Cover: Leika

Leika
Die Regeln des Waldes


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 218
ISBN: 978-3-99185-087-8
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
Ein riesiger Braunbär dringt in den Wald der Bärin Leika ein und verwüstet alles. So muss sie sich auf die Suche nach Futterquellen machen, um durch den Winter zu kommen. Für Leika beginnt ein großes Abenteuer voller Gefahren, Einsamkeit und Freundschaft …
1. Die Gesetze des Waldes


Den ganzen Morgen war die Bärin Leika im Wald umhergestreift. Sie hatte Kräuter und Pilze gesammelt, die sie später verzehren wollte. Jetzt war ihr Korb voll, und sie freute sich auf eine leckere Mahlzeit. Gut gelaunt machte sie sich auf den Weg zurück zu ihrer gemütlichen Höhle, die sie vor einigen Jahren bezogen hatte. Ganz zufällig hatte sie die schmale Öffnung in der Felswand entdeckt und sie zunächst nicht weiter beachtet. Sie war ihr zu klein vorgekommen, um ihren Bärenkörper hindurchzuzwängen. Auch hatte sie nicht geglaubt, dass einer so kleinen Öffnung eine so geräumige Höhle folgen würde. Doch da hatte sie sich getäuscht. Heute freute sie sich sehr, dass sie das Loch in der Felswand näher inspiziert und versucht hatte, hindurchzuschlüpfen. Das Reinkommen war leichter gegangen als gedacht, denn ihr dichter Pelz ließ sie größer erscheinen, als sie tatsächlich war. Das dunkelbraune Fell war beim Einstieg kräftig zusammengedrückt worden. Aber als sie erst einmal drin war, hatte sie sich sofort wohlgefühlt. Die Wände waren stabil und der Boden aus trockener, weicher Erde, die sich im Laufe der Zeit dort angesammelt haben musste. Später hatte Leika zusätzlich Gras ausgelegt, welches inzwischen zu duftendem Heu geworden war. Aber das Beste war: Es gab keine scharfkantigen Ecken oder Felsvorsprünge, an denen man sich verletzen konnte. Begeistert hatte die Bärin damals die Höhle in Besitz genommen.
Vor etwas mehr als einem Jahr, im Frühling, war ein Luchsweibchen um Leikas Behausung geschlichen. Sie wollte den Unterschlupf für sich, denn sie war trächtig und ihre Jungen würden bald zur Welt kommen. Natürlich brauchte die Luchsin dafür einen geeigneten Ort, aber Leika hätte ihre Höhle niemals hergegeben. Sie kannte die Großkatze bereits. Mehrfach waren sich die beiden über den Weg gelaufen. Diese Begegnungen waren unproblematisch gewesen. Man hatte sich zur Kenntnis genommen, sich gegrüßt und war dann wieder seiner Wege gegangen. Nun aber sah die Sache anders aus. Diesmal war das Luchsweibchen ein Eindringling, der es auf die Höhle der Bärin abgesehen hatte. Im Nu stand Leika vor dem Eingang, der Luchsin gegenüber, und ließ ein bedrohliches Grollen hören. Die Großkatze legte die Ohren an. Instinktiv spürte sie, dass Leika bereit war, um ihre Höhle zu kämpfen. Ganz langsam ging sie mit leisem Fauchen rückwärts, bis sich der Abstand zwischen den beiden vergrößert hatte. Dann drehte sie sich abrupt um und sprang mit großen Sätzen über die Lichtung und verschwand lautlos im Wald. Leika brummte noch einmal und schüttelte ihren Kopf. Nein, sie würde sich nicht aus ihrer schönen Höhle vertreiben lassen. Da war sie sich sicher.
Die Höhle befand sich mitten im Wald, am Ende einer kleinen, sonnigen Lichtung. Ganz in der Nähe, höchstens fünf Minuten Fußmarsch entfernt, floss ein Bach. Er kam von einem hohen Berg, auf dessen Gipfel das ganze Jahr über Schnee lag. Oft hatte die kleine Bärin schon darüber nachgedacht, warum es dort oben immer aussah wie im Winter, obwohl es doch Sommer war und die Sonne hier unten alles zum Wachsen und Blühen brachte.
Aber der Winter auf dem Berg hatte auch etwas Gutes. Er machte das Wasser kühl und erfrischend. Es war der reinste Genuss, davon zu trinken. Alle Tiere des Waldes wussten, wie köstlich es war, und kamen täglich, um ihren Durst zu stillen, sich abzukühlen … und um sich zu unterhalten. Denn es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Tiere am Bach nicht gegenseitig angriffen. Hier waren alle geschützt.
