Cover: Krahadnir

Krahadnir
Freundschaftsbande


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-7116-0968-7
Erscheinungsdatum: 25.08.2025
Als Hannah und ihren beiden Freunden klar wird, in welcher Gefahr sie sich befinden, müssen sie schleunigst von der Bildfläche verschwinden. Das gestaltet sich allerdings als recht schwierig, da einer von ihnen ein Drache ist. Wird ihr Feind sie aufspüren?
Kapitel 1


„Dort ist es längst nicht immer kalt und dunkel, jetzt sei doch bitte einmal vernünftig! Wir wollen doch im Sommer dahin!“
Hannahs Mutter sah sie verständnislos an. Es ging mal wieder um ihre Reise nach Island, diesen Traum, den sich ihre Eltern endlich erfüllen wollten.
„Warum kann ich nicht zu Hause bleiben?“, fragte Hannah erneut, so wie jedes Mal, wenn sie an diesem Punkt angelangt waren. Obwohl sie es sich nicht recht erklären konnte, spürte sie einen sehr starken inneren Widerstand beim Gedanken an diesen bevorstehenden Aufenthalt.
„Weil du noch nicht volljährig bist, weil du keinen im Haus haben möchtest, um dir Gesellschaft zu leisten, während wir weg sind, und weil wir dich dabeihaben wollen.“ Ihre Mutter ging mit raschen Schritten zwischen Spüle und Küchentisch hin und her. Sie war bereits fertig angezogen; in ihrem modisch geschnittenen Hosenanzug und mit ihrer teuren Kurzhaarfrisur wirkte sie wie immer kompetent und erfolgsorientiert. Hannah, die noch im Schlafanzug war, konnte sich nicht daran erinnern, ihre Mutter während der Woche je in Freizeitkleidung gesehen zu haben, von Morgenmantel oder Schlafanzug gar nicht zu reden.
„Aber zur Ferienkolonie lasst ihr mich alleine hin. Wie soll ich das begreifen?“
„Das kann man doch gar nicht vergleichen. Schließlich gibt es dort Aufsichtspersonen und ein gut strukturiertes Programm.“
Hannah richtete ihren Blick nach draußen. Vor dem Küchenfenster stand ein alter Birnenbaum, an dessen Ästen sich die ersten Knospen öffneten. Der Winter war gerade erst vorbei, und schon ging es um den Sommer. Warum wurde so schnell gelebt in dieser Familie? Man konnte doch den Frühling nicht einfach ausklammern. Dieses ewige Rennen von einem Wochenende zum nächsten, von einem Urlaubsziel zum nächsten, von einer Versetzung oder Beförderung zur nächsten. Und dann immer dieser Leistungsdruck, schön geschminkt mit Begriffen wie ‚Ehrgeiz‘, ‚Anerkennung‘ und ‚Erfüllung‘, so als ob das Leben sich einzig und allein aus der Einschätzung von außen zusammenstellen ließe.
„Wir reden später weiter, ich bin spät dran.“ Ihre Mutter kramte abgelenkt in ihrer Tasche nach den Autoschlüsseln, dann drückte sie Hannah einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und war zur Tür hinaus. Sekunden später rollte der Zweitwagen der Familie aus der Einfahrt, und Hannah war allein. Ihr Vater war schon vor zwei Stunden zum Flughafen aufgebrochen; er musste mal wieder auf Geschäftsreise. Das Haus fühlte sich leer und öde an, ein wenig wie Hannahs Inneres. Sie müsste sich eigentlich auch endlich für die Schule fertigmachen, doch sie war so etwas von unmotiviert, dass selbst der Gedanke an Dusche und Kleidung beinahe Übelkeit auslöste. Wenn sie doch wenigstens ein Haustier halten dürfte, dann wäre ihr Leben nicht so einsam. Doch ihre Eltern waren dagegen, denn Tiere verursachten Schmutz, Arbeit und Ausgaben. Hannah hatte bereits mehrmals überzeugend argumentiert, dass sie sich selbst darum kümmern würde, doch da war leider gar nichts zu machen. Sie hatte für den Moment wieder einmal aufgegeben und gab sich die größte Mühe, ihr Leben zu schätzen. Es war ihr klar, dass es ihr vergleichsweise gut ging in diesem netten Vorstadthaus mit Vater und Mutter und Zweitwagen und Familienurlaub. Gegen ihre innere Leere konnte all dieser Wohlstand dennoch nichts tun. Sie fühlte sich oft alleine und unverstanden.
