Terrenus
Chroniken des Krieges Band 1
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 202
ISBN: 978-3-99146-923-0
Erscheinungsdatum: 06.08.2024
Auf Terrenus leben zwei Völker über Jahrhunderte in gegenseitiger Abhängigkeit, aber nicht gleichberechtigt nebeneinander. Technik, Wissenschaft und Macht sind ungleich verteilt, sodass es schließlich zum Krieg zwischen Terranern und Zitadellern kommt.
Strahlend hell blitzte die Sonne durch die Kronen der Baumreihe, als ein großer Zweispänner durch eine lange Allee brauste.
„In Kürze sind wir da eure Majestät.“, „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst. Ich bin nicht mein Großvater!“ „Ihr seid jedoch sein Erbe und …“, „Und was?!“ „… Und der zweihundertfünfzigste Jahrestag der Wiedergeburt rückt näher. Jeder rechnet damit, dass der Kaiser euch zu dies …“, „Was?! Dass er abdankt und mich inthronisiert? Was oder wer sagt euch, dass ich dies überhaupt anstrebe, geschweige denn annehmen würde? Und jetzt Schluss damit! Schon genug, dass jeder an der Akademie weiß, wer ich bin. Da muss ich nicht auch noch ständig von euch daran erinnert werden, Marius!“, „Verstanden, … junger Herr.“ „Einfach Max. Marius, einfach nur Max.“
„250 Jahre ist es nun her, dass sich die Terraner wieder aus ihren Höhlen wagten. Warum sich unsere Ahnen unter der Erde verbarrikadierten, weiß heute keiner mehr. Auch sonst sind unsere Informationen aus der alten Welt mehr als bescheiden. Was es noch an Informationen gibt, wird unseren Heranwachsenden an der Akademie eingetrich …, unterrichtet. So jedenfalls in unserem Land Terrenus. Unsere Ahnen stiegen vor 250 Jahren zeitgleich aus drei Höhlen wieder empor. Terrenus, Zitadelle und einer dritten Höhle mit unbekanntem Namen. Wie wir, siedelten auch die Zitadeller auf einem eigenen Erdteil und benannten ihr Land nach ihrer Höhle. Sie nennen ihre Höhle ‚Bunker‘, warum auch immer. Der Kontakt zwischen beiden Völkern ist recht gering, aber zumindest friedlich. Schwerer hatten es da die wenigen Terraner aus der dritten Höhle. Es kamen vor 250 Jahren nur eine Hand voll wieder an die Oberfläche und sie sprachen in einer völlig unverständlichen Sprache. Als sie meinen Ahnen erstmals begegneten, konnten sie sich kaum miteinander verständigen. Sie wurden aber in Terrenus aufgenommen und gliederten sich mehr oder weniger in die Gesellschaft ein. Heute bilden deren Nachfahren jedoch immer noch nur eine kleine Randgesellschaft, ohne wirkliche Aufstiegsmöglichkeiten, sie verrichten niedere Arbeiten.
Erst kürzlich fanden Historiker beider Länder heraus, dass es wohl einige mehr unterirdische Zufluchtsstätten überall auf Terra gab. Warum nur unsere drei die Jahre überstanden, ist nach wie vor ein Rätsel.
Ich bin Maximus Claudius, Sohn des Virus. Nach dem Tod meines Vaters, Thronfolger auf den Thron der Terraner in Terrenus. Es war mein Ahnherr Markus Augustus, der die Terraner vor 250 Jahren wieder an die Oberfläche führte. Den Überlieferungen zufolge war es auch mein Geschlecht, das unser Volk in der Höhle über die Jahrhunderte hinweg regierte. In der Akademie wird seither gelehrt, dass es mein Ahnherr Julius Claudius Invictus war, als strahlender, glorreicher, siegreicher Feldherr, der unser Volk vor über 700 Jahren in die Höhle führte. Wie siegreich mein Ahnherr tatsächlich war, nachdem er sein Volk schließlich unter die Erde führen musste, wurde jedoch nirgends festgehalten. Auch wie die Welt vor dem Untergang aussah, ist nicht mehr bekannt. Nur wenige schriftliche Zeugnisse haben die Jahre überlebt. In der Zitadelle wohl noch um einiges mehr als bei uns. Zumindest zeigen die Zitadeller oft ein weit fortgeschritteneres Verständnis für Technik und Wissenschaft. Was aber leider auch dem Misstrauen zwischen den Völkern zuträglich ist. Je mehr die Jahrzehnte ins Land ziehen, desto mehr zeigen sich die Unterschiede in der Entwicklung unserer Länder. Werden in Terrenus vor allem Erhalt und bestehendes Wissen gefördert, strebt die Zitadelle nach immer mehr Wissen und, so wird ihnen von unserer Seite oft unterstellt, nach mehr Macht und Einfluss.
Warum diese Unterschiede in den letzten 250 Jahren nie eskalierten und zu Auseinandersetzungen geführt haben? Darüber lässt sich streiten. Ich nehme an, dass es jedem Terraner sehr wohl bewusst ist, warum wir Jahrhunderte unter der Erde verbrachten, es nur niemand laut aussprechen will. –Krieg!
Warum? Worum? Weshalb? Keine Ahnung. Historiker der Zitadelle sichteten nur zaghaft Quellen, wonach ein Konflikt verschiedener Systeme, der sich über Jahrhunderte hinzog, schließlich in einem ultimativen Feuersturm endete. Die Historiker fanden in verwitterten vorzeitlichen Manuskripten nur Hinweise auf zwei große Feldherren namens Allah und Jesus, die ihre Heerscharen aufeinander hetzten.
Wie auch immer, wird seither versucht, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und den Frieden in unserer Zeit zu sichern.“
Verdrossen und gelangweilt starrte Maximus aus dem Kutschenfenster durch die hohen Lindenbäume der Allee in die Ferne. Hinter den Bäumen ein weites offenes Grasland, der feuchte Morgentau glitzert in der warmen Morgensonne, Schmetterlinge und Libellen spielen im sanften Wind, Vögel trällern ihr Lied. Und aus der Kutsche ertönt ein sehnsüchtiges Seufzen.