Jeden Morgen füllte Leika zwei große Krüge, die, genau wie der Korb, Erbstücke ihrer verstorbenen Mutter waren, mit Bachwasser und trug sie, nachdem sie ein bisschen mit den anderen geplaudert hatte, wieder nach Hause. Sie nahm das Wasser aber nicht nur zum Trinken. Sie wusch damit ihr dichtes, braunes Fell, bespritzte mit ihm die Höhlenwände, sodass es im Sommer kühler war und … bewässerte ihren Garten. Denn vor dem Eingang hatte sie Gemüse und Sträucher mit leckeren Beeren gepflanzt. Es gab sogar einen Apfelbaum mit vielen süßen Äpfeln. Auch Blumen hatte sie gesät, die inzwischen wunderschön blühten. Nur mit den Rosensträuchern hatte sie kein Glück. Immer wieder hatte sie kleine Rosenbüsche in die Erde gesetzt, aber sie wollten einfach nicht wachsen und verkümmerten innerhalb kürzester Zeit. Das war sehr schade, denn sie mochte den Duft der Rosen sehr. Dennoch lächelte sie jedes Mal, wenn sie an ihren Garten dachte.
Und genau das tat sie gerade, sodass der Korb, den sie im Maul trug, langsam an ihren Backenzähnen entlangrutschte und nur von den langen und kräftigen Eckzähnen am Runterfallen gehindert wurde. Sie hatte die Lichtung fast erreicht und trat nun aus dem Wald auf den schmalen Weg, der vom Waldrand durch den Garten bis zu ihrer Behausung führte. Doch kaum hatte sie ihren Garten erreicht, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihre Augen wurden groß, ihr Mund klappte auf und der Henkel des Korbes rutschte ihr nun doch zwischen den Zähnen hindurch, sodass der Korb auf den Boden fiel und der Inhalt sich auf der Erde verteilte, was sie jedoch kaum bemerkte. Sie stellte sich auf die Hinterbeine und starrte, zu voller Größe aufgerichtet, auf das Bild, das sich ihr bot: Ihre Gemüsebeete sahen aus, als hätte eine Rotte Wildschweine darin gewütet, die Sträucher waren niedergetrampelt und die süßen Äpfel lagen zermatscht auf dem Boden. Selbst ihre schönen Blumen waren abgeknickt. Alles, was sie liebevoll und mit Hingabe angepflanzt und gepflegt hatte, glich einem Trümmerfeld.
Leika hob die Arme und legte die Tatzen auf ihr Bärengesicht. „Oh nein, was ist denn hier los“, flüsterte sie leise hinter ihren Pfoten hindurch. Langsam ließ sie die Arme wieder sinken. Sie fühlten sich seltsam kraftlos an, genau wie ihre Beine. Daher ließ sie sich wieder auf alle viere fallen. Ihre Vorderpfoten hinterließen dabei einen tiefen Abdruck auf der weichen Erde.
Es kostete sie Überwindung, den Garten bis zu ihrer Höhle zu durchqueren. Den Korb und die leckeren Zutaten für ihre Mahlzeit hatte sie ganz vergessen. Sie blieben einfach genau dort liegen, wo sie hingefallen waren. Bei der Höhle angekommen, ließ sich Leika mit gesenktem Kopf auf einen großen Stein neben dem Eingang nieder. Zunächst saß sie einfach nur reglos da. Was war hier vorgefallen? Sie hatte keine Ahnung, was passiert war. Sie war doch auch gar nicht so lange fort gewesen. Müde schüttelte sie ihren breiten Kopf und ließ ihren Blick über die Beete schweifen. Beim Anblick der vernichteten Ernte überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Das ganze Jahr über hatte sie die Pflanzen und Sträucher in ihrem Garten gehegt und gepflegt, mit ihren scharfen Krallen das Unkraut entfernt und viele Krüge Wasser vom Bach hierhergeschleppt. „Alles umsonst“, schoss es ihr durch den Kopf. „Das war mein gesamter Vorrat. Jetzt habe ich nichts mehr, um mich vor dem langen Schlaf richtig satt zu essen.“ Es war bereits Herbst. Bald würde der erste Frost einsetzen und die Bärin sich üblicherweise in ihre Höhle zurückziehen, wo sie gedachte, bis zum Frühling vor sich hinzuschlummern. Doch ohne die Vorräte ihres Gartens würde sie nicht bis zum Frühjahr durchhalten. Sie hatte darauf vertraut, sich mit ihren reichlichen Erträgen ein dickes Fettpolster anfuttern zu können. Daraus würde jetzt nichts mehr werden. Traurig ließ sie den Kopf hängen. Doch dann gab sie sich einen Ruck, straffte die Schultern und schaute nach vorne. Das Zwitschern eines Vogels drang an ihr Ohr, und der Klang tröstete sie. Rasch fühlte sie sich besser und konnte auch wieder klar denken. „Erst muss ich herausfinden, was geschehen ist, als ich weg war. Und danach … ja, dann muss ich mir wohl etwas einfallen lassen, um den Winter zu überstehen.“ Sie seufzte leise, als sie daran dachte, wie lange es dauern würde, bis ihr Garten wieder auf Vordermann gebracht war, damit sie wenigstens im nächsten Jahr wieder neu pflanzen konnte.
