Senja – Die Geheimnisse des Rats
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-7116-0516-0
Erscheinungsdatum: 11.03.2025
Es gibt ein Leben neben dem, das Leandra kennt: Geheimnisse und mystische Wesen, die ihre ganze Welt auf den Kopf stellen. Ein schicksalhaftes Ereignis, das sie prägen wird neben den unglaublichen Glücksgefühlen, welche die erste große Liebe mit sich bringt.
Prolog
Eine kleine, rundliche Frau redete ungeduldig auf ihren Mann ein, der aussah, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Als sich die Starre langsam verzog und der Mann wieder zu sich kam, klang er sehr aufgeregt. Sofort erzählte er seiner Frau von seiner Vision. Die Worte kamen ihm viel zu schnell über die Lippen, sodass seine Frau Mühe hatte, ihn richtig zu verstehen. Doch an seinem Tonfall konnte sie erkennen, dass es sich um etwas Gutes handelte, und so zog sie ihn gleich zu den restlichen Mitgliedern des Stammes. Als die zwei auf die Gruppe trafen, verstummten die Gespräche sofort. Jeder wusste: Wenn Senjothis die Gruppe betrat, stand den Leuten etwas Schlimmes bevor. Sie warteten gespannt, bis Senjothis ihnen die Neuigkeiten überbrachte. In den Gesichtern der Leute stand Angst geschrieben, denn wenn Senjothis einmal unter die Leute ging, verbreitete er die Nachricht einer Krankheit, eines Unfalls oder einer miesen Ernte. Doch heute war es anders. Als Senjothis auf die Gruppe zuging, hatte er dieses außergewöhnliche und seltene Lächeln im Gesicht. Die Gesichter der anderen blieben angespannt, doch sie schienen weniger ängstlich. Senjothis fing an, von seiner Vision zu berichten. Dieses Mal war seine Stimme ruhig, jedoch immer noch voller Freude und Hoffnung. Er berichtete der Gruppe, die gespannt an seinen Lippen hing, von seiner höchsteindrucksvollen Vision. Als er mit seinem Bericht fertig war, staunten die Leute. So etwas Wunderbares hatte bis heute noch keiner prophezeit. Als sie die Nachricht ein bisschen verdaut hatten, kamen die Fragen: wann sich die Prophezeiung erfülle, ob das stimme, wer die Personen seien und so weiter. Senjothis beantwortete die Fragen wie immer ausweichend. Er konnte weder sagen, wann noch wo, wie oder wer die Prophezeiung erfüllen werde. Doch er wusste, dass sie sich erfüllen würde, und da seine Visionen immer der Wahrheit entsprachen und sein Wort unter dem Stamm viel galt, glaubten auch alle anderen aus seinem Volk an die Prophezeiung, die alle mit Hoffnung erfüllte.
Senjothis’ Worte gingen von Generation zu Generation und wurde von allen erzählt. Jeder glaubte daran und wenn es jemandem schlecht ging, wurden sie wieder und wieder erzählt. Gab es etwas Schlimmes, weckte er mit seinen Worten Hoffnung. Die Leute hofften und hofften und glaubten auch in schlechten Zeiten daran, dass es besser werde. Doch als Jahrzehnte vergingen, ohne dass etwas passierte, geriet Senjothis’ Prophezeiung in Vergessenheit. Die Leute glaubten nur noch an das, was sie sehen oder anfassen konnten, und so wurde diese Nachricht nur noch als Geschichte weitererzählt. Doch mit der Zeit wurde auch diese Geschichte zu langweilig, um sie zu erzählen, und so geriet sie schlussendlich ganz in Vergessenheit. Zum Glück gab es einen jungen Herrn, der die Prophezeiung in seiner Ursprungsform aufschrieb und so für seine Nachkommen bewahrte.
Kapitel 1
„Guten Morgen“, murmelte ich schlaftrunken, als ich mich neben Ben an den Frühstückstisch setzte.
„Guten Morgen, Schatz“, meinte meine Mom, als sie mir wie immer sachte durchs Haar strich und ein Glas Saft vor mich stellte.
„Hey, Lee, bist du schon gespannt auf den Neuen?“, fragte mich Ben oder auch Bene, mein bester Freund und Mitbewohner.
„Nicht wirklich“, antwortete ich schulterzuckend. Ich verstand einfach nicht, wieso alle nur noch diesen Neuen im Kopf hatten, und das seit zwei langen Wochen! Genau seit dem Zeitpunkt, als unsere Englischlehrerin verkündete, dass wir einen neuen Schüler bekämen. Die ganze Schule spekulierte darüber, wie er aussähe und ob er einer von uns wäre, also ein Senja. Senja war unsere Bezeichnung für Leute, die spezielle Fähigkeiten besaßen. Die Menschen bezeichneten unsere Fähigkeiten in ihren Märchen und Geschichten als Hexen, Zauberer oder Wicher. Wir (mein Vater Leo, meine Mutter Vivienne, mein bester Freund Benjamin und seine Eltern Thomas und Charlotte) wohnten in einem süßen Haus in einem kleinen Dorf namens Rosewood. Hier lebten Senjas friedlich neben den Menschen. Um korrekt zu sein: Mein Vater Leo und Charlotte, Bens Mutter, waren auch ganz gewöhnliche Menschen, die nur durch Zufall von unserer Welt erfahren hatten. Sie hatten sich ineinander verliebt und waren seit dem Zeitpunkt ein Teil dieser Welt, meiner Welt. Wir gingen normal mit den anderen Menschen zur Schule. Jedoch besuchten wir noch Zusatzkurse wie Kräuter- & Trankkunde oder Fly & Switch.