Maximus, 20 Jahre alt, 1,80 Meter, schlank, braune, leicht zerzauste Haare. Gekleidet in einer modernen enganliegenden Schuluniform. Hemd und Anzug, die Krawatte nicht unbedingt wie vorgesehen zu locker um den Hals gebunden. Neben ihm, Maximus’ Kammerdiener Marius. Ein etwa 65 Jahre alter, ebenfalls lang und schlank gewachsener Mann. Gekleidet in akkurat angelegtem Dienstlivree, sauber und adrett. Marius, Maximus zur Linken sitzend, kümmerte sich bereits seit dessen Geburt um die Anliegen. Seiner korrekten, stellungsbewussten Art geschuldet, konnte sich Marius nie mit dem von Maximus oft gewünschten und auch befohlenen gleichgestellten Umgang untereinander anfreunden. Nicht nur steif in der Körperhaltung richtet Marius stets förmlich korrekt das Wort an seinen Herrn.
„Wir sind da – Herr Maximus. Ich wünsche euch einen schönen und erfolgreichen Tag.“
Kaum ausgesprochen, weitete sich die Allee in einen großen Platz. Im Zentrum ein großer, prunkvoller Springbrunnen, den die Kutsche sogleich zur Hälfte umrundete. Dann hielt sie vor einem riesigen mehrgeschossigen Bachsteinhaus mit großen, im Sonnenlicht blitzenden Fenstern.
„Danke, Marius. Wird heute sicher länger dauern, werde selbst nach Hause finden“, sagte Maximus Augen rollend und sprang aus der Kutsche. „Sehr wohl, eure Majestät!“
Maximus schenkte Marius noch einen kurzen Blick auf die abfahrende Kutsche, da ertönte es von weitem: „Max! Maaax!“
Ein junger, blonder, etwas feister Mann kommt auf Maximus zugelaufen. „Alex! Nicht so eilig, du überschlägst dich noch“, lächelte ihm Maximus entgegen. „Gut auf die Abschlussprüfungen heute vorbereitet?“, „Denke ja, wird schon. Du?“, „Machst du Witze? Schon vergessen, dass vom Ergebnis der Prüfungen die Aufnahme ins Wächterprogramm abhängig ist?“, „Hab’ ich gehört. Und weiter?“, grinste Maximus süffisant. Alex wusste sehr wohl, dass Maximus aufgrund seiner Stellung ohnehin am Programm teilnehmen würde. Ohne zu wissen, dass Maximus nie ohne seinen besten Freund, der sich nichts sehnlicher wünschte als die Teilnahme am Wächterprogramm, teilnehmen würde.
Hypernervös textete Alex Maximus über den Prüfungsstoff zu, während sich die beiden ihren Weg durch die langen, gut besuchten Gänge der Akademie in Richtung ihres Vortragssaales bahnten. Je näher die beiden dem Saal kamen, umso unruhiger wurde Alex. Vor dem großen Doppelflügel-Eingang war Alex kurz vorm Kollaps, als Maximus abrupt stoppte und Alex an den Armen packte, ihm tief in die Augen schaute und ihn beschwor: „Jetzt hör mal genau zu. Ganz ruhig! Tief durchatmen! Nur Mut! Alter, du bist top vorbereitet. Du machst das schon!“ Alex blickte ihn an und nickte dankbar, unfähig, noch ein Wort zu sagen. Zugleich zog ihn Maximus am Arm in den Saal, ohne zu merken, dass hinter den beiden eine junge Dame an ihnen vorbeihuschen wollte. Kollision unausweichlich.
„Hey, was soll das, hast du keine Augen im Kopf, Mann!“, „Hoppla, tut leid. Mein Fehler“, entschuldigte sich Maximus devot. Die junge Dame blickte leicht entnervt, sichtlich auch angespannt aufgrund der Prüfungen, an Maximus vorbei zum kreidebleichen Alex: „Geht’s dem gut? Glaube, der macht’s nimmer lang.“ „Aber ja, dem geht’s gut. Hallo, ich bi …“ „Seh’ ich so aus, als ob mich das interessiert? Seht lieber zu, dass ihr da reinkommt und geht mir nicht auf die Nerven!“, fauchte die junge Dame Maximus an und stürmte in den Saal hinein, zielstrebig auf ihren Platz zu. Maximus war sichtlich fasziniert und sah ihr musternd nach. Eine wunderschöne zierliche Gestalt, ca. 1,65 Meter groß, eine lange, glatte, blonde Mähne, die wie ein Strom aus purem Gold ihren Rücken hinablief. Maximus fasziniert zu Alex: „Wer war das, kennst du die?“ „Was? Wer?“ Alexander war definitiv nicht mehr Herr der Lage und nur noch auf die Prüfung fokussiert.
Schnell füllte sich der große Saal, bis zum letzten Platz. Kaum saß der Letzte, betrat ein dicker, grauhaariger, recht alter Mann mit einem Stapel Papierbögen im Arm den Saal und stellte sich in die Mitte ans Rednerpult: „Guten Morgen, sehr geehrte Damen und Herren. Ich hoffe, Sie haben sich alle gut auf die heutigen Prüfungen vorbereitet. Wie Sie bereits wissen, erhalten nur die zehn Besten unter Ihnen die Chance auf einen der begehrten Plätze im Wächterprogramm. Ich wünsche Ihnen allen viel Glück!“
Die Stunden verstrichen, Maximus und Alexander schlossen ihre Prüfungen nacheinander ab und trafen sich vor dem Saal im Gang. Alexander war sichtlich erleichtert, jedoch weiterhin extrem aufgekratzt, und textete Maximus von der Seite zu. Dieser vernahm kein Wort von Alexanders Tirade, sein Blick schweifte an Alexander vorbei, als die junge Dame von vorhin aus dem Saal kam und mit anderen Damen den Gang runterging. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, ließ Maximus Alexander links liegen und stürmte auf die junge Dame zu: „Hey, na wie waren die Prüfungen? Ich heiße übrigens Maximus! Und du bist?!“, flog Maximus die Dame an. „Hallo. Danke, ganz gut! Interessiert mich nicht! Geht dich nichts an! Auf Wiedersehen!“, wies die Dame Maximus kurz und knapp zurück, wendete sich ab und ging weiter. „Hey, jetzt warte doch mal!“, stolperte Maximus ihr nach: „Darf ich nicht mal deinen Namen erfahren?“ „Wozu willst du wissen, wie ich heiße?“ „Vielleicht einfach nur, um zu wissen, wer mich zu einfach in der Gegend stehen lässt.“ „Na von mir aus –, Luzilla! OK, war’s das jetzt?“, antwortete sie entnervt. „Lu, wo bleibst du, komm schon!“, ertönte es von Weitem. Maximus mit gehässigem Grinsen im Gesicht: „Also dann bis später Lu, wir sehen uns, Lu!“ „Für dich Luzilla! Und NEIN!“, rief Lu abweisend und lief von dannen.