„Vielleicht bekomme ich ja ein wenig Hilfe von meinen Freunden. Dann würde es schneller gehen“, überlegte sie hoffnungsvoll. Sie dachte an all die Tiere, die sie kannte und schätzte. Ihre Gedanken blieben beim Biber hängen. Sofort fühlte sie eine angenehme Wärme in sich aufsteigen. „Am besten gehe ich erst mal zum Bach. Vielleicht haben die anderen mitbekommen, was passiert ist.“
Sie machte sich auf den Weg, zurück durch den verwüsteten Garten bis zum Waldrand. Dort lag ihr Korb mit den verstreuten Kräutern und Pilzen. „Oh, dich hab ich ja ganz vergessen“, murmelte sie gedankenverloren vor sich hin, als ob der Korb sie hören könnte. Schnell sammelte sie die Leckereien ein, klemmte sich den Korb wieder zwischen die Zähne und setzte ihren Weg fort. Doch diesmal ging sie nicht geradeaus, wie sie es am Morgen getan hatte, sondern bog nach rechts in Richtung des Baches. Es ging leicht bergab und trotz des vollen Korbes kam sie schnell voran, ohne die Stämme und herabhängenden Äste zu streifen oder über eine vom Laub verdeckte Wurzel zu stolpern. Sie wusste sich im Wald zu bewegen.
Nach kurzer Zeit hatte sie die Bäume hinter sich gelassen und stand nun oben am Rand der grasbewachsenen Böschung, von der aus man hinunter auf das einen Steinwurf entfernte Wasser schauen konnte. Das Gras war in diesem Jahr besonders hoch und reichte ihr bis über die Knie. Beim Laufen war das nicht ungefährlich, denn es verdeckte nicht nur die Unebenheiten des Bodens, sondern auch herumliegende Steine, die groß genug waren, selbst einen Bären ins Stolpern zu bringen. Sachte ließ sie den Korb zwischen die Grashalme gleiten und stellte sich auf die Hinterbeine, um besser sehen und wittern zu können.
Es war seltsam still. Die Vögel gaben keinen Laut von sich, was sehr ungewöhnlich war. Leikas Nasenlöcher bebten, als sie die Luft einsog, um auch die feinste Duftnote wahrzunehmen. Sie kannte die Gerüche des Waldes und der anderen Tiere genau, aber was ihr vom Bach her in die Nase wehte, war fremd … und doch irgendwie vertraut. Sie schärfte ihren Blick, konnte aber weiter nichts erkennen, außer dass das Wasser heute ungewöhnlich braun und trübe war. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durch das dichte Gras hinunter zum Bach, an dessen Rand sich Kies und kleine Steine in den unterschiedlichsten Formen angesammelt hatten.
Noch immer den fremdartigen Geruch in der Nase, wandte sie sich nach links und folgte dem Bachlauf entgegen der Strömung, bis dieser eine Biegung machte. Dahinter hatten die Biber ihren kunstvoll konstruierten Bau aus Stämmen und dicken Ästen. Um hineinzugelangen, musste man durchs Wasser tauchen. So waren die Biber und ihre Jungen vor Feinden geschützt.
Unschlüssig, ob sie weitergehen sollte, hielt Leika inne und lauschte erneut. Inzwischen drangen seltsame Laute an ihr Ohr und der eigenartig fremde Geruch war noch intensiver geworden. „Sei kein Hasenfuß“, schimpfte sich die kleine Bärin und machte sich Mut, weiterzugehen. Als sie um die Flussbiegung kam, erstarrte sie. Keine zehn Meter vor ihr lag der Biberbau in Trümmern. Das Gras am Ufer war völlig zertrampelt und das Wasser, welches sonst wunderbar klar über kleine Steine hinweg hüpfte, war dunkelbraun von der aufgewühlten Erde.
...

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