Krahadnir
Vom Jäger zum Gejagten
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 242
ISBN: 978-3-7116-1835-1
Erscheinungsdatum: 30.06.2026
Die drei Freunde wagen alles: Um ihren Feind zu entlarven, begeben sie sich mitten ins Zentrum der Gefahr. Gut vorbereitet und entschlossen dringen sie in die „Höhle des Löwen“ vor – doch wird ihr kühner Plan gelingen?
Kapitel 1
Der Donnerschlag riss Hannah unsanft aus tiefstem Schlaf. Erschrocken setzte sie sich auf und sah, wie ein greller Blitz das Fenster erhellte. Sie befand sich mitten im Gewitter. Dann wurde sie vollständig wach und seufzte erleichtert auf. Sie war zu Hause in ihrem Bett, sie war in Sicherheit.
Sie legte sich wieder hin und zog die Decke bis unter ihr Kinn. Ein Blick auf ihren Wecker hatte ihr gezeigt, dass es noch eine Weile dauern würde, bis der neue Tag anbrach. Sie schloss die Augen und lauschte dem Getöse des Frühsommersturms. Den ganzen vorherigen Tag war es drückend schwül gewesen, und sie verspürte trotz ihres Schreckens von vorhin eine große Erleichterung. Die Luft würde klarer sein am folgenden Morgen.
Sie schloss die Augen und dachte an den letzten Sommer, an den schlimmen Sturm, den sie und ihre beiden Freunde in den Bergen erlebt hatten. Damals wäre es beinahe schiefgegangen, sie waren nur mit knapper Not davongekommen. Sie war froh, dieses Mal nicht schutzlos der Gewalt der Natur ausgesetzt zu sein, und drehte sich auf die Seite. Sie war schon fast wieder eingeschlafen, als ihr noch ein letzter klarer Gedanke kam. Morgen würden sie sich wiedersehen.
Die Sonne schien hell zu ihrem Fenster hinein, als Hannah einige Stunden später erneut aufwachte. Sie blieb still liegen und fragte sich, ob ihre Eltern noch im Haus waren. Zu spüren war nichts, zu hören auch nicht, doch das war nicht weiter verwunderlich. Ihr Haus war nicht besonders hellhörig, die Steintreppe verriet keine Schritte und Hannahs Tür war, wie alle anderen auch, schwer und recht schalldicht. Sie drehte den Kopf auf ihrem Kissen und sah nach der Zeit. Es war kurz vor neun; sie musste allein sein. Heute war der erste Tag der Sommerferien, doch da sowohl ihr Vater wie auch ihre Mutter berufstätig waren, machte das kaum einen Unterschied für die Familie. Es bedeutete lediglich, dass Hannah sich nicht jeden Morgen am genau abgestimmten Zeitplan wegen des Bades beteiligen musste und auch nicht an der beinahe klinischen Choreografie in der Küche. Ein gemeinsames Frühstück gab es in diesem Haus eher selten. Manchmal startete Hannah eine Aktion am Sonntagmorgen, doch es war auch schon länger her, seit ihr Vater sich bereit erklärt hatte, den Gang zum Bäcker zu übernehmen. Ihre Mutter bevorzugte es ohnehin, am einzigen Morgen der gesamten Woche etwas länger im Bett zu bleiben. Samstags besuchte sie nämlich, gerne mit schwerem Seufzen, die Rückenschule im Sportverein. Außerdem achtete sie auf ihre Figur, und Frühstücksemmel mit Schinken und Omelett hatten dort keinen Platz.
Letztes Jahr hatte Hannah sich oft ein wenig einsam gefühlt, doch das war nun alles anders. Sie hatte Freunde, mit denen sie so viel Zeit wie möglich verbrachte. Sie verstanden sich gut und konnten sich blind aufeinander verlassen. Dass einer ihrer Freunde ein Junge und der andere ein Drache war, hatte Hannah ihren Eltern nicht erzählt. Das mit Stephan würden sie sicher noch ohne Weiteres akzeptieren, doch wie sie auf Krahadnir reagieren würden, das wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Es war besser für alle Beteiligten, wenn ihre Eltern nur eine vage Vorstellung von Hannahs Leben außerhalb ihres gemeinsamen Alltags hatten. Sie waren am zufriedensten, wenn alles glatt lief und ihre Tochter selbständig und unabhängig ihre eigenen Dinge erledigte. Dass sie zusätzlich in der schulfreien Zeit den Großteil des Haushaltes erledigte, passte besonders ihrer Mutter sehr gut in den Kram. Diese sah sich eher in der Rolle der karrierebewussten, modernen Frau und hatte es nicht so mit Kochen und Putzen. Die drei kamen recht gut miteinander klar in dieser doch etwas zweckmäßigen Wohngemeinschaft, aber besonders warmherzig war ihr Zusammenleben leider nicht. Außer Hannah schien das allerdings auch keinen zu stören. Sie hatte sich im Laufe der Jahre ihr eigenes Bild gemacht und sich ihre eigene Welt geschaffen. Solange alles in der Schule klappte, nahmen ihre Eltern kaum Notiz von ihr, und da sie eine gute Schülerin war, gab es kaum noch offene Konflikte. Hannahs Mutter versuchte mittlerweile auch nicht mehr, sie in eine gewisse Richtung, was Aussehen und Mode betraf, zu drängen. Seitdem lief, zumindest an der Oberfläche, alles glatt in ihrem hübschen Einfamilienhaus in dieser etwas vornehmen Wohngegend.
