Cover: Primo der Partei Secondi

Primo der Partei Secondi


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-99130-479-1
Erscheinungsdatum: 10.05.2024
In der traditionsgeprägten Schweiz eine neue Partei zu gründen, ist auf dem Papier einfach. Als aber ein Schweizer mit Migrationshintergrund Gleichgesinnte motivieren möchte, sich politisch zu engagieren, erlebt er erbitterten Widerstand auf allen Ebenen.
Die Ouvertüre

Mein Vater hat 70 Jahre in einer falschen Stadt gelebt, weil er in die falsche Frau, meine Mutter, verliebt war. In diesen 70 Jahren hat er keine Freunde in der Stadt gefunden. Er lebte bescheiden, ruhig und tapfer. In seiner stillen Einsamkeit. Nachdem meine Mutter gestorben war, ist er trotzdem dortgeblieben und am Ende einsam gestorben. Beerdigt wurde er auf dem falschen Friedhof unter fremden Menschen.

Erschrocken bin ich aufgewacht eines Tages, als ich begriffen habe, dass mein Schicksal nicht viel anders verläuft. Ich lebe seit circa vierzig Jahren in einer fremden Stadt, mit einer fremden Frau in einem Unrechtsstaat. Zuerst möchte ich sagen, dass ich in keinem Fall beerdigt werden will, sondern mein Leichnam sollte verbrannt werden und die Asche an einem Ort, wo das erlaubt ist, verstreut werden. Ich entschied mich, nicht leise und nicht unbemerkt in dieser fremden Stadt zu leben, und gründete eine eigenständige politische Partei. Dieser Schritt hat mir eine negative Berühmtheit bei allen politischen Akteuren auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene eingebracht.

Mit der Gründung einer Partei in der Schweiz wollte ich endlich Freunde finden. Menschen mit ähnlichen politischen Ansichten, dachte ich, könnten eines Tages Freunde werden. Während der Jahre 2019, 2020, 2021, 2022 und 2023 habe ich leider keine Freunde, sondern nur Feinde gesammelt. Obwohl ich verraten, betrogen, bestohlen, verfolgt, ausspioniert und von allen politischen Parteien und Mitgliedern der regierenden schweizerischen Parteien einfach ignoriert wurde, möchte ich die letzten vier Jahre meines Lebens nicht missen. Sie waren innovativ, emotional und kreativ und man kann sagen, es waren die besten Jahre meines Lebens. Dieses Buch sehe ich als Handbuch für die jungen SchweizerInnen mit Migrationshintergrund, die sich politisch engagieren wollen. Sie sollten aus meinen Fehlern lernen und begreifen, dass jeder Mann theoretisch sehr leicht eine politische Partei in der Schweiz gründen kann, und dadurch scheint es so, dass die schweizerische politische Landschaft leicht zu verändern ist. Darüber hinaus soll dieses Buch den Mitgliedern der Partei der Secondi zeigen, dass die Gründung der Partei kein Selbstläufer war, sondern ein mühsamer Kampf gegen die verkrusteten politischen Strukturen und nationalistischen Grundgedanken dieses Landes. Ich werde in diesem Buch versuchen, die Schweiz und die SchweizerInnen so zu beschreiben, wie ich sie während meines Schweiz-Aufenthaltes erlebt habe. Vor allem werde ich mich mit den letzten vier Jahren meines Lebens beschäftigen.



