Terrenus
Der Weg der Auserwählten Band 3
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 300
ISBN: 978-3-7116-0296-1
Erscheinungsdatum: 16.12.2024
Terrenus ist zerstört, die Zitadelle ist ebenfalls angeschlagen. Alexander wurde indessen entführt und beginnt ein neues Leben in seiner neuen Welt. Eisenhower ist auf Serenas und Maximus‘ Hilfe beim Gegenschlag auf Terrenus angewiesen.
Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit und pure, Mark und Bein erstarrende Kälte umgab Alexander auf seinem Weg durch die Finsternis des Alls. Seine Gelenke zu bewegen, fiel ihm zunehmend schwerer, doch zwang er sich Finger und Zehen in Bewegung zu halten, um die Durchblutung seiner Extremitäten aufrechtzuerhalten. Auch seine Augen begannen zunehmend zu schmerzen. Aufgrund der Kälte trockneten seine Pupillen aus und kratzten mit jedem Zwinkern. Doch musste er sich auch dazu zwingen, da er sonst Gefahr lief, dass ihm die Augen zufroren. Allmählich verlor er jegliches Zeitgefühl. War er seit wenigen Minuten in dieser Situation gefangen, oder doch schon seit Stunden, er vermochte es nicht mehr zu sagen. Es kam ihm jedenfalls wie eine Ewigkeit vor. Alles Licht der Welt schien sich verflüchtigt zu haben. Dunkelheit, nichts als Dunkelheit.
Doch dann, Alexander versuchte unter Schmerzen, seinen Kopf nach rechts zu drehen, ein roter Lichtstrahl schimmerte zunächst zaghaft an Fobos rechter Seite herauf, dann intensivierte sich das Leuchten immer mehr. Einige Sekunden später erfüllte der rote Schein die gesamte Kommandozentrale von Fobos und wärmte Alexander. Erleichtert atmete er tief durch. Schnell war ihm klar, dass es sich bei dem Leuchten eigentlich nur um das Plasmafeuer eines Wächters handeln konnte. Daimos konnte es nicht sein, nein, es musste dieser unbekannte Wächter sein, der ihm nachflog. Warum aber zog der Strahl so langsam an Fobos vorbei? Er konnte doch unmöglich so schnell unterwegs sein. Es war ihm unerklärlich. Aber das traf momentan auf so vieles für Alexander zu. Schnell beschloss er, einfach seinen Nutzen daraus zu ziehen, sich an der Wärme des Strahls zu laben, solange es möglich war, und auf das Beste zu hoffen.
Und wie Alexander schon erwartet hatte, passierte der Lichtstrahl Fobos innerhalb weniger Minuten. Alexander spürte, wie die Wärme des Strahls langsam wieder nachließ. Gebannt sah er dem Strahl nach. Man konnte allerdings kaum von einem Strahl sprechen. Was von Weitem und in all seiner Geschwindigkeit wie ein konstanter, einheitlicher Strahl wirkte, erschien ihm in diesem Tempo wie ein knallroter Feuerstreifen, der eine Art Kometenschweif nach sich zog.
Als Alexander dem Schweif quasi hinten hineinsah, konnte er auch einen Blick auf seinen Entführer werfen. Ein Flugobjekt, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Kein Zweifel, der hatte nichts mit Terrenus oder der Zitadelle zu tun. Das Rot des Energiestrahls reflektierte sich im blank polierten Stahl des Objekts. Es verfügte über zwei große und zwei kleinere Tragflächen, die aber alle angewinkelt waren. Nach vorne lief das Objekt recht spitz zu. Angetrieben wurde es von vier hellgoldenen lodernden Triebwerken. Alexander konnte sich ad hoc nicht erklären wieso, aber der Anblick erinnerte ihn irgendwie an eine Biene oder Wespe.
Alexander studierte das fremde Objekt andächtig, als dieses plötzlich seine Triebwerke deaktivierte. Das goldene Leuchten erlosch und der rote Energiestrahl schoss mit einem Mal am Objekt vorbei. Was geschieht nun, fragte sich Alexander, nicht unbedingt verängstigt, aber äußerst neugierig. Da zeigten die Triebwerke des fremden Objekts wieder eine Reaktion. An den Rändern der Triebwerke, aber auch am Rest des Objekts leuchteten mit einem Mal blaue Flammenschlitze auf. Für Alexander schien es, als würde das Objekt jeden Moment explodieren, doch ruhte es völlig konstant und offenbar kontrolliert im Raum. Dann die nächste unerwartete Reaktion des Objekts. Auf einmal breitete sich ein zartblauer Schein wie eine Decke über das Objekt und auch über Fobos.
Was als Nächstes geschah, vermochte Alexander nicht einmal in Gedanken zu fassen. Es war, als würde sich alles außerhalb von Fobos wie eine Fata Morgana auflösen. Auf einmal hatte er nur noch absolute Dunkelheit, gepaart mit diesem blauen Schein vor Augen. Auf der anderen Seite spürte er absolut keine Kälte mehr. Im Gegenteil füllte sich Fobos mit einer angenehmen Zimmertemperatur, die aber in absolutem Widerspruch zu all seinen Anzeigen in seiner Kommandozentrale stand. Aber ja, den Anzeigen der Sensoren konnte Alexander generell nicht mehr vertrauen. Er wusste die neue Situation nicht recht einzuschätzen. So lehnte er sich zurück und beschloss, alles Weitere auf sich zukommen zu lassen. Einfluss hatte er ja ohnehin auf nichts mehr.
