Cover: Splitterseele

Splitterseele
Amulett des Zornes


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-7116-0475-0
Erscheinungsdatum: 17.03.2025
Riley ist ein ganz normales Mädchen, bis sich ihr Leben auf den Kopf stellt und sie in eine Welt voller übernatürlicher Wesen eintaucht. Auf ihrer Suche begibt sie sich in tödliche Gefahren und weiß bald nicht mehr, wer sie eigentlich wirklich ist.
1


„Und vergesst nicht auf unseren Test am Montag“, meinte Miss Feng, meine Englisch- und Klassenlehrerin eindringlich und ließ einen letzten Blick durch die Klasse schweifen. Einen Moment lang blieb ihr Blick an mir hängen. Ihre Gesichtszüge wurden ernst, dann lächelte sie wieder und ich saß verwirrt da. Ich war doch gar nicht schlecht in der Schule, also warum hatte sie mich so angesehen? Sie wandte sich ab und ging aus der Klasse.
„Puh. Ich dachte schon, die Stunde würde gar nicht mehr enden“, meckerte ich, woraufhin ich einen leichten Klaps auf den Oberarm kassierte. Mürrisch blickte ich zu Almina, meiner besten Freundin.
„Wofür war das denn?“, rief ich etwas zu laut, denn einige unserer Mitschüler drehten sich zu uns um. Ich wurde auf meinem Sessel immer kleiner. Wie ich es hasste, im Mittelpunkt zu stehen und von allen angesehen zu werden. Das war ja einfach nur zum Im-Erdboden-Versinken.
„Das weißt du ganz genau“, gab sie zurück und lächelte mich herausfordernd an.
„Wollen wir beide uns heute etwas zu essen holen?“, fragte sie mich, als wir aus der Klasse und zu unseren Spinden gingen.
„Normalerweise würde ich ja gerne, aber ich habe meinen Eltern versprechen müssen, heute bei Oma verbeizuschauen“, erwiderte ich schulterzuckend.
„Ach so, okay. Wie geht es ihr eigentlich?“, hakte sie nach.
„Ganz gut. Der Arzt meinte, dass sie das Schlimmste hinter sich hätte. Sie sollte sich aber in nächster Zeit nicht zu viel aufregen oder zu sehr anstrengen“, erklärte ich ihr. Das war jedoch leichter gesagt als getan, denn meine Oma regt sich schon bei der kleinsten Kleinigkeit auf. Einmal passte das Essen nicht, dann war es das Wetter, ein anderes Mal war es, weil man eine Minute zu spät dran war, und dann gibt es auch noch Situationen, in denen man glauben konnte, sie würde gleich in die Luft gehen und einem den Kopf abreißen. Dann hieß es immer: Lauf um dein Leben!
„Tschüss, wir sehen uns morgen“, verabschiedete sich Almina vor dem Schulgebäude von mir.
„Tschau“, gab ich von mir und ging in die entgegengesetzte Richtung. Normalerweise würden wir noch ein kleines Stück gemeinsam gehen, doch das Haus meiner Oma lag in der anderen Richtung.
„Hey, Riley. Willst du Gesellschaft?“, rief Melli hinter mir. Sie war eine gute Freundin von mir. Wir kannten uns erst seit einigen Monaten, hatten uns jedoch auf Anhieb gut verstanden. Melli und ich gingen in Parallelklassen, sahen uns aber immer im Sportunterricht. Da wir beide nicht wirklich begabt darin waren, bildeten wir immer das Schlusslicht und hatten immer unseren Spaß dabei. Was unsere Lehrerin nicht immer so toll fand, aber das war uns egal.
„Gerne!“
Ich wartete, bis sie zu mir aufgeschlossen hatte. Lächelnd sahen wir uns an.
„Am Dienstag haben wir wieder Sport in der zweiten und dritten Stunde“, meinte Melli und klang dabei, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen, der zusätzlich noch in Zitronensäure getränkt war.