„Na, das war wohl nix!“, grinste Alexander Maximus ins Genick. „Ahh, lass gut sein. Komm schon, hauen wir ab von hier!“, Maximus geknickt.
Es war ein langer, schwerer Tag für die beiden, den sie in einem kleinen Café auf dem Akademiegelände ausklingen ließen. Und für Alexander gab es weiterhin nur ein Thema: „Also, was hast du bei Frage drei geschrieben? Ich war mir nicht sicher, wie ich die Frage verstehen … hey, alles OK mit dir? Hallooo, hörst du mir überhaupt zu?“ „Hmm was? Oh, sorry, ja klar. Was ist?“ „Denkst du immer noch an diese, wie hieß sie?“ „Luzilla“, erwiderte Maximus verträumt. „Vergiss sie, Max! Sollten wir wirklich ins Wächterprogramm aufgenommen werden, …“ „Entspann dich, Ende der Woche sind wir bereits unterwegs.“
Ungläubig, ohne ein weiteres Wort zu sagen, schüttelte Alexander den Kopf. Vom ersten Tag an der Akademie an waren die beiden Freunde und unzertrennlich. So wusste Alexander natürlich auch, woran er mit Maximus war, ließ ihn dies aber nie spüren, was Maximus ihm sehr hoch anrechnete. Maximus wunderte sich anfangs noch über den einfachen und ungezwungenen Umgang, den er von Anfang an mit Alexander pflegen konnte, erkannte aber schnell Alexanders empathisches Talent.
Zwei Tage vergingen, zwei ereignislose Tage des Wartens auf die Prüfungsergebnisse: „Max! Maaax! Sie sind da! Die Ergebnisse sind da!“ „Na, hast du’s geschafft?“, erwiderte Maximus seelenruhig. „Weiß noch nicht, sie werden gerade ausgehängt. Komm schon!“, stieß Alexander aus und zerrte Maximus den Gang entlang zu einer großen Pinnwand, vor der sich eine Menschenmeute um eine streng dreinblickende, etwas ältere Dame tummelte, die gerade einen großen Zettel anbrachte und sich danach wortlos ihren Weg durch die Menge bahnte. Einige Minuten dauerte es, doch dann: „Ich bin dabei! Max, Max! Ich hab’s geschafft!“ „Na siehst du, hab’ ich dir ja gesagt.“ „Aber was ist mit dir?“ „Was soll mit mir sein?“ „Na ja, deinen Namen hab’ ich nicht auf der Liste gesehen.“ Maximus erwiderte nichts weiter, wartete, bis sich die Meute lichtete, trat dann an die Wand und ging die Namen durch. Nichts. „Was jetzt, Max?“, fragte Alexander besorgt.
Maximus verlor kein weiteres Wort. Mit steinerner Miene zog er von dannen, sichtlich mit der Situation überfordert. Für ihn ein völlig neues Gefühl, mit dem er offenbar nicht umgehen konnte. Besorgt blickte Alexander ihm nach, wusste aber, dass er ihm nun nicht helfen konnte und Maximus alleine seine Gedanken ordnen musste. Maximus nahm nichts von seiner Umgebung mehr wahr, als er durch den langen Gang in Richtung Haupttor streifte. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf: „Ist die Liste falsch? Hatte ich mich so sehr getäuscht und hätte ich mich doch mehr bei der Prüfung anstrengen müssen? Wo liegt der Fehler? Was habe ich nicht bedacht, …?“ Vor der Akademie angelangt bliebt Maximus stehen, hob den Kopf und blickte in den Himmel: „Nein, mein Ergebnis bei der Prüfung war ausreichend! Ich weiß, was ich kann, wer ich bin, wozu ich bestimmt bin!“, schrie er sich innerlich selbst zu, ballte erzürnt die Fäuste und lief los. Er lief nicht die Allee entlang, er sah sein Ziel genau vor Augen und stürmte geradewegs darauf zu. Mit einem beherzten Satz über die Hecke sprang er auf die saftig grüne Wiese und lief in Richtung Stadt. 15 Kilometer alleine bis zur Stadtgrenze, er dachte nicht dran. Wie aufgezogen huschte er von der Wiese an den ersten Häusern am Stadtrand vorbei und näherte sich der Hauptstraße, die direkt zu seinem Ziel führte: der Palast.
Es dämmerte bereits, als Maximus ungebremst auf das Haupttor des Komplexes zu hastete. „Halt, im Namen des Kaisers!“, brüllte ein Wachsoldat Maximus entgegen. Dieser setzte seinen Lauf ungebremst fort. Die beiden Wachsoldaten am Tor stellten sich vor eben dieses und hielten ihre Waffen im Anschlag: „Das ist meine letzte Warnung! Halt! Stehenbleiben!“ Maximus hastete weiter, lenkte im letzten Moment dann aber doch ein und stoppte abrupt, gut 20 Zentimeter vor den Gewehrmündungen der Wachen. Sein Blick war gesenkt, die Atmung schwer. „Wer sind …“ Maximus hob langsam den Kopf. Und blickte die Wachsoldaten mit einem Blick an, der mehr als tausend Worte sagte. Ein durchdringender, scharfer Blick, der jedem das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Eu … Eure Maj … Majestät?! Es tut mir leid, wir haben euch nicht sofort erkannt“, entschuldigte sich der Wachsoldat eingeschüchtert und trat gleichzeitig mit seinem Kollegen zur Seite. Ohne eine weitere Sekunde an die beiden zu verschwenden, raste Maximus weiter zum Palast. Die beiden Wachsoldaten schauten Maximus verdutzt nach, der eine zum anderen: „Na, da drin wird’s wohl gleich richtig laut werden.“
