Und plötzlich wurde die Nacht zum Tag – einem Tag, den sie nie wieder vergessen sollten. Gastautorin Coralie Niang fängt ein Problem unserer Zeit in einer beklemmenden Kurzgeschichte ein.

Zwei Mal im Jahr suchen im Rahmen unseres novum Verlag Wortwechsel Geschichtenwettbewerbs die besten Gedichte, Kurzgeschichten und Texte aller Genres von Autor*innen und allen, die es werden wollen. Im Sommer 2023 haben wir zu einfallsreichen Beiträgen zum Impulswort „Sommerrausch“ aufgerufen. Mit einer Geschichte, die näher an der erschreckenden Realität kaum sein könnte, hat uns Autorin Coralie Niang überzeugt. Die Kurzgeschichte der Autorin finden Sie ab sofort in unserer neuen Anthologie novum #15, die eine Sammlung kurzweiliger, gefühlvoller Texte für jede Stimmung enthält. Doch auch hier am Blog wartet die Geschichte schon auf Sie, um stellvertretend das Schweigen von Opfern zu brechen, die vielleicht nie sprechen werden.

»Sommerrausch«, von Coralie Niang

Es waren beinahe gehässige Blicke, die sie uns zuwarfen, weil wir in die schnelle Warteschlange eingeteilt wurden. Die Gruppe hinter uns wartete schließlich schon seit Stunden. Immerhin hatten Sheila und ich fast das Doppelte bezahlt, damit wir zu den ersten gehörten, die die Seilbahn betreten durften. Diese fuhr uns in rasantem Tempo, eingequetscht zwischen alkoholisierten Jugendlichen und grölenden Fans, den steilen Hügel hinauf, auf welchem alljährlich das beliebteste Festival unserer Stadt durchgeführt wird. Das Gurtenfestival.

Endlich oben angekommen, schon vergaß ich alles um mich herum. Eine künstlich aufgebaute Welt aus allem, was uns an diesem Wochenende Spaß bereiten sollte, legte sich uns zu Füßen. „Wo wollen wir als Erstes hin?“, fragte ich Sheila und klatschte dabei aufgeregt in die Hände. Meine Lieblingsband stand auf dem Programm, ich konnte es kaum erwarten. Bis es so weit war, hatten wir jede Menge Möglichkeiten, unser absehbares Gefühl von purer Freiheit in vollen Zügen zu genießen. Mit unseren VIP-Pässen hatten wir außerdem Zugang zur VIP-Lounge, von wo aus man einen erstklassigen Blick auf die Konzerte genießen konnte. Aber der Hauptgrund für meine überteuerte Investition in VIP-Tickets war die Möglichkeit auf ein Foto mit den „Yellow Sunset“ im Backstagebereich. Ich war rundum glücklich, und wie ich unschwer erkennen konnte, erging es Sheila genauso wie mir.

In ihrem hautengen, lilafarbenen kurzen Kleid und mit ihren dunklen, schulterlangen Haaren, die sie mit einem Lockenstab zu einer wallenden Mähne geformt hatte, sah Sheila atemberaubend aus. Neben ihr fühlte ich mich wie ein Bauerntrampel. Zweimal verschwand ich aufs Klo, um einen kurzen Blick in den Spiegel zu werfen. Dabei hoffte ich, dass meine äußere Erscheinung doch mehr hergab, als sie sich anfühlte. Überrascht stellte ich beim zweiten Kontrollgang fest, dass mein Gefühl und meine Erscheinung nicht übereinstimmten, und ich durchaus mit Sheila mithalten konnte. Mein Lockenkopf und die mit Rouge bepuderten Wangen machten was her. Mit gestärktem Selbstbewusstsein schwang ich mich auf die Tanzfläche des Discozeltes und badete in den Blicken der Männer, die darauf warteten, uns anzusprechen. Normalerweise bin ich schüchtern und zurückhaltend . Manchmal beneide ich Sheila um ihre Unbekümmertheit. Sie hatte noch nie Probleme damit gehabt, jemanden kennenzulernen und ihn am nächsten Tag wieder abblitzen zu lassen. Solche Erfahrungen ersparte ich mir für gewöhnlich. Aber aus irgendeinem Grund, den ich mir nicht erklären konnte, hatte ich an diesem Wochenende Lust auf ein Abenteuer. Vielleicht lag es auch einfach am Sommer und der Wärme, die automatisch die risikofreudigen Hormone aktivierten. Es war unabhängig davon höchste Zeit, mich wieder einmal zu verlieben und Schmetterlinge im Bauch fliegen zu lassen. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. Unter meinen Achseln bildeten sich Schweißflecken, ich fühlte, wie sich meine Gesichtsfarbe dem Wangenrouge anglich, so beschloss ich, mich für eine Verschnaufpause an die Bar zu setzen. „Ich bleib noch ein bisschen hier!“, deutete ich Sheilas Worte, die von den dröhnenden Bässen der Musik verschlungen wurden. Ich nickte lachend, bestellte mir einen Softdrink und wandte meinen Blick der tanzenden Menschenmenge zu. Im Nacken fühlte ich, dass ich angestarrt wurde. Ich drehte mich um, und meine Vermutung hatte mich nicht getäuscht. Glücklicherweise war der Typ, der zwar versuchte, unaufdringlich zu wirken, es ihm aber nicht gelang, ziemlich attraktiv. Ich formte ein Lächeln mit meinen mit Lipgloss bemalten Lippen. Er lächelte zurück. „Für wen bist du gekommen?“, fragte mich der Unbekannte . „Wie meinst du das?“ „Welche Band willst du sehen?“ Ich Dummerchen, natürlich ging es um die Band! „Ich will gleich ‚The Yellow Sunset‘ bewundern! Ich bin vermutlich ihr größter Fan!“ Der blondgefärbte Knopfaugentyp nickte mit einem Lächeln und stellte sich als Benjamin „aber du kannst ruhig Benny zu mir sagen“ vor. „Ich heiße Mathilda.“