Ich musste grinsen. „Ja, aber das sollte dieses Mal nicht so anstrengend werden.“ Verwundert zog sie die Augenbraue nach oben. „Naja, unsere Turnlehrerin meinte ja, dass wir eine Spielestunde machen würden, weil wir in den letzten Wochen so viel gemacht haben.“
„Aber sowas sagt sie ja immer wieder und dann quält sie uns erst wieder“, meckerte sie und verzog das Gesicht, als würde ihr allein der Gedanken schon Schmerzen bereiten. Ich versuchte mir meine zu verkneifen, scheiterte jedoch kläglich daran.
„Nun gut, wir sehen uns beim Sport“, meinte sie und bog nach rechts ab.
„Ja, bis Montag!“, rief ich ihr nach.
Eine Viertelstunde später war ich endlich bei meiner Großmutter angekommen und schloss die Tür auf. „Hey, Oma, ich bin da!“, rief ich, als ich meinen Rucksack neben meinen Schuhen abstellte und meine Jacke auf die Kommode legte.
„Riley, meine Liebe! Du musst doch sicher Hunger haben. Ich habe etwas Leckeres für dich gekocht“, meinte sie und schob mich beinahe schon in die Küche. Sie stellte mir einen Teller mit so viel Essen vor mich hin, dass man damit gefühlt eine komplette Familie durchfüttern hätte können. Aber so war sie nun mal.
Nach der Hälfte hatte ich schon zu kämpfen begonnen, schaffte jedoch noch einige Bissen. Ich aß so lange, bis ich das Gefühl hatte, sofort zu explodieren, wenn ich noch ein einziges Reiskorn essen würde. Meine Oma war anscheinend mit mir zufrieden, denn sie räumte den Teller, ohne zu meckern, weg.
„Ich mach jetzt meine Aufgaben, dann muss ich sie am Wochenende nicht mehr machen“, sagte ich und holte meinen Rucksack.
Ich kramte nach einigen Heften, Büchern und Stiften und fing auch gleich mit den Hausübungen an. Geschichte, Englisch, Mathe und Geografie hatte ich zu erledigen. Gott sei Dank waren Mathe und Geografie nicht wirklich viel, aber in Geschichte hatte sich unsere Lehrerin wieder mal ausgezeichnet, wir hatten drei ganze Arbeitsblätter zu erledigen. Manchmal würde ich gerne wissen, was sich meine Geschichtelehrerin dabei dachte.
Während ich meine Aufgaben machte, saß meine Oma die ganze Zeit neben mir und sah mir dabei zu. Ich fühlte mich eindeutig beobachtet, aber ich kannte es von meiner Oma nicht anders. Schon seit ich klein war, hatte sie immer ein Auge auf mich gehabt. Als ich noch ein kleines Kind war, war das eigentlich ganz okay, aber als ich dann älter wurde, wurde es einfach nur noch anstrengend und nervig. Und manchmal war sie Fremden gegenüber sogar aggressiv geworden.
Als ich endlich fertig war und alles wieder in meinen Rucksack gestopft hatte, richtete sich meine Oma etwas weiter auf. Sie straffte die Schultern und legte ihre Hände vor sich am Tisch ineinander. Sie sah so aus wie meine Mutter, als sie mit mir über die Pubertät und Jungs reden wollte. Bei der Erinnerung an dieses Gespräch musste ich einen Schauer unterdrücken. Das war einfach schrecklich gewesen.
„Riley, erinnerst du dich noch an die Geschichten, die ich dir früher immer erzählt habe?“, fragte sie mich.
Verwundert sah ich sie an. Wieso fragte sie mich danach? „Irgendwie, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich meine, ich weiß nicht mehr viel darüber“, erwiderte ich und sah meine Oma leicht skeptisch, leicht verunsichert an.
Sie nickte jedoch und lächelte mich an. „Aber deine Lieblingsgeschichte wirst du doch noch kennen, oder? Die, die du immer so gerne gehört hast. Ich hatte sie dir nie oft genug erzählen können“, hakte sie weiter nach.
Ähm, nein, nicht mehr das Geringste davon. Aber das würde ich ihr niemals erzählen. „Wie gesagt, ganz wenig“, entgegnete ich ihr.