Am Hauptportal des Palastes angekommen: „Wo ist er?!!“, fiel Maximus eine der Palastbediensteten an. „Eure Majestät?“ „Mein Großvater. Wo ist der verdammte Kaiser?!!“ „Der Kaiser waltet in seinem Amtszimmer, eure Majestät.“ Maximus setzte seinen Lauf ohne ein, wie für ihn normalerweise selbstverständlich, Wort des Dankes fort. Die Palastbedienstete rief ihm noch nach: „Aber er darf nicht gestört werden, eure Majestät!“ Unklar, ob Maximus dies noch hörte oder es ihm schlicht egal war. Er hastete den imposanten Treppenaufgang hinauf. Das Amtszimmer des Kaisers lag im ersten Stock des Palastes, am Ende eines langen Ganges. Auf der einen Seite des Ganges hingen große Porträts seiner Ahnen der letzten 250 Jahre, auf der anderen Seite, immer gegenüber der Gemälde, befanden sich große, gut 2,50 Meter hohe Fenster, mit Blick über die gesamte Stadt bis hinunter zum Hafen. Doch Maximus’ Blick streifte weder nach links noch rechts ab. Zielstrebig lief er auf eine große zweiflüglige weiße Tür mit goldenen Schnallen zu. An der Tür angelangt riss er beide Flügel ohne zu zögern weit auf und stürmte ins Amtszimmer. Wobei „Zimmer“ leicht untertrieben ist. Maximus fand sich in einem weiten, Licht durchfluteten Saal wieder. Der Boden mit Samtteppich ausgelegt, die Wände mit Fresken verziert. Ein großer, massiver, aber auch prunkvoller Tisch mit zwölf Samt gepolsterten Stühlen füllte den Saal. Am linken Ende stand ein großer Schreibtisch mit Marmorplatte. Darauf übliche, aber erstklassige, vergoldete Schreibutensilien. Gerade am Tisch in Unterlagen vertieft, ein betagter, alter Mann. Gekleidet in einer ordentlich zurechtgemachten Offiziersuniform, mit allen möglichen Medaillen und Rangabzeichen versehen. Der alte Mann trug einen akkurat getrimmten Schnurrbart und ein, mit einer goldenen Kette an der Uniform befestigtes, Monokel im rechten Auge, das er zusammenkniff, damit dieses nicht herunterfiel. Als Maximus hereinstürmte, blickte der alte Mann auf in dessen Richtung: „Maximus, mein Junge. Was ist los? Du weißt doch, ich habe zu arbeiten.“ Maximus, bereits im Saal, schritt vor zum Schreibtisch des Kaisers und blieb circa einen Meter davor stehen: „Was, … was soll das?“ „Was soll was?“ Da wurde Maximus bewusst, dass er sich vor lauter Rage noch nicht ein Wort zurechtgelegt hatte, das er dem Kaiser ins Gesicht schmettern wollte. „Ich, … heute war, …“ „Na was? Jetzt sprich schon, mein Junge! Was bedrückt dich?“, fragte der Kaiser fürsorglich. „Wieso stehe ich nicht auf der Liste für die heurigen Anwärter auf das Wächterprogramm?!“, fragte Maximus verzweifelt. Der Kaiser erkannte sofort, worum es Maximus ging, ließ sich in die Lehne seines Stuhls zurückfallen und antwortete: „Ahh. – Wie kommst du bitte auf die Idee, ich würde es einfach so zulassen, dass mein Enkel, der Thronerbe unseres Landes, Dienst als Fluglotse oder Mechaniker beim Militär verrichtet? Oder hast du erwartet, du würdest dich einfach so, weil du mein Enkel bist, in eines dieser Höllengeräte setzen?“ „Wo und wie ich meinen Dienst versehe, ist meine Sache, nicht deine, Großvater! Ich käme auch locker mit meinen Leistungen in eines dieser ‚Höllengeräte‘! Ich brauche weder deinen Namen, noch deine Erlaubnis! Eure Majestät!“, konterte Maximus zutiefst erbost. „Und genau da irrst du, mein Junge. Noch bin ich der Kaiser und ich sage dir, wie du dich zu verhalten und welche Laufbahn du zu verfolgen hast! Es mag dir nicht gefallen, das erwarte ich auch nicht von dir. Doch du wirst, wie auch ich auf meinen Vater gehört habe und dessen Befehle befolgt habe, auch auf mich hören!“ „Ich bin nicht dein Sklave! Wie kommst du auf die Idee, mir mein Schicksal zu diktieren!“ „Ach Junge, du hast doch noch nicht im Geringsten eine Vorstellung von deinem Schicksal.“ Es folgte Stille. Die beiden blickten einander tief in die Augen. Auch wenn Maximus es nicht wahrhaben wollte, war ihm, wie bei jeder Diskussion mit seinem Großvater, bewusst, dass dieser ihm mit seiner Art der Gesprächsführung, seinem Talent, seine Stimme im richtigen Moment zu heben und zu senken, haushoch überlegen war. Maximus stand regungslos da, verzweifelt sein Hirn nach den richtigen Worten durchstöbernd, für einige Sekunden, ihm kamen sie wie Stunden vor. „Maximus, du musst verstehen, für dich ist ein weit bedeutenderer Weg im Leben vorgesehen, auf den du dich vorbereiten musst. Ich werde nicht ewig da sein. Es wird künftig dir obliegen, unser Volk zu lenken und zu leiten.“ „Wozu hast du mich dann überhaupt auf die Akademie geschickt? Warum hast du mir dann den Umgang mit anderen Terranern gewährt? Und hast zugelassen, dass ich mich mit anderen anfreunde? Mit meinen zukünftigen Untertanen. Was hatte mein bisheriges Leben dann überhaupt für einen Sinn?“ Maximus war den Tränen nahe.
Der Kaiser senkte seinen Blick seufzend: „Mein Junge. Es tut mir leid. Ich weiß, es war nie leicht für dich, mit dieser Last zu leben, und ich werde dir auch nicht versprechen,, dass es jemals leichter werden könnte.“ Der Kaiser erhob sich, schritt zu einem der großen Fenster und blickte hinaus auf die weite Stadt. „Also gut, ich werde mir etwas überlegen.“ „Danke, Großvater.“ „Sei nicht zu vorschnell mit deiner Euphorie! Ich sagte nur, dass ich mir etwas überlegen werden. Doch sei dir gewiss, egal wie wir beide verbleiben, es werden grundlegende Veränderungen auf dich und dein weiteres Leben zukommen. Nun geh, ich habe noch zu tun! Wir treffen uns später im großen Salon.“
„Eure Majestät“, verneigte sich Maximus anerkennend, verließ ruhigen Schrittes den Raum und schloss die Türen. Gedankenverloren schlenderte Maximus den Gang hinunter. Den ganzen Nachmittag beschäftigte ihn das Gespräch mit seinem Großvater. Was hätte dieser sich überlegt? Was würde er planen? Die Nervosität in Maximus steigerte sich kontinuierlich.
