Cover: Das Mädchen mit den Zauberhänden

Das Mädchen mit den Zauberhänden
Ein Märchen- und Metaphernbuch


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 280
ISBN: 978-3-99130-653-5
Erscheinungsdatum: 30.07.2025
Maja ist mit ihren Eltern weit weggezogen. Was soll sie hier machen? Ihre Neugier und Entdeckergeist führen sie zu einer sprechenden Eule, die ihr von einem geheimen Zauberwald berichtet. Um dorthin zu kommen braucht sie Mut und muss viele Rätsel lösen …
TEIL 1

Denk, was Du willst,
und gestalte Deine Welt




KAPITEL 01
Majas neues Zuhause


Die Scheinwerfer eines Autos werden größer und größer und durchbrechen das Dunkel des frühen Morgens. Obwohl es regnet, kündigt ein rötlicher Schimmer am Horizont den Morgen an. Maja und ihre Mutter sind schon seit Stunden mit dem Auto unterwegs. Maja sitzt auf dem Beifahrersitz. Sie ist vom Halt an einer Tankstelle wach geworden. Die Autotür geht auf und es riecht nach Kaffee und frischen Croissants, die ihre Mutter gerade dort besorgt hat.

Lustlos nimmt Maja das Croissant entgegen und kaut müde darauf herum. Eigentlich mag sie Schokocroissants gern, aber heute Morgen schmeckt es ihr nicht.

Wortlos starrt sie auf die quietschenden Scheibenwischer, die sich im prasselnden Regen schnell von einer Seite zur anderen bewegen. Ihr ist kalt. Deshalb zieht sie die Beine an und versucht, die Knie unter ihrer Lieblingsjacke zu verstecken. Den Kragen der weichen, kuscheligen Jacke, die ihre Oma gestrickt hat, stellt sie hoch. Die Jacke riecht gut, sie riecht nach dem Zuhause, das sie heute Nacht verlassen haben. Nie wieder werden sie dorthin zurückkehren …!

Maja schaut zu ihrer Mutter. Ma – so nennt sie ihre Mutter – strahlt übers ganze Gesicht und genießt während der Fahrt ihren Cappuccino. Sie ist in Hochstimmung. Keine Spur von Müdigkeit. Maja denkt: „Wie kann sie nur so gut gelaunt sein?“ Denn sie, Maja, ist traurig. Der Regen, der auf das Auto pladdert, passt zu ihrer Stimmung. Kann auch der Himmel weinen?

Maja denkt an ihr schönes Zuhause, das sie verlassen haben. Sie denkt an ihre beste Freundin Lilli, mit der sie nicht mehr jeden Tag spielen kann, und an Oma, die nicht mit ihnen umzieht. Wie sehr sie beide vermissen wird! Da helfen auch keine aufmunternden Worte ihrer Mutter und die Aussicht, dass sie sich selbst ein Zimmer im neuen Haus aussuchen darf.

Appetitlos beißt Maja noch einmal in ihr Croissant, packt es in die Papiertüte und legt es in ihren roten Rucksack. Sie fühlt sich elend. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Eine dicke Träne nach der anderen rollt an ihren Wangen herunter. Einige der salzigen Tränen enden auf ihren Lippen. Andere tropfen auf ihre Hand.

Schnell wischt Maja die Tränen mit ihrem Ärmel weg, sie möchte nicht, dass Ma sie weinen sieht. Maja ist davon überzeugt, dass ihre Mutter ihre Tränen gesehen hat, auch wenn sie nichts sagt.

Mit verschleiertem Blick schaut Maja auf den Rücksitz des Autos. Sie blickt auf die aufgetürmten Koffer, auf denen Minka, die schwarze Katze ihrer Mutter, liegt. Sie ist entspannt auf ihrem roten, dicken Kissen. Die Katze spürt Majas Blick und öffnet geschmeidig ihre leuchtenden grünen Augen. Ma schaut ihre Tochter fragend an, die sich streckt, um Minka zu streicheln. Es tut gut, die Wärme der Katze und ihr seidiges, weiches Fell zu spüren. Sie scheint das Streicheln zu genießen. Durch das Schnurren vibrieren ihre langen Schnurrhaare. Die schneeweiße Schwanzspitze geht langsam hoch und runter. Nur diese unterscheidet die Katze von einem kleinen schwarzen Panther.

Obwohl sie es eigentlich nicht möchte, huscht Maja bei diesem Anblick ein Lächeln übers Gesicht. „Minka ist es egal, wo wir wohnen, für sie ist nur wichtig, dass wir zusammen sind. Die hat’s gut!“, denkt sie.

Maja richtet ihren Blick wieder nach vorne und schaut ihre Mutter an. Ihre Blicke treffen sich. Ma lächelt und fragt forschend, als sie die fast getrockneten Tränen auf dem Gesicht ihrer Tochter sieht: „Alles klar?“ Mit einem flüchtigen „Ja“ richtet Maja ihren Blick wieder auf die Straße. In diesem Augenblick möchte sie auf keinen Fall mit ihrer Mutter über ihre Traurigkeit sprechen. Maja weiß, wenn sie mit Ma jetzt darüber spricht, schießen ihr die Tränen gleich wieder in die Augen. Allein bei diesem Gedanken schafft sie es nur mit Mühe, neue Tränen zu unterdrücken.

