Flüchten, fliehen oder Feuer mit Feuer bekämpfen? Die Frage, wie man sich dem Schmerz stellen soll, beantwortet Gastautor Bjørn Winter in einer bildmächtigen Parabel.

Flüchten, fliehen oder Feuer mit Feuer bekämpfen? Die Frage, wie man sich dem Schmerz stellen soll, beantwortet Gastautor Bjørn Winter in einer bildmächtigen Parabel.

Zwei Mal im Jahr suchen im Rahmen unseres novum Verlag Wortwechsel Geschichtenwettbewerbs die besten Gedichte, Kurzgeschichten und Texte aller Genres von Autoren und allen, die es werden wollen. Im Winter 2025 haben wir zu einfallsreichen Beiträgen zu dem sengenden Titel „Sonnenglut“ aufgerufen. Mit einer Geschichte, die uns dazu ermutigt, uns dem Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten zu stellen, hat uns Autor Bjørn Winter überzeugt. Die Kurzgeschichte des Autors finden Sie ab sofort in unserer neuen Anthologie novum #18, die eine Sammlung kurzweiliger, gefühlvoller Texte für jede Stimmung enthält. Nebst Beiträgen von Dieter Hallervorden, Katy Karrenbauer, Markus Majowski und Nicolai Tegeler befindet sich Bjørns Winters hitzige Parabel in bester Gesellschaft. Doch auch hier am Blog können Sie die Geschichte unseres begabten Gastautors lesen, kurz die Augen schließen und die Sonne auf Ihrem Gesicht spüren.


»Sonnenglut«, von Bjørn Winter

Diese Parabel ist keine abgeschlossene Geschichte, sondern eine Spur im Staub, ein Licht auf dem Weg, ein Zeichen für jene, die sich der Wahrheit stellen. Sie soll gelesen, durchschritten, hinterfragt und – mit Respekt für das Unausweichliche – in Gedanken weitergetragen werden.

Gewidmet allen, die der Glut standhalten.

Die Sonne kennt kein Mitleid.
Sie brennt,
bis der Schatten vergeht,
bis die Masken schmelzen,
bis nur das bleibt,
was wirklich ist.
Die Wahrheit ist kein kühler Ort.
Kein Schutz. Kein Trost.
Sie leuchtet gnadenlos,
sie zeigt, was war,
was sein könnte, und was nie gewesen ist.
Die Sonne brennt,
doch du entscheidest,
ob du Asche wirst –
oder Licht.

Zwischen Staub und Licht

Die Straße war eine Linie aus Staub und Licht. Links und rechts flirrende Felder, starres Korn ohne Wind. Die Sonne stand hoch, brannte schwer und unbeirrbar. Der Himmel, ein leergefegtes Blau, als hätte jemand jede Wolke ausradiert. Er hätte es vermeiden können. Hunderte Male. Es gab immer eine Abzweigung, eine geschlossene Tür, bevor die Hitze ihn erreichte. Jetzt gab es keine Wahl mehr – es sei denn, er bliebe stehen. Aber das war keine Wahl, nicht wirklich. Also ging er weiter. Und die Sonne wartete.

Er wusste nicht, wann er aufbrach. Gestern? Vor Jahren? Vielleicht war er nie losgegangen – nur aus dem Versteck getreten. Nun war er hier, auf einem Weg, der nichts anderes war als eine Antwort, die lange auf sich warten ließ. Er hatte geglaubt, es gebe einen anderen Weg. Einen, der nicht durch das Feuer führt. Doch die Sonne kannte keine Gnade. Sie nahm, was schwach war. Sie schmolz, was nicht fest war. Und sie ließ nur das übrig, was wahrhaftig war. Die Sonne brennt, bis nichts mehr bleibt, was nicht wahr ist. Das wusste er. Und trotzdem ging er weiter. Sie war eine Zumutung. Sie passte in keine Schublade. Sie brannte.

Die Frau mit dem Schleier 

Er sah sie schon von Weitem. Eine dunkle Gestalt am Straßenrand, reglos hockend, in ein schweres Tuch gehüllt. Staub lag auf dem Stoff, als wollte die Sonne beweisen, dass sich nichts vor ihr verbergen konnte. »Komm«, flüsterte sie.»Setz dich zu mir.« Er blieb stehen. »Warum?«

»Hier ist es kühler. Hier ist die Sonne nicht so nah.« Sie zog den Schleier tiefer ins Gesicht, ihre Stimme dünn, als sei sie lange nicht mehr benutzt worden. »Die Sonne tut weh«, sagte sie. »Sie brennt.« Er betrachtete sie. Der Stoff lag schwer auf ihren Schultern, zitterte kaum unter ihrem Atem.

»Du kannst dich nicht für immer verstecken«, sagte er.
»Ich muss nicht für immer«, flüsterte sie. »Nur bis es vorbei ist.«
»Und wann ist es vorbei?«
Sie schwieg lange. Dann: »Wenn ich es nicht mehr fühle.« Er sah sie lange an. Dann ging er weiter. Hinter ihm saß sie still, verborgen im Stoff, der keine Antwort auf die Hitze hatte.

Der Mann mit der Fackel

Ein Stück weiter stand ein Mann. Sein Hemd offen, die Haut glänzend vom Schweiß. In der Hand eine brennende Fackel.
»Ich wusste, dass du kommst«, rief er.
»Wusste ich das auch?« Der Mann lachte.
»Die Sonne ist ein Feind«, sagte er. »Also verbrennen wir zurück.«
Er schwang die Fackel. Die Flamme loderte gierig auf, ein verzweifeltes Gegenleuchten gegen das riesige Feuer über ihnen.
»Du kämpfst mit Feuer gegen Feuer«, sagte der Wanderer.
»Ja«, grinste der Mann. »Und ich werde nicht verlieren.« Dann schleuderte er die Fackel ins Korn. Das Feuer sprang auf, züngelte an den Halmen entlang, ein ungeduldiges Tier auf der Jagd. Er glaubte, er könnte sich mit Feuer schützen – aber Feuer kennt keine Verbündeten. Der Wind blieb aus. Die Sonne brannte. Und als die Flammen den Mann erreichten, als sie an seinen Armen leckten, seine Brust hinaufstiegen, schrie er auf. Er versuchte, das Feuer abzuschütteln. Doch es war nicht das Feuer, das ihn verbrannte. Es war er selbst. Der Wanderer ging weiter.

Der alte Mann mit dem Spiegel

Weiter vorne stand ein alter Mann. In der Hand ein kleiner, zerkratzter Spiegel, als hätte er zu lange in der Hitze gelegen.
»Du bist weit gegangen«, sagte der Alte. »Aber du brauchst nicht weiter. Sieh hier hinein.«
Der Wanderer blieb stehen. 
»Ich kenne mein Gesicht.« 
»Kennst du es wirklich?« Er sah hinein. Und sah – nur Flackern. Verzerrte Konturen, die sich nicht zu einer Gestalt fügten. »Warum bin ich nicht zu sehen?« Der Alte betrachtete ihn lange, dann hob er den Spiegel etwas höher.
»Weil du dich noch festhältst.« 
»Woran?« 
»An dem, was nicht mehr ist.« Der Wanderer sah in das Flackern, das ihn nicht greifen konnte. Er spürte die Sonne auf seinem Rücken.
»Und wenn ich loslasse?« Der Alte senkte den Spiegel.
»Dann brauchst du ihn nicht mehr.« Der Wanderer blinzelte. Einen Moment lang sah er noch das Flackern. Dann ließ er es hinter sich und ging weiter.

Wenn nichts mehr schützt

Die Hitze wurde mit jedem Schritt schwerer. Doch er drehte sich nicht um. Er erinnerte sich an einen Satz, ein Echo aus einer Zeit, als die Sonne noch keine Prüfung war: Die Wahrheit ist das, was bleibt, wenn nichts mehr schützt. Er dachte an die Frau, die sich vergrub, an den Mann, der sich wehrte, an den Alten, der im Spiegel suchte. Drei Wege, die nicht hinausführten. Was, wenn es einen vierten gibt?

Das Kind mit den offenen Händen

Am Ende des Weges, wo die Luft am heißesten flimmerte, stand ein Kind. Es trug nichts. Kein Tuch. Keine Fackel. Keinen Spiegel. Es stand einfach nur da. Die Arme offen. Die Augen direkt auf die Sonne gerichtet. Der Wanderer blieb stehen.

»Tut es dir nicht weh?« fragte er.
Das Kind lächelte. »Warum sollte es?«
»Sie brennt.«
»Nicht für das, was wahr ist.« Er sah auf seine Hände. Sah die Haut, die sich gespannt anfühlte, die Blasen, den Schweiß. Sah die Jahre darin, das Zögern, das Verbergen, das Kämpfen.
»Ich…«, begann er. Doch die Worte waren zu schwer. Das Kind hob eine Hand.
»Lass los.«

Er atmete tief ein. Die Glut füllte ihn aus, lief durch ihn hindurch. Er ließ es zu. Die Angst fiel von ihm ab. Die Hitze blieb. Doch sie zerriss ihn nicht mehr. Sie war kein Feind. Sie war Wahrheit. Er hob den Kopf. Die Sonne war nicht mehr ein glühendes Auge. Sie war nicht Strafe. Nicht Zorn. Sie war einfach da. Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war das Kind verschwunden. Aber über ihm stand die Sonne. Und er wusste, dass sie ihn nicht mehr zerstören konnte. Denn wer sich selbst dem Feuer stellt, dem wachsen Flügel aus der Glut.

Auch Sie wollen Ihre Kurzgeschichte, Ihr Gedicht oder vielleicht auch einen Auszug aus Ihrem aktuellen Buch veröffentlichen? Bewerben Sie sich hier für unsere nächste novum Anthologie und gewähren Sie der Welt einen kleinen Einblick in Ihr Werk.

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Ihr novum Verlag


Über das Buch

Titel: „novum #18 Volume 1“ & „novum #18 Volume 2“ & „novum #18 Volume 3“ & „novum #18 Volume 4“ & „novum #18 Volume 5“ 
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Lebensbereichen vereinen sich in diesem Band. Ihre Geschichten, Sachtexte und Gedichte bilden einen Vielklang an Stimmen der Gegenwart und bieten persönliche Erfahrungen, bewegende Momente und kritische Blicke.
Seitenanzahl: 240 (Volume 1) & 242 (Volume 2) & 228 Seiten (Volume 3) & 228 Seiten (Volume 4) & 228 Seiten (Volume 5)
ISBN: 978-3-7116-1164-2 (Volume 1) &
978-3-7116-1165-9 (Volume 2) & 978-3-7116-1166-6 (Volume 3) & 978-3-7116-1167-3 (Volume 4) & 978-3-7116-1166-6 (Volume 5)
Preis: € 20,90

Die novum #16 Anthologie ist in insgesamt fünf Teilen erschienen. Die Kurzgeschichte von Yasmine Meier wurde in Band 4 abgedruckt. Hier geht es zur Buchbestellung von:

• Volume 1
 Volume 2
• Volume 3
 Volume 4

• Volume 5


Über den Autor

Bjørn Winter studierte Germanistik und Philosophie. Er schreibt, um Fragen freizulegen, die unter Antworten verborgen liegen. Sprache ist für ihn Feuer, Übergang und Prüfung zugleich. Inspiriert von Camus, Bachmann und Enzensberger sucht er in der Literatur keine Gewissheiten, sondern Glut. Sonnenglut ist sein Versuch, dem Unvermeidlichen standzuhalten – eine Einladung, der Hitze nicht auszuweichen.