Der Tag verging. Maximus versuchte vergebens, sich durch Lesen und Studium abzulenken. Es dämmerte, als sich Maximus im Salon des Palastes einfand. Der Salon war ganz in Samt ausgekleidet, durch zwei große Fenster leuchtete das feuerrote Dämmerlicht, begleitet vom Flackern des Kaminfeuers, das in der Mitte des Raums aus einem opulenten Kamin loderte. Vor dem Kamin standen zwei große, bequeme, sich schräg zugewandte Ledersessel.
...
„In Kürze sind wir da eure Majestät.“, „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst. Ich bin nicht mein Großvater!“ „Ihr seid jedoch sein Erbe und …“, „Und was?!“ „… Und der zweihundertfünfzigste Jahrestag der Wiedergeburt rückt näher. Jeder rechnet damit, dass der Kaiser euch zu dies …“, „Was?! Dass er abdankt und mich inthronisiert? Was oder wer sagt euch, dass ich dies überhaupt anstrebe, geschweige denn annehmen würde? Und jetzt Schluss damit! Schon genug, dass jeder an der Akademie weiß, wer ich bin. Da muss ich nicht auch noch ständig von euch daran erinnert werden, Marius!“, „Verstanden, … junger Herr.“ „Einfach Max. Marius, einfach nur Max.“
„250 Jahre ist es nun her, dass sich die Terraner wieder aus ihren Höhlen wagten. Warum sich unsere Ahnen unter der Erde verbarrikadierten, weiß heute keiner mehr. Auch sonst sind unsere Informationen aus der alten Welt mehr als bescheiden. Was es noch an Informationen gibt, wird unseren Heranwachsenden an der Akademie eingetrich …, unterrichtet. So jedenfalls in unserem Land Terrenus. Unsere Ahnen stiegen vor 250 Jahren zeitgleich aus drei Höhlen wieder empor. Terrenus, Zitadelle und einer dritten Höhle mit unbekanntem Namen. Wie wir, siedelten auch die Zitadeller auf einem eigenen Erdteil und benannten ihr Land nach ihrer Höhle. Sie nennen ihre Höhle ‚Bunker‘, warum auch immer. Der Kontakt zwischen beiden Völkern ist recht gering, aber zumindest friedlich. Schwerer hatten es da die wenigen Terraner aus der dritten Höhle. Es kamen vor 250 Jahren nur eine Hand voll wieder an die Oberfläche und sie sprachen in einer völlig unverständlichen Sprache. Als sie meinen Ahnen erstmals begegneten, konnten sie sich kaum miteinander verständigen. Sie wurden aber in Terrenus aufgenommen und gliederten sich mehr oder weniger in die Gesellschaft ein. Heute bilden deren Nachfahren jedoch immer noch nur eine kleine Randgesellschaft, ohne wirkliche Aufstiegsmöglichkeiten, sie verrichten niedere Arbeiten.
Erst kürzlich fanden Historiker beider Länder heraus, dass es wohl einige mehr unterirdische Zufluchtsstätten überall auf Terra gab. Warum nur unsere drei die Jahre überstanden, ist nach wie vor ein Rätsel.
Ich bin Maximus Claudius, Sohn des Virus. Nach dem Tod meines Vaters, Thronfolger auf den Thron der Terraner in Terrenus. Es war mein Ahnherr Markus Augustus, der die Terraner vor 250 Jahren wieder an die Oberfläche führte. Den Überlieferungen zufolge war es auch mein Geschlecht, das unser Volk in der Höhle über die Jahrhunderte hinweg regierte. In der Akademie wird seither gelehrt, dass es mein Ahnherr Julius Claudius Invictus war, als strahlender, glorreicher, siegreicher Feldherr, der unser Volk vor über 700 Jahren in die Höhle führte. Wie siegreich mein Ahnherr tatsächlich war, nachdem er sein Volk schließlich unter die Erde führen musste, wurde jedoch nirgends festgehalten. Auch wie die Welt vor dem Untergang aussah, ist nicht mehr bekannt. Nur wenige schriftliche Zeugnisse haben die Jahre überlebt. In der Zitadelle wohl noch um einiges mehr als bei uns. Zumindest zeigen die Zitadeller oft ein weit fortgeschritteneres Verständnis für Technik und Wissenschaft. Was aber leider auch dem Misstrauen zwischen den Völkern zuträglich ist. Je mehr die Jahrzehnte ins Land ziehen, desto mehr zeigen sich die Unterschiede in der Entwicklung unserer Länder. Werden in Terrenus vor allem Erhalt und bestehendes Wissen gefördert, strebt die Zitadelle nach immer mehr Wissen und, so wird ihnen von unserer Seite oft unterstellt, nach mehr Macht und Einfluss.
Warum diese Unterschiede in den letzten 250 Jahren nie eskalierten und zu Auseinandersetzungen geführt haben? Darüber lässt sich streiten. Ich nehme an, dass es jedem Terraner sehr wohl bewusst ist, warum wir Jahrhunderte unter der Erde verbrachten, es nur niemand laut aussprechen will. –Krieg!
Warum? Worum? Weshalb? Keine Ahnung. Historiker der Zitadelle sichteten nur zaghaft Quellen, wonach ein Konflikt verschiedener Systeme, der sich über Jahrhunderte hinzog, schließlich in einem ultimativen Feuersturm endete. Die Historiker fanden in verwitterten vorzeitlichen Manuskripten nur Hinweise auf zwei große Feldherren namens Allah und Jesus, die ihre Heerscharen aufeinander hetzten.
Wie auch immer, wird seither versucht, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und den Frieden in unserer Zeit zu sichern.“
Verdrossen und gelangweilt starrte Maximus aus dem Kutschenfenster durch die hohen Lindenbäume der Allee in die Ferne. Hinter den Bäumen ein weites offenes Grasland, der feuchte Morgentau glitzert in der warmen Morgensonne, Schmetterlinge und Libellen spielen im sanften Wind, Vögel trällern ihr Lied. Und aus der Kutsche ertönt ein sehnsüchtiges Seufzen.
Maximus, 20 Jahre alt, 1,80 Meter, schlank, braune, leicht zerzauste Haare. Gekleidet in einer modernen enganliegenden Schuluniform. Hemd und Anzug, die Krawatte nicht unbedingt wie vorgesehen zu locker um den Hals gebunden. Neben ihm, Maximus’ Kammerdiener Marius. Ein etwa 65 Jahre alter, ebenfalls lang und schlank gewachsener Mann. Gekleidet in akkurat angelegtem Dienstlivree, sauber und adrett. Marius, Maximus zur Linken sitzend, kümmerte sich bereits seit dessen Geburt um die Anliegen. Seiner korrekten, stellungsbewussten Art geschuldet, konnte sich Marius nie mit dem von Maximus oft gewünschten und auch befohlenen gleichgestellten Umgang untereinander anfreunden. Nicht nur steif in der Körperhaltung richtet Marius stets förmlich korrekt das Wort an seinen Herrn.
