Vater und Sohn – die Reise 97

Vater und Sohn – die Reise 97

Tobias Buhr


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 330
ISBN: 978-3-903861-55-8
Erscheinungsdatum: 13.09.2022
Tobias Buhr entführt den Leser auf den Jakobsweg, den er mit seinem Sohn befahren hat. Dabei sind es die Gedanken zu religiösen und gesellschaftlichen Themen, vor allem aber zur Beziehung zu seinem Sohn, die den Leser in ihren Bann ziehen.
journal 22

VON MOISSAC NACH ST.ANTOINE
19.06.97
JEUDI,
Moissac, am Abend.

Das Jahr 96 ist vorbei; 97, dachten wir, müsse werden, was 96 gewesen ist. Es ist anders gekommen. 97 fahren wir den Rest Frankreich bis zur Garonne hinab, und von der Garonne das breite Vorgelände der Pyrenäen aufwärts, und über den PUERTO DE IBAÑETA ins erste spanische Land. Letztjahr war es eine Reise nach Frankreich gewesen; diesjahr wurde es durch Frankreich hindurch eine Reise nach Spanien. Wie’s kommt kommt’s.

Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe.

Er sprach zu ihm: Abraham!
Der antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und geh mit ihm dort auf den Berg, den ich dir nennen werde, und bring ihn als Brandopfer dar.

Gespräch unter Männern.

Also machte sich Abraham frühmorgens auf, sattelte seinen Esel, rief seinen Sohn Isaak herbei, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott nennen würde. Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem; da nahm er das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer.
So gingen beide nebeneinander.
Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham:
Vater!
Und der antwortete: Ja, mein Sohn!
Schau, sagte Isaak, hier hast das Feuer und das Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?
Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm selbst aussuchen, mein Sohn, Dieu saura bien trouver l’agneau, mon fils.

Das ist Genesis 22/1-14, und Origenes schreibt hierüber:
»Isaak sagte zu seinem Vater Abraham: Vater!

Dieser Anruf von dem Bub ist eine schlimme Versuchung für Abraham, denn der Bub ist zwölf. Einmal ist das ein kleines Kindchen gewesen, aber jetzt ist er zwölf. Ja, mein Sohn! sagt er.

Die Stimme des Sohnes, den er opfern soll, traf das Herz des Vaters. Obwohl Abraham um des Glaubens willen sich hart macht, gibt er eine mitfühlende Antwort. Denn Isaak hat gesagt, schau, hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm? Und Abraham hat entgegnen müssen: Gott wird sich das Opfer selbst aussuchen, mein Sohn. Die zögernde Antwort Abrahams bewegt mich. Ich weiß nicht, was er im Geiste schaute, da er nicht von der Gegenwart, sondern von der Zukunft sagte: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen. Der Sohn fragt nach der Gegenwart, der Vater gibt ihm eine Antwort über die Zukunft.«

Gewiss geb ich den Sohn her, wenn’s sein muss.
Aber nicht heuer.
Wie denn soll es geschehen, dass ich ihn hergebe?
Am 18.Februar 1996 war er 123 cm hoch,
sein Scheitel unter meinem Kinn.
Mein kleiner Sohn.
Heute ist er drei Finger über meinem;
es ist der 08.02.2001;
es ist fünf Jahre danach.
Damals war er auf dem Rad so langsam wie ich heute,
und ist so schnell heute wie ich seinerzeit war.

Hochnebel. Es ist bedeckt. Es ist grau, das erste Licht. Es ist MOISSAC. Im Hof der Gîte werden die Fahrräder vom Auto heruntergenommen und bepackt; Reginald ist schon seit Stunden fort, noch in der Nacht. Alle gehen los noch vor dem ersten Licht. Diese sind andere Leute als die von zuhaus. Anders als zuhaus wo das Bett mehr lockt als der Tag, lockt auf dem Weg der Weg mehr als das Bett.

Den Sohn hergeben?
und überhaupt: wem gäbe ich ihn her, bittschön?
wohinein würde er gegeben? wem würd’ er überlassen?
Und wer gäb ihm was, gäb ihm der Vater nicht was Besseres?

Psalm 105/37.
Ils offrent leurs fils et leurs filles
En sacrifice à l’abomination,
Versent leur sang innocent,
Sang des filles
Qu’ils sacrifient aux idoles,
Et la terre en est profanée
et souillée.

Die sind imstand und opfern ihre Kinder, Töchter und Söhne, überlassen sie den Einschwätzern, vergießen unschuldiges Blut, Blut von Töchtern, was die Erde besudelt und unseren Boden gemein gemacht hat.

Vorgestern Dienstag, am 17.06., unterwegs von zuhaus nach LE PUY-EN VELAY; an der Straße der seltsame Besuch auf dem Friedhof von Annecy-le-Vieux, worin das Kind liegt so wie man es hingelegt hat; dann das sich überschlagende Auto auf der A41; gegen Abend LE PUY, die Nacht bei den Schwestern; Natalie und Françoise von letztjahr, die zum Nachtessen rasch herunterkommen, um uns zu begrüßen.

Gestern, Mittwoch, 18.06., LE PUY – MOISSAC,
was Langeac, St-Flour, Murat, Aurillac, FIGEAC ist, die D13;
in Cahors die Fordgarage, der Rost an der Auspuffbüchse; die D653,
und Montcuq.

Da, jetzt, zwischen Montcuq und LAUZERTE beginnen wir die Gegend wiederzuerkennen. Solche Erkennung beginnt langsam. Anfänglich könnte es sein oder nicht sein, ähnelt bloß, dann aber ist es es. Die Anfahrt zum Stadthügel ist diesjahr anders, ist nördlicher, und wir besprechen das.

Dann, von LAUZERTE mit der D957 hinüber nach MOISSAC.
Mittwoch gegen Abend sind wir da.
Wir sind da.