„So, können wir los?“, fragte ich ungeduldig.
„Jetzt auf einmal doch Sehnsucht nach der Schule oder dem Neuen?“, winselte Ben.
„Haha“, ich stupste ihn leicht und gab meinen Eltern einen Kuss.
An der nächsten Kreuzung wartete Lea schon ungeduldig auf uns. Wir waren Freunde, seit sie vor sechs Jahren nach Rosewood gezogen war. Sie war fünf Zentimeter kleiner als ich, also einen Meter achtundfünfzig, doch mit ihrem großen Mund und den geraden feuerroten Haaren nahm sie jeder ernst. Sie war immer gut aufgelegt, und jeder mochte sie. Sie hatte so eine kleine süße Stupsnase, mit der ich sie ab und zu aufzog. Zudem war sie auch eine Senja, jedoch gehörte sie zu den Inferior, was so viel bedeutete wie, dass in ihrer Familie die Magie nicht so stark war wie bei Noblies. Noblies waren Senjas, die aus einer alten Familie stammten, bei der die Magie stark verbreitet war. Bene und ich gehörten zu den Noblies, obwohl ein Teil unserer Eltern menschlich war. Ich denke, das ist darauf zurückzuführen, dass unsere Vorfahren die mächtigsten Senjas gewesen waren, und auch heute noch wurde unsere Familie sehr geschätzt. Meine Mutter und Tom waren sogar die Vorsitzenden des Senja-Rates, und das musste wirklich was heißen!
„Hey, Lee, hey, Bene“, sagte Lea und zog mich in ihre Arme.
„Was hast du nach unserem Badeausflug am Sonntag noch so gemacht?“, wollte ich von Lea wissen.
„Nichts Besonderes, nur Lernen, Lernen, Lernen.“
„Haha, kenn ich. Habe auch den Rest vom Sonntag damit verbracht, mir die scheiß Zauberformeln und Pflanzen einzuprägen“, meinte Connor, der zu uns gestoßen war. Connor war Benes bester Freund seit Ewigkeiten und auch ein Noblie Wir hatten zusammen im Sandkasten gespielt, zusammen schwimmen gelernt und waren seit eh und je alle in derselben Klasse. Connor war wie ein Bruder für mich. Er war mittelgroß, ein bisschen fester und hatte kurzes blondes Haar. Gegenüber Mädchen war er meistens ein wenig zurückhaltend und schüchtern, doch wir verstanden uns gut.
Als wir in unser Klassenzimmer kamen, waren alle bereits da, auch die, die sonst immer zu spät waren. „Wahrscheinlich wollten sie den Auftritt des Neuen nicht verpassen“, dachte ich ironisch lachend.
Wir setzten uns auf unsere Plätze, wobei ich leider zuvorderst an der Tür sitzen musste, da Lea und ich in der letzten Stunde die Mixturen zum Singen und Tanzen gebracht hatten, weil uns die üblichen Tränke zu langweilig gewesen waren. Da hatte unsere Lehrerin beschlossen, dass wir nun in allen ihren Kursen getrennt sitzen sollen. Leider.
„Guten Morgen zusammen“, begrüßte uns Mrs Greenwoods, die von uns wie immer ignoriert wurde, bis der Gong erklang und sich alle scheppernd auf ihre Plätze begaben.
Der Neue war noch nicht da, und so begann Mrs Greenwoods mit dem heutigen Deutschprogramm. Dann nach endlosen zehn Minuten klopfte es an der Tür, und unser Rektor spazierte ins Klassenzimmer, den Neuen im Schlepptau.
„Hallo zusammen“, murmelt der Rektor und war auch schon wieder weg. Er hatte wie immer viel zu tun und nahm sich keine Zeit für Plaudereien, die nicht unbedingt sein mussten.
„Guten Morgen, Dominic“, begrüßte unsere Lehrerin den Neuen.
„Hallo“, antwortete er und musterte unsere Klasse gelangweilt.
„Hallo“, schmachtete Nora ihn an. Sie war die Oberzicke unserer Klasse und meinte, sie sei die Größte und Beste. Doch sie hatte nicht einmal eine Ahnung, dass Senjas existierten.
„Du kannst dich gleich selber vorstellen“, meinte Mrs Greenwoods, an Dominic gewandt.
„Ich bin Nick, komme aus Nevada und wohne seit gestern hier.“
Oje, nicht so Einer… Was dachte er sich eigentlich? Stellte sich als Nick vor und grinste mich jetzt auch noch so schamlos an. Durch seinen Blick verunsichert, senkte ich schnell den Blick und konzentrierte mich auf mein Gekritzel, das plötzlich viel interessanter zu sein schien. Ich zeichnete gerne, vor allem Phantasiefiguren und -geschöpfe.
„Möchtest du noch etwas sagen?“, fragte Miss Greenwoods. Als er nur den Kopf schüttelte, deutete sie auf den freien Platz neben mir.
Scheiße, das hatte ich vergessen. Seit Mia nicht mehr in unsere Klasse ging, war das der einzige freie Platz in unserem Klassenzimmer, und so setzte sich Nick wohl oder übel neben mich.
Er hatte sich nicht mal richtig hingesetzt, da klingelte sein Telefon. „Sorry“, meinte er und versorgte sein Handy. Unsere Lehrerin sah ihn streng an und fuhr mit ihrem Programm fort. Ich versuchte, mich auf ihre Stimme zu konzentrieren. Doch das klappte nicht.
„Kannst du bitte aufhören, meine Zeichnungen so anzustarren!“, zischte ich Nick zu.
„Die sind gut“, meinte er unbekümmert und zog mir meine Zeichnungen weg, um sie sich genauer anzusehen.