„Wir sind da – Herr Maximus. Ich wünsche euch einen schönen und erfolgreichen Tag.“
Kaum ausgesprochen, weitete sich die Allee in einen großen Platz. Im Zentrum ein großer, prunkvoller Springbrunnen, den die Kutsche sogleich zur Hälfte umrundete. Dann hielt sie vor einem riesigen mehrgeschossigen Bachsteinhaus mit großen, im Sonnenlicht blitzenden Fenstern.
„Danke, Marius. Wird heute sicher länger dauern, werde selbst nach Hause finden“, sagte Maximus Augen rollend und sprang aus der Kutsche. „Sehr wohl, eure Majestät!“
Maximus schenkte Marius noch einen kurzen Blick auf die abfahrende Kutsche, da ertönte es von weitem: „Max! Maaax!“
Ein junger, blonder, etwas feister Mann kommt auf Maximus zugelaufen. „Alex! Nicht so eilig, du überschlägst dich noch“, lächelte ihm Maximus entgegen. „Gut auf die Abschlussprüfungen heute vorbereitet?“, „Denke ja, wird schon. Du?“, „Machst du Witze? Schon vergessen, dass vom Ergebnis der Prüfungen die Aufnahme ins Wächterprogramm abhängig ist?“, „Hab’ ich gehört. Und weiter?“, grinste Maximus süffisant. Alex wusste sehr wohl, dass Maximus aufgrund seiner Stellung ohnehin am Programm teilnehmen würde. Ohne zu wissen, dass Maximus nie ohne seinen besten Freund, der sich nichts sehnlicher wünschte als die Teilnahme am Wächterprogramm, teilnehmen würde.
Hypernervös textete Alex Maximus über den Prüfungsstoff zu, während sich die beiden ihren Weg durch die langen, gut besuchten Gänge der Akademie in Richtung ihres Vortragssaales bahnten. Je näher die beiden dem Saal kamen, umso unruhiger wurde Alex. Vor dem großen Doppelflügel-Eingang war Alex kurz vorm Kollaps, als Maximus abrupt stoppte und Alex an den Armen packte, ihm tief in die Augen schaute und ihn beschwor: „Jetzt hör mal genau zu. Ganz ruhig! Tief durchatmen! Nur Mut! Alter, du bist top vorbereitet. Du machst das schon!“ Alex blickte ihn an und nickte dankbar, unfähig, noch ein Wort zu sagen. Zugleich zog ihn Maximus am Arm in den Saal, ohne zu merken, dass hinter den beiden eine junge Dame an ihnen vorbeihuschen wollte. Kollision unausweichlich.
„Hey, was soll das, hast du keine Augen im Kopf, Mann!“, „Hoppla, tut leid. Mein Fehler“, entschuldigte sich Maximus devot. Die junge Dame blickte leicht entnervt, sichtlich auch angespannt aufgrund der Prüfungen, an Maximus vorbei zum kreidebleichen Alex: „Geht’s dem gut? Glaube, der macht’s nimmer lang.“ „Aber ja, dem geht’s gut. Hallo, ich bi …“ „Seh’ ich so aus, als ob mich das interessiert? Seht lieber zu, dass ihr da reinkommt und geht mir nicht auf die Nerven!“, fauchte die junge Dame Maximus an und stürmte in den Saal hinein, zielstrebig auf ihren Platz zu. Maximus war sichtlich fasziniert und sah ihr musternd nach. Eine wunderschöne zierliche Gestalt, ca. 1,65 Meter groß, eine lange, glatte, blonde Mähne, die wie ein Strom aus purem Gold ihren Rücken hinablief. Maximus fasziniert zu Alex: „Wer war das, kennst du die?“ „Was? Wer?“ Alexander war definitiv nicht mehr Herr der Lage und nur noch auf die Prüfung fokussiert.
Schnell füllte sich der große Saal, bis zum letzten Platz. Kaum saß der Letzte, betrat ein dicker, grauhaariger, recht alter Mann mit einem Stapel Papierbögen im Arm den Saal und stellte sich in die Mitte ans Rednerpult: „Guten Morgen, sehr geehrte Damen und Herren. Ich hoffe, Sie haben sich alle gut auf die heutigen Prüfungen vorbereitet. Wie Sie bereits wissen, erhalten nur die zehn Besten unter Ihnen die Chance auf einen der begehrten Plätze im Wächterprogramm. Ich wünsche Ihnen allen viel Glück!“
Die Stunden verstrichen, Maximus und Alexander schlossen ihre Prüfungen nacheinander ab und trafen sich vor dem Saal im Gang. Alexander war sichtlich erleichtert, jedoch weiterhin extrem aufgekratzt, und textete Maximus von der Seite zu. Dieser vernahm kein Wort von Alexanders Tirade, sein Blick schweifte an Alexander vorbei, als die junge Dame von vorhin aus dem Saal kam und mit anderen Damen den Gang runterging. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, ließ Maximus Alexander links liegen und stürmte auf die junge Dame zu: „Hey, na wie waren die Prüfungen? Ich heiße übrigens Maximus! Und du bist?!“, flog Maximus die Dame an. „Hallo. Danke, ganz gut! Interessiert mich nicht! Geht dich nichts an! Auf Wiedersehen!“, wies die Dame Maximus kurz und knapp zurück, wendete sich ab und ging weiter. „Hey, jetzt warte doch mal!“, stolperte Maximus ihr nach: „Darf ich nicht mal deinen Namen erfahren?“ „Wozu willst du wissen, wie ich heiße?“ „Vielleicht einfach nur, um zu wissen, wer mich zu einfach in der Gegend stehen lässt.“ „Na von mir aus –, Luzilla! OK, war’s das jetzt?“, antwortete sie entnervt. „Lu, wo bleibst du, komm schon!“, ertönte es von Weitem. Maximus mit gehässigem Grinsen im Gesicht: „Also dann bis später Lu, wir sehen uns, Lu!“ „Für dich Luzilla! Und NEIN!“, rief Lu abweisend und lief von dannen.
„Na, das war wohl nix!“, grinste Alexander Maximus ins Genick. „Ahh, lass gut sein. Komm schon, hauen wir ab von hier!“, Maximus geknickt.
