Drei Brüder – Himmelfahrt
Bayernkrimi Band 3
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 376
ISBN: 978-3-7116-0759-1
Erscheinungsdatum: 02.07.2025
Ricks Nachbar Lührs ist seit über zwei Jahren verschwunden. Die Suche nach ihm wird durch Geheimdienste aus Russland, Israel und China, die in Ricks Umfeld auftauchen, erschwert. Und plötzlich verschwindet auch Rick auf mysteriöse Weise.
Glauben Sie, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als uns fantasielose Wissenschaftler glauben machen wollen?
Ja - Lesen Sie dieses Buch … Sie sind nicht allein.
Nein - Lesen Sie dieses Buch … und fragen Sie sich nochmal.
Im Übrigen kann es überall passieren. München mit seinem Alpenvorland ist da keine Ausnahme. In Bayern macht es nur mehr Spaß.
Die drei Brüder
Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atomphysiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.
Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic und raucht Joints. Beruflich ist er selbstständig und programmiert Algorithmen. Unklar ist, warum er im linken Auge eine Bionic-Linse hat. Unter den Brüdern wird darüber nicht gesprochen.
Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik versteht und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.
Weiters …
Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.
Das Ermittlerteam
Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.
Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team, aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße, kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.
Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca häufiger eskalieren.
Weiters …
Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Konstruktives hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.
Vorwort
Rosenheim, 50 km südlich von München. Vor 200 Jahren eine Arme-Seelen-Siedlung, die im 18. Jahrhundert als Pferde-Umspannstation der Innschifffahrt bekannt wurde, im 19. Jahrhundert als Umspann-Rotunde für Lokomotiven, im 20. Jahrhundert als Umschlagplatz für Haschisch und Koks, 1987 durch den Percy-Adlon-Film Out of Rosenheim, aber so richtig berühmt erst durch meinen Nachbarn Sigi.
Nachkriegszeit, nichts für Weicheier: Zum Geburtstag bekam Sigi beneidenswerte 2,50 Mark, die er in einen mickrigen Zauberkasten investierte und daraufhin als Unterhalter auf Kindergeburtstagen auftrat. Sigi ließ bunte Karten und Schaumgummibälle verschwinden und wurde jetzt mit 2,50 Mark, Kuchen und Himbeerbrause entlohnt. Als er 16 Jahre alt war, verließ Sigi die Arme-Seelen-Siedlung und wechselte an den Gardasee. Als mago biondo bekam er jetzt lecker Spaghetti, Vino und 25 Mark pro Auftritt. Drei Jahre später heuerte Sigi als Steward auf einem Schiff an. Zeitgleich machte dies auch ein junger Revoluzzer aus Norddeutschland, der einen zahmen Gepard hatte. Sie bekamen einen Part in der Abendrevue und ließen den armen Gepard verschwinden. Das Ereignis war begleitet von Lichtblitz mit Rauchwolke und lautem Ohhhh des Publikums. Der Gepard war weg, sein muffiger Geruch nicht. Dafür bekam Sigi jetzt noch mehr lecker Essen und Trinken sowie 250 Mark pro Auftritt.
Eines Abends ließ er den weißen Tiger eines indischen Maharadschas verschwinden. Eine spektakuläre Show. Noch nie dagewesen. Dafür bekam er ein 3-Gänge-Menü, Schampus und 25.000 Mark pro Monat, … kurz darauf den begehrten Magic Circle Award und ein 25-Millionen-Dollar-Dauer-Engagement in Las Vegas. Sigi konnte jetzt zweimal pro Tag warm essen. Er wurde der Größte Illusionist aller Zeiten genannt. Dabei hätte er seine Arbeitsanweisung auf einen Fetzen Papier schreiben können: Der Mensch sieht, was er glaubt. Und wenn er glaubt, dass es weg ist, dann sieht er halt nichts. Nur, was ist nichts? Es ist die bedeutendste Frage der Existenzphilosophie. Der bayerische Philosoph und Vordenker Karl Valentin hatte dafür eine einfache Antwort: Eine Flasch’n Obstler für zwei Leute … das ist nichts.
Wenn etwas verschwindet, ist es dann
- nicht mehr sichtbar, aber noch hier, wie Sigis Tiger?
- nicht mehr hier, aber woanders, wie Kirk im Beamer?
- nicht mehr existent, aber nur in diesem Universum?
Zu Letzterem haben mutige Kosmologen längst mehr als nur eine Vermutung. Einer von ihnen sitzt im Sicherheitstrakt der Strafvollzugsanstalt Stadelheim in München, Dr. Philip Noser. Der bei seiner Verurteilung angeforderte medizinische Bericht war ohne Befund, … nicht so das psychiatrische Gutachten: Morbus Bahlsen. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters »Was heißt das?«, meinte der Psychiater: »Er hat einen an der Waffel.«
Übrigens ist vor gut zweitausend Jahren Jesus Christus verschwunden. Er ist ohne CO2-Abdruck und fremde Hilfe in den Himmel gefahren. Das glauben Millionen von Menschen und feiern jedes Jahr die Himmelfahrt, … ein hoher Feiertag, auch für die Menschen, die das nicht glauben. Selbst diese verschwinden morgens mit anderen Ungläubigen, kommen aber spätabends bestens gelaunt wieder zurück.
Freitag, 01.08.2008
12h 15 Nowosibirsk
»Kogda vremya, Mikhael?« übersetzt »Wann ist es soweit, Michael?«
Wladimir und Mikhael löffeln eine russische Borschtsch-Suppe. Beide haben ihre Köpfe knapp zehn Zentimeter über ihrem Suppentopf positioniert. Die Schlagzahl kann so auf drei Löffel in fünf Sekunden erhöht werden. Während der spärlich geführten Unterhaltung sind ihre Augen auf die Borschtsch-Suppe fokussiert. Sie ignorieren auch das gepflegte Umfeld des Edel-Restaurants Baranzhar inmitten der sibirischen Stadt Nowosibirsk, nahe dem Fluss Inya, der Tausende Kilometer weiter ins Nördliche Eismeer mündet. Allen Bemühungen zum Trotz ist es eine trostlose Gegend geblieben, umgeben von grenzenloser Taiga und Tundra. Der Blick in die Ferne erfriert und findet nichts Versöhnliches, ähnlich der Ecru-Grundierung eines Landschaftsbildes, dessen Maler aus Motivlosigkeit vorzeitig den Pinsel abgegeben hat. Aber, Nowosibirsk ist eine wichtige Station der Transsibirischen Eisenbahn und der Turkestan-Sibirien-Bahn. Der Hauptbahnhof Nowosibirsk-Glavny hat viele Verbindungen nach Westen, Richtung Moskau und nach Südwesten, Richtung Arabien, Persien und in die Türkei. Von dort gehen Verbindungen zu den europäischen Ländern, auch nach Deutschland über den Balkan und Österreich. Die Verbindung Salzburg-München mit Halt in Rosenheim ist eine Schlüsselstrecke. Man muss heute keine Lokomotiven mehr tauschen, aber in Rosenheim befindet sich das Hauptzollamt, Importkontrolle.
Aktuell ist es angenehm warm mit 22 Grad, an diesem ersten Tag im August 2008. Wärmer wird es im Sommer nur selten. Kälter schon eher, vor allem im Winter mit bis zu minus 40 Grad Celsius und darunter. Will man den arktischen Temperaturen etwas Positives abgewinnen, dann, dass niemand an den Gartenzaun pinkelt. Zur Auflockerung kann man sich mit Experimentalphysik vergnügen und kochendes Wasser in die Luft schleudern, um es schlagartig in Eispulver zu verwandeln. Gut, das macht man zweimal pro Tag, ganz nett, aber was dann? Antwort: nicht viel. Das Meer ist Tausende von Kilometern weg, Berge komplette Fehlanzeige. Zugegeben, Tierfreunde haben Gelegenheit, Bären, Füchsen und Vögeln aufzulauern, und zwar im Naturkundemuseum. Dort kann man in Ruhe ausgestopfte Tiere beobachten und nebenbei einen kleinen 0,5-Liter-Becher Wodka2Go schlürfen. Im Nebenraum erfreuen Bilder von Sternen und Galaxien das Herz und das Modell eines Schwarzen Lochs. Wie gesagt, nur ein Modell, sonst wäre der Wodka ratzfatz weggesaugt.
Vermutlich muss man in Nowosibirsk geboren werden und dort aufwachsen, um freiwillig hier leben zu wollen. So, wie das Topmodel Sofia Steinberg oder Wladimir und Mikhael. Beide sind ungehobelte Kerle im Alter von 25 und 29 Jahren und verdienen ihr Geld als Todessöldner. Ihre spezifischen Fähigkeiten sind in einem geheimen Register gelistet, auf das die dunklen Mächte mehrerer Geheimdienste Zugriff haben. Wladimir und Mikhael kennen sich von vielen gemeinsamen Einsätzen. Den letzten in Omsk vor gut zwei Monaten haben sie wie immer kaltschnäuzig abgewickelt. Dazu gehört auch, dass sie keine Spuren hinterlassen, außer verleumderische, wie in Omsk. Aber mehr aus galaktischen Gründen gönnen sie sich heute vom fürstlichen Lohn ein Mittagessen in Nowosibirsk.
»V tri chasa!« übersetzt »Um drei Uhr!«
Mikhael unterbricht kurz sein Löffelstakkato und antwortet auf Wladimirs Frage. Dann sind beide fertig mit dem Borschtsch, vermutlich in Rekordzeit, wie man den entsetzten Augen des Obers Sergej Popov entnehmen könnte. Sie wischen sich den Mund am Hemdsärmel ab und schieben die Suppentöpfe in die Mitte des geschmackvoll dekorierten Tisches. Restaurantbesitzer Nikita Borsov ist froh, dass heute Freitag ist und nicht Samstag oder Sonntag. Dann wäre sein Baranzhar mit vielen Stammgästen besetzt und die beiden Rabauken könnten zu einem ernsten Problem werden. Sorgenvoll beobachtet er die beiden seit mehreren Minuten durch ein Bullauge der Küche. Nikita ahnt, dass sie zu den Organisationen gehören, zu denen man tunlichst Abstand hält, nichts hinterfragt und so tut, als ob alles normal wäre. Sein Personal hat er schon angewiesen, nachher alle Tische mit einem Schild Zarezervirovana übersetzt Reserviert vor weiteren ungebetenen Gästen zu sichern. Seine Hoffnung, dass beide bald fertig sein werden, mit Fressen und Saufen, erfüllt sich nicht. Laut Mikhael haben sie noch Zeit bis drei Uhr, also noch fast zwei Stunden. Sergej Popov lässt die Suppentöpfe abservieren und wartet formvollendet am Tisch auf die weitere Bestellung. Zweimal Plov, eine Flasche Wodka kritzelt er in seinen Block und verschwindet in die Küche, nicht ohne Sofia, die mit ihrem Manager zu Gast ist und zwei Tische weitersitzt, einen verzweifelten Blick zuzuwerfen. Sofia schmunzelt nur. Man kann nicht sagen, dass die beiden nichts von gutem Essen verstehen. Plov, oder auch Pilaf genannt, hat es sogar auf die UNESCO-Liste der Weltkulturerben geschafft. Dabei ist es ein simpler Eintopf aus Lamm- und Rindfleisch, welcher eine Stunde lang weichgekocht wird, bevor die ›Kacy‹, eine lokale Wurst, hinzukommt. Plov kann man also genauso schnell mit dem Löffel wegputzen wie Borschtsch, vorausgesetzt, man ist ein russischer Prolet, so wie Wladimir oder Mikhael. Danach fressen sie noch Shaslyk und Piroschki, frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffelpüree und gedämpftem Kohl. Dazu noch etwas Wodka. Wladimir sieht auf die Uhr, rülpst und winkt dem Ober mit rüder Geste.
***
9h 30 München
Die Tasse Espresso mit Schaumkrone und der Blick über die Dächer von München erwärmen sein Herz. Rick ist soeben aufgestanden und räkelt sich vor dem Panoramafenster seines Lofts im Münchner Stadtteil Lehel.
Der heutige Freitag erzeugt Vorfreude auf das bevor-stehende Ereignis und auf das Wochenende. Rick ist aufgeregt, weil Samantha, seine Freundin und Nachbarin, in einer halben Stunde hochkommen will. Sein übergroßer LCD-Bildschirm sollte, so Petrus will, betörende Bilder liefern.
Die Vorfreude auf ein anderes Ereignis, die Eröffnung Olympia 2008 in Peking nächste Woche, ist gedämpft. Das Thema Menschenrechte liegt wie sozialer Smog über den Wettkampfstätten. Überdies lähmen verstörende Meldungen das Interesse an dieser Veranstaltung. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sollen Extremisten ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben. Ohne viel Federlesens wurden in Xinjiang viele Uiguren erschossen. Man fand zwar kein chemisches Sprengmaterial, aber sozialen Sprengstoff in Form gefährlichen Gedankenguts. Wen wundert’s, dass die Begeisterung für Beijing 2008 nicht so richtig in Schwung kommen will. Auch Rick spürt nicht die Euphorie auf den größten Wettkampf der Welt, die Besten zu finden und in den olympischen Adelsstand zu heben. Vor vier Jahren in Athen war das anders.
***
15h 00 Nowosibirsk
Im Juni haben Wladimir und Mikhael in Omsk einen gut bezahlten Auftrag einer israelischen Untergrundorganisation erledigt. Vom fürstlichen Sold und aus gegebenem Anlass haben sie sich heute ein angemessenes Sternemenü im Baranzhar gegönnt.
Jetzt haben sie das Restaurant verlassen und sich auf den Leninplatz begeben. Nach alt-kommunistischer Manier stehen dort stimmungsdämpfende Betonstatuen: Wladimir Iljitsch Lenin, umrahmt von drei wild entschlossenen Soldaten. Da hilft es auch nicht, dass sich hier die Staatliche Oper und das Ballett befinden.
Der Leninplatz ist jetzt mit Hunderten von Menschen gut gefüllt. Sie sehen nach oben, in den Himmel, und hoffen, dass sich die letzten Wolken noch verziehen werden. Sie haben Glück, die Menschen auf dem Leninplatz. Der Himmel hat sich aufgeklart. Die Einwohner von Nowosibirsk können jetzt den Mond erkennen, der im oberen Eck der Sonne in die Szene eintritt. Jetzt trifft die Schwarze Sonne, die Eklipse, auf die Nordwestküste Sibiriens. Kurz vorher berührte sie Nowaja Semlja, eine Doppelinsel im Nordpolarmeer, die schon einmal einen schwarzen Tag erlebt hat, am 30. 10. 1961, als die Russen die größte Wasserstoffbombe aller Zeiten zündeten.
Der Kernschatten des Mondes rast jetzt mit Schall-geschwindigkeit auf Nowosibirsk zu. Noch pfeifen die Spatzen am Leninplatz. Es ist hell, angenehme 22 Grad warm.
***
...
Ja - Lesen Sie dieses Buch … Sie sind nicht allein.
Nein - Lesen Sie dieses Buch … und fragen Sie sich nochmal.
Im Übrigen kann es überall passieren. München mit seinem Alpenvorland ist da keine Ausnahme. In Bayern macht es nur mehr Spaß.
Die drei Brüder
Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atomphysiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.
Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic und raucht Joints. Beruflich ist er selbstständig und programmiert Algorithmen. Unklar ist, warum er im linken Auge eine Bionic-Linse hat. Unter den Brüdern wird darüber nicht gesprochen.
Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik versteht und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.
Weiters …
Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.
Das Ermittlerteam
Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.
Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team, aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße, kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.
Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca häufiger eskalieren.
Weiters …
Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Konstruktives hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.
Vorwort
Rosenheim, 50 km südlich von München. Vor 200 Jahren eine Arme-Seelen-Siedlung, die im 18. Jahrhundert als Pferde-Umspannstation der Innschifffahrt bekannt wurde, im 19. Jahrhundert als Umspann-Rotunde für Lokomotiven, im 20. Jahrhundert als Umschlagplatz für Haschisch und Koks, 1987 durch den Percy-Adlon-Film Out of Rosenheim, aber so richtig berühmt erst durch meinen Nachbarn Sigi.
Nachkriegszeit, nichts für Weicheier: Zum Geburtstag bekam Sigi beneidenswerte 2,50 Mark, die er in einen mickrigen Zauberkasten investierte und daraufhin als Unterhalter auf Kindergeburtstagen auftrat. Sigi ließ bunte Karten und Schaumgummibälle verschwinden und wurde jetzt mit 2,50 Mark, Kuchen und Himbeerbrause entlohnt. Als er 16 Jahre alt war, verließ Sigi die Arme-Seelen-Siedlung und wechselte an den Gardasee. Als mago biondo bekam er jetzt lecker Spaghetti, Vino und 25 Mark pro Auftritt. Drei Jahre später heuerte Sigi als Steward auf einem Schiff an. Zeitgleich machte dies auch ein junger Revoluzzer aus Norddeutschland, der einen zahmen Gepard hatte. Sie bekamen einen Part in der Abendrevue und ließen den armen Gepard verschwinden. Das Ereignis war begleitet von Lichtblitz mit Rauchwolke und lautem Ohhhh des Publikums. Der Gepard war weg, sein muffiger Geruch nicht. Dafür bekam Sigi jetzt noch mehr lecker Essen und Trinken sowie 250 Mark pro Auftritt.
Eines Abends ließ er den weißen Tiger eines indischen Maharadschas verschwinden. Eine spektakuläre Show. Noch nie dagewesen. Dafür bekam er ein 3-Gänge-Menü, Schampus und 25.000 Mark pro Monat, … kurz darauf den begehrten Magic Circle Award und ein 25-Millionen-Dollar-Dauer-Engagement in Las Vegas. Sigi konnte jetzt zweimal pro Tag warm essen. Er wurde der Größte Illusionist aller Zeiten genannt. Dabei hätte er seine Arbeitsanweisung auf einen Fetzen Papier schreiben können: Der Mensch sieht, was er glaubt. Und wenn er glaubt, dass es weg ist, dann sieht er halt nichts. Nur, was ist nichts? Es ist die bedeutendste Frage der Existenzphilosophie. Der bayerische Philosoph und Vordenker Karl Valentin hatte dafür eine einfache Antwort: Eine Flasch’n Obstler für zwei Leute … das ist nichts.
Wenn etwas verschwindet, ist es dann
- nicht mehr sichtbar, aber noch hier, wie Sigis Tiger?
- nicht mehr hier, aber woanders, wie Kirk im Beamer?
- nicht mehr existent, aber nur in diesem Universum?
Zu Letzterem haben mutige Kosmologen längst mehr als nur eine Vermutung. Einer von ihnen sitzt im Sicherheitstrakt der Strafvollzugsanstalt Stadelheim in München, Dr. Philip Noser. Der bei seiner Verurteilung angeforderte medizinische Bericht war ohne Befund, … nicht so das psychiatrische Gutachten: Morbus Bahlsen. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters »Was heißt das?«, meinte der Psychiater: »Er hat einen an der Waffel.«
Übrigens ist vor gut zweitausend Jahren Jesus Christus verschwunden. Er ist ohne CO2-Abdruck und fremde Hilfe in den Himmel gefahren. Das glauben Millionen von Menschen und feiern jedes Jahr die Himmelfahrt, … ein hoher Feiertag, auch für die Menschen, die das nicht glauben. Selbst diese verschwinden morgens mit anderen Ungläubigen, kommen aber spätabends bestens gelaunt wieder zurück.
Freitag, 01.08.2008
12h 15 Nowosibirsk
»Kogda vremya, Mikhael?« übersetzt »Wann ist es soweit, Michael?«
Wladimir und Mikhael löffeln eine russische Borschtsch-Suppe. Beide haben ihre Köpfe knapp zehn Zentimeter über ihrem Suppentopf positioniert. Die Schlagzahl kann so auf drei Löffel in fünf Sekunden erhöht werden. Während der spärlich geführten Unterhaltung sind ihre Augen auf die Borschtsch-Suppe fokussiert. Sie ignorieren auch das gepflegte Umfeld des Edel-Restaurants Baranzhar inmitten der sibirischen Stadt Nowosibirsk, nahe dem Fluss Inya, der Tausende Kilometer weiter ins Nördliche Eismeer mündet. Allen Bemühungen zum Trotz ist es eine trostlose Gegend geblieben, umgeben von grenzenloser Taiga und Tundra. Der Blick in die Ferne erfriert und findet nichts Versöhnliches, ähnlich der Ecru-Grundierung eines Landschaftsbildes, dessen Maler aus Motivlosigkeit vorzeitig den Pinsel abgegeben hat. Aber, Nowosibirsk ist eine wichtige Station der Transsibirischen Eisenbahn und der Turkestan-Sibirien-Bahn. Der Hauptbahnhof Nowosibirsk-Glavny hat viele Verbindungen nach Westen, Richtung Moskau und nach Südwesten, Richtung Arabien, Persien und in die Türkei. Von dort gehen Verbindungen zu den europäischen Ländern, auch nach Deutschland über den Balkan und Österreich. Die Verbindung Salzburg-München mit Halt in Rosenheim ist eine Schlüsselstrecke. Man muss heute keine Lokomotiven mehr tauschen, aber in Rosenheim befindet sich das Hauptzollamt, Importkontrolle.
Aktuell ist es angenehm warm mit 22 Grad, an diesem ersten Tag im August 2008. Wärmer wird es im Sommer nur selten. Kälter schon eher, vor allem im Winter mit bis zu minus 40 Grad Celsius und darunter. Will man den arktischen Temperaturen etwas Positives abgewinnen, dann, dass niemand an den Gartenzaun pinkelt. Zur Auflockerung kann man sich mit Experimentalphysik vergnügen und kochendes Wasser in die Luft schleudern, um es schlagartig in Eispulver zu verwandeln. Gut, das macht man zweimal pro Tag, ganz nett, aber was dann? Antwort: nicht viel. Das Meer ist Tausende von Kilometern weg, Berge komplette Fehlanzeige. Zugegeben, Tierfreunde haben Gelegenheit, Bären, Füchsen und Vögeln aufzulauern, und zwar im Naturkundemuseum. Dort kann man in Ruhe ausgestopfte Tiere beobachten und nebenbei einen kleinen 0,5-Liter-Becher Wodka2Go schlürfen. Im Nebenraum erfreuen Bilder von Sternen und Galaxien das Herz und das Modell eines Schwarzen Lochs. Wie gesagt, nur ein Modell, sonst wäre der Wodka ratzfatz weggesaugt.
Vermutlich muss man in Nowosibirsk geboren werden und dort aufwachsen, um freiwillig hier leben zu wollen. So, wie das Topmodel Sofia Steinberg oder Wladimir und Mikhael. Beide sind ungehobelte Kerle im Alter von 25 und 29 Jahren und verdienen ihr Geld als Todessöldner. Ihre spezifischen Fähigkeiten sind in einem geheimen Register gelistet, auf das die dunklen Mächte mehrerer Geheimdienste Zugriff haben. Wladimir und Mikhael kennen sich von vielen gemeinsamen Einsätzen. Den letzten in Omsk vor gut zwei Monaten haben sie wie immer kaltschnäuzig abgewickelt. Dazu gehört auch, dass sie keine Spuren hinterlassen, außer verleumderische, wie in Omsk. Aber mehr aus galaktischen Gründen gönnen sie sich heute vom fürstlichen Lohn ein Mittagessen in Nowosibirsk.
»V tri chasa!« übersetzt »Um drei Uhr!«
Mikhael unterbricht kurz sein Löffelstakkato und antwortet auf Wladimirs Frage. Dann sind beide fertig mit dem Borschtsch, vermutlich in Rekordzeit, wie man den entsetzten Augen des Obers Sergej Popov entnehmen könnte. Sie wischen sich den Mund am Hemdsärmel ab und schieben die Suppentöpfe in die Mitte des geschmackvoll dekorierten Tisches. Restaurantbesitzer Nikita Borsov ist froh, dass heute Freitag ist und nicht Samstag oder Sonntag. Dann wäre sein Baranzhar mit vielen Stammgästen besetzt und die beiden Rabauken könnten zu einem ernsten Problem werden. Sorgenvoll beobachtet er die beiden seit mehreren Minuten durch ein Bullauge der Küche. Nikita ahnt, dass sie zu den Organisationen gehören, zu denen man tunlichst Abstand hält, nichts hinterfragt und so tut, als ob alles normal wäre. Sein Personal hat er schon angewiesen, nachher alle Tische mit einem Schild Zarezervirovana übersetzt Reserviert vor weiteren ungebetenen Gästen zu sichern. Seine Hoffnung, dass beide bald fertig sein werden, mit Fressen und Saufen, erfüllt sich nicht. Laut Mikhael haben sie noch Zeit bis drei Uhr, also noch fast zwei Stunden. Sergej Popov lässt die Suppentöpfe abservieren und wartet formvollendet am Tisch auf die weitere Bestellung. Zweimal Plov, eine Flasche Wodka kritzelt er in seinen Block und verschwindet in die Küche, nicht ohne Sofia, die mit ihrem Manager zu Gast ist und zwei Tische weitersitzt, einen verzweifelten Blick zuzuwerfen. Sofia schmunzelt nur. Man kann nicht sagen, dass die beiden nichts von gutem Essen verstehen. Plov, oder auch Pilaf genannt, hat es sogar auf die UNESCO-Liste der Weltkulturerben geschafft. Dabei ist es ein simpler Eintopf aus Lamm- und Rindfleisch, welcher eine Stunde lang weichgekocht wird, bevor die ›Kacy‹, eine lokale Wurst, hinzukommt. Plov kann man also genauso schnell mit dem Löffel wegputzen wie Borschtsch, vorausgesetzt, man ist ein russischer Prolet, so wie Wladimir oder Mikhael. Danach fressen sie noch Shaslyk und Piroschki, frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffelpüree und gedämpftem Kohl. Dazu noch etwas Wodka. Wladimir sieht auf die Uhr, rülpst und winkt dem Ober mit rüder Geste.
***
9h 30 München
Die Tasse Espresso mit Schaumkrone und der Blick über die Dächer von München erwärmen sein Herz. Rick ist soeben aufgestanden und räkelt sich vor dem Panoramafenster seines Lofts im Münchner Stadtteil Lehel.
Der heutige Freitag erzeugt Vorfreude auf das bevor-stehende Ereignis und auf das Wochenende. Rick ist aufgeregt, weil Samantha, seine Freundin und Nachbarin, in einer halben Stunde hochkommen will. Sein übergroßer LCD-Bildschirm sollte, so Petrus will, betörende Bilder liefern.
Die Vorfreude auf ein anderes Ereignis, die Eröffnung Olympia 2008 in Peking nächste Woche, ist gedämpft. Das Thema Menschenrechte liegt wie sozialer Smog über den Wettkampfstätten. Überdies lähmen verstörende Meldungen das Interesse an dieser Veranstaltung. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sollen Extremisten ein Sprengstoffattentat vorbereitet haben. Ohne viel Federlesens wurden in Xinjiang viele Uiguren erschossen. Man fand zwar kein chemisches Sprengmaterial, aber sozialen Sprengstoff in Form gefährlichen Gedankenguts. Wen wundert’s, dass die Begeisterung für Beijing 2008 nicht so richtig in Schwung kommen will. Auch Rick spürt nicht die Euphorie auf den größten Wettkampf der Welt, die Besten zu finden und in den olympischen Adelsstand zu heben. Vor vier Jahren in Athen war das anders.
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15h 00 Nowosibirsk
Im Juni haben Wladimir und Mikhael in Omsk einen gut bezahlten Auftrag einer israelischen Untergrundorganisation erledigt. Vom fürstlichen Sold und aus gegebenem Anlass haben sie sich heute ein angemessenes Sternemenü im Baranzhar gegönnt.
Jetzt haben sie das Restaurant verlassen und sich auf den Leninplatz begeben. Nach alt-kommunistischer Manier stehen dort stimmungsdämpfende Betonstatuen: Wladimir Iljitsch Lenin, umrahmt von drei wild entschlossenen Soldaten. Da hilft es auch nicht, dass sich hier die Staatliche Oper und das Ballett befinden.
Der Leninplatz ist jetzt mit Hunderten von Menschen gut gefüllt. Sie sehen nach oben, in den Himmel, und hoffen, dass sich die letzten Wolken noch verziehen werden. Sie haben Glück, die Menschen auf dem Leninplatz. Der Himmel hat sich aufgeklart. Die Einwohner von Nowosibirsk können jetzt den Mond erkennen, der im oberen Eck der Sonne in die Szene eintritt. Jetzt trifft die Schwarze Sonne, die Eklipse, auf die Nordwestküste Sibiriens. Kurz vorher berührte sie Nowaja Semlja, eine Doppelinsel im Nordpolarmeer, die schon einmal einen schwarzen Tag erlebt hat, am 30. 10. 1961, als die Russen die größte Wasserstoffbombe aller Zeiten zündeten.
Der Kernschatten des Mondes rast jetzt mit Schall-geschwindigkeit auf Nowosibirsk zu. Noch pfeifen die Spatzen am Leninplatz. Es ist hell, angenehme 22 Grad warm.
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