Primo

Geboren wurde ich im Jahr 1953 in Sibenik (YU). Mit vierzehn Jahren fuhr ich mit dem Zug nach Novi Sad (YU), an einen Ort, der 1000 km entfernt von meinem Geburtsort liegt. Dort wurde ich an einer chemisch-technologischen Schule angenommen. Während meiner Schulzeit war ich relativ selbständig und habe gelernt, das Geld wertzuschätzen und die Charaktere der Menschen leicht zu erkennen. Durch den Schwimmsport habe ich mich an das harte Arbeiten gewöhnt und auch daran, Niederlagen zu verkraften. Meine Matura schloss ich 1971 ab. Danach ging ich wieder zurück nach Sibenik, wo ich im Dezember desselben Jahres eine Tätigkeit als werdender Schichtführer in einer sich aufbauenden Aluminiumelektrolyse bei der Firma TLM annahm. Es war vorgesehen, dass ca. vierzig Mitarbeiter eine mehrmonatige Ausbildung bei der Firma Alusuisse in der Schweiz absolvieren. Diese Schweizer Firma hat das Know-how für die Aluminiumelektrolyse bei TLM Sibenik geliefert.
Im Frühjahr 1972 kamen wir in Gampel-Steg (VS) an. Ich war mit meinen 19 Jahren das jüngste Mitglied der Gruppe. Wir arbeiteten im Schichtbetrieb in der Hütte Steg und durften alle notwendigen Arbeiten an den Schmelzöfen erlernen. Das war notwendig, um das Know-how der Firma Alusuisse zu übernehmen. In diesem Betrieb herrschte fast militärische Disziplin und Ordnung. Mir ist aufgefallen, dass alle Chefs Schweizer waren, welche sich wie wahre Herren aufgeführt haben. Die Schichtarbeiter waren vor allem italienische Grenzgänger. Am 19. Juli dieses Jahres verbrannte ich mein linkes Bein mit einem Elektrolyten, der auf 950 Grad Celsius erhitzt worden war. Daraufhin wurde ich ins Spital Visp eingeliefert und dort behandelten die Ärzte meine Verbrennungen fachmännisch. Elektrolytverbrennungen dieses Grades kannten die Ärzte im Spital bereits aus Erfahrung. Im Spital blieb ich fast einen Monat. Während dieser Zeit besuchte mich meine künftige Frau, eine Oberwalliserin, regelmäßig und dort kamen wir uns näher. Im Dezember 1972 schlossen wir unsere Ausbildung in der Hütte Steg ab und flogen zurück nach Hause.

Im Januar 1973 wurden die ersten Aluminiumelektrolyseöfen der Firma TLM Sibenik in Betrieb genommen. Dort mussten wir zeigen, was wir in der Hütte Steg gelernt hatten. Ich habe als Schichtführer gearbeitet und im Frühling erfuhr ich, dass meine künftige Frau schwanger war. Wie diese Zeit der Schwangerschaft für eine junge, ledige werdende Mutter in einem katholisch-konservativen Dorf war, kann ich mir nur vorstellen. Sie sprach nie darüber. Die erste Reaktion ihres Bruders war: „Du bist eine dumme Kuh.“ Er war zutiefst enttäuscht, dass seine jüngere ledige Schwester ein Kind von einem Ausländer erwartete. Ihr Vater starb im Februar 1973. Im September 1973 wurde unser Sohn geboren. Die Nachricht über die Geburt meines Sohnes bekam ich während einer Nachtschicht. Meine Eltern waren sehr positiv überrascht, weil ich bis dato niemanden über die Schwangerschaft informiert hatte. Am nächsten Tag habe ich zusammen mit Familie und Freunden die Geburt des Sohnes gefeiert.
Ende September fuhren meine Eltern und ich nach Gampel, um uns vorzustellen. Dort angekommen, erkannte ich meinen Sohn juristisch an. Meine Frau war nach dem Schweizer Recht immer noch minderjährig, sie war 19 und ich war 20 Jahre alt. Die Familie meiner Frau empfing uns neugierig, da sie bis zu dieser Zeit keine festen Kontakte mit Ausländern gepflegt hatten. Im Nachhinein kann man sagen, dass im September 1973 in Gampel zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinandertrafen: die strenggläubige, sparsame, asketisch aussehende Mutter meiner Frau, die mit 62 Jahren in diesem Jahr Witwe und Oma geworden war, meine Frau, die wahrscheinlich einiges in den letzten Monaten erlebt hatte, und auf der anderen Seite meine Eltern, die bereits mit 44 Jahren zum ersten Mal Großeltern wurden. Meine Schwiegermutter in spe kochte für uns ein Mittagessen. Sie aß sehr wenig und meine Eltern nahmen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, ebenfalls wenig zu sich. Nach dem Mittagessen machten sie einen Spaziergang und kauften Schweizer Käse und Brot, um satt zu werden.

Während meiner Ausbildung in Steg und der späteren Ausübung meiner Tätigkeit als Schichtführer in der Aluminiumhütte gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich unbedingt weiter studieren muss. Angekommen in Gampel teilte ich diese Entscheidung zuerst meiner Frau mit. Ich wollte das Beste für meine werdende Familie und ich wollte mein neues Leben in der Schweiz als Herr und nicht als einfacher Arbeiter anfangen. Ich war überzeugt, dass ich mit meinem Ersparten die ersten Semester meines Studiums selbst finanzieren könnte.