Sie sah mich so eindringlich an, dass mir eine Gänsehaut auf die Arme trat. Diesen Blick hatte ich noch nie bei ihr gesehen. Doch dann fing sie an zu lächeln und ihr Blick wurde wieder weich.
„Es war einmal ein Mensch, ein Mann, um genau zu sein. Er war mutig, edel und tapfer und er glaubte, dass alle Wesen existieren, die in den Büchern beschrieben wurden. Vampire, Hexen, Engel, Elfen und so viele mehr.“ Oma fing schon wieder damit an.
Oh nein, bitte nicht! Bitte erzähl die Geschichte nicht weiter! Ich bin doch kein kleines Kind mehr, das auf dieses ganze Zeug steht und vielleicht sogar noch daran glaubt. Bis meine Oma fertig erzählt hätte, würde ich entweder eingeschlafen sein oder bis spät in die Nacht hier sitzen. Doch bevor ich auch nur den Hauch einer Chance hatte, etwas zu erwidern, fuhr sie fort.
„Die anderen Menschen hielten ihn deswegen für verrückt. Er war aber der festen Überzeugung, dass er Recht hatte. Also machte er sich eines Tages auf die Suche nach solchen Wesen. Er ließ alles zurück. Seine Familie, seine Freunde, einfach alles. Er suchte und suchte und verbrachte Jahre damit, ohne Erfolg. Als er schließlich aufgeben wollte, erschien ihm ein Engel. Dieser Engel bat den Mann um Hilfe. Der Engel verkündete, dass die Menschheit in großer Gefahr war, da die Dunkelwesen die Herrschaft übernehmen wollten. Er schenkte ihm eine Gabe. Damit konnte er zwischen Dunkelwesen und Lichtwesen unterscheiden. Er konnte sie töten und somit das Gleichgewicht wiederherstellen. Doch der Mann musste versprechen, dass er nichts von all dem preisgab. Der Mann musste nicht lange überlegen und nahm das Angebot des Engels an. Es dauerte lange und es war nervenaufreibend und kräftezehrend. Doch schließlich hatten es die Lichtwesen geschafft. Sie hatten mithilfe dieses Mannes die Dunkelwesen zurückgedrängt und dezimiert. Ein Teil der Kraft der Dunkelwesen wurde in heilige Amulette gesperrt. Sie wurden an sicheren Orten versteckt, sodass die Dunkelwesen nie wieder eine so starke Macht besitzen können. Der Mann durfte diese Gabe behalten. Einerseits als Dank – andererseits damit er weiterhin dieser Tätigkeit nachgehen konnte. Und somit wurde die Welt vor dem Untergang gerettet“, beendete Oma endlich ihre Geschichte.
„Danke, dass du es mir erzählt hast“, meinte ich. Ich hatte mit einer langweiligeren Geschichte gerechnet, diese war eigentlich gar nicht so schlimm gewesen.
Ich stand auf und schwang meinen Rucksack über eine Schulter, ich hatte nicht den Wunsch, noch länger bei meiner Oma zu bleiben. „Ich glaube, ich sollte jetzt besser nach Hause gehen, bevor es dunkel wird“, schummelte ich ein wenig und machte mich auf den Weg zur Eingangstür und schlüpfte in meine Schuhe und Jacke. Ich hatte die Türklinke schon in der Hand, da hielt mich meine Oma zurück.
„Der Engel sagte zu dem Mann, dass diese Gabe an den Erstgeborenen jeder Generation weitergegeben wird, sodass die Sicherheit der Menschen immer wieder aufs Neue gewährleistet wird. So geschieht dies bereits seit mehreren hundert Jahren“, meinte meine Oma noch, bevor ich aus der Tür ging und verschwand.
Okay? Was war das bitte? Vielleicht hatte ihr Gehirn durch ihren Herzinfarkt irgendwelche Schäden genommen. Hoffentlich würde das nicht zur Gewohnheit werden. Ich war schließlich nicht mehr sieben und brauchte keine Fantasiegeschichten von Oma mehr.
Zu Hause angekommen, wollte meine Mutter, dass ich unbedingt etwas aß, doch ich war immer noch pappsatt vom Mittagessen.