Gut zwanzig Minuten vergingen so, bis, von einer Sekunde auf die nächste, die Dunkelheit rund um die Kommandozentrale wieder vom Sternenmeer erleuchtet wurde. Zeitgleich lichteten sich der blaue Schein und die blauen Flammenschlitze am fremden Objekt erloschen wieder. Dafür gingen nun wieder die Triebwerke an und spien dunkelorange Feuersäulen aus, was das Objekt und Fobos langsam weiter in Bewegung versetzten. Alexander sah sein Martyrium schon fast überstanden, als die Kälte des Alls wieder Einzug hielt. Schlagartig erstarrte er zu Eis und es wurde ihm schwarz vor Augen. Das Letzte, was er vermeintlich wahrnahm, war eine Art Hangar, in dem er einflog. Das konnte er auch nur so schnell erfassen, weil ihn die Konstruktion an den Bunkerhangar erinnerte. Was es aber damit auf sich hatte, ob es überhaupt real war, er konnte es sich nicht beantworten.
„Volle Energie auf die Triebwerke, Alpha-Prime-One!“
„Die Triebwerke laufen bereits auf dem absoluten Maximum, die Wahrscheinlichkeit für ein Versagen aller System liegt nun bei 75 Prozent, Tendenz stark steigend, Commander Maximus.“
„Egal, wir müssen hinterher und mithalten.“
„Verzeihung Commander, aber ein Mithalten mit dem unbekannten Flugobjekt scheint außerhalb jeglicher Möglichkeit meiner Systeme.“
„Aber du kannst den wahrscheinlichsten Kurs des Objekts berechnen und diesem schnellstmöglich folgen, oder?“
„Das kann ich Commander, das würde aber unweigerlich ihren Tod bedeuten, was ich nicht zulassen kann.“
Maximus spürte bereits die alles durchdringende Kälte des Alls. Lange hatte ihn sein Adrenalinspiegel unempfänglich dafür bleiben lassen, doch war weder er für solche Temperaturen gekleidet noch Alpha-Prime-One-entsprechend ausgerüstet beziehungsweise kalibriert. Durch das Adrenalin übersprang Maximus kurzerhand das Stadium des Zitterns. Auch die versteifenden Finger und Zehen blendete er erfolgreich aus. Erst die schwerer werdenden Lider und die einsetzende Müdigkeit mahnten ihn. Sie mahnten ihn, hielten ihn aber in keinster Weise von seinem Kurs ab. Ihn nicht, aber Alpha-Prime-One …
Eigenmächtig deaktivierte Alpha-Prime-One schlagartig seine Triebwerke und leitete seine gesamte Energie auf die Lebenserhaltungssysteme um.
„Was zum Orcus!“
„Es tut mir leid, Commander Maximus, aber meine oberste Programmierung gebietet es mir, zuallererst das Leben meines Commanders zu schützen.“
„Ich befehle dir, diese Programmierung zu deaktivieren und die Verfolgung wieder aufzunehmen!“
„Das kann ich leider nicht machen, Commander, zumal die Erfolgsaussichten über die Fortsetzung dieses Auftrages gleich null stehen.“
Maximus hatte noch nicht allzu viel Erfahrung mit seinem Wächter, doch war ihm schon bewusst, dass eine Diskussion mit ihm völlig chancenlos war. So ergriff er noch einen letzten verzweifelten Versuch, sich durchzusetzen: „Na schön, Alpha, du hast recht, aber ein Schuss muss noch drinnen sein, bevor wir zu Terrenus zurückkehren.“
„Wie lautet Ihr konkreter Befehl, Commander?“
„Konzentriere noch einmal alle Energie auf die Hauptkanone und setzte einen gezielten Schuss auf die Triebwerke des unbekannten Objekts ab.“
„Verstanden, Commander!“
Sofort lud Alpha-Prime-One seine Hauptkanone und feuerte, wie ihm befohlen. Ein hellrot aufleuchtender Energiestrahl schoss zugleich aus Alpha-Prime-One in Richtung des unbekannten Objekts. Hoffnungsvoll sah Maximus dem Strahl nach und hoffte inständig, dass er sein Ziel erreichen und dieses daraufhin vom terranischen Wächter ablassen würde. Aber irgendetwas stimmte nicht. Sekunden vergingen, ohne dass der Strahl sein Ziel erreichte. Zugleich entfernte es sich immer weiter von Alpha-Prime-One.
„Was ist da los, Alpha, der Schuss hätte doch längst sein Ziel erreichen müssen?“
„Das liegt an der Geschwindigkeit, mit der sich das Objekt fortbewegt, es hat gerade auf beinahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt.“
„Was, das ist doch völlig unmöglich!“
„Mir ja, Commander – setzte Maßnahmen für den Rückflug und den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.“
„Nein, warte!“, tobte Maximus ungeduldig. Aber es half nichts. Alpha-Prime-One handelte, wie es ihm seine Programmierung befahl. So drehte er ruckartig um 180 Grad, um den Rückflug anzutreten. Nur einen letzten flüchtigen Blick konnte Maximus noch erhaschen. Im Augenwinkel sah er, wie das Objekt samt dem Wächter mit einem hellen Lichtblitz plötzlich verschwand und der rote Energiestrahl ungehindert weiter durch die Finsternis des Alls zog.
Enttäuscht seufzte Maximus seine Niederlage eingestehend: „Na schön, Alpha, fliegen wir zurück, hier können wir nichts mehr bewirken.“
Selbstständig leitete Alpha-Prime-One alle weiteren Schritte ein und schwenkte nach einigen Minuten wieder in den Erdorbit ein. Als er für den Wiedereintritt verlangsamte und sich entsprechend ausrichtete, meldete er: „Bereit für Wiedereintritt Commander.“
„Danke, Alpha, du weißt, was zu tun ist“, antwortete Maximus geknickt.