Meine Mutter war Kroatin, mein Vater Serbe und ich sah mich als Welteroberer. Nationalisten jeder Art habe ich bereits damals verachtet. Ich war stolz auf meine Herkunft, meine Sprache und stolz, ein Bürger der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) zu sein. Jugoslawien hatte im Zeitraum zwischen 1955 und 1985 mit westlichen Krediten die eigene Industrie ausgebaut und war unter anderem in der Lage, sehr viele Waffen in eigener Regie zu fertigen. Darüber hinaus produzierte man alle notwendigen Metalle, wie Eisen, Aluminium, Kupfer, Gold, Silber, Zink usw. Die Menschen dort lebten in einer aufregenden Zeit.
Als ich wieder zuhause in Sibenik war, kündigte ich meine Arbeit und schrieb mich im Oktober 1973 an der chemisch-technologischen Fakultät in Split ein. Aus heutiger Perspektive kann ich behaupten, dass diese Entscheidung eine der klügsten Entscheidungen in meinem ganzen Leben war. Ich sah, dass die Mutter und die Schwägerin meiner Frau sich liebevoll um unseren Sohn kümmerten. Meine Frau musste noch ihre Lehre abschließen. Ich wollte in den Winter- und Sommerferien in der Schweiz arbeiten und mit dem verdienten Geld mein Studium finanzieren. Mein Bruder hatte gleichzeitig sein Studium in Zagreb angefangen und meine Eltern hatten nicht genügend Geld, um die Studien beider Söhne gleichzeitig zu finanzieren. Die nächsten sechs Jahre unseres Lebens waren sowohl für meine Frau als auch für mich anstrengend und hart. Es war eine große Herausforderung für beide Familien, für meine Frau und für mich, der unbedingt seinen Studientraum verwirklichen wollte. In den ersten zwei Jahren meines Studiums waren wir, meine Frau, unser Sohn und ich, nur jeweils vier Monate zusammen. In diesen zwei Jahren hatten wir genügend Geld gespart, damit meine Frau und unser Sohn sieben Monate in Sibenik bei meinen Eltern verbringen konnten. Im Februar 1976 heirateten wir in Sibenik. Unser Sohn war zu dieser Zeit zweieinhalb Jahre alt. Aus der Schweiz reisten zu unserer Hochzeit ihre Mutter, ihr Bruder, eine Schwester und die beste Freundin meiner Frau an. Meine Familie und einige gute Freunde nahmen ebenfalls an der Hochzeitsfeier teil. Wir mieteten im besten Hotel in Sibenik einen Saal und feierten dort. Die Hochzeitskosten haben meine Frau und ich von unserem eigenen Geld bezahlt. Meine Frau und unser Sohn lebten während meines Studiums insgesamt eineinhalb Jahre in Sibenik und erwarben in dieser Zeit gute Kenntnisse der serbokroatischen Sprache. In den letzten Jahren meines Studiums waren wir entweder in Sibenik oder in Gampel viel länger zusammen.