Der Garagist an der Zufahrt zu MOISSAC; er wäre einverstanden, unser Auto für vier Wochen bei sich zuhause zu haben. Nicht hier an der Straße, da kommt’s weg, sagt er, sondern bei sich zuhause, oben im Land. Wir sind mit dem Rad unterwegs nach SANTIAGO; er kennt das; er ist einer von uns, ein Mitmacher; es ist ein Club; ist von dort zurückgekommen in jedermanns Leben halt, ein Garagist.

Der Barbier, des Spiegelbild wir vom Letztjahr kannten,
Schließt, wie wir da kommen, grad seine Bude zu,
Schwarze Moustache steif wie’n Büschel Sauerkrauts.
Unsre Bläser von St.Pierre nicht geben heute wieder
Ihr Konzert in dem Cloître.
Der Père Bodin gibt uns den Schlüssel für das hohe Gittertor,
Als wär’s für die vom letzten Jahr. Und an die Pizzeria
Mit dem Aquarium sind wir auch herangelaufen,
In Moissac, an dem Abend.

Reginald ist da; wir essen die drei Pizzen aus der Pizzeria mit dem Aquarium. Reginald, in der St.Pierre ist er bereits gewesen, zur Abendmesse, in der Kapelle links vorn, wo wenig Licht und Lichter waren zu der Tageszeit; den Rucksack hatte er neben sich auf der Bank. Es ist Reginald und sein Rucksack gewesen. Wir haben ihn dort nicht angesprochen, nicht begrüßt. Erkannt haben wir ihn schon, denn wir kennen das. Wir sind auch so. Auch wir sind wir, der Rucksack und das Rad.
Reginald spricht über Meister Eckhart. Ich spreche über die Th.v.A.
Sebi will ins Bett.

Natürlich ist es bloß eine Diskussion gewesen über Meister E. und Meisterin Th., bloß ein gelehrtes Gespräch gestern Abend, zwei Professoren unterwegs, und kein Event. Einmal später werden wir beginnen, richtig zu reden, so wie die reden, bei denen es geschieht.

In der Dusche steht kein Stuhl für die Kleider; und wieder nehme ich einen aus der Küche. Hätte man ihn übers Jahr stehenlassen, wie ich ihn letztjahr hingestellt habe, bräuchte man ihn jetzt nicht herzuholen. Vom Boulevard Camille Delthil herauf tönen die Geräusche der Stadt; und hinter dem Haus ist das Trasse der SNCF auf Augenhöhe in die Berglehne hineingebaut, eine Etage über der Ebene des Tarn.
GB. schreibt:

À cette heure de la nuit, la lointaine rumeur de la Place de Rennes est pathétique; à travers les ténèbres, les villes appellent d’une voix profonde. Mais comme elle râle! car la forêt, la colline, le feu et l’eau ont seuls des vrais voix, parlent un langage dont nous avons perdu le secret.

oder eben:

In der Einsamkeit und Stille dieser Nachtstunde hat das viellautige Getöse der Stadt eine feierliche Stimme. Aber ich sollte nicht von Stimme reden, denn nur Wald und Hügel, nur Feuer und Wasser haben Stimme, sprechen eine Sprache. Ihr Geheimnis ist uns verloren gegangen, wenngleich selbst das niedrigste Gemüt die Erinnerung an den bizarren Einklang von Denken und Ding nicht vergessen kann.

Der Einklang von Denken und Ding! heute haben Stimmen der Boulevard Camille Delthil zu unsern Füßen und der Zug Agen–ToulouseMatabiau in unserm Rücken; dieselbe Stimme wie vor einem Jahr; sie haben übers Jahr ihre Stimme behalten.

Na ja, Alter Freund, darf ich weißgott sagen jetzt, bin älter wie du damals, fünf Jahr älter.

Ach der Bernanos; wie sie ihn in Neuilly in den Operationssaal gefahren haben, hat er lauthals die Marseillaise gesungen; und tot haben sie ihn wieder herausgebracht. Es ist jeweils in der Fremde, dass man ganz bei sich zuhause ist, im Spital beispielsweise. Dort ist man der, der man ist. Unter dem eigenen Dach wird man mählich ein distanzierter Snob.

Nachts spät sitze ich noch ein Weilchen im kleinen Korridor am Boden. Die Gîte von MOISSAC, das ist gradaus der Tisch, an der Rückwand die Küche, links die Tür zur salle d’eau, und die zwei Schlafzimmer. Wir zwei schlafen im vorderen, Reginald im hinteren. Die Türe zu unserem Zimmer steht noch offen. Ich höre die Atemzüge Sebis. Tatsache ist, wir sind wieder zu zweit. Wir sind unterwegs. Es ist wieder soweit. Da muss ich mich noch ein stummes Weilchen im Dunkeln sitzen lassen, an die Wand lehnen, und »es« um den Türpfosten herum zu ihm ans Bett hinüber denken, was ihn im Schlaf nicht stören kann. Es sind Energiemengen, die an sein Bett fliegen, es ist Materialtransport. Das Licht, sagen die Physiker, sei ebenfalls Materialtransport, es seien Teilchen, Partikel, die herankommen. Hier, unterwegs, an diesem ersten Abend, hat mich die flüchtige Idee gepackt, dass Anderer Geist mich ebenso mit elementaren Geistteilchen beschickt. Es hat mich in die Knie gezwungen; mir mocht’es nützlich werden ab einem gewissen Alter, ab etwa 70, nach der Dekreszenz der eigenen Potenz, einem wichtigeren Geist Zugang zu schaffen. Denn, zurückkehrend nach Haus, wird man auch die, die nicht liebenswert sind, ebenso wild zu lieben haben wie Er.

Aber jetzt, heute, Donnerstag, 19.06.,
ya es hora!
es ist Zeit.
In der Morgenfrühe, nach ein paar Stunden Schlaf, schaut die Loggia vor unserer kleinen Zweizimmerwohnung hinunter in einen leeren, dichten, stillen Hof; oben geht ein Zug hin und wieder, Lastschweres mit sich führend, Fuhrwerke wie Ledischiffe, poids lourds. Unten im Hof ist das Auto zur Ruhe gebracht, vis à vis dicht an der Mauer hinter dem Cancello, so wie es le Père Bodin zugewiesen hat. Innen, hofseitig, das hohe Gittertor, außen zur Straße, die dreivier Meter hohen hölzernen Türflügel.