Als ich ihm gerade meine Meinung eintrichtern wollte, merkte ich, dass mich alle anstarrten. „Was habe ich verpasst?“, fragte ich Bene in Gedanken. Eine unsere Fähigkeiten ist Gedankenkontrolle, was uns auch erlaubte, miteinander zu kommunizieren. Diese Fähigkeit besaßen jedoch sehr wenige. In unsere Klasse waren es nur Bene und ich.
„Mrs G. fragte dich gerade, ob du Nick alles zeigen könntest“, antwortet er mir.
„Wieso ich?“, fragte ich genervt.
„Weil du seine Pultnachbarin bist und mit ihm das Deutschprojekt machst, so könnt ihr euch kennenlernen“, meinte unsere Lehrerin.
„Ich wollte das Projekt aber mit Lea und Ben machen!“, rief ich empört aus.
„Das geht jetzt nicht mehr, da die Klasse mit Nick genau aufgeht“, meinte Mrs Greenwoods ruhig.
Es klingelte. Zum Glück. Ich wollte nicht länger hier sein. Ich riss Nick meine Zeichnungen aus der Hand, die er immer noch mit scheinbar großem Interesse musterte, und packte meine Sachen zusammen. Er sah mich nur an.
„Wie heißt du überhaupt?“
„Nora“, „Irina“, „Lea“, … stellten sich meine Mitschüler vor. Ich nutzte diesen Moment, um mich aus dem Staub zu machen.
„Was hast du gegen ihn?“, fragte Ben, als er mich einholte.
„Nichts, er nervt mich halt.“
„Ja, so hat es ausgesehen.“
„Können wir das Thema wechseln? Habt ihr schon eine Idee, was ihr machen wollt?“, fragte ich gleich weiter.
„Ja, Connor und ich machen was über Motoren. Sein Vater arbeitet ja in einer Werkstatt.“
Anscheinend wollte er das Projekt nicht allein mit Lea machen und hatte sich jetzt mit Connor zusammengetan. Somit würde Lea ihr Projekt wohl mit Alexandra machen. „Tönt cool“, meinte ich.
„Ist es auch. PS: Da kommt dein Nick“, meinte er lachend.
„Er ist nicht mein Nick!“, rief ich. Vergeblich versuchte ich mich hinter Bene zu verstecken.
„Hi, ich bin Ben, und das ist meine beste Freundin Lee“, stellte Bene uns vor, als Nick vor uns zum Stehen kam. Ich hasste ihn dafür.
„Freut mich, Nick.“
„Zeigst du ihm alles?“, rief ich, während ich mich wieder aus dem Staub machte. Sie schauten mir mit diesem sehr komischen Blick hinterher. „Es tut mir leid, sie ist normalerweise nicht soo …“ hörte ich Bene noch zu Nick sagen, bevor ich um eine Ecke bog.
Vor dem Klassenzimmer für die nächste Unterrichtsstunde traf ich auf die anderen. Natürlich schwärmten alle von Nick, wie toll seine Haare seien, wie muskulös er sei, wie er wohl küsse? … „Oje, wie kann man bloß so reden!“, dachte ich beschämt. „Okay, es stimmt, er sieht nicht schlecht aus. Er hat dunkles Haar, das wild von seinem Kopf absteht, und wunderschöne blaue Augen, in denen man versinken könnte und die einem an Wasser und Strand denken lassen und die Ewigkeit. Aber so reden? Niemals“, musste ich dann doch zugeben.
„Und wie findest du ihn?“, fragte mich Lea.
„Weiß nicht, kenne ihn ja kaum“, wich ich ihrer Frage aus. Doch die Mädchen ließen nicht locker.
„Du bist doch direkt neben ihm gesessen“, „Er hat sicher etwas gesagt,“ „Wie roch sein Parfüm?“
„Weiß ich doch nicht! Habe nicht an ihm gerochen“, schrie ich fast.
„Was ist los mit dir? So empfindlich hast du noch nie reagiert“, fragte mich Lea, während die anderen sich wieder auf ihr Lieblingsthema „Nick“ konzentrieren.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich erschöpft und ließ mich von ihr in den Arm nehmen. Ich wusste es wirklich nicht, was mich verrückt machte. Normalerweise benahm ich mich normal. Ich konnte mit Typen sprechen und Spaß haben, ohne auszuflippen. Doch jetzt … Ich hatte keine Ahnung, und ich musste noch das Deutschprojekt mit ihm machen. Ich wollte gar nicht daran denken.
Der restliche Morgen verlief zum Glück ereignislos. Wir hatten diverse Fächer, und fast konnte ich Nick vergessen, aber nur fast, denn die ganze Schule hatte von Nick erfahren. Alle redeten über ihn. Lauter Gerüchte und Halbwahrheiten machten die Runde. Die Leute erzählten von Ex-Freundinnen, von Partys und sogar vom Gefängnis. Langsam machte mich das wahnsinnig. Ich war mit Mia auf dem Weg zur Cafeteria. Sie hatte zwar kein Deutsch mehr mit mir, dafür noch die „S“-Fächer.
„Warst du schon in seinem Kopf?“, fragte sie mich, während sie neben mir her schlenderte. Sie war eine von acht Personen, die wussten, dass Ben und ich diese Fähigkeit besaßen.
„Nein, wieso sollte ich?“, fragte ich. Warum kam sie auf die Idee, es interessiere mich, was er dachte, oder dass ich einfach so in die Privatsphäre von anderen eindringen würde? Denn das tat ich definitiv nicht mehr.
„Um zu sehen, was stimmt und was nur erfunden ist“, antwortete sie.