Es war ein langer, schwerer Tag für die beiden, den sie in einem kleinen Café auf dem Akademiegelände ausklingen ließen. Und für Alexander gab es weiterhin nur ein Thema: „Also, was hast du bei Frage drei geschrieben? Ich war mir nicht sicher, wie ich die Frage verstehen … hey, alles OK mit dir? Hallooo, hörst du mir überhaupt zu?“ „Hmm was? Oh, sorry, ja klar. Was ist?“ „Denkst du immer noch an diese, wie hieß sie?“ „Luzilla“, erwiderte Maximus verträumt. „Vergiss sie, Max! Sollten wir wirklich ins Wächterprogramm aufgenommen werden, …“ „Entspann dich, Ende der Woche sind wir bereits unterwegs.“
Ungläubig, ohne ein weiteres Wort zu sagen, schüttelte Alexander den Kopf. Vom ersten Tag an der Akademie an waren die beiden Freunde und unzertrennlich. So wusste Alexander natürlich auch, woran er mit Maximus war, ließ ihn dies aber nie spüren, was Maximus ihm sehr hoch anrechnete. Maximus wunderte sich anfangs noch über den einfachen und ungezwungenen Umgang, den er von Anfang an mit Alexander pflegen konnte, erkannte aber schnell Alexanders empathisches Talent.
Zwei Tage vergingen, zwei ereignislose Tage des Wartens auf die Prüfungsergebnisse: „Max! Maaax! Sie sind da! Die Ergebnisse sind da!“ „Na, hast du’s geschafft?“, erwiderte Maximus seelenruhig. „Weiß noch nicht, sie werden gerade ausgehängt. Komm schon!“, stieß Alexander aus und zerrte Maximus den Gang entlang zu einer großen Pinnwand, vor der sich eine Menschenmeute um eine streng dreinblickende, etwas ältere Dame tummelte, die gerade einen großen Zettel anbrachte und sich danach wortlos ihren Weg durch die Menge bahnte. Einige Minuten dauerte es, doch dann: „Ich bin dabei! Max, Max! Ich hab’s geschafft!“ „Na siehst du, hab’ ich dir ja gesagt.“ „Aber was ist mit dir?“ „Was soll mit mir sein?“ „Na ja, deinen Namen hab’ ich nicht auf der Liste gesehen.“ Maximus erwiderte nichts weiter, wartete, bis sich die Meute lichtete, trat dann an die Wand und ging die Namen durch. Nichts. „Was jetzt, Max?“, fragte Alexander besorgt.
Maximus verlor kein weiteres Wort. Mit steinerner Miene zog er von dannen, sichtlich mit der Situation überfordert. Für ihn ein völlig neues Gefühl, mit dem er offenbar nicht umgehen konnte. Besorgt blickte Alexander ihm nach, wusste aber, dass er ihm nun nicht helfen konnte und Maximus alleine seine Gedanken ordnen musste. Maximus nahm nichts von seiner Umgebung mehr wahr, als er durch den langen Gang in Richtung Haupttor streifte. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf: „Ist die Liste falsch? Hatte ich mich so sehr getäuscht und hätte ich mich doch mehr bei der Prüfung anstrengen müssen? Wo liegt der Fehler? Was habe ich nicht bedacht, …?“ Vor der Akademie angelangt bliebt Maximus stehen, hob den Kopf und blickte in den Himmel: „Nein, mein Ergebnis bei der Prüfung war ausreichend! Ich weiß, was ich kann, wer ich bin, wozu ich bestimmt bin!“, schrie er sich innerlich selbst zu, ballte erzürnt die Fäuste und lief los. Er lief nicht die Allee entlang, er sah sein Ziel genau vor Augen und stürmte geradewegs darauf zu. Mit einem beherzten Satz über die Hecke sprang er auf die saftig grüne Wiese und lief in Richtung Stadt. 15 Kilometer alleine bis zur Stadtgrenze, er dachte nicht dran. Wie aufgezogen huschte er von der Wiese an den ersten Häusern am Stadtrand vorbei und näherte sich der Hauptstraße, die direkt zu seinem Ziel führte: der Palast.
Es dämmerte bereits, als Maximus ungebremst auf das Haupttor des Komplexes zu hastete. „Halt, im Namen des Kaisers!“, brüllte ein Wachsoldat Maximus entgegen. Dieser setzte seinen Lauf ungebremst fort. Die beiden Wachsoldaten am Tor stellten sich vor eben dieses und hielten ihre Waffen im Anschlag: „Das ist meine letzte Warnung! Halt! Stehenbleiben!“ Maximus hastete weiter, lenkte im letzten Moment dann aber doch ein und stoppte abrupt, gut 20 Zentimeter vor den Gewehrmündungen der Wachen. Sein Blick war gesenkt, die Atmung schwer. „Wer sind …“ Maximus hob langsam den Kopf. Und blickte die Wachsoldaten mit einem Blick an, der mehr als tausend Worte sagte. Ein durchdringender, scharfer Blick, der jedem das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Eu … Eure Maj … Majestät?! Es tut mir leid, wir haben euch nicht sofort erkannt“, entschuldigte sich der Wachsoldat eingeschüchtert und trat gleichzeitig mit seinem Kollegen zur Seite. Ohne eine weitere Sekunde an die beiden zu verschwenden, raste Maximus weiter zum Palast. Die beiden Wachsoldaten schauten Maximus verdutzt nach, der eine zum anderen: „Na, da drin wird’s wohl gleich richtig laut werden.“
Am Hauptportal des Palastes angekommen: „Wo ist er?!!“, fiel Maximus eine der Palastbediensteten an. „Eure Majestät?“ „Mein Großvater. Wo ist der verdammte Kaiser?!!“ „Der Kaiser waltet in seinem Amtszimmer, eure Majestät.“ Maximus setzte seinen Lauf ohne ein, wie für ihn normalerweise selbstverständlich, Wort des Dankes fort. Die Palastbedienstete rief ihm noch nach: „Aber er darf nicht gestört werden, eure Majestät!