Cover: Getrennte Harmonie

Getrennte Harmonie


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-7116-1474-2
Erscheinungsdatum: 21.04.2026
Die Freiheit liegt greifbar nah - und fordert einen hohen Preis. Die Grenze erneut für die Familie zu überwinden, verändert in einem Moment alles. Gewalt, erneute Trennung und Sprachlosigkeit prägen für lange Zeit ihr Leben.
Fluchtgrund


Als Handwerker kam ich regelmäßig meiner Arbeit nach. Verdiente gutes Geld, um sich etwas Luxus in der DDR leisten zu können, stockte man es durch Samstags- oder manchmal sogar Sonntagsarbeit auf.
Meine Frau hat 1970 ihr Studium als Erzieherin beendet.
Danach arbeitete sie in ihrem Beruf, es war eine gut bezahlte Stelle in Leipzig Rosenthal, sodass für einen Fernseher etwas Geld übrig blieb.
Später langte es sogar für ein Auto, unseren Wartburg 311, der sich noch als nützlich für unsere Flucht erweisen sollte.
Von Anbeginn war mir klar, wenn wir es schaffen sollten, werde ich meine Frau und meinen Sohn so rasch wie möglich in die BRD nachholen.
Unser Sohn war damals zwei Jahre alt, da sollte eine Flucht sehr gut überlegt sein.

Etwas in der DDR zu erreichen, traten manche in die SED ein, und viele dachten so, taten es letztendlich auch.
Zu verlogen war mir die neue Generation Genosse – ein kämpferisch guter Genosse zu sein, kannte ich durch meinen Vater anders. Im 2. Weltkrieg war er als Sanitäter in Italien eingesetzt worden und kam Gott sei Dank gesund nach Kriegsende wieder nach Hause.
Seine damalige kämpferische Arbeiterklasse klang in seinen Erzählungen völlig anders als im Sprachrohr der damaligen DDR. Unsere Ansichten zur SED konnten von daher nicht unterschiedlicher sein. Hatte bei mir bestimmt auch etwas mit Honeckers Machtantritt und Ulbrichts Absetzung zu tun.
Durch die neue Führungsspitze wurde mein Wunsch, sich selbständig zu machen, undenkbar.
Eine Firma konnte nur durch mittelbare Generation weitergeführt werden, so das Gesetz. Meine Eltern hatten leider keine Firma. So blieb mein Wunsch unerfüllt, also gab es nur eine Möglichkeit: den Weg über die grüne Grenze.
Oder wie es weit verbreitet hieß: Republikflucht.

Leider musste ich meine Geburtsstadt Leipzig hierfür verlassen. Hieß aber auch im Klartext, eventuell über Minenfelder laufen, durch die Ostsee schwimmen, über eine Mauer oder einen Stacheldrahtzaun klettern, einen Tunnel graben, einen Ballon oder ein Flugzeug bauen.
Viele Alternativen gab es bereits, eine käme sowieso nur in Betracht, aber welche?

Der Grund von den anderen beiden war mir egal.
Wir waren uns jedenfalls einig, komme was wolle, wir hauen ab und lassen die DDR hinter uns.
Vorher haben wir Drei, Petra, unser Sohn und ich, noch einen kleinen Abstecher ins Riesengebirge nach Karpacz (Polen) gemacht.
Vielleicht festigten sich gerade dort meine Gedanken, dass es besser sei, die Familie erst später nachzuholen, anstatt gleich mitzunehmen.
Später erwies sich das jedoch als sehr großer Fehler.
In der Bundesrepublik Deutschland konnte man sich selbständig machen, in der DDR leider nur unter gewissen Voraussetzungen.
So eine kleine Firma wie meine damalige Arbeitsstätte mit wenig Angestellten, das wäre genau das Richtige. Einen Ausreiseantrag stellen und darauf warten, der Witz überholt sich selbst.
Auch wenn Ex-Kanzler Brandt † die DDR damals 1970 besuchte, so war das noch lange kein Freibrief, plötzlich und schnell auf Anfrage in ein kapitalistisches Land zu reisen – und Rentner waren wir zu jener Zeit leider noch nicht.
Vorher trafen wir uns jedoch, um alles noch einmal zu besprechen. Da wäre allerdings noch eine Sache abzuklären, klinkte sich Roland in meine Gedanken ein. Ob ich denn einverstanden wäre, dass Dackel, es war sein Spitzname, seiner etwas hängenden Ohren wegen, mitfahren könnte.
Er wohnte nicht in meiner Nähe, von daher kannte ich ihn kaum. Dann wären wir schon vier junge Burschen im Auto Richtung Grenze ČSSR/Österreich gewesen.
Es war mein Auto, und wer die Musik bezahlt, bestimmt, was die Kapelle spielt, so ist das nun mal im Leben, ich lehnte ab.
Wie sich später herausstellte, sollte meine spontane Entscheidung die absolut richtige gewesen sein.