„Hmm, interessiert mich nicht wirklich.“
„Tatsächlich? Ich wünschte, ich wäre so wie du …“
„Wieso das?“
„Es nervt, sich so schnell zu verlieben …“
„Kann ich verstehen …“ Mia war eines dieser naiven Mädchen, die alles glaubten und in jedem nur das Beste sahen, was sie so süß und liebenswert machte. Sie war zierlich und hatte seit zwei Wochen kurzes blondes Haar. Mia hatte es abgeschnitten, um nicht immer als das kleine süße Mädchen zu gelten. Was leider nicht so ganz klappte, denn sie war immer noch das kleine süße Mädchen, jetzt einfach mit einer richtig coolen Frisur. Wir waren seit dem Kindergarten befreundet und standen uns ziemlich nahe, jedoch nicht ganz so nahe wie Lea und ich.
Wir setzten uns an unseren üblichen Tisch. Bene und Connor saßen schon dort. Lea und Alessia stießen wenige Minuten später hinzu. Alessia war das Austauschmädchen aus Europa, und Lea hatte sich als ihre Babysitterin verpflichtet, da sie unbedingt mehr über Paris, die Stadt der Liebe, wissen wollte. Natürlich wollte sie auch Französisch lernen, damit sie alle diese angeblich süßen Jungs da verführen konnte. Wir anderen fanden das irgendwie lustig, so typisch Lea. Alessia war sehr nett. Sie war riesig groß und erstaunlicherweise nicht ganz so dünn, wie man sich große Ladys so vorstellte. Die Mädchen wollten sich unbedingt weiter über Nick unterhalten, was mir zu viel war, darum setzte ich mich auf die andere Seite des Tisches, wo Connor gerade über den Mathelehrer motzte. Klang besser als Nick. Also schloss ich mich an. Nach einer Weile wechselten sie zum Thema Motoren, womit ich nicht sehr viel anfangen konnte. „Ich gehe noch kurz in die Bibliothek, bis später“, teilte ich den Boys mit.
„Bye-bye“, sagten sie fast monoton, zu sehr in ihr jeweiliges Thema vertieft.
Auf dem Weg in die Bibliothek stolperte ich fast über Nicks Schuhe. „Hey, Lee“, grinste er mich an. Er saß am Boden mitten im Gang und studierte den Stundenplan.
„Hey“, antworte ich ihm, als ich mich wieder gefasst hatte.
„Süß, aber ein bisschen tollpatschig“, hörte ich seine Gedanken. Ich konnte nichts dafür, seine Gedankensprache war so laut, was komisch war. Fast so, als wollte er, dass ich das mitbekäme, denn im Deutschunterricht hatte ich seine Gedanken nicht wahrgenommen. Ich konnte nicht einmal seine Präsenz spüren. Und auch jetzt konnte ich seine Präsenz nur ganz fein wahrnehmen und hörte auch keine Gedanken mehr. Ich ignorierte ihn und wollte weiterlaufen.
„Zeigst du mir jetzt die Schule?“, fragte er schon fast unschuldig.
„Sicher“, antwortete ich möglichst souverän und cool. Gelang mir jedoch nicht ganz. Er stand auf und schulterte seinen Rucksack.
„Hier sind die Toiletten, da findest du einen Aufenthaltsraum für die Zwischenstunden und hier die Chemielabore.“
„Wofür ist Lee die Abkürzung?“
„Leandra.“
„Schöner Name.“
„Danke.“
Auf dem Weg zur Bibliothek liefen wir an einer Gruppe Schüler vorbei, die sofort verstummten. „Passiert dir das öfters?“, spottete ich.
„Ja, dir nicht?“, antwortet er, als gäbe es nichts Normaleres.
„Nicht wirklich.“
„Sollte es aber.“ Eine Pause entstand.
„So, hier ist die Bibliothek. Ich muss kurz noch ein paar Bücher zurückgeben.“
„Okay.“ Wie selbstverständlich lief er weiter neben mir her. Ich ignorierte das und ging zu den Kunstbüchern und durchstöberte die Regale. „Worüber wollen wir eigentlich unseren Deutschvortrag schreiben?“, fragte er.
„Weiß nicht, was interessiert dich?“
„Kunst.“
Ich verdrehe nur die Augen.
„Glaubst du mir nicht?“
„Nicht wirklich.“ Ich war richtig erstaunt, als er mir einige Künstler, deren Bilder und die Geschichten der Bilder erzählen konnte. „Um ehrlich zu sein, interessiere ich mich nicht für die klassische Kunst. Ich finde Graffiti viel cooler.“
„Dachte ich mir schon.“ Als ich ihn erstaunt ansah, deutet er auf das Buch in meinen Händen: „Geschichte des Graffitis“.
„Okay, erwischt“, sagte ich, während ich leicht errötete.
„Machen wir das Projekt über Graffiti?“, wollte er wissen, während er meine Rötung ignorierte, was nett von ihm war.
„Klar, wieso nicht?“ antwortete ich. Ich gab meine Bücher zurück und lieh mir das Graffitibuch aus. Nick wartete unterdessen auf mich. Der Gong ertönte.
„Scheiße, ich habe die Zeit völlig vergessen.“, rief Nick. „Oje, ich muss ans andere Ende …“
„Was hast du?“
„Bio bei Herr Trottme“, antwortete ich.
„Ich auch.“
„Wirklich?!“
„Das erstaunt dich?“
„Ja, aber lass uns gehen!“, rief ich hektisch, während ich losstolperte. Bio bei Herrn Trottme war ein S-Fach, in dem wir nicht nur Bio, sondern auch Kräuter- und Trankkunde durchnahmen.
Als wir ankamen, setzte ich mich auf meinen üblichen Platz neben Bene. „Wusstest du, dass er auch in diesem Kurs ist?“, fragte ich ihn.
„Hast du seine Aura nicht gesehen?“, fragte er zurück.
...
Eine kleine, rundliche Frau redete ungeduldig auf ihren Mann ein, der aussah, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Als sich die Starre langsam verzog und der Mann wieder zu sich kam, klang er sehr aufgeregt. Sofort erzählte er seiner Frau von seiner Vision. Die Worte kamen ihm viel zu schnell über die Lippen, sodass seine Frau Mühe hatte, ihn richtig zu verstehen. Doch an seinem Tonfall konnte sie erkennen, dass es sich um etwas Gutes handelte, und so zog sie ihn gleich zu den restlichen Mitgliedern des Stammes. Als die zwei auf die Gruppe trafen, verstummten die Gespräche sofort. Jeder wusste: Wenn Senjothis die Gruppe betrat, stand den Leuten etwas Schlimmes bevor. Sie warteten gespannt, bis Senjothis ihnen die Neuigkeiten überbrachte. In den Gesichtern der Leute stand Angst geschrieben, denn wenn Senjothis einmal unter die Leute ging, verbreitete er die Nachricht einer Krankheit, eines Unfalls oder einer miesen Ernte. Doch heute war es anders. Als Senjothis auf die Gruppe zuging, hatte er dieses außergewöhnliche und seltene Lächeln im Gesicht. Die Gesichter der anderen blieben angespannt, doch sie schienen weniger ängstlich. Senjothis fing an, von seiner Vision zu berichten. Dieses Mal war seine Stimme ruhig, jedoch immer noch voller Freude und Hoffnung. Er berichtete der Gruppe, die gespannt an seinen Lippen hing, von seiner höchsteindrucksvollen Vision. Als er mit seinem Bericht fertig war, staunten die Leute. So etwas Wunderbares hatte bis heute noch keiner prophezeit. Als sie die Nachricht ein bisschen verdaut hatten, kamen die Fragen: wann sich die Prophezeiung erfülle, ob das stimme, wer die Personen seien und so weiter. Senjothis beantwortete die Fragen wie immer ausweichend. Er konnte weder sagen, wann noch wo, wie oder wer die Prophezeiung erfüllen werde. Doch er wusste, dass sie sich erfüllen würde, und da seine Visionen immer der Wahrheit entsprachen und sein Wort unter dem Stamm viel galt, glaubten auch alle anderen aus seinem Volk an die Prophezeiung, die alle mit Hoffnung erfüllte.
Senjothis’ Worte gingen von Generation zu Generation und wurde von allen erzählt. Jeder glaubte daran und wenn es jemandem schlecht ging, wurden sie wieder und wieder erzählt. Gab es etwas Schlimmes, weckte er mit seinen Worten Hoffnung. Die Leute hofften und hofften und glaubten auch in schlechten Zeiten daran, dass es besser werde. Doch als Jahrzehnte vergingen, ohne dass etwas passierte, geriet Senjothis’ Prophezeiung in Vergessenheit. Die Leute glaubten nur noch an das, was sie sehen oder anfassen konnten, und so wurde diese Nachricht nur noch als Geschichte weitererzählt. Doch mit der Zeit wurde auch diese Geschichte zu langweilig, um sie zu erzählen, und so geriet sie schlussendlich ganz in Vergessenheit. Zum Glück gab es einen jungen Herrn, der die Prophezeiung in seiner Ursprungsform aufschrieb und so für seine Nachkommen bewahrte.
Kapitel 1
„Guten Morgen“, murmelte ich schlaftrunken, als ich mich neben Ben an den Frühstückstisch setzte.
„Guten Morgen, Schatz“, meinte meine Mom, als sie mir wie immer sachte durchs Haar strich und ein Glas Saft vor mich stellte.
„Hey, Lee, bist du schon gespannt auf den Neuen?“, fragte mich Ben oder auch Bene, mein bester Freund und Mitbewohner.
„Nicht wirklich“, antwortete ich schulterzuckend. Ich verstand einfach nicht, wieso alle nur noch diesen Neuen im Kopf hatten, und das seit zwei langen Wochen! Genau seit dem Zeitpunkt, als unsere Englischlehrerin verkündete, dass wir einen neuen Schüler bekämen. Die ganze Schule spekulierte darüber, wie er aussähe und ob er einer von uns wäre, also ein Senja. Senja war unsere Bezeichnung für Leute, die spezielle Fähigkeiten besaßen. Die Menschen bezeichneten unsere Fähigkeiten in ihren Märchen und Geschichten als Hexen, Zauberer oder Wicher. Wir (mein Vater Leo, meine Mutter Vivienne, mein bester Freund Benjamin und seine Eltern Thomas und Charlotte) wohnten in einem süßen Haus in einem kleinen Dorf namens Rosewood. Hier lebten Senjas friedlich neben den Menschen. Um korrekt zu sein: Mein Vater Leo und Charlotte, Bens Mutter, waren auch ganz gewöhnliche Menschen, die nur durch Zufall von unserer Welt erfahren hatten. Sie hatten sich ineinander verliebt und waren seit dem Zeitpunkt ein Teil dieser Welt, meiner Welt. Wir gingen normal mit den anderen Menschen zur Schule. Jedoch besuchten wir noch Zusatzkurse wie Kräuter- & Trankkunde oder Fly & Switch.
„So, können wir los?“, fragte ich ungeduldig.
„Jetzt auf einmal doch Sehnsucht nach der Schule oder dem Neuen?“, winselte Ben.
„Haha“, ich stupste ihn leicht und gab meinen Eltern einen Kuss.