Hannah schwang die Beine aus dem Bett und war mit zwei Schritten am Fenster. Ihr Zimmer lag nach hinten hinaus und sie hatte einen schönen Blick in ihren etwas verwilderten Garten mit dem Birnbaum darin. Die letzten Blüten waren mittlerweile abgefallen und die jungen Blätter waren bereits tiefgrün und kräftig ausgebildet. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich gemeinsam mit ihrem Vater um das kleine Stück Rasen mit den Ziersträuchern gekümmert hatte, doch dann war die Zeit irgendwie immer knapper geworden, sodass sie zeitweilig eine Firma dafür beauftragt hatten. Das war keine schöne Zeit gewesen, denn die Leute arbeiteten so gründlich, dass nach einigen Wochen kein einziger Halm es noch wagte, in eine andere Richtung zu wachsen als alle anderen. Als auch das letzte Gänseblümchen erfolgreich ausgerottet worden war, sollte der Birnbaum beschnitten werden. Doch dagegen hatte sich Hannah erfolgreich gewehrt und ihren Eltern vorgerechnet, was diese Gartenbaufirma jeden Monat kostete. Sie hatte ihren Eltern vorgeschlagen, sich selbst um den Garten zu kümmern, und sie hatten überraschenderweise sofort zugestimmt. Da man den Garten von der Straße aus nicht sehen konnte und die Familie ohnehin kaum Zeit darin verbrachte, war es ihnen sehr recht, Hannah diese Aufgabe zu überlassen. Ein wenig beschämt hatte ihr Vater ihr dann doch ein höheres Taschengeld angeboten, was sie nach einem Tag Bedenkzeit auch angenommen hatte. Es gefiel ihren Eltern, dass Hannah ein eigenes Konto mit Bankkarte hatte. Sie hatten allerdings keine Ahnung, dass Hannah sehr vorsichtig mit ihrem Geld umging und schon eine beachtliche Summe zusammengespart hatte. Warum sie ihr Geld so hortete, konnte sie sich selber nicht erklären. Vielleicht hatte sie tief in ihrem Inneren den Drang, eine Notreserve anzulegen. Geld war ihr nicht wichtig, doch sie wusste, dass man ohne nicht weit kam.
Sie streckte beide Arme über ihren Kopf und schüttelte sich dann. Sie lachte laut auf, als ihr klar wurde, dass sie sich das wohl von ihrem Drachen abgeguckt hatte. Er tat das auch, wenn er aufwachte. Probeweise hob und senkte sie ihre Arme wie Flügel und hüpfte zur Tür. Dann kam sie sich doch etwas albern vor und drückte die Klinke nach unten. Ein Blick in den Flur zeigte gähnende Leere. Sie schlüpfte im Schlafanzug die Treppe hinunter in die Küche und sah einen Zettel auf der Arbeitsplatte. Darauf stand in der etwas fahrigen Handschrift ihrer Mutter:
‚Hallo mein Schatz, ich wünsche dir einen schönen ersten Ferientag. Sei doch bitte so lieb und kümmere dich um die Wäsche, sie müsste aufgehängt werden. Ich habe die Maschine gestartet, bevor ich zur Arbeit losmusste. Bis heute Abend, wir werden etwas später zurück sein, da ich deinen Vater zu dem Empfang begleiten werde. Schlaf schön, M.‘
Daneben lag ein Fünfziger in der kleinen Keramikschale. Das war wohl ihr Mittagessen, nahm Hannah an. Seit sie Krahadnir und Stephan in ihrem Leben hatte, machten sie solche Dinge nicht mehr traurig. Sie wusste, dass ihre Eltern es gut meinten. Vergnügt und voller Vorfreude legte sich Hannah alles zurecht, was sie für ein rasches Frühstück brauchen würde, und lief dann nach oben, um sich anzuziehen. Sie hatten sich für halb elf verabredet, das würde sie locker schaffen. Als sie einige Zeit später einen fachmännischen Blick durch die aufgeräumte Küche streifen ließ, war sie bereit für den Aufbruch. Sie steckte das Geld ein und verließ dann das Haus, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Schlüssel sicher in ihrer Hosentasche verfrachtet war.
Während sie sich ihrem Treffpunkt im Wald näherte, dachte Hannah daran, wie alles vor knapp einem Jahr begonnen hatte. Damals hatte sie sich diese etwas abgelegene Stelle im nahen Wald ausgesucht, damit sie sich vor der Neugier ihrer Mutter ein wenig verstecken konnte. Abseits eines Wanderweges war eine Picknickstelle eingerichtet worden, die aber kaum benutzt wurde und an der sie noch keinem Fremden begegnet war, obwohl sie recht häufig hier ihre Freunde traf. Ursprünglich hatte die Gemeinde auch eine feste Grillstelle dort hinzufügen wollen, doch dann hatte man diese Pläne aufgegeben. Es gab einfach nicht genug Tourismus in dieser Gegend, und so war es bei dem schweren Tisch mit angeschraubten Bänken geblieben. Der Weg, der zum Tisch führte, endete dort und wurde auch nicht mehr unterhalten und gepflegt. Die Natur hatte sich den Platz mittlerweile größtenteils zurückerobert. Das Hinweisschild hatten Hannah und Stephan vorsichtshalber schon vor Längerem abgeschraubt und versteckt. So konnten sie sich sicher und geschützt fühlen, denn keiner würde hierherkommen.
Je näher sie ihrer Geheimstelle kam, desto schneller wurde Hannahs Schritt. Sie freute sich unglaublich auf das heutige Treffen, denn ab jetzt würden sie viel mehr Zeit miteinander verbringen können als bisher. Zudem war es an der Zeit, ihre Pläne zu vervollständigen und letzte Fragen zu klären. Danach würde sie ihre Eltern ins Bild setzen. Sie konnte es kaum abwarten. Dann hatte sie eine Idee: Sie würde den Rest des Weges versuchen, sich anzuschleichen, um zu sehen, wie aufmerksam Krahadnir und Stephan waren. Langsam und leise bewegte sie sich in Richtung Tisch. Dabei achtete sie sehr genau darauf, wo sie hintrat. Kein Rascheln oder Knacken eines Zweiges sollte ihre Ankunft ankündigen. Nach einigen Schritten verließ sie den etwas verwilderten Weg und schlich seitwärts von hinten auf ihren Treffpunkt zu. Die dichten Äste versperrten ihr die Sicht, also blieb sie stehen und lauschte angestrengt in die abwartende Stille hinein. Warum schwiegen alle Vögel? Sogar das Summen der Insekten schien für einen Moment innezuhalten, und sie spürte, wie die Aufregung in ihrem Inneren immer stärker wurde. Sie musste einfach einige der Äste beiseiteschieben und einen Blick riskieren. Mit angehaltenem Atem hob sie eine Hand und schaffte sich eine Öffnung im dichten Grün. Ihr Gesicht war nun ganz nahe an dem Spalt im Blattwerk, nur noch einige Zentimeter, dann würde sie freie Sicht haben. Immer noch lautlos und mit flachen Atemzügen verharrte sie in dieser Position, dann schlugen plötzlich sämtliche Vögel im nahen Umkreis mit den Flügeln und erhoben sich aus allen Hecken und Sträuchern. Gleichzeitig teilte sich die grüne Wand vor Hannahs Gesicht, und dann befand sie sich Auge in Auge mit ihrem Drachen. Er hatte seinen Fang geöffnet und lachte sie förmlich an, was alle seine Zähne zum Vorschein brachte. Seine goldgrünen Augen sprühten vor Freude und Verschmitztheit, und er tat so, als ob er nach ihr schnappen wollte.
