Leika
Spurensuche
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 172
ISBN: 978-3-99185-190-5
Erscheinungsdatum: 09.06.2026
Wenn die kleine Bärin Leika mehr über ihre Vergangenheit erfahren möchte, dann muss sie ihren rüden Artgenossen Prado aufsuchen. Ihr Zusammentreffen bringt Leika nicht nur auf die Spur ihrer Vergangenheit, sondern auch auf jene ihres totgeglaubten Vaters …
1. Die Suche
Man konnte es kaum eine Spur nennen, der die Bärin folgte, und dennoch hielt sie ihre Schnauze tief auf den Boden gesenkt und sog mit ihrer feinen Nase jeden noch so schwachen Geruch ein. Ab und zu blieb sie stehen, richtete sich zu voller Größe auf und witterte nach allen Seiten. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie auf dem richtigen Weg war, und doch zweifelte sie keine Minute daran.
„Wo willst du mit deiner Suche beginnen?“, hatte der Biber gefragt, als sie sich – bereit für den Aufbruch – von ihm verabschiedet hatte. „Ich habe keine Ahnung, aber mein Instinkt wird mich leiten.“ Ihre Antwort hatte selbstsicher geklungen, und ihre Zuversicht war bis jetzt unverändert, obwohl sie bereits seit einer Woche unterwegs war. Ihren heimatlichen Wald hatte sie noch nicht hinter sich gelassen. Sie war erstaunt, wie weit er sich nach Norden erstreckte. Eine Richtung, in die sie bei den Streifzügen rund um ihre Höhle bisher kaum vorgestoßen war.
Beim letzten Aufbruch im vergangenen Jahr hatte sie den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Sie kannte ihn bereits, denn er hatte ihre Familie vor vielen Jahren in den Wald geführt, in dem sie sich schließlich niedergelassen hatten. Das war, bevor ihre Mutter tödlich erkrankt und ihr Vater von der Suche nach Heilkräutern nicht zurückgekehrt war, sodass Leika bereits als sehr junge Bärin alleine zurechtkommen musste. Was ihr – wie sie fand – auch gut gelungen war. Bis zum Herbst des letzten Jahres, als ein riesiger Braunbär ihren kompletten Vorrat für den Winter zunichtegemacht und sie dadurch gezwungen hatte, den Wald zu verlassen, um den weit entfernten Hof aufzusuchen, von dem sie wusste, dass es dort Futter in Hülle und Fülle gab.
Und nun war sie, kaum ein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr, wieder unterwegs, um genau diesen Artgenossen ausfindig zu machen, der ihr so übel mitgespielt hatte. Als sie den anderen Tieren des Waldes von ihrem Vorhaben erzählt hatte, war sie auf Unverständnis gestoßen. „Wozu soll das gut sein? Sei doch froh, dass er weg ist“, hatten sie gesagt. Nur der Biber und Kiki, die Maus, hatten ihre Beweggründe verstanden. Leika wollte Antworten. Denn die Begegnung mit dem Riesen, wie sie ihn insgeheim nannte, hatte ihr eine vage Vorstellung davon gegeben, wie es war, bevor die Eltern mit ihr die lange Reise angetreten hatten, die in ihrem heimatlichen Wald endete. Wirklich erinnern konnte sie sich an diese Zeit nicht. Sie war damals einfach zu jung gewesen. Doch seit dem Zusammentreffen mit dem Artgenossen blitzten in ihren Träumen immer wieder Bilder auf, die ihr irgendwie bekannt vorkamen. Kurze Erinnerungsfetzen, die sie erschreckten. Laut und hektisch. Und im Zusammenhang damit sah sie im Traum immer wieder das Gesicht des großen Bären. So nah, dass sie in seine Nasenlöcher hätte schauen können, wenn sie es gewollt hätte. Manchmal lächelte er freundlich, doch meistens starrte er sie grimmig an. Häufig fuhr sie beim Anblick seiner riesigen Eckzähne und dem Donnern in seiner Stimme aus dem Schlaf, wenn er ihr im Traum entgegenbrüllte: „Du musst dich erinnern …“, oder „Du hast vergessen, was deine Eltern getan haben!“. Und jedes Mal fühlte sie sich nach solch einem Traum müde und erschöpft.