Als sie erneut aus dem Fenster vor sich schaut, ist sie überrascht. Aus dem zarten roten Streifen am Horizont hat sich ein sehr breites und in Gold leuchtendes Band geformt. Darüber hängen noch die fast schwarzen Regenwolken, die das goldgelbe Sonnenlicht wie einen großen Rollladen nach oben schiebt, was das Goldgelb immer größer werden lässt. Aber das ist noch nicht alles. Sie entdeckt noch mehr. Als sie nach rechts schaut, sieht sie einen wunderschönen Regenbogen, der einen Halbkreis bildet.

Er scheint zum Greifen nah und doch ist er so fern. Maja verspürt große Lust, den Regenbogen zu fangen. Doch Regenbögen lassen sich nicht fangen, aber sie zaubern ein Lächeln auf jedes Gesicht. Gegen diesen Zauber kann sich auch Maja nicht verschließen. Fasziniert und mit einem leichten Lächeln auf ihren Lippen beobachtet sie den Regenbogen, bis er nicht mehr zu sehen ist.

Als die Straße holprig und sehr eng wird, fragt Maja: „Ma, wann sind wir da?“

„Wir fahren noch etwa eine halbe Stunde bis zu unserem neuen Haus“, antwortet Ma. „Nach der nächsten Kurve wird die Straße wieder besser.“ Aufmunternd fügt Ma hinzu: „Wenn du möchtest, kannst du den Platz auf dem Leuchtturm einnehmen.“

Mit einem „Oh ja!“ kann es Maja kaum bis zur nächsten Kurve abwarten. Dann ist es endlich so weit. Ihre Mutter öffnet das Schiebedach und fährt langsam weiter. Maja schnallt sich schnell wie der Blitz ab, stellt sich auf den Autositz und steckt ihren Kopf durch die Öffnung.

Ma hat recht. Es fühlt sich wirklich so an, als wäre sie auf einem „fahrenden“ Leuchtturm. Die Aussicht ist herrlich und es macht Spaß, die tanzenden Wassertropfen auf dem Auto zu sehen, die sich durch die Wärme der Sonne genau wie Majas Tränen und ihre Traurigkeit in Luft auflösen.

Sie spürt die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, die die Kühle dieses Sommermorgens verscheuchen.

Vor ihr erblickt sie eine hügelige Landschaft mit satten grünen Wiesen, auf denen Tausende wilde Blumen in verschiedenen Farben, Formen und Größen wachsen. Auf der rechten Seite sieht sie ein riesiges Feld mit roten Mohnblumen. Fleißige Bienen summen herum und sammeln Nektar für ihren Honig. Auf der linken Seite ist ein Feld mit lila Disteln, ein wahres Paradies für Schmetterlinge, die graziös von Distel zu Distel schweben. Das laute, gleichmäßige Zirpen der Grillen übertönt das brummende Motorgeräusch.

Maja dreht sich um und lässt ihren Blick langsam nach vorne gleiten. Mächtige Berge aus fast weißem Stein erstrecken sich erhaben über die Landschaft. Vor ihnen liegt ein großer Wald. Einige der dunkelgrünen Bäume wachsen ganz weit oben auf den Felsen. Die weißen Berge und Bäume umsäumen einen leuchtend grünen Bergsee. Maja schaut dem See gebannt nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwunden ist.

Nach wenigen Minuten sagt Ma: „Maja, kannst du unser neues Haus schon sehen?“ Maja lässt sich auf den Autositz fallen. Gemeinsam blicken sie nach vorne. Direkt vor ihnen entdecken sie zwei Hügel, die durch einen Bach voneinander getrennt sind. Auf jedem der Hügel steht ein Haus. Einer der Hügel ist etwas höher als der andere. Beide Häuser sind unbewohnt. „Was meinst du, welches Haus ist es?“, fragt Ma.

„Ich glaube, das Haus auf dem linken Hügel, das etwas höher liegt“, antwortet das Mädchen. Ma lächelt zustimmend. Maja ist voller Spannung und kann es kaum abwarten. An der Weggabelung fahren sie links, überqueren eine Brücke und fahren durch ein großes, geöffnetes Tor den Hügel hoch. Vor Aufregung kribbelt es in Majas Bauch.

Sie nähern sich immer weiter ihrem neuen Haus. Minka öffnet ihre Augen, reckt und streckt sich gemächlich. Sie springt auf Majas Schoß und schaut zusammen mit ihr nach draußen. Neben der Haustür sehen sie einen Mann. Er ist sehr dünn und erscheint Maja sehr groß.

Während Ma ihr Auto auf dem großen, runden Platz vor dem Haus parkt, kommt der Mann mit festem Schritt und aufrechtem Gang auf sie zu. Er hat schneeweißes, kurz geschnittenes Haar und trägt einen sehr gut sitzenden schwarzen Anzug mit weißem Hemd. Unter seinem schwarzen Sakko blitzt eine grün-schwarz gestreifte Weste hervor, die genau zu seiner Fliege passt.