„Könntest du am Montag wieder bei Oma vorbeischauen? Wir haben leider wieder keine Zeit“, fragte mich mein Vater.
Ich zuckte mit den Schultern und tat unbeteiligt. „Klar, kein Problem.“ Äußerlich wirkte ich ganz gelassen, doch innerlich war ich fuchsteufelswild. Ich war doch nicht Omas Aufpasser! Sie hatte sich sogar erst letztens beschwert, dass meine Eltern ihr nichts mehr zutrauen würden. Irgendwie tat sie mir in der Hinsicht leid. Niemand sollte so bemuttert werden, wenn man eigentlich wieder etwas tun durfte und vor allem auch konnte. Sie sollte sich ja nur nicht überanstrengen, aber das, was meine Eltern machten, fand ich schon etwas übertrieben.
In meinem Zimmer ließ ich meinen Rucksack neben den Schreibtisch fallen und warf mich in mein Bett. Es war zwar noch nicht wirklich spät, aber trotzdem war ich extrem müde. Schon nach kurzer Zeit fielen mir die Augen zu.

Ich schlug die Augen auf und befand mich auf einer Wiese. Lauter bunte Blumen blühten und die Sonne schien vom Himmel. Obwohl es keine einzige Wolke gab und auch kein Wind wehte, war es nicht zu warm.
„Riley!“, ertönte mein Name lautstark hinter mir und ich drehte mich um. Ein älterer Mann mit weißem Bart und einem, ich würde schätzen, weißen Nachthemd stand vor mir. Was jedoch nicht das war, was mich einige Schritte zurückstolpern ließ. Denn dieser Mann hatte leicht leuchtende, weiße, mit Federn besetzte Flügel. Sie sahen wunderschön aus.
„Wer sind Sie?“, fragte ich und konnte nicht aufhören auf seine Flügel zu starren.
„Ich bin Wilhelm“, antwortete er.
„Und was sind Sie?“, hakte ich nach, als er mich einfach nur schweigend ansah.
„Ich bin ein Engel. Aber früher war ich so wie du. Ein Mensch“, erwiderte er und sah mir direkt in die Augen.
Ja klar, und ich war der Osterhase und würde dem Christkind zu Weihnachten helfen die Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen.
„Du glaubst mir nicht“, stellte er fest, als ob er meine Gedanken gelesen hätte.
„Können Sie mir das übel nehmen?“, fragte ich ihn und zog eine Augenbraue nach oben.
„Nein, kann ich nicht. Diese Reaktion ist normal, jeder vor dir hat genauso reagiert“, meinte er.
„Vor mir? Was meinen Sie damit?“, wollte ich wissen. Das würde mir Almina niemals glauben und Melli auch nicht. Sie würden sich über mich lustig machen und ich könnte es ihnen noch nicht einmal übelnehmen.
„Lass mich dir eine Geschichte erzählen“, fuhr der Mann fort.
Oh nein, bitte nicht schon wieder. Ich war verdammt noch mal kein Kleinkind mehr! Wieso wollten das die Leute heute einfach nicht verstehen?
Und schon sprach er weiter. „Es war einmal ein Mensch. Er war mutig, edel und tapfer und er glaubte, dass alle Wesen existieren, die in Büchern beschrieben wurden. Vampire, Hexen, Engel, Elfen und so viele mehr. Die anderen Menschen hielten ihn deswegen für verrückt. Er war aber der Überzeugung, dass er Recht hatte. Also machte er sich eines Tages auf die Suche nach solchen …“
Das kam mir alles sehr bekannt vor. „Es begegnete ihm ein Engel, der schenkte ihm eine Gabe und der Mann half, die Dunkelwesen zu besiegen und durfte die Gabe behalten. Jaja, ich kenne diese Geschichte schon. Sie wurde mir erst heute von meiner Großmutter erzählt“, schnitt ich ihm das Wort ab. Ich musste das jetzt nicht unbedingt nochmals hören.
„Ach, Edith ist mir also schon zuvorgekommen“, sagte er mehr zu sich selbst als zu mir..
„Woher kennen Sie den Namen meiner Oma?“, fragte ich ungläubig. Das war doch alles nur noch absurd. Grotesk. Merkwürdig. Verrückt.
