Cover: Nimm die Blumen, mein Junge

Nimm die Blumen, mein Junge
Ein Lebensabschnitt


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 424
ISBN: 978-3-7116-1370-7
Erscheinungsdatum: 18.03.2026
Ein fast perfekter Plan zur Flucht aus der DDR, dem Unvorhergesehenes und Irrwege ein jähes Ende bereiten. Eine Reise durch die Gefängnisse der Stasi, aber auch ein Zeugnis von der Wärme der Kindheit und des Opponierens gegen die Willkür.
Kapitel 1
Der Fänger im Gras/12. August 1988/Asotthalom, Ungarische Volksrepublik


Ich schaue nach oben und anstatt wärmender Sonnenstrahlen blitzt mir der kalte Lauf einer Kalaschnikow entgegen.
Ich liege im feuchten Gras und der Morgentau versprüht eine sommerliche Würze. Meine Arme habe ich hinter meinem verschwitzten Nacken verschränkt.
„In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“
Dieser Vers von Hermann Hesse stand an der Zimmerdecke meiner Studentenbude. Er begrüßte mich jeden Morgen beim Aufstehen. Ich weiß allerdings nicht, ob ihm dieser Satz in meiner momentanen Situation genauso eingefallen wäre.
Ich stehe seit wenigen Augenblicken an meinem Anfang. Der beschützende Zauber ist verflogen, wie ein Sommernachtstraum im Gewittersturm. Das Maschinengewehr über meinem Kopf gehört einem Soldaten der ungarischen Grenztruppen, der mich gestellt und gleichzeitig entzaubert hat. Der Junge ist kaum 18 Jahre alt. Sein Gesicht trägt weiche, runde Züge, seine Haut ist ungewöhnlich hell und er hat nichts von einem stolzen und heißblütigen Magyaren, den ich aus der Fernsehserie „Kapitän vom Tenkesberg“ kannte und der tapfer gegen die kaiserlich-österreichische Herrschaft kämpfte. Ein Robin Hood der ungarischen Puszta war er ganz sicher nicht.
Seine weit aufgerissenen Augen bereiten mir große Sorgen. Er hat Angst, wahnsinnig große Angst. Er zittert und mit ihm sein Maschinengewehr. Ich glaube, die Gründe seiner Angst zu kennen. Die wenigsten dieser jungen Kerle machen freiwillig ihren Dienst an einer Grenze zwischen Ost und West oder Südwest. Es gibt einen Schießbefehl. Niemand möchte vor der Entscheidung stehen, einen anderen Menschen töten zu müssen. Aber ich kann nicht in ihn hineinsehen. Vielleicht ist er ein Klassenprimus und es ist die Stunde seiner Wahrheit. Jeden Mundwinkelzug und jede kleinste Regung versuche ich zu interpretieren. Behält er die Nerven? Behalte ich die Nerven? Sein Gesichtsausdruck spiegelt seine Verunsicherung wider, als stünde er vor einer unkalkulierbaren Bedrohung. Ich starre auf seinen Zeigefinger am Abzug und die abgekauten Fingernägel lassen mich vermuten, dass er nicht der abgeklärte Typus unserer Gattung ist. Eine falsche Bewegung meinerseits und der verlorene Junge fühlt sich doch als Robin Hood und drückt im Namen der Gerechtigkeit ab.
Ich muss irgendwie das Heft des Handelns in meine Hände bekommen. Klingt sicher etwas vermessen in Anbetracht der Tatsache, dass er nicht nur ein Heft, sondern die mit Kimme und Korn bestückten Argumente des „Kommunistischen Manifests“ in seinen Händen hält. Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren. Was kann ich tun, dass der blutjunge Soldat sich beruhigt und sich vor allem sein Zeigefinger entkrampft. Ja, er ist blutjung, aber sicher nicht blutrünstig, rede ich mir ein. Aber ich möchte es nicht drauf ankommen lassen, herauszufinden, wer von uns beiden der größere Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit ist.