Maja fragt sich: „Wer ist das? Was will er hier und wieso ist er so gut angezogen?“ Bevor sie ihre Mutter fragen kann, öffnet er ihr die Autotür und reicht ihr seine mit einem weißen Handschuh bedeckte Hand. Ma ergreift diese, steigt lächelnd aus und schließt die Autotür hinter sich.

Maja duckt sich und sieht aus dem Fahrerfenster in sein Gesicht. Seine Haut ist blass, fast blau und unzählige Falten zerfurchen sein Gesicht. Sie verraten, dass er schon sehr, sehr alt ist. Seine Hakennase sieht aus wie der spitze Schnabel eines Vogels. Dennoch, der vornehm wirkende Herr sieht ernst, fast ein bisschen traurig aus, als er Ma einen sehr großen Schlüssel übergibt. Es kommt Maja so vor, als habe er sich von einem Schatz getrennt.

Nach einem Dank und den besten Wünschen beugt er sich hinunter, schaut mit seinen eisblauen Augen durch das Fenster und winkt Maja lächelnd zu. Auf seinen Lippen liest sie: „Alles Gute!“ Verhalten winkt sie zurück und bleibt nachdenklich, wie angeklebt im Auto sitzen.

Gebannt beobachtet sie, wie sich der alte Herr umdreht und in Richtung Nebengebäude läuft, das dem Haus gegenübersteht. Dort steigt er in ein altes, aber gepflegtes schwarzes Auto, das wie ein Taxi aussieht, startet den Wagen, wendet ihn und fährt in ihre Richtung.

Es sieht aus, als hätte das Auto ein Gesicht. Die Kotflügel sind wie runde Backen, die Scheinwerfer wie große Kulleraugen, die Nase ein breiter und langer Kühlergrill, der von einem Stern gekrönt wird. Die schmale Windschutzscheibe ist wie eine Stirn. Der Mann winkt ihr im Vorbeifahren noch einmal lächelnd zu.

Sie sieht dem Wagen nach und liest auf dem Nummernschild „…V 51“. Bevor das Auto in der durch die Fahrt aufgewirbelten Staubwolke des trockenen Sandes verschwunden ist, meint sie, hinten, innerhalb der Radmulde des befestigten Ersatzreifens einen grünen Stein gesehen zu haben … Minka miaut und Maja öffnet ihre Autotür. Die Katze springt gleich raus, überholt Ma, läuft zum Haus und steigt wie eine Königin mit erhobenem Kopf auf leisen Pfoten die großen, breiten Treppenstufen des Hauses empor. Vor dem Eingang dreht sie um und setzt sich. Typisch Minka. Sie ist schon zu Hause angekommen!

Mit dem Schlüssel in der Hand erreicht Ma das Haus und steigt die zwölf Stufen hinauf. Im Vorbeigehen streicht sie ihrer laut schnurrenden Katze über den Kopf, dreht sich um, blickt zum Auto und wundert sich, dass ihre Tochter noch gar nicht da ist.

Maja steht noch staunend auf dem Platz vor dem großen Haus. Das Haus erscheint ihr riesig. Es ist aus roten Klinkern gebaut und erinnert an ein altes Schloss. Die grünen Holzfensterläden sind geöffnet. Auf der anderen Seite des Hauses wächst ein Turm heraus. Er wirkt geheimnisvoll, sieht aus wie der Hut einer Zauberin. Sein zwiebelspitzes Dach schimmert lila und rot. Auf der Spitze des „Hutes“ ist ein „flammender“ Stern, der in der hellen Sonne wie Gold glitzert. Der warme Sommerwind dreht ihn, er quietscht bei jeder Bewegung leise.

Ma, die an der Eingangstür mit dem großen Schlüssel in der Hand wartet, ruft vergnügt: „Maja, kommst du?“ Maja schaut ihre Mutter nickend an, lächelt und läuft in ihre Richtung. An der Treppe hält sie kurz inne, nimmt Haltung an und schreitet die langen, niedrigen Stufen hinauf. Die Stufen sind etwa halb so hoch wie die Stufenhöhe, die sie kennt. Sie sind auch viel länger, denn sie braucht zwei Schritte zur nächsten Stufe.

Wie es wohl früher hier gewesen sein mag, ob Frauen in langen Kleidern und dicken Unterröcken diese Treppe hinauf- und hinabgestiegen sind?
Dann steht auch sie neben ihrer Mutter auf dem Eingangspodest vor der massiven und verzierten zweiflügeligen Holztür. Auf der rechten Seite der Tür ist ein großer, goldener Katzenkopf mit einem Ring durchs Maul zu sehen. „Zum Klopfen“, denkt Maja und probiert es gleich aus. Ungeduldig schaut Maja ihrer Mutter zu, wie sie endlich den Schlüssel ins Schloss steckt und mit einem lauten Klacken aufschließt. Knarrend öffnet Ma langsam die Tür.

Was die beiden wohl im Haus erwartet?
...

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