„Was hat das alles zu bedeuten?“, hatte sie eines Morgens ihren langjährigen Freund Biber und ihre noch recht neue Mäusefreundin Kiki gefragt, als sie gemeinsam am Bachufer zusammensaßen. „Diese Träume machen mir Angst!“ „Verständlich, das würde mir auch so gehen“, hatte Kiki leise erwidert. „Aber wisst ihr, was mir noch mehr Angst macht?“ „Nein, was denn?“, hatte der Biber gefragt und sie von der Seite angeschaut. „Es ist noch viel beängstigender, die Bedeutung dieser Träume nicht zu kennen.“ Der Biber hatte lediglich mit dem Kopf genickt. Er hatte sofort verstanden, weshalb Leika sich auf die Suche nach dem großen Bären machen wollte. Er kannte seine Freundin so gut, dass zwischen ihnen kaum Worte nötig waren, um sich zu verständigen. Leika und Kiki hingegen kannten sich erst, seit die Maus sich der Bärin im letzten Herbst auf dem Weg zur erhofften Futterquelle angeschlossen hatte. Gemeinsam hatten sie den Winter auf dem Hof bei Anna und ihrer Familie verbracht. Und als es Zeit wurde, Abschied zu nehmen, hatte Kiki kurzerhand beschlossen, die Bärin in deren heimatlichen Wald zu begleiten.
„Und das mit den Rosen war wirklich nett von ihm“, hatte Leika das Gespräch wieder aufgenommen. Denn trotz seines zerstörerischen Verhaltens hatte der große Bär Leika einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Als sie im Frühjahr mit ihrer kleinen Freundin Kiki heimgekehrt war, blühten um ihren Höhleneingang herum die schönsten Rosen, die sie je gesehen hatte. Leika war begeistert gewesen, denn mit ihren eigenen Versuchen, Rosenbüsche zu pflanzen, war sie immer wieder gescheitert. Und sie mochte den Duft der Rosen sehr.
„Hört das denn gar nicht mehr auf?“, fragte sich die Bärin. Seit einer halben Stunde zwängte sich Leika durch das dichte Gestrüpp des Unterholzes. Dornen von wilden Brombeeren zerrten an ihrem Fell und mehr als einmal musste sie sich mit aller Kraft aus den sonst so biegsamen Ästen befreien, die sich wie eine Umarmung um ihren Körper schlangen. Über sich hörte sie die Krähen in den Baumwipfeln. Ihre aufgeregten Schreie klangen unangenehm in den Ohren. Täuschte sie sich, oder machten sich die schwarzen Vögel über sie lustig: „Schaut, schaut, die kluge Bärin hat sich selbst gefangen.“ „Von wegen gefangen.“ Ärgerlich zwängte sie sich durch die letzten Meter des Dickichts. Dann hatte sie es geschafft. Sie reckte sich in die Höhe und stieß ein lautes, wütendes Brüllen aus. Es tat gut, den Ärger hinauszuschreien, und sie spürte, wie er verflog. Genau wie die lästigen Krähen, die bei dem Lärm eilig das Weite suchten. „Endlich Ruhe“, grummelte Leika vor sich hin und setzte ihren Weg fort. Die Bäume standen nun nicht mehr so dicht, und der Waldboden war mit saftigem, grünem Moos überzogen. Ab und zu stieß sie auf kleine, sonnendurchflutete Lichtungen, die zur Rast einluden. Doch Leika wollte vorwärtskommen. „Ausruhen kann ich, wenn ich den Wald hinter mir habe.“ Und als hätten die Bäume ihre Gedanken gehört, lichteten sie sich und gaben den Blick auf eine Wiese frei, die übersät war mit Blumen in den unterschiedlichsten Farben. Leika blieb stehen und genoss den Anblick.
In der Ferne war ein Rauschen zu hören. ,Wie der Wind in den Bäumen‘, schoss es Leika durch den Kopf. ,Nur regelmäßiger.‘ Sie kniff die Augen zusammen, doch mehr als eine riesige, bunt gesprenkelte Grasfläche konnte sie nicht sehen. Keine Baumgruppen in der Ferne, keine Gebirgskette im Hintergrund, nicht einmal der kleinste Hügel. An das Grün der Wiese fügte sich nahtlos und schnurgerade das Blau des Himmels. „Sieht aus, als wäre hier die Welt zu Ende. Wenn meine Mutter mir nicht immer wieder gesagt hätte, dass die Erde eine Kugel ist …“
„Das ist ja unglaublich“, entfuhr es Leika, als sie die Wiese durchquert hatte und kurze Zeit später über den Rand eines felsigen Abgrunds schaute. So viel Wasser hatte sie noch nie gesehen. „Das muss das Meer sein, von dem mein Vater mir erzählt hat.“ Fasziniert starrte sie auf das endlose Blau, denn Wasser und Himmel ließen sich nicht voneinander unterscheiden. Direkt unter ihr wälzten sich riesige Wassermassen gegen die Felsen, wobei jeder Aufprall Milliarden kleiner Tropfen in die Luft schleuderte. Anschließend zog sich das Wasser zurück, nur um kurz darauf erneut gegen den Felsen zu prallen, als wollte es ihn dazu bringen, doch endlich aus dem Weg zu gehen. Reglos ließ die Bärin das Spiel des Meeres auf sich wirken. Nur ihre Augen folgten den rhythmischen Bewegungen der Wellen.
„Ganz schön beeindruckend, oder?“ Leika wirbelte herum. Das Rauschen der Wassermassen hatte alle anderen Geräusche übertönt, sodass sie nicht gemerkt hatte, dass ein riesiger Braunbär von hinten an sie herangetreten war … der Artgenosse, nach dem sie gesucht hatte. Doch nicht sie hatte ihn gefunden, sondern umgekehrt. Leika fühlte sich überrumpelt und ärgerte sich über ihre Unaufmerksamkeit. Er hätte nur den Arm ausstrecken müssen, um …,Nah genug, um mich mit einem kurzen Schubs in den Abgrund zu befördern‘, dachte Leika und blickte sich panisch nach einem Fluchtweg um. „Wenn ich dich in die Tiefe hätte stoßen wollen, hätte ich das längst getan“, erklärte er, als hätte sie ihre Gedanken offen ausgesprochen. „Wie gnädig, dass du es nicht getan hast“, knurrte Leika und funkelte ihn böse an. „Kann ich ja immer noch“, gab er mit einem breiten Grinsen zurück. Dann wurde er wieder ernst. „Los, komm mit“, befahl er ihr, doch Leika blieb wie angewurzelt stehen. Wie bereits bei ihrer letzten Begegnung machte ihr seine riesige Erscheinung ein wenig Angst. Um Zeit zu gewinnen, fragte sie: „Warum sollte ich?“ „Na, du hast mich doch gesucht, oder? Jetzt hast du mich gefunden. Also komm endlich“, sagte er schroff. Leika runzelte die Stirn. Ja, es stimmte, dass sie ihn gesucht hatte, aber es passte ihr ganz und gar nicht, dass er in ihren Gedanken lesen konnte wie in einem Buch. Und noch viel weniger gefiel es ihr, herumkommandiert zu werden. „Okay, du hast doch Fragen, stimmt’s?“, sagte er in versöhnlicherem Ton, „es ist einfach zu laut hier. Und zu gefährlich.“ Er blickte sie erwartungsvoll an, doch als sie immer noch nicht reagierte, drehte er sich um und stapfte in Richtung Wald davon. „Na gut, wenn du nicht willst, dann eben nicht. Falls du es dir anders überlegst, du findest mich bei den drei Buchen, die so eng zusammenstehen, dass man denkt, sie wären eins“, rief er ihr zu, ohne sich umzudrehen. „… falls du bis dahin nicht bereits Wurzeln geschlagen hast.“ Er schnaubte verächtlich.
Leika schaute ihm nach und entspannte sich ein wenig. Sie würde die drei Buchen schon finden, immerhin war sie eine hervorragende Fährtenleserin. Aber erst morgen. Heute saß ihr der Schreck noch zu sehr in den Gliedern. Außerdem war sie müde und nicht zum Reden aufgelegt. Sie setzte sich an den Rand der Klippen und genoss die Aussicht. Die Abendsonne ging am Horizont unter und legte eine goldene Spur über das Wasser. Doch viel zu schnell waren nur noch ein paar Lichtstrahlen übrig. Ihr Magen begann zu knurren. „Wird Zeit, dass ich mich nach was Essbarem umsehe. Nun hatte sie es plötzlich sehr eilig, den Wald zu erreichen, um noch ein paar Pilze und Beeren ausfindig zu machen.
Man konnte es kaum eine Spur nennen, der die Bärin folgte, und dennoch hielt sie ihre Schnauze tief auf den Boden gesenkt und sog mit ihrer feinen Nase jeden noch so schwachen Geruch ein. Ab und zu blieb sie stehen, richtete sich zu voller Größe auf und witterte nach allen Seiten. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie auf dem richtigen Weg war, und doch zweifelte sie keine Minute daran.
„Wo willst du mit deiner Suche beginnen?“, hatte der Biber gefragt, als sie sich – bereit für den Aufbruch – von ihm verabschiedet hatte. „Ich habe keine Ahnung, aber mein Instinkt wird mich leiten.“ Ihre Antwort hatte selbstsicher geklungen, und ihre Zuversicht war bis jetzt unverändert, obwohl sie bereits seit einer Woche unterwegs war. Ihren heimatlichen Wald hatte sie noch nicht hinter sich gelassen. Sie war erstaunt, wie weit er sich nach Norden erstreckte. Eine Richtung, in die sie bei den Streifzügen rund um ihre Höhle bisher kaum vorgestoßen war.
Beim letzten Aufbruch im vergangenen Jahr hatte sie den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Sie kannte ihn bereits, denn er hatte ihre Familie vor vielen Jahren in den Wald geführt, in dem sie sich schließlich niedergelassen hatten. Das war, bevor ihre Mutter tödlich erkrankt und ihr Vater von der Suche nach Heilkräutern nicht zurückgekehrt war, sodass Leika bereits als sehr junge Bärin alleine zurechtkommen musste. Was ihr – wie sie fand – auch gut gelungen war. Bis zum Herbst des letzten Jahres, als ein riesiger Braunbär ihren kompletten Vorrat für den Winter zunichtegemacht und sie dadurch gezwungen hatte, den Wald zu verlassen, um den weit entfernten Hof aufzusuchen, von dem sie wusste, dass es dort Futter in Hülle und Fülle gab.
Und nun war sie, kaum ein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr, wieder unterwegs, um genau diesen Artgenossen ausfindig zu machen, der ihr so übel mitgespielt hatte. Als sie den anderen Tieren des Waldes von ihrem Vorhaben erzählt hatte, war sie auf Unverständnis gestoßen. „Wozu soll das gut sein? Sei doch froh, dass er weg ist“, hatten sie gesagt. Nur der Biber und Kiki, die Maus, hatten ihre Beweggründe verstanden. Leika wollte Antworten. Denn die Begegnung mit dem Riesen, wie sie ihn insgeheim nannte, hatte ihr eine vage Vorstellung davon gegeben, wie es war, bevor die Eltern mit ihr die lange Reise angetreten hatten, die in ihrem heimatlichen Wald endete. Wirklich erinnern konnte sie sich an diese Zeit nicht. Sie war damals einfach zu jung gewesen. Doch seit dem Zusammentreffen mit dem Artgenossen blitzten in ihren Träumen immer wieder Bilder auf, die ihr irgendwie bekannt vorkamen. Kurze Erinnerungsfetzen, die sie erschreckten. Laut und hektisch. Und im Zusammenhang damit sah sie im Traum immer wieder das Gesicht des großen Bären. So nah, dass sie in seine Nasenlöcher hätte schauen können, wenn sie es gewollt hätte. Manchmal lächelte er freundlich, doch meistens starrte er sie grimmig an. Häufig fuhr sie beim Anblick seiner riesigen Eckzähne und dem Donnern in seiner Stimme aus dem Schlaf, wenn er ihr im Traum entgegenbrüllte: „Du musst dich erinnern …“, oder „Du hast vergessen, was deine Eltern getan haben!“. Und jedes Mal fühlte sie sich nach solch einem Traum müde und erschöpft.
„Was hat das alles zu bedeuten?“, hatte sie eines Morgens ihren langjährigen Freund Biber und ihre noch recht neue Mäusefreundin Kiki gefragt, als sie gemeinsam am Bachufer zusammensaßen. „Diese Träume machen mir Angst!“ „Verständlich, das würde mir auch so gehen“, hatte Kiki leise erwidert. „Aber wisst ihr, was mir noch mehr Angst macht?“ „Nein, was denn?“, hatte der Biber gefragt und sie von der Seite angeschaut. „Es ist noch viel beängstigender, die Bedeutung dieser Träume nicht zu kennen.“ Der Biber hatte lediglich mit dem Kopf genickt. Er hatte sofort verstanden, weshalb Leika sich auf die Suche nach dem großen Bären machen wollte. Er kannte seine Freundin so gut, dass zwischen ihnen kaum Worte nötig waren, um sich zu verständigen. Leika und Kiki hingegen kannten sich erst, seit die Maus sich der Bärin im letzten Herbst auf dem Weg zur erhofften Futterquelle angeschlossen hatte. Gemeinsam hatten sie den Winter auf dem Hof bei Anna und ihrer Familie verbracht. Und als es Zeit wurde, Abschied zu nehmen, hatte Kiki kurzerhand beschlossen, die Bärin in deren heimatlichen Wald zu begleiten.
„Und das mit den Rosen war wirklich nett von ihm“, hatte Leika das Gespräch wieder aufgenommen. Denn trotz seines zerstörerischen Verhaltens hatte der große Bär Leika einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Als sie im Frühjahr mit ihrer kleinen Freundin Kiki heimgekehrt war, blühten um ihren Höhleneingang herum die schönsten Rosen, die sie je gesehen hatte. Leika war begeistert gewesen, denn mit ihren eigenen Versuchen, Rosenbüsche zu pflanzen, war sie immer wieder gescheitert. Und sie mochte den Duft der Rosen sehr.
„Hört das denn gar nicht mehr auf?“, fragte sich die Bärin. Seit einer halben Stunde zwängte sich Leika durch das dichte Gestrüpp des Unterholzes. Dornen von wilden Brombeeren zerrten an ihrem Fell und mehr als einmal musste sie sich mit aller Kraft aus den sonst so biegsamen Ästen befreien, die sich wie eine Umarmung um ihren Körper schlangen. Über sich hörte sie die Krähen in den Baumwipfeln. Ihre aufgeregten Schreie klangen unangenehm in den Ohren. Täuschte sie sich, oder machten sich die schwarzen Vögel über sie lustig: „Schaut, schaut, die kluge Bärin hat sich selbst gefangen.“ „Von wegen gefangen.“ Ärgerlich zwängte sie sich durch die letzten Meter des Dickichts. Dann hatte sie es geschafft. Sie reckte sich in die Höhe und stieß ein lautes, wütendes Brüllen aus. Es tat gut, den Ärger hinauszuschreien, und sie spürte, wie er verflog. Genau wie die lästigen Krähen, die bei dem Lärm eilig das Weite suchten. „Endlich Ruhe“, grummelte Leika vor sich hin und setzte ihren Weg fort. Die Bäume standen nun nicht mehr so dicht, und der Waldboden war mit saftigem, grünem Moos überzogen. Ab und zu stieß sie auf kleine, sonnendurchflutete Lichtungen, die zur Rast einluden. Doch Leika wollte vorwärtskommen. „Ausruhen kann ich, wenn ich den Wald hinter mir habe.“ Und als hätten die Bäume ihre Gedanken gehört, lichteten sie sich und gaben den Blick auf eine Wiese frei, die übersät war mit Blumen in den unterschiedlichsten Farben. Leika blieb stehen und genoss den Anblick.
In der Ferne war ein Rauschen zu hören. ,Wie der Wind in den Bäumen‘, schoss es Leika durch den Kopf. ,Nur regelmäßiger.‘ Sie kniff die Augen zusammen, doch mehr als eine riesige, bunt gesprenkelte Grasfläche konnte sie nicht sehen. Keine Baumgruppen in der Ferne, keine Gebirgskette im Hintergrund, nicht einmal der kleinste Hügel. An das Grün der Wiese fügte sich nahtlos und schnurgerade das Blau des Himmels. „Sieht aus, als wäre hier die Welt zu Ende. Wenn meine Mutter mir nicht immer wieder gesagt hätte, dass die Erde eine Kugel ist …“
„Das ist ja unglaublich“, entfuhr es Leika, als sie die Wiese durchquert hatte und kurze Zeit später über den Rand eines felsigen Abgrunds schaute. So viel Wasser hatte sie noch nie gesehen. „Das muss das Meer sein, von dem mein Vater mir erzählt hat.“ Fasziniert starrte sie auf das endlose Blau, denn Wasser und Himmel ließen sich nicht voneinander unterscheiden. Direkt unter ihr wälzten sich riesige Wassermassen gegen die Felsen, wobei jeder Aufprall Milliarden kleiner Tropfen in die Luft schleuderte. Anschließend zog sich das Wasser zurück, nur um kurz darauf erneut gegen den Felsen zu prallen, als wollte es ihn dazu bringen, doch endlich aus dem Weg zu gehen. Reglos ließ die Bärin das Spiel des Meeres auf sich wirken. Nur ihre Augen folgten den rhythmischen Bewegungen der Wellen.
„Ganz schön beeindruckend, oder?“ Leika wirbelte herum. Das Rauschen der Wassermassen hatte alle anderen Geräusche übertönt, sodass sie nicht gemerkt hatte, dass ein riesiger Braunbär von hinten an sie herangetreten war … der Artgenosse, nach dem sie gesucht hatte. Doch nicht sie hatte ihn gefunden, sondern umgekehrt. Leika fühlte sich überrumpelt und ärgerte sich über ihre Unaufmerksamkeit. Er hätte nur den Arm ausstrecken müssen, um …,Nah genug, um mich mit einem kurzen Schubs in den Abgrund zu befördern‘, dachte Leika und blickte sich panisch nach einem Fluchtweg um. „Wenn ich dich in die Tiefe hätte stoßen wollen, hätte ich das längst getan“, erklärte er, als hätte sie ihre Gedanken offen ausgesprochen. „Wie gnädig, dass du es nicht getan hast“, knurrte Leika und funkelte ihn böse an. „Kann ich ja immer noch“, gab er mit einem breiten Grinsen zurück. Dann wurde er wieder ernst. „Los, komm mit“, befahl er ihr, doch Leika blieb wie angewurzelt stehen. Wie bereits bei ihrer letzten Begegnung machte ihr seine riesige Erscheinung ein wenig Angst. Um Zeit zu gewinnen, fragte sie: „Warum sollte ich?“ „Na, du hast mich doch gesucht, oder? Jetzt hast du mich gefunden. Also komm endlich“, sagte er schroff. Leika runzelte die Stirn. Ja, es stimmte, dass sie ihn gesucht hatte, aber es passte ihr ganz und gar nicht, dass er in ihren Gedanken lesen konnte wie in einem Buch. Und noch viel weniger gefiel es ihr, herumkommandiert zu werden. „Okay, du hast doch Fragen, stimmt’s?“, sagte er in versöhnlicherem Ton, „es ist einfach zu laut hier. Und zu gefährlich.“ Er blickte sie erwartungsvoll an, doch als sie immer noch nicht reagierte, drehte er sich um und stapfte in Richtung Wald davon. „Na gut, wenn du nicht willst, dann eben nicht. Falls du es dir anders überlegst, du findest mich bei den drei Buchen, die so eng zusammenstehen, dass man denkt, sie wären eins“, rief er ihr zu, ohne sich umzudrehen. „… falls du bis dahin nicht bereits Wurzeln geschlagen hast.“ Er schnaubte verächtlich.
Leika schaute ihm nach und entspannte sich ein wenig. Sie würde die drei Buchen schon finden, immerhin war sie eine hervorragende Fährtenleserin. Aber erst morgen. Heute saß ihr der Schreck noch zu sehr in den Gliedern. Außerdem war sie müde und nicht zum Reden aufgelegt. Sie setzte sich an den Rand der Klippen und genoss die Aussicht. Die Abendsonne ging am Horizont unter und legte eine goldene Spur über das Wasser. Doch viel zu schnell waren nur noch ein paar Lichtstrahlen übrig. Ihr Magen begann zu knurren. „Wird Zeit, dass ich mich nach was Essbarem umsehe. Nun hatte sie es plötzlich sehr eilig, den Wald zu erreichen, um noch ein paar Pilze und Beeren ausfindig zu machen.