An der nächsten Kreuzung wartete Lea schon ungeduldig auf uns. Wir waren Freunde, seit sie vor sechs Jahren nach Rosewood gezogen war. Sie war fünf Zentimeter kleiner als ich, also einen Meter achtundfünfzig, doch mit ihrem großen Mund und den geraden feuerroten Haaren nahm sie jeder ernst. Sie war immer gut aufgelegt, und jeder mochte sie. Sie hatte so eine kleine süße Stupsnase, mit der ich sie ab und zu aufzog. Zudem war sie auch eine Senja, jedoch gehörte sie zu den Inferior, was so viel bedeutete wie, dass in ihrer Familie die Magie nicht so stark war wie bei Noblies. Noblies waren Senjas, die aus einer alten Familie stammten, bei der die Magie stark verbreitet war. Bene und ich gehörten zu den Noblies, obwohl ein Teil unserer Eltern menschlich war. Ich denke, das ist darauf zurückzuführen, dass unsere Vorfahren die mächtigsten Senjas gewesen waren, und auch heute noch wurde unsere Familie sehr geschätzt. Meine Mutter und Tom waren sogar die Vorsitzenden des Senja-Rates, und das musste wirklich was heißen!
„Hey, Lee, hey, Bene“, sagte Lea und zog mich in ihre Arme.
„Was hast du nach unserem Badeausflug am Sonntag noch so gemacht?“, wollte ich von Lea wissen.
„Nichts Besonderes, nur Lernen, Lernen, Lernen.“
„Haha, kenn ich. Habe auch den Rest vom Sonntag damit verbracht, mir die scheiß Zauberformeln und Pflanzen einzuprägen“, meinte Connor, der zu uns gestoßen war. Connor war Benes bester Freund seit Ewigkeiten und auch ein Noblie Wir hatten zusammen im Sandkasten gespielt, zusammen schwimmen gelernt und waren seit eh und je alle in derselben Klasse. Connor war wie ein Bruder für mich. Er war mittelgroß, ein bisschen fester und hatte kurzes blondes Haar. Gegenüber Mädchen war er meistens ein wenig zurückhaltend und schüchtern, doch wir verstanden uns gut.
Als wir in unser Klassenzimmer kamen, waren alle bereits da, auch die, die sonst immer zu spät waren. „Wahrscheinlich wollten sie den Auftritt des Neuen nicht verpassen“, dachte ich ironisch lachend.
Wir setzten uns auf unsere Plätze, wobei ich leider zuvorderst an der Tür sitzen musste, da Lea und ich in der letzten Stunde die Mixturen zum Singen und Tanzen gebracht hatten, weil uns die üblichen Tränke zu langweilig gewesen waren. Da hatte unsere Lehrerin beschlossen, dass wir nun in allen ihren Kursen getrennt sitzen sollen. Leider.
„Guten Morgen zusammen“, begrüßte uns Mrs Greenwoods, die von uns wie immer ignoriert wurde, bis der Gong erklang und sich alle scheppernd auf ihre Plätze begaben.
Der Neue war noch nicht da, und so begann Mrs Greenwoods mit dem heutigen Deutschprogramm. Dann nach endlosen zehn Minuten klopfte es an der Tür, und unser Rektor spazierte ins Klassenzimmer, den Neuen im Schlepptau.
„Hallo zusammen“, murmelt der Rektor und war auch schon wieder weg. Er hatte wie immer viel zu tun und nahm sich keine Zeit für Plaudereien, die nicht unbedingt sein mussten.
„Guten Morgen, Dominic“, begrüßte unsere Lehrerin den Neuen.
„Hallo“, antwortete er und musterte unsere Klasse gelangweilt.
„Hallo“, schmachtete Nora ihn an. Sie war die Oberzicke unserer Klasse und meinte, sie sei die Größte und Beste. Doch sie hatte nicht einmal eine Ahnung, dass Senjas existierten.
„Du kannst dich gleich selber vorstellen“, meinte Mrs Greenwoods, an Dominic gewandt.
„Ich bin Nick, komme aus Nevada und wohne seit gestern hier.“
Oje, nicht so Einer… Was dachte er sich eigentlich? Stellte sich als Nick vor und grinste mich jetzt auch noch so schamlos an. Durch seinen Blick verunsichert, senkte ich schnell den Blick und konzentrierte mich auf mein Gekritzel, das plötzlich viel interessanter zu sein schien. Ich zeichnete gerne, vor allem Phantasiefiguren und -geschöpfe.
„Möchtest du noch etwas sagen?“, fragte Miss Greenwoods. Als er nur den Kopf schüttelte, deutete sie auf den freien Platz neben mir.
Scheiße, das hatte ich vergessen. Seit Mia nicht mehr in unsere Klasse ging, war das der einzige freie Platz in unserem Klassenzimmer, und so setzte sich Nick wohl oder übel neben mich.
Er hatte sich nicht mal richtig hingesetzt, da klingelte sein Telefon. „Sorry“, meinte er und versorgte sein Handy. Unsere Lehrerin sah ihn streng an und fuhr mit ihrem Programm fort. Ich versuchte, mich auf ihre Stimme zu konzentrieren. Doch das klappte nicht.
„Kannst du bitte aufhören, meine Zeichnungen so anzustarren!“, zischte ich Nick zu.
„Die sind gut“, meinte er unbekümmert und zog mir meine Zeichnungen weg, um sie sich genauer anzusehen.