Als würde Alpha-Prime-One die Gefühlslage seines Commanders verstehen, setzte er fort: „Commander, wie angeordnet, habe ich die Flugdaten des unbekannten Objekts, soweit möglich, aufgezeichnet.“
„Das ist schön, Alpha“, Maximus teilnahmslos.
„Mit Ihrer Erlaubnis kann ich meinen gesamten Prozessor und Arbeitsspeicher nach der Landung für diverse Berechnungen heranziehen, um Ihnen eine Auswahl an möglichen Zielen des Objekts liefern zu können.“
Da wurde Maximus doch wieder hellhörig: „Das kannst du? – Das wäre fantastisch, ich danke dir, Alpha.“
„Mein Führer, ich habe mir nun die Daten der großen Schlacht noch einmal genau angesehen und kann nun das Gebiet, aus dem der unbekannte Wächterdroide der Terraner aus angriff, eingrenzen“, eiferte die rechte Hand Eisenhowers euphorisch.
Eisenhower hingegen rang die Meldung nur ein müdes Gähnen, gefolgt von einem desinteressierten „Ach ja, sag bloß“ ab.
Er erweckte fast den Eindruck, als hätte er jegliche Lust am Krieg gegen Terrenus und den Unbekannten verloren. Zehn Tage waren mittlerweile seit der großen Schlacht vergangen und stündlich gingen neue Updates zur Lage in Terrenus, zur Neuproduktion des Drohnenarsenals, zur Luftraumüberwachung und den Vorbereitungen der Infanterie bei ihm beziehungsweise bei seiner rechten Hand ein. Nicht, dass Eisenhower Erfolgsnachrichten nicht schätzte. Und es waren auch hauptsächlich solche, die sein Ohr erreichten. Aber trotzdem, momentan ging ihm einfach zu wenig vorwärts. Dabei wusste er selbst nicht, wieso. Alle seine Generäle und Untergebenen folgten artig seinen Wünschen und Befehlen. Er wollte sich gar nicht beschweren oder unangebracht laut werden. Er diagnostizierte sich selbst ein schlichtes Stimmungstief. Eine Flaute nach der Stimmungsachterbahn während der großen Schlacht. Dabei erwartete er doch gar nicht, dass es ewig so weitergehen würde, dass der Feind immer brav unterlegen wäre und dennoch weiter angreifen würde, sodass er seine Glücksmomente nach Belieben ernten könnte. Oder dass die Zitadelle Terrenus an einem Tag überrennen und erobern würde. Erst kürzlich ertappte er sich beim Gedanken, ob er das überhaupt wollte. Gegen wen sollte er dann Pläne schmieden, wohin Spione entsenden, gegen wen Druck ausüben. Vom unbekannten Feind erwartete er nur Stress und unbekannte Resultate. Es war Terrenus, das er sich als ewigen Feind wünschte. Ein ewiges, schon fast traditionelles Duell zu seinen Gunsten. Es kribbelte ihn beim Gedanken daran. Ein Kribbeln, welches jäh verflog, wenn ihm diese Unbekannten wieder in den Sinn kamen.
Gedankenverloren saß er in seinem großen Lederstuhl, vor seinem ebenso großen, edlen Schreibtisch. Vor seinem Schreibtisch, zwei niedrigere Lederstühle. Sie waren so niedrig gehalten, dass Gäste des Führers jedenfalls ehrfürchtig zu ihm hochsehen mussten. Nicht dass seine rechte Hand das nicht sowieso immer tat. Auch an diesem Tag warf er seinen treuen Hundeaugenblick über den Schreibtisch. Hinter den Stühlen stand ein großer Besprechungstisch, ebenso edel gehalten wie der Schreibtisch. Er bot Platz für acht Personen.
„Mein Führer, alles läuft gut, warum seht Ihr so betrübt?“, winselte seine rechte Hand regelrecht über den Tisch.
Da realisierte Eisenhower schlagartig, welchen jämmerlichen Eindruck er an diesem Tag erweckte. Freilich war ihm das Gegenüber seiner devoten rechten Hand piepegal, doch sollte sonst jemand plötzlich vor ihm stehen, das konnte und wollte er sich nicht leisten. Ruckartig richtete er sich auf und platzierte sich staatsmännisch, aufrecht in seinem Stuhl.
„Alles gut, nur ein kurzer Einbruch, nichts weiter – du hast was von dem unbekannten Droiden geredet?“, startete er hastig.
Überrumpelt holte seine rechte Hand stotternd zur Antwort aus: „Ähhm, ja, natürlich, einen Moment bitte.“
Kurz blätterte er in den Unterlagen auf seinem Schoß, ehe er sich wieder seinem Führer zuwandte: „Also, ich habe unsere Drohnenbilder verglichen und kann so mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass der Droide aus dem östlichen Wüstenterritorium gekommen ist.“
„Aus der Wüste?“
„Ja, auch wenn er scheinbar direkt in der terranischen Hauptstadt gelandet ist, muss Terrenus über einen geheimen Stützpunkt mitten in dieser abgelegenen Wüste verfügen.“
„Aber wie soll das sein, wir infiltrieren und kontrollieren ihre gesamte Welt seit Jahren, wenn sie über einen solchen Stützpunkt mit einem solchen Droiden verfügten, wäre uns das doch niemals entgangen.“
„Darauf weiß ich leider keine Antwort, mein Führer, ich kann nur sagen, dass der Droide aus Richtung der Wüste gekommen ist.“
Nachdenklich blickte Eisenhower aus dem Fenster zu seiner Rechten. Ein Vogelpärchen umgarnte sich spielerisch in der Luft. Prompt kamen Eisenhower die Bilder der Schlacht zurück ins Gedächtnis.