Mit denselben Rädern wie zehn Monate zuvor fahren wir die ersten diesjährigen Meter zur St.Pierre hinüber.

Einer französischen Gruppe wird das Tympanon erläutert, witzig und heiter, Explikationen für Bekannte und Freunde, von einem Priester, der sich auskennt; es könnte der Père Sirgant sein, der ein Buch über die Skulpturen MOISSACs veröffentlicht hat und welches hier in den Schaufenstern der Buchhandlungen liegt; wir sitzen links auf den Sockeln des Gewändes, essen da was, etwas auf den Weg. Wir sitzen unter dem Geizigen und der Wollüstigen, welche beide den Teufel als einen wüsten Tod im Rücken haben grad wie das eitle Mädchen von Stans; der Geizige hat ein Besitztum in den Fingern als wärs ein runder Bauch; die Wollüstige mit offenem Haar hat eins der Beine schön und lang, a wonderful leg; das andere ist ab. Sowie der Führer auf diese Darstellungen in unserm Rücken zu reden kommt und der Besucherhalbkreis sich uns zwei Frühstückern zukehrt, wechseln wir geschwind und verschämt auf die andere Seite hinüber.

Dort ist der Schnitzer. Er ist wieder da. Er sitzt am Boden unter der Porche, macht kleine Sachen aus Holz; ich ärgere mich jetzt im Nachhinein, ihn auch diesjahr nicht angesprochen zu haben. Er ist einer von uns und sagt kein Wort. Er hat in der alten Tradition der Armen und der Hirten die schwarze Pelerine um die Schultern; seine geschnitzten Figürchen haben um ihn herumgestanden als wärs seine Herde. Zwar ist er nicht unterwegs wie wir, sitzt jahrelang auf diesen Stufen; aber es ist derselbe Zustand unbekümmerter Auslieferung, und außerdem hat er die vom Weg alle kommen und gehen sehen. Wir wären von derselben Zunft gewesen, nur sitzt er tiefer drin, hat nicht die Mastercard, womit er am Bancomat das Geld herauslässt, und lebt täglich von dem, was in seinen umgekehrten Hut geworfen ist, denn den Preis für sein Schnitzwerk macht, hochnäsig oder mildtätig, der Kunde.

Nur berufstätige Lohnbezüger halten ihn abschätzig für einen, der halt sein Geld auf solche Weise zu machen gezwungen ist, was die falsche Idee ist in den falschen Köpfen der falschen Leute. Der Pelerinenmann ist nicht anspruchsberechtigt wie der Lohnbezüger; kauft ihm einer, gut; kauft keiner, auch gut. Er sitzt auf den Stufen zu Füßen von Leuten, die das berühmte Tympanon erklärt bekommen. Eins immerhin hatte ich ihm voraus: er ist allein, und allein ist es nur die halbe Armut. Ich habe Erinnerung an Armut zu zweit und Erinnerung an Armut allein, die in CULLAVES-SERVION zum Beispiel. Geschieht sie einem hingegen zu zweit, wird das Wenige, was man hat, obendrein geteilt. Ungeteilte Armut hat man auch schon gehabt. Ist nicht ganz ebenso schön.

Umso eher hätten wir zwei mit dem Holzschnitzer anbändeln müssen.

In SANTIAGO ist es geschehen, dass wir am späten Nachmittag mit Johannes Maria Schwarz geredet haben. Das war am 17.07.98, freitags, viernes, s’Jahr drauf. Ich hatte an dem Nachmittag zu tun gehabt, eine Komplikation mit dem Geld. Außerdem hatte ich den Rucksack Sarahs ins Seminario Menor zu fahren. Um fünf bin ich wieder da, haben wir vereinbart. Von dem Platz vor der Kathedrale geht eine enge Gasse ebenaus südwärts. An der Hausmauer hatte Johannes Maria seinen Standplatz. Vier Kartons waren an die Mauer gelehnt, worauf spanisch, französisch, englisch und deutsch geschrieben stand, er wäre den Weg von Wien bis hierher zu Fuß gekommen, hundert und einen Tag, hätte sich durchgebettelt und Geld kein gar keins mitgehabt; und jetzt bitte er die Passanten um die Rückfahrkarte. Wieviele Meilen er im Tag im Schnitt gelaufen sei, war aufgelistet, und wieviel im Total, wieviele Liter Wasser getrunken, wieviel Sonnenstunden im Gesicht, und Regentage.
Wie alt war Johannes Maria Schwarz?
siebenundzwanzig?
Er wolle Priester werden, hieß es auch noch auf den Kartons. Er trug die weisse Kutte, den Stab in der Hand, braun das Gesicht. Ein deutscher Passant wusste zu berichten, wie er gegessen hatte: Abends spät, nach Essenszeit, hätte er jeweils in den Restaurants vorbeigeschaut, gefragt, ob was übrig sei. Da ist er schon auch hereingebeten worden, hat drin gesessen mit sauberem Gedeck. In der Küche hat man’s ihm aufgetischt, aber manchmal auch nur vor die Tür gebracht. Selbst mit abgefressenen Tellern hat er sich zufriedengegeben. Er hat den Lukas 9/3 wörtlich genommen. Er hatte nichts dabei, kein Brot, keine Tasche, kein Geld, kein zweites Gewand, nur Stab und Wasserflasche, allein allerdings, und nicht zu zweit. Meine eigene Pilgerschaft hat nicht den Zehntel solcher Entschiedenheit gehabt und hat an just meinem letzten Tag beim Johannes Maria Schwarz lernen müssen, wie man es hätte machen können.