Seufzend räumte sie die Küche auf und schleppte sich dann nach oben; jetzt war sie auch spät dran, obwohl sie schon seit Stunden wach war. Wie sie das wohl wieder hingekriegt hatte? Manchmal machte die Zeit seltsame Sprünge, dann wieder vergingen die einzelnen Minuten wie zäher Kleister. Am glücklichsten fühlte sie sich, wenn ihr ein gutes Buch in die Hände fiel. Da gab es Auswege aus ihrer Wirklichkeit, sie vergaß alles um sich herum und konnte sich auf ganz besondere Art auf die Geschichten, die sie las, einlassen und sich auch zum Teil darin wiederfinden. Ihr ganzes Leben hatte sich bisher in einer gesicherten Existenz abgespielt; sie wusste wohl, dass nicht jeder es so gut hatte wie sie, und doch wünschte sie sich nichts sehnlicher, als aus dieser Welt auszubrechen, um in ein anderes Universum einzutauchen. Wenn sie versuchte, davon zu erzählen, dann nannte ihr Vater sie liebevoll sein ‚Strohköpfchen‘ und war ganz zuversichtlich, dass sie eines Tages aufwachen würde und die Werte und Bestrebungen ihrer Eltern ganz und gar teilen würde. So ganz von selbst. Ohne, dass sich ihre Eltern dafür bemühen müssten. Schließlich lebten sie ihr ja beide vor, worauf es im Leben ankam. Und sie hatte doch alles, was man sich nur wünschen könnte, oder etwa nicht?
Was sollte Hannah auf solche Totschlagargumente auch antworten? Es war besser, sich zu fügen und keine Probleme zu bekommen. Geschwister hatte sie keine, denn auch das war die Entscheidung ihrer Eltern gewesen. Kinderwunsch erfüllen, ja. Überbevölkerung des Planeten verschärfen, nein. Dabei wäre es vielleicht doch einfacher für Hannah, wenn die elterlichen Erwartungen nicht nur von ihr alleine erfüllt werden müssten. An diesem Punkt angelangt, kam sie immer wieder zum Schluss, dass ihre Eltern durchaus davon überzeugt waren, ihr das bestmögliche Leben zu schenken. Dann fühlte sie sich zu allem Übel auch noch beschämt und undankbar, und sie musste sich irgendwie von ihrem Gefühlschaos ablenken.
Das Ferienlager war ihre Idee gewesen, denn die Aussicht auf einen weiteren Sommer, ohne arbeiten zu dürfen – das brauchte sie doch nicht, sagten ihre Eltern – machte ihr beinahe Angst. In letzter Zeit war es ihr immer schwerer gefallen, sich zusammenzureißen und nicht zu streiten. In der Schule lief alles reibungslos, denn sie war weder dumm noch faul – sagten ihre Eltern – und sie wich allen Konflikten aus. Davon gab es genug, denn viele Gleichaltrige trugen ihre Auflehnung wesentlich öffentlicher durch die Gegend als Hannah. Es gelang ihr immer wieder, sich total unauffällig zu benehmen und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie kleidete sich auf eine Art, die sie nicht aus dem Pulk des Pausenhofes hervorhob, ihr dunkelblondes Haar trug sie meistens in einem halbhohen Pferdeschwanz, sie war weder besonders groß noch besonders dick oder dünn, und sie konnte sich gut tarnen. Wenn man sich allerdings die Mühe machte, sie anzusehen und ein Wort mit ihr zu wechseln, so konnte man schnell feststellen, dass weitaus mehr hinter ihrer langweiligen Maske verborgen war. Leider wussten nicht viele, dass die winzigen goldenen Flecken in ihren ansonsten blau-grünen Augen vor Begeisterung funkeln konnten, dass ihre Stimme angenehm dunkel und sanft klang und sie erstaunlich stark war. Dass sie außerdem hübsch war und mit jedem Jahr schöner wurde, war weder ihr noch den meisten in ihrem Umfeld bewusst. Ihr Blick fiel auf ihren Wecker auf dem Nachttisch. Oh nein, jetzt war das schon wieder passiert! Sogar im Hubschrauber würde sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen! Die Woche konnte nur noch besser werden.

