Vater und Sohn – die Reise 96

Vater und Sohn – die Reise 96

Tobias Buhr


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 506
ISBN: 978-3-903861-53-4
Erscheinungsdatum: 13.09.2022
Tobias Buhr nimmt den Leser mit auf eine Reise, die er mit seinem Sohn unternommen hat. Dabei sind es vor allem seine besonderen philosophischen Betrachtungsweisen und sein künstlerischer Ausdruck, die in ihren Bann ziehen.
Journal 01

ANKUNFT IN LE PUY-EN VELAY
11.08.96
SONNTAG,
alles ungewiss.

Über LAMASTRE und ST.AGRÈVE sind wir von VALENCE herübergekommen, genau westwärts gefahren, ohne zu wissen, dass das bereits das geplante Land war, das verheißene Land. Gleich im Aufstieg aus dem Rhonetal herauf ist es die Landschaft der nächsten Wochen geworden, und wir waren schon drin.

La chaussée noire était devant nos yeux comme une promesse
ainsi qu’un paysage de feuillage ou d’eau coulante.

Wir wissen nichts über LE PUY. Wir fahren westwärts in die Nacht hinüber. Wir sollten etwas essen. Wir müssen irgendwo schlafen. Wir kosten diese leckere Ungewissheit; sie ist eine jugendliche Vertraute seit 40 Jahren, diese gleichmütig gwundrige Haltung einem neuen Land gegenüber, die Indifferenz, welche wir an uns geschehen lassen, in einem fremden Abend nachtwärts unterwegs zu sein, unterwegs zu den Schattengestalten, les Compagnons depuis toujours, Weggefährten seit je.

Westwärts fährt man zum Start, das ist richtig, nachtwärts: die untergehende Sonne in der Frontscheibe, ihren direkten Blitz in den Augen, die kleinen Schattenflügel heruntergeklappt. Da wo die Sonne untergehen will, da fahren wir hin. Die Sonne und wir, wir fahren zum selben Ort am Horizont;

die Sonne, Lichttropf, von brennenden Bächen fortgespült,
ein Sonnenregen aus Brennendem Wasser.

Wir kennen überhaupt nicht mal den Stil dieser Übernachtung und von der ganzen Reise nicht. Wir wissen nicht, von welcher Art das hier ist, ob es Brunnen gäbe, Landwirtschaft, ein Bauernhaus, oder überhaupt ein ebenes Stück Wald für ein Zelt, wo wir uns im Unterholz verbergen könnten für die Nacht. Denn es ist jedes Mal der Schutz wehrloser Schläfer gewesen, ungesehen unterzuschlüpfen, damit niemand von der Anwesenheit wisse. Selbst geringfügigen Konfrontationen geht man aus dem Weg; man kann frech oder freundlich tun, aber besser man haut ab; ein Schaden an der Seele ist Konfrontation immer. Verdächtige Begegnungen gabs im Hochgebirge nie; man stellt sein Zelt hin auf einem vier Quadratmeter großen Wiesenstück, vielleicht das erste Stücklein ebener Boden seit einer Stunde Weg, weit ab von der Welt, lichtlose kalte Luft, schwarzes Gras, keine Seele weit und breit, und niemals ist es schief gelaufen.

Wir haben ein paar Campingplätze auf der Karte, einen auf unserer Route, in ST.JULIEN-CHAPTEUIL, einen nördlich in VOREY, einen in BLAVOZ, und irgendwas in LE PUY selbst.

Kaum südlich von LE PUY ist die Loire noch als Bach in die Karte eingetragen, en minuscules, zusammen mit unbedeutenden Wasserläufchen und Statisten wie dem Aubépin, dem Gage, der Saliouse, der Laussonne.
Nach LE PUY aber heißt das königliche Wasser LOIRE und ist eine großgeschriebene Dame.

Es ist 18 Uhr und wir wissen noch immer nicht, ob Hotel in der Stadt, Camping am Siedlungsrand, oder der Wald im freien Land. Von den Gîtes d’Étape haben wir noch keine Ahnung. Es wird sich zeigen, dass wir überhaupt schlecht informiert losgefahren sind. Wir kennen den Charakter der Begegnungen nicht, die man hier macht.
Insgesamt gibt es deren drei:
Weitab ist es das gastfreundliche Interesse an neuen Gesichtern,
in Siedlungsnähe erhält man eine abweisende Auskunft,
und mitten drin ist es geschäftliche Höflichkeit;
mittendrin ist man wieder wer.

Es ist 21 Uhr; nahe der Stadt tappen wir im Unübersichtlichen herum, es gibt ein drunter und drüber mit der autoroute aus ST.ÉTIENNE; wir sind in ein Nest taufrischer Einfamilienhäuser geraten, ein Bursch steht draußen stumm und dunkel, sein Mädchen sitzt auf dem Mäuerchen. Wir treten herein in ein feines Gespinst von Liebe, woraus der Junge nicht herausmag. Sie aber, aus der Intimität heraus, gibt umgehend Auskunft; wir scherzen ein bisschen hin und her.

Um 11 Uhr nachts essen wir was in einem Restaurant, mit der Theke im Nacken; es sind etwa sieben zerflossene Häufchen Salate; das einzige Gesunde ist mein Bier. Melchior ist 22, ein Kamerad, für alles zu haben, immer der Erste, wenns nottut. Es ist eine Sorge da um Sebastian; er ist 12, zu klein für ungelöste Probleme.

Es regnet.
Die Erde ist wüst und leer.
Es ist die Welt, die nichts mehr zu bieten hat.
Und Finsternis ist über den Wassern;
Genesis 1/2;
ich habe alles gesehen; nicht gar alles natürlich;
aber mit 55 fange ich an zu sehen, dass das Neue auch nicht anders ist als das Alte. Was Andere geschrieben haben, schreibe ich selber auch. Denn was ich geschrieben habe, traue ich mir selber gar nicht zu. Die Welt hat die Tiefe verloren, welche den Jungen zugutekäme, das unerforschte Land, les terres inexplorées. Es gibt kaum mehr ein Restaurant im Land, worin ich ein zweites Mal was trinken möchte, und nur ungeliebte Nachbarn wohnen nebenan; böse nicht, aber ungeliebte.


Journal 02

VON LE PUY-EN VELAY NACH ST. PRIVAT-D’ALLIER
12.08.96
MONTAG,
mal das, mal diss, wie’s grad kommt.

Es regnet.
Auf der andern Straßenseite gehen zwei mit Rucksack, ein deutsches Paar aus Aachen. Er grüßt knapp. Sie redet. Am Samstag sind sie hier in LE PUY angekommen, zu Fuß von Aachen bis hierher. Es sind Pilger wie wir. Zwischen 50 und 60 wird die Lage neu überdacht. Sie werden später gerühmt werden auf dem Weg ihrer Tagesleistung wegen. Eben jetzt brechen sie auf. Erst in CONQUES werden wir sie einholen.

Beide Gruppen sind mit uns auf dem Weg, die 20/25er und die 50/60er,
Die jungen Sucher und die alten Zweifler. Die dazwischen sind nicht da. In den dreißig Jahren dazwischen wird das geplante Leben ausprobiert. Auch gibt es hier welche, die mit 60 noch an ihrem seinerzeit erdachten Umdenken festhalten. Sie haben die Erfahrung nicht ausgelitten. Im doppelten Alter das Konzept nicht revidiert. Den Schmerz der Konsequenzen nicht ausgehalten. Wars damals das Antiautoritäre, ist es das heute noch.

»Nel mezzo del cammin di nostra vita«
das hat der Verfasser schlecht gerechnet; wärs so, müssten wir alle um die 100 bis 120 Jahre alt werden. Die Revision geschieht nicht in der Lebensmitte. Aber es ist noch etwas anderes falsch an dem Werk. Wir durchschreiten nämlich die drei alten Orte nicht aufsteigend, wie Dante. Es geht uns wie den Hochspannungsleitungen in der Leventina, die in der freien Luft zwischen Mast und Mast durchhängen; wie die Schwalbe tauchen wir zwischen zwei Flügelschlägen schwer in die Tiefe und flügeln dann wieder hinauf auf den nächsten Mast.

Bereits in LE PUY ist unsere Landschaft eine Tafel, worauf zwei vulkanische Mamelons stehen mit je einer Kirche oben drauf, Saint-Michel d’Aiguille, das ist Michael-auf-der-Nadel.

Von den Ahnungen, die wir auf der Herfahrt mitgehabt haben, gibt es an diesem entschlossenen Montagmorgen keine mehr. Man ist wieder an die Oberfläche heraufgekommen. Es ist das und jenes noch zu tun gewesen. Da ist nichts Unüberwindliches. Es hat einfach angefangen. Es ist losgegangen. Es ist Sebelis Auffassung von der Sache. Die Reise beginnt jovial in der zerbröselten Art journalistischer Oberflächlichkeit. Noch vor acht die stürmisch verregnete Frontscheibe; eine blinde Fahrt durch mehrspurigen städtischen Verkehr; die Zone Industrielle de Corsac, 43700 BRIVES-CHARENSAC, Velay Automobiles Garage Boyer. Wir sind wie alle Fernfahrer und Abenteurer drauf aus, ein noch intaktes Land zu erleben. Also stelle ich mir eine werkstättliche Garage vor, einen Mechaniker, der in blauem Overall auf dem Rückenwägelchen unter einem Auto herausrollt. Bei Auguste Boyer aber gibt es ein renommiertes Vorn, die Mechaniker aber arbeiten diskret hintenhinaus. Vorn ist der Verkauf hinter breiten devantures, und inmitten von Ford empfängt Frankreich auf hohen Absätzen über dem spiegelblanken Boden im knielangen Jaquettekleid, unter dem Revers am Hals ist ein seidenweißer dreifältiger Schwipp beidseitig einer vertikalen Naht, die lachenden Lippen en Rouge Mardent. Heute Montagmorgen hat sie ihre Kontaktlinsen abgelegt und eine gescheite Brille angezogen. Man muss den Autorevues rechtgeben: solche perfekte Weiblichkeit und die nigelnagelneuen Autos, was da steht, das passt eins ins andere. Was eigentlich Madame mit diesen Autos hatte, war unklar. Zwar war es ein kommerzielles Auftreten und zeigte durchaus Kompetenz; aber vornehmlich war sie schön. Sie weist mich aus dem Haus und um die Gebäulichkeiten herum in die Werkstatt, sich mit dem Bleistift in die Handfläche klöpfelnd.

Der erste Mensch im fremden Land ist der Chef de l’Atelier, sehr groß, sehr kollegial, sehr hilfsbereit; gestern ist uns irrtümlich der hintere Scheibenwischer losgegangen; weil ihm auf der Heckscheibe der Packträger für die drei Fahrräder im Weg war, ist die Fusible der Anlage durchgebrannt.

