Terrenus
Ballade der Zitadelle Band 2
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-7116-0294-7
Erscheinungsdatum: 20.11.2024
Krieg, Stillstand und dann das Erwachen im Bunker „Zitadelle“. Die Überlebenden finden sich in einer völlig neuen Welt wieder, die sie so nicht erwarteten. Doch lief wirklich alles nach Plan? Bloßes Überleben gipfelt schnell in ganz neuen Problemen.
„Oh Gott, vergib uns unsere Schuld!
Zehn Jahre des Krieges sind nun bereits vergangen. Zehn Jahre der Gewalt und der Zerstörung. Zehn Jahre des Todes! Unser einst so lebendiger und blühender Planet ist nicht mehr wieder zu erkennen. Immer, wenn es zaghafte Anzeichen der Annäherung gab, folgte auch gleich ein erneuter Angriff, der den vorhergehenden in aller Grausamkeit übertraf. Fünf Monate ist es nun her, dass diese gottlosen Hunde die erste unsrer Großstädte im Feuersturm eines Atompilzes von der Landkarte fegen ließen. Was die letzte, dramatischste Phase des Krieges einläutete. Unser Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. „Noah’s Ark“, die größte und mächtigste Atomrakete sollte unsre Vergeltung bis ins Herz des Feindeslandes bringen und so dem Krieg ein schnelles Ende bringen. Welch unfassbarer Irrglaube.
Wie viele Atomraketen und -bomben es insgesamt waren, die die Erde unwiderruflich verwüsteten, vermag ich nicht zu beantworten. Es reichte jedenfalls, um den Himmel zu verdunkeln und die Erde in einem atomaren Winter zu begraben. Wie viele Tote es weltweit gab, lässt sich unmöglich feststellen. Alle Aufklärungsdrohnen und Satelliten sind längst zerstört. Nur in einem sind sich alle gewiss, kein Mensch kann nunmehr lange auf der Erde überleben.
Gott hat unsren Planeten und uns törichten Menschen endgültig verlassen.
Alle Pläne waren vergeben. Der atomare Schlagabtausch kam zu abrupt und massiv. Nur ein einziger unsrer großen Bunkeranlagen, die insgesamt zehn Millionen Überlebende aufnehmen sollten, um den Fortbestand unsrer Rasse zu sichern, hat die Angriffe überstanden. Und selbst hier her, in den letzten Bunker, der „Zitadelle“, haben es ersten Zählungen zu folge nur etwa 500.000 Überlebende geschafft. Es muss Gottes Wille gewesen sein. Gottes Auslese der Auserwählten, die die bitteren Jahre der atomaren Dunkelheit überstehen sollen, um dann gleich Adam und Eva die neu erwachte Erde wieder zu bevölkern und sich erneut Untertan zu machen. – So muss es sein, ja!“
Wäre die Szenerie in absolute Stille getaucht und menschenleer, hätte sie etwas gespenstig Schönes und Beruhigendes. Eine Komposition aus Grautönen. Dichte graue Wolken, die die Sonne verdunkelten und die Landschaft dicht mit Schnee bedeckten. In der Ferne pechschwarze Rauchschaden, die aus den Trümmern einstiger Millionenmetropolen aufstiegen, die immer wieder von aufsteigenden Feuerschwaden in einen glühend roten Schein getaucht wurden. Ein langer schmaler Weg führte von der Landstraße herauf zum in den Felsen eines kargen Kalksteinmassivs geschlagenen Bunker. Der Weg war bereits zentimeterdick vom Schnee bedeckt. Doch kein heller, weißer Schnee war es, nein, der Schnee nahm allen Staub der Atmosphäre, den er aufnehmen konnte, und fiel so fahlgrau vom Himmel. Passend dazu die am Wegesrand im Wind klappernden, ausgebrannten Baumskelette, die das Bild des Todes gekonnt abrundeten. Die letzte Impression dazu wäre noch ein tiefer Atemzug der rauchig frischen und modrigen Winterluft. Wovon jedoch aufgrund der Strahlung akut abzuraten war.
Aber nichts dergleichen, laut tönend erschallte die Alarmsirene im Dauerton. Doch ging selbst dieser ohrenbetäubende Lärm unter den tausenden grauenhaften, panischen Verzweiflungsschreien der in den Bunker drängenden Flüchtigen unter. Schreie, die einem durch Mark und Bein gingen.
Der Flüchtlingsstrom erstreckte sich über den gesamten Weg den Berg hinab. Unzählige verzweifelte, zum Teil verwundete Menschen. Verwahrlost, mit der Situation klar überfordert, schoben sie einander den Anhang hinauf, die Gesichter tränen- und blutverschmiert. Schwer zu sagen, ob sie blutige Wunden im Gesicht trugen, oder bereits vor Todesangst Blut schwitzten. Eine schaurige Akzentuierung der Szenerie, die grell rot leuchtenden Blutspritzer im fahlen Schnee.
Am Wegesrand häuften sich immer mehr die Leichen derer, die die Kräfte verließen und sich nicht mehr gegen das Gedränge der anderen zu währen vermochten. Alte, Gebrechliche, Frauen und Kinder. Einmal zu Boden gedrückt und scheinbar leblos, war keine Hilfe mehr von den Mitmenschen zu erwarten. Ein Opfer auf dem Weg ist gleich ein freier Platz im Bunker.