Da es Hannah nicht gelungen war, ihre Eltern umzustimmen, was den Islandurlaub anging, befanden sie sich Anfang des Sommers alle drei am Förderband in der Ankunftshalle wieder, wo sie auf ihr Gepäck warteten. Der Flug war ereignislos gewesen und länger, als Hannah es für möglich gehalten hätte. Als sie zur Landung angesetzt hatten, war es immer noch hell gewesen, obwohl es bereits nach zehn Uhr abends war. Das Licht war ungewöhnlich, und Hannah hatte sich über ihre Mutter gelehnt, um zur ovalen Luke nach draußen zu sehen. Da sie über der Tragfläche saßen, war allerdings nicht viel zu erkennen. Sie wollte nicht hier sein, doch sie hatte sich vorgenommen, ihren Eltern diesen langersehnten Aufenthalt nicht zu vermiesen. Solange sie keinen Gammelhai essen musste! Das würde sie auf gar keinen Fall probieren; sie wollte nicht einmal in der Nähe sein, wenn es so weit war.
Die erste Nacht wollten sie in der Hauptstadt verbringen, wo ihre sechstägige Reise auch zu Ende gehen würde. Natürlich war ihr gesamter Aufenthalt bis ins kleinste Detail durchgeplant; alles war schon im Vorfeld gegoogelt, besprochen und gebucht, sodass kaum Überraschungen zu erwarten waren. Das Programm war anspruchsvoll. Es gab eine Menge Kulturplätze, die besucht werden wollten, aber auch Fahrten zu abgelegenen Naturschauplätzen und sogar eine mehrstündige Wanderung durch irgendwelche Geröllfelder mit seltsamen Namen waren vorgesehen. Zu diesem Zweck würden sie morgen ihren Vierradantrieb an der Autovermietung abholen und fünf, sechs Stunden einmal quer durch das Landesinnere nach Akureyri fahren, was auch als Hauptstadt des Nordens bekannt war. Dass man für die etwa 380 km so viel Zeit vorsehen musste, sagte Hannah mehr, als sie wissen wollte. Sechs Tage lang konnte man alles schaffen, wenn man sich nur Mühe gab. Diesen Satz wiederholte sie immer wieder in Gedanken, wenn ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. Und dann war es ja auch Urlaub und keine Folter. So versuchte sie mit mittelmäßigem Erfolg, zu einem, wenn auch nicht frohen, dann aber zumindest zu einem neutralen Gemütszustand zu finden und ihre Eltern nicht mit ihren inneren Zweifeln zu belasten. Dieser Aufenthalt war nicht nur so kurz, weil es an Zeit fehlte. Island war ein teures Reiseziel.
So langsam leerte sich das Förderband. Wie eine kleine Familie kamen ihre Gepäckstücke auf sie zu. Der Größe nach gestaffelt und farblich aufeinander abgestimmt, tauchten erst zwei Koffer, dann ein Schminkkoffer und schließlich eine Reisetasche hinter der Biegung auf und zuckelten auf sie zu. Ihr Vater stand bereit wie ein Sprinter an der Startlinie. Mit gekonntem Griff packte er erst die beiden Koffer und wuchtete sie neben Hannah zu Boden, dann streckte er sich nach den zwei anderen Griffen aus, so sehr auf sein Ziel konzentriert, dass er seine Frau einfach beiseiteschob und dann mit triumphierendem Grinsen alles zusammen in einer Reihe aufstellen konnte. Ha! Erfolg war über sein ganzes Gesicht gezeichnet, und Hannah und ihre Mutter mussten lachen.
„Was ist daran so lustig?“, wollte er wissen, leicht verärgert über den Mangel an Applaus. Dann blickte er in ihre lachenden Gesichter und musste auch grinsen.
„Du bist unser Held! So wie die Ritter früher, weißt du?“, sagte seine Frau und sah sich dann nach einem Gepäckwagen um.
Als Hannah gefühlte Stunden später endlich in einem fremden Bett in einem winzigen Zimmer lag und die hellen Streifen ansah, die sich am Rand der dunklen Vorhänge abzeichneten, fragte sie sich, wie das Frühstück wohl sein würde. Es war seltsam, mitten in der Nacht in diesem Dämmerlicht zu liegen. Wie es sich wohl im Winter hier leben ließe, wenn es fast ständig dunkel war? Das wenige, was sie von der Landschaft auf der endlosen Fahrt zur Hauptstadt gesehen hatte, war ihr öde und wild vorgekommen, doch sie konnte sich einer gewissen Faszination nicht entziehen. Es war so dermaßen anders als das, was sie bisher gesehen hatte. Sie sollte besser ein wenig schlafen, morgen wollten sie spätestens um zehn losfahren, um so bald wie möglich an ihr erstes Etappenziel zu kommen. Was für ein Programm. Ihre Gedanken verschwammen in einer umrisslosen Sehnsucht nach Freundschaft und Zusammengehörigkeit; daran änderte auch nichts, dass sie sich irgendwo anders befand.