Unsere Flucht


Der Weg war nicht einfach, Regen und Nebel begünstigten nicht gerade unser Ziel.
Was wollte bloß das Auto hinter uns, es klebte fast am Auspuff und begleitete uns schon eine ganze Weile. Die Scheinwerfer konnte man im Rückspiegel recht gut erkennen. Der Nebel nahm zu, und die Sicht wurde immer schlechter. Also kurbelte ich mein Fenster herunter und streckte meinen Kopf hinaus um besser sehen zu können. Der nasse Nebel peitschte mir ins Gesicht.
Wir hatten es eilig, ich hatte es eilig.
Weiterhin bereitete mir das Auto große Sorgen, ich musste es unbedingt loswerden. Weiß man, wer hinter uns fährt?
Also gab ich Gas.
Die Landstraße sehr eng, Fahrzeuge begegneten oder überholten uns keine. Durch mein schnelles Fahren, sicherlich stark am Limit der erlaubten Geschwindigkeit, gelang es mir endlich, das Fahrzeug hinter uns abzuschütteln. Gelungen, es war nicht mehr zu sehen.

Leipzig, Dresden, Pirna, Tetschen (Děčín), der Grenzübergang in die Tschechei, oh Wunder, endlich geschafft.
Auch die Grenzkontrolle: kein Problem.
Unsere Fahrt ging dann Richtung tschechisch-österreichische Grenze weiter.
Bis kurz davor wollten wir auf jeden Fall fahren.
Wenn man jung und aufgeregt ist, bemerkt man Hunger und Durst kaum. Der Wunsch nach Freiheit war in diesem Augenblick viel größer als ein belegtes Brot.
Wie geht es weiter, was wird die Familie von mir bloß denken.
Kein Auto vor der Haustür, kein Götz da.
Der immer pünktlich morgens auf der Arbeit erschien, wo steckt er, ist etwas passiert?
Mein Kopf war leer und ich konnte darauf momentan keine Antwort geben. Jetzt waren wir in der Tschechei und ein Zurück gab es nicht mehr.
Noch immer regnete es, allerdings nicht mehr ganz so stark, nur der Nebel hatte sich aufgelöst.
Hinweisschilder an der Straßenseite zeigten uns den Weg zur Grenze. Wir waren also richtig.
Eine ganze Zeit lang fuhren wir schon durch den Wald.

Schon einmal lagen wir vor der tschechischen Grenze im Wald.
Damals, 1968 zur Alexander Dubček † Krise – verdammt heiße Situation, fast vergleichbar mit der Ukraine heute, Panzer fuhren damals auch schon.
Gut kann ich mich an die zwei Monate längere Dienstzeit der NVA erinnern, durch den Prager Frühling.

Anstatt achtzehn Monate Wehrpflicht waren plötzlich 20 Monate daraus geworden. In den Wäldern von Annaber-Buchholz lagen wir damals.

Hütten aus Moos und Windbruch haben wir gebaut und einen Ofen aus Felsgestein. Auch dort gab es manch leichtsinniges Handeln von Soldaten, fast vergleichbar mit unserer jetzigen Aktion.
Weder Karte noch Kompass hatten wir bei uns, nur die seitlich stehenden Hinweisschilder zeigten uns den richtigen Weg nach Österreich. Wird das für unser Vorhaben ausreichen, nur geradewegs den Schildern folgend? Lächerlich, und das gerade hier in Grenznähe.
Dazu noch mit einem DDR-Kennzeichen UC-19-19.
Aber was soll’s, dachte ich bei mir, Augen zu und durch!

Wir waren so gut wie angekommen, unweit vor uns lag die Grenze Österreichs. In sicherem Abstand hielten wir an und sahen uns die Gegend genauer an.
In unmittelbarer Nähe befand sich ein ausgeschilderter Zeltplatz, also nicht weit entfernt von der tschechisch-österreichischen Grenze. Wir fuhren hin.
Niemand war darauf zu sehen, eine gähnende Leere. Optimal, mit dem Auto darauf zu halten; da standen wir nun. Drei junge Menschen, die Freiheit nicht weit entfernt. Zwei, drei Kilometer höchstens – und überlegten.
Was sollten wir tun, nur hier herumstehen und warten, bis die Dunkelheit hereinbricht?
Kommt, steigt ein, wir fahren an die Grenze und schauen, wie es dort aussieht. Ohne eine Antwort der beiden abzuwarten, stieg ich in mein Auto, ließ den Motor an, und schon fuhren wir los.
Götz, du bist verrückt, ließen beide Jungs wie aus einem Munde verlauten: Ja, stimmt, etwas verrückt war ich schon. Aber wenn man etwas angefangen hat, sollte man es beenden, denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sagt ein altes deutsches Sprichwort. Hinterher weiß man sowieso erst, was falsch oder richtig war.
Mit starkem Herzklopfen fuhren wir also zur Grenzstation, nur nichts anmerken lassen.