“ Unklar, ob Maximus dies noch hörte oder es ihm schlicht egal war. Er hastete den imposanten Treppenaufgang hinauf. Das Amtszimmer des Kaisers lag im ersten Stock des Palastes, am Ende eines langen Ganges. Auf der einen Seite des Ganges hingen große Porträts seiner Ahnen der letzten 250 Jahre, auf der anderen Seite, immer gegenüber der Gemälde, befanden sich große, gut 2,50 Meter hohe Fenster, mit Blick über die gesamte Stadt bis hinunter zum Hafen. Doch Maximus’ Blick streifte weder nach links noch rechts ab. Zielstrebig lief er auf eine große zweiflüglige weiße Tür mit goldenen Schnallen zu. An der Tür angelangt riss er beide Flügel ohne zu zögern weit auf und stürmte ins Amtszimmer. Wobei „Zimmer“ leicht untertrieben ist. Maximus fand sich in einem weiten, Licht durchfluteten Saal wieder. Der Boden mit Samtteppich ausgelegt, die Wände mit Fresken verziert. Ein großer, massiver, aber auch prunkvoller Tisch mit zwölf Samt gepolsterten Stühlen füllte den Saal. Am linken Ende stand ein großer Schreibtisch mit Marmorplatte. Darauf übliche, aber erstklassige, vergoldete Schreibutensilien. Gerade am Tisch in Unterlagen vertieft, ein betagter, alter Mann. Gekleidet in einer ordentlich zurechtgemachten Offiziersuniform, mit allen möglichen Medaillen und Rangabzeichen versehen. Der alte Mann trug einen akkurat getrimmten Schnurrbart und ein, mit einer goldenen Kette an der Uniform befestigtes, Monokel im rechten Auge, das er zusammenkniff, damit dieses nicht herunterfiel. Als Maximus hereinstürmte, blickte der alte Mann auf in dessen Richtung: „Maximus, mein Junge. Was ist los? Du weißt doch, ich habe zu arbeiten.“ Maximus, bereits im Saal, schritt vor zum Schreibtisch des Kaisers und blieb circa einen Meter davor stehen: „Was, … was soll das?“ „Was soll was?“ Da wurde Maximus bewusst, dass er sich vor lauter Rage noch nicht ein Wort zurechtgelegt hatte, das er dem Kaiser ins Gesicht schmettern wollte. „Ich, … heute war, …“ „Na was? Jetzt sprich schon, mein Junge! Was bedrückt dich?“, fragte der Kaiser fürsorglich. „Wieso stehe ich nicht auf der Liste für die heurigen Anwärter auf das Wächterprogramm?!“, fragte Maximus verzweifelt. Der Kaiser erkannte sofort, worum es Maximus ging, ließ sich in die Lehne seines Stuhls zurückfallen und antwortete: „Ahh. – Wie kommst du bitte auf die Idee, ich würde es einfach so zulassen, dass mein Enkel, der Thronerbe unseres Landes, Dienst als Fluglotse oder Mechaniker beim Militär verrichtet? Oder hast du erwartet, du würdest dich einfach so, weil du mein Enkel bist, in eines dieser Höllengeräte setzen?“ „Wo und wie ich meinen Dienst versehe, ist meine Sache, nicht deine, Großvater! Ich käme auch locker mit meinen Leistungen in eines dieser ‚Höllengeräte‘! Ich brauche weder deinen Namen, noch deine Erlaubnis! Eure Majestät!“, konterte Maximus zutiefst erbost. „Und genau da irrst du, mein Junge. Noch bin ich der Kaiser und ich sage dir, wie du dich zu verhalten und welche Laufbahn du zu verfolgen hast! Es mag dir nicht gefallen, das erwarte ich auch nicht von dir. Doch du wirst, wie auch ich auf meinen Vater gehört habe und dessen Befehle befolgt habe, auch auf mich hören!“ „Ich bin nicht dein Sklave! Wie kommst du auf die Idee, mir mein Schicksal zu diktieren!“ „Ach Junge, du hast doch noch nicht im Geringsten eine Vorstellung von deinem Schicksal.“ Es folgte Stille. Die beiden blickten einander tief in die Augen. Auch wenn Maximus es nicht wahrhaben wollte, war ihm, wie bei jeder Diskussion mit seinem Großvater, bewusst, dass dieser ihm mit seiner Art der Gesprächsführung, seinem Talent, seine Stimme im richtigen Moment zu heben und zu senken, haushoch überlegen war. Maximus stand regungslos da, verzweifelt sein Hirn nach den richtigen Worten durchstöbernd, für einige Sekunden, ihm kamen sie wie Stunden vor. „Maximus, du musst verstehen, für dich ist ein weit bedeutenderer Weg im Leben vorgesehen, auf den du dich vorbereiten musst. Ich werde nicht ewig da sein. Es wird künftig dir obliegen, unser Volk zu lenken und zu leiten.“ „Wozu hast du mich dann überhaupt auf die Akademie geschickt? Warum hast du mir dann den Umgang mit anderen Terranern gewährt? Und hast zugelassen, dass ich mich mit anderen anfreunde? Mit meinen zukünftigen Untertanen. Was hatte mein bisheriges Leben dann überhaupt für einen Sinn?“ Maximus war den Tränen nahe.
Der Kaiser senkte seinen Blick seufzend: „Mein Junge. Es tut mir leid. Ich weiß, es war nie leicht für dich, mit dieser Last zu leben, und ich werde dir auch nicht versprechen,, dass es jemals leichter werden könnte.“ Der Kaiser erhob sich, schritt zu einem der großen Fenster und blickte hinaus auf die weite Stadt. „Also gut, ich werde mir etwas überlegen.“ „Danke, Großvater.“ „Sei nicht zu vorschnell mit deiner Euphorie! Ich sagte nur, dass ich mir etwas überlegen werden. Doch sei dir gewiss, egal wie wir beide verbleiben, es werden grundlegende Veränderungen auf dich und dein weiteres Leben zukommen. Nun geh, ich habe noch zu tun! Wir treffen uns später im großen Salon.“
„Eure Majestät“, verneigte sich Maximus anerkennend, verließ ruhigen Schrittes den Raum und schloss die Türen. Gedankenverloren schlenderte Maximus den Gang hinunter. Den ganzen Nachmittag beschäftigte ihn das Gespräch mit seinem Großvater. Was hätte dieser sich überlegt? Was würde er planen? Die Nervosität in Maximus steigerte sich kontinuierlich.
Der Tag verging. Maximus versuchte vergebens, sich durch Lesen und Studium abzulenken. Es dämmerte, als sich Maximus im Salon des Palastes einfand. Der Salon war ganz in Samt ausgekleidet, durch zwei große Fenster leuchtete das feuerrote Dämmerlicht, begleitet vom Flackern des Kaminfeuers, das in der Mitte des Raums aus einem opulenten Kamin loderte. Vor dem Kamin standen zwei große, bequeme, sich schräg zugewandte Ledersessel.
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