Ha! Ich hab’ dich!
„Krahadnir! Hast du mich erschreckt! Dabei habe ich mir so viel Mühe gemacht, mich anzuschleichen.“ Hannah wich zurück und stolperte fast hintenüber. Dabei schob sie sich in ein Hindernis hinein, das vorher noch gar nicht dagewesen war. Zwei kräftige Hände fassten sie von hinten an den Oberarmen und bremsten ihren Fall, dann sagte Stephan ihr ins Ohr:
„Hallo Hannah! Du solltest beim Anschleichen auch mal hinter dich sehen!“
Hannah wirbelte herum und bückte sich gleichzeitig. Damit riss sie sich aus Stephans Griff und tauchte blitzschnell in die Büsche. Leider blieb sie mit dem rechten Fuß an einer hervorstehenden Baumwurzel hängen und drohte, kopfüber im Unterholz zu verschwinden. Sofort machte Krahadnir einen Satz in ihre Richtung, und es gelang ihr, sich an seinem Hals abzustützen. Das Krachen und Brechen der Vegetation verklang und wurde von dreifachem Gelächter abgelöst.
„Na, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen“, stieß Hannah hervor. „Ich kann mich offensichtlich noch nicht so bald als Jane Bond bewerben.“
Was bedeutet das?
„Das kommt aus der Filmwelt, Hannah macht eine Anspielung auf einen Geheimagenten, dem eigentlich trotz allen Widrigkeiten schlussendlich alles gelingt“, erklärte Stephan, und dann machten es sich die drei am Tisch gemütlich. Krahadnir ließ sich tief ins Gras sinken und war damit auf Augenhöhe seiner beiden Freunde, die sich auf die Tischplatte gesetzt hatten. Beide stellten ihre Füße auf eine der Bänke und genossen die Tatsache, dass hier keiner ihnen das verbieten konnte.
Sehe ich das richtig, dass ihr zwei jetzt nicht mehr jeden Tag zu eurem Ausbildungsplatz müsst?
Hannah und Stephan tauschten einen belustigten Blick und nickten dann.
„Wir haben jetzt schulfrei. Das passiert immer wieder mal, wie du schon weißt, doch die Sommerferien sind besonders lang.“
„Werden junge Drachen denn nicht ausgebildet?“, wollte Stephan dann wissen.
Wir werden nicht so zahlreich zusammengepfercht, wie das bei euch der Fall ist. Aus eurer Sicht erhalten wir wohl alle Einzelunterricht, bis wir alleine zurechtkommen. Alles, was wir lernen, steht auch in direktem Zusammenhang mit unserem Leben. Ihr scheint recht viel Zeit mit Dingen verbringen zu müssen, deren Sinn ihr offensichtlich nicht immer einseht. Das ist schade, finde ich.
Hannah sah den Drachen aufmerksam und auch ein wenig erstaunt an. Er hatte im Laufe des vergangenen Schuljahres einiges an Gejammer anhören müssen und hatte eben sehr treffend beschrieben, wie sich die Schule manchmal für sie anfühlte.
„Es ist wahr, dass es nicht immer ganz einfach ist, das Beste daraus zu machen. Allerdings hat es auch Vorteile, Zugang zu Wissen und Information zu haben. Wenn auch der Unterricht nicht immer prickelnd aufregend ist, so ist der Computerraum zum Beispiel eine wertvolle Quelle, die wir auch außerhalb der Schulstunden nutzen können.“
Mit diesen Worten griff Hannah nach ihrer ausrangierten Schultasche von vor drei Jahren, in der sie jede Menge Unterlagen verstaut hatte, denn heute wollten sie ganz konkret ihre bevorstehende Expedition planen. Es hatte Hannah einiges an Zeit und Geschick abverlangt, die Ausdrücke ihrer Nachforschungen über mehrere Wochen und Monate anzufertigen, denn es war überaus wichtig, so wenig wie möglich aufzufallen. Sie wollten keinesfalls riskieren, mit Orten und Personen in Zusammenhang gebracht zu werden, die eine Spur zu ihnen legen könnten. Diese Vorsicht war durchaus berechtigt, denn sie verfolgten ein sehr gefährliches Ziel. Krahadnir war der einzige lebende Drache, der den Erzfeind seiner Art erkennen konnte. Als Jungdrache war ihm die Flucht aus dessen Gefangenschaft gelungen, und er hatte ihm seitdem immer nur knapp entkommen können. Seit er Freundschaft erst mit Hannah und dann später mit Stephan geschlossen hatte, fühlte er immer deutlicher, dass sie gemeinsam einen Weg finden mussten, dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Drachen und der Menschen abzuschließen. Die Zeit des Versteckens und des Weglaufens war nun vorüber.
„Ich denke, wir sollten erst einmal ein Zeitfenster ausarbeiten“, sagte Stephan nun und grub einen Taschenkalender aus. „Was willst du denn dieses Mal deinen Eltern auftischen?“ Er zwinkerte Hannah zu, und sie musste lachen. Das war eine gute Frage, über die Stephan sich weit weniger Gedanken machen musste. In seiner Familie war es nicht notwendig, über jeden einzelnen Schritt Bericht zu erstatten, so wie es Hannah hin und wieder mit ihren Eltern vorkam. Stephan war also in der beneidenswerten Lage, dass er lediglich zu Hause mitzuteilen brauchte, wann und wie lange er abwesend sein würde. Hannah musste sich da schon einiges mehr einfallen lassen und war froh, die guten Einfälle und Ideen ihrer beiden Freunde zur Verfügung zu haben. Während der nächsten Stunde tüftelten sie gemeinsam an einer Möglichkeit, Hannah zwei Wochen freizuschaufeln, ohne erreichbar sein zu müssen. Nach und nach nahm ihr Plan Form an, was sie dann zum nächsten Punkt brachte.
