getauft. In den alten Urkunden wurde dieser religiöse Schwerpunkt offensichtlich bewusst betont. Wahrscheinlich gerade deshalb hat man diese Papiere behutsam behandelt und sehr, sehr sorgfältig aufbewahrt.

Meine Großmutter hatte ein „kleines“ Geheimnis. Ein Versteck in einem Binsenkörbchen. Darin hob sie bis ins hohe Alter einige ihrer Schätze auf: Briefe, Bilder, Dokumente, Sterbeanzeigen und mehr. Was das wohl alles war? Wir werden manches davon erfahren.
Mit über 90 Jahren, etwa um 1958, erzählte OMA meiner Mutter viel von ihrem entbehrungsreichen Leben. Einiges habe ich als kleiner Junge aufgeschnappt:

Ich, Peter Bernhard, bin ihr jüngstes Enkelkind, geboren am 24. Februar 1947 in Wien, in Pötzleinsdorf. Das Haus meiner Eltern in der Wurzingergasse 3 mussten sie im Mai 1945, während der Besatzungszeit verlassen. Sie zogen in die Starkfriedgasse 23 – das war mein erstes Zuhause.

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass ich 1996 Trude Krausenecker, geb. Bernhard (12.8.1921 bis 6.5.2015) kennenlernte. Sie war die Tochter von Onkel Willi und das erste Enkelkind meiner Oma. Ohne ihre Informationen würden viele Seiten dieses Buches fehlen.

Die Lebensgeschichte meiner Großmutter, die Ereignisse vor fast 200 Jahren und das Zeitgeschehen verschmelzen ausdrucksvoll im Titelbild:

MARIA GABRIELA BERNHARD, geb. ARNOLD
* 1866 in Galizien, † 1958 in Österreich




Die ganze Familie.

Ernst, Traurigkeit und auch Angst lässt sich in Gesichtern wie hier lesen. Schreckliches war geschehen und die Hölle war schon zu erahnen.

Im Haus ihres ältesten Sohnes HANS in Pötzleinsdorf, Wurzingergasse 3, mit allen anderen lieben Anverwandten:

Die Söhne Willi und Fritz, Hans sowie die Töchter Maria und Helli. Alle mit „Kind und Kegel“.

Familienfeste waren in dieser Zeit etwas problematisch. Da war der Junge von Maria, „Peterl“ – 14 Jahre alt, ein strammer Hitlerjunge. Dann Georg, „Schurl“, der Neffe von Oma – offensichtlich ganz „systemtreu“. Also nur „Oh Tannenbaum“ und sonst nichts. Schluss, denn die GESTAPO war überall, hörte alles, sah alles und wusste fast alles.

Eingeweihte, nur meine Oma und ihr HANSL kannten einen rettenden Fluchtweg aus Pötzleinsdorf hinaus – entlang des GEROLDBACH mit dem Endpunkt Geroldgasse 2. Hier war der Familiensitz der Familie Bernhard mit der Erfinder-Werkstatt von Großvater Julius. Jeder Stein, jeder Baum und der Bach hinauf zum Park waren das vertraute Kinderparadies.




Geschichtliches zu Galizien


Die k. u. k. Monarchie und die „Schatzkammer“
GALIZIEN

„DER JUDE IST DES KAISERS“

Die sehr erfolgreiche Doktrin der Habsburger bedeutete nicht mehr und nicht weniger als: Die Juden standen unter dem besonderen Schutz des Kaisers. Sie genossen hier in der österreichisch-ungarischen Monarchie mehr Rechte als in jedem anderen Staat der damaligen Welt. Viele Juden erhielten sogar die staatsbürgerlichen Rechte. Sie flüchteten hierher, um der Verfolgung aus den Gebieten der Ruthenen (Russland und Ukraine) zu entkommen. Die meisten von ihnen assimilierten sich, ließen sich katholisch taufen, erhielten sogar neue Namen.

Die Gegenleistung war Mammon für die Staatsfinanzen – und nichts anderes. Die Juden dominierten bald den Handel und die Banken, investierten in die Verkehrsinfrastruktur, finanzierten das Militär beziehungsweise die Kriege und trugen zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Aufblühen des „neuen“ Wiens bei. Viele Prachtbauten an der Wiener Ringstraße entstanden dank des Engagements der „jüdischen Neubürger“.
Mit einem Satz:

JUDEN WAREN KAISERTREU, LOYAL UND AUSGEZEICHNETE STEUERZAHLER.

Und Galizien war eine Goldgrube:

Getreide, Salz, Holz, Erdöl (Petroleum), Erdwachs, Tabak.

Relativ bald und bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Ausbau des weitverzweigten Schienennetzes. Hauptstrecken: Wien–Krakau–Lemberg, Lemberg–Odessa. Odessa, die erblühende ukrainische Hafenstadt, wurde der wichtigste Ausfuhrhafen der k. u. k. Handelsmarine.

Die Handelsmarine war gleichauf bedeutend mit der englischen. Aus Odessa kamen Getreide und sämtliche Erdölprodukte für die Welt. Die Geschichte des Erdöls begann in Galizien: Ein Apotheker in Lemberg entwickelte 1853 Petroleum und die Petroleumlampe. Ganz Europa wurde des Nachts mit dieser Errungenschaft erhellt. Paraffin und Stearin blieben jedoch noch lange Grundlage für die Kerzenproduktion.

Erdwachs diente nicht nur der Medizin, sondern war im aufstrebenden Industriezeitalter auch für die Isolierung von Kabeln unverzichtbar.

Salz, das weiße Gold der Berge, war heiß begehrt.

Holz wurde für die boomende Bauindustrie und für Holzschwellen für den Gleisbau der Bahnstrecken benötigt.

Das alles war in den Karpaten im Überfluss vorhanden – bedeutende Handelsgüter.

Tabak, das kaiserliche Monopol, wurde in weiten Teilen Galiziens angebaut. Tausende Menschen fanden Arbeit in den vielen Tabakfabriken. Zigarren, Pfeifentabak, Schnupf- und Kautabak für die Bergleute waren weltweit gefragt.

Die Österreichische Tabakregie war ein lukrativer sowie kameralistischer Monopolbetrieb der k. u. k. Monarchie.

Um 1940 fand die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft statt.

Diese kurze Schilderung der wirtschaftlichen Bedeutung Galiziens ist nötig, um die Geschichte meiner Großmutter sowie ihrer Eltern und Großeltern besser nachvollziehen zu können.

Dem wirtschaftlichen Glanz des Kronlandes GALIZIEN standen auch Schattenseiten gegenüber, die für Angst und Schrecken, Flucht und Vertreibung sorgten.

Durch die unterschiedlichen Volksgruppen der Polen, Ruthenen, Deutschen, Juden und Armenier entstanden immer wieder Spannungen. Diese entluden sich häufig in heftigen Massakern an Minderheiten. Lemberg ging schon einmal in Flammen auf, und das Militär zog sich klugerweise vor dem Mob zurück.

Aber nicht lange! Die Obrigkeit „Seine Majestät“ schlug stets mit aller Härte zurück. Der k. u. k. Geheimdienst gehörte damals zu den besten der Welt. Die kaiserlichen Spezialeinheiten, zum Beispiel die Burg-Gendarmerie mit ihren gefürchteten Kavallerie-Einheiten, hielten grausame Standgerichte ab. Dokumente und Zeugen berichten von Massenhinrichtungen. Bilder, die zeigen, wie 40 Aufständische erhängt und eine Woche lang zur Abschreckung öffentlich „baumeln“ gelassen wurden, korrigieren die Vorstellung von einer sanften österreichischen Gemütlichkeit.
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