Der nächste Tag verlief genauso, wie es ihre Eltern geplant hatten. Nach dem Frühstück hatten sie ihren Wagen abgeholt und sich dann auf den Weg gemacht. Der erste Teil der Fahrt war etwas angespannt gewesen, und es wurde kaum gesprochen. Hannah sah zum Fenster hinaus und tat das, was ihr immer als Ausweg zur Verfügung stand. Sie versuchte, in den Felsformationen, den Wolken und den grauen Ebenen, die sie durchquerten, Formen zu sehen. Bald war sie ganz in ihre Fantasiewelt versunken. Der Wagen war geräumig und bequem, und sie konnte die Farben und Eindrücke dieser ungezähmten Landschaft völlig auf sich wirken lassen. Jetzt, wo alles still war, machte sich auch allmählich eine schöne und andächtige Stimmung breit. Vor dieser Kulisse konnte man sich selbst und seine Alltagssorgen gar nicht mehr so ernst nehmen. Allerdings war es auch nicht so verwunderlich, dass Mythen und Aberglaube auch heute noch überall hier anzutreffen waren. Hannah vermutete, dass es wohl damit zu tun hatte, dass das tägliche Leben mit aktiven Vulkanen eine ganze Palette von anderen Prioritäten mit sich brachte als das, was sie gewohnt waren. Schließlich konnte man abends gar nicht wissen, ob am darauffolgenden Tag das Haus, in dem man wohnte, noch stand. Das machte etwas mit den Leuten, die hier lebten, da war sie sich sicher. Bisher hatte sie noch nicht viel mit Einheimischen zu tun gehabt, außer das aalglatte, gefällige Benehmen, das man als Touristenattraktion auf der ganzen Welt den Kunden entgegenbrachte. Diese zweckmäßige Fassade interessierte Hannah wenig, obwohl sie Verständnis dafür hatte. Die Menschen, die hier lebten, mussten ihr Zuhause mit so vielen Fremden teilen, das war gut für die Wirtschaft, ganz klar, aber es brachte auch eine Menge Nachteile mit sich. Dann unterbrach sie etwas verärgert ihre Gedankengänge und fragte sich, warum sie immer so viel nachdenken musste. Konnte sie nicht einfach ein wenig mehr sein wie ihre Eltern? Warum musste sie immer alles so intensiv erleben und hinter dem Schein die Wahrheit sehen? Sie seufzte und schloss ihre müden Augen. Die Nacht war überaus kurz gewesen.
„Wach auf, Liebling, wir sind da!“
Hannahs Mutter hatte die hintere Tür des Wagens geöffnet und stand fröstelnd vor einem regenverhangenen, tiefen Himmel. Orientierungslos sah Hannah sie an, dann fiel ihr alles wieder ein. Sie musste wohl eingeschlafen sein. Ob sie viel verpasst hatte? Wahrscheinlich mehr Ebenen, Lavafelder, Vulkane am Horizont und wilde Wolkenformationen.
„Steig doch bitte aus, wir sollen das Gepäck ausladen, damit dein Vater den Wagen parken kann.“ Ihre Mutter sah auch müde aus, dazu hatte sie eine kurze, tiefe Linie etwa mittig zwischen ihren Augenbrauen, und Hannah wusste: Kopfschmerzalarm! Schnell bemühte sie sich, ihre Lebensgeister zu aktivieren und beim Ausladen des Gepäcks behilflich zu sein. Dann tauchte sie gleich wieder ins Innere des Autos, um sich ihre Jacke vom Rücksitz zu schnappen und sie rasch überzuziehen. War das windig hier! Dass es im Sommer so kalt sein könnte, hatte sie nicht geglaubt, obwohl man ihnen geraten hatte, wetterfeste Kleidung und Schuhe einzupacken. Sie hatte das für etwas übertrieben gehalten, doch jetzt wurde ihr klar, dass es ganz einfach den Tatsachen entsprach.
„Wenn ihr freundlicherweise den Kofferraum und die Türen schließen würdet, dann könnte ich den Wagen parken und endlich auch aussteigen“, sagte ihr Vater etwas gereizt. Hannah und ihre Mutter tauschten einen Blick und kamen seiner Aufforderung rasch nach. Augenblicklich legte er den ersten Gang ein und verschwand gleich danach hinter der freundlich aussehenden Pension, die sie für zwei Nächte hier gebucht hatten.
„Er ist nur müde, Schatz.“
Hannah antwortete nicht, doch sie bemühte sich, ihre Mutter aufmunternd anzulächeln. Etwas ratlos standen sie bei ihrem Gepäck Wache und sahen sich um. Es war auf beeindruckende Weise schön hier, doch der graue Himmel und die niedrigen Temperaturen dämpften ihre Freude dann doch sehr.
„Hallo Mädels, entschuldigt bitte, dass ich ein wenig unfreundlich war.“ Mit großen Schritten kam ihr Vater zu ihnen, den Autoschlüssel warf er vor sich in die Höhe und fing ihn geschickt wieder auf. „War nicht so einfach, nach unserer kurzen Nacht so weit zu fahren. Und dann diese Straßen!“ Er griff nach den beiden Koffern und machte sich auf den Weg Richtung Eingang. Hannah und ihre Mutter nahmen das restliche Gepäck auf und folgten ihm rasch. Sie wollten so schnell wie möglich aus diesem eisigen, schneidenden Wind, außerdem waren sie gespannt auf ihre Unterkunft.
Hannahs Zimmer war überraschend schön. Es war klein, aber fein eingerichtet und sehr sauber, ohne dabei klinisch zu wirken. Eine Tür stand halb offen; sie drückte sie auf und sah in ein schönes Bad mit Waschbecken und Dusche. Eine weitere Tür, die gerade geschlossen war, führte in das angrenzende Zimmer ihrer Eltern. Sie hatte also ihren eigenen Schlafplatz, und das Bad würden sie teilen. Das war ja eine angenehme Überraschung. Sie drehte sich um und ging in ihr Zimmer zurück, am Einzelbett vorbei ans Fenster. Durch die offene Tür zum Bad hörte sie, wie sich ihre Eltern im angrenzenden Zimmer unterhielten, während sie hin- und herliefen, offensichtlich damit beschäftigt, ihre Sachen auszupacken und sich einzurichten. Sie sollte das auch besser jetzt erledigen, denn später war ein Bummel im Städtchen vorgesehen mit anschließendem Abendessen. Morgen wollten sie an einer Rundfahrt teilnehmen, die sie zu verschiedenen Natursehenswürdigkeiten bringen würde. Hoffentlich würde es nicht regnen. Der Nebel und der Himmel hatten sich gerade vor ihren Augen zusammengefunden, und es sah so aus, als ob sie beste Freunde wären und sich so bald nicht wieder trennen wollten.
Ihr Vater brachte eben sein Waschzeug ins Bad, klopfte dann an den Türrahmen und sah zu Hannah hinein.
„Dein Zimmer ist ja auch so schön. Ich hoffe, du freust dich genauso wie wir, endlich hier zu sein.“ Er breitete seine Arme aus und kam lächelnd auf sie zu. Sie ging ihm entgegen und ließ zu, dass er sie kurz umarmte. Manchmal konnte sie ganz deutlich spüren, dass sie ihren Eltern wichtig war. Wenn diese Augenblicke auch schön waren, so kamen sie in Hannahs Augen leider viel zu selten vor. Doch heute wollte sie nicht aufsässig sein, denn es war wirklich schön hier, und sechs Tage lang konnte man sich auch ein wenig bemühen. Tapfer sah sie ihrem Vater in die Augen und war erleichtert zu sehen, dass ein Teil der Müdigkeit von der langen Fahrt schon aus seinem Gesicht gewichen war.
„Wie geht es Mutter?“, wollte sie wissen.