Bei ihm, am Boden zwischen den Kartons an die Mauer gelehnt, sitzt der Sebi, beim weißen Wandermönch, mein kleiner Junge, an die Hauswand gelehnt. Überhaupt nicht ist er in der Stadt herumgewesen, wie etwa in LEÓN, oder in PAMPLONA. Johannes Maria, jung, groß, lachend, braungebrannt, zäh, das hat den Sebi einen Nachmittag lang festgehalten; zärtlich denke ich an den Bub; er muss die Lauterkeit, die aus den hundert Tagen herangebrachte Lauterkeit des Mönchs gerochen haben. Was hier zu begreifen war, er hats begriffen. Hat doch so ausgesehen, als hätte ich meine Vaterschaft einem Besseren abgetreten. Im Übrigen muss es auch Sebis Kompassion gewesen sein, seine Mitleidenschaft; denn jede Münze, die in den Hut fiel, war ein Erfolg, und der Spender ging mit Sebis Wohlwollen seines Wegs. Und wer nichts gegeben hat, dem hat erʼs vorwurfsvoll hinterhergedacht.

Mendiant, c’est fort, hat einer drüber geschrieben.
Und hat es mir dann auch gesagt.
Betteln ist stark!
Sich etwas geben lassen.
À ne pas parler de Maël, futur mari d’Adeline, qui est arrivé à Jérusalem sans sous, sin blanca. Une fois on a fait huit cent francs en deux jours, hat er geschrieben;
dis donc!
Johannes Maria Schwarz, in der weissen Kutte eines moine-pèlerin, hat ebensoviel gemacht an dem Abend des 17. Man muss sich das vorstellen, wie alle die Menschen, die es da hatte an dem schönen Sommerabend, den Straßenmusikanten nicht beachtet und vis-à-vis dem weißen Pilgermönch Großzügiges eingeworfen haben. In kurzer Zeit hatte der es beisammen, achthundert Dinari. Soviel braucht’s nicht, sagt er mir; es ist Abend und Ende des Tags; er geht hinüber auf die andere Straßenseite zu dem Saxophonisten, der in dieser illustren Nachbarschaft mit seinem einnehmenden Spiel kaum eine Pesete gemacht hatte. Ohne das Geld lang herumzuzählen, teilt er das Ganze in zwei Haufen, Münzen jeder Art und Nationalität, auch Banknoten, anche carta, wie FraMichele später sagen wird, und schiebt einen davon zum Confrère Musikant.

Unter dem Narthex von MOISSAC stehen derweil die Visitateurs, die Herren im Anzug, die Damen in Jaquettekleid und weißer Bluse, »was ziehst an?« mochte am Vorabend unter ehemaligen Freundinnen telefoniert worden sein. Sehen was ist. Natürlich habe ich zuerst diese Gruppe durchgesehen, den fröhlichen Ausflug gewissen Alters an solchem Ort. Was warʼs? und was mochte es sein? gleichaltrig alle, keine Kinder, keiner am Stock; Familie also konnte es nicht sein. Aus den scherzhaften Zwischenrufen und Père Sirgants heiterem Vortrag zu schließen ist es dreißigjähriges Maturajubiläum mit kulturellem Programm, und die Damen sind nicht verehelicht mit den Herren, sieht ja jeder, sind die früheren Mitschülerinnen. Hierauf bin ich dem Finger des Führers nachgestiegen ohne von seinen Ausführungen viel zu verstehen, derart hat das ein französisches Tempo gehabt, was die einander sagten. Aber als ich anfing, seinen Hinweisen folgend ins Tympanon hinauf zu gehen, und als ich auf die Ehrfurcht der 24 fiel, auf die drei Etagen sitzender Könige, was WIR sind, denn er hat uns zu Königen gemacht Offb 1/6, woher sonst wollte man soviele Könige herhaben?, alle den Kopf wendend zu Christus zentral über ihnen. Ihre Gesichter rauschen auf, es ist nur diese eine Sache dargestellt in dem ganzen Werk, nur diese wogenden Köpfe, und auch die beiden großen Engel recken die Hälse, Wendehälse, und die 4 Tiere natürlich ebenfalls.

ps 112
Il retire le pauvre de la cendre,
pour qu’il siège parmi les princes,
parmi les princes de son peuple.

(Er hole den Stümper aus der Asche und
setze ihn mitten unter alle die Prinzen;
unter die Prinzen Seines Volkes.)

Ist ein gewichtigerer Steinmetz, der von MOISSAC, hat mehr zu sagen als der andere im abgelegenen Waldtal von CONQUES, der zu viele Geschichtchen aufs mal hat erzählen wollen; hier ist alle der Stein und der ganze Aufwand für den einen Gedanken verwendet, auf den Gedanken der Hinwendung. Jedesmal, wenn wir in MOISSAC sind, ist es nur dieses eine Ereignis, es ist die Drehung der Köpfe, die Ausrichtung. Es sind aber soviele, die das machen, 30 insgesamt, dass dem Dümmsten was auffallen muss; denn unter uns Demokraten gibts niemals 24, die alle im gleichen Moment dasselbe bewegt, und schon gar nicht Könige, erst recht nicht achthundert Jahre lang. Es ist die Differenz zwischen dem Interesse des Reporters und dem des Dichters; für einen Reporter wärs zu wenig. Für einen Dichter aber ist ein Einziges genug. Jetzt, s’Jahr drauf, fange ich an, mitzumachen bei dem Bild. Es gibt durchaus Abbilder davon in unseren Gesellschaften. Durchaus Abbilder gibt’s.
Über die Massen glückliche.
sehr erstrebenswerte.
seltene.

Als meine Ehrfurcht, was die aktive Form einer Wahrnehmung ist, zögernd anfing, sich umzutun und Einsitz zu nehmen ins Fühlen und Wirken, sagt Seba, mein Sohn:
Nem!,

stößt Sebastian in das kleine Horn der Ungeduld, bläst er zum Angriff, à l’attaque, denn, meint er, wir können hier nicht ewig herumsitzen, da gehören wir nicht hin; dai! hieß das, machen wir uns davon, auf unsere Straße.

Va, pèlerin,
poursuis ta quête.
Va ton chemin.
Que rien ne t’arrête.
Prends ta part de soleil,
et de poussière,
le cœur en éveil.

Im letzten Hascher nehme ich den Christus selbst mit, il Christo.
Seine Füße sind nicht wie Erz, im Ofen geglüht; sie sind zu klein, schwach und schwebend, stehen nicht. Das einzige Schwache an dieser Gestalt, die schweigt, und mit ihren geschlossenen Augen nicht schaut, sind die hängenden Füße. Er Selbst aber ist ein tosendes Wasser, ist nächtlich, Nacht, birgt alles wie eine Nacht. ist zum Platzen voller Absicht und Autorität, sitzt in beherrschtester Ruhe gewaltlos. Weshalb sich dann alle Köpfe zu Ihm hindrehen,
zu dem König der Könige.
Roi des rois.
Was mag das sein.
Primus inter pares triffts wohl nicht.
und dass alles Könige seien, wir alle miteinander, Er und wir, das ists wohl auch nicht. Es ist viel schöner. Mit Hammer und Meißel lässt sichs sagen, anders wohl kaum. Politische Könige jedoch haben zu eigenem Nutz und Behuf das Hofzeremoniell herausgefunden; die Bediensteten, die Beamten und Botschafter aus Übersee hatten den Saal hindersi zu verlassen, um dem zentralen Herrn niemals den Rücken zuzukehren. Man hat die blendende Herrlichkeit dem Himmel abgeguckt, und zwecks Stützung staatlicher Autorität vergleichbare Vorstellung veranstaltet. Die Herrlichkeit des Vaters aber, die Gloria Dei Patris, ist ein festliches Miteinander, worin es keine Bücklinge gibt. Und doch ist der Geist des Tympanons durchgehend von der Gestalt der Mitte geprägt, uns heranrufend zu ständiger Aufmerksamkeit, was Liebe ist.

Einfacher gesagt: Seine Herrlichkeit ist was für uns.

Wer auf Ihn schaut, hat keine Schätten im Gesicht,
qui regarde vers lui est sans ombre ni trouble au visage;
ps 33/2, was das Charakteristische der himmlischen Hofhaltung ist.

SebiSeba, dein Nem! stört mich.

Gleich zu Beginn des Jahres 97 haben sich unsere beiden Wege getrennt. Ich besinne mich gut, wann ich angefangen habe, meinen Vater zu stören. Es hat damit begonnen, dass er mir nichts Rechtes mehr hat sagen mögen. Denn ich war nun kein Kind mehr. Ich habe nicht mehr alles hören wollen. Was er mir mitgeben wollte, ist bei mir nicht mehr angekommen. Denn er hat es nicht autoritär gesagt, nicht mit Bestimmtheit, nicht mit Sicherheit, sondern sozusagen fragend. Er hat in dem Ton sozusagen meine Meinung eingeholt. Zustimmung wäre eine Sache des Herzens gewesen; Reserviertheit aber eine kritische Erwägung. Den Vater wird man mit dem Glauben los. Will sagen, wenn man ihm nicht mehr glaubt, ist man den Vater los. Was in dem Alter geschah, dass ich die faszinierende Entdeckung von ICH machte.

Nach ein paar verlassenen Fabrikgebäuden, après les silos à béton, sind wir am Canal du Midi, westwärts, flussabwärts, schnurgerade, auf dem Treidelweg, auf dem chemin de halage. Eine Gruppe älterer Wanderer, etwa fünfzehn Wanderer, treten ab dem Weg ins Gras, und wir zwei rauschen vorüber. Es sind deutsche Pilger gewesen, ein ganzer Santiagoclub, eher wohl Organisation als Freundschaft.

Dichtgrünes Weiherwasser steht im Kanal. Sagen wir, wir wüssten nicht, wozu der Treidelpfad gedient hat? und drauf die Pferde, die die Schiffe schleppten? eine Idee des 19.Jahrhunderts, die Energie für die Fortbewegung der Schiffe durch mitlaufende Pferde leisten zu lassen. Es haben diese Treidler eine Weggestalt gegeben, sag ich! einen Fahrweg konstanter Breite, auf einer Böschung immer getreulich am Kanal, so ebenaus und schnurgerade wie das nahezu stehende Wasser. Erdbewegung muss das geworden sein, Unmengen an Material, ohne unsere Maschinen im Land herumgeschoben.

Wir spielen unsere Wechsel durch, legen auf und ab die Gänge herein, wieder schnäppern die Übersetzungen vertraulich zwischen den Füssen, ein leichtes Spiel, ein in samtenes Öl gepacktes Geräusch; eine erregende Sache voller Erwartung; der eine überholt den andern, der Hintere den Vordern, der Sebi mich, und ich den Sebi, das wiedergefundene Spiel vom Vorjahr.

Einmal später, Jahre später, haben wir mit einem Schleusenwärter gesprochen. Ausschließlich Vergnügungsschiffe würden heutzutags die Kanäle befahren, und die Einnahmen decken kaum mehr den Unterhalt; ein einziges Transportschiff haben wir noch gesehen, oben im Maasgebiet, mit Baumaterialien auf Deck. Heute ist es das Design von Luxusbooten, was in dezenter Fahrt sich den Schleusen nähert; im Heck, am Steuer steht der Mann mit einer schwarzen Dächlimütze als wäre er waschechter Kapitän. Vorn am Bug, das Töchterchen, die Galionsfigur, langes Bein, schlanker Bauch, im Wind das offene Haar, und ihr BH Bedeckung nicht Stütze. Sie hat die Seile in der Hand, denn während dem Absenken des Wassers ist das Schiff festzuzurren. Bei anderem Wetter, als wie wir’s heute haben, liegt derweil oben auf dem Kabinendach die Dame des Hauses mit geschlossenen Augen an der Sonne und beachtet das Prozedere an der Schleuse nicht.

Die Wahrheit sieht man nachhaltig nur, wenn man am Arsch ist, und was Glück wäre, weiß man nur in der Hölle. Brecht hat das aus Lk 16/19, Brecht ist bibelfest.