Bis direkt an die Hauptschleuse der Bunkeranlage drängten die Menschenmassen. Vor dem riesigen Bunkertor hielt ein Trupp von schwer bewaffneten Soldaten die Massen in Schacht und versuchten mit allen Mitteln den Zutritt zum Bunker zu regeln. Geschützt von den Soldaten hatten vier Wissenschaftler in weißen Laborkitteln Aufstellung genommen und untersuchten in aller Hektik die Durchgelassenen mittels Geigerzähler auf radioaktive Verstrahlung. Überschritten die Strahlungswerte eines Getesteten die Grenzwerte, so wurde diesem der Zutritt zum Bunker verwehrt. Wo diese Grenzwerte jedoch lagen, wussten die Wissenschaftler wohl selbst nicht genau, da es recht unwahrscheinlich schien, dass auch nur einer der Flüchtlinge nicht verstrahlt war. Wie auch immer, das Wort der Wissenschaftler war Gesetz und zugleich Todesurteil. Nicht selten, dass Familien an der Schleuse zerrissen wurden, dass Mütter verzweifelt die Soldaten und Wissenschaftler anflehten, ihre kleinen Kinder durchzulassen im Austausch für ihr eigenes Leben, was aber auch nicht immer gewährt wurde. Immer wieder versuchten verzweifelte Personen, denen der Eintritt verwehrt wurde, dennoch durchzubrechen, was jedoch von den Soldaten umgehend mit Waffengewalt verhindert wurde. Es war eine perfide Einsatzaufteilung unter den Soldaten, die die Ordnung am Tor gewährleisten sollte. Ganz vorne bei den Menschenmassen sechs schwer bewaffnete Soldaten, die jedem Flüchtling ihre Waffen sichtbar und unverhohlen direkt ins Gesicht hielten. In zweiter Reihe ein Offizier, der versuchte, die Lage zu überblicken, während seine zwei Wachen die durchgelassenen Flüchtlinge mit ebenfalls vorgehaltener Waffe, zumindest nicht ins Gesicht gerichtet, zu den hinter ihnen stehenden Wissenschaftlern weiterlotsten. Jedem Wissenschaftler stand ebenfalls ein Soldat zur Seite. Zum einen, um diese vor Übergriffen zu schützen, zum anderen, um die von den Wissenschaftlern abgewiesenen Flüchtlinge schnellstmöglich abzuführen und auszusondern. In letzter Reihe, direkt an der Torschleuse, schließlich noch vier schwer bewaffnete Soldaten, bereit auf alles und jeden das Feuer zu eröffnen.
Alles in allem schaffte es nur zirka jeder Zehnte in den rettenden Bunker vorgelassen zu werden. Alle anderen wurden dem sicheren Tod überlassen oder direkt an Ort und Stelle hingerichtet.
Trotz der zügigen Arbeit der Wissenschaftler und Soldaten schien die Schlange an Flüchtigen nicht endend wollend. Kilometerweit reihten sich die verzweifelten Menschen den Weg hinab, als plötzlich ein weiterer Sirenenalarm ertönte. Schriller und penetranter als der ohnehin ohrenbetäubende Dauerton, der die gesamte Szenerie aushallte. Mit einem Ruck zuckten alle zusammen. Der schrille Ton fuhr durch Mark und Bein. Direkt an der Torschleuse war der Ton am lautesten. Nicht verwunderlich, wenn einige der Soldaten einen Gehörsturz davontrugen. Für diese jedoch bedeutete der schrille Alarm etwas ganz anderes. Mit einem Mal nahmen alle Soldaten ihre Gewehre in den Anschlag und richteten diese gegen die Flüchtenden. Zugleich stoppten die Wissenschaftler ihre Arbeit und versteckten sich rasch hinter ihren Wachen.
Da erhob der anwesende Offizier seinen rechten Arm und befahl mit lauter, bestimmender Stimme: „Achtung! Das war’s, sofortiger geordneter Rückzug in den Bunker. Los!“
Sofort setzten sich die Wissenschaftler, ohne sich nochmal nach den Flüchtigen umzusehen, in Bewegung Richtung Schleuse und verschwanden sogleich mit ihren Wachen hinter dem großen Tor im Bunker. Ihnen folgend der Offizier und dessen Soldaten. Zuletzt rückten die schwer bewaffneten Soldaten, rückwärts schreitend, die Waffen auf die Flüchtlinge gerichtet, ab. Die Flüchtigen brauchten nicht lange, um zu realisieren, was gerade geschah, und verfielen in einen Zustand absoluter verzweifelter Raserei. Das Entsetzen, das den Flüchtigen ins Gesicht geschrieben stand, war nicht zu beschreiben. Vom Schock und Todesangst entstellte Fratzen, bereit, alles und jeden mit bloßen Händen zu zerfleischen, um ihr eigenes Leben zu retten. Doch vergebens, mit jedem Schritt, den sich die schwer bewaffneten Soldaten dem Tor näherten, schloss sich dieses langsam, aber sicher. Der Vorgang dauerte nur wenige Sekunden, die den Flüchtigen jedoch wie eine unerträgliche Ewigkeit vorkam. Sekunden, in denen hunderte Schüsse auf die vorderste Reihe der Flüchtigen niedergingen. Skrupel hatten die Soldaten keine mehr, auf die Menge zu schießen. Nein, den Soldaten schien es nun sogar vielmehr als gute Tat, einigen Flüchtigen so wenigstens einen schnellen schmerzlosen Tod zu ermöglichen, als langsam im atomaren Winter zu verrecken. Was in dieser Situation von den Flüchtigen freilich nicht so aufgefasst wurde. Sofern auch nur einer der Anwesenden noch irgendwie in der Lage war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Die Situation eskalierte völlig. Zahllose Erschossene und zu Tode Getrampelte türmten sich vor den Soldaten, die bereits am Tor angelangt und bereit für die letzten Schritte hinein waren. Sie standen nur noch im Tor, weil sich dieses nicht so schnell schließen konnte. Es waren die letzten Sekunden. Die Flüchtigen warfen alles, was sie greifen konnten, nach den Soldaten. Steine, Äste, Leichen.
Schließlich stand nur noch ein Soldat im Tor, das nur noch knapp fünfzig Zentimeter geöffnet stand, als plötzlich eine Frau mit einem kleinen Mädchen im Arm den Haufen an Leichen erklomm und ihre Tochter in aller Verzweiflung in Richtung Tor warf, bevor sie von der panischen Masse gepackt und hinuntergerissen wurde.