„Wir werden also zum Hauptquartier deines Feindes reisen, uns dort irgendwie Eintritt verschaffen, um dann nach Möglichkeit Material zu stehlen, was eine Anzeige gegen ihn und seine Firma nach sich ziehen wird“, fasste Hannah zusammen. Krahadnirs Blick verdunkelte sich beim Gedanken an die Gefahr, in die sie sich so freiwillig mit ihm begaben. Sie hatten alle möglichen Alternativen besprochen, doch es führte einfach kein Weg daran vorbei. Sie würden zur Tat schreiten müssen, denn Krahadnir würde niemals in Frieden leben können, solange sein Verfolger sein Unwesen trieb.
Ihre Verbindung reichte weit in die Vergangenheit zurück, denn dieser Mann war bereits unglaublich alt. Er hatte seit jeher den unbändigen Drang, die Langlebigkeit der Drachenart zu seinen Gunsten zu nutzen, und hatte sie zu diesem Zweck gejagt, gefangen und dann zu Elixieren verarbeitet, die es ihm erlaubten, seine Lebenserwartung scheinbar endlos zu verlängern. Heutzutage tarnte er sich und seine unsäglichen Absichten unter dem Deckmantel einer Pharmagesellschaft, deren Geschäftssitz das Ziel der drei Freunde war. Der entscheidende Hinweis war ein Symbol gewesen, das ihnen im letzten Sommer aufgefallen war. Hannah war es gelungen, das Zeichen an wechselnden Rechnern der Schule zurückzuverfolgen, und war erschüttert und erschrocken gewesen, als ihr das Ausmaß der Organisation klar wurde. Das war vor einigen Monaten gewesen. Damals hätten sie ihr Vorhaben beinahe aufgegeben, doch am Ende hatten sie dann doch entschieden, es zu versuchen. Es war Stephan gewesen, der den rettenden Einfall gehabt hatte. Sie würden ihren Feind entblößen und ihm seine kriminellen Taten zum Verhängnis machen. Der hatte sich nämlich mittlerweile anderen Quellen zuwenden müssen und war bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, weil er allerlei Exoten aus der ganzen Welt importieren ließ. Obwohl er bisher noch nicht mit den Funden der unterschiedlichen Zollbeamten in Verbindung gebracht werden konnte, erschien es den drei Freunden durchaus möglich, ihr Ziel über den Weg des Gesetzes zu erreichen.
Wisst ihr, so langsam steigt in mir die Hoffnung auf, dass ich nicht den Rest meines Lebens angstvoll über meine Schulter schauen muss. Doch die Aufgabe, die wir uns stellen, ist schwierig und gefährlich. Er wird nicht zögern, uns zu töten, wenn er erst einmal begreift, dass wir ihn dieses Mal jagen und nicht er uns.
Mit ernstem Blick sah Krahadnir erst Hannah und dann Stephan eindringlich in die Augen. Hannah musste schlucken, denn sie wusste, dass er nicht im Geringsten übertrieb. Sie hatten ihm beide seit letztem Sommer immer wieder stundenlang zugehört, während er ihnen so ausführlich wie möglich alles mitteilte, was er selber wusste. Es war schmerzhaft und anstrengend für Krahadnir gewesen, sein Wissen mit ihnen zu teilen, doch irgendwie auch befreiend. Er war jetzt nicht mehr allein mit seiner Qual, seiner Angst und seinem Zorn. Es war beinahe so, als ob seine beiden Freunde es mit ihm erlebt hätten, so vollständig hatte er ihnen alles beschrieben. Das machte sie nun dreifach stark, und genau darin könnte seine Befreiung liegen.
„Wir haben im Vorfeld so viel Information wie nur möglich zusammengetragen, um dann gut vorbereitet unseren Zugriff umzusetzen. Unser Vorteil liegt darin, dass er nicht die geringste Ahnung von unseren Recherchen hat und sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen kann, dass wir ihn aufsuchen“, meinte Stephan nun. „Aus seiner Sicht muss er uns nämlich finden und nicht wir ihn.“
„Wann können wir uns denn auf die Reise machen?“, überlegte Hannah laut. „Was schätzt du, Stephan, wie lange brauchst du, um die letzten Besorgungen zu erledigen?“
„Ich könnte morgen los, wenn es sein müsste. Meine Familie weiß, dass ich mit meinen beiden Freunden vom letzten Jahr wieder auf eigene Faust verreisen möchte und stellt mir keine großen Fragen.“
Hannah seufzte und zuckte die Achseln. So einfach konnte es sein.
„Darf ich dich sozusagen als Alibi zu Hause erwähnen? Ich könnte erzählen, du hättest mich zum Zelten eingeladen, so wie das in deiner Familie üblich ist.“
„Klar kannst du das, ist ja auch gar nicht gelogen. Dass wir zu dritt losziehen wollen und einer von uns kein Mensch ist, müssen sie ja nicht wissen.“ Stephan zwinkerte Krahadnir verschmitzt zu und lachte dann Hannah an. „Kriegst du das bis übermorgen hin?“
Warum eigentlich noch zögern, fragte sich Hannah, obwohl ihr Herz wie wild zu schlagen begann. Da war Unbehagen, weil sie ihre Eltern nicht anlügen wollte, sie sie aber ebenso wenig ins Vertrauen ziehen konnte. Dann spürte sie eine gewisse Unruhe, denn Krahadnir hatte den beiden sehr genau beschrieben, wie kalt und grausam sein Feind vorging. Doch weitaus stärker war das Glücksgefühl, das Hannah durchdrang beim Gedanken, wieder unterwegs zu sein. Dieses Mal würden sie besser vorbereitet sein und sich Zeitpunkt und Ziel selber aussuchen. Sie blickte auf und sah geradewegs in Krahadnirs schöne, goldgrüne Augen.
Man sieht es dir nicht an, mach dir keine Gedanken. Deine Eltern werden dir keine Schwierigkeiten machen, du musst nur gelassen auftreten.
„Das sehe ich genauso. Warum sollten sie dir diese Reise nicht erlauben? Es sind schließlich Sommerferien und sie haben so viel zu tun, dass sie gar nicht merken werden, dass du nicht da bist.“
Sobald die Worte ausgesprochen waren, hätte Stephan sie am liebsten zurückgenommen. Er hätte sich ohrfeigen können! Auch wenn das, was er gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, so war es doch wahrscheinlich recht hart für Hannah, ihr Familienleben auf diese Art von außen zu sehen. Er spürte, wie er rot wurde und sah bekümmert, dass Hannah den Kopf senkte. Ihr Haar fiel über ihre Schulter nach vorne, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
...