Die Niederschrift jetzt ist ein gar halsstarriges Festhaltenwollen; es ist alles voller Wehmut, und wars damals schon, unterwegs, selbst das Pedalentreten. Ich fotografierte jedes bisschen Ort ins Gedächtnis herein, musste alle Straßenstücke, die ich mit ihm fuhr, gleichsam widerwillig in die Vergangenheit entlassen und waren mir am Kanal schon aus der Hand genommen; ich hatte sie gar nicht, nie. Was willst jetzt noch, hat jemand mal gefragt, dem ichs erzählte. Dem Bub die Treue halten, will ich.
Die Weisheit dieses Knaben
sei ewig mir ins Herz gegraben,
reimt Schikaneder in der Zauberflöte.

Die Tat hat ihren Ertrag immer sofort und gleichzeitig, der Kontemplation gelingt die Ausbeute vielleicht nie, dümpelt lange in der Sehnsucht herum, macht sich eine Mühe ins Leere hinaus und in die Kälte; kalt wird’s einem schon, aber man bekommt keine gesunden roten Backen davon, keinen warmen dampfenden Atem vor dem Mund.

Fürs Erste ist es jetzt diese Schleuse; unsere beiden Hinterräder brauchen noch zweidrei Pumpenschläge; eine Tasche sitzt noch nicht perfekt; es sind alles letztjährige Handgriffe; ohne eine Spur von Innovation.

Nach wenigen Kilometern sind wir seit Wochen unterwegs.

Unterwegs, das ist die Abstinenz von zuviel Information und im engeren Sinn die Abkehr von bloß zweidimensionalen Bildern.

Der Bub aber. Der Bub hat die Transparenz des Herzens,
le courage pur et la transparence du cœur,
clarté à l’heure du midi.
und ich?
Auf sich selbst gestellt bringt man soviel Reinheit nicht zustand.

59 Tage bin ich in seiner Lauterkeit spazieren gefahren. 59 Tage hat er mich in seiner Reinheit leben lassen. Eine gar saubere Sprache haben wir alle die Tage gesprochen, und eine andere Sprache nicht.

Bei der Schleuse geht die Straße über den Kanal. Wir sind am TARN, machen ein bisschen Départementale, und dann kommt die GARONNE dazu, dick gestaut, mit allerlei Schiffchen drauf, und hinüber die Hängebrücke mit den Backsteinpfeilern Richtung ST-NICOLAS-DE-LA-GRAVE.

Es ist sonnig jetzt, für zwei Stunden. Der Wasserspiegel der GARONNE liegt gute zwei Meter über dem umliegenden Land. Ein mächtiger Damm ist da; auf dem begleitenden Fahrsträßchen am Fuß des Damms hat man all das Wasser über dem Kopf. Hier gehört alles der Société, der SonElGas oder wie sie ähnlich heißen mag; eine Tafel hängt; es sei sévèrement interdit, und was verboten ist, muss trotzdem sein; Sebi will’s. Der flache Wind, das gekrauste weitbreite Wasser, beides großartig; Fischskelette liegen oben auf der Krone des Damms, und herwärts die Böschung herunter auf unserem Weg. Springende, zweihandgroße Fische, deren ziellosem Gezappel es manchmal gelingt, ins Wasser zurückzugeraten; andere sind landeinwärts herunter gepurzelt und da verendet, bis auf die unverdaulichen KnochenKnöchelchen von den Landratten abgenagt.

Nur aber ist die Dammböschung betoniert; schnurgerade; kilometerweit; Sebi, unten auf dem Weg macht er Beschleunigung, nimmt Anlauf, fährt massive Rechtskurven bis hinauf zur Dammkrone, als wärs die Örlikoner Radrennbahn.

Das endet am grässlichen Stauwerk, knapp vor MALAUSE, mit riesigen, verrosteten Wassertoren, hydraulischen Kraftprotzen; dass da nirgends jemand war, keine anonyme Seele, in dem ganzen Wasserstaubetrieb kein menschliches Maß, war das Erschreckende; ein unzugängliches, defensives Grundstück; ein blickloser, verrosteter Gigant; der Leichenschredder für Selbstmörder. Es gilt ernst. Es ist unumgänglich. Denn wir müssen da durch; Sebastian hat uns da hereingeritten; und das ist das Heile an der Situation, dass der Bub es will. Zwei mannshohe Gittertore sind zu überklettern samt Velos und Gepäck. Dann sind wir aus allem heraus und auf einem traulichen Fahrsträßchen wie mans gerne hat. Die Spannung ist vorbei. Erlaubtes ist angenehmer. Es ist, wie wenn nichts gewesen wäre. Jemand hat uns an den Wegrand ein paar Bäume hingelegt, da sitzen wir darauf und machen Mittag.

Garonneaufwärts zunächst nimmt uns das Sträßchen mit, Richtung ST-NICOLAS, dann aber MERLES, unter der Autobahn durch, was die A62 – E72 ist, die Autoroute-des-Deux-Mers, Autoroute-du-Midi würde man in Anlehnung an den Canal selben Namens sagen wollen; dann die D12 gekreuzt und ins Tal hineingefahren, und bald rechts hinauf nach ST-MICHEL.

Wir fragen den Kleinunternehmer nach dem Weg; er hat ein bisschen Baustelle in einem alten Haus, den Sandhaufen vor der Tür, Pflastermaschine, Werkzeuge, Zementsäcke, paar Backsteine; die Haustür steht offen, auf der Carrelage im Hausflur die Radspuren von der Kariole; in seinem Regenmantel gestikuliert er wie Baratti und lässt seine zwei Leute schuften. La vieille, sagt er uns, will etwas hereingemauert haben für wenig Geld.

BARDIGUES, aufwärts, das Dorf, und oben an der Querstraße das CHÂTEAU DE LA MOTTE.