Mit diesem Anblick hatte selbst der eiserne Soldat nicht gerechnet. Entsetzt sah er das kleine Mädchen an, welches nun einige Schritte vor ihm, mit aufgeschundenen Knien, Armen und Stirn auf dem Boden lag und aus tiefster Kehler weinte. Der Soldat zögerte nicht lange und trat wieder aus der Tür, in Richtung des kleinen Mädchens. Hinter ihm schrien und befahlen die anderen Soldaten ihren Kameraden zurück. Dieser hörte jedoch aufgrund des Dauerfeuers, mit dem er sich die aufgebrachte Menge auf Abstand hielt, davon nichts. Mit einem Satz packte er das kleine Mädchen an der Hüfte und nahm sie hoch. Zeitgleich schoss er weiter unentwegt auf die Menge und schritt wieder zügig zurück zum Tor, das sich jedoch bereits weiter geschlossen hatte. Nur noch ein kleiner, zirka zwanzig Zentimeter breiter Spalt war geöffnet. Der Soldat zögerte keine Sekunde und quetschte das kleine Mädchen durch den Spalt. Vor Schmerzen schrie das Mädchen laut auf, als der Soldat ihren Kopf in aller letzter Sekunde durch den Spalt drückte. „Schmerzen vergehen, Hauptsache in Sicherheit“, dachte sich der Soldat.
Mit einem letzten Blick zu seinem Kameraden, der das kleine Mädchen entgegen nahm, verabschiedete sich der Soldat mit einem schlichten Nicken von seinem Kameraden, bevor sich der Spalt schloss und der Bunker so unwiderruflich versperrt war.
„Eine letzte gute Tat.“ Erleichtert stand der Soldat nun der Menge gegenüber, die mit dem Schließen des Tores ebenfalls innehielt und sich offenbar resignierend mit der Situation abfand.
Der Soldat warf noch einen schnellen Blick auf sein Magazin, leer. Das heißt noch eine Kugel im Schlitten. Ein zufriedenes Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit, als er seine Waffe an sein Kinn führte und mit sich und der Welt im Reinen den Abzug betätigte.
„Mayor, wurde der Torbereich ordnungsgemäß evakuiert und wurden die Tore korrekt verschlossen?“, hallte es aus dem großen Torbereich des Bunkers, dem Offizier am Tor entgegen, der noch geschockt von den letzten Sekunden regungslos dastand und das kleine Mädchen ansah. Mit größter Mühe versuchte er sich zu sammeln, um seinem Vorgesetzten Rede und Antwort zu bieten: „General O’Neill, melde den vorschriftsmäßigen Verschluss der Torschleuse. Wir mussten jedoch einen Mann zurücklassen. Lieutenant Frank Meyer opferte sich, um dieses kleine Mädchen zu retten.“
Betrübt zeigte der Mayor auf das kleine Mädchen, dass noch immer weinend dem schwer bewaffneten Soldaten im Arm lag. Der General trat einen Schritt näher, wischte dem Mädchen seine Haare aus dem Gesicht und warf ihr ein Lächeln zu: „Na, wie heißt du denn, Kleines?“
Schüchtern vergrub sich das Mädchen im Hals des Soldaten und stammelte leise: „Lisa.“
„Okay Lisa“, antwortete General O’Neill mit ruhiger, sanfter Stimme: „Du bist jetzt in Sicherheit. Diese beiden Männer sind ab sofort nur für dich und deinen Schutz zuständig. Sie werden alles machen, was du ihnen befiehlst. Hörst du?“
Schüchtern nickte Lisa dem General zustimmend zu.
„Mayor, Sie kümmern sich persönlich um die Kleine. Versorgen Sie ihre Schürfwunden und bereiten Sie sie auf den Kryoschlaf vor.“ „Verstanden; Herr General!“, bestätigte der Mayor und nahm Lisa dem schwer bewaffneten Soldaten aus dem Arm.
„Okay Lisa, mach brav; was der Mayor dir sagt, ich sehe in Kürze wieder nach dir, versprochen“, beschloss General O’Neill das Gespräch in Richtung Lisa und ging schnellen Schrittes weiter in den Bunker.
Es herrschte das absolute Chaos, überall versammelten sich verängstigte und orientierungslose Menschen auf der Suche nach Antworten oder jemanden, der ihnen weiterhelfen könnte. Zwar huschten auch einige Soldaten in der Gegend herum und versuchten ihr Möglichstes, um den Menschen weiterzuhelfen und sie in die richtige Richtung zu weisen, um das Chaos etwas zu lichten, doch waren es einfach zu viele, um dies einfach so zu bewerkstelligen. Als General O’Neill durch die große Eingangshalle des Bunkers ging und dieses Chaos erkannte, blickte er sich kurz um und rief dann nach dem erstbesten Soldaten, dessen er habhaft werden konnte: „Soldat! Achtung!“
Auf der Stelle blieb der Soldat stehen und nahm Haltung an.
„Privat, laufen Sie rauf in die Kommandozentrale und befehlen Sie dem Diensthabenden, er soll sofort eine Lautsprecherdurchsage starten. Er soll durchgeben, dass sich ausnahmslos alle hier in der Halle versammeln und in einer Reihe anstellen sollen. Danach führen Sie und Ihre Kameraden die Reihe geordnet zu den Untersuchungen und dann weiter in Richtung der Schlafhallen. Sie haben das Kommando, sollte sich einer querstellen, verweisen Sie auf mich! Haben Sie verstanden Privat?“
Verdutzt sah der junge Soldat den General an, nickte dann aber zustimmend und setzte sich sogleich im Laufschritt in Bewegung.