Mein Herz pochte hörbar laut bis zu den Schläfen.
Auf Weisung des Grenzers hielt ich mein Auto an.
Ein Zollbeamter kam auf uns zu, begrüßte uns freundlich und verlangte von uns die Reisepässe.
Natürlich hatten wir keine, wie auch?
Ein Personalausweis der DDR ist bestimmt kein Schlüssel für eine verschlossene Schranke nach Österreich, noch dazu ein kapitalistisches Land, hahaha …

Eigentlich war es uns nur wichtig zu sehen, wie die Grenze verläuft, vielleicht noch die Grenzbewachung; mehr gab es in dem kurzen Moment auch nicht zu sehen.
Jedenfalls war die Grenze sehr nah, verdammt nah, fast zum Greifen nah!!
Meine Gedanken waren nur noch damit beschäftigt: Wie wird die Kontrolle ausgehen, kommen wir hier wieder heil raus? Götz, jetzt war dein Talent gefragt.

Zum Glück hatten wir das Zeltlager vorher gesehen, letztendlich auch darauf angehalten – in diesem Moment wusste ich, was uns bewegt hat, hier in die Zollstation zu fahren. Genau, das war’s, mein Gott, in dem Augenblick hätte ich mich fast selber küssen können.
Der Zöllner sprach ziemlich gut Deutsch mit leicht österreichischem Akzent. Verstand mich also recht gut.

Ein zweiter Zöllner gesellte sich hinzu und stellte sich vorsichtshalber auf die andere Seite vom Auto.
Dachte bestimmt, sicher ist sicher.
Entschuldigung, nein, nein, wir wollen nicht über die Grenze nach Österreich, wir haben eine Verabredung mit unseren Frauen in einem Zeltlager.
Das sich hier ganz in der Nähe von Gmünd – Bahnhof (České Velenice) befinden soll, leider haben wir die Adresse vergessen, bemerkte ich beiläufig.
Meine Aufregung war durch die plötzlich hervorragende Idee wie weggeblasen, anders erging es den beiden neben und hinter mir im Auto; gestanden sie mir später.
Er wies mit seiner Hand in dieselbe Richtung, woher wir auch gekommen waren. Wir verabschiedeten uns mit einem freundlichen Dankeschön, ich wendete das Auto und fuhr von der Grenzstation zurück zum Zeltlager.
Wieder am Zeltlager angekommen, versuchten wir erst einmal, ruhig durchzuatmen.
Es war September und noch immer keine Urlauber weit und breit zu sehen. Eigenartig.
Natürlich fragten wir uns, wie soll es weitergehen.
Besonders bei Frank lagen die Nerven blank.
Sollten wir nicht besser doch umkehren, ließ er verlauten.
Bestimmt haben uns schon einige gesehen.
Wie ich später im Gefängnis erfuhr, wurde wirklich eine Art Kopfgeld an die Bürger gezahlt, wenn sie es zur Anzeige brachten. Bei Festnahme bekamen die Denunzianten sogar eine Prämie. Wir verließen ohne Hast den Campingplatz und fuhren ein kleines Stück zurück in Richtung Grenze. Auf einer nahegelegenen Wiese hielten wir seitlich an, stiegen aus und vertraten uns die Beine.
Es tat gut, nach so einer langen Fahrt unsere Glieder etwas zu bewegen, auch um die ganze Aufregung von uns abzuschütteln. Lass uns doch gemeinsam überlegen, wie wir es am besten anstellen können, nach Österreich zu gelangen. Habt ihr die Hundestaffel am Zollamt gesehen, ergriff Frank als Erster das Wort. Wie die Grenzer mit den Hunden an der Leine losgezogen sind, dann der hohe Stacheldrahtzaun.
Mensch Zwanne, bleib doch mal ruhig! Roland, der ansonsten ein ziemlicher Draufgänger war, kam bei den Worten von Frank allerdings ins Wanken und zweifelte plötzlich auch am Gelingen unseres Vorhabens. Nur durch Rolands besten Kumpel Frank verrückt gemacht, schien das Ganze jetzt zu scheitern?
Was wäre erst gewesen, wenn Dackel seinen Senf noch dazugegeben hätte?
Nein, sagte ich mit Nachdruck, fahre doch nicht hierher, um gleich wieder nach Hause zu jückeln.
Natürlich war ich in dem Augenblick wütend.