Wir betten die Räder links an die Böschung, denn von der Stelle geht eine doppelte oder gar dreifache Allee schattend aufs Schloss zu. Es ist ein französisches Besitztum, une domaine, un manoir, mit Gartenanlagen, Kiesplatz und Axialität, mit Teichen und Treppen, Ökonomiegebäuden links und rechts, welche nicht diskret rückwärts versteckt sind, sondern dazu verwendet, an der Zufahrt jedem Empfang den entsprechenden Raum zu geben. In der Frontfassade ist eine Hälfte der himmelblauen Fensterläden geöffnet, elf von einundzwanzig genau gezählt. Ich gehe die Allee hinauf, feierlich, mittwegs natürlich, komme zurück, machs dem Seba schmackhaft: wenn t’wissen willst, was ein französischer Château ist, geh selbst.
Er lässt sich überzeugen. Er geht.

Das Gittertor, an zwei massive Mauerpfeiler gehängt, die Balustraden mit gleichviel Säulchen links wie rechts, der frontale Haupteingang paar Stufen höher, und der Dreiecksgiebel darüber, gar alles sagt die Achse aus, auch der Sebi, denn er steht darauf, geht sie geradewegs. Die Zufahrt flankieren die beiden Erdwälle; Erdaufschüttung sogar ist in den Dienst der Achse genommen, das gröbste aller zur Verfügung stehenden Baumaterialien, der Aushub, der Dreck, macht Richtung, Ziel, und sagt dem Fremden: bittschön, treten Sie näher!

Dreimal würden wir solch rude Erdwälle in bedeutsamer Verwendung zu sehen bekommen, in Damvillers, in BARCELONNE und in BARDIGUES. Eine Idee hat sich überraschend übers Material hergemacht. Die vulgäre Départementale hingegen läuft beliebig schräg am Château achtlos vorüber, kommt also irgendwie daher wie es halt Straßen so machen, tut ihren Dienst, befördert Verkehr, und nur grad das. Da aber, wo sich ihre Straßenböschung und der französische Wassergraben im spitzen Winkel dem Château zuwendet, da beginnt eine Ordnung. Wenn man wieder begreifen will, was Idee ist und was sie tut, fahre man in BARDIGUES links die Räder in den Graben, lehne sie an die Böschung, und schaue sich das an. Denn an der Stelle beginnt Idee. Irgendeine Idee. Die oder eine andere, und überhaupt Einflussnahme, die Fügung einer Sache, eines Lebens.

Ab BARDIGUES wären wir wieder beieinander gewesen, die GR und wir; wir zanken ein bisschen herum darüber, ob wir, wie ich meine, die GR65 nochmals verlassen und über Matile fahren sollen. In solchen Zweifelsfällen vertrete ich die Befahrbarkeit, und Sebi ereifert sich getreulich für das historisch Überlieferte; schon dass wir den Weg nicht über Espalais und Auvillard genommen haben, hat ihm missfallen; er zitiert wieder Jeremias 6/16, tenez-vous sur les voies, considérez quels sont les anciens sentiers.

Es kommt dort eine große Hanglage gegen den ARRATS hinunter, und in der Hügellehne mittstdrin, noch am diesseitigen Hang, steht ein Silo und ist darin ein Mühlenlärm. Unten am Bach, unter Bäumen, in Moos und Mief, steht der Vorläufer, die alte Mühle im dickgrünen Wasser, was ohne rechten Fluss und Kraft ist. Wo immer ich jetzt schreibe, stelle ich mir den späteren Weggänger vor mit unserm Buch in der Hand, prüfend, ob drüben am Hang das Silo stehe und unten im Wasser die alte Mühle; heut Abend aber liegt BARDIGUES in der Sonne, das Tal des ARRATS liegt in der Sonne, der Anstieg in der andern Talseite südwestwärts liegt in der Sonne, und darin ein Gehöft mit nettem Rasengärtchen, ein paar Agaven im Blumenrabättchen, worin ein Täfelchen uns an den Weg gesteckt ist,

Ail et Melon
à vendre.

Wir haben durchaus Durst und Lust, und wählen Melon. Alle unsere Leute sind da vorbei, alle haben hier den Melon gekauft und haben das am Abend erzählt, was der Witz und der Wind ist in der ganzen Veranstaltung, seit LE PUY und bis nach SANTIAGO: Wer jeweils den Abend an jeweils demselben Ort hat, ist sich zwar womöglich fremd, hat aber tagsüber denselben Weg gegangen, hat dasselbe erlebt oder nicht.

Seit ST-MICHEL sind wir heraus aus dem Tal der GARONNE,
seit ST.ANTOINE sind wir im Gers,
bis AIRE-SUR-L’ADOUR im Gers.

Von dem Gehöft nur wenig aufwärts noch, nur ein bisschen, kaum ein Kilometerchen, dann hinüber nach ST.ANTOINE, wie ein einladender Wink mit der Hand: bitte die Herrschaften,
wir sind da,
befestigtes Tor, orthogonale Dorfstraßen, romanisches Kirchenportal, eine geordnete Sache, ein winziger Städtebau. Wir stehen mit Madame la Mairesse an ihrem Gartentürchen, sie tut nicht überrascht, wir sind erwartet, wenn nicht gerade wir, dann eben andere, denn man sieht es uns an. Monsieur le Maire’s Bekanntschaft haben wir nicht gemacht. Er ist auswärts. Die Gîte liegt eine Minute jenseits des Dorfs, sagt sie, rechts an der Straße; ein lichtes, abendsonnigliches Haus, ehemals der zweistöckige Colombier des Dorfs, und hat jetzt einen Anbau bekommen. Darin verwendet sind alle ausgedienten Fauteuils, Poltrones und Sofas von ST.ANTOINE’s Bewohnern. Eintretend ruht links, neben dem Eingang, auf dem Sofa in der Ecke, Michel; wie wir hereinkommen, schießt er auf und stürzt sich auf neue Bekanntschaft, menschsüchtig. Er trägt eine starke Brille, er hat ein wenig abstehende Ohren, ein längliches Gesicht, einen Mund, der schon immer viel geredet und viel geküsst haben mag. Hinten im Schlafraum, wo die doppelstöckigen Betten stehen, etwa neun meine ich, liegt schon unser Reginald, mit geschlossenen Augen, nicht zu sprechen. Zwischen den Bettgestellen drei, die tun, als wäre man fremd und neu auf dem Weg, die Solange, die Claude und der Guy sind mit ihren Rücksäcken noch beschäftigt, noch kaum zur Ruhe gekommen, andeutend einen knappen Gruß, höflich, distanziert, zugeknöpft; französisch. Es ist wie im Waggon-Lit; man schläft im gleichen Bett und kennt sich nicht. Jedenfalls sind die Franzosen in Frankreich reserviert, und die Spanier sind es in Spanien. Wenn wir gewusst hätten, was in zwei drei Tagen draus werden würde! und wir wussten es wohl, denn wir sind Alte Hasen, und indem wir es wussten, lachten wir es in uns herein und warteten es ab. Der Franzos nämlich sagt parapluie, was den Regen abwehrt; des Italieners sonniges Gemüt sagt ombrello, che da ombra. Schirm sagt der Deutsche, er bleibt neutral, schirmt ab, das eine wie das andere, den Regen wie die Sonne. Man frägt sich, wie wir Schweizer hier wahrgenommen werden; die Béatrice Decroux sagt’s in LAUZERTE: au chemin les Européens rencontrent les Suisses, hat sie gelacht. Béatrice ist aus Bordeaux gewesen.