„Sie war diejenige von deiner Familie, die vor dir hier war. Sie war diejenige, die meine Gabe vererbt bekommen hatte. So wie du sie geerbt hast“, erzählte der Mann weiter.
Gabe? Er sprach doch nicht ernsthaft von der Gabe in dieser Geschichte, oder? Vielleicht war nicht ich diejenige, die völlig übergeschnappt war, sondern dieser Mann vor mir.
„Sie war vor mir hier? Wird diese Gabe nicht jeder Generation vererbt?“, erkundigte ich mich und ging auf sein Spielchen ein.
Er kniff die Augenbrauen zusammen. „Ja schon, aber irgendetwas muss wohl von dem normalen Vorgang abgewichen sein.“ Nervös knetete er seine Hände. Er wirkte verunsichert. Ganz so, als wüsste er etwas, das er jedoch nicht sagen wollte. Oder zumindest nicht mir sagen wollte.
„Ich muss leider wieder weg. Doch bevor ich gehe, möchte ich dir noch etwas sagen. In deiner Geburtstagswoche wird sich einiges ändern. Vor allem an deinem Geburtstag.“ Er trat einige Schritte zurück, bevor er immer heller und durchsichtiger wurde. Als ich einmal kurz die Augen schloss, weil mich das Licht zu sehr blendete, war der Mann auch schon verschwunden. Wie ein Blitz im Himmel, der superschnell alles erhellte, und danach wurde alles wieder dunkel.

Es erhebt sich wieder eine böse Macht.
Also gib auf dich sehr gut acht.
Die Amulette werden entscheiden die Schlacht.
Doch deren Verstecke sind gut durchdacht.

Diese Zeilen hallten in meinem Kopf nach. Ich hatte aber keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Geschweige denn, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank hatte oder ob ich endgültig verrückt geworden war.

„Sogar für dich ist halb zwei nachmittags gewagt“, weckten mich die Worte meiner Mutter. Blinzelnd öffnete ich die Augen und blickte in ihr Gesicht. Sie sah mich lächelnd an.
Hatte ich das alles etwa nur geträumt? Aber es hatte sich doch so real angefühlt. Ich verlor nun endgültig den Verstand.
„Jetzt aber raus aus den Federn, sonst kannst du am Abend nicht einschlafen. Oma ist heute schon hier gewesen und hat etwas für dich gebracht. Ich habe es dir auf den Schreibtisch gelegt.“ Mit diesen Worten verschwand sie auch schon wieder aus meinem Zimmer. Sie ließ mal wieder die Tür offen stehen. Sie glaubte anscheinend immer noch, dass sie sich wie durch Zauberhand von allein schließen würde.
Oma war hier gewesen? Wann? Und hatte ich wirklich so lange geschlafen?
Mürrisch setzte ich mich auf, und als ich zu meinem Schreibtisch blickte, erklärte ich meine Oma für verrückt. Einige Zettel lagen dort. Sie hatte mir Zettel gebracht? Mir? Ich las doch gerade mal die Schullektüren und die auch nur, weil unser Lehrer jedes Mal einen Test darüber machte. Was in aller Welt sollte ich denn jetzt mit all diesen Zetteln anfangen? Vielleicht wollte sie sie doch meinem Bruder geben und hatte sich einfach nur versprochen? Das wäre zumindest eine halbwegs plausible Erklärung.
Als ich schließlich aus meinem Bett kroch und mich zu meinem Schreibtisch schleppte, um mir die Zettel genauer anzusehen, blieb mir kurz das Herz stehen. Es waren Zettel über Dunkelwesen. Dunkelwesen? Merkwürdiges Wort. Ich legte das erste Blatt weg und sah nun das Inhaltsverzeichnis. Vorwort. Kapitel 1 – Vampire. Kapitel 2 – Hexen. Kapitel 3 – Werwölfe. Kapitel 4 – Dämonen. Meine Oma hatte sich vielleicht bei dem Namen doch nicht verplappert.