Für Psychologen wohl hochinteressant, wie ein „gesunder“ Geist, spielende Vögel mit einem tödlichen Luftkampf in Verbindung bringen könne, doch Eisenhower vermochte der Anblick weiter zu motivieren.
„Na schön, wenn das so ist, dann schick sofort einen Spürtrupp auf in die Wüste.“
Seine rechte Hand schreckte hellhörig auf und riss seine großen Hundeaugen noch weiter auf. Man mochte glauben, irgendwann sollte ihm etwas im Gesicht reißen.
„Der Trupp soll die gesamte Wüste durchkämmen, jeden Stein umdrehen und jeglichem Indiz nachgehen – ich verlange nach Antworten.“
„Jawohl, mein Führer!“, skandierte seine rechte Hand überschwänglich.
„Und du …“, setzte er direkt an seine rechte Hand gerichtet fort: „Du wirst jedes Schriftstück sichten, jede Unterlage der alten Welt studieren und jedem Hinweis nach einem vergessenen Stützpunkt des großen Krieges nachgehen, es kann nicht sein, dass Terrenus von heute auf morgen über einen neuen, uns unbekannten Droiden verfügt, der darüber hinaus auch noch von einem uns unbekannten Stützpunkt aus operiert!“
„Jawohl, mein Führer!“, schrie seine rechte Hand lauthals und sprang aus seinem Stuhl.
Nach einem kurzen, aber hingebungsvollen Salut, war er auch schon zur Tür hinaus, um seiner Aufgabe bestens nachzugehen.
Eisenhower hingegen fasste neuen Mut und bestellte in den kommenden Tagen einen General nach dem anderen zu sich, um Berichte einzuholen und neue Instruktionen auszugeben. So nahm das Treiben in der Zitadelle neu an Fahrt auf.
Gut für die hohen Militärs, unerträglich für den Rest. Es gab nunmehr so gut wie keinen Bewohner der Zitadelle, der nicht für die Wiederaufrüstung missbraucht wurde. Hin und wieder kam es zwar vor, dass einem Zivilisten der Kragen platzte und er versuchte, seinem Unmut laut Gehör zu verschaffen, doch wurden diese Stimmen stets mit höchster Effizienz zum Verstummen gebracht, bevor sie zu viel Aufmerksamkeit erhielten. Von den betroffenen Personen fehlte von da an jede Spur.
Bedächtig blickte Marius in die Höhe zu Alpha-Prime-Ones Kopf und kommentierte beeindruckt: „Du hast also wirklich gefunden, wonach du gesucht hast.“
„Das habe ich – denke ich“, antwortete Maximus nachdenklich.
„Denkst du?“
Maximus ließ seinen Blick an Alpha-Prime-One vorbei, über die zerstörte Stadt schweifen. Die dichten Rauchschwaden zogen noch immer über die Ruinen der ehemals so prachtvollen Palais und Stadtschlösser. Noch immer bargen die Überlebenden ihre verschütteten Angehörigen und Mitmenschen aus den Trümmern. Keiner von ihnen ließ sich etwas anmerken, alle waren eifrig bei der Sache, noch lebende Terraner aus den Trümmern zu befreien, doch war jedem Einzelnen längst klar, diese Hoffnung war längst vergebens. Nichtsdestotrotz, alle packten mit an. Holten Wasser, löschten Brände, kümmerten sich um Verletzte. Maximus kam nicht um den Gedanken herum, dass erst eine alle betreffende Tragödie geschehen muss, um das Mitgefühl all seiner Landsleute zu wecken, dann aber stehen sie wie Felsen an der Klippe dicht und fest zusammen und helfen einander, wo sie nur konnten.
„Was hab ich gefunden, Marius, einen weiteren Wächter, einen weiteren Stützpunkt, zahllose weitere offene Fragen?“
Marius senkte seinen Blick und wandte sich seinem Kaiser und langjährigen Kameraden zu: „Nein, Maximus, nichts dergleichen.“
Maximus zog wortlos und skeptisch die rechte Augenbraue hoch und wartete auf Marius Zugabe.
„Du bist nicht losgezogen, um irgendeinem Rätsel aus einer uralten Chronik nachzugehen, oder um irgendeine Superwaffe oder verborgene Schätze zu bergen – du bist losgezogen, einzig um dich selbst zu finden – also, ja, du hast gefunden, wonach du gesucht hast.“
„Ach ja, aber zu welchem Preis? Wenn ich hiergeblieben wäre …“
„Wenn du hiergeblieben wärst, hätte ich alle Hände zu tun gehabt, dich von den Wächtern fernzuhalten und du wärst mit mir im Keller der Akademie gekauert.“ Da packte Marius Maximus an der rechten Schulter, drehte ihn zu sich und fuhr mit bestimmtem Tonfall fort: „Alles hat seinen Grund, Maximus, alles – auch wenn dir der tiefere Sinn deiner Reise selbst noch nicht bewusst ist.“
„Dir scheint er ja bewusst zu sein, hmm?“
Da musste Marius leicht schmunzeln: „Bislang ist mir jedenfalls eines bewusst – vor mir steht nicht der unreife, quirlige Junge von früher, sondern ein wahrer Anführer und Staatsmann unseres Volkes – und so darf ich dir hiermit die Regentschaft über dein Volk Terrenus zurückgeben.“
Da konnte sich nun auch Maximus ein verhaltenes Schmunzeln nicht verkneifen: „Schöne Rede, alter Mann – komm, spar es dir.“
Verdutzt sah ihn Marius an.