Der Donnerschlag riss Hannah unsanft aus tiefstem Schlaf. Erschrocken setzte sie sich auf und sah, wie ein greller Blitz das Fenster erhellte. Sie befand sich mitten im Gewitter. Dann wurde sie vollständig wach und seufzte erleichtert auf. Sie war zu Hause in ihrem Bett, sie war in Sicherheit.
Sie legte sich wieder hin und zog die Decke bis unter ihr Kinn. Ein Blick auf ihren Wecker hatte ihr gezeigt, dass es noch eine Weile dauern würde, bis der neue Tag anbrach. Sie schloss die Augen und lauschte dem Getöse des Frühsommersturms. Den ganzen vorherigen Tag war es drückend schwül gewesen, und sie verspürte trotz ihres Schreckens von vorhin eine große Erleichterung. Die Luft würde klarer sein am folgenden Morgen.
Sie schloss die Augen und dachte an den letzten Sommer, an den schlimmen Sturm, den sie und ihre beiden Freunde in den Bergen erlebt hatten. Damals wäre es beinahe schiefgegangen, sie waren nur mit knapper Not davongekommen. Sie war froh, dieses Mal nicht schutzlos der Gewalt der Natur ausgesetzt zu sein, und drehte sich auf die Seite. Sie war schon fast wieder eingeschlafen, als ihr noch ein letzter klarer Gedanke kam. Morgen würden sie sich wiedersehen.
Die Sonne schien hell zu ihrem Fenster hinein, als Hannah einige Stunden später erneut aufwachte. Sie blieb still liegen und fragte sich, ob ihre Eltern noch im Haus waren. Zu spüren war nichts, zu hören auch nicht, doch das war nicht weiter verwunderlich. Ihr Haus war nicht besonders hellhörig, die Steintreppe verriet keine Schritte und Hannahs Tür war, wie alle anderen auch, schwer und recht schalldicht. Sie drehte den Kopf auf ihrem Kissen und sah nach der Zeit. Es war kurz vor neun; sie musste allein sein. Heute war der erste Tag der Sommerferien, doch da sowohl ihr Vater wie auch ihre Mutter berufstätig waren, machte das kaum einen Unterschied für die Familie. Es bedeutete lediglich, dass Hannah sich nicht jeden Morgen am genau abgestimmten Zeitplan wegen des Bades beteiligen musste und auch nicht an der beinahe klinischen Choreografie in der Küche. Ein gemeinsames Frühstück gab es in diesem Haus eher selten. Manchmal startete Hannah eine Aktion am Sonntagmorgen, doch es war auch schon länger her, seit ihr Vater sich bereit erklärt hatte, den Gang zum Bäcker zu übernehmen. Ihre Mutter bevorzugte es ohnehin, am einzigen Morgen der gesamten Woche etwas länger im Bett zu bleiben. Samstags besuchte sie nämlich, gerne mit schwerem Seufzen, die Rückenschule im Sportverein. Außerdem achtete sie auf ihre Figur, und Frühstücksemmel mit Schinken und Omelett hatten dort keinen Platz.
Letztes Jahr hatte Hannah sich oft ein wenig einsam gefühlt, doch das war nun alles anders. Sie hatte Freunde, mit denen sie so viel Zeit wie möglich verbrachte. Sie verstanden sich gut und konnten sich blind aufeinander verlassen. Dass einer ihrer Freunde ein Junge und der andere ein Drache war, hatte Hannah ihren Eltern nicht erzählt. Das mit Stephan würden sie sicher noch ohne Weiteres akzeptieren, doch wie sie auf Krahadnir reagieren würden, das wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Es war besser für alle Beteiligten, wenn ihre Eltern nur eine vage Vorstellung von Hannahs Leben außerhalb ihres gemeinsamen Alltags hatten. Sie waren am zufriedensten, wenn alles glatt lief und ihre Tochter selbständig und unabhängig ihre eigenen Dinge erledigte. Dass sie zusätzlich in der schulfreien Zeit den Großteil des Haushaltes erledigte, passte besonders ihrer Mutter sehr gut in den Kram. Diese sah sich eher in der Rolle der karrierebewussten, modernen Frau und hatte es nicht so mit Kochen und Putzen. Die drei kamen recht gut miteinander klar in dieser doch etwas zweckmäßigen Wohngemeinschaft, aber besonders warmherzig war ihr Zusammenleben leider nicht. Außer Hannah schien das allerdings auch keinen zu stören. Sie hatte sich im Laufe der Jahre ihr eigenes Bild gemacht und sich ihre eigene Welt geschaffen. Solange alles in der Schule klappte, nahmen ihre Eltern kaum Notiz von ihr, und da sie eine gute Schülerin war, gab es kaum noch offene Konflikte. Hannahs Mutter versuchte mittlerweile auch nicht mehr, sie in eine gewisse Richtung, was Aussehen und Mode betraf, zu drängen. Seitdem lief, zumindest an der Oberfläche, alles glatt in ihrem hübschen Einfamilienhaus in dieser etwas vornehmen Wohngegend.