Als ich ihm gerade meine Meinung eintrichtern wollte, merkte ich, dass mich alle anstarrten. „Was habe ich verpasst?“, fragte ich Bene in Gedanken. Eine unsere Fähigkeiten ist Gedankenkontrolle, was uns auch erlaubte, miteinander zu kommunizieren. Diese Fähigkeit besaßen jedoch sehr wenige. In unsere Klasse waren es nur Bene und ich.
„Mrs G. fragte dich gerade, ob du Nick alles zeigen könntest“, antwortet er mir.
„Wieso ich?“, fragte ich genervt.
„Weil du seine Pultnachbarin bist und mit ihm das Deutschprojekt machst, so könnt ihr euch kennenlernen“, meinte unsere Lehrerin.
„Ich wollte das Projekt aber mit Lea und Ben machen!“, rief ich empört aus.
„Das geht jetzt nicht mehr, da die Klasse mit Nick genau aufgeht“, meinte Mrs Greenwoods ruhig.
Es klingelte. Zum Glück. Ich wollte nicht länger hier sein. Ich riss Nick meine Zeichnungen aus der Hand, die er immer noch mit scheinbar großem Interesse musterte, und packte meine Sachen zusammen. Er sah mich nur an.
„Wie heißt du überhaupt?“
„Nora“, „Irina“, „Lea“, … stellten sich meine Mitschüler vor. Ich nutzte diesen Moment, um mich aus dem Staub zu machen.
„Was hast du gegen ihn?“, fragte Ben, als er mich einholte.
„Nichts, er nervt mich halt.“
„Ja, so hat es ausgesehen.“
„Können wir das Thema wechseln? Habt ihr schon eine Idee, was ihr machen wollt?“, fragte ich gleich weiter.
„Ja, Connor und ich machen was über Motoren. Sein Vater arbeitet ja in einer Werkstatt.“
Anscheinend wollte er das Projekt nicht allein mit Lea machen und hatte sich jetzt mit Connor zusammengetan. Somit würde Lea ihr Projekt wohl mit Alexandra machen. „Tönt cool“, meinte ich.
„Ist es auch. PS: Da kommt dein Nick“, meinte er lachend.
„Er ist nicht mein Nick!“, rief ich. Vergeblich versuchte ich mich hinter Bene zu verstecken.
„Hi, ich bin Ben, und das ist meine beste Freundin Lee“, stellte Bene uns vor, als Nick vor uns zum Stehen kam. Ich hasste ihn dafür.
„Freut mich, Nick.“
„Zeigst du ihm alles?“, rief ich, während ich mich wieder aus dem Staub machte. Sie schauten mir mit diesem sehr komischen Blick hinterher. „Es tut mir leid, sie ist normalerweise nicht soo …“ hörte ich Bene noch zu Nick sagen, bevor ich um eine Ecke bog.
Vor dem Klassenzimmer für die nächste Unterrichtsstunde traf ich auf die anderen. Natürlich schwärmten alle von Nick, wie toll seine Haare seien, wie muskulös er sei, wie er wohl küsse? … „Oje, wie kann man bloß so reden!“, dachte ich beschämt. „Okay, es stimmt, er sieht nicht schlecht aus. Er hat dunkles Haar, das wild von seinem Kopf absteht, und wunderschöne blaue Augen, in denen man versinken könnte und die einem an Wasser und Strand denken lassen und die Ewigkeit. Aber so reden? Niemals“, musste ich dann doch zugeben.
„Und wie findest du ihn?“, fragte mich Lea.
„Weiß nicht, kenne ihn ja kaum“, wich ich ihrer Frage aus. Doch die Mädchen ließen nicht locker.
„Du bist doch direkt neben ihm gesessen“, „Er hat sicher etwas gesagt,“ „Wie roch sein Parfüm?“
„Weiß ich doch nicht! Habe nicht an ihm gerochen“, schrie ich fast.
„Was ist los mit dir? So empfindlich hast du noch nie reagiert“, fragte mich Lea, während die anderen sich wieder auf ihr Lieblingsthema „Nick“ konzentrieren.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich erschöpft und ließ mich von ihr in den Arm nehmen. Ich wusste es wirklich nicht, was mich verrückt machte. Normalerweise benahm ich mich normal. Ich konnte mit Typen sprechen und Spaß haben, ohne auszuflippen. Doch jetzt … Ich hatte keine Ahnung, und ich musste noch das Deutschprojekt mit ihm machen. Ich wollte gar nicht daran denken.
Der restliche Morgen verlief zum Glück ereignislos. Wir hatten diverse Fächer, und fast konnte ich Nick vergessen, aber nur fast, denn die ganze Schule hatte von Nick erfahren. Alle redeten über ihn. Lauter Gerüchte und Halbwahrheiten machten die Runde. Die Leute erzählten von Ex-Freundinnen, von Partys und sogar vom Gefängnis. Langsam machte mich das wahnsinnig. Ich war mit Mia auf dem Weg zur Cafeteria. Sie hatte zwar kein Deutsch mehr mit mir, dafür noch die „S“-Fächer.
„Warst du schon in seinem Kopf?“, fragte sie mich, während sie neben mir her schlenderte. Sie war eine von acht Personen, die wussten, dass Ben und ich diese Fähigkeit besaßen.
„Nein, wieso sollte ich?“, fragte ich. Warum kam sie auf die Idee, es interessiere mich, was er dachte, oder dass ich einfach so in die Privatsphäre von anderen eindringen würde? Denn das tat ich definitiv nicht mehr.
„Um zu sehen, was stimmt und was nur erfunden ist“, antwortete sie.
