Spiegelwanderer

Spiegelwanderer

J. E. Überacker


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-99131-534-6
Erscheinungsdatum: 16.09.2022
Nach einem Brand steht Elies vor den Trümmern ihres Lebens. Als sie dazu ausgewählt wird, sich den mysteriösen Spiegelwanderern anzuschließen, sieht sie die Chance auf einen Neuanfang. Doch Elies ahnt nicht, worauf sie sich mit diesem Pakt einlässt.
Für meine Mama,
die mir gezeigt hat, dass es nie
einen Grund gibt, Angst zu haben;
die mir gezeigt hat,
was wahre Stärke bedeutet
und die immer an mich geglaubt hat.
Ich vermisse dich.


Prolog

Der Lärm meiner auf dem vereisten Waldboden aufstampfenden Füße hallte viel zu laut in meinen Ohren nach. Meine Lunge brannte und der stechende Schmerz in meiner Seite steigerte sich ins Unerträgliche. Dennoch wurde ich nicht langsamer, ja, versuchte meine Schritte sogar noch zu beschleunigen. Trotz des Rauschens in meinen Ohren konnte ich sie hinter mir hören, und sie waren schneller als ich. Geborene Jäger. Aber ich konnte nicht langsamer werden. Denn wenn sie mich einholten, würde ich sterben. Schlimmeres noch als der Tod selbst würde mich erwarten! Denn die Bestrafung für meine Tat wäre keine einfache Hinrichtung. Nein, der Tod war für Verbrecher, wie ich es war, viel zu human. Sie würden mich vernichten. Meine Seele zerstören. Dann gab es keinen Weg mehr nach vorne und keinen zurück. Ich wäre wie ausgelöscht. Unwiderruflich und auf ewig. Dabei hatte ich von Anfang an gewusst, welche Strafe mich erwarten würde. Gewusst, dass es wohl unweigerlich in meiner Exekution enden würde … und dennoch hatte ich es versuchen müssen! Für meine Freunde und Familie. Für mich selbst. Nicht nur für die Spiegelwanderer, sondern für alle Menschen. Denn ich war die Einzige, die die ganze Wahrheit kannte. Mir war es unbegreiflich, wie derartig mächtige Wesen, wie die Wanderer es waren, auf der einen Seite zu den klügsten und weisesten Geschöpfen dieser Erde zählten und dabei so blind für das Offensichtliche sein konnten! Ich hoffte, dass den anderen meine Rebellion die Augen öffnen würde. Dass sie verstehen würden, dass man sich nicht grundlos zum Widerstand entschloss. Dass sie einsehen würden, dass ich die Wahrheit gesagt hatte! Es war ein Schuss ins Blaue gewesen und doch hatte ich es versuchen müssen.
Ich wusste nicht, wie lange ich schon rannte. Die Zeit schien jegliche Bedeutung verloren zu haben. Aber ich spürte meine Verfolger weiterhin dicht hinter mir. Der Dunkelheit wegen konnte ich die Bäume vor mir nur schwer ausmachen, bereits einige Male wäre ich beinahe gegen einen von ihnen geprallt. Äste schlugen mir ins Gesicht, schnitten mir die Hände auf und verfingen sich in meinen langen Haaren. Ich konnte Blut auf meinen Lippen schmecken. Lange würde ich dieses Tempo nicht mehr durchhalten können. Irgendwann würde ich mitten im Lauf kollabieren oder von einem unnachgiebigen Baumstamm abgefangen werden. Welch leichte Beute ich doch war! Ich konnte kaum mehr atmen, sah dunkle Flecken vor meinen Augen tanzen und dennoch trieb mich die Angst voran. Wenn ich wüsste, dass mich nur der Tod erwarten würde, ich wäre längst zusammengebrochen und hätte mich von ihnen gefangen nehmen lassen. Aber etwas noch Schlimmeres wartete auf mich. Und diese Angst ließ mich auch den nächsten Hügel erklimmen. Panisch sah ich mich nach einem Versteck um, aber durch den Vollmond über mir konnte ich nur abgefrorene Sträucher erblicken. An einem warmen Sommertag hätte ich mich wohl in ihrem Gestrüpp und Gewirr aus Ästen und Blättern gut verstecken können, in ihrem jetzigen Zustand boten sie mir hingegen keinerlei Zuflucht. Furcht ergriff mich und ich konnte nicht mehr atmen. Schweiß rann in meine Augen, aber auf einmal konnte ich vor mir Lichter erkennen. Ein Jahrmarkt! Die bunt blinkende Willkommensreklame strahlte mir entgegen, aber ich war noch zu weit entfernt, um irgendeinen Lärm zu hören. Oder wurde er lediglich von dem Dröhnen in meinen Ohren übertönt? Dahinter nahm ich die Anfänge einer weit auslaufenden Stadt wahr. Verzweifelt versuchte ich, weiterzulaufen. Nur den Hang hinab und querfeldein durch den Wald. Hätte ich den Rummel erst einmal erreicht, wäre ich sicher. Die Jäger würden mich nicht vor den Augen hunderter Menschen überfallen und gegen meinen Willen fortzerren. Schließlich mussten sie, mehr als alles andere, unentdeckt bleiben. Könnte ich es durch den Wald schaffen, wäre es für mich ein Leichtes, einen Spiegel zum Springen zu finden. Spätestens wohl im Spiegelkabinett, welches es an einem Ort wie diesen auf jeden Fall geben musste. Dann würden sie mich nicht weiterverfolgen können. Dann wäre ich in Sicherheit.
Ich war bereits den halben Hang hinabgelaufen, da löste sich ein Stein unter meinem Schuh und ich stürzte in die Tiefe. Ich spürte, wie Zweige unter mir brachen und die scharfen Kanten der Felsen schmerzhaft über meine Haut schnitten. Ich wollte schreien, aber der Sturz presste mir jegliche Luft aus den Lungen. Verzweifelt versuchte ich, mich mit meinen Händen abzubremsen, doch es war aussichtslos! Schließlich verfing ich mich in einem abgestorbenen Dornengestrüpp, das mich vor einem Baum abfing und mir so das Leben rettete. Kurz wurde mir schwarz vor Augen und ich konnte meinen linken Arm nicht mehr spüren. Dennoch zwang ich mich aufzustehen. Meine Beine schmerzten bei jedem Schritt und ich musste all meine Willenskraft aufwenden, um nicht umzuknicken. Ich konnte nicht aufgeben, nicht jetzt. Ich musste nur mehr ein klein wenig länger durchhalten. Ich würde es schaffen. Ich musste es schaffen. So schnell ich nur konnte, lief ich durch den Wald. Durch das spärliche Mondlicht schaffte ich es immer wieder, wie durch ein Wunder, den Bäumen vor mir auszuweichen. Das Dröhnen in meinen Ohren wurde immer lauter. Mein Kopf schien platzen zu wollen und meine Lunge schmerzte beim Atmen. Ich strauchelte, konnte mich aber abfangen und lief weiter. Meine Verfolger konnte ich nach wie vor in meiner unmittelbaren Nähe spüren. Verzweifelt versuchte ich die Lichter des Rummelplatzes zwischen den Ästen der Bäume auszumachen. Ich lief in die richtige Richtung, aber wie weit war es noch bis zu meiner sicheren Zufluchtsstätte? Wie gerne hätte ich einfach aufgegeben. Mich zu Boden sinken lassen, zusammengerollt und schlafen gelegt.
Endlich erspähte ich den bunten Lichtschimmer wieder. Er war ganz nahe, ich hatte es fast geschafft!
„Elies!“, schrie jemand hinter mir. Ich erkannte die Stimme auf Anhieb. Dean. Mein Mentor, der nie an mich geglaubt hatte, es immer für einen Fehler gehalten hatte, dass die Spiegelwanderer mich zu einer der ihren gemacht hatten. Er hielt mich für zu schwach, zu leicht ablenkbar und zu nachgiebig. Was für eine Genugtuung wäre es für ihn, wenn genau er es wäre, der mich dem Ältestenrat ausliefern könnte. Aber was für eine Genugtuung wäre es für mich, wenn ich es tatsächlich bewerkstelligen würde, ihm zu entkommen! Dieser Gedanke gab mir neue Kraft und ich schaffte es tatsächlich, noch schneller zu laufen. Ich war nicht schwach und das würde Dean heute auch erkennen, wenn ich ihm erst einmal entwischt war.
Die Lichter wurden immer heller und langsam drang sogar der Lärm des Rummelplatzes bis zu mir durch. Die kalte Luft war erfüllt von dem Lachen kleiner Kinder, dem Kreischen aus der Achterbahn, der Zufriedenheit alter Leute und dem schüchternen Lächeln Frischverliebter. Wie durch ein Wunder hatte ich den Waldrand erreicht. Nur mehr wenige Meter auf freiem Feld trennten mich von dem bunten Gewusel, das mir Sicherheit bieten würde. Ich spürte die Jäger knapp hinter mir. Deans Zorn schlug mir in Wellen nach, sodass ich kurz strauchelte. Ohne langsamer zu werden, rannte ich an der Kassa vorbei und sprang über die Absperrung, an der die Tickets kontrolliert wurden, hinweg. Das wütende Geschrei des Ticketkontrolleurs nahm ich nur am Rande wahr und tauchte augenblicklich in der Menschenmenge unter. Natürlich fiel ich sofort auf. Mein Gesicht und meine Hände waren blutig geschürft. Waren alle Besucher an einem derart kalten Tag mit dicken Jacken oder zumindest Pullovern und warmen Stiefeln ausgestattet, hatte ich lediglich eine dünne Weste über meiner Bluse an, die meine Narben verdecken sollte. Ich war verdreckt, kleine Zweige hingen in meinen verfilzten Haaren und ich musste entsetzlich nach Schweiß und nasser Erde stinken. Viele wichen mir angewidert aus, andere stieß ich achtlos zur Seite. Ich sah mich panisch nach einem Spiegel um. Einer gut reflektierenden Fläche. Irgendetwas, das mir einen Sprung ermöglichen würde. Jemand stieß mit Zuckerwatte gegen mich, ein alter Mann fluchte und eine junge Mutter zog ängstlich ihr Kind aus dem Weg. Ich lief weiter. Drückte mich durch die Masse an Menschen. Die Jäger verfolgten mich weiterhin. Sie hatten sich jetzt aufgeteilt, um so einen größeren Bereich abzudecken. Ich drehte mich im Kreis, suchte nach einem Schlupfloch. Ich konnte doch nicht so weit gekommen sein, nur um jetzt ergriffen zu werden! Endlich erblickte ich das, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte: Macy’s miracle mirrors. Ein Spiegelkabinett. Die Ticketverkäuferin schrie empört in ihrem kleinen Ticketkämmerchen auf und kreischte nach dem Sicherheitsdienst, als ich einfach hineinlief. Ich stieß die Leute, die mir den Weg durch den engen Korridor versperrten, achtlos zur Seite. Nur aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie schmerzhaft zu Boden gingen. Ich folgte dem Gang, lief um eine Ecke. Dann um eine weitere. Endlich kamen die ersten Spiegel in Sicht. Ich war gerettet! Durch das Wissen meinem Ziel so nahe zu sein, setzte ich zu einem finalen Sprint an. Ich hörte einige Besucher ängstlich aufschreien, aber ich nahm von ihnen nicht weiter Notiz. Ich lief direkt auf einen großen Spiegel zu und zögerte nicht, als ich mich selbst in der Spiegelung erblickte. Wurde nicht langsamer, indessen ich meinem Spiegelbild immer näherkam. Ich stieß mich vom Boden ab und schloss die Augen, dachte an mein Ziel und sprang durch den Spiegel.

Auf der anderen Seite rollte ich mich gekonnt vom Boden ab und blieb fürs Erste sitzen. Plötzlich überkam mich eine schreckliche Müdigkeit. Ich ließ mich nach hinten gleiten und blieb erschöpft liegen. Ich war zu dem Ort gesprungen, an dem alles begonnen hatte. Der Boden unter mir und die Wände um mich herum waren schwarz verkohlt. Das Dach war geziert von vereinzelten Löchern. Manche nur faustgroß, andere so riesig, dass ein ganzes Klavier durchgepasst hätte. Der Vollmond schimmerte mir durch eines der Löcher freundlich entgegen. Wie einen alten Freund schien er mich zu begrüßen, als wäre er glücklich darüber, dass ich entkommen war. Stöhnend setzte ich mich auf. Es war zu kalt, um in der Ruine des abgebrannten Hauses, das einst mein Zuhause gewesen war, zu übernachten. Ruß hing an mir und meiner zerrissenen Kleidung. Mir war schwindelig und mein Kopf schmerzte, doch langsam konnte ich wieder frei atmen. Keuchend zog ich mich an dem Rahmen des Spiegels hoch. Er hatte als einziger den Brand unbeschadet überstanden. Nichts aus meiner Vergangenheit oder einstigen Heimat war mir sonst geblieben. Alles war vernichtet worden. Doch wenn ich an Zuhause dachte, dachte ich stets an diesen Spiegel. Kurz betrachtete ich mich in ihm. Ich sah schrecklich aus, angewidert senkte ich meinen Blick. Wie ich es gelernt hatte, schloss ich die Augen, legte meine Hand auf die Spiegelfläche und ließ mich von ihm leiten. Ich sah einen großen Ballsaal, dessen Decke eine einzige riesige Spiegelfläche war, voller tanzender Gäste; einen Ballettsaal, dessen eine Längsseite auch einen einzigen Spiegel bildete und das Innere eines Kleidungsgeschäftes. Das war alles nicht das, wonach ich suchte. Hotelzimmer. Nein, zu öffentlich. Da! Ein leeres Haus! Die Familie, die es bewohnte, musste auf Urlaub sein. Alle Fensterläden waren geschlossen, aber ein kleiner Berg voller Post, größtenteils nur Werbereklame, häufte sich auf dem Esstisch der geräumigen Küche und zeigte, dass doch hin und wieder jemand vorbeikommen musste, um nach dem Rechten zu sehen. Ich öffnete meine Augen und blickte direkt in eines der Schlafzimmer. Ich nahm meine Hand von dem Spiegel, sie hinterließ einen blutigen Abdruck auf der Oberfläche. Ohne zu zögern, schritt ich durch.

Ich trat in das Schlafzimmer, dessen Reflexion ich zuvor bereits gesehen hatte. Hinter mir war ein riesiger Schrank mit Spiegeln angebracht. Hier konnte ich fürs Erste untertauchen; neue Kraft sammeln und meine Wunden versorgen. Ich musste die Ruhe genießen, denn schon bald würde die Verfolgung weitergehen. Die anderen Spiegelwanderer würden ihre Jagd auf mich niemals aufgeben.


Kapitel 1 - Elies

Alles begann mit dem schrecklichsten Tag ihres Lebens. Es war weit nach Mitternacht, als die Feuerwehr und die Rettungswagen mit kreischenden Sirenen vor ihrem Haus hielten. Das Quietschen der abbremsenden Reifen erfüllte die kalte Nachtluft. Elies’ zerschundener Körper lag auf der Auffahrt, die Druckwelle des explodierenden Fensters hatte sie einige Meter nach hinten geschleudert. Die Sanitäter fanden sie mehr tot als lebendig. Elies konnte ihre Augen nicht öffnen, egal, wie sehr sie sich anstrengte. Aber sie nahm die Stimmen und Geräusche um sich herum wahr. Sie hörte die Menschen, spürte jedoch nichts. Alles schien wie in Watte gepackt.
Fühlt sich so Sterben an?
Eisiger Wind blies ihr ins Gesicht, gleichzeitig war ihr entsetzlich heiß wegen des brennenden Gebäudes in ihrer unmittelbaren Nähe. Übelkeit überkam sie, aber in diesem Moment war sich Elies sicher, dass heute nicht der Tag war, an dem sie sterben würde. Zu viel Kraft war in ihrem Körper verblieben, der sie krampfhaft versuchte, am Leben zu halten. Sie wurde auf eine Trage gehoben und mit einem Rettungswagen in das nächste Krankenhaus gebracht. Die Sirenen hallten viel zu laut in ihren Ohren nach. Ihre Augen konnte sie noch immer nicht öffnen, aber sie nahm das helle Licht um sie herum wahr. Die Sanitäter sprachen zu ihr, aber Elies konnte die Worte nicht verstehen. Etwas Spitzes fraß sich in ihren Arm. Langsam wurde alles dunkel. Kurz keimte Panik in ihr auf, aber schon bald spürte sie nichts mehr.

Als Elies wieder zu sich kam, konnte sie sich an nichts erinnern. Ihr gesamter Körper schmerzte, die Kopfschmerzen waren jedoch am schlimmsten. Sie musste einige Male blinzeln und nur langsam wurde ihre Sicht wieder deutlich. Ein weißer Raum. Sehr steril gehalten. Jemand hustete, sie war hier nicht alleine. Erst nach einigen Minuten konnte sie wieder klar denken und erkannte, dass sie in einem Krankenhauszimmer lag, zusammen mit fünf weiteren Patienten. Insgesamt waren es sechs Betten. Ob alle belegt waren, konnte sie nicht sagen.
Elies versuchte sich zu bewegen, aber ihr Körper wollte einfach nicht gehorchen. Nur mühsam schaffte sie es, den Kopf zur Seite zu drehen. Auf dem kleinen Nachttischchen neben ihr stand eine Schnabeltasse mit Flüssigkeit. Als Elies versuchte danach zu greifen, überkam sie ein Schwindelanfall und sie musste für einige Momente ihre Augen schließen. Als sie sie wieder öffnete, erkannte sie einen Krankenpfleger, der mit gelangweilter Miene ihre Vitalfunktionen inspizierte. Er roch nach Desinfektionsmittel und Zigarettenrauch. Übelkeit breitete sich in Elies aus und die Bilder vor ihren Augen verschwammen langsam, bis sie in einen traumlosen Schlaf glitt.

Als Elies das nächste Mal zu sich kam, war es tiefe Nacht. Dicke Regentropfen klopften gegen die großen Fenster des Krankenhauses. Das Zimmer war von leisem Schnarchen erfüllt. Hin und wieder hustete jemand. Aber Elies fühlte sich besser. Ihr gesamter Körper schmerzte immer noch, besonders ihr Kopf, dessen unnachgiebiges Pochen sie beinahe um den Verstand brachte. Aber immerhin konnte sie sich endlich aufsetzen. Sofort griff sie nach der Schnabeltasse und trank diese in einem Zug aus. Der ungesüßte Früchtetee schmeckte bitter auf ihrer Zunge und trotzdem hätte sie gerne noch mehr davon gehabt. Auf dem Tischchen neben ihr standen zwei kleine Blumensträuße in Plastikvasen und ein kleiner brauner Teddy, der ein Herz mit der Aufschrift Get well soon in den Armen hielt.

Das war die Umgebung, in der Elies die nächsten zwei Wochen verbringen sollte. Hin und wieder besuchten sie Arbeitskollegen, was den ganzen Aufenthalt einigermaßen erträglich machte. Natürlich kam auch Elies’ Mutter vorbei, die wie immer ihr kleines Tablet bei sich trug. Da Elies’ gesamter Besitz im Feuer vernichtet worden war, wollte sie sofort online nach neuen Kleidungsstücken, Schuhen und was ihre Tochter sonst noch brauchen könnte, suchen. Ebenso regelte sie alles mit der Versicherung. Elies war unsagbar dankbar dafür, sie selbst hätte nicht einmal gewusst, wo sie anfangen sollte.
Jeden Tag kam der gleiche Arzt zu ihr; erkundigte sich nach ihrem Zustand und erzählte ihr für fünf Minuten von Gott und der Welt. Wenn er lachte, bewegte sich sein dicker Bauch so schnell auf und ab, dass es aussah, als würden die Knöpfe des weißen Kittels, den er trug, jeden Moment aufplatzen. Immer, wenn er ihre Wunden betrachtete, versicherte ihr Doktor Dickbauch (sie hatte sich erst gar nicht die Mühe gemacht, sich seinen Namen zu merken), was für ein Glück sie gehabt hatte, überhaupt noch am Leben zu sein. Sie hatte an beiden Unterarmen, dem Bauch und den Beinen starke Verbrennungen. Der Arzt mutmaßte, dass sie ihre Arme wohl zum Schutz emporgerissen haben musste, als es zur Explosion gekommen war. Die Narben würden nie ganz weggehen.
Elies hörte dem Arzt zu, wenn er mit ihr sprach, ließ sich von den Erzählungen ihrer Arbeitskollegen berieseln, wenn sie sie besuchten und auch denen ihrer Eltern, gab aber immer nur einsilbige Antworten. Zu mehr sah sie sich nicht imstande. Tagsüber starrte sie die weiße Decke über sich an. Für andere mochte es vielleicht so aussehen, als würde sie angestrengt nachdenken, doch Elies blickte lediglich dem Weiß entgegen. Manchmal stellte sie sich schlafend, wenn Besuch kam, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Sie aß wenig, meist nur den Schokoladenpudding, den es immer als Dessert zum Abendessen gab. Nachts konnte sie nicht schlafen, starrte in die Dunkelheit hinein und lauschte dem Schnarchen, Seufzen und Husten der anderen Patienten. Als sie zum ersten Mal in dem sterilen Zimmer aufgewacht war, hatte sie sich an nichts erinnern können und hatte der Krankenschwester nur lose zugehört, als diese von einem Brand gesprochen hatte. Elies hatte es nicht verarbeiten können, hatte es nicht verstanden. Zu Beginn hatte sie sich gefragt, wo Matt war. Doch jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, überkam sie ein fürchterlicher Schmerz, der sie nicht mehr atmen ließ. Es war kein Schmerz, der von ihren Verletzungen herrührte. Diese Qualen waren tief in ihrer Brust verankert, an ihr Herz gekettet. Als Elies in diesem Moment an Matt dachte, war es, als würde etwas tief in ihr zerspringen. Als wäre ihr Herz zerbrochen. Für einen Moment war sie orientierungslos und Panik keimte in ihr auf. Dann fiel ihr alles wieder haargenau ein. Sie wusste, was geschehen war und dieses Wissen nahm ihr den Atem.

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