Im Dezember 1979 schloss ich mein Studium mit der Diplomarbeit „Trennung der Terpene und Terpenoiden aus Lavendelöl“ und mit bestandener Prüfung ab. Während meines Studiums hatte ich sehr hart gearbeitet und auf vieles verzichtet. Jetzt, wo ich in der Schweiz auf Arbeitssuche war, wurde mir klar, dass ich künftig noch viel mehr arbeiten werden müsste, um eine Arbeitsstelle zu finden und am Ende Erfolg zu haben. Wie schwer es damals für einen ausländischen Akademiker war, eine passende Tätigkeit zu finden, werde ich an einem Beispiel erläutern. Ich habe über vierzig Bewerbungen versandt und sehr wenige Antworten bekommen, welche alle negativ waren. Darunter war auch die Firma Lonza in Visp. In der gleichen Zeit las ich ein Interview des Direktors der Firma Lonza, wo er sich beklagte, dass im Oberwallis keine Fachkräfte zu finden seien. Darauf schickte ich eine neue Bewerbung, in der ich darauf hingewiesen habe, dass ich ein diplomierter Ingenieur der chemischen Technologie bin und dass ich eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für die Schweiz habe. Danach verlangten sie meine Diplomarbeit. Ich übersandte sie und ein paar Tage später erhielt ich einen Brief von ihnen, der an Dr. Zoran Mitrovic adressiert war. Meine Diplomarbeit hatte sie beeindruckt. Sie luden mich zu einem Vorstellungsgespräch in zwei Monaten ein, weil der zuständige Abteilungsleiter in den USA weilte. In der Zwischenzeit hatte ich eine Anstellung bei der Firma Alusuisse in Chippis als wissenschaftlicher Assistent in einem Hüttenlabor erhalten. Sie waren von meinen Vorkenntnissen über Aluminiumelektrolyseöfen beeindruckt und am 1. April 1980 begann ich dort zu arbeiten.
Obwohl sich meine Schwiegermutter sehr liebevoll um unseren Sohn kümmerte und wir bei ihr fast gratis wohnen durften, hat sie uns nie eine finanzielle Unterstützung angeboten. Sie hatte relativ viel Geld auf dem Sparkonto, was ich erst später erfuhr. Aber weder sie noch der Bruder meiner Frau empfanden es als notwendig, uns finanziell zu unterstützen. Damals war ich jung und überzeugt, dass ich alles allein schaffen kann. Aber eine finanzielle Unterstützung hätte unser Leben leichter gemacht. In Siders fand ich eine günstige Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Fabrik und im September 1980 zogen endlich meine Frau, unser Sohn und ich in unsere erste gemeinsame Wohnung. Für die Möblierung der Wohnung nahm ich einen Kleinkredit auf. Im Januar 1983 kam unser zweiter Sohn in Siders zur Welt. Bei der Geburt war ich dieses Mal jedoch dabei. Die Jahre in Siders waren für mich sehr interessant, weil ich dort die Deutschschweizer und die Westschweizer in einem einzigen Betrieb erleben konnte. Die Westschweizer sprachen mit jedem nur französisch, weil sie ihre Sprache verteidigen wollten. Sie waren in der Minderheit, ebenso wie die wenigen ausländischen Fachkräfte, die dort arbeiteten. Für mich war es schwierig, weil ich kein perfektes Deutsch sprach, und jetzt musste ich als weitere Sprache Französisch lernen. Ich sprach Englisch und Deutsch und eine dritte Fremdsprache war mir einfach zu viel. Das Rhonetal, wo sich unsere Wohnung und die Fabrik befanden, war von hohen Bergen umschlossen. Ich bin am Meer aufgewachsen und mir fehlte die Weite des Wassers. Gleichzeitig wollte ich unbedingt, dass meine Frau die gleiche Erfahrung macht wie ich und weit weg von ihrem Heimatkanton lebt. In Kreuzlingen am Bodensee bei der Firma Neher AG, die eigentlich zum Alusuisse-Konzern gehörte, erhielt ich eine Stelle als Leiter des analytischen Labors. Dort mietete ich auch eine kinderfreundliche Viereinhalb-Zimmer-Wohnung und wir zogen Ende März 1985 dorthin. Die Umzugskosten bezahlte uns mein neuer Arbeitgeber. Für mich war es sehr wichtig, dass ich in der gleichen Pensionskasse blieb, sonst hätte ich viel Pensionsgeld verloren. Damals gab es nämlich die volle Freizügigkeit noch nicht. 1985 zog ich vom Wallis in den Kanton Thurgau um, weil ich in Kreuzlingen eine neue Stelle bekam und weil mir der Bodensee und die Landschaft um den Bodensee sehr gefielen. Mit den Menschen, die im Thurgau lebten, beschäftigte ich mich kaum, weil ich in meiner Naivität glaubte, dass in der Schweiz Schweizer leben, die der Eidgenossenschaft auch zugehören. Es ist mir entfallen, dass für einen Schweizer die kantonale Zugehörigkeit und sein Bürgerort essenziell sind. Ein Schweizer ist nur in seinem eigenen Kanton souverän und betrachtet alle Zugewanderten eines anderen Kantons ebenso wie die Ausländer als Fremde.

Die Firma Neher AG wurde zu dieser Zeit von Schweizern geleitet und fast alle Führungspositionen im Betrieb waren von älteren Schweizern besetzt. Die meisten Arbeiter dagegen waren Ausländer. Bei der Mehrzahl dieser Schweizerchefs handelte es sich um rigide Nationalisten. Sie konnten nicht akzeptieren, dass ein Ausländer wie ich so eine Position überhaupt bekommen hatte. Der Direktor der Firma war ein Schweizer, der sich als Arbeiterfreund sah. In der Firma gab es damals sogar Sozialarbeiter, die sich um die Sorgen der Arbeiter gekümmert haben. Die Schweiz hatte damals einen großen Mangel an qualifizierten Ingenieuren und hat intensiv vor allem in Deutschland Fachkräfte gesucht. Die SchweizerInnen, die mit mir in der Entwicklung arbeiteten, waren meistens angelernt. Da in der Schweiz Fachkräfte fehlten, wurden Leute mit einem Lehrabschluss als Produktentwickler eingesetzt. Mit den Jahren haben diese ihre Aufgaben immer besser bewältigt. Als aber die Digitalisierung im Betrieb Einzug hielt, hatten sie Probleme, sich weiterzuentwickeln. Ihnen fehlte eine fundierte technische Ausbildung. Die Firma Alusuisse in Singen hatte ungefähr dreimal so viele Arbeiter wie die Neher AG. Jedes Mal, wenn wir aus Kreuzlingen nach Singen kamen, empfingen uns dementsprechend dreimal so viele Menschen, wie wir es waren. Die deutschen Ingenieure waren arrogant und überheblich und eines Tages entschied ich mich, ihnen eine Lektion zu erteilen. Wir haben von Singen Aluminiumfolie gekauft, welche wir in unseren Produkten verwendeten. Uns fiel aber auf, dass die Qualität der Aluminiumfolien immer schlechter wurde. Ich bat die Kollegen in Singen, uns die geprüften Daten an Aluminiumfolie für die letzten zwölf Monate zu schicken. Daraufhin habe ich die Daten statistisch bearbeitet und festgestellt, dass die schlechten Werte nicht vorhanden waren. Zu zweit gingen wir nach Singen. Dort haben uns sechs Singener erwartet. Der erste Satz von mir war: „Meine Herren hier wird gemogelt.“ Die deutschen Kollegen waren schockiert und erbost. Daraufhin stand ich auf und bewies ihnen, dass mit den erhaltenen Daten etwas nicht stimmt. Das verstanden sie und danach waren sie still und wir fuhren nach Hause. Es stellte sich heraus, dass irgendein Mitarbeiter die schlechten Daten angeblich einfach unterdrückt hatte. Dass die deutschen Ingenieure damals wie heute bereit waren zu mogeln, beweist der jetzige Abgasskandal der Autoindustrie. Wir arbeiteten sehr eng mit unserer Tochterfirma in Deutschland zusammen, wo fast alle technischen Gesprächspartner Ingenieure waren. Je älter die Schweizer Kollegen waren, desto mehr Probleme hatten sie im Umgang mit deutschen Ingenieuren, die ihre Kollegen waren. Dabei möchte ich erwähnen, dass fast alle Schweizer, welche ich in Kreuzlingen kennengelernt habe, gegenüber Deutschen sehr ablehnend, fast feindlich waren. Ich vermute, dass diese Ablehnung dadurch entstand, dass die Deutschschweizer Angst vor den vielen Millionen Deutschen hatten, welche ihre direkten Nachbarn sind.

Einige Arbeitskollegen wurden krank und starben relativ früh. Hier kann ich ein Beispiel bringen, wie die älteren Schweizer Mitarbeiter mit jüngeren Schweizern mit Migrationshintergrund umgegangen sind. Eines Tages standen zwei Polizisten in Zivil vor meinem Büro in der Fabrik. Sie wollten mit mir und meiner Tasche zu einer UV-Lampe gehen, welche sich in einem anderen Labor befand. Dort untersuchten sie meine Hände, meine Tasche und meinen Geldbeutel unter UV-Licht. Sie fanden Aufhellungen im Inneren meiner Handtasche. Darauf sagte ich, dass sich in meinem Labor mindestens ein Kilo dieser einen UV-Farbe befindet und diese Spuren nichts zu bedeuten haben, da wir damit arbeiteten. Später erfuhr ich, dass aus dem Schreibtisch eines älteren Schweizers ein paar hundert Franken gestohlen worden waren. Daraufhin hatte er die Polizei kontaktiert und diese behandelte ein paar neue Hundert-Franken-Scheine mit UV-Farbe und ließ sie in der Schreibtischschublade zurück. Die präparierten Scheine verschwanden über Nacht, worauf die Polizisten den Dieb suchten. Wie der Kollege auf die Idee kam, obwohl er in einem anderen Gebäude seinen Arbeitsplatz hatte, dass ich ihm angeblich Geld gestohlen hatte, erfuhr ich nie. Der Kollege erlitt nach ein paar Monaten einen Hirnschlag in seinem Büro und wurde krankgeschrieben. Ich habe ihn nur noch einmal in meinem Leben gesehen, und zwar zufällig auf der Straße. Er sah elend aus und sagte mir, dass er Leberkrebs habe und bald sterben werde. Trotzdem hatte ich kein Mitleid mit ihm. Meiner Meinung nach war seine Krankheit vor allem durch den Stress am Arbeitsplatz und seine Ablehnung der Fremden verursacht worden.

