Hilda vom Hof
Eine Landliebe
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-7116-1408-7
Erscheinungsdatum: 11.02.2026
Die junge Hilda wächst bei ihrer Mutter und deren neuem Partner auf. Mit 18 verliebt sie sich in den jüngsten Sohn eines großen bäuerlichen Betriebes. Während die jungen Liebenden ihre Gefühle entdecken, kommen auch andere Geheimnisse ans Tageslicht.
1
Hilda saß am Küchentisch vor ihrem Laptop, sie musste sich zwingen, sich auf die Aufgabe, die es zu lösen galt, zu konzentrieren, denn ihre Gedanken wanderten immer wieder auf Abwege. Dieses auffallend hübsche Gesicht des Jungen, den sie mehrfach beobachtet hatte, auf dem Q-Ball in Großefehn, wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der Q-Ball, das war eine große Veranstaltung, organisiert von den Jungzüchtern Ostfriesland, und fand jedes Jahr im Februar statt. Hierzu wurde das Metadrom in Großefehn angemietet und es ging mit Musik und Tanz im großen Saal einher.
Hilda hatte mit ihrer besten Freundin Sina und noch einigen anderen Freunden bereits Platz genommen, als sie ihn in unmittelbarer Nähe ihres Tisches bemerkte, diesen ersten Blick, den sie mit ihm getauscht hatte, er war magisch gewesen.
Wie unter Strom hatte sie ganz plötzlich gestanden, diese Augen, in die sie geblickt hatte, die waren so berauschend gewesen, so warmherzig, so liebenswert, dass es ihr fast den Atem geraubt hatte. Seitdem ging der Junge ihr nicht mehr aus dem Kopf und sie konnte unentwegt nur noch an diese Augen, an diesen ersten Blick denken.
Immer wieder im Laufe des Abends hatte Hilda in seine Richtung geblickt, in der Hoffnung, erneut diesen magischen Moment zu erleben, den der Blick in seine Augen ihr schenkte. Leider war es nicht ein weiteres Mal dazu gekommen, aber sie hatte einen guten Blick auf ihn gehabt und hatte es zunehmend genossen, ihn zu beobachten.
Nun dachte sie plötzlich an ihren verstorbenen Vater, der nicht ihr leiblicher Vater gewesen war, was sie jedoch erst kurz vor dessen tragischem Tod erfahren hatte. So viele Jahre war es nun schon her, dass er einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, während er sich in einer Reha befand. Die Reha sollte ihn nach seinem schweren Unfall mit dem damaligen Zuchtbullen, der ihn seinerzeit schwer am Bein verletzt hatte, rehabilitieren und auf ein Leben mit einer Beinprothese vorbereiten, nachdem man ihm wegen einer Sepsis den Unterschenkel hatte amputieren müssen.
Nachdem er während des Schlaganfalls schwer auf den Kopf gestürzt war, war er ins Koma gefallen und nicht mehr erwacht. Hilda schmerzte es immer noch in der Seele, wenn sie zurückdachte an diese schlimme Zeit. Auch wenn es eine Kindheit, die durch harte Arbeit und andauernde Verpflichtung dem Bauernhof gegenüber, den ihre Eltern seinerzeit geführt hatten, gewesen war, so hatte Hilda doch sehr viele liebevolle Erinnerungen daran. Hilda liebte Tiere über alles und ganz besonders diese Kühe, die hatten es ihr von klein auf angetan. Kühe strahlten so eine Ruhe und Gelassenheit aus, es fühlte sich für sie an wie Entspannung pur, wenn sie durch den Stall ging und ihre Lieblinge besuchte. Ja, zunehmend war es im Lauf der Zeit leider nur noch zu Besuchen gekommen, nachdem ihre Mutter den Hof nach dem tragischen Tod des Vaters verpachtet hatte. Hilda war aus einer kurzen Affäre hervorgegangen, die ihre Mutter jahrelang, in höchster Not und Sorge, ihre Ehe zu zerstören, verschwiegen hatte und als enorme Belastung mit sich herumgetragen hatte. Auf denkbar ungünstigste Art und Weise, nämlich während des Belauschens eines Handygespräches zwischen dem leiblichen Vater von Hilda und ihrer Mutter Anni, hatte Hildas Vater erfahren, dass er nicht der leibliche Vater war, und die Gewissheit hatte ihn zerstört. Nur kurze Zeit später war das tragische Unglück geschehen und ihr Vater war für immer von ihnen gegangen.
Wie sehr sich doch ihre Mutter seit der Zeit verändert hatte, kam es ihr nun in den Sinn, waren die ersten Monate nach dem Tod des Ehemannes für sie auch sehr schwer gewesen, so hatte sie doch große Unterstützung gehabt durch Gerald Jakobs, Hildas leiblichen Vater. Die beiden hatten wieder zueinandergefunden und waren seither unzertrennlich. Liebevoll dachte Hilda nun an Gerald, was für ein herzensguter Mensch er doch war, wie sehr er sich für sie und ihre Mutter aufopferte. Ein sehr einsamer Mann war er gewesen, der schon in jungen Jahren die einzige Schwester und einige Zeit später beide Elternteile verloren hatte. Die Eltern waren nur kurz aufeinanderfolgend verstorben, sie waren am gebrochenen Herzen gestorben, so erklärte es sich Hilda selbst, nachdem die Eltern die einzige Tochter und das Enkelkind durch einen tragischen Autounfall verloren hatten. Hildas Gedanken wanderten nun wieder zum verstorbenen Vater, der zugleich der Onkel dieses kleinen Enkelkindes gewesen war, da es das Kind des älteren Bruders war. Es lief Hilda immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran dachte, was sich damals Schreckliches abgespielt