Erneut ließ ich verlauten, dass ich auf keinen Fall zurückfahren werde. Wenn du hier bleibst, bleibe ich auch hier, sagte Roland plötzlich; für mich ganz unerwartet.
Und was machen wir mit dem Auto? Gute Frage, Frank.
Wenn du wirklich nicht mit uns gehen willst, hier hast du meinen Schlüssel und die Autopapiere.
Fahre damit zurück und stell das Auto vor der Haustür meiner Eltern auf der Straße ab. Schmeiß den Schlüssel und die Papiere einfach in den Briefkasten.
Zwanne trat unschlüssig von einem Bein auf das andere, vielleicht doch nicht das Richtige zu tun. Jedoch nach kurzer Überlegung verabschiedete er sich rasch und stieg ins Auto.
Ein kurzes Winken aus dem Fahrerfenster und schon war er weg.
Plötzlich standen wir ohne Auto mitten auf der großen Wiese.
Ein eigenartiges Gefühl, so ganz allein.
Als wenn man vor der Haustür steht, jemand hat das Türschloss gewechselt, und du kommst nicht mehr rein. Machte mir darüber aber keine weiteren Sorgen, weder mit unserer jetzigen Situation noch wegen dem Auto.
Alle drei hatten wir schließlich die Fahrerlaubnis.
Frank fuhr selber recht gut, also wird er mein Auto schon ohne Probleme zurück nach Leipzig bringen.

Nasse Wiese, kein Essen im Bauch, nichts zu trinken, und die Dunkelheit wird uns auch bald einholen. Vor uns lag der Wald mit der dahinter vermeintlichen Freiheit.
Aber alles noch in sehr, sehr weiter Ferne. Erneut beschenkte uns der Himmel am 9. September 1972 mit sehr viel Regen.
Wir fühlten uns mies.
Sicherlich ging es den Grenzern ähnlich, da macht Wetter keinen Unterschied, außerdem kannte ich es noch von der Armeezeit! Wie oft haben wir den Regen verflucht, wenn wir Wache schieben mussten.
Die etwaige Richtung zur Grenze kannten wir ja bereits, müsste ca. zweieinhalb Kilometer noch entfernt sein.
In der Nacht und bei Regen kann dies aber verdammt lang werden. Aufrecht über die Wiese zu spazieren, wie es mein Freund Roland wollte, akzeptierte ich auf gar keinen Fall.

Dann gehe ich nicht weiter, sagte ich bestimmend und mit klaren Worten. Bei aufrechtem Gang konnte man uns viel besser sehen als kriechend.
Also knieten wir beide nieder und fingen an, über die Wiese zu robben. Stück für Stück näherten wir uns langsam dem Waldrand. Durch die Feuchtigkeit von unten war alles sehr beschwerlich. Jedoch war die zunehmende Dunkelheit eine gute Verbündete. Bestimmt hilft sie uns, ungesehen bis zum Waldrand zu gelangen.
Es musste einfach alles richtig sein, so wie es geschah!

20:30 Uhr hatten wir den Wald erreicht und konnten uns endlich aufrichten. Jetzt schützte uns der dichte Mischwald vor eventuellen Blicken.
Vorsichtig tasteten wir uns durch das Dickicht, oft schlugen uns Zweige ins Gesicht. Glühwürmchen verwandelten sich plötzlich in rauchende Grenzer.

Jedes Mal vermutete ich hinter einer glühenden Unruhe einen Grenzer mit Zigarette.
Bis aufs Äußerste waren wir angespannt, unsere Nerven lagen völlig blank. Schritt für Schritt drangen wir in die Tiefe des Waldes. Da, diesmal ganz bestimmt ein Soldat mit Zigarette; wieder war es nur die Phantasie und ein Glühwürmchen!
So viel habe ich noch nie gesehen.
Unsere Sachen waren in der Zwischenzeit richtig nass.
Selbstmitleid völlig fehl am Platz.
Glücklicherweise schützte uns aber auch das Dickicht vor noch größerer Nässe.
Führt uns der Weg durch den Wald überhaupt zur Grenze?
Außer dem Personalausweis hatten wir nichts bei uns, absolut leichtsinnig. Was waren wir naiv!
Trotz aller Mängel und Unwissenheit gingen wir schnurstracks weiter und blieben unserem Glauben treu.
...

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