Zeitformen im Roman: Präteritum oder Präsens?

Frau mit Gedanken Buch schreibt

Wer mit dem Schreiben eines Romans beginnt, steht früher oder später vor einer scheinbar einfachen Frage: Soll die Geschichte im Präteritum oder doch besser im Präsens erzählen? „Sie ging zur Tür“ klingt anders als „Sie geht zur Tür“. Inhaltlich kann beides dasselbe bedeuten. Trotzdem verändert die Zeitform, wie eine Geschichte wirkt und wie nahe der Leser am Geschehen und an einer Figur ist.

Grundsätzlich gibt es hier keine richtige oder falsche Entscheidung, denn beide Zeitformen sind gleichermaßen gebräuchlich und funktionieren. Entscheidend ist letzten Endes, welche Wirkung mit der erzählten Geschichte beim Leser erzielt werden soll und ob die letztlich gewählte Zeitform auch bis zum Ende konsequent durchgehalten wird.

Präteritum: Der klassische Erzählton

Das Präteritum ist die traditionelle Erzählzeit des Romans. Viele Leser sind damit von klein auf vertraut. „Anna öffnete das Fenster. Draußen regnete es. Sie sah auf die Straße und wartete.“ Die Handlung liegt sprachlich in der Vergangenheit, und genau dadurch entsteht ein gewisser Abstand zum Geschehen.

Dieser Abstand muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Das Präteritum eignet sich besonders gut für umfangreiche Erzählungen, historische Romane, Familiengeschichten oder Geschichten, in denen eine Entwicklung über längere Zeit verfolgt wird. Auch bei einem auktorialen oder personalen Erzählstil wirkt es häufig sehr natürlich.

Ein weiterer Vorteil liegt in der zeitlichen Orientierung. Gerade wenn ein Roman zwischen verschiedenen Zeitebenen wechselt, kann das Präteritum dabei helfen, die Handlung klar zu strukturieren. Allerdings muss dann mit den weiteren Zeitformen sorgfältig gearbeitet werden. Für Ereignisse, die noch vor der eigentlichen Erzählebene liegen, kommt beispielsweise das Plusquamperfekt ins Spiel.

„Als Anna am Bahnhof ankam, war der Zug bereits abgefahren. Sie hatte sich verspätet, weil ihr Auto am Morgen nicht angesprungen war.“

Hier wird deutlich: Das Präteritum erzählt die Haupthandlung, während das Plusquamperfekt auf etwas verweist, das davor passiert ist.

 

 

Präsens: Näher dran am Geschehen

Das Präsens hat in der modernen Literatur deutlich an Bedeutung gewonnen. „Anna öffnet das Fenster. Draußen regnet es. Sie sieht auf die Straße und wartet.“ Die Geschichte scheint unmittelbar vor den Augen des Lesers stattzufinden.

Genau darin liegt die größte Stärke des Präsens. Es kann Tempo und Unmittelbarkeit erzeugen und eignet sich deshalb besonders für spannende, dynamische oder sehr gegenwartsnahe Geschichten. Auch viele Jugendromane, Thriller und literarische Romane nutzen diese Erzählform.

Das Präsens kann außerdem gut funktionieren, wenn eine Geschichte stark an die Wahrnehmung einer einzelnen Figur gebunden ist. Der Leser erlebt dann nicht nur, was passiert, sondern hat stärker das Gefühl, gemeinsam mit der Figur im jeweiligen Moment zu sein.

Dabei sollte man allerdings nicht glauben, dass Präsens automatisch mehr Spannung erzeugt. Ein langweiliger Satz wird nicht dadurch spannend, dass er im Präsens steht. Spannung entsteht vor allem durch Konflikte, Informationen, Erwartungen und die Frage, was als Nächstes passiert. Die Zeitform kann diese Wirkung unterstützen, aber sie kann sie natürlich nicht ersetzen.

 

Zeitformen im Roman - Bild mit Computer und Maschinenschreiber

Wie unterscheiden sich die beiden Varianten?

Nehmen wir dieselbe Szene:

Präteritum:
„Paul stand vor dem Haus und sah auf die dunklen Fenster. Irgendetwas stimmte nicht. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer.“

Präsens:
„Paul steht vor dem Haus und sieht auf die dunklen Fenster. Irgendetwas stimmt nicht. Er zieht sein Handy aus der Tasche und wählt ihre Nummer.“

Die Handlung hat sich kaum verändert. Trotzdem wirkt die zweite Variante unmittelbarer. Die erste klingt stärker nach einer erzählten Geschichte, die zweite stärker nach einem Geschehen, das gerade stattfindet.

Welche Fassung besser ist, hängt vom Roman ab. Ein melancholischer Familienroman kann vom ruhigeren Ton des Präteritums profitieren. Ein Thriller, der seine Hauptfigur durch eine gefährliche Situation begleitet, kann durch das Präsens an Unmittelbarkeit gewinnen. Das sind allerdings keine festen Regeln. Auch ein Thriller kann hervorragend im Präteritum funktionieren, ebenso wie ein Familienroman im Präsens.

Die Erzählperspektive ist wichtiger als die Zeitform

Bei der Entscheidung für Präteritum oder Präsens sollte man deshalb nicht nur auf die Zeitform schauen. Mindestens genauso wichtig ist die Erzählperspektive.

Wer erzählt die Geschichte? Erleben wir alles aus der Sicht einer Figur? Wissen wir mehr als die Hauptfigur? Wechselt die Perspektive zwischen mehreren Figuren?

Eine sehr eng geführte personale Perspektive kann beispielsweise im Präsens besonders unmittelbar wirken:

„Mara hört Schritte im Flur. Sie hält den Atem an. Die Tür bewegt sich. Jemand steht auf der anderen Seite.“

Im Präteritum entsteht eine etwas andere Wirkung:

„Mara hörte Schritte im Flur. Sie hielt den Atem an. Die Tür bewegte sich. Jemand stand auf der anderen Seite.“

Beide Versionen können funktionieren. Die entscheidende Frage lautet: Welche Erzählhaltung passt zur Geschichte?

Wann sollte man sich für das Präsens entscheiden?

Präsens kann eine gute Wahl sein, wenn die Geschichte stark vom unmittelbaren Erleben lebt. Das gilt etwa für Geschichten mit hohem Tempo, intensive Ich-Erzählungen oder Handlungen, bei denen der Leser möglichst nah an der Hauptfigur bleiben soll.

Auch wenn eine Geschichte bewusst den Eindruck erwecken soll, dass die Ereignisse gerade passieren, bietet sich das Präsens an. Das kann beispielsweise bei einem Roman interessant sein, der sehr stark mit Gedanken, Wahrnehmungen und spontanen Reaktionen arbeitet.

Ein weiterer Vorteil: Das Präsens kann sprachlich sehr direkt sein. Gerade bei einem jüngeren Publikum oder einem modernen, reduzierten Erzählstil kann das gut passen.

Allerdings gibt es eine typische Schwierigkeit: Rückblicke müssen sprachlich sauber kenntlich gemacht werden. Wenn die eigentliche Handlung im Präsens steht, wird für Vorzeitigkeit häufig das Perfekt verwendet.

„Ich sitze noch im Auto, als ich mich plötzlich an unseren letzten Streit erinnere. Wir haben uns vor drei Tagen getroffen.“

Je komplexer die zeitlichen Ebenen werden, desto wichtiger ist es, dass der Leser jederzeit erkennen kann, wann etwas passiert.

Wann ist das Präteritum die bessere Wahl?

Das Präteritum ist eine sichere und vielseitige Erzählzeit. Es bietet sich an, wenn der Roman eher klassisch erzählt wird oder wenn eine größere zeitliche Distanz zum Geschehen gewünscht ist.

Besonders praktisch ist es bei Geschichten mit zahlreichen Rückblenden und unterschiedlichen Zeitebenen. Durch die Kombination von Präteritum und Plusquamperfekt lassen sich zeitliche Verhältnisse häufig sehr klar darstellen.

Auch für Autoren, die unsicher sind, ob das Präsens zum eigenen Stil passt, kann das Präteritum zunächst die bessere Wahl sein. Es ist nicht altmodisch und keineswegs weniger modern. Entscheidend ist die erzählerische Umsetzung.

Der häufigste Fehler: Unbeabsichtigtes Wechseln

Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Zeitform nicht bewusst gewählt wurde. Ein Text beginnt beispielsweise im Präteritum:

„Lisa ging zur Küche und stellte die Tasse auf den Tisch.“

Einige Seiten später steht plötzlich:

„Sie sieht aus dem Fenster und denkt an den vergangenen Sommer.“

Solche Wechsel können natürlich ein Stilmittel sein. Wenn sie aber unbeabsichtigt entstehen, wirken sie schnell wie ein handwerklicher Fehler und können den Lesefluss stören.

Deshalb lohnt es sich, nach dem ersten Entwurf gezielt auf die Zeitformen zu achten. Besonders bei langen Manuskripten verliert man beim Schreiben leicht den Überblick. Ein Wechsel kann durch eine Überarbeitung, eine neue Szene oder einen später eingefügten Absatz entstehen.

Es gibt keine Pflicht zur Einheitlichkeit – aber eine Regel

Ein Roman muss nicht zwingend durchgehend nur eine Zeitform verwenden. Rückblenden, Erinnerungen oder besondere erzählerische Situationen können einen Wechsel erforderlich machen.

Die wichtigste Regel lautet deshalb nicht „Immer Präteritum“ oder „Immer Präsens“, sondern: Jeder Wechsel sollte einen nachvollziehbaren Grund haben.

Wenn die Zeitform wechselt, sollte der Leser verstehen können, warum. Ein Wechsel von der Gegenwart in eine Erinnerung kann beispielsweise sehr sinnvoll sein. Ein zufälliger Wechsel innerhalb einer Szene dagegen meistens nicht.

Ein einfacher Test für die Entscheidung

Wenn Sie gerade an einem Roman arbeiten und sich nicht entscheiden können, probieren Sie etwas sehr Praktisches: Schreiben Sie dieselbe Szene einmal im Präteritum und einmal im Präsens. Nicht nur zwei oder drei Sätze, sondern ungefähr eine halbe bis eine ganze Seite.

Lesen Sie anschließend beide Fassungen laut vor.

Bei welcher Version klingt die Stimme der Geschichte natürlicher? Welche Fassung passt besser zur Hauptfigur? Wo entsteht die gewünschte Nähe? Wo fühlt sich der Text weniger angestrengt an?

Oft zeigt sich die Antwort erstaunlich schnell.

Hilfreich ist außerdem, sich einige Fragen zu stellen: Soll die Geschichte eher erzählt oder unmittelbar erlebt wirken? Wie nah soll der Leser an der Hauptfigur sein? Gibt es viele Rückblenden? Wie komplex ist die zeitliche Struktur? Und vor allem: Passt die Zeitform zum gesamten Stil des Romans?

Präteritum oder Präsens? Die kurze Entscheidungshilfe

Wer eine klassische, ruhige oder über mehrere Zeitebenen angelegte Erzählung schreibt, ist mit dem Präteritum häufig gut beraten. Es ist vertraut, flexibel und für nahezu jedes Genre geeignet.

Wer dagegen eine Geschichte möglichst unmittelbar, direkt und gegenwartsnah erzählen möchte, kann das Präsens ausprobieren. Es eignet sich besonders dann, wenn Wahrnehmung und unmittelbares Erleben im Mittelpunkt stehen.

Letztlich ist die Zeitform aber kein Rezept, das den Roman automatisch besser macht. Sie ist ein erzählerisches Werkzeug. Gute Texte entstehen nicht dadurch, dass man die vermeintlich modernere oder literarischere Variante wählt, sondern dadurch, dass die gewählte Form zur Geschichte passt.

Wenn Sie unsicher sind, müssen Sie sich deshalb nicht fragen: „Welche Zeitform ist richtig?“ Die bessere Frage lautet: „Welche Zeitform erzählt genau diese Geschichte auf die richtige Weise?“

Und wenn Sie beide Varianten ausprobiert haben, werden Sie die Antwort meist nicht nur theoretisch kennen. Sie werden sie beim Lesen spüren.

 In diesem Sinne: Lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf!

 

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