Hannah schwang die Beine aus dem Bett und war mit zwei Schritten am Fenster. Ihr Zimmer lag nach hinten hinaus und sie hatte einen schönen Blick in ihren etwas verwilderten Garten mit dem Birnbaum darin. Die letzten Blüten waren mittlerweile abgefallen und die jungen Blätter waren bereits tiefgrün und kräftig ausgebildet. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich gemeinsam mit ihrem Vater um das kleine Stück Rasen mit den Ziersträuchern gekümmert hatte, doch dann war die Zeit irgendwie immer knapper geworden, sodass sie zeitweilig eine Firma dafür beauftragt hatten. Das war keine schöne Zeit gewesen, denn die Leute arbeiteten so gründlich, dass nach einigen Wochen kein einziger Halm es noch wagte, in eine andere Richtung zu wachsen als alle anderen. Als auch das letzte Gänseblümchen erfolgreich ausgerottet worden war, sollte der Birnbaum beschnitten werden. Doch dagegen hatte sich Hannah erfolgreich gewehrt und ihren Eltern vorgerechnet, was diese Gartenbaufirma jeden Monat kostete. Sie hatte ihren Eltern vorgeschlagen, sich selbst um den Garten zu kümmern, und sie hatten überraschenderweise sofort zugestimmt. Da man den Garten von der Straße aus nicht sehen konnte und die Familie ohnehin kaum Zeit darin verbrachte, war es ihnen sehr recht, Hannah diese Aufgabe zu überlassen. Ein wenig beschämt hatte ihr Vater ihr dann doch ein höheres Taschengeld angeboten, was sie nach einem Tag Bedenkzeit auch angenommen hatte. Es gefiel ihren Eltern, dass Hannah ein eigenes Konto mit Bankkarte hatte. Sie hatten allerdings keine Ahnung, dass Hannah sehr vorsichtig mit ihrem Geld umging und schon eine beachtliche Summe zusammengespart hatte. Warum sie ihr Geld so hortete, konnte sie sich selber nicht erklären. Vielleicht hatte sie tief in ihrem Inneren den Drang, eine Notreserve anzulegen. Geld war ihr nicht wichtig, doch sie wusste, dass man ohne nicht weit kam.
Sie streckte beide Arme über ihren Kopf und schüttelte sich dann. Sie lachte laut auf, als ihr klar wurde, dass sie sich das wohl von ihrem Drachen abgeguckt hatte. Er tat das auch, wenn er aufwachte. Probeweise hob und senkte sie ihre Arme wie Flügel und hüpfte zur Tür. Dann kam sie sich doch etwas albern vor und drückte die Klinke nach unten. Ein Blick in den Flur zeigte gähnende Leere. Sie schlüpfte im Schlafanzug die Treppe hinunter in die Küche und sah einen Zettel auf der Arbeitsplatte. Darauf stand in der etwas fahrigen Handschrift ihrer Mutter:
‚Hallo mein Schatz, ich wünsche dir einen schönen ersten Ferientag. Sei doch bitte so lieb und kümmere dich um die Wäsche, sie müsste aufgehängt werden. Ich habe die Maschine gestartet, bevor ich zur Arbeit losmusste. Bis heute Abend, wir werden etwas später zurück sein, da ich deinen Vater zu dem Empfang begleiten werde. Schlaf schön, M.‘
Daneben lag ein Fünfziger in der kleinen Keramikschale. Das war wohl ihr Mittagessen, nahm Hannah an. Seit sie Krahadnir und Stephan in ihrem Leben hatte, machten sie solche Dinge nicht mehr traurig. Sie wusste, dass ihre Eltern es gut meinten. Vergnügt und voller Vorfreude legte sich Hannah alles zurecht, was sie für ein rasches Frühstück brauchen würde, und lief dann nach oben, um sich anzuziehen. Sie hatten sich für halb elf verabredet, das würde sie locker schaffen. Als sie einige Zeit später einen fachmännischen Blick durch die aufgeräumte Küche streifen ließ, war sie bereit für den Aufbruch. Sie steckte das Geld ein und verließ dann das Haus, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Schlüssel sicher in ihrer Hosentasche verfrachtet war.
Während sie sich ihrem Treffpunkt im Wald näherte, dachte Hannah daran, wie alles vor knapp einem Jahr begonnen hatte. Damals hatte sie sich diese etwas abgelegene Stelle im nahen Wald ausgesucht, damit sie sich vor der Neugier ihrer Mutter ein wenig verstecken konnte. Abseits eines Wanderweges war eine Picknickstelle eingerichtet worden, die aber kaum benutzt wurde und an der sie noch keinem Fremden begegnet war, obwohl sie recht häufig hier ihre Freunde traf. Ursprünglich hatte die Gemeinde auch eine feste Grillstelle dort hinzufügen wollen, doch dann hatte man diese Pläne aufgegeben. Es gab einfach nicht genug Tourismus in dieser Gegend, und so war es bei dem schweren Tisch mit angeschraubten Bänken geblieben. Der Weg, der zum Tisch führte, endete dort und wurde auch nicht mehr unterhalten und gepflegt. Die Natur hatte sich den Platz mittlerweile größtenteils zurückerobert. Das Hinweisschild hatten Hannah und Stephan vorsichtshalber schon vor Längerem abgeschraubt und versteckt. So konnten sie sich sicher und geschützt fühlen, denn keiner würde hierherkommen.
Je näher sie ihrer Geheimstelle kam, desto schneller wurde Hannahs Schritt. Sie freute sich unglaublich auf das heutige Treffen, denn ab jetzt würden sie viel mehr Zeit miteinander verbringen können als bisher. Zudem war es an der Zeit, ihre Pläne zu vervollständigen und letzte Fragen zu klären. Danach würde sie ihre Eltern ins Bild setzen. Sie konnte es kaum abwarten. Dann hatte sie eine Idee: Sie würde den Rest des Weges versuchen, sich anzuschleichen, um zu sehen, wie aufmerksam Krahadnir und Stephan waren. Langsam und leise bewegte sie sich in Richtung Tisch. Dabei achtete sie sehr genau darauf, wo sie hintrat. Kein Rascheln oder Knacken eines Zweiges sollte ihre Ankunft ankündigen. Nach einigen Schritten verließ sie den etwas verwilderten Weg und schlich seitwärts von hinten auf ihren Treffpunkt zu. Die dichten Äste versperrten ihr die Sicht, also blieb sie stehen und lauschte angestrengt in die abwartende Stille hinein. Warum schwiegen alle Vögel? Sogar das Summen der Insekten schien für einen Moment innezuhalten, und sie spürte, wie die Aufregung in ihrem Inneren immer stärker wurde. Sie musste einfach einige der Äste beiseiteschieben und einen Blick riskieren. Mit angehaltenem Atem hob sie eine Hand und schaffte sich eine Öffnung im dichten Grün. Ihr Gesicht war nun ganz nahe an dem Spalt im Blattwerk, nur noch einige Zentimeter, dann würde sie freie Sicht haben. Immer noch lautlos und mit flachen Atemzügen verharrte sie in dieser Position, dann schlugen plötzlich sämtliche Vögel im nahen Umkreis mit den Flügeln und erhoben sich aus allen Hecken und Sträuchern. Gleichzeitig teilte sich die grüne Wand vor Hannahs Gesicht, und dann befand sie sich Auge in Auge mit ihrem Drachen. Er hatte seinen Fang geöffnet und lachte sie förmlich an, was alle seine Zähne zum Vorschein brachte. Seine goldgrünen Augen sprühten vor Freude und Verschmitztheit, und er tat so, als ob er nach ihr schnappen wollte.