Na toll, es wurde immer besser. Als Nächstes würde ich Jagd auf sie machen und dabei natürlich nicht sterben. Kurz lachte ich auf, doch verstummte rasch wieder, als mir klar wurde, dass das sicher merkwürdig wirken musste.
Frisch geduscht und umgezogen lief ich die Treppe nach unten und traf dort zuerst auf meinen Bruder und meinen Vater. Die beiden stritten gerade miteinander.
„Aber ich will“, meckerte mein Bruder und fuchtelte wild mit den Armen.
„Ich sagte nein!“, widersprach mein Vater und sah von Jan zu mir. Er wollte etwas sagen, doch ich verschwand schon um die nächste Ecke, um nicht in deren Streit verwickelt zu werden. Das war nie gut. Stellte man sich nämlich auf eine Seite, war die andere Person dann den ganzen Tag auf dich beleidigt. Das wollte ich mir nicht antun.
„Jan möchte heute in den Park gehen, aber dein Vater und ich haben keine Zeit“, erklärte mir meine Mutter, als ich mich neben sie an den Herd stellte. Gebratener Fisch mit Lauchsoße und Petersilienkartoffeln. Es gab eines meiner Lieblingsessen! Yippie!
Ich musste anscheinend krank werden oder litt unter geistiger Verwirrtheit, anders ließ sich nicht erklären, weshalb ich sagte, was ich sagte. „Ich könnte doch nach dem Essen mit Jan in den Park gehen.“
Meine Mutter blickte mich so lange ungläubig an, dass ich schon befürchtete, sie würde diesen Gesichtsausdruck für immer behalten. „Das würde ihn sicher freuen“, sagte sie irgendwann und wandte sich wieder dem Kochen zu, obwohl sie immer noch ungläubig dreinblickte. „Schlag es den beiden Sturköpfen doch mal vor. Sonst schlagen sie sich am Ende noch die Köpfe ein“, meinte sie nach einer Weile. Scheinbar brauchte sie eine gewisse Zeit, um mein Angebot zu realisieren.
Ich nickte, auch wenn sie es nicht sah, und ging zurück ins Wohnzimmer, wo die beiden sich mittlerweile einen Kampf im Böse-Angucken lieferten.
„Hey Jan, was hältst du davon, wenn ich mit dir zum Park gehe?“, fragte ich und lächelte die beiden breit an. Meinem Vater knallte bei meinen Worten beinahe die Kinnlade auf den Boden und mein Bruder sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Ich wusste, dass ich sowas normalerweise nie im Leben vorschlagen würde, doch irgendwie war mir heute danach. Oder ich verlor einfach völlig den Verstand. Vermutlich war die zweite Lösung wahrscheinlicher.
„Wirklich?“, rief mein Bruder aufgeregt, und als ich nickte, schlang er seine Arme um mich. Bevor ich seine Umarmung erwidern konnte, löste er sich auch schon wieder von mir und lief schreiend durchs Haus. „Ich gehe heute in den Park! Ich gehe heute in den Park!“
Lachend kam mein Vater zu mir. „Alles okay?“ Er machte einen besorgten Gesichtsausdruck.
Irritiert sah ich ihn an. Warum sollte nicht alles okay sein? „Klar, alles bestens“, erwiderte ich und ging wieder zurück in die Küche.
Kaum dort angekommen, rief auch schon meine Mutter, dass das Essen fertig sei und wir zum Esstisch kommen sollten.
Seit einer geschlagenen halben Stunde saß ich nun hier auf dieser Bank und beobachtete meinen Bruder dabei, wie er an diesem Klettergestell herumtollte. Ich musste mir dringend mehr Hobbys zulegen. Naja, eigentlich sollte ich mir überhaupt einmal eines zulegen. Ich hatte zwar schon alles Mögliche ausprobiert – Reiten, Klavier, Fußball, … – aber mir hatte nie eines für längere Zeit Spaß gemacht. Irgendwann hatte ich aufgehört, mir ein Hobby zu suchen. Manchmal war mir deswegen aber auch verdammt langweilig.
...
5 Sterne
Splitterseele  - 27.04.2025
Wolfgang

Erstklassige Schreibweise aus vielen verschiedenen Blickwinkeln.Super 👍

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