„Ich hab noch nicht allzu viel mitbekommen, was hier alles los war in den letzten Monaten, aber eines wurde mir gleich von jedermann bestätigt, du hast deine Aufgaben souverän und besonnen gemeistert. Also, jein, ich bin bereit, wieder den Kaiser zu spielen, aber deine Zeit als Kammerdiener kommt nicht zurück, du bist und bleibst Mitregent von Terrenus.“
…
Doch dann, Alexander versuchte unter Schmerzen, seinen Kopf nach rechts zu drehen, ein roter Lichtstrahl schimmerte zunächst zaghaft an Fobos rechter Seite herauf, dann intensivierte sich das Leuchten immer mehr. Einige Sekunden später erfüllte der rote Schein die gesamte Kommandozentrale von Fobos und wärmte Alexander. Erleichtert atmete er tief durch. Schnell war ihm klar, dass es sich bei dem Leuchten eigentlich nur um das Plasmafeuer eines Wächters handeln konnte. Daimos konnte es nicht sein, nein, es musste dieser unbekannte Wächter sein, der ihm nachflog. Warum aber zog der Strahl so langsam an Fobos vorbei? Er konnte doch unmöglich so schnell unterwegs sein. Es war ihm unerklärlich. Aber das traf momentan auf so vieles für Alexander zu. Schnell beschloss er, einfach seinen Nutzen daraus zu ziehen, sich an der Wärme des Strahls zu laben, solange es möglich war, und auf das Beste zu hoffen.
Und wie Alexander schon erwartet hatte, passierte der Lichtstrahl Fobos innerhalb weniger Minuten. Alexander spürte, wie die Wärme des Strahls langsam wieder nachließ. Gebannt sah er dem Strahl nach. Man konnte allerdings kaum von einem Strahl sprechen. Was von Weitem und in all seiner Geschwindigkeit wie ein konstanter, einheitlicher Strahl wirkte, erschien ihm in diesem Tempo wie ein knallroter Feuerstreifen, der eine Art Kometenschweif nach sich zog.
Als Alexander dem Schweif quasi hinten hineinsah, konnte er auch einen Blick auf seinen Entführer werfen. Ein Flugobjekt, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Kein Zweifel, der hatte nichts mit Terrenus oder der Zitadelle zu tun. Das Rot des Energiestrahls reflektierte sich im blank polierten Stahl des Objekts. Es verfügte über zwei große und zwei kleinere Tragflächen, die aber alle angewinkelt waren. Nach vorne lief das Objekt recht spitz zu. Angetrieben wurde es von vier hellgoldenen lodernden Triebwerken. Alexander konnte sich ad hoc nicht erklären wieso, aber der Anblick erinnerte ihn irgendwie an eine Biene oder Wespe.
Alexander studierte das fremde Objekt andächtig, als dieses plötzlich seine Triebwerke deaktivierte. Das goldene Leuchten erlosch und der rote Energiestrahl schoss mit einem Mal am Objekt vorbei. Was geschieht nun, fragte sich Alexander, nicht unbedingt verängstigt, aber äußerst neugierig. Da zeigten die Triebwerke des fremden Objekts wieder eine Reaktion. An den Rändern der Triebwerke, aber auch am Rest des Objekts leuchteten mit einem Mal blaue Flammenschlitze auf. Für Alexander schien es, als würde das Objekt jeden Moment explodieren, doch ruhte es völlig konstant und offenbar kontrolliert im Raum. Dann die nächste unerwartete Reaktion des Objekts. Auf einmal breitete sich ein zartblauer Schein wie eine Decke über das Objekt und auch über Fobos.
Was als Nächstes geschah, vermochte Alexander nicht einmal in Gedanken zu fassen. Es war, als würde sich alles außerhalb von Fobos wie eine Fata Morgana auflösen. Auf einmal hatte er nur noch absolute Dunkelheit, gepaart mit diesem blauen Schein vor Augen. Auf der anderen Seite spürte er absolut keine Kälte mehr. Im Gegenteil füllte sich Fobos mit einer angenehmen Zimmertemperatur, die aber in absolutem Widerspruch zu all seinen Anzeigen in seiner Kommandozentrale stand. Aber ja, den Anzeigen der Sensoren konnte Alexander generell nicht mehr vertrauen. Er wusste die neue Situation nicht recht einzuschätzen. So lehnte er sich zurück und beschloss, alles Weitere auf sich zukommen zu lassen. Einfluss hatte er ja ohnehin auf nichts mehr.
Gut zwanzig Minuten vergingen so, bis, von einer Sekunde auf die nächste, die Dunkelheit rund um die Kommandozentrale wieder vom Sternenmeer erleuchtet wurde. Zeitgleich lichteten sich der blaue Schein und die blauen Flammenschlitze am fremden Objekt erloschen wieder. Dafür gingen nun wieder die Triebwerke an und spien dunkelorange Feuersäulen aus, was das Objekt und Fobos langsam weiter in Bewegung versetzten. Alexander sah sein Martyrium schon fast überstanden, als die Kälte des Alls wieder Einzug hielt. Schlagartig erstarrte er zu Eis und es wurde ihm schwarz vor Augen. Das Letzte, was er vermeintlich wahrnahm, war eine Art Hangar, in dem er einflog. Das konnte er auch nur so schnell erfassen, weil ihn die Konstruktion an den Bunkerhangar erinnerte. Was es aber damit auf sich hatte, ob es überhaupt real war, er konnte es sich nicht beantworten.
„Volle Energie auf die Triebwerke, Alpha-Prime-One!“
„Die Triebwerke laufen bereits auf dem absoluten Maximum, die Wahrscheinlichkeit für ein Versagen aller System liegt nun bei 75 Prozent, Tendenz stark steigend, Commander Maximus.“
„Egal, wir müssen hinterher und mithalten.“
„Verzeihung Commander, aber ein Mithalten mit dem unbekannten Flugobjekt scheint außerhalb jeglicher Möglichkeit meiner Systeme.“
„Aber du kannst den wahrscheinlichsten Kurs des Objekts berechnen und diesem schnellstmöglich folgen, oder?“
„Das kann ich Commander, das würde aber unweigerlich ihren Tod bedeuten, was ich nicht zulassen kann.“
Maximus spürte bereits die alles durchdringende Kälte des Alls. Lange hatte ihn sein Adrenalinspiegel unempfänglich dafür bleiben lassen, doch war weder er für solche Temperaturen gekleidet noch Alpha-Prime-One-entsprechend ausgerüstet beziehungsweise kalibriert. Durch das Adrenalin übersprang Maximus kurzerhand das Stadium des Zitterns. Auch die versteifenden Finger und Zehen blendete er erfolgreich aus. Erst die schwerer werdenden Lider und die einsetzende Müdigkeit mahnten ihn. Sie mahnten ihn, hielten ihn aber in keinster Weise von seinem Kurs ab. Ihn nicht, aber Alpha-Prime-One …
Eigenmächtig deaktivierte Alpha-Prime-One schlagartig seine Triebwerke und leitete seine gesamte Energie auf die Lebenserhaltungssysteme um.
„Was zum Orcus!“
„Es tut mir leid, Commander Maximus, aber meine oberste Programmierung gebietet es mir, zuallererst das Leben meines Commanders zu schützen.“
„Ich befehle dir, diese Programmierung zu deaktivieren und die Verfolgung wieder aufzunehmen!“
„Das kann ich leider nicht machen, Commander, zumal die Erfolgsaussichten über die Fortsetzung dieses Auftrages gleich null stehen.“
Maximus hatte noch nicht allzu viel Erfahrung mit seinem Wächter, doch war ihm schon bewusst, dass eine Diskussion mit ihm völlig chancenlos war. So ergriff er noch einen letzten verzweifelten Versuch, sich durchzusetzen: „Na schön, Alpha, du hast recht, aber ein Schuss muss noch drinnen sein, bevor wir zu Terrenus zurückkehren.“
„Wie lautet Ihr konkreter Befehl, Commander?“
„Konzentriere noch einmal alle Energie auf die Hauptkanone und setzte einen gezielten Schuss auf die Triebwerke des unbekannten Objekts ab.“
„Verstanden, Commander!“
Sofort lud Alpha-Prime-One seine Hauptkanone und feuerte, wie ihm befohlen. Ein hellrot aufleuchtender Energiestrahl schoss zugleich aus Alpha-Prime-One in Richtung des unbekannten Objekts. Hoffnungsvoll sah Maximus dem Strahl nach und hoffte inständig, dass er sein Ziel erreichen und dieses daraufhin vom terranischen Wächter ablassen würde. Aber irgendetwas stimmte nicht. Sekunden vergingen, ohne dass der Strahl sein Ziel erreichte. Zugleich entfernte es sich immer weiter von Alpha-Prime-One.
„Was ist da los, Alpha, der Schuss hätte doch längst sein Ziel erreichen müssen?“
„Das liegt an der Geschwindigkeit, mit der sich das Objekt fortbewegt, es hat gerade auf beinahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt.“
„Was, das ist doch völlig unmöglich!“
„Mir ja, Commander – setzte Maßnahmen für den Rückflug und den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.“
„Nein, warte!“, tobte Maximus ungeduldig. Aber es half nichts. Alpha-Prime-One handelte, wie es ihm seine Programmierung befahl. So drehte er ruckartig um 180 Grad, um den Rückflug anzutreten. Nur einen letzten flüchtigen Blick konnte Maximus noch erhaschen. Im Augenwinkel sah er, wie das Objekt samt dem Wächter mit einem hellen Lichtblitz plötzlich verschwand und der rote Energiestrahl ungehindert weiter durch die Finsternis des Alls zog.
Enttäuscht seufzte Maximus seine Niederlage eingestehend: „Na schön, Alpha, fliegen wir zurück, hier können wir nichts mehr bewirken.“
Selbstständig leitete Alpha-Prime-One alle weiteren Schritte ein und schwenkte nach einigen Minuten wieder in den Erdorbit ein. Als er für den Wiedereintritt verlangsamte und sich entsprechend ausrichtete, meldete er: „Bereit für Wiedereintritt Commander.“
„Danke, Alpha, du weißt, was zu tun ist“, antwortete Maximus geknickt.
Als würde Alpha-Prime-One die Gefühlslage seines Commanders verstehen, setzte er fort: „Commander, wie angeordnet, habe ich die Flugdaten des unbekannten Objekts, soweit möglich, aufgezeichnet.“
„Das ist schön, Alpha“, Maximus teilnahmslos.