Ich rede unentwegt. In verschiedenen Sprachen vermittele ich ihm, dass ich keine Schusswaffe, kein Samuraischwert und auch keine Panzerfaust in meinem Rucksack trage, aber dafür eine Zahnbürste mit Frauenbrüsten, die Teil meiner Fluchtlegende war. Total irre, was es im Westen alles gibt. Das Ausräumen des Rucksacks hätte zweifelsfrei zur Entschärfung der Situation beigetragen.
Meine aberwitzigen Gedanken sind Ausdruck dessen, dass ich instinktiv versuche, meine Ängste mit Sarkasmus zu übertünchen. Oder was ist es sonst, dass ich hier liege und Gedanken habe, die der Situation in keiner Weise gerecht werden? Wieso fällt mir auf, dass seine Fingernägel abgefressen sind, dass Zahnbürsten die Lage entspannen könnten oder dass ich auch eine MiG-19 aus meinem Rucksack hätte zaubern können?
Wichtig ist, dass es mich ablenkt.
Wohl wissend, dass er nicht ein Wort von dem versteht, was ich im sonoren Tonfall sage, gebe ich mich der Hoffnung hin, dass er einige Phrasen des Friedens, wie „Peace“ und „Everything is okay“ oder „Druschba“, das russische Wort für Freundschaft, aufschnappt.
Natürlich konnte ich die Vorstellung einer Gefangennahme bei meiner Flucht aus der DDR in all den Jahren der Vorbereitung nicht gänzlich verdrängen. An der unausweichlichen Tatsache, dass die Verteidiger des Sozialismus auf mich schießen könnten, verschwendete ich jedoch nur wenige Gedanken, sehr wenige. Das Verdrängen entwickelte sich zu einer hilfreichen Lebensmaxime. Es schützte mich vor Zweifel, vor Aufgabe und vor schlaflosen Nächten. Die Verdrängung schützte mich allerdings nicht davor, mein Leben aufs Spiel zu setzen.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon im Gras liege, ich weiß nicht einmal, ob das alles real ist. Vielleicht wache ich gleich auf und bin froh, dass es nur ein Traum war.
Ich hoffe, aufzuwachen.
Je länger ich liege, desto mehr schwindet die Hoffnung, dass ich in meinem Bett in Leipzig die Augen öffne, auf den Hermann-Hesse-Vers an der Decke schaue, mir erleichtert den Schweiß von der Stirn wische und alles als einen Alptraum begreife.
Ich zwicke mich in den Arm. Nichts passiert. Ist überhaupt schon mal jemand aufgewacht, weil er sich gekniffen hat?
Den Moment des „Geschnapptwerdens“ verband ich immer mit dem peinlichen Versagen meines Magen- und Darmtraktes. Aber nichts dergleichen geschah. In dem Augenblick, als der Grenzsoldat brüllend aus der Baumgruppe heraustrat, fiel die erdrückende Last der letzten Jahre von meinen Schultern. Ok, sie haben dich. Das Ende der Lüge, das Ende der Angst und das Ende des Davonlaufens. Genau das ist es, was mich sarkastisch werden lässt. Der Druck ist verschwunden. Das Ende der Angst!
Keine Angst – vor nichts und niemandem. Und jetzt könnt ihr mich alle mal!
Eine Lerche zwitschert und hebt sich schnurgerade gen Himmel. Ich verliere sie ständig aus meinem Blickwinkel. Aber ihr Gesang ist unüberhörbar und verbindet mich mit Sommer, Aufbruch und Sehnsucht. Genau das sollte es sein. Vielleicht mit der kleinen, aber wichtigen Änderung – erfüllte Sehnsucht.
Die innere Ruhe und meine Gedanken empfinde ich als eine angenehme Antwort auf meine schlimmsten Befürchtungen. All das, was in den nächsten Wochen und Monaten auf mich zukommen wird, beängstigt mich, aber nicht der jetzige Moment. Ich fühle mich frei und bin entspannt. Wenn der blasse Robin Hood ruhig bleibt, bleibe ich es auch. An einem Punkt angekommen zu sein, an dem mir niemand mehr mit einer Drohung der Art „Wenn-Du-Nicht-Das-Tust-Dann…“ ein schlechtes Gewissen einflößen kann, strahlt in mir eine innere Leichtigkeit aus. Das zweitschlimmste Szenario ist eingetreten. Ich gehe in den Knast. Jetzt kann ich die beklemmenden Gedanken aus meinem Hinterkopf streichen, dass ich festgenommen werde und den Stasi-Schergen in die Hände fallen könnte. Es ist, wie es ist. Tiefer kann es nicht gehen.




Kapitel 2
Tusche, Federn, Junge Pioniere/Sommer 1973/Gerstungen, Grenzort in der DDR


Sommerferien. Es war eine unbeschwerte Zeit. Meine Eltern waren nicht die Urlaubsreisenden, die jedes Jahr um einen Platz unter der Ostseesonne kämpfen mussten. Die Sommersonne im Thüringer Werratal strahlte auch hier auf wunderbare Mischwälder, auf riesige gelbe Kornfelder, eingesäumt von rotem Mohn und azurblauen Kornblumen. Die Ähren wiegten sich im Wind und die sanften Hügel brachen sich wie Ostseewellen an den Ufern des Rennsteigs. Beim Durchstreifen der oft zu trockenen Wiesen klammerten sich Grashüpfer an meinen Kniestrümpfen fest. Ein Bienenstich war Normalität und keine lebensgefährliche Verletzung, und der aus dem Backofen meiner Oma hervorgezauberte Bienenstich schenkte Trost beim Selbigen.
Der staubige Duft der Roggenfelder begleitete mich bei meinen Ausflügen. Die fruchtbaren Äcker dufteten besonders dann nach frischer Erde, wenn ein Regenschauer niedergeht. Den Geruch und den Dreck zwischen meinen Zehen trug ich, wenn ich es schaffte, unbemerkt von meiner Mutter zu bleiben, mit ins Bett. Mir standen acht Wochen Rumstromern und Fußballspielen, Fahrradfahren und Budenbauen bevor. Ein Butterbrötchen bekam ich dort, wo ich gerade zu Hause war. Auf dem Sportplatz tummelten sich immer Jungs mit viel zu großen, viel zu schweren und viel zu grauen Lederbällen herum. Das Schwimmbad gehörte sowieso zum Zuhause eines Zwölfjährigen. Langeweile war ein Fremdwort. Ein Kinderparadies.
Jörn, ein Junge in meinem Alter, besuchte jedes Jahr seine Großeltern in unserem Dorf. Ich kann gar nicht genau sagen, wie, wann und wo ich ihn kennenlernte, aber es war faszinierend für mich, dass er aus einer Metropole wie Dresden kam. Schon der Dialekt erschien mir großstädtisch und das Auftreten vor allem des weiblichen Teils der Familie sehr außergewöhnlich. Die zu großen, schlabbrigen Hosen, die Strickjacken, die bis zum Boden reichten, die bunten Batiktücher, die alles verdeckten, was einen neugierig machen konnte; eine Künstlerfamilie durch und durch. Seine Mutter war für mich der Inbegriff einer selbstbewussten und attraktiven Frau. Klar, so eine Frau musste ich irgendwann heiraten. Dass sie schon vergeben war, hatte ich akzeptiert. Zum Glück hatte Jörn noch zwei ältere Schwestern, Elke und Bea. Leider wurde ich von ihnen nicht ermutigt, mich für eine der beiden entscheiden zu müssen. Ihre Art und Weise, mich links liegen zu lassen, war schon deprimierend für einen vorpubertären Jungen. Wo doch die Freundinnen meiner Mutter betonten, was ich für ein süßer Junge sei. Aber für ältere Schwestern schien das kein Entscheidungskriterium zu sein. Wenn ich Jörn besuchte, freute ich mich, das mit Grübchen und Sommersprossen verzierte Gesicht und die rotblonden Locken von Elke zu sehen und die aparte und reifere, dunkelhaarige Bea verschüchtert beobachten zu dürfen.