Kurz sah General O’Neill dem jungen Soldaten nach, setzte dann aber ebenfalls seinen Weg fort. Während der junge Soldat quer durch die große Halle rannte, um am Ende der Halle ins Treppenhaus zur Kommandozentrale zu gelangen, wendete sich General O’Neill zu seiner Linken und betrat einen langen schmalen Gang, der tiefer in die Bunkeranlage führte. Der Gang war nur knapp zwei Meter breit und auch hier versammelten sich die Menschen. Beinahe stolperte der General über eine kleine Gruppe von Zivilisten. Er nahm die erste Frau in seiner Nähe bei der Hand und half dieser hoch, worauf sich auch die anderen erhoben, und bat die Gruppe sich in die Halle zu begeben und weitere Instruktionen abzuwarten. Danach versuchte der General seinen Weg fortzusetzen, kam jedoch nur wenige Schritte, bis ihm ein Trupp Soldaten entgegenkam und vor ihm Aufstellung nahm und salutierte. General O’Neill honorierte das militärisch korrekte Verhalten der Soldaten, wollte in diesem Moment aber eigentlich nur so schnell wie möglich weiter. Er salutierte den Trupp schnell ab und drängte sogleich an ihnen vorbei den engen Gang weiter. Schon leicht genervt von all den Menschenmassen ertönte dann aber die erlösende Lautsprecherdurchsage. Der junge Soldat tat, wie ihm befohlen:
„Achtung, Achtung!! Hiermit wird der gesamte Stützpunkt, egal ob Zivilist, Soldat oder Bunkerpersonal, bis auf das momentan fest eingeteilte Personal, aufgefordert sich in der großen Halle zu sammeln! An alle Zivilisten: Ordnen Sie sich in der Halle bitte in einer Gänsereihe an und befolgen Sie die Anweisungen der Soldaten! Sie werden in Kürze zur Gesundenuntersuchung weitergeleitet, wo Sie für das weitere Vorgehen im Bunker vorbereitet werden. Für Fragen steht Ihnen das Fachpersonal am Ende der Untersuchungen zur Verfügung. Bitte verhalten Sie sich gesittet und korrekt, um einen reibungs- und problemlosen Ablauf zu gewährleisten!“
Beruhigt hörte sich der General die Durchsage an und ging langsam weiter, bis er einige hundert Meter weiter an einer Tür zu seiner Rechten anlangte und diese öffnete. Er fand sich in einem kleinen Treppenhaus wieder, das zwei Stockwerke nach unten führte. Am Treppenabsatz angelangt, fand sich der General in einem großen Besprechungsraum wieder. Inmitten des Raums ein großer rechteckiger Tisch mit Lederstühlen ringsum. Einige der Stühle waren bereits mit Personen besetzt, die sich alle erhoben, als sie den General eintreten sahen.
Der General ging zielgerichtet zum Stuhl an der Stirnseite des Tisches, zog diesen zurück und nahm vor dem Tisch Aufstellung: „Herrschaften, ich begrüße Sie im Bunker Zitadelle. Ich hoffe, es geht Ihnen soweit gut.“ Nach der knappen Begrüßung nahm General O’Neill Platz, so auch die anderen Teilnehmer der Runde. Dann wendete sich der General an den ersten Mann in der Runde zu seiner Linken und fuhr fort: „Colonel Miller, wie steht es um die Zitadelle? Dass die Tore geschlossen sind, davon habe ich mich selbst bereits überzeugt, und wie Sie gerade vernommen haben, habe ich Anweisung für das weitere Vorgehen gegeben.“
Colonel Alexander Miller war ein stämmiger Mann Ende vierzig, mit grauen, militärisch kurz geschnittenen Haaren. Er trug seine Uniform und hatte eine bereits erloschene Zigarre im Mund, an der er unentwegt herumnagte. „Danke, General O’Neill! Der Bunker ist in einem Topzustand. Unsre Außenkameras zeigen, dass sich die Meute vor dem Tor allmählich auflöst. Und auch sonst sind von außen keine Gefahren mehr zu erwarten! Die Generatoren laufen vorbildlich und alles steht für den großen Schlaf bereit!“, berichtete Colonel Miller militärisch knapp auf den Punkt gebracht.
„Danke, Colonel. Professor Stevens, können Sie die Aussagen des Colonels betreffend die Kryotechnik bestätigen?“, fragte General O’Neill den drei Plätze weiter sitzenden Mann.
Professor Josef Stevens, ein fünfundfünfzig Jahre alter farbiger Mann, gekleidet in einem weißen Laborkittel mit großer Brille im Gesicht, war vor dem Krieg hoffnungsvoller Einsteiger auf dem Gebiet der Kryotechnik und entwickelte sich während des Krieges zu einer Koryphäe auf diesem Gebiet. Er zeichnete verantwortlich für die Entwicklung und Errichtung der Kryotechnologie und der Schlafkapseln, in denen die Überlebenden die Zeit überdauern sollten.
„Nun, ich kann bestätigen, dass die Generatoren zur Gänze gefüllt sind und auch alle 500.000 Einheiten der Schlafkapseln fehlerfrei laufen. Die Tatsache, dass wir nicht mal ansatzweise die vollen Kapazitäten der Anlage ausschöpfen, gibt uns jedenfalls noch weitere Sicherheit mit den Energieressourcen.“
„Kapazitätenausschöpfung! Das bringt mich weiter zu Ihnen, Doktor Foster. Haben Sie schon Zahlen, wie viele Überlebende wir nun wirklich bei uns haben?“
General O’Neills Blick wandte sich der einzigen Frau der Runde zu. Frau Doktor Evelin Foster. Siebenunddreißig Jahre jung, schlank und groß gewachsen. Attraktiv, mit langen blonden Haaren und ebenfalls in einen weißen Laborkittel gekleidet.
„Bislang haben wir nur Überschlagszahlen, die genaue Zählung und Aufnahme von Personalien erfolgt im Augenblick im Zuge der Untersuchungen. Hierzu gleich noch eine Anmerkung meinerseits. Was sollen diese Untersuchungen überhaupt? Mir wurden keine Grenzwerte oder sonstige körperliche Marker genannt, auf die meine Mitarbeiter achten sollten!“
„Das ist mir bewusst, Doktor. Die Untersuchung hat vor allem den Sinn, die Menschen zu beruhigen. Sie soll vermitteln, dass wir uns um jeden Einzelnen kümmern und um das Wohl aller besorgt sind. Das wir nun, da wir alle hier unter der Erde eingeschlossen sind, keinem die Kryokapsel aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen verwehren können und werden, ist mir bewusst“, erklärte General O’Neill mit ruhiger Stimme.