Während meiner 30-jährigen Tätigkeit im gleichen Betrieb, der mehrmals von anderen Konzernen übernommen wurde, erlebte ich unterschiedliche Arten von Arbeitsklima. Alle hatten etwas damit gemeinsam, dass zwischen den Abteilungen und den Menschen zahlreiche Konflikte bestanden. Manchmal herrschte ein richtiger Krieg. Das zerstörte sehr viel menschliche Substanz und hatte eine direkte Auswirkung auf die Gesundheit vieler älterer Kollegen. Ein Albtraum für Schweizer Nationalisten in der Firma war es, als ein Deutscher als Leiter des Entwicklungslabors angestellt wurde. Er war mein direkter Vorgesetzter. Von ihm habe ich sehr viel gelernt. Der Leiter des Entwicklungslabors war damals eine Schlüsselposition bei der Neher AG, weil alle Entwicklungen und Reklamationen unter seiner Verantwortung standen. Mit seiner Machtposition und seinem Wissen war er eine echte Bedrohung für die älteren Schweizer Chefs. Mit ihnen musste er fast täglich buchstäbliche Kämpfe austragen. Das kostete ihn viel Substanz. Er bekam sehr früh einen Hirnschlag und wurde deshalb vorzeitig pensioniert. Nachdem mein Vorgesetzter krank geworden war, übernahm ich ad interim seine Aufgaben. Während der nächsten Jahre wurde ich Zeuge von Mobbing an älteren Mitarbeitern. Ihre Löhne wurden gekürzt, weil sie angeblich ihre Tätigkeit nicht mehr richtig ausüben konnten. Sie bekamen einen anderen Arbeitsplatz und weniger Lohn. Inzwischen sind sehr viele dieser alten Schweizer Garde im Ruhestand. Die Firma Alusuisse wurde einige Jahre später von Alcan, einem kanadischen Konzern, übernommen. Dadurch verbesserte sich das Arbeitsklima im Betrieb, weil internationale Konzerne darauf achten, dass keiner in der Fabrik diskriminiert wurde. Die Führungsetage wurde international besetzt. Ich wurde endlich Leiter des Entwicklungslabors und diese Schlüsselposition im Betrieb hat mir geholfen, mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich erweiterte meine Fähigkeiten, Probleme zu erkennen, zu analysieren und nützliche Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Einfach gesagt habe ich gelernt, richtig zu denken, und ich sah meine Aufgabe in der Firma darin, auch für viele andere mitzudenken. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen nicht analytisch denken können, einen Text nicht richtig lesen und daraus nicht die angemessenen Schlüsse ziehen können. Viel Zeit verbrachte ich mit Sitzungen, bei denen man den Menschen erklären musste, was bereits verbrieft wurde. Ich hatte Mühe, wenn mehr als ein Schweizer am Tisch saß und mit mir über die Entwicklungen sprach. Ich hatte genug Probleme, schriftdeutsch zu schreiben und zu reden und wollte Schweizerdeutsch nicht lernen. Dadurch wussten die SchweizerInnen nicht, wie sie mit mir reden sollten, Hochdeutsch oder Mundart. Für viele SchweizerInnen ist Hochdeutsch eine Fremdsprache, die wenige gut beherrschen. Für mich war die Mundart eine Herrensprache, welche in jedem Kanton unterschiedlich ist. Ich habe verschiedene Schweizer Mundarten sehr gut verstanden, wollte sie aber nicht sprechen, weil die Menschen, welche andere Muttersprachen sprechen, sehr lächerlich klingen, wenn sie Mundart sprechen. Dies wollte ich mir ersparen. Die SchweizerInnen im Betrieb sahen mich nicht gerne als Leiter des Entwicklungslabors, aber sie brauchten meine Hilfe und mein Wissen. Sie konnten es nicht ertragen, dass ein neuer Schweizer ihnen sagte, was sie falsch machten. Schlussendlich mussten sie sich mit mir arrangieren.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Primo der Partei Secondi

Weitere Bücher von diesem Autor

Cover: Primo der Partei Secondi

Zoran Mitrović

Gedanken eines Gastarbeiters

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder