Drei Brüder – Eiszeit
Bayernkrimi Band 4
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 396
ISBN: 978-3-7116-0765-2
Erscheinungsdatum: 13.08.2025
Wenn die Forensiker weder Todeszeitpunkt noch Todesursache benennen können, dann ist es auch kein Wunder, wenn Hauptkommissar Piotrowski und sein buntes Soko-Team im Trüben fischen. Ein aberwitziger, schwindelerregender Bayern-Krimi der Sonderklasse ...
Vorwort
Der Centaur zählt zu den antiken Sternbildern des Ptolemäus. Es wurde bekannt durch den Namen seines hellsten Sterns, Alpha Centauri. Er ist ein Doppelsternsystem, Alpha Centauri A und B, und das nächstbenachbarte Sternensystem zu unserer Sonne. Am Himmel leicht zu finden: der dritthellste Stern, falls das einen interessiert.
Interessieren sollte uns aber, dass sich Wissenschaftler vorstellen können, irgendwann Alpha Centauri mit einem Photonenantrieb zu erreichen. Wie gesagt, irgendwann. Andersrum vermuten moderne Kosmologen schon seit einiger Zeit, dass Besucher aus Alpha Centauri unter uns sind. Aber warum dann noch hinfahren?
Und welche Gefahr besteht?
Antwort: kommt darauf an.
Zunächst sind es keine Centauri griechischer Art, die über unsere Mädels herfallen, sondern ganz nette Burschen, sofern sie von Centauri A kommen.
Anders sieht es aus, wenn sie in der anderen Doppelsternhälfte wohnen, Centauri B. Das sollen Typen mit schwierigem Charakter sein, dem Infamen zugeneigt, leicht zu haben für Verbrechen, wenn es sich lohnt. Man soll sie an ihrer faltigen Stirn und am grimmigen Blick erkennen können.
2009
Es ist das Jahr der runden Geburtstage:
Vor 400 Jahren begann die Erforschung des Weltalls,
Galilei und Kepler richteten Teleskope gen Himmel.
Friedrich Schiller feiert seinen 250. Geburtstag,
er ist immer noch allgegenwärtig.
Charles Darwin wäre 200 Jahre alt geworden,
er musste Mutationen Platz machen.
Die Bundesrepublik ist 60 Jahre alt geworden,
am 07.09.1949 startete der 1. Deutsche Bundestag.
Die 50. Rechen-Olympiade endete mit einem Eklat,
der gruselige Gewinner mit der faltigen Stirn erschien nicht zur Preisverleihung.
Vor 20 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer,
Trabbis qualmten westdeutsche Städte zu.
Eigentlich geht das Jahr ganz gut los. Im Januar beginnt die Amtszeit von Barack Obama, und ein beherzter US-Aviator, der einem pfiffigen Seehund ähnlich sieht, landet seinen Airbus unbeschadet auf dem Hudson River.
Und vermutlich nur für eine intellektuelle Minderheit interessant: Der Neptun ist wieder genau dort, wo man ihn vor 713.980 Tagen entdeckt hatte … tja.
Ja, und dann taucht noch eine Schweinegrippe in Mexiko auf. Interessiert aber keine Sau, zumindest keine in Bayern.
In München und Umgebung ist es weitgehend ruhig geblieben. Die SoKo München mit Hauptkommissar Hubert Piotrowski und seinem Team Jens Thorwald und Rebecca Jones hatten unaufgeregte Wochen, keine spektakulären Morde und keine außerirdischen Inzidenzen. So jedenfalls deren allgemeine Einschätzung der Ereignisse.
Allerdings gab es im Umkreis des Tegernsees mehrere Einbruchsdelikte bei Herstellern von Schweißbrennern mit Schutzgastechnik, einem Verfahren für korrosionsbeständige Schweißnähte. Vermutlich, so die Einschätzung von Rebecca, bastelt ein beherzter Bergbauer eine Weltraumrakete nach dem Vorbild von Astronaut Farmer. Ein couragierter Senner würde lediglich dem Aufruf der Weltraumbehörde folgen, demzufolge die Eroberung des Universums nur mit privatem Engagement möglich sei. Auf solch zweckdienliche Hinweise reagiert Hauptkommissar Piotrowski meist mit rollenden Augen und entnervtem Blick in Richtung seines Deputy Jens Thorwald. Dieser kennt dieses harmlose Intermezzo zwischen den beiden zur Genüge. Gleichwohl, Rebecca ist der Farbpunkt in ihrem Team und so erfrischend in ihrer phantasievollen Eingebung bezüglich Motiv und Täter, auch wenn diese oft den Tiefen des Weltraums entstammen. Kurioserweise waren ihre Gedanken in den Mordfällen der letzten Jahre nie ganz falsch. Das hat ihr einen gewissen Spielraum für solche Science-Fiction-Scheiße, wie ihr Chef das bezeichnet, eingebracht. Rebeccas Affinität zu extraterrestrischen Themen entspringt dem Spannungsfeld mit dem Atomphysiker Professor Chris Fox, einem Physik-Realo, und dessen Bruder Rick, einem Joint rauchenden Science-Fiction-Fan. Mit Chris verbindet sie eine eher platonische Liebe, weil sie mehr auf Frauen steht. Rick löst in ihr ambivalente Gefühle aus. Er lebt mit ihrer Freundin Samantha in einer eher lockeren Beziehung, die nicht ihren Wertvorstellungen entspricht.
Niemand am Tegernsee widmete der Einbruchsserie große Aufmerksamkeit. Zugegeben, das war schon weit entfernt von Böser-Buben-Streich, und keiner wusste, wozu und für wen das gut sein sollte. Außerdem ist eine Schweißvorrichtung mit Schutzgasflaschen nicht wertvoll und zudem schwer zu transportieren. Der Hehlerpreis ist praktisch null. Aber bis dato war niemand zu Tode gekommen, also nannte man es bewusst verharmlosend Einbruch. Auf der Gefühls-ebene indes breitete sich eine bedrückende Stimmung aus. Eine bedrohlich empfundene Ungewissheit zog durch die Straßen der Gemeinden rund um den Tegernsee. Irgendwer musste ja etwas Größeres planen, und dass es keine Einrichtung für wohltätige Zwecke werden würde, war auch allen klar. In Bayern hat in solchen Fällen schnell der mit dem Pferdefuß seine haarigen Hände im Spiel. Rückblickend wäre es besser gewesen, diesem bigott verankerten Spürsinn der bayerischen Seele mehr Aufmerksamkeit zu widmen, anstatt, der bayerischen Bierruhe folgend, es bei Einbruch mit Diebstahl zu belassen.
Für mehr Gesprächsstoff sorgte eine zeitgleich auftretende Pferdepest in der Gegend, auch wenn heute das Pferd in Bayern nur noch repräsentative Aufgaben hat. Die meisten stehen auf der Weide rum für Touristen, die Sportlichen rennen im Kreis rum für Wettjunkies, und die Auserwählten ziehen geschmückte Brauereiwagen aufs Oktoberfest. Auf gut Deutsch: Es wurde ernst.
Als das Virus auf einen Bergbauern übersprang, wurde hektisch ein humanverträgliches Vakzin entwickelt. Die drei Brüder Rick, Chris und Rudi Fox haben sich alle impfen lassen, Chris aus purer wissenschaftlicher Solidarität mit seinen Kollegen der medizinischen Fakultät, Rick aus reiner mathematischer Logik der Risikoabwägung und Rudi, weil sich seine Brüder hatten impfen lassen, aber auch, weil er Vorbild für die Teilnehmer seiner Bergtouren sein will. Warum der Bergfex Rudi seine alpinen Ansprüche dieses Jahr einem Downgrade unterworfen hat, blieb lange im Dunkeln. Also dieses Jahr keine Klettertouren in Südtirol mit Beal-Karabinern, keine Höhlenexpeditionen mit Neoprenanzug und Stirnlampen, nein, dieses Jahr eher langweilige Wanderungen am Tegernsee mit eher unsportlichen Sommergästen.
»Ja, hat’s ihn jetzt ganz dawischt, an Rudi?«
Chris’ Kommentar wird von seinem Bruder Rick mit ratlosem Schulterzucken beantwortet.
Cherchez la femme als Beweggrund hätte aber keiner vermutet, dieses kleinkarierte Motiv von Dumas’ Ermittlungsbeamten. Kennengelernt hat er sie beim Skifahren, genauer gesagt als Skilehrerkollegin in Bayrischzell. Sie kam als Aushilfe, weil mehrere Skilehrer an der besagten Grippe erkrankt waren. Welche sympathischen Ausmaße ihr Kennenlernen mutmaßlich gehabt haben könnten, bestritten beide. Rudi, weil er Angst vor ihrem Mann hatte, und die Marianne, weil auch. Marianne Krumschmied und ihr stämmiger Sepp bewirtschaften die Edelweiß Hütt’n am Kreuzbergkofel und den integrierten Verkaufsstand für heimische Bergkräuter, Mariandl’s Kräuterladen. Hierzu hat sich Marianne ein umfangreiches Wissen angeeignet, sie kennt faktisch alle Bergkräuter. Welche Wirkung sie haben, entspringt aber mehr dem Land der Dichter, aber diese Dichtkunst ist der eigentliche Erfolg ihres Kräuterladens. Zugegeben, man braucht auch noch einen starken Glauben.
Es gibt nix, wofür koa Kraut g’wachsn ist, lautet ihre Einleitung zu Wo zwickst denn, Herr Direktor? oder zu Haut’s nimma so hin, gell?
Die Kunden, bei denen es nimma so hinhaut, also die, die eine größere Menge einkaufen, weil die Kräuter ihre wundersame Wirkung erst dann voll entfalten, wenn sie längere Zeit regelmäßig eingenommen werden, also die Kunden bekommen noch ein Gratis-Stamperl hochprozentigen Enzian, der so bitter ist, dass er auch für was gut sein muss. Meist wandert eine Literflasche Enzian mit in den Einkaufskorb, der lukrativste Teil des Umsatzes. Über die Zeit hat Marianne einen weit über das Tegernseer Tal hinausreichenden Ruf als Kräuterhexe erworben.
Was aber hat das mit Rudi zu tun? Seine Idee war, seine läppischen Bergwanderungen für Touristen mit einer Bergkräuterkunde upzugraden. Dann kommt die Marianne mit, und so kann er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das sah Marianne genauso, und es war ihr auch egal, ob ihr Sepp mit sexistischen Verdächtigungen tobte und schnaubte wie der Stier beim Anblick einer roten Muleta. Genauso plump wie seine Eifersucht konnte sie seine Wutanfälle erden, mit dem einfachen Hinweis auf den Reibach, wenn Rudis Touren immer Rast auf der Edelweiß Hütt’n und Mariandl’s Kräuterladen machen. Und solange der Sepp nüchtern war, fühlte sich Rudi einigermaßen sicher. Auf einen handgreiflichen Disput wollte er es ohnehin nicht ankommen lassen. Die schwere Arbeit hat dem Sepp einen bedrohlich wirkenden Körperbau beschert, Bratzen so groß wie Abortdeckel und der Brustkorb wie ein Gorilla.
Die Frage war aber: Kann das auf Dauer gutgehen – und dann: wie lange? Es waren knapp vier Monate, von Mai bis August. Das Ende kam schleichend und hatte unheimliche Attribute, die selbst dem hartgesottenen Rudi Furcht einflößten. Aber auch dem Krumschmied Sepp, dem so schnell nichts und niemand Angst macht, wenn man vom Finanzamt Miesbach absieht.
Samstag, 14. August
Vorschriftsmäßig hat Dezernatsleiter Dr. Julius Pauli sein Mobilfunkgerät an der Garderobe im Münchner Gasteig abgegeben und den Flugmodus aktiviert. Zusammen mit seiner Frau Juliane besucht er ein Konzert der Münchner Philharmoniker: Eine Romantische Sommernacht. Leicht verdauliche Kost von Smetana, Dvořák und Konsorten. Auf ausdrücklichen Wunsch von Dr. Pauli sind sie vorher zum Essen in den Müllerbräu gegangen. Eigentlich wollte Juliane zur Feier des Tages ein angemessenes Gericht auftischen: Duett von Huhn und Fisch an Eierpflanzensugo. Aber ihr Paulimausi blieb stur, obwohl das Gericht schon bedrohlich in der Küche gedampft hat. Er begründete es schlicht und plump mit dem Zeitfaktor.
»Sieh mal, Juliane, im Müllerbräu können wir in Ruhe essen und dann zu Fuß ins Gasteig gehen.«
Juliane war gar nicht begeistert, weder von der durchblitzenden Ausrede noch von der Location Müllerbräu.
»Ach, Paulimausi, dort gibt es doch nur biedere Hausmannskost. Sollen wir nicht besser ins Sababa gehen? Die haben wenigstens eine pfiffige orientalische Kulinarik.«
Juliane ist alles andere als in Kochkünsten bewandert. Vermutlich aus Langeweile kocht sie jeden Tag für ihren Paulimausi und kämpft sich dafür durch die exotische Küche aus aller Welt. Eine libanesische Menüfolge, wie im Sababa, wäre eine leichtsinnige Steilvorlage für ihre Experimentierfreude in der Grünwalder Küche.
So kommt es, dass ihre Doppelhaushälfte über vier Stunden unbewacht ist. Nicht ganz. Da sind noch Haushund Bello, ein Golden Retriever, den aber jeder Einbrecher mit einem Ring Lyoner außer Gefecht setzt, dann sein Smart-Home-System Homecastle, das Dr. Pauli über sein Smartphone aktiviert und einen sogenannten Nonce, den heutigen Sesam-Öffne-dich-Code, in der Family Cloud abgelegt hat, und zu guter Letzt seine wachsame Nachbarin, die Notarin Dr. Rautgundis von Adelboden, eine grau melierte Erscheinung mit 1,83 Metern, der man zu später Stunde nicht allein begegnen möchte. Um 20 Uhr 30 rief sie Paulis Smartphone in der Gasteig-Garderobe an, just als Smetanas Moldau die Herzen der Konzertgäste erfüllte. Sie wurde durch das nervige Gekläffe des Nachbarhundes aufgeschreckt und wollte sicherheitshalber Herrn Pauli anrufen, ohne Erfolg:
The person you have called is temporarily not available.
Dann, gegen 21 Uhr 15, eskaliert die Situation, ohne weitere Vorwarnung. Die Notarin hört quietschende Reifen, darauf einen dumpfen Aufprall. Als sie zum Fenster eilt, sieht sie noch, wie ein Mann auf der Straße liegt, sich hektisch wieder aufrafft und, wie vom Teufel gejagt, humpelnd aus dem Staub macht. Vollkommen verdattert steigt der Fahrer aus seinem Daihatsu und sieht dem flüchtenden Opfer hinterher. Dabei muss er sich an der Fahrzeugtür festkrallen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ein zartbesaiteter Endvierziger im Schockzustand und in hellbraunen Cordhosen. Er wird eine Randnotiz in diesem Vorfall bleiben.
Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Autos bewegen. Also sollte man achtsam sein, wenn man eines sieht. Warum aber verletzt weglaufen und auf leicht verdientes Schmerzensgeld verzichten?
Die Notarin ruft sofort die Polizei und die Soko an, nachdem sie ihren Nachbarn Dr. Pauli, den Leiter der Soko München, nicht erreichen konnte. Dort hat Rebecca Jones Wochenenddienst, die sicherheitshalber ihren Chef anruft, Hauptkommissar Piotrowski.
»Hallo Chef. Entschuldigen Sie die späte Störung, aber es wurde ein Vorfall im Haus von Dr. Pauli gemeldet. Ich denke, wir sollten hinfahren. Was meinen Sie?«
Hauptkommissar Hubert Piotrowski hat es sich gerade gemütlich gemacht: Unterhemd, kurze Bermuda, Dose Bier, zwei Leberkässemmeln, dazu ein TV-Oldie mit Jean Gabin als Inspektor Maigret, mitten in der spannenden Aufklärungsphase eines verzwickten Doppelmordes.
»Herrgott, was ist denn passiert, Rebecca?«
»Seine Nachbarin hat angerufen und etwas gefaselt von einem möglichen Einbruch bei Dr. Pauli und einem Autounfall mit Fußgänger, der aber anscheinend geflüchtet ist. Also äußerst merkwürdig, wie sie meinte … Wissen Sie eigentlich, wo Dr. Pauli ist?«
»Im Konzert, verdammt noch mal. Er wollte, dass ich mitgehe … Ist denn wenigstens einer umgebracht worden? … Ja, ist ja gut, ich bin in 15 Minuten da. Dann fahren wir zusammen raus. Und noch was, Rebecca, ruf die Spusi an. Wenn es ein Einbruch war, dann müssen wir die Spuren sichern.«
Als Dr. Pauli seinen eleganten Sommermantel an der Garderobe abholt und den Flugmodus abschaltet, hört sein Smartphone nicht mehr auf zu klingeln und zu vibrieren. Eine ganzseitige, rot umrahmte Meldung seiner Homecastle-App mit der Warnung »Nonce deleted, contact Support Team«, eine blinkende Anruferliste mit dreimal seine Nachbarin, einmal seine Sekretärin Annalisa Bertram und zweimal Rebecca Jones, die er inzwischen ins Herz geschlossen hat. Sie hat der Soko viel Ruhm und Ehre gebracht. Mittlerweile loben die Gazetten seine Dienststelle, weil viele bizarre Morde aufgeklärt wurden, die sich gut für auflagensteigernde Reportagen eigneten. Jetzt steht er vor dem Problem, wen er zuerst zurückrufen soll. Das ständige Ärmelzupfen und das wiederholte Dazwischenreden seiner Frau »Was ist denn bloß los, Paulimausi?« helfen ihm nicht gerade, seine Gedanken zu sortieren. Also entscheidet er sich spontan für Kommissar Piotrowski, der nicht in der Anruferliste steht. Dieser ist kurz angebunden und leicht angefressen, als auch noch sein Chef anruft. Es ist sein freies Wochenende, und dann mitten in der spannendsten Phase des Maigret-Krimis. Zuvor hat er hastig die Hälfte seiner Leberkässemmel in den Mund geschoben. Immerhin ist es sein heutiges Abendessen, denn so schnell wird es vermutlich nichts mehr geben.
»I meis au ni enau, mas assiert is, Dodor Auli?«
»Ich versteh kein Wort, Pio. Sind Sie betrunken, oder was?«
Kurze Stille, gerade so viel Zeit, um das Abendessen runterzuwürgen und mehrere Schluck Bier hinterherzuschütten.
»Rülps … Tschuldigung … ich weiß auch nicht viel, Dr. Pauli. Offensichtlich … rülps … gab es bei Ihnen einen Einbruch, meint Ihre Nachbarin, weil sie Ihren Hund kurz aufjaulen gehört hat, dann … rülps … noch einen Verkehrsunfall mit einem Fußgänger. Rebecca und ich sind unterwegs. Wo sind Sie denn gerade?«
»Pio, Sie müssen dringend Ihre Manieren etwas verfeinern, und lassen Sie bloß Rebecca fahren, wenn Sie betrunken sind. Ich bin schon auf dem Weg in die Tiefgarage und gleich da.«
»Was ist denn los, Julius. Ich mach mir Sorgen.« Juliane ist noch nicht fertig mit nervigem Ärmelzupfen, während sie ins Gasteig-Parkhaus hasten.
»Sorgen?«, schnauzt er seine Frau an. »Unser sündhaft teures Smart-Home-Geraffel wurde offensichtlich gehackt, dann kam ein Einbrecher und hat vermutlich Bello vergiftet, Pio ist sturzbetrunken und kann uns nicht helfen, vor unserem Haus wurde ein Fußgänger über den Haufen gefahren … Gott sei Dank kommt Rebecca. Auf die ist Verlass, auf die Rebecca.«
»Um Gottes willen, unser armer Bello … aber was hast du in letzter Zeit immer mit dieser Rebecca? Rebecca, Rebecca … ist da was zwischen euch, Julius?«
»Juliane! Jetzt mach dich nicht lächerlich. Weißt du nicht, dass sie lesbisch ist? Ich habe jetzt wahrlich andere Probleme, als über deine blühenden Phantasien zu diskutieren.«
»Das eine sag ich dir, Julius, wenn ich da draufkomme, dann kannst du dein Essen künftig selber kochen.«
So ganz von der Hand zu weisen sind Julianes Eifersüchteleien nicht. Seit Rebecca Jones vor sechs Jahren ins Piotrowski-Team gekommen ist, hat die Gerüchteküche gebrodelt und sich nie vollständig abgekühlt. Allerdings war der birnenförmige Dr. Pauli zu keiner Zeit im Fokus, sondern mehr der durchtrainierte Hauptkommissar, allen gegenteiligen Indizien zum Trotz. Allein die aufreizenden Fotos von Rebecca in der Tagespresse haben Frau Pauli mit Sorge erfüllt. Klar, da kann sie nicht mithalten. Sie hat einen vollkommen anderen BMI, aber kann die andere kochen? Die chronische Appetitlosigkeit ihres Mannes könnte vielleicht das Omen für eine aufkeimende Midlife-Crisis sein? Und da käme eine devot untergebene, wohlproportionierte Ermittlungsbeamtin gerade recht, um der fortschreitenden Erschlaffung ihres Mannes Einhalt zu gebieten. Macht und Erfolg machen sexy, hat sie mal gelesen, in einer renommierten Frauenzeitschrift.
…
Der Centaur zählt zu den antiken Sternbildern des Ptolemäus. Es wurde bekannt durch den Namen seines hellsten Sterns, Alpha Centauri. Er ist ein Doppelsternsystem, Alpha Centauri A und B, und das nächstbenachbarte Sternensystem zu unserer Sonne. Am Himmel leicht zu finden: der dritthellste Stern, falls das einen interessiert.
Interessieren sollte uns aber, dass sich Wissenschaftler vorstellen können, irgendwann Alpha Centauri mit einem Photonenantrieb zu erreichen. Wie gesagt, irgendwann. Andersrum vermuten moderne Kosmologen schon seit einiger Zeit, dass Besucher aus Alpha Centauri unter uns sind. Aber warum dann noch hinfahren?
Und welche Gefahr besteht?
Antwort: kommt darauf an.
Zunächst sind es keine Centauri griechischer Art, die über unsere Mädels herfallen, sondern ganz nette Burschen, sofern sie von Centauri A kommen.
Anders sieht es aus, wenn sie in der anderen Doppelsternhälfte wohnen, Centauri B. Das sollen Typen mit schwierigem Charakter sein, dem Infamen zugeneigt, leicht zu haben für Verbrechen, wenn es sich lohnt. Man soll sie an ihrer faltigen Stirn und am grimmigen Blick erkennen können.
2009
Es ist das Jahr der runden Geburtstage:
Vor 400 Jahren begann die Erforschung des Weltalls,
Galilei und Kepler richteten Teleskope gen Himmel.
Friedrich Schiller feiert seinen 250. Geburtstag,
er ist immer noch allgegenwärtig.
Charles Darwin wäre 200 Jahre alt geworden,
er musste Mutationen Platz machen.
Die Bundesrepublik ist 60 Jahre alt geworden,
am 07.09.1949 startete der 1. Deutsche Bundestag.
Die 50. Rechen-Olympiade endete mit einem Eklat,
der gruselige Gewinner mit der faltigen Stirn erschien nicht zur Preisverleihung.
Vor 20 Jahren fiel die innerdeutsche Mauer,
Trabbis qualmten westdeutsche Städte zu.
Eigentlich geht das Jahr ganz gut los. Im Januar beginnt die Amtszeit von Barack Obama, und ein beherzter US-Aviator, der einem pfiffigen Seehund ähnlich sieht, landet seinen Airbus unbeschadet auf dem Hudson River.
Und vermutlich nur für eine intellektuelle Minderheit interessant: Der Neptun ist wieder genau dort, wo man ihn vor 713.980 Tagen entdeckt hatte … tja.
Ja, und dann taucht noch eine Schweinegrippe in Mexiko auf. Interessiert aber keine Sau, zumindest keine in Bayern.
In München und Umgebung ist es weitgehend ruhig geblieben. Die SoKo München mit Hauptkommissar Hubert Piotrowski und seinem Team Jens Thorwald und Rebecca Jones hatten unaufgeregte Wochen, keine spektakulären Morde und keine außerirdischen Inzidenzen. So jedenfalls deren allgemeine Einschätzung der Ereignisse.
Allerdings gab es im Umkreis des Tegernsees mehrere Einbruchsdelikte bei Herstellern von Schweißbrennern mit Schutzgastechnik, einem Verfahren für korrosionsbeständige Schweißnähte. Vermutlich, so die Einschätzung von Rebecca, bastelt ein beherzter Bergbauer eine Weltraumrakete nach dem Vorbild von Astronaut Farmer. Ein couragierter Senner würde lediglich dem Aufruf der Weltraumbehörde folgen, demzufolge die Eroberung des Universums nur mit privatem Engagement möglich sei. Auf solch zweckdienliche Hinweise reagiert Hauptkommissar Piotrowski meist mit rollenden Augen und entnervtem Blick in Richtung seines Deputy Jens Thorwald. Dieser kennt dieses harmlose Intermezzo zwischen den beiden zur Genüge. Gleichwohl, Rebecca ist der Farbpunkt in ihrem Team und so erfrischend in ihrer phantasievollen Eingebung bezüglich Motiv und Täter, auch wenn diese oft den Tiefen des Weltraums entstammen. Kurioserweise waren ihre Gedanken in den Mordfällen der letzten Jahre nie ganz falsch. Das hat ihr einen gewissen Spielraum für solche Science-Fiction-Scheiße, wie ihr Chef das bezeichnet, eingebracht. Rebeccas Affinität zu extraterrestrischen Themen entspringt dem Spannungsfeld mit dem Atomphysiker Professor Chris Fox, einem Physik-Realo, und dessen Bruder Rick, einem Joint rauchenden Science-Fiction-Fan. Mit Chris verbindet sie eine eher platonische Liebe, weil sie mehr auf Frauen steht. Rick löst in ihr ambivalente Gefühle aus. Er lebt mit ihrer Freundin Samantha in einer eher lockeren Beziehung, die nicht ihren Wertvorstellungen entspricht.
Niemand am Tegernsee widmete der Einbruchsserie große Aufmerksamkeit. Zugegeben, das war schon weit entfernt von Böser-Buben-Streich, und keiner wusste, wozu und für wen das gut sein sollte. Außerdem ist eine Schweißvorrichtung mit Schutzgasflaschen nicht wertvoll und zudem schwer zu transportieren. Der Hehlerpreis ist praktisch null. Aber bis dato war niemand zu Tode gekommen, also nannte man es bewusst verharmlosend Einbruch. Auf der Gefühls-ebene indes breitete sich eine bedrückende Stimmung aus. Eine bedrohlich empfundene Ungewissheit zog durch die Straßen der Gemeinden rund um den Tegernsee. Irgendwer musste ja etwas Größeres planen, und dass es keine Einrichtung für wohltätige Zwecke werden würde, war auch allen klar. In Bayern hat in solchen Fällen schnell der mit dem Pferdefuß seine haarigen Hände im Spiel. Rückblickend wäre es besser gewesen, diesem bigott verankerten Spürsinn der bayerischen Seele mehr Aufmerksamkeit zu widmen, anstatt, der bayerischen Bierruhe folgend, es bei Einbruch mit Diebstahl zu belassen.
Für mehr Gesprächsstoff sorgte eine zeitgleich auftretende Pferdepest in der Gegend, auch wenn heute das Pferd in Bayern nur noch repräsentative Aufgaben hat. Die meisten stehen auf der Weide rum für Touristen, die Sportlichen rennen im Kreis rum für Wettjunkies, und die Auserwählten ziehen geschmückte Brauereiwagen aufs Oktoberfest. Auf gut Deutsch: Es wurde ernst.
Als das Virus auf einen Bergbauern übersprang, wurde hektisch ein humanverträgliches Vakzin entwickelt. Die drei Brüder Rick, Chris und Rudi Fox haben sich alle impfen lassen, Chris aus purer wissenschaftlicher Solidarität mit seinen Kollegen der medizinischen Fakultät, Rick aus reiner mathematischer Logik der Risikoabwägung und Rudi, weil sich seine Brüder hatten impfen lassen, aber auch, weil er Vorbild für die Teilnehmer seiner Bergtouren sein will. Warum der Bergfex Rudi seine alpinen Ansprüche dieses Jahr einem Downgrade unterworfen hat, blieb lange im Dunkeln. Also dieses Jahr keine Klettertouren in Südtirol mit Beal-Karabinern, keine Höhlenexpeditionen mit Neoprenanzug und Stirnlampen, nein, dieses Jahr eher langweilige Wanderungen am Tegernsee mit eher unsportlichen Sommergästen.
»Ja, hat’s ihn jetzt ganz dawischt, an Rudi?«
Chris’ Kommentar wird von seinem Bruder Rick mit ratlosem Schulterzucken beantwortet.
Cherchez la femme als Beweggrund hätte aber keiner vermutet, dieses kleinkarierte Motiv von Dumas’ Ermittlungsbeamten. Kennengelernt hat er sie beim Skifahren, genauer gesagt als Skilehrerkollegin in Bayrischzell. Sie kam als Aushilfe, weil mehrere Skilehrer an der besagten Grippe erkrankt waren. Welche sympathischen Ausmaße ihr Kennenlernen mutmaßlich gehabt haben könnten, bestritten beide. Rudi, weil er Angst vor ihrem Mann hatte, und die Marianne, weil auch. Marianne Krumschmied und ihr stämmiger Sepp bewirtschaften die Edelweiß Hütt’n am Kreuzbergkofel und den integrierten Verkaufsstand für heimische Bergkräuter, Mariandl’s Kräuterladen. Hierzu hat sich Marianne ein umfangreiches Wissen angeeignet, sie kennt faktisch alle Bergkräuter. Welche Wirkung sie haben, entspringt aber mehr dem Land der Dichter, aber diese Dichtkunst ist der eigentliche Erfolg ihres Kräuterladens. Zugegeben, man braucht auch noch einen starken Glauben.
Es gibt nix, wofür koa Kraut g’wachsn ist, lautet ihre Einleitung zu Wo zwickst denn, Herr Direktor? oder zu Haut’s nimma so hin, gell?
Die Kunden, bei denen es nimma so hinhaut, also die, die eine größere Menge einkaufen, weil die Kräuter ihre wundersame Wirkung erst dann voll entfalten, wenn sie längere Zeit regelmäßig eingenommen werden, also die Kunden bekommen noch ein Gratis-Stamperl hochprozentigen Enzian, der so bitter ist, dass er auch für was gut sein muss. Meist wandert eine Literflasche Enzian mit in den Einkaufskorb, der lukrativste Teil des Umsatzes. Über die Zeit hat Marianne einen weit über das Tegernseer Tal hinausreichenden Ruf als Kräuterhexe erworben.
Was aber hat das mit Rudi zu tun? Seine Idee war, seine läppischen Bergwanderungen für Touristen mit einer Bergkräuterkunde upzugraden. Dann kommt die Marianne mit, und so kann er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das sah Marianne genauso, und es war ihr auch egal, ob ihr Sepp mit sexistischen Verdächtigungen tobte und schnaubte wie der Stier beim Anblick einer roten Muleta. Genauso plump wie seine Eifersucht konnte sie seine Wutanfälle erden, mit dem einfachen Hinweis auf den Reibach, wenn Rudis Touren immer Rast auf der Edelweiß Hütt’n und Mariandl’s Kräuterladen machen. Und solange der Sepp nüchtern war, fühlte sich Rudi einigermaßen sicher. Auf einen handgreiflichen Disput wollte er es ohnehin nicht ankommen lassen. Die schwere Arbeit hat dem Sepp einen bedrohlich wirkenden Körperbau beschert, Bratzen so groß wie Abortdeckel und der Brustkorb wie ein Gorilla.
Die Frage war aber: Kann das auf Dauer gutgehen – und dann: wie lange? Es waren knapp vier Monate, von Mai bis August. Das Ende kam schleichend und hatte unheimliche Attribute, die selbst dem hartgesottenen Rudi Furcht einflößten. Aber auch dem Krumschmied Sepp, dem so schnell nichts und niemand Angst macht, wenn man vom Finanzamt Miesbach absieht.
Samstag, 14. August
Vorschriftsmäßig hat Dezernatsleiter Dr. Julius Pauli sein Mobilfunkgerät an der Garderobe im Münchner Gasteig abgegeben und den Flugmodus aktiviert. Zusammen mit seiner Frau Juliane besucht er ein Konzert der Münchner Philharmoniker: Eine Romantische Sommernacht. Leicht verdauliche Kost von Smetana, Dvořák und Konsorten. Auf ausdrücklichen Wunsch von Dr. Pauli sind sie vorher zum Essen in den Müllerbräu gegangen. Eigentlich wollte Juliane zur Feier des Tages ein angemessenes Gericht auftischen: Duett von Huhn und Fisch an Eierpflanzensugo. Aber ihr Paulimausi blieb stur, obwohl das Gericht schon bedrohlich in der Küche gedampft hat. Er begründete es schlicht und plump mit dem Zeitfaktor.
»Sieh mal, Juliane, im Müllerbräu können wir in Ruhe essen und dann zu Fuß ins Gasteig gehen.«
Juliane war gar nicht begeistert, weder von der durchblitzenden Ausrede noch von der Location Müllerbräu.
»Ach, Paulimausi, dort gibt es doch nur biedere Hausmannskost. Sollen wir nicht besser ins Sababa gehen? Die haben wenigstens eine pfiffige orientalische Kulinarik.«
Juliane ist alles andere als in Kochkünsten bewandert. Vermutlich aus Langeweile kocht sie jeden Tag für ihren Paulimausi und kämpft sich dafür durch die exotische Küche aus aller Welt. Eine libanesische Menüfolge, wie im Sababa, wäre eine leichtsinnige Steilvorlage für ihre Experimentierfreude in der Grünwalder Küche.
So kommt es, dass ihre Doppelhaushälfte über vier Stunden unbewacht ist. Nicht ganz. Da sind noch Haushund Bello, ein Golden Retriever, den aber jeder Einbrecher mit einem Ring Lyoner außer Gefecht setzt, dann sein Smart-Home-System Homecastle, das Dr. Pauli über sein Smartphone aktiviert und einen sogenannten Nonce, den heutigen Sesam-Öffne-dich-Code, in der Family Cloud abgelegt hat, und zu guter Letzt seine wachsame Nachbarin, die Notarin Dr. Rautgundis von Adelboden, eine grau melierte Erscheinung mit 1,83 Metern, der man zu später Stunde nicht allein begegnen möchte. Um 20 Uhr 30 rief sie Paulis Smartphone in der Gasteig-Garderobe an, just als Smetanas Moldau die Herzen der Konzertgäste erfüllte. Sie wurde durch das nervige Gekläffe des Nachbarhundes aufgeschreckt und wollte sicherheitshalber Herrn Pauli anrufen, ohne Erfolg:
The person you have called is temporarily not available.
Dann, gegen 21 Uhr 15, eskaliert die Situation, ohne weitere Vorwarnung. Die Notarin hört quietschende Reifen, darauf einen dumpfen Aufprall. Als sie zum Fenster eilt, sieht sie noch, wie ein Mann auf der Straße liegt, sich hektisch wieder aufrafft und, wie vom Teufel gejagt, humpelnd aus dem Staub macht. Vollkommen verdattert steigt der Fahrer aus seinem Daihatsu und sieht dem flüchtenden Opfer hinterher. Dabei muss er sich an der Fahrzeugtür festkrallen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ein zartbesaiteter Endvierziger im Schockzustand und in hellbraunen Cordhosen. Er wird eine Randnotiz in diesem Vorfall bleiben.
Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Autos bewegen. Also sollte man achtsam sein, wenn man eines sieht. Warum aber verletzt weglaufen und auf leicht verdientes Schmerzensgeld verzichten?
Die Notarin ruft sofort die Polizei und die Soko an, nachdem sie ihren Nachbarn Dr. Pauli, den Leiter der Soko München, nicht erreichen konnte. Dort hat Rebecca Jones Wochenenddienst, die sicherheitshalber ihren Chef anruft, Hauptkommissar Piotrowski.
»Hallo Chef. Entschuldigen Sie die späte Störung, aber es wurde ein Vorfall im Haus von Dr. Pauli gemeldet. Ich denke, wir sollten hinfahren. Was meinen Sie?«
Hauptkommissar Hubert Piotrowski hat es sich gerade gemütlich gemacht: Unterhemd, kurze Bermuda, Dose Bier, zwei Leberkässemmeln, dazu ein TV-Oldie mit Jean Gabin als Inspektor Maigret, mitten in der spannenden Aufklärungsphase eines verzwickten Doppelmordes.
»Herrgott, was ist denn passiert, Rebecca?«
»Seine Nachbarin hat angerufen und etwas gefaselt von einem möglichen Einbruch bei Dr. Pauli und einem Autounfall mit Fußgänger, der aber anscheinend geflüchtet ist. Also äußerst merkwürdig, wie sie meinte … Wissen Sie eigentlich, wo Dr. Pauli ist?«
»Im Konzert, verdammt noch mal. Er wollte, dass ich mitgehe … Ist denn wenigstens einer umgebracht worden? … Ja, ist ja gut, ich bin in 15 Minuten da. Dann fahren wir zusammen raus. Und noch was, Rebecca, ruf die Spusi an. Wenn es ein Einbruch war, dann müssen wir die Spuren sichern.«
Als Dr. Pauli seinen eleganten Sommermantel an der Garderobe abholt und den Flugmodus abschaltet, hört sein Smartphone nicht mehr auf zu klingeln und zu vibrieren. Eine ganzseitige, rot umrahmte Meldung seiner Homecastle-App mit der Warnung »Nonce deleted, contact Support Team«, eine blinkende Anruferliste mit dreimal seine Nachbarin, einmal seine Sekretärin Annalisa Bertram und zweimal Rebecca Jones, die er inzwischen ins Herz geschlossen hat. Sie hat der Soko viel Ruhm und Ehre gebracht. Mittlerweile loben die Gazetten seine Dienststelle, weil viele bizarre Morde aufgeklärt wurden, die sich gut für auflagensteigernde Reportagen eigneten. Jetzt steht er vor dem Problem, wen er zuerst zurückrufen soll. Das ständige Ärmelzupfen und das wiederholte Dazwischenreden seiner Frau »Was ist denn bloß los, Paulimausi?« helfen ihm nicht gerade, seine Gedanken zu sortieren. Also entscheidet er sich spontan für Kommissar Piotrowski, der nicht in der Anruferliste steht. Dieser ist kurz angebunden und leicht angefressen, als auch noch sein Chef anruft. Es ist sein freies Wochenende, und dann mitten in der spannendsten Phase des Maigret-Krimis. Zuvor hat er hastig die Hälfte seiner Leberkässemmel in den Mund geschoben. Immerhin ist es sein heutiges Abendessen, denn so schnell wird es vermutlich nichts mehr geben.
»I meis au ni enau, mas assiert is, Dodor Auli?«
»Ich versteh kein Wort, Pio. Sind Sie betrunken, oder was?«
Kurze Stille, gerade so viel Zeit, um das Abendessen runterzuwürgen und mehrere Schluck Bier hinterherzuschütten.
»Rülps … Tschuldigung … ich weiß auch nicht viel, Dr. Pauli. Offensichtlich … rülps … gab es bei Ihnen einen Einbruch, meint Ihre Nachbarin, weil sie Ihren Hund kurz aufjaulen gehört hat, dann … rülps … noch einen Verkehrsunfall mit einem Fußgänger. Rebecca und ich sind unterwegs. Wo sind Sie denn gerade?«
»Pio, Sie müssen dringend Ihre Manieren etwas verfeinern, und lassen Sie bloß Rebecca fahren, wenn Sie betrunken sind. Ich bin schon auf dem Weg in die Tiefgarage und gleich da.«
»Was ist denn los, Julius. Ich mach mir Sorgen.« Juliane ist noch nicht fertig mit nervigem Ärmelzupfen, während sie ins Gasteig-Parkhaus hasten.
»Sorgen?«, schnauzt er seine Frau an. »Unser sündhaft teures Smart-Home-Geraffel wurde offensichtlich gehackt, dann kam ein Einbrecher und hat vermutlich Bello vergiftet, Pio ist sturzbetrunken und kann uns nicht helfen, vor unserem Haus wurde ein Fußgänger über den Haufen gefahren … Gott sei Dank kommt Rebecca. Auf die ist Verlass, auf die Rebecca.«
»Um Gottes willen, unser armer Bello … aber was hast du in letzter Zeit immer mit dieser Rebecca? Rebecca, Rebecca … ist da was zwischen euch, Julius?«
»Juliane! Jetzt mach dich nicht lächerlich. Weißt du nicht, dass sie lesbisch ist? Ich habe jetzt wahrlich andere Probleme, als über deine blühenden Phantasien zu diskutieren.«
»Das eine sag ich dir, Julius, wenn ich da draufkomme, dann kannst du dein Essen künftig selber kochen.«
So ganz von der Hand zu weisen sind Julianes Eifersüchteleien nicht. Seit Rebecca Jones vor sechs Jahren ins Piotrowski-Team gekommen ist, hat die Gerüchteküche gebrodelt und sich nie vollständig abgekühlt. Allerdings war der birnenförmige Dr. Pauli zu keiner Zeit im Fokus, sondern mehr der durchtrainierte Hauptkommissar, allen gegenteiligen Indizien zum Trotz. Allein die aufreizenden Fotos von Rebecca in der Tagespresse haben Frau Pauli mit Sorge erfüllt. Klar, da kann sie nicht mithalten. Sie hat einen vollkommen anderen BMI, aber kann die andere kochen? Die chronische Appetitlosigkeit ihres Mannes könnte vielleicht das Omen für eine aufkeimende Midlife-Crisis sein? Und da käme eine devot untergebene, wohlproportionierte Ermittlungsbeamtin gerade recht, um der fortschreitenden Erschlaffung ihres Mannes Einhalt zu gebieten. Macht und Erfolg machen sexy, hat sie mal gelesen, in einer renommierten Frauenzeitschrift.
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