(No) Drama – Die Tücken des Theaterschreibens

Frau mit weißer Maske sitzt mit einem Manuskript im Theater auf der Bühne

Die eigene Geschichte einmal vor einem Publikum aufgeführt zu sehen, das ist der Traum vieler Schriftsteller. Damit sich der erfüllt, müssen Sie nicht auf das glückliche Schicksal warten. Sie können Ihren Text schon so schreiben, dass er für die Bühne gedacht ist.

Das Theater ist eine altehrwürdige Institution in der Literatur, die der kulturellen Landschaft ihren Stempel wie kaum eine andere Kunstrichtung aufgedrückt hat. Denken Sie nur an die großen Schauspielhäuser: Die Semperoper, das Burgtheater oder das Theater Basel – und unzählige weitere. Beeindruckende Bauten, die schon alleine ihrer Architektur wegen keinen Zweifel daran lassen: Hier geschieht Großes.

Doch bevor ein Theaterstück aufgeführt werden kann, muss es erst einmal geschrieben werden. Und das führt all die großen Dramatiker – von Sophokles über Shakespeare bis Schiller – an denselben Punkt wie alle Schreibenden: zur ersten leeren Seite.

Das Drama der Bezeichnung

Bevor wir uns den Eigenheiten des Theaterschreibens zuwenden, soll hier zunächst eine Begriffsklärung vorangehen: Die literarische Gattung, zu der das Theater gehört, ist die Dramatik – eine der drei großen Gattungen neben der Epik und der Lyrik.

Gemeinhin mag die Annahme herrschen, dass ein Drama immer eine traurige, bestürzende Geschichte erzählt. Das ist aber nicht der Fall. Das Drama ist lediglich ein Überbegriff, der alle Bühnenstücke meint. Dies sagt noch nichts über den Inhalt des Stückes aus. Ein Drama kann ernst und bedrückend sein, aber auch locker und unterhaltsam. Die Gattung lässt sich daher in zwei Sparten unterteilen, die Sie bestimmt schon einmal durch das berühmte Maskenpaar – eine lachend, eine weinend – repräsentiert gesehen haben: Die Tragödie und die Komödie.

Erst diese Einteilung gibt auch Aufschluss darüber, welche inhaltlichen Tendenzen ein Theaterstück aufweist. Was gemeinhin als Drama bezeichnet wird, meint in Wirklichkeit eine Tragödie. Im modernen Kulturverständnis haben sich die Begriffe ein wenig verschoben; vor allem, wenn wir an Film und Fernsehen denken. Als Drama werden gerne Stücke oder Filme bezeichnet, die einen großen Fokus auf den starken Ausdruck von – meist traurigen oder ernsten – Gefühlen legen, während sich die Komödie als Genre fast ein wenig verselbstständigt hat. Tatsächlich gilt in der Literaturwissenschaft aber die Einteilung des Dramas in eben jene zwei Sparten: Ernste Tragödien und unterhaltsame Komödien. Der typische Theaterabend im antiken Griechenland bestand aus drei Tragödien, um das Publikum anzurühren, zu erregen und mit ernsten, philosophischen Fragen zu konfrontieren, und einer Komödie zum Abschluss, um es in guter, heiterer Stimmung zu entlassen.

Drei Theatermasken vor einem Stapel Bücher.

Die Erwartung ans Theater

Geschriebenen Theaterstücken wird – gerade wegen ihrer langen Tradition – mit einer gewissen Erwartungshaltung begegnet. Thematisch und inhaltlich sind sie natürlich so frei wie alle anderen literarischen Gattungen: Das Stück kann im römischen Senat ebenso spielen wie auf einem englischen Landhaus, in einem romantischen Dorf, genauso aber auch in einem stressigen Büro oder einer schummrigen Seitenstraße. Doch in seiner formalen Beschaffung ist das Drama an gewisse Standards gebunden.