„Sie möchte sich gerne ein wenig hinlegen, denn sie hat eine Tablette genommen. Die haben tolle Vorhänge hier, man kann das Zimmer fast völlig abdunkeln. Ich wollte dich bitten, mich zu begleiten, denn auf der Fahrt morgen sind keine Erfrischungen vorgesehen. Wir sollten uns mal umsehen, wahrscheinlich gibt es einen Supermarkt in der Nähe.“
Mit zwei, drei schnellen Griffen hatte Hannah ihren Schlafanzug bereitgelegt und ihre Zahnbürste in das zweite Glas im Bad gestellt. Dann nahm sie ihre Jacke vom Bett und vergewisserte sich, dass Mütze und leichte Handschuhe in den Taschen verstaut waren. Gemeinsam verließen sie ihr Zimmer, ohne ihre Mutter noch einmal zu stören. Vermutlich würde sie sich bald besser fühlen, wenn sie einen Moment ausruhen konnte.
„Wie kommt es, dass wir uns selbst ein Picknick besorgen müssen?“, fragte sie ihren Vater auf dem Weg nach draußen.
„Das scheint hier so üblich zu sein. Es macht die ganze Sache ja auch einfacher, denn wenn jeder sein eigenes Essen und seine Getränke mitbringt, dann braucht der Organisator dieser Touren nicht so hohe Preise zu fordern. Es wird auch immer schwieriger, es den Leuten recht zu machen, und dies hier ist aus meiner Sicht eine elegante Lösung“, erklärte ihr Vater. „Man kann ja kaum noch riskieren, Esswaren anzubieten, bei all den Nahrungsunverträglichkeiten und persönlichen Vorlieben, die die Kunden mitbringen.“
So hatte Hannah das noch gar nicht gesehen. Es erstaunte sie immer wieder, wie interessant es sein konnte, sich mit ihrem Vater aufzuhalten. Sie sah ihn von der Seite an und fand, dass es schön war, einmal Zeit zu haben und so ganz banale Sachen wie Einkaufen gemeinsam zu erledigen.
Sie brauchten gar nicht weit zu laufen, bis sie einen kleinen Supermarkt fanden. Es war erstaunlich, fremdartige Verpackungen von unbekannten Esswaren zu sehen, doch es war noch seltsamer, zum Teil auch ganz genau denselben Waren wie zu Hause zu begegnen. Das Angebot von frischem Obst und Gemüse war wesentlich bescheidener, als sie das gewöhnt war. In einem solch kargen Land musste wohl das meiste importiert werden. Hannah bedauerte plötzlich, wie wenig sie sich für ihr Reiseziel im Vorfeld interessiert hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie kaum einen Begriff davon hatte, was auf dieser Vulkaninsel mitten im Nordatlantik wuchs und produziert wurde. Ein wenig beschämte sie das schon, und sie nahm sich vor, ab jetzt etwas mehr Begeisterung für ihren Aufenthalt hier zu zeigen.

Die nächsten Tage waren vollgestopft mit Ausflügen, gebuchten Unternehmungen und hastigen Besuchen unterschiedlichster Sehenswürdigkeiten. Hannah hatte den Eindruck, sich in einem Zustand fast pausenloser Atemlosigkeit zu befinden. Als sie dann nach Tagen schließlich wieder in der Hauptstadt angekommen waren, stand ihren Eltern die Erschöpfung ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Sie bezogen wieder dieselbe Unterkunft wie bei ihrer Ankunft, nur dass es diesmal erst Nachmittag war, als sie dort ankamen und nicht bereits Nacht.
Die Stimmung war geprägt von Müdigkeit, Erleichterung und einem leisen Abschiedsschmerz. Dieser hatte wohl weniger mit der Abreise an sich zu tun als mit der Aussicht auf Alltagsstress und Routine. Zu Hause würde wieder alles in den gewohnten Bahnen laufen, und eine weitere Erfüllung eines Traumes konnte von der Liste abgehakt werden. Hannah konnte beim besten Willen nicht verstehen, dass man dafür auch noch zahlte.
Sie erbat sich von ihren Eltern die Erlaubnis, sich ein wenig auf eigene Faust umzusehen. Da es ohnehin kaum noch dunkel wurde, Kriminalität auf Island recht niedrig war und Hannah gut auf sich aufpassen konnte, sagten ihre Eltern schon beinahe erleichtert zu. Sie vereinbarten, sich gegen halb sieben abends für ihr Abschiedsessen am Eingang ihrer Bleibe zu treffen. Dann würden sie gemeinsam durch die Straßen des Zentrums ziehen und sich dort niederlassen, wo es allen gefiel. Aus Hannahs Sicht hätte ihre Reise weitaus mehr solcher Spontanaktionen enthalten können, doch das behielt sie lieber für sich.
...

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