...
Zehn Jahre des Krieges sind nun bereits vergangen. Zehn Jahre der Gewalt und der Zerstörung. Zehn Jahre des Todes! Unser einst so lebendiger und blühender Planet ist nicht mehr wieder zu erkennen. Immer, wenn es zaghafte Anzeichen der Annäherung gab, folgte auch gleich ein erneuter Angriff, der den vorhergehenden in aller Grausamkeit übertraf. Fünf Monate ist es nun her, dass diese gottlosen Hunde die erste unsrer Großstädte im Feuersturm eines Atompilzes von der Landkarte fegen ließen. Was die letzte, dramatischste Phase des Krieges einläutete. Unser Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. „Noah’s Ark“, die größte und mächtigste Atomrakete sollte unsre Vergeltung bis ins Herz des Feindeslandes bringen und so dem Krieg ein schnelles Ende bringen. Welch unfassbarer Irrglaube.
Wie viele Atomraketen und -bomben es insgesamt waren, die die Erde unwiderruflich verwüsteten, vermag ich nicht zu beantworten. Es reichte jedenfalls, um den Himmel zu verdunkeln und die Erde in einem atomaren Winter zu begraben. Wie viele Tote es weltweit gab, lässt sich unmöglich feststellen. Alle Aufklärungsdrohnen und Satelliten sind längst zerstört. Nur in einem sind sich alle gewiss, kein Mensch kann nunmehr lange auf der Erde überleben.
Gott hat unsren Planeten und uns törichten Menschen endgültig verlassen.
Alle Pläne waren vergeben. Der atomare Schlagabtausch kam zu abrupt und massiv. Nur ein einziger unsrer großen Bunkeranlagen, die insgesamt zehn Millionen Überlebende aufnehmen sollten, um den Fortbestand unsrer Rasse zu sichern, hat die Angriffe überstanden. Und selbst hier her, in den letzten Bunker, der „Zitadelle“, haben es ersten Zählungen zu folge nur etwa 500.000 Überlebende geschafft. Es muss Gottes Wille gewesen sein. Gottes Auslese der Auserwählten, die die bitteren Jahre der atomaren Dunkelheit überstehen sollen, um dann gleich Adam und Eva die neu erwachte Erde wieder zu bevölkern und sich erneut Untertan zu machen. – So muss es sein, ja!“
Wäre die Szenerie in absolute Stille getaucht und menschenleer, hätte sie etwas gespenstig Schönes und Beruhigendes. Eine Komposition aus Grautönen. Dichte graue Wolken, die die Sonne verdunkelten und die Landschaft dicht mit Schnee bedeckten. In der Ferne pechschwarze Rauchschaden, die aus den Trümmern einstiger Millionenmetropolen aufstiegen, die immer wieder von aufsteigenden Feuerschwaden in einen glühend roten Schein getaucht wurden. Ein langer schmaler Weg führte von der Landstraße herauf zum in den Felsen eines kargen Kalksteinmassivs geschlagenen Bunker. Der Weg war bereits zentimeterdick vom Schnee bedeckt. Doch kein heller, weißer Schnee war es, nein, der Schnee nahm allen Staub der Atmosphäre, den er aufnehmen konnte, und fiel so fahlgrau vom Himmel. Passend dazu die am Wegesrand im Wind klappernden, ausgebrannten Baumskelette, die das Bild des Todes gekonnt abrundeten. Die letzte Impression dazu wäre noch ein tiefer Atemzug der rauchig frischen und modrigen Winterluft. Wovon jedoch aufgrund der Strahlung akut abzuraten war.
Aber nichts dergleichen, laut tönend erschallte die Alarmsirene im Dauerton. Doch ging selbst dieser ohrenbetäubende Lärm unter den tausenden grauenhaften, panischen Verzweiflungsschreien der in den Bunker drängenden Flüchtigen unter. Schreie, die einem durch Mark und Bein gingen.
Der Flüchtlingsstrom erstreckte sich über den gesamten Weg den Berg hinab. Unzählige verzweifelte, zum Teil verwundete Menschen. Verwahrlost, mit der Situation klar überfordert, schoben sie einander den Anhang hinauf, die Gesichter tränen- und blutverschmiert. Schwer zu sagen, ob sie blutige Wunden im Gesicht trugen, oder bereits vor Todesangst Blut schwitzten. Eine schaurige Akzentuierung der Szenerie, die grell rot leuchtenden Blutspritzer im fahlen Schnee.
Am Wegesrand häuften sich immer mehr die Leichen derer, die die Kräfte verließen und sich nicht mehr gegen das Gedränge der anderen zu währen vermochten. Alte, Gebrechliche, Frauen und Kinder. Einmal zu Boden gedrückt und scheinbar leblos, war keine Hilfe mehr von den Mitmenschen zu erwarten. Ein Opfer auf dem Weg ist gleich ein freier Platz im Bunker.