„Mit Ihrer Erlaubnis kann ich meinen gesamten Prozessor und Arbeitsspeicher nach der Landung für diverse Berechnungen heranziehen, um Ihnen eine Auswahl an möglichen Zielen des Objekts liefern zu können.“
Da wurde Maximus doch wieder hellhörig: „Das kannst du? – Das wäre fantastisch, ich danke dir, Alpha.“
„Mein Führer, ich habe mir nun die Daten der großen Schlacht noch einmal genau angesehen und kann nun das Gebiet, aus dem der unbekannte Wächterdroide der Terraner aus angriff, eingrenzen“, eiferte die rechte Hand Eisenhowers euphorisch.
Eisenhower hingegen rang die Meldung nur ein müdes Gähnen, gefolgt von einem desinteressierten „Ach ja, sag bloß“ ab.
Er erweckte fast den Eindruck, als hätte er jegliche Lust am Krieg gegen Terrenus und den Unbekannten verloren. Zehn Tage waren mittlerweile seit der großen Schlacht vergangen und stündlich gingen neue Updates zur Lage in Terrenus, zur Neuproduktion des Drohnenarsenals, zur Luftraumüberwachung und den Vorbereitungen der Infanterie bei ihm beziehungsweise bei seiner rechten Hand ein. Nicht, dass Eisenhower Erfolgsnachrichten nicht schätzte. Und es waren auch hauptsächlich solche, die sein Ohr erreichten. Aber trotzdem, momentan ging ihm einfach zu wenig vorwärts. Dabei wusste er selbst nicht, wieso. Alle seine Generäle und Untergebenen folgten artig seinen Wünschen und Befehlen. Er wollte sich gar nicht beschweren oder unangebracht laut werden. Er diagnostizierte sich selbst ein schlichtes Stimmungstief. Eine Flaute nach der Stimmungsachterbahn während der großen Schlacht. Dabei erwartete er doch gar nicht, dass es ewig so weitergehen würde, dass der Feind immer brav unterlegen wäre und dennoch weiter angreifen würde, sodass er seine Glücksmomente nach Belieben ernten könnte. Oder dass die Zitadelle Terrenus an einem Tag überrennen und erobern würde. Erst kürzlich ertappte er sich beim Gedanken, ob er das überhaupt wollte. Gegen wen sollte er dann Pläne schmieden, wohin Spione entsenden, gegen wen Druck ausüben. Vom unbekannten Feind erwartete er nur Stress und unbekannte Resultate. Es war Terrenus, das er sich als ewigen Feind wünschte. Ein ewiges, schon fast traditionelles Duell zu seinen Gunsten. Es kribbelte ihn beim Gedanken daran. Ein Kribbeln, welches jäh verflog, wenn ihm diese Unbekannten wieder in den Sinn kamen.
Gedankenverloren saß er in seinem großen Lederstuhl, vor seinem ebenso großen, edlen Schreibtisch. Vor seinem Schreibtisch, zwei niedrigere Lederstühle. Sie waren so niedrig gehalten, dass Gäste des Führers jedenfalls ehrfürchtig zu ihm hochsehen mussten. Nicht dass seine rechte Hand das nicht sowieso immer tat. Auch an diesem Tag warf er seinen treuen Hundeaugenblick über den Schreibtisch. Hinter den Stühlen stand ein großer Besprechungstisch, ebenso edel gehalten wie der Schreibtisch. Er bot Platz für acht Personen.
„Mein Führer, alles läuft gut, warum seht Ihr so betrübt?“, winselte seine rechte Hand regelrecht über den Tisch.
Da realisierte Eisenhower schlagartig, welchen jämmerlichen Eindruck er an diesem Tag erweckte. Freilich war ihm das Gegenüber seiner devoten rechten Hand piepegal, doch sollte sonst jemand plötzlich vor ihm stehen, das konnte und wollte er sich nicht leisten. Ruckartig richtete er sich auf und platzierte sich staatsmännisch, aufrecht in seinem Stuhl.
„Alles gut, nur ein kurzer Einbruch, nichts weiter – du hast was von dem unbekannten Droiden geredet?“, startete er hastig.
Überrumpelt holte seine rechte Hand stotternd zur Antwort aus: „Ähhm, ja, natürlich, einen Moment bitte.“
Kurz blätterte er in den Unterlagen auf seinem Schoß, ehe er sich wieder seinem Führer zuwandte: „Also, ich habe unsere Drohnenbilder verglichen und kann so mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass der Droide aus dem östlichen Wüstenterritorium gekommen ist.“
„Aus der Wüste?“
„Ja, auch wenn er scheinbar direkt in der terranischen Hauptstadt gelandet ist, muss Terrenus über einen geheimen Stützpunkt mitten in dieser abgelegenen Wüste verfügen.“
„Aber wie soll das sein, wir infiltrieren und kontrollieren ihre gesamte Welt seit Jahren, wenn sie über einen solchen Stützpunkt mit einem solchen Droiden verfügten, wäre uns das doch niemals entgangen.“
„Darauf weiß ich leider keine Antwort, mein Führer, ich kann nur sagen, dass der Droide aus Richtung der Wüste gekommen ist.“
Nachdenklich blickte Eisenhower aus dem Fenster zu seiner Rechten. Ein Vogelpärchen umgarnte sich spielerisch in der Luft. Prompt kamen Eisenhower die Bilder der Schlacht zurück ins Gedächtnis.
Für Psychologen wohl hochinteressant, wie ein „gesunder“ Geist, spielende Vögel mit einem tödlichen Luftkampf in Verbindung bringen könne, doch Eisenhower vermochte der Anblick weiter zu motivieren.
„Na schön, wenn das so ist, dann schick sofort einen Spürtrupp auf in die Wüste.“
Seine rechte Hand schreckte hellhörig auf und riss seine großen Hundeaugen noch weiter auf. Man mochte glauben, irgendwann sollte ihm etwas im Gesicht reißen.
„Der Trupp soll die gesamte Wüste durchkämmen, jeden Stein umdrehen und jeglichem Indiz nachgehen – ich verlange nach Antworten.“
„Jawohl, mein Führer!“, skandierte seine rechte Hand überschwänglich.
„Und du …“, setzte er direkt an seine rechte Hand gerichtet fort: „Du wirst jedes Schriftstück sichten, jede Unterlage der alten Welt studieren und jedem Hinweis nach einem vergessenen Stützpunkt des großen Krieges nachgehen, es kann nicht sein, dass Terrenus von heute auf morgen über einen neuen, uns unbekannten Droiden verfügt, der darüber hinaus auch noch von einem uns unbekannten Stützpunkt aus operiert!“
„Jawohl, mein Führer!“, schrie seine rechte Hand lauthals und sprang aus seinem Stuhl.
Nach einem kurzen, aber hingebungsvollen Salut, war er auch schon zur Tür hinaus, um seiner Aufgabe bestens nachzugehen.
Eisenhower hingegen fasste neuen Mut und bestellte in den kommenden Tagen einen General nach dem anderen zu sich, um Berichte einzuholen und neue Instruktionen auszugeben. So nahm das Treiben in der Zitadelle neu an Fahrt auf.
Gut für die hohen Militärs, unerträglich für den Rest. Es gab nunmehr so gut wie keinen Bewohner der Zitadelle, der nicht für die Wiederaufrüstung missbraucht wurde. Hin und wieder kam es zwar vor, dass einem Zivilisten der Kragen platzte und er versuchte, seinem Unmut laut Gehör zu verschaffen, doch wurden diese Stimmen stets mit höchster Effizienz zum Verstummen gebracht, bevor sie zu viel Aufmerksamkeit erhielten. Von den betroffenen Personen fehlte von da an jede Spur.
Bedächtig blickte Marius in die Höhe zu Alpha-Prime-Ones Kopf und kommentierte beeindruckt: „Du hast also wirklich gefunden, wonach du gesucht hast.“
„Das habe ich – denke ich“, antwortete Maximus nachdenklich.
„Denkst du?“
Maximus ließ seinen Blick an Alpha-Prime-One vorbei, über die zerstörte Stadt schweifen. Die dichten Rauchschwaden zogen noch immer über die Ruinen der ehemals so prachtvollen Palais und Stadtschlösser. Noch immer bargen die Überlebenden ihre verschütteten Angehörigen und Mitmenschen aus den Trümmern. Keiner von ihnen ließ sich etwas anmerken, alle waren eifrig bei der Sache, noch lebende Terraner aus den Trümmern zu befreien, doch war jedem Einzelnen längst klar, diese Hoffnung war längst vergebens. Nichtsdestotrotz, alle packten mit an. Holten Wasser, löschten Brände, kümmerten sich um Verletzte. Maximus kam nicht um den Gedanken herum, dass erst eine alle betreffende Tragödie geschehen muss, um das Mitgefühl all seiner Landsleute zu wecken, dann aber stehen sie wie Felsen an der Klippe dicht und fest zusammen und helfen einander, wo sie nur konnten.
„Was hab ich gefunden, Marius, einen weiteren Wächter, einen weiteren Stützpunkt, zahllose weitere offene Fragen?“
Marius senkte seinen Blick und wandte sich seinem Kaiser und langjährigen Kameraden zu: „Nein, Maximus, nichts dergleichen.“
Maximus zog wortlos und skeptisch die rechte Augenbraue hoch und wartete auf Marius Zugabe.
„Du bist nicht losgezogen, um irgendeinem Rätsel aus einer uralten Chronik nachzugehen, oder um irgendeine Superwaffe oder verborgene Schätze zu bergen – du bist losgezogen, einzig um dich selbst zu finden – also, ja, du hast gefunden, wonach du gesucht hast.“
„Ach ja, aber zu welchem Preis? Wenn ich hiergeblieben wäre …“
„Wenn du hiergeblieben wärst, hätte ich alle Hände zu tun gehabt, dich von den Wächtern fernzuhalten und du wärst mit mir im Keller der Akademie gekauert.“ Da packte Marius Maximus an der rechten Schulter, drehte ihn zu sich und fuhr mit bestimmtem Tonfall fort: „Alles hat seinen Grund, Maximus, alles – auch wenn dir der tiefere Sinn deiner Reise selbst noch nicht bewusst ist.“
„Dir scheint er ja bewusst zu sein, hmm?“
Da musste Marius leicht schmunzeln: „Bislang ist mir jedenfalls eines bewusst – vor mir steht nicht der unreife, quirlige Junge von früher, sondern ein wahrer Anführer und Staatsmann unseres Volkes – und so darf ich dir hiermit die Regentschaft über dein Volk Terrenus zurückgeben.“
Da konnte sich nun auch Maximus ein verhaltenes Schmunzeln nicht verkneifen: „Schöne Rede, alter Mann – komm, spar es dir.“
Verdutzt sah ihn Marius an.
„Ich hab noch nicht allzu viel mitbekommen, was hier alles los war in den letzten Monaten, aber eines wurde mir gleich von jedermann bestätigt, du hast deine Aufgaben souverän und besonnen gemeistert. Also, jein, ich bin bereit, wieder den Kaiser zu spielen, aber deine Zeit als Kammerdiener kommt nicht zurück, du bist und bleibst Mitregent von Terrenus.“
…