Ha! Ich hab’ dich!
„Krahadnir! Hast du mich erschreckt! Dabei habe ich mir so viel Mühe gemacht, mich anzuschleichen.“ Hannah wich zurück und stolperte fast hintenüber. Dabei schob sie sich in ein Hindernis hinein, das vorher noch gar nicht dagewesen war. Zwei kräftige Hände fassten sie von hinten an den Oberarmen und bremsten ihren Fall, dann sagte Stephan ihr ins Ohr:
„Hallo Hannah! Du solltest beim Anschleichen auch mal hinter dich sehen!“
Hannah wirbelte herum und bückte sich gleichzeitig. Damit riss sie sich aus Stephans Griff und tauchte blitzschnell in die Büsche. Leider blieb sie mit dem rechten Fuß an einer hervorstehenden Baumwurzel hängen und drohte, kopfüber im Unterholz zu verschwinden. Sofort machte Krahadnir einen Satz in ihre Richtung, und es gelang ihr, sich an seinem Hals abzustützen. Das Krachen und Brechen der Vegetation verklang und wurde von dreifachem Gelächter abgelöst.
„Na, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen“, stieß Hannah hervor. „Ich kann mich offensichtlich noch nicht so bald als Jane Bond bewerben.“
Was bedeutet das?
„Das kommt aus der Filmwelt, Hannah macht eine Anspielung auf einen Geheimagenten, dem eigentlich trotz allen Widrigkeiten schlussendlich alles gelingt“, erklärte Stephan, und dann machten es sich die drei am Tisch gemütlich. Krahadnir ließ sich tief ins Gras sinken und war damit auf Augenhöhe seiner beiden Freunde, die sich auf die Tischplatte gesetzt hatten. Beide stellten ihre Füße auf eine der Bänke und genossen die Tatsache, dass hier keiner ihnen das verbieten konnte.
Sehe ich das richtig, dass ihr zwei jetzt nicht mehr jeden Tag zu eurem Ausbildungsplatz müsst?
Hannah und Stephan tauschten einen belustigten Blick und nickten dann.
„Wir haben jetzt schulfrei. Das passiert immer wieder mal, wie du schon weißt, doch die Sommerferien sind besonders lang.“
„Werden junge Drachen denn nicht ausgebildet?“, wollte Stephan dann wissen.
Wir werden nicht so zahlreich zusammengepfercht, wie das bei euch der Fall ist. Aus eurer Sicht erhalten wir wohl alle Einzelunterricht, bis wir alleine zurechtkommen. Alles, was wir lernen, steht auch in direktem Zusammenhang mit unserem Leben. Ihr scheint recht viel Zeit mit Dingen verbringen zu müssen, deren Sinn ihr offensichtlich nicht immer einseht. Das ist schade, finde ich.
Hannah sah den Drachen aufmerksam und auch ein wenig erstaunt an. Er hatte im Laufe des vergangenen Schuljahres einiges an Gejammer anhören müssen und hatte eben sehr treffend beschrieben, wie sich die Schule manchmal für sie anfühlte.
„Es ist wahr, dass es nicht immer ganz einfach ist, das Beste daraus zu machen. Allerdings hat es auch Vorteile, Zugang zu Wissen und Information zu haben. Wenn auch der Unterricht nicht immer prickelnd aufregend ist, so ist der Computerraum zum Beispiel eine wertvolle Quelle, die wir auch außerhalb der Schulstunden nutzen können.“
Mit diesen Worten griff Hannah nach ihrer ausrangierten Schultasche von vor drei Jahren, in der sie jede Menge Unterlagen verstaut hatte, denn heute wollten sie ganz konkret ihre bevorstehende Expedition planen. Es hatte Hannah einiges an Zeit und Geschick abverlangt, die Ausdrücke ihrer Nachforschungen über mehrere Wochen und Monate anzufertigen, denn es war überaus wichtig, so wenig wie möglich aufzufallen. Sie wollten keinesfalls riskieren, mit Orten und Personen in Zusammenhang gebracht zu werden, die eine Spur zu ihnen legen könnten. Diese Vorsicht war durchaus berechtigt, denn sie verfolgten ein sehr gefährliches Ziel. Krahadnir war der einzige lebende Drache, der den Erzfeind seiner Art erkennen konnte. Als Jungdrache war ihm die Flucht aus dessen Gefangenschaft gelungen, und er hatte ihm seitdem immer nur knapp entkommen können. Seit er Freundschaft erst mit Hannah und dann später mit Stephan geschlossen hatte, fühlte er immer deutlicher, dass sie gemeinsam einen Weg finden mussten, dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Drachen und der Menschen abzuschließen. Die Zeit des Versteckens und des Weglaufens war nun vorüber.
„Ich denke, wir sollten erst einmal ein Zeitfenster ausarbeiten“, sagte Stephan nun und grub einen Taschenkalender aus. „Was willst du denn dieses Mal deinen Eltern auftischen?“ Er zwinkerte Hannah zu, und sie musste lachen. Das war eine gute Frage, über die Stephan sich weit weniger Gedanken machen musste. In seiner Familie war es nicht notwendig, über jeden einzelnen Schritt Bericht zu erstatten, so wie es Hannah hin und wieder mit ihren Eltern vorkam. Stephan war also in der beneidenswerten Lage, dass er lediglich zu Hause mitzuteilen brauchte, wann und wie lange er abwesend sein würde. Hannah musste sich da schon einiges mehr einfallen lassen und war froh, die guten Einfälle und Ideen ihrer beiden Freunde zur Verfügung zu haben. Während der nächsten Stunde tüftelten sie gemeinsam an einer Möglichkeit, Hannah zwei Wochen freizuschaufeln, ohne erreichbar sein zu müssen. Nach und nach nahm ihr Plan Form an, was sie dann zum nächsten Punkt brachte.