Behalten Sie beim Schreiben immer vor Augen: Der Text soll auf der Bühne aufgeführt werden. Es gibt Schauspieler, die in Rollen schlüpfen müssen, es gibt Requisiten und Bühnenbilder, mit denen interagiert werden kann. Das Publikum besteht im wahrsten Sinne des Wortes aus Zuschauern – es kann sehen, was die Figuren tun, und hören, was sie sagen. Es kann aber nicht wissen, was sie fühlen und denken. Nicht selten bedienen sich Theaterstücke daher langer Monologe von Charakteren, in denen diese ihre Gefühlswelt darlegen können – nur so kann sie dem Publikum vermittelt werden. Daher rührt auch der Hang zu starkem, oft bewusst überspitzten Ausdruck in Gesten, Stimme oder Bewegungen – das, was gemeinhin als übertrieben und eben dramatisch bezeichnet wird. Man will dem Publikum auf dem Wege des Zusehens bzw. Zuhörens möglichst viele wichtige Eindrücke deutlich machen. Wenn eine Ihrer Figuren glücklich oder traurig sein soll, dann müssen Sie einen Weg finden, das auch auszudrücken. Häufig geschieht dies in Form von Beschreibungen oder Instruktionen an die jeweiligen Schauspieler, die im Buch vermerkt sind – die Umsetzung bleibt dann natürlich ihnen überlassen. Inspiration dafür können Sie sich durchaus von den Klassikern holen, so heißt es etwa im 4. Akt, 3. Szene von Schillers „Kabale und Liebe“:

Hofmarschall (tritt bestürzt zurück). Sie werden vernünftig sein, Bester.
Ferdinand (mit starker schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.)

Sie sehen, dass nicht nur Ferdinands „starke schreckliche Stimme“ vermerkt ist, sondern auch Tätigkeiten wie das Zurücktreten oder Ziehen des Schnupftuches, die von den Schauspielern während des Sprechens (oder unmittelbar danach) ausgeführt werden sollen. All diese Tätigkeiten und Beschreibungen können vom Publikum gesehen und wahrgenommen werden – und darauf liegt der Fokus des Theaterschreibens. Alles, was darin beschrieben steht, muss mit den Sinnen der Zuschauer erfassbar sein.

Auf dieselbe Weise können auch Requisiten oder Schauplätze beschrieben sein. Die Darstellung auf der Bühne ist natürlich von etlichen Faktoren abhängig, die unabhängig vom eigentlichen Buch sind – primär schlicht von den räumlichen Möglichkeiten des Theaterhauses. Wie detailliert die Szenerie beschrieben ist, kann daher variieren; je weniger Vorgaben Sie machen, desto mehr Freiheiten hat auch das jeweilige Theater bei der Gestaltung. Hier können Sie es halten wie Ibsen und den einzelnen Szenen ausführliche Beschreibungen des Raumes mit all seinen Einrichtungsgegenständen vorausschicken, oder Sie beschränken sich wie Shakespeare im 2. Akt, 3. Szene von „Julius Caesar“ auf das Wesentliche:

Eine Straße in der Nähe des Kapitols.
Es tritt auf Artemidorus, lesend.


Der Dramatik – und damit auch dem Theater – haftet eine etwas verstaubte, elitäre Reputation an, dabei gibt es tatsächlich unzählige moderne und innovative Ausprägungen davon; ganz zu schweigen von den vielen Stücken, die Dichtkunst und Musik paaren. Die Texte zu schreiben erfordert eine völlige Änderung der Perspektive verglichen mit dem Roman – nach dem Motto „immer an das Publikum denken“.

Probieren Sie mal aus, ein Theaterstück zu lesen! Das Genre mit all seinen Eigenheiten und seinem großen Pathos hält sicher einige Überraschungen und interessente Erfahrungen bereit. Und vielleicht inspiriert es Sie zu Ihrem eigenen Stück, das Sie eines Tages auf die Bühne bringen können – angefangen mit der ersten leeren Seite.

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