Wir zwei zügeln ins Obergeschoss des Colombiers über der Küche, wo das winzige Bodenfensterchen ins Land hinausgeht; wir schlafen auf dem Boden, und liegend haben wir die Gegend auf Augenhöhe.

Und doch kehren alle nochmals zurück ins Dorf, um das Kirchlein anzuschauen; nicht als Gruppe natürlich, sondern wir zwei, sie drei, und der sechste und der siebte allein. Wir sind in dem Kirchlein drin gewesen und sehr rasch wieder heraus; schnell sind wir alle heraus, denn es war unerträglich.

Die kleine Wäsche von heute ist noch zu machen; es ist ein Grasland hinter der Gîte hangaufwärts; das geht so ins Land hinein und hinauf wie ein ausgebreitetes Tuch; zwei Stangen stehen mit einer Schnur und vier Pinces à Linge. Vier.

Alles ist getan, was hier getan werden kann, und es hängen alle herum in den abgeschossenen Sofas und Fauteuils, warten aufs Essen. Das war noch nie so bisher gewesen und wird auf dem ganzen Camino de SANTIAGO niemehr so sein, dass man nämlich hingesessen aufs Essen wartet. Freund Roland, der Vorläufer, hatte erzählt, sie wären an einem Samstagabend nach ST.ANTOINE gekommen, spät schon; der Maire hätte gerade eben zu seiner Frau gesagt gehabt, dass heute wohl niemand mehr kommen würde. Da hat er ihnen dann die Gîte aufgeschlossen, das Essen herangetragen, und anderntags, Sonntag früh, das Frühstück. In ST.ANTOINE ist das so, es gibt keinen Laden, es gibt kein Restaurant; es gibt nur den Maire und Madame la Mairesse.

Heute aber ist es die Bellesœur. Sie fährt mit dem Auto vor, schleppt zwei mit einem Tüchlein zugedeckte Henkelkörbe herein. Sie erklärt, was es gibt, und es gibt von allem reichlich. Es geschieht routiniert und ist alles nicht erstmals. Sie spricht in diesem Haus die ersten lauten Worte des heutigen Abends; sie redet uns alle miteinander mit Ihr und Euch an und meint jeweils alle gleichzeitig; was nämlich zu geschehen habe und wie miteinander umzugehen sei. Und so hat begonnen, was in AROUE enden wird; denn bis zu den Pyrenäen werden die Regieanweisungen dieser resoluten Frau ihre Geltung behalten. Wir saßen, fremd wie wir waren, so wenig Wir und Ihr und Euch wie man nur sein kann, um den langen Tisch herum und hatten noch eine ganze Weile zu rätseln, wer zu wem gehöre. Man fragte sich noch längst über den letzten Appetit hinaus, ob es nochmehr Suppe sein dürfe; man reichte sich das Brotkörbchen von Hand zu Hand ohne zuzugreifen; einer lief dauernd mit der Flasche um den Tisch herum und füllte die Gläser nach. Es hatte eine Höflichkeit, hatte einen Stil, der die aufgezwungene Intimität des Schlafraumes wettmachen sollte. Wir haben die allerverschiedensten Herkünfte, wir sind zwischen 13 und 63 Jahre alt; wir sind alle ganz neu; wir sind so frisch und neu und gesund und ohne Klage, wie man nur ist, wenn man sich fremd ist; wir sind keine Neider, keine Geizhälse, keine Hurenböcke, Diebe und Mörder; wir sind ganz neu und gut.

Rein und gut.

Die Sprache ist französisch.

Michel redet. Der schon. Michel ist zum zweitenmal auf dem Camino. Nach dem ersten Mal blieb ihm nichts anderes. Michel weiß, wo wir morgen übernachten werden, wo übermorgen, und dass man in SANTIAGO mittags vor zwölf ankommen muss, wenn man nicht einen Tag länger auf die Feierlichkeiten warten will. Michel genießt seine Ausführlichkeit, und wir genießen sie auch. Das Palaver dauert, bis gegessen ist. Und dann ist das harte Santiagische da, das rigoros Mönchische, dass man mit dem letzten Licht zu Bette geht, des frühen Aufbruchs morgen wegen.

Reginald, Bruder Mönch, und ich haben noch am Waldrand gesessen, oben in der Lehne mit den zwei Stangen und der Kleinen Wäsche verschiedener Herkunft am Draht, eine Wiese so sanft gehalten, wie wenn man ein Tischtuch zu zweit an den vier Ecken hält, bevor man es sanft und exakt auf den Tisch breitet. Die Kühe haben geweidet weiter drüben. Die Betzeitglocke läutete aus dem Dorf herüber. Wir hielten die Komplet. Und der Sebi ist noch zu uns heraufgekommen.

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