„Wir werden also zum Hauptquartier deines Feindes reisen, uns dort irgendwie Eintritt verschaffen, um dann nach Möglichkeit Material zu stehlen, was eine Anzeige gegen ihn und seine Firma nach sich ziehen wird“, fasste Hannah zusammen. Krahadnirs Blick verdunkelte sich beim Gedanken an die Gefahr, in die sie sich so freiwillig mit ihm begaben. Sie hatten alle möglichen Alternativen besprochen, doch es führte einfach kein Weg daran vorbei. Sie würden zur Tat schreiten müssen, denn Krahadnir würde niemals in Frieden leben können, solange sein Verfolger sein Unwesen trieb.
Ihre Verbindung reichte weit in die Vergangenheit zurück, denn dieser Mann war bereits unglaublich alt. Er hatte seit jeher den unbändigen Drang, die Langlebigkeit der Drachenart zu seinen Gunsten zu nutzen, und hatte sie zu diesem Zweck gejagt, gefangen und dann zu Elixieren verarbeitet, die es ihm erlaubten, seine Lebenserwartung scheinbar endlos zu verlängern. Heutzutage tarnte er sich und seine unsäglichen Absichten unter dem Deckmantel einer Pharmagesellschaft, deren Geschäftssitz das Ziel der drei Freunde war. Der entscheidende Hinweis war ein Symbol gewesen, das ihnen im letzten Sommer aufgefallen war. Hannah war es gelungen, das Zeichen an wechselnden Rechnern der Schule zurückzuverfolgen, und war erschüttert und erschrocken gewesen, als ihr das Ausmaß der Organisation klar wurde. Das war vor einigen Monaten gewesen. Damals hätten sie ihr Vorhaben beinahe aufgegeben, doch am Ende hatten sie dann doch entschieden, es zu versuchen. Es war Stephan gewesen, der den rettenden Einfall gehabt hatte. Sie würden ihren Feind entblößen und ihm seine kriminellen Taten zum Verhängnis machen. Der hatte sich nämlich mittlerweile anderen Quellen zuwenden müssen und war bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, weil er allerlei Exoten aus der ganzen Welt importieren ließ. Obwohl er bisher noch nicht mit den Funden der unterschiedlichen Zollbeamten in Verbindung gebracht werden konnte, erschien es den drei Freunden durchaus möglich, ihr Ziel über den Weg des Gesetzes zu erreichen.
Wisst ihr, so langsam steigt in mir die Hoffnung auf, dass ich nicht den Rest meines Lebens angstvoll über meine Schulter schauen muss. Doch die Aufgabe, die wir uns stellen, ist schwierig und gefährlich. Er wird nicht zögern, uns zu töten, wenn er erst einmal begreift, dass wir ihn dieses Mal jagen und nicht er uns.
Mit ernstem Blick sah Krahadnir erst Hannah und dann Stephan eindringlich in die Augen. Hannah musste schlucken, denn sie wusste, dass er nicht im Geringsten übertrieb. Sie hatten ihm beide seit letztem Sommer immer wieder stundenlang zugehört, während er ihnen so ausführlich wie möglich alles mitteilte, was er selber wusste. Es war schmerzhaft und anstrengend für Krahadnir gewesen, sein Wissen mit ihnen zu teilen, doch irgendwie auch befreiend. Er war jetzt nicht mehr allein mit seiner Qual, seiner Angst und seinem Zorn. Es war beinahe so, als ob seine beiden Freunde es mit ihm erlebt hätten, so vollständig hatte er ihnen alles beschrieben. Das machte sie nun dreifach stark, und genau darin könnte seine Befreiung liegen.
„Wir haben im Vorfeld so viel Information wie nur möglich zusammengetragen, um dann gut vorbereitet unseren Zugriff umzusetzen. Unser Vorteil liegt darin, dass er nicht die geringste Ahnung von unseren Recherchen hat und sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen kann, dass wir ihn aufsuchen“, meinte Stephan nun. „Aus seiner Sicht muss er uns nämlich finden und nicht wir ihn.“
„Wann können wir uns denn auf die Reise machen?“, überlegte Hannah laut. „Was schätzt du, Stephan, wie lange brauchst du, um die letzten Besorgungen zu erledigen?“
„Ich könnte morgen los, wenn es sein müsste. Meine Familie weiß, dass ich mit meinen beiden Freunden vom letzten Jahr wieder auf eigene Faust verreisen möchte und stellt mir keine großen Fragen.“
Hannah seufzte und zuckte die Achseln. So einfach konnte es sein.
„Darf ich dich sozusagen als Alibi zu Hause erwähnen? Ich könnte erzählen, du hättest mich zum Zelten eingeladen, so wie das in deiner Familie üblich ist.“
„Klar kannst du das, ist ja auch gar nicht gelogen. Dass wir zu dritt losziehen wollen und einer von uns kein Mensch ist, müssen sie ja nicht wissen.“ Stephan zwinkerte Krahadnir verschmitzt zu und lachte dann Hannah an. „Kriegst du das bis übermorgen hin?“
Warum eigentlich noch zögern, fragte sich Hannah, obwohl ihr Herz wie wild zu schlagen begann. Da war Unbehagen, weil sie ihre Eltern nicht anlügen wollte, sie sie aber ebenso wenig ins Vertrauen ziehen konnte. Dann spürte sie eine gewisse Unruhe, denn Krahadnir hatte den beiden sehr genau beschrieben, wie kalt und grausam sein Feind vorging. Doch weitaus stärker war das Glücksgefühl, das Hannah durchdrang beim Gedanken, wieder unterwegs zu sein. Dieses Mal würden sie besser vorbereitet sein und sich Zeitpunkt und Ziel selber aussuchen. Sie blickte auf und sah geradewegs in Krahadnirs schöne, goldgrüne Augen.
Man sieht es dir nicht an, mach dir keine Gedanken. Deine Eltern werden dir keine Schwierigkeiten machen, du musst nur gelassen auftreten.
„Das sehe ich genauso. Warum sollten sie dir diese Reise nicht erlauben? Es sind schließlich Sommerferien und sie haben so viel zu tun, dass sie gar nicht merken werden, dass du nicht da bist.“
Sobald die Worte ausgesprochen waren, hätte Stephan sie am liebsten zurückgenommen. Er hätte sich ohrfeigen können! Auch wenn das, was er gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, so war es doch wahrscheinlich recht hart für Hannah, ihr Familienleben auf diese Art von außen zu sehen. Er spürte, wie er rot wurde und sah bekümmert, dass Hannah den Kopf senkte. Ihr Haar fiel über ihre Schulter nach vorne, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
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