„Hmm, interessiert mich nicht wirklich.“
„Tatsächlich? Ich wünschte, ich wäre so wie du …“
„Wieso das?“
„Es nervt, sich so schnell zu verlieben …“
„Kann ich verstehen …“ Mia war eines dieser naiven Mädchen, die alles glaubten und in jedem nur das Beste sahen, was sie so süß und liebenswert machte. Sie war zierlich und hatte seit zwei Wochen kurzes blondes Haar. Mia hatte es abgeschnitten, um nicht immer als das kleine süße Mädchen zu gelten. Was leider nicht so ganz klappte, denn sie war immer noch das kleine süße Mädchen, jetzt einfach mit einer richtig coolen Frisur. Wir waren seit dem Kindergarten befreundet und standen uns ziemlich nahe, jedoch nicht ganz so nahe wie Lea und ich.
Wir setzten uns an unseren üblichen Tisch. Bene und Connor saßen schon dort. Lea und Alessia stießen wenige Minuten später hinzu. Alessia war das Austauschmädchen aus Europa, und Lea hatte sich als ihre Babysitterin verpflichtet, da sie unbedingt mehr über Paris, die Stadt der Liebe, wissen wollte. Natürlich wollte sie auch Französisch lernen, damit sie alle diese angeblich süßen Jungs da verführen konnte. Wir anderen fanden das irgendwie lustig, so typisch Lea. Alessia war sehr nett. Sie war riesig groß und erstaunlicherweise nicht ganz so dünn, wie man sich große Ladys so vorstellte. Die Mädchen wollten sich unbedingt weiter über Nick unterhalten, was mir zu viel war, darum setzte ich mich auf die andere Seite des Tisches, wo Connor gerade über den Mathelehrer motzte. Klang besser als Nick. Also schloss ich mich an. Nach einer Weile wechselten sie zum Thema Motoren, womit ich nicht sehr viel anfangen konnte. „Ich gehe noch kurz in die Bibliothek, bis später“, teilte ich den Boys mit.
„Bye-bye“, sagten sie fast monoton, zu sehr in ihr jeweiliges Thema vertieft.
Auf dem Weg in die Bibliothek stolperte ich fast über Nicks Schuhe. „Hey, Lee“, grinste er mich an. Er saß am Boden mitten im Gang und studierte den Stundenplan.
„Hey“, antworte ich ihm, als ich mich wieder gefasst hatte.
„Süß, aber ein bisschen tollpatschig“, hörte ich seine Gedanken. Ich konnte nichts dafür, seine Gedankensprache war so laut, was komisch war. Fast so, als wollte er, dass ich das mitbekäme, denn im Deutschunterricht hatte ich seine Gedanken nicht wahrgenommen. Ich konnte nicht einmal seine Präsenz spüren. Und auch jetzt konnte ich seine Präsenz nur ganz fein wahrnehmen und hörte auch keine Gedanken mehr. Ich ignorierte ihn und wollte weiterlaufen.
„Zeigst du mir jetzt die Schule?“, fragte er schon fast unschuldig.
„Sicher“, antwortete ich möglichst souverän und cool. Gelang mir jedoch nicht ganz. Er stand auf und schulterte seinen Rucksack.
„Hier sind die Toiletten, da findest du einen Aufenthaltsraum für die Zwischenstunden und hier die Chemielabore.“
„Wofür ist Lee die Abkürzung?“
„Leandra.“
„Schöner Name.“
„Danke.“
Auf dem Weg zur Bibliothek liefen wir an einer Gruppe Schüler vorbei, die sofort verstummten. „Passiert dir das öfters?“, spottete ich.
„Ja, dir nicht?“, antwortet er, als gäbe es nichts Normaleres.
„Nicht wirklich.“
„Sollte es aber.“ Eine Pause entstand.
„So, hier ist die Bibliothek. Ich muss kurz noch ein paar Bücher zurückgeben.“
„Okay.“ Wie selbstverständlich lief er weiter neben mir her. Ich ignorierte das und ging zu den Kunstbüchern und durchstöberte die Regale. „Worüber wollen wir eigentlich unseren Deutschvortrag schreiben?“, fragte er.
„Weiß nicht, was interessiert dich?“
„Kunst.“
Ich verdrehe nur die Augen.
„Glaubst du mir nicht?“
„Nicht wirklich.“ Ich war richtig erstaunt, als er mir einige Künstler, deren Bilder und die Geschichten der Bilder erzählen konnte. „Um ehrlich zu sein, interessiere ich mich nicht für die klassische Kunst. Ich finde Graffiti viel cooler.“
„Dachte ich mir schon.“ Als ich ihn erstaunt ansah, deutet er auf das Buch in meinen Händen: „Geschichte des Graffitis“.
„Okay, erwischt“, sagte ich, während ich leicht errötete.
„Machen wir das Projekt über Graffiti?“, wollte er wissen, während er meine Rötung ignorierte, was nett von ihm war.
„Klar, wieso nicht?“ antwortete ich. Ich gab meine Bücher zurück und lieh mir das Graffitibuch aus. Nick wartete unterdessen auf mich. Der Gong ertönte.
„Scheiße, ich habe die Zeit völlig vergessen.“, rief Nick. „Oje, ich muss ans andere Ende …“
„Was hast du?“
„Bio bei Herr Trottme“, antwortete ich.
„Ich auch.“
„Wirklich?!“
„Das erstaunt dich?“
„Ja, aber lass uns gehen!“, rief ich hektisch, während ich losstolperte. Bio bei Herrn Trottme war ein S-Fach, in dem wir nicht nur Bio, sondern auch Kräuter- und Trankkunde durchnahmen.
Als wir ankamen, setzte ich mich auf meinen üblichen Platz neben Bene. „Wusstest du, dass er auch in diesem Kurs ist?“, fragte ich ihn.
„Hast du seine Aura nicht gesehen?“, fragte er zurück.
...