Unten im Flusslauf ist ein kerngesunder Chantier. Jede Baustelle ist so vital wie die Natur. Das Bett der LOIRE wird tiefer gelegt. Für uns Müßiggänger ist auf Riesentafeln das Projekt dokumentiert. Eine meinich mittelalterliche Bogenbrücke ist zum Teil abgebrochen und wird neu aufgemauert. Die LOIRE wird gestaut, und die Sonntagsleute von LE PUY werden mit dem Schiffchen fahren. Um den Wildwässern des Frühlings Stand zu halten, bekommen die Pfeiler hohe neue Fundamente. Der Beton wird unter Wasser bleiben, sodass die alten gemauerten Brückenbogen auf dem Seespiegel zu stehen scheinen. Wie mit hohen Fischerstiefeln, wie mit heraufgekrempelten Hosenstößen, stelzt vorläufig die Brücke auf den neuen Betonsockeln über die trockengelegten Kiesbänke und das bisschen Restwasser in den verbliebenen Tümpeln. Wär das in Italien, könnten wir in zehn Jahren wieder dahin, und es wär immer noch so, wir würden es finden wies damals war, damals, in der Zeit, als ich mit Sebi und Melch hierdurchgekommen bin; es wär immer noch schön; es wäre immer noch Baustelle.

»Ich habe nicht gelacht und nicht geweint,
mich nicht entrüstet; ich habe begriffen.«

Über den Fluss, am andern Ufer kaufe ich eine duftende Baguette und fahre zurück. Die Heldensöhne sind auf, sind aus dem Zelt heraus, stehen ohne Witz und Wort im Regen, Kopf in der Kapuze. Wir frühstücken im nassen Gras. In diesen ersten Tagen waren wir gewiss noch ein wenig burschikos; undenkbar, ihnen das Eindrückliche meines Abstechers nach LE PUY haarklein wiederzugeben. Sie wollen Fakten hören. Wir waren noch, was wir waren, noch nicht angerührt, noch nicht in die Gefühle gefahren.

Dann ist der Elan Vital über uns gekommen wie die Sonne, und auch die Sonne selbst kommt durch, aber nicht von der Stelle her, wo sie gestern hingegangen ist; überraschend fällt sie uns in den Rücken.

Noch viele Wege gehen hin und her zwischen dem Auto und den drei Fahrrädern; es sind keine Entscheidungen mehr zu fällen, zuhause gestern früh sind die Packungen geprobt worden. Und siehe da, als dann andere Kleider am Leib waren und das Gepäck auf dem Rad, befand sich die Seele bereits eine halbe Stunde über der Talsohle. Sie ist voraus. Sie ist federleicht und beherzt und aller Lasten los.

Loin, très loin je m’enfuirai
pour chercher asile au désert,
ps 54,

denn selbstverständlich ist es eine HEGIRE, eine Flucht,

Diesmal nicht nach Osten,
Patriarchenluft zu kosten;
In den armen Süden fliehe,
Dort im Reinen und im Rechten,
Wo sie Väter hochverehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten,
Mit den Karawanen ziehe.
Will unter Hirten mich begeben,
Jeden Pfad will ich betreten,
Bösen Feldweg auf und nieder,
Glaube weit, eng der Gedanke
Sich erbittend ewges Leben.

Ins Reine und Rechte also sind wir unterwegs.
Aber nicht nach Osten.
Weswegen denn nach Osten?
Es geht westwärts.
Santiago liegt stark westlich, nicht südlich.
Es ist ein Irrtum gewesen. Wir haben gemeint.
Wir haben auf den einzelnen Kartenblättern nur Tagesetappen im Auge gehabt und das Gesamte nicht mehr gesehen.

Mit der Hegire hat es begonnen.
Aber gewiss ist es das.
Dann aber geht es über JWG. hinaus. Die Dichte einer Sprache kommt aus dem Gewicht des Erlebnisses. Und hierin hat JWG. sich mit Leichterem zufrieden geben müssen wie wir; denn erstens sind ihm alle Frauen geglückt. Und an keiner ist er zerbrochen. Und zweitens ist er kein Mystiker.
Wir fahren in die Stadt hinüber.
Wir steigen hinauf zur Kathedrale. Es ist die Vorschrift, bei der Kathedrale zu beginnen. Wir erhalten in der Sakristei unsern ersten Tampon in den Pilgerpass. Unterhalb der breiten Freitreppe singt mehrstimmig eine blonde Burschen- und Mädchenschaft mit einem Fanion auf dem Wanderstab; die sind ebenso ernsthaft unterwegs wie wir, was dem Getriebe vor der Kathedrale das Touristische nimmt.

Mittags. Das Paar aus Aachen ist seit Stunden fort. Wir aber sitzen immer noch auf den Scalinate der schwarzen Kathe­drale und essen den Sandwich aus der Paninotheca am Treppenfuß. Aufwärts steigen die Stufen breit und mächtig zum steinalten Bau, steil und stotzig unter die Bogen der Vorhallen hinein; man frägt sich, ob dort der Bischof mit Mitra und Stab ein ebenes Plätzchen hat zum Stehen. Sein Pilgergruß plätschert die Tritte herunter:

»Toi, frère pèlerin, au Xième siècle, le sanctuaire du PUY devient le point de départ de la plus ancienne route conduisant à Saint-Jacques-de-Compostelle. Il voit alors affluer un grand nombre d’hommes et de femmes qui se rendent au tombeau de l’apôtre. La vie chrétienne est comme un grand pèlerinage vers la maison du Père, où on retrouve l’amour inconditionnel pour toutes les créatures humaines.«

Inconditionnel?
ob es auch geht, wenn einer sich um die Amour du Père nicht schert?
ob man im Haus des Vaters auch findet, was man nicht gesucht hat?

Seit dem zehnten Jahrhundert haben die Pilger hier im PUY angefangen zu laufen; bevor es aber losgeht, brauchen wir noch eine Seife aus dem Marché-Couvert, denn bei der allerersten Dusche dieser Reise ist unsere Seife liegen geblieben. Abgesehen von derartig anonymem Objekt, womit jegliche Nachfahren sich werden einseifen können, werden wir nirgends keine Spuren hinterlassen; wir sind flüchtig, hinterlassen keine Tritte im Sand. Was mich beschäftigt hat seit je, ist die Erzeugung von Geist, unter Hinterlassenschaft materieller Spuren, oder ohne.

Unten in der Stadt ist ein fürchterlicher Verkehr. Mein kleiner Sohn Sebastian und gigantische Lastzüge streiten sich um dieselben Startplätze an den Verkehrsampeln. Der Unsinn, der in dieser Gesellschaft mehrheitsfähig ist.
Die Lage ist ernst.
Der Unsinn ist der Ernst der Lage.
Das Gewöhnliche, Unverdächtige, Alltägliche, Belanglose, dem kein Vernünftiger Gewicht und Beachtung gibt, beginnt zu brennen und zu ätzen; einen Lacher in der Kehle wie einen Rülpser, nehme ich mir beispielsweise eine Flasche SuperPotz vor:
SuperPotz, Fr. 2.80, der Superreiniger für Chromstahl, Email und Keramik. Es ist äußerst befremdlich. Es gibt sich die Leere fast aller Gegenstände der Umgebung zu erkennen, fast aller Räume, fast aller Menschen.

Totale Entschlossenheit überkommt einen.

Courage! sagt Massimo Rocchi.
On attaque! wird Christophe sagen.
Avanti! sagt die Campbell am Abend der Première von Pygmalion, »und es wurde ein Abend voll himmlischen Gelächters.«

»Was schreiben sie im Führer?«
»Man verlässt die Stadt auf der Rue St.Jacques.«
Also fragen wir nach der Rue St.Jacques, erhalten keine rechte Antwort.
Die Sortie des GR65 aus LE PUY heraus ist nach unserer Michelin 1/200 000 nicht auszumachen; wir verlassen die Stadt mit der D589 und steigen, wie von jetzt ab Morgen für Morgen, aus einer besiedelten Niederung herauf.

J’ai aimé les routes! La route, elle sait ce qu’elle veut. La belle route, vertigineuse amie et promesse, Bernanos; und wir haben angefangen, die Straße zu lieben, wo sie doch weiß, was sie will. Eigentlich existiert nur eine ernstliche Reise: die Reise ohne Rückkehr.

Wie es uns gewesen sei? Ob wir denn keine Furcht gehabt hätten? fragt uns eine später, und wir lachen ihr ins Gesicht. Es ist uns, als nähmen wir eine alte Reise wieder unter die Füße, ein rar gewordenes, mit wehem Mut geliebtes Leben. Wenn das Mutter wüsste.
Ach Kind, vom Brot allein hast bisher leben müssen, vom Brot allein; warst hungrig und wurdest satt, warst durstig, hast zu trinken gekriegt, warst nackt und wurdest gekleidet.
Das ist es gewesen.
Ein verdorbenes Spiel.
Durcheinandergeworfene Figuren.
Die Zellen unseres Körpers führen ein stilles häusliches Leben, sitzen wie die Damen im Sprüngli z’Züri und erhalten sich am Leben. Dienstags werden sie noch am gleichen Leben sein. Da aber kommt der Befehl, und mit der Gemütlichkeit ist es aus. D’Pefäle si da, hieß es im Bataillon; es gilt, aus dem Liegen auf die Füße zu kommen.
Man muss das richtig verstehen.
Es ist eine Wut.
Es ist nicht die Wut auf das eigene träge Fleisch, und nicht die Ablehnung fremden Befehls. Fremder Wille hat noch immer am weitesten getragen, die halbe deutsche Armee bis fast an den Kaukasus. Sondern es ist die helle Wut auf den Feind vornedran, dem es jetzt an den Kragen geht. Noch unter dem Vordach sozusagen kommt uns schon die Lust auf die Unbehaustheit an, auf den reinigenden Effekt der Bewitterung. Für uns braucht es keine Fuchtel, keine frusta: der Feind selbst lockt, das feindliche Feuer. Die Welt wird mit gesenkten Hörnern wahrgenommen. Mögen wir alle die richtigen Feinde bekommen. Ungenügende Feinde beschäftigen uns mit Nebensächlichkeiten. Ohne Feind schweben wir im Selbstverständlichen. Der Feind gibt uns zu denken. Möge uns Gott den rechten Feind geben. Zudem ist verbissen zu vermeiden, am Körper Fett anzusetzen; unbenötigte Reserven, subkutanes Fettgewebe sitzt am Bauch, am Gesicht, an den Schaltstellen der Formgebung und überdeckt das Persönliche bis zur Unkenntlichkeit.

Deswegen ist es Aufwärts, obsi, hinauf auf den Höhenzug zwischen den beiden parallelen Zuflüssen der LOIRE, dem Ceyssac und der Dolaison.
Eine Begradigung der D589 ist soeben fertiggestellt worden; eine Tafel am Straßenrand gibt an, wieviel es gekostet hat, mit welchen Beträgen Staat und Département beteiligt sind; eine dritte Körperschaft hat mitfinanziert; ich habe vergessen, wer das war.

Die Rippe, der wir längs folgen, flacht aus und mündet weit voraus in die Gegend von BAINS, was eine Hochebene ist, quer und breit wie ein See. Es ist ein weites bäuerliches Land geworden, ihr hinterster Rand ist der Horizont der bewaldeten Monts du Devès, einem Randgebirge des ALLIER; über diese Sperre hinweg wird unser Weg gehen; der Übergang ist von weitem auszumachen. Noch liegt in der Tiefe der Ebene ein Dunst, der Regen der letzten Nacht muss noch heraus. Aber gegen Abend fällt eine weite Sicht über die Gegend; es liegt uns eine sommerabendliche Sonne unter den Pedalen, vor den Rädern, auf der Straße.

Und jetzt zweigt es ab. In CORDES zweigt es links ab Richtung JALÈS auf die kleine, weiße, landwirtschaftliche Straße; weiß ist sie auf der Michelin; es geht links ins Land hinaus; wir sind in ganz einfache Verhältnisse entlassen.

Dieses Ereignis, das Ereignis dieser Abzweigung aus der D589 ist unser vierter Aufbruch: es waren gestern der Aufbruch von Zuhaus, dann die Umpackerei heute Morgen, am frühen Nachmittag die Grande Sortie aus LE PUY, und jetzt diese Erleichterung am Straßenkreuz in CORDES. Von jetzt ab und auf solchen Sträßchen kann man tun wie man gerne möchte; man steigt ab und geht in die Nähe; man fährt an einem entgegenkommenden Fahrzeug auch mal links vorbei; und schon nach den ersten hundert Metern werden die Räder rechts in den Straßengraben gestoßen und am Feldbord angelehnt.

Im abgehobbelten Feld steht ein kleiner Rundbau, bis ins Schirmdach hinauf ohne Mörtel aus flachen Steinen hochgemauert, wie wir sie später noch oft sehen werden. Auf der Rückseite ist er kaputt. Diese kleinen Abris haben einen Namen; ich habe ihn vergessen.

Auf dem Deckel der Lenkertasche in der durchsichtigen Plastikhülle hat Melch die Michelin; bei mir steckt die Liste der Sehenswürdigkeiten drin, die uns die Association des Amis de St.Jacques de Compostelle aus Belgien zugeschickt hat.
AUGEAC.
LESBINEYRES.
RAMOUROUSCLE.
Es sind schwarzgemauerte Dörfer aus den vulkanischen Steinen wie die der Cathédrale du Puy, bei trübem Wetter gewiss düster und einsam; die Bauern auf den Gefährten fahren grußlos, borniert, fleißig. Viel Ärger. Vom schmutzigen Wagen blicken sie feindlich, missgünstig auf die divertierenden Wanderer mit den farbigen Rucksäcken herunter. Daherum und in dieser Dörflichkeit sehen wir unsere erste rotweiße Wegmarke des GR65, aufgemalt auf eine Mauer oder eine Telefonstange.

Und es hat ein Kapellchen rechts unterhalb der Straße, das erste Kapellchen vom Weg; und oben in MONTBONNET ein Wirtschäftchen; beides für uns.

Es sitzt in der feuchten Grube die Kapelle, und fleckig mag es innen sein, und viel Licht lässt das wuchernde Gestrüpp wohl keins in die Fenster hinein. Aber le sacré ist da:

mediterranes Licht, frühmorgens im Zimmer, bei geschlossenen Fensterläden, durch welche Spälte mag es hereingekommen sein? es ist überall und in jedem Winkel; es ist ganz wenig, es ist wie dünner Nebel. Aber es ist ganz und gar überall

Vom Weg fällt der Blick hinab auf den Grund des 10ième siècle, das Heiligtümlein steht unten in der Grube, in die Viehweiden hinein versunken und von Stützmäuerchen umgeben, die das Material der Jahrhunderte abzuwehren haben, auf dass es die Außenwände des Kirchleins nicht feucht mache. Die Kühe sind geruhsam draußen; steht man dort unten vor dem aufgehenden Gemäuer, hat man ihre Hufe auf Brusthöhe. Ein Blick durchs Apsidenfenster in den Chor gelingt nicht; Brennnesseln wuchern dort herum und verwehren die Kletterei. Es ist des Heiligen Rochus Kapelle; Jakobus Maior wäre immerhin die engere Wahl gewesen. Er war einer der Drei bei der Verklärung, und einer der Drei im Ölgarten, und einer der beiden Donnersöhne, für den die mütterliche Gesuchstellerin ein Spezialplätzchen im Himmel vorgeschlagen hat. Das Gesuch ist abgelehnt worden. Keine Privilegien für Muttersöhnchen. Auf der französischen Hälfte des Wegs hat St.Jacques deswegen im 14.Jahrhundert dem Rochus den Platz abtreten müssen, denn das Vierzehnte muss eine schlimme Zeit gewesen sein; in Montpellier hat er für die Pestkranken gesorgt bis er selbst an die schwarzen Beulen kam, und ist daraufhin einer der vierzehn Helfer in schlimmster Not geworden. Balthasar Neumann hat für ihn gebaut, in Staffelstein hoch über dem Main, etwas Kleines, aber baulich vom Raffiniertesten was je erdacht wurde.

Später, zehn Jahre später, ist Montbonnet’s Kirchlein zugänglich. Die Tür steht offen, und eine einsame Frau aus Genf macht Fotos; ist gewiss eine Rückkehrerin, wie ich auch. Das Herz hängt dran. Will noch ein Foto davon haben. Hat hier geliebt. Wie ich auch.

Vom Sträßchen zum Portal absteigend geht im Gefälle ein sieben Meter breiter Vorplatz; ich schreite die Breite mit leicht verlängertem Schritt ab; es sind sieben Meter; es liegt übergrüntes Bruchgestein unter den Füßen, ins Erdreich hineingemauertes, flankiert von zwei schnurgeraden Wällen aus lose hingeworfenen Brocken. Es ist dies der Plauderplatz. Ein Schwatzplatz ist dem Schweigeort zugeordnet. So warm wie die späte Sonne sind dieser Palaverort draußen und das Schweigen drinnen in der dunkeln Kapelle. Weit und breit ist niemand da, aber le sacré schon. Que le sacré n’y avait pas disparu, sagt sie; jusqu’ici j’en ai fait 500 km sans trace du sacré. Ob Gott sei oder nicht sei, wer weiß es; aber ob le sacré sei oder nicht sei, das wisse sie, denn dieses sei etwas, und jeder merkt’s.

Ich habe sie im Herzen nicht gelten lassen; ich sie nicht, und sie mich auch nicht; on n’était pas des vrais; diese Reise macht man nicht im Auto, denn zwischen den Stationen ist der Weg, und wer den Weg nicht hat, bekommt auch dieserartige Orte nicht dazugegeben. Ohne die Müh ist einem die Rast vorenthalten. Außerdem waren wir falsch angezogen an dem Tag, und alte Gefährten waren wir auch nicht, sie und ich. Und: ohne Gott gibt’s kein Heiliges, sans Dieu c’est sans sacré.

An dem Wirtschäftchen oben am Pass ist weiter nichts auszusetzen; ihm ist der Name St.Jacques geblieben. Es sind zwei blecherne Tischchen zwischen Randstein und Hausmauer. Gegen Westen steht ein Mäuerchen bergwärts und nimmt die Abendsonne weg. Wir haben etwas getrunken. Wir sind rückfällig geworden. Das war das alte Leben, dass man dachte, es müsse eingekehrt sein.

Zurück auf der D589, hinüber zum Sattel auf gut elfhundert Metern, dann lassen wir die Zügel schießen, haben es fahren lassen und rauschten wenig später nach ST.PRIVAT-D’ALLIER hinein. Blumen? Ob alls voll Blumen war auf den Matten in der Descente, ich weiß es nicht; nach all der Mühe war unser Rausch das fantastische Tempo auf dem Asphalt, hinein ins Dorf, in ein enges Dorf mit ungenügend Platz. Tiefe Gräben und Schluchten sind rundherum, bewaldete Steilhänge, kaum Kulturland; links, talwärts ein Mamelon mit Burg und Kirche, dahinauf will ich morgen, in der Frühe, denn die Frühe werde ich immer alleine haben. Die Gîte d’Étape in der Vieille Auberge ist belegt; weiter unten im Dorf, in der Linkskurve, geht es rechts mühsam bergan, Sebastian schimpft los, deux filles en T-Shirt blanc und culottes de bain kommen mit langen Beinen barfuß den Asphalt herunter und lachen ihm fein das schwerbepackte Rad zum Campingplatz hinauf.

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