Benjamin-Benny und ich unterhielten uns. Er schien ein lustiger Typ zu sein. Zumindest brachte er mich in so kurzer Zeit erstaunlich viel zum Lachen. Dazu waren da seine großen braunen Knopfaugen, mit denen er mich ruckzuck um den Finder wickelte. Sheila tanzte mittlerweile nicht mehr allein. Kurze Zeit später kam sie in Begleitung ihrer neuen Bekanntschaft zu uns an die Bar herüber. Gegenseitiges Begrüßen und Kennenlernen ging vonstatten. Dabei schien mir, als ob sich unsere beiden Jungs schon kennen würden. Aber ich machte mir keine weiteren Gedanken dazu. „Mist es ist schon 22 Uhr! In fünfzehn Minuten spielen die Sunset!“, stellte ich erschrocken fest. „Dürfen wir euch vorher noch zu einem Drink einladen?“, fragte mich Benny. Meinetwegen! Aber bitte ein Turbodrink. Ich wollte die Show auf keinen Fall verpassen. Sheila und ich standen bereits auf, warteten auf die Jungs, die ebenfalls VIP-Tickets besaßen, bis sie unsere Drinks besorgt hatten, und eilten danach mit ihnen Richtung Lounge. Ich konnte mir ein Kreischen nicht verkneifen, als das Gitarrenriff aus den Boxen dröhnte. Eine jubelnde Menschenmenge streckte ihre Hände zur Bühne. Mich durchfuhr ein Kribbeln im ganzen Körper, mein Herz pochte. Benny legte seine Arme um meine Schultern, schob sein Glas zum Anstoßen in meine Richtung. Ein lautloses Zusammenstoßen unserer Drinks und ein vielversprechendes Kreuzen unserer Blicke folgten. In einem Zug befeuchtete ich meine ausgetrocknete Kehle, stellte dann fest, dass mein Getränk mit einer ordentlichen Portion Alkohol versehen war, ignorierte mein mich warnendes Bauchgefühl und gab mich der Musik hin.

„Aua!“ Ein Plastikbecher traf meinen brummenden Schädel. Ich lag ohne Schuhe auf dem Boden, mitten auf einem Teppich aus Abfall, Erbrochenem und Schlamm. Es schien morgen in der Früh zu sein und ich fand mich vor der Hauptbühne des Festivalgeländes wieder. Wo war Sheila? Höllische Kopfschmerzen erschwerten mir es, die Augen zu öffnen. Langsam rappelte ich mich auf. Meine Beine trugen mich wackelig über das schlachtfeldähnliche Gelände. Angestrengt versuchte ich, mich daran zu erinnern, was geschehen war. Benny! Aber wo war Sheila? Sie war doch mit einem Typen zusammen gestern Abend! Überwältigt von einer plötzlichen Angst, war ich auf einmal hellwach. Meine Tasche mitsamt meinem Handy und Geldbeutel waren verschwunden. Panik kroch durch meine Glieder. Krampfhaft versuchte ich mir, einen Reim auf den gestrigen Abend zu machen – erfolglos. Als ich beim Food Truck vorbeilief, blitzte ein Erinnerungsfetzen auf. Benny, Sheila, ihr Typ und ich hatten hier etwas gegessen nach dem Konzert. „Geile Show!“, rief ein Mann hinter dem Foodtruck-Tresen zu mir. Geile Show? Ich war mir nicht sicher, ob ich seine Antwort auf meine Frage „Was meinen Sie damit?“ hören wollte . Stattdessen erkundigte ich mich, ob er zufälligerweise meine Begleitung gesehen hatte. „Wie, du weißt nichts davon? Es war gestern in aller Munde!“

Nun rang ich mich doch noch dazu, den Truckbetreiber über den gestrigen Abend auszufragen. „Na sowas! Wie kannst du denn vergessen haben, dass du gestern DER STAR auf dieser Bühne warst! Na ja, Singen ist nicht deine Stärke, muss ich zugeben, aber Tanzen… Damit hast du schon alle beeindruckt. Mir kam zu Ohren, dass du nicht mit den ‚Yellow Sunset‘ mitfahren wolltest, nachdem du und deine Freundin hinter der Bühne noch ziemlich wild gefeiert habt. Aber deine Freundin ist mitgefahren.“ Mir hing der Kinnladen runter. „Aber was ist mit Benny und diesem anderen Typen? Kennst du die?“ „Benny und Curtis gehören zur Crew der ‚Sunset‘. Die sind dafür zuständig, ein paar nette Mädels für die Aftershowparty aufzugabeln.“

Dem Foodtruckler entglitt ein hämisches Grinsen. Hieß das, die zwei Jungs baggerten uns mit der Absicht an, uns nach dem Konzert an die hungrigen Haie zu verfüttern? Mir schauderte es. Das einzig Beruhigende war, dass Sheila vermutlich nicht gekidnappt wurde, sondern sich in einem Hotelzimmer eines Stars aufhielt. Wobei gekidnappt oder unter Drogeneinfluss verführt kaum einen Unterschied machte. Ich fand heraus, in welchem Hotel die „Yellow Sunset“ übernachtet hatten. Aber laut der Hotelbetreiber waren sie anscheinend schon längst abgereist. „Ja, eine junge, dunkelhaarige Frau war dabei. Sie verließ das Hotel jedoch gegen vier Uhr morgens in Begleitung eines Mannes“, informierte mich die Rezeptionistin des Hotels. Ein Knoten bildete sich in meiner Magengegend. Wo konnte Sheila sein? Zwei Tage lang vergingen, bis wir alle möglichen Bekannten kontaktiert hatten. Sheila hatte sich bei niemandem gemeldet und sie war auch nicht erreichbar. Inzwischen war die Polizei involviert. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass ihr womöglich etwas Schlimmes passiert war. Über die sommerliche Leichtigkeit, die ich am Anfang des Festivals verspürte, hatte sich über Nacht ein dunkler Schleier gelegt.

Auch Sie wollen Ihre Kurzgeschichte, Ihr Gedicht oder vielleicht auch einen Auszug aus Ihrem aktuellen Buch veröffentlichen? Bewerben Sie sich hier für unsere novum Anthologie #16, die im Sommer 2024 im novum Verlag erscheint.

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Über das Buch

Titel: „novum #15 Volume 1“ & „novum #15 Volume 2“ & „novum #15 Volume 3“ & „novum #15 Volume 4“ 
Herausgeber: Wolfgang Bader
Inhalt: Die Einblicke in die literarische Vielseitigkeit sind ein wesentliches Kennzeichen der neuesten Ausgabe der novum Anthologie. Sie umfasst ein buntes Potpourri an verschiedensten Themen, Stilen und Genres – und bietet damit einen Lesegenuss auf jeglicher Ebene.
Seitenanzahl: 172 (Volume 1) & 172 (Volume 2) & 206 Seiten (Volume 3) & 194 Seiten (Volume 4)
ISBN: 978-3-99146-761-8 (Volume 1) & 978-3-99146-762-5 (Volume 2) & 978-3-99146-763-2(Volume 3) & 978-3-99146-764-9 (Volume 4)
Preis: € 18,90

Die novum #15 Anthologie ist in insgesamt vier Teilen erschienen. Die Kurzgeschichte von Coralie Niang wurde in Band 2 abgedruckt. Hier geht es zur Buchbestellung von:

• Volume 1
 Volume 2
• Volume 3
 Volume 4