Das Geschehen in ihrer Handlung ist das Kernstück fiktionaler Literatur. Es ist der Teil, der ein Werk einzigartig machen und von anderen unterscheiden soll. Gleichzeitig entstehen Bücher und Geschichten nicht in einem Vakuum – es gibt seit Menschengedenken Vorlagen, Inspirationen und Strömungen, die den Dichter dabei beeinflussen, ein neues Werk zu Papier zu bringen. Da kann es schon vorkommen, dass sich Geschichten ähneln – und das oft auch aus gutem Grund. Zeit, Trends und nicht zuletzt Verkaufszahlen liefern Anhaltspunkte darauf, woran das Publikum interessiert ist, was es gerne liest und was eine Leserschaft bindet. Auf Modelle zurückzugreifen, die schon für andere funktioniert haben, scheint ein Garant für Erfolg zu sein.
Doch heute leben wir in einer Zeit, in der mehr Texte produziert werden als je zuvor, und diese schablonenhaften Konstellationen kommen daher immer öfter zum Einsatz – und nutzen sich ab. Wir stellen Ihnen drei Tropen vor, die Sie – und Ihre potenziellen Leser – wahrscheinlich schon allzu oft gesehen haben.
Die Dreiecksbeziehung
Diese Konstellation findet leicht in jede Sparte von Literatur Einzug und ist spätestens seit „Twilight“ stärker ins Bewusstsein gerückt: Charakter A ist hin- und hergerissen zwischen zwei potenziellen romantischen Partnern B und C, die ihrerseits beide auch in A verliebt sind. Die häufigste – und daher auch berechenbarste – Variante ist, dass B ein moralisch integrer, liebevoller, aber etwas langweiliger Charakter ist, während C für prickelnde Spannung oder Erotik sorgt und sich am Rand des Vertretbaren bewegt. Damit hat A die Wahl zwischen Engelchen und Teufelchen, zwischen Vernunft und Impulsivität, zwischen Sicherheit und Abenteuer.
Wenn eine solche Dreiecksbeziehung Teil Ihrer Geschichte sein soll, fragen Sie sich, wie Sie vom Altbekannten abweichen können. Finden Sie andere Eigenschaften und Unterschiede zwischen B und C, um von der oben beschriebenen Gegenüberstellung abzuweichen. Oder bauen Sie noch weitere Ecken in das Dreieck ein – es kann ja auch einen vierten oder fünften Charakter geben, oder vielleicht ist A zwar in B verliebt, B aber in C. Figuren können in vielerlei Beziehung zueinander gestellt werden, und hier gibt es noch viel Raum für neue Aufstellungen.
Der Durchschnittsheld
Denken Sie an eine beliebige Sage oder ein Volksmärchen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass die Hauptakteure darin entweder von königlichem Blute sind – oder normale, ärmliche Leute, die im Lauf der Geschichte große Schätze entdecken, schreckliche Unwesen bezwingen und die Welt verändern.
Eine Geschichte vom Aufstieg einer schlecht situierten Hauptperson kann sehr erfüllend und zufriedenstellend sein. Aber sie kann genauso gut nach hinten losgehen. Wie viele der arm lebenden Mägde sind eigentlich verschollene Königstöchter, wie viele Bauernsöhne entdecken, dass sie besondere Gaben haben? Solche Wenden sind in manchen Textgattungen völlig angebracht, doch je realistischer ihre Erzählung sein soll, desto schwieriger wird es zu rechtfertigen, wenn Martina und Max Mustermann in Ihrer Geschichte plötzlich in die Lage kommen, die Firma zu übernehmen, reich zu werden oder die Welt zu verändern. Denken Sie daran, dass Ihr Lesepublikum zum größten Teil auch aus Musterfrauen und -männern besteht, die ihre Erfahrungen im Leben gemacht haben und zu drastische Abweichungen davon schnell als unglaubwürdig wahrnehmen. Dann belächeln sie die ganze Geschichte bestenfalls – vielleicht ein wenig enttäuscht darüber, dass ihnen im echten Leben kein so großes Glück zugefallen ist.

Der Auserwählte
Der oder die Auserwählte ist mit dem vorherigen Motiv nah verwandt, erfährt häufig jedoch eine fast schon mythologische Übersteigerung. Es ist gerade in Fantasy-, Young-Adult- und Science-Fiction-Literatur sehr verbreitet, dass der Hauptcharakter nicht nur durch einen glücklichen (und unglaubwürdigen) Zufall, sondern durch etwas Vages und Ungreifbares wie das Schicksal zu besonderen Fähigkeiten kommt. Nicht selten geht damit auch eine Prophezeiung einher, die die Ankunft eines Helden vorhersagt, der gegen das Böse bestehen, das Land befreien und die Bevölkerung retten wird. Um die Brücke zum Durchschnittshelden endgültig einzuzementieren, kommen diese Auserwählten dann oft auch noch aus einfachsten Verhältnissen, wo niemand sie erwarten würde.
Der Hauptcharakter hat also eine denkbar schlechte Ausgangslage, sieht sich Hindernissen und Gegnern gegenüber, die ihm deutlich überlegen sind und muss sich mit Herausforderungen herumschlagen, die jeden bis ans Äußerste treiben würden. Das alles liefert zwar genug Material, um eine Geschichte für diesen Charakter zu schreiben und ihn Prüfungen durchlaufen zu lassen, hat aber einen leicht zu übersehenden Schönheitsfehler: Wegen der Prophezeiung gibt es an keiner Stelle Zweifel am Erfolg des Protagonisten.
Das Tückische an diesem Motiv ist, dass es sich oft einschleicht, ohne dass man es will oder merkt. Selbst, wenn Sie Ihrer Geschichte keine Prophezeiung und Ihrer Hauptfigur keine besonderen Fähigkeiten zusprechen, kann es sich schnell so anfühlen, als gäbe es diese Dinge dennoch. Doch wie lässt es sich vermeiden, dass der Held zu einem Auserwählten wird? Hier gibt es ein paar Methoden: Vielleicht hat Ihr Protagonist gar keine Lust, ein Held zu sein? Oder Sie zeigen, dass er an mehreren Stellen im Lauf der Geschichte auf die Hilfe, den Rat oder gar die Rettung durch andere Charaktere angewiesen ist. Und nicht zuletzt: Lassen Sie Ihren Helden scheitern.
Nichts von den erwähnten Dingen ist per se schlecht und darf auf gar keinen Fall eingesetzt werden, doch machen Sie sich bewusst, dass anspruchsvolles Publikum einen Grund oder zumindest eine gute Erklärung dafür suchen wird, wenn es Altbewährtes wiedererkennt, und sich fragt: Ist es eine originelle Adaption oder eine eher unbeholfene Übernahme? Denken Sie an Ihre eigene Leseerfahrung, wenn Sie ein Buch aufschlagen, das mit einer Prophezeiung beginnt.
Dennoch können Sie sich natürlich Inspiration von Büchern und Konstellationen holen, um Ihre eigene, neue Geschichte zu schreiben – lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf!
Ihr novum Verlag