Die Familie hatte noch eine andere Besonderheit. Bei Jörn brauchte ich nicht mit einem Fußball ankommen. Ein Dresdner, aus der Stadt der Fußballlegenden wie Klaus Sammer und Dixi Dörner, der wenig Ambition hatte, dem Leder hinterherzurennen, war mir vollkommen suspekt. Aber auf den schwarz-gelb wehenden Fahnen der Familie war nicht das Konterfei von Dörner gedruckt, sondern das von Dürer. Ich lernte, dass Dresden nicht nur vom Fußballclub Dynamo inspiriert wurde, sondern von solchen Größen wie Canaletto, Raffael und Tizian, die ebenso einen technisch sauberen Stil beherrschten und den Dribbelkünstlern von Dynamo in nichts nachstanden.
So ergab es sich, dass meine Mutter Zeichensachen kaufte. Mit Malblock, Tusche und Federn zogen wir los, um es irgendwann einmal in die Dresdner Gemäldegalerie der Alten Meister zu schaffen oder zumindest lobend im Kunstunterricht erwähnt zu werden.
Wir fanden einen Grashügel, von wo aus man die Silhouette der Gerstunger Kirche mit Schloss und Storchennest gut einsehen konnte. Ein lohnendes Objekt der malerischen Begierde, was eindeutig im kulturhistorischen Interesse der Allgemeinheit lag. Dessen waren wir uns sicher.
Über meinem Geburtsort Gerstungen muss man einiges wissen. Gerstungen wurde 744 erstmalig urkundlich erwähnt, was jeden echten Gerstunger mit Stolz erfüllt, obwohl unser Ort einfach so an das Kloster Fulda verhökert wurde. Das tat dem Selbstbewusstsein der Gerstunger nicht sonderlich weh. Es gab eine Ziegelei, einen Landmaschinenhersteller, einen Küchenmöbelbauer, der sogar für den Westen produzierte, eine große Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) und einen Lebensmitteleinzelhandel, der das anbot, was gerade da war. Wir hatten zwei Schulen und eine Grenzkompanie, die ich im Rahmen eines Pioniernachmittags bei Tee und Kuchen kennenlernen durfte. Nette Soldaten und Offiziere erzählten uns vom wichtigen Dienst mit der Waffe an der Grenze zur Sicherung des Friedens und des unbesiegbaren Sozialismus. Wenn der Sozialismus unbesiegbar ist, warum musste man ihn dann noch beschützen, traute ich mich damals noch nicht zu fragen.
Gerstungen liegt im Südwesten der ehemaligen DDR, direkt an der Grenze zur BRD. Die 3000-Seelen-Gemeinde hatte gepflegte Häuser mit Gartenzäunen, gepflegte Wiesen mit Weidezäunen und sehr gepflegte Grenzstreifen mit Stacheldrahtzäunen, dem antifaschistischen Schutzwall, wie die Lehrer ihn nannten. Mein Dorf lag also direkt im Grenzgebiet zum Klassenfeind, in einer sensiblen Zone, die dem normalen DDR-Bürger keinen Zutritt erlaubte, es sei denn, man beantragte mit den fadenscheinigsten Gründen bei der Polizei einen Passierschein. Ich wuchs also mit reichlich Zäunen auf, die anfangs nur insofern Bedeutung für mich hatten, wenn ich beim Kirschenklauen über einen Gartenzaun flüchten musste, wenn ich beim Pinkeln gegen den Weidezaun nicht versagen durfte oder wenn mir bewusst wurde, dass der Kohlbachwald für das Budenbauen außen vor war, da er schon hinterm ersten Grenzzaun lag. Aber wir hatten ja noch den Wald am Böllerteich, der zumindest bis zum Truppenübungsplatz der Grenztruppen für unsere Indianerspiele die passende Kulisse bot.
Das Wichtigste allerdings war der Bahnhof. Die Deutsche Reichsbahn beschäftigte unzählige Leute aus unserem Ort, die Züge waren voll und kurz getaktet, es gab eine Mitropa-Bahnhofskneipe und eine Eisenbahnerblaskapelle, die nicht nur zum Tag des Eisenbahners spielte, sondern auch zum 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiter und Bauern. Das Außergewöhnliche an unserem Bahnhof war die Besonderheit, dass er zweigeteilt war, in einen normalen Bahnhof und den Westbahnhof. Westbahnhof war nicht der Tatsache geschuldet, dass er im Westen lag, so wie in anderen Städten. Nein, es war die letzte Haltestelle, bevor der Interzonenzug von Warschau nach Paris das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik verließ. Somit hatte unser Dorf noch zwei andere potente Arbeitgeber – die Passkontrolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und den Zoll.