Bis direkt an die Hauptschleuse der Bunkeranlage drängten die Menschenmassen. Vor dem riesigen Bunkertor hielt ein Trupp von schwer bewaffneten Soldaten die Massen in Schacht und versuchten mit allen Mitteln den Zutritt zum Bunker zu regeln. Geschützt von den Soldaten hatten vier Wissenschaftler in weißen Laborkitteln Aufstellung genommen und untersuchten in aller Hektik die Durchgelassenen mittels Geigerzähler auf radioaktive Verstrahlung. Überschritten die Strahlungswerte eines Getesteten die Grenzwerte, so wurde diesem der Zutritt zum Bunker verwehrt. Wo diese Grenzwerte jedoch lagen, wussten die Wissenschaftler wohl selbst nicht genau, da es recht unwahrscheinlich schien, dass auch nur einer der Flüchtlinge nicht verstrahlt war. Wie auch immer, das Wort der Wissenschaftler war Gesetz und zugleich Todesurteil. Nicht selten, dass Familien an der Schleuse zerrissen wurden, dass Mütter verzweifelt die Soldaten und Wissenschaftler anflehten, ihre kleinen Kinder durchzulassen im Austausch für ihr eigenes Leben, was aber auch nicht immer gewährt wurde. Immer wieder versuchten verzweifelte Personen, denen der Eintritt verwehrt wurde, dennoch durchzubrechen, was jedoch von den Soldaten umgehend mit Waffengewalt verhindert wurde. Es war eine perfide Einsatzaufteilung unter den Soldaten, die die Ordnung am Tor gewährleisten sollte. Ganz vorne bei den Menschenmassen sechs schwer bewaffnete Soldaten, die jedem Flüchtling ihre Waffen sichtbar und unverhohlen direkt ins Gesicht hielten. In zweiter Reihe ein Offizier, der versuchte, die Lage zu überblicken, während seine zwei Wachen die durchgelassenen Flüchtlinge mit ebenfalls vorgehaltener Waffe, zumindest nicht ins Gesicht gerichtet, zu den hinter ihnen stehenden Wissenschaftlern weiterlotsten. Jedem Wissenschaftler stand ebenfalls ein Soldat zur Seite. Zum einen, um diese vor Übergriffen zu schützen, zum anderen, um die von den Wissenschaftlern abgewiesenen Flüchtlinge schnellstmöglich abzuführen und auszusondern. In letzter Reihe, direkt an der Torschleuse, schließlich noch vier schwer bewaffnete Soldaten, bereit auf alles und jeden das Feuer zu eröffnen.
Alles in allem schaffte es nur zirka jeder Zehnte in den rettenden Bunker vorgelassen zu werden. Alle anderen wurden dem sicheren Tod überlassen oder direkt an Ort und Stelle hingerichtet.
Trotz der zügigen Arbeit der Wissenschaftler und Soldaten schien die Schlange an Flüchtigen nicht endend wollend. Kilometerweit reihten sich die verzweifelten Menschen den Weg hinab, als plötzlich ein weiterer Sirenenalarm ertönte. Schriller und penetranter als der ohnehin ohrenbetäubende Dauerton, der die gesamte Szenerie aushallte. Mit einem Ruck zuckten alle zusammen. Der schrille Ton fuhr durch Mark und Bein. Direkt an der Torschleuse war der Ton am lautesten. Nicht verwunderlich, wenn einige der Soldaten einen Gehörsturz davontrugen. Für diese jedoch bedeutete der schrille Alarm etwas ganz anderes. Mit einem Mal nahmen alle Soldaten ihre Gewehre in den Anschlag und richteten diese gegen die Flüchtenden. Zugleich stoppten die Wissenschaftler ihre Arbeit und versteckten sich rasch hinter ihren Wachen.
Da erhob der anwesende Offizier seinen rechten Arm und befahl mit lauter, bestimmender Stimme: „Achtung! Das war’s, sofortiger geordneter Rückzug in den Bunker. Los!“
Sofort setzten sich die Wissenschaftler, ohne sich nochmal nach den Flüchtigen umzusehen, in Bewegung Richtung Schleuse und verschwanden sogleich mit ihren Wachen hinter dem großen Tor im Bunker. Ihnen folgend der Offizier und dessen Soldaten. Zuletzt rückten die schwer bewaffneten Soldaten, rückwärts schreitend, die Waffen auf die Flüchtlinge gerichtet, ab. Die Flüchtigen brauchten nicht lange, um zu realisieren, was gerade geschah, und verfielen in einen Zustand absoluter verzweifelter Raserei. Das Entsetzen, das den Flüchtigen ins Gesicht geschrieben stand, war nicht zu beschreiben. Vom Schock und Todesangst entstellte Fratzen, bereit, alles und jeden mit bloßen Händen zu zerfleischen, um ihr eigenes Leben zu retten. Doch vergebens, mit jedem Schritt, den sich die schwer bewaffneten Soldaten dem Tor näherten, schloss sich dieses langsam, aber sicher. Der Vorgang dauerte nur wenige Sekunden, die den Flüchtigen jedoch wie eine unerträgliche Ewigkeit vorkam. Sekunden, in denen hunderte Schüsse auf die vorderste Reihe der Flüchtigen niedergingen. Skrupel hatten die Soldaten keine mehr, auf die Menge zu schießen. Nein, den Soldaten schien es nun sogar vielmehr als gute Tat, einigen Flüchtigen so wenigstens einen schnellen schmerzlosen Tod zu ermöglichen, als langsam im atomaren Winter zu verrecken. Was in dieser Situation von den Flüchtigen freilich nicht so aufgefasst wurde. Sofern auch nur einer der Anwesenden noch irgendwie in der Lage war, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Die Situation eskalierte völlig. Zahllose Erschossene und zu Tode Getrampelte türmten sich vor den Soldaten, die bereits am Tor angelangt und bereit für die letzten Schritte hinein waren. Sie standen nur noch im Tor, weil sich dieses nicht so schnell schließen konnte. Es waren die letzten Sekunden. Die Flüchtigen warfen alles, was sie greifen konnten, nach den Soldaten. Steine, Äste, Leichen.
Schließlich stand nur noch ein Soldat im Tor, das nur noch knapp fünfzig Zentimeter geöffnet stand, als plötzlich eine Frau mit einem kleinen Mädchen im Arm den Haufen an Leichen erklomm und ihre Tochter in aller Verzweiflung in Richtung Tor warf, bevor sie von der panischen Masse gepackt und hinuntergerissen wurde.
Mit diesem Anblick hatte selbst der eiserne Soldat nicht gerechnet. Entsetzt sah er das kleine Mädchen an, welches nun einige Schritte vor ihm, mit aufgeschundenen Knien, Armen und Stirn auf dem Boden lag und aus tiefster Kehler weinte. Der Soldat zögerte nicht lange und trat wieder aus der Tür, in Richtung des kleinen Mädchens. Hinter ihm schrien und befahlen die anderen Soldaten ihren Kameraden zurück. Dieser hörte jedoch aufgrund des Dauerfeuers, mit dem er sich die aufgebrachte Menge auf Abstand hielt, davon nichts. Mit einem Satz packte er das kleine Mädchen an der Hüfte und nahm sie hoch. Zeitgleich schoss er weiter unentwegt auf die Menge und schritt wieder zügig zurück zum Tor, das sich jedoch bereits weiter geschlossen hatte. Nur noch ein kleiner, zirka zwanzig Zentimeter breiter Spalt war geöffnet. Der Soldat zögerte keine Sekunde und quetschte das kleine Mädchen durch den Spalt. Vor Schmerzen schrie das Mädchen laut auf, als der Soldat ihren Kopf in aller letzter Sekunde durch den Spalt drückte. „Schmerzen vergehen, Hauptsache in Sicherheit“, dachte sich der Soldat.
Mit einem letzten Blick zu seinem Kameraden, der das kleine Mädchen entgegen nahm, verabschiedete sich der Soldat mit einem schlichten Nicken von seinem Kameraden, bevor sich der Spalt schloss und der Bunker so unwiderruflich versperrt war.
„Eine letzte gute Tat.“ Erleichtert stand der Soldat nun der Menge gegenüber, die mit dem Schließen des Tores ebenfalls innehielt und sich offenbar resignierend mit der Situation abfand.
Der Soldat warf noch einen schnellen Blick auf sein Magazin, leer. Das heißt noch eine Kugel im Schlitten. Ein zufriedenes Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit, als er seine Waffe an sein Kinn führte und mit sich und der Welt im Reinen den Abzug betätigte.
„Mayor, wurde der Torbereich ordnungsgemäß evakuiert und wurden die Tore korrekt verschlossen?“, hallte es aus dem großen Torbereich des Bunkers, dem Offizier am Tor entgegen, der noch geschockt von den letzten Sekunden regungslos dastand und das kleine Mädchen ansah. Mit größter Mühe versuchte er sich zu sammeln, um seinem Vorgesetzten Rede und Antwort zu bieten: „General O’Neill, melde den vorschriftsmäßigen Verschluss der Torschleuse. Wir mussten jedoch einen Mann zurücklassen. Lieutenant Frank Meyer opferte sich, um dieses kleine Mädchen zu retten.“
Betrübt zeigte der Mayor auf das kleine Mädchen, dass noch immer weinend dem schwer bewaffneten Soldaten im Arm lag. Der General trat einen Schritt näher, wischte dem Mädchen seine Haare aus dem Gesicht und warf ihr ein Lächeln zu: „Na, wie heißt du denn, Kleines?“
Schüchtern vergrub sich das Mädchen im Hals des Soldaten und stammelte leise: „Lisa.“
„Okay Lisa“, antwortete General O’Neill mit ruhiger, sanfter Stimme: „Du bist jetzt in Sicherheit. Diese beiden Männer sind ab sofort nur für dich und deinen Schutz zuständig. Sie werden alles machen, was du ihnen befiehlst. Hörst du?“
Schüchtern nickte Lisa dem General zustimmend zu.
„Mayor, Sie kümmern sich persönlich um die Kleine. Versorgen Sie ihre Schürfwunden und bereiten Sie sie auf den Kryoschlaf vor.“ „Verstanden; Herr General!“, bestätigte der Mayor und nahm Lisa dem schwer bewaffneten Soldaten aus dem Arm.
„Okay Lisa, mach brav; was der Mayor dir sagt, ich sehe in Kürze wieder nach dir, versprochen“, beschloss General O’Neill das Gespräch in Richtung Lisa und ging schnellen Schrittes weiter in den Bunker.
Es herrschte das absolute Chaos, überall versammelten sich verängstigte und orientierungslose Menschen auf der Suche nach Antworten oder jemanden, der ihnen weiterhelfen könnte. Zwar huschten auch einige Soldaten in der Gegend herum und versuchten ihr Möglichstes, um den Menschen weiterzuhelfen und sie in die richtige Richtung zu weisen, um das Chaos etwas zu lichten, doch waren es einfach zu viele, um dies einfach so zu bewerkstelligen. Als General O’Neill durch die große Eingangshalle des Bunkers ging und dieses Chaos erkannte, blickte er sich kurz um und rief dann nach dem erstbesten Soldaten, dessen er habhaft werden konnte: „Soldat! Achtung!“
Auf der Stelle blieb der Soldat stehen und nahm Haltung an.
„Privat, laufen Sie rauf in die Kommandozentrale und befehlen Sie dem Diensthabenden, er soll sofort eine Lautsprecherdurchsage starten. Er soll durchgeben, dass sich ausnahmslos alle hier in der Halle versammeln und in einer Reihe anstellen sollen. Danach führen Sie und Ihre Kameraden die Reihe geordnet zu den Untersuchungen und dann weiter in Richtung der Schlafhallen. Sie haben das Kommando, sollte sich einer querstellen, verweisen Sie auf mich! Haben Sie verstanden Privat?“
Verdutzt sah der junge Soldat den General an, nickte dann aber zustimmend und setzte sich sogleich im Laufschritt in Bewegung.
Kurz sah General O’Neill dem jungen Soldaten nach, setzte dann aber ebenfalls seinen Weg fort. Während der junge Soldat quer durch die große Halle rannte, um am Ende der Halle ins Treppenhaus zur Kommandozentrale zu gelangen, wendete sich General O’Neill zu seiner Linken und betrat einen langen schmalen Gang, der tiefer in die Bunkeranlage führte. Der Gang war nur knapp zwei Meter breit und auch hier versammelten sich die Menschen. Beinahe stolperte der General über eine kleine Gruppe von Zivilisten. Er nahm die erste Frau in seiner Nähe bei der Hand und half dieser hoch, worauf sich auch die anderen erhoben, und bat die Gruppe sich in die Halle zu begeben und weitere Instruktionen abzuwarten. Danach versuchte der General seinen Weg fortzusetzen, kam jedoch nur wenige Schritte, bis ihm ein Trupp Soldaten entgegenkam und vor ihm Aufstellung nahm und salutierte. General O’Neill honorierte das militärisch korrekte Verhalten der Soldaten, wollte in diesem Moment aber eigentlich nur so schnell wie möglich weiter. Er salutierte den Trupp schnell ab und drängte sogleich an ihnen vorbei den engen Gang weiter. Schon leicht genervt von all den Menschenmassen ertönte dann aber die erlösende Lautsprecherdurchsage. Der junge Soldat tat, wie ihm befohlen:
„Achtung, Achtung!! Hiermit wird der gesamte Stützpunkt, egal ob Zivilist, Soldat oder Bunkerpersonal, bis auf das momentan fest eingeteilte Personal, aufgefordert sich in der großen Halle zu sammeln! An alle Zivilisten: Ordnen Sie sich in der Halle bitte in einer Gänsereihe an und befolgen Sie die Anweisungen der Soldaten! Sie werden in Kürze zur Gesundenuntersuchung weitergeleitet, wo Sie für das weitere Vorgehen im Bunker vorbereitet werden. Für Fragen steht Ihnen das Fachpersonal am Ende der Untersuchungen zur Verfügung. Bitte verhalten Sie sich gesittet und korrekt, um einen reibungs- und problemlosen Ablauf zu gewährleisten!“
Beruhigt hörte sich der General die Durchsage an und ging langsam weiter, bis er einige hundert Meter weiter an einer Tür zu seiner Rechten anlangte und diese öffnete. Er fand sich in einem kleinen Treppenhaus wieder, das zwei Stockwerke nach unten führte. Am Treppenabsatz angelangt, fand sich der General in einem großen Besprechungsraum wieder. Inmitten des Raums ein großer rechteckiger Tisch mit Lederstühlen ringsum. Einige der Stühle waren bereits mit Personen besetzt, die sich alle erhoben, als sie den General eintreten sahen.
Der General ging zielgerichtet zum Stuhl an der Stirnseite des Tisches, zog diesen zurück und nahm vor dem Tisch Aufstellung: „Herrschaften, ich begrüße Sie im Bunker Zitadelle. Ich hoffe, es geht Ihnen soweit gut.“ Nach der knappen Begrüßung nahm General O’Neill Platz, so auch die anderen Teilnehmer der Runde. Dann wendete sich der General an den ersten Mann in der Runde zu seiner Linken und fuhr fort: „Colonel Miller, wie steht es um die Zitadelle? Dass die Tore geschlossen sind, davon habe ich mich selbst bereits überzeugt, und wie Sie gerade vernommen haben, habe ich Anweisung für das weitere Vorgehen gegeben.“
Colonel Alexander Miller war ein stämmiger Mann Ende vierzig, mit grauen, militärisch kurz geschnittenen Haaren. Er trug seine Uniform und hatte eine bereits erloschene Zigarre im Mund, an der er unentwegt herumnagte. „Danke, General O’Neill! Der Bunker ist in einem Topzustand. Unsre Außenkameras zeigen, dass sich die Meute vor dem Tor allmählich auflöst. Und auch sonst sind von außen keine Gefahren mehr zu erwarten! Die Generatoren laufen vorbildlich und alles steht für den großen Schlaf bereit!“, berichtete Colonel Miller militärisch knapp auf den Punkt gebracht.
„Danke, Colonel. Professor Stevens, können Sie die Aussagen des Colonels betreffend die Kryotechnik bestätigen?“, fragte General O’Neill den drei Plätze weiter sitzenden Mann.
Professor Josef Stevens, ein fünfundfünfzig Jahre alter farbiger Mann, gekleidet in einem weißen Laborkittel mit großer Brille im Gesicht, war vor dem Krieg hoffnungsvoller Einsteiger auf dem Gebiet der Kryotechnik und entwickelte sich während des Krieges zu einer Koryphäe auf diesem Gebiet. Er zeichnete verantwortlich für die Entwicklung und Errichtung der Kryotechnologie und der Schlafkapseln, in denen die Überlebenden die Zeit überdauern sollten.
„Nun, ich kann bestätigen, dass die Generatoren zur Gänze gefüllt sind und auch alle 500.000 Einheiten der Schlafkapseln fehlerfrei laufen. Die Tatsache, dass wir nicht mal ansatzweise die vollen Kapazitäten der Anlage ausschöpfen, gibt uns jedenfalls noch weitere Sicherheit mit den Energieressourcen.“
„Kapazitätenausschöpfung! Das bringt mich weiter zu Ihnen, Doktor Foster. Haben Sie schon Zahlen, wie viele Überlebende wir nun wirklich bei uns haben?“
General O’Neills Blick wandte sich der einzigen Frau der Runde zu. Frau Doktor Evelin Foster. Siebenunddreißig Jahre jung, schlank und groß gewachsen. Attraktiv, mit langen blonden Haaren und ebenfalls in einen weißen Laborkittel gekleidet.
„Bislang haben wir nur Überschlagszahlen, die genaue Zählung und Aufnahme von Personalien erfolgt im Augenblick im Zuge der Untersuchungen. Hierzu gleich noch eine Anmerkung meinerseits. Was sollen diese Untersuchungen überhaupt? Mir wurden keine Grenzwerte oder sonstige körperliche Marker genannt, auf die meine Mitarbeiter achten sollten!“
„Das ist mir bewusst, Doktor. Die Untersuchung hat vor allem den Sinn, die Menschen zu beruhigen. Sie soll vermitteln, dass wir uns um jeden Einzelnen kümmern und um das Wohl aller besorgt sind. Das wir nun, da wir alle hier unter der Erde eingeschlossen sind, keinem die Kryokapsel aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen verwehren können und werden, ist mir bewusst“, erklärte General O’Neill mit ruhiger Stimme.
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