Dieser Westbahnhof wurde hermetisch abgeriegelt und wie die innerdeutsche Grenze mit Zäunen, Scheinwerfern und Stacheldraht geschützt.
Genau auf einem Hügel vor dem Streckzaun, der den Westbahnhof sicherte, packten wir unsere Malutensilien aus. Wir hatten einen freien Blick über die roten Dächer des Dorfes. Der perfekte Platz, um zukünftige Galerien in Dresden, Leningrad und New York mit unseren Kunstwerken beglücken zu können.
Jörn trug eine Baskenmütze, die schon alleine darauf hindeutete, dass wir Großes im Schilde führten. Meine ¾-Lederhose war da eher kontraproduktiv. Sie fühlte sich schwer an und war außerdem hässlich. Klar, dass seine Schwestern mich nicht beachteten.
Aber meine Mutter achtete sehr darauf, dass der Junge gut gekleidet war. Ich hatte mich an eine weiße Keilhose und an den neongelben Rollkragenpullover gewöhnt, der noch sehr lange nach Intershop roch, einem Laden, der einen ganz bestimmten, verlockenden Geruch nach Lux-Seife, Levi’s-Jeans und Toska-Parfüm versprühte und der nur für Besucher mit entsprechender Westwährung zugänglich war. Ich konnte zwar auch hineingehen, aber ohne Moos nichts los und mein Vater hätte mich dabei nicht erwischen dürfen. Es gab zwei Tabuzonen: Intershops und Kirchen.
Nicht nur das Ankleiden lag in ihren Händen. Meine Mutter war in unserer Familie für Wärme, Zuneigung und Geborgenheit zuständig. Bei Bauchschmerzen waren es ihre Hände, die mit viel tröstenden Worten das unendliche Leiden des kleinen K. wegzaubern konnten. Es waren ihre Arme, die beim Tragen der Einkaufsnetze immer länger wurden. Es waren ihre Beine, die mich und meine Geschwister auf einem Damenfahrrad zum Kindergarten brachten und wieder abholten, sie, die nebenbei allein den ganzen Haushalt führte und jeden Tag für einen lächerlichen Lohn in die Apotheke radelte. Meine Mutter war es, die für unser Essen auf dem Tisch sorgte, die Kunst beherrschte, aus dem spärlichen Lebensmittelangebot ein Festessen zu zelebrieren. Sie streichelte nicht nur unsere Bäuche, sie streichelte vor allem unsere Kinderseelen. Sie war die personifizierte Aufopferung, sie war der liebende Anker und der ausgleichende Puffer zu meinem Vater, der sich für Disziplin und Ordnung verantwortlich fühlte und dafür, dass ich mit fünf Jahren vom 3-m-Turm springen musste, obwohl ich noch nicht schwimmen konnte. Auch gut.
Beim Malen erkannte ich dann doch einen Vorteil der ¾-Lederhose. Ich saß bequem auf meinem Leder und wir blickten über den Stacheldrahtzaun in Richtung Gerstunger Skyline.
Ein Kübeltrabant der Grenztruppen näherte sich. Das ist ja prima, dachte ich, da können die uniformierten Freunde von Tee- und Kuchennachmittagen mit jungen Thälmannpionieren ihr geschätztes Urteil über unsere Kunstwerke abgeben. Der Gesichtsausdruck der Genossen Soldaten ließ allerdings nichts Gutes erahnen. Sie kontrollierten unsere Tuschezeichnungen Blatt für Blatt. Sie stellten Fragen über unsere Herkunft, Schule und Eltern. Dass Jörn aus Dresden kam, erwies sich nicht als vorteilhaft. Wahrscheinlich konnten die Grenzer mit Dixi Dörner und Canaletto nicht viel anfangen. Bei Canaletto bin ich mir ziemlich sicher, dass er ihnen total fremd war. Sie erkannten beileibe nicht den hohen künstlerischen Wert unserer Schöpfungen. Kurzum, sie waren weniger amüsiert, als ich erhoffte. Wir mussten das Feld räumen mit der unmissverständlichen Botschaft, nie wieder hier herumzulungern und schon gar nicht so nah am „Antifaschistischen Schutzwall“. Die Drohung, Eltern und Schule zu informieren, folgte selbstredend. Das schlechte Gewissen trieb mich nach Hause in der Hoffnung, dass alles nur eine Drohung blieb.
In diesen Sommerferien lernte ich zwei Dinge. Ältere Schwestern von Freunden sollte ich aus meinem Willst-Du-mit-mir-gehen-Muster streichen und Grenzsoldaten ohne Pioniernachmittagserfahrung sind vielleicht Kämpfer für den Sozialismus, aber sicher nicht für den inneren Frieden 12-jähriger Jungen.
Ein erster dunkler Fleck auf der weißen Weste des real existierenden Sozialismus.




Kapitel 3
Die silberne Acht/12. August 1988/
Asotthalom


Ich liege noch im Gras und höre Motorengeräusche. Der junge Kapitän Tenkes anscheinend auch, denn er verliert seinen verängstigten Blick. Es kommt Verstärkung. Er ist sichtlich erleichtert. Wir sind beide erleichtert. Ich richte mich vorsichtig auf, beobachte die Reaktion meines Gegenübers, der nicht interveniert, aber aufmerksam bleibt. Seine Augen wandern hin und her. In wenigen Minuten kann er mich dem Offizier übergeben. Im Staub der Morgensonne sehe ich eine Kolonne von Mannschaftswagen der Grenzkompanie auf uns zu kommen. Was für ein Aufgebot.
Ein Geländefahrzeug einer russischen Baureihe holpert viel zu schnell über die Wiese, bremst unnötig scharf und ein Offizier springt aus dem Jeep, als müsse er mich auf frischer Tat ertappen. Dabei hatte Robin Hood seine Sache wirklich gut gemacht. Fast dankbar schaue ich ihn an. Er hat seine Nerven in den Griff bekommen, geduldig mein sprachliches Kauderwelsch ertragen und er hat nicht geschossen.
Ich lebe.
Während der junge Soldat seinen Bericht abgibt, der ihm sicher eine Beförderung zum General vom Tenkesberg einbringen wird, gibt der Offizier anderen Grenzsoldaten den Befehl, mich mit entsicherter Kalaschnikow zu bewachen. Ich kenne das Gewehr in- und auswendig. Viel zu oft musste ich die Kalaschnikow in meiner Grundwehrdienstzeit auseinandernehmen, reinigen und wieder zusammensetzen.
Der Offizier stößt mich mit dem Stiefel an, was so viel bedeutet, ich soll aufstehen. Was ich dann sehe, musste ich zwar erwarten, hatte es mir aber in meinen kühnsten Gedanken nicht vorstellen wollen.
Handschellen!
Wenn ich vorhin noch glaubte, ich bin am Tiefpunkt meines Lebens angekommen, so wird mir klar, dass es noch tiefer geht. Zum Glück können mich meine Familie und meine Freunde nicht sehen. Es ist ein unfassbar demütigender Vorgang. Ich halte die Arme gestreckt nach vorne. Mit einer herablassenden Genugtuung lässt es sich der Offizier nicht nehmen, die silberne Acht persönlich anzulegen. Viel zu fest. Das gehört wohl zum Spiel der Demütigung. Meine Handgelenke schmerzen. Ich sage nichts, was diesen Kämpfern für das Wohl des Volkes in ihre selbstgefälligen Karten spielen könnte.
Ich starre auf meine Hände. Hände, das Sinnbild für die Kraft des Anpackens, die Hohen Priester vom Denken zum Tun und die Zauberer der gefühlvollen Berührung. Sie sehen in den kalten Eisenringen verloren aus. Diese, meine Hände, sind entmachtet, entzaubert, kastriert und saudreckig.
Ich sitze im Jeep und denke an Holger. Er wurde eine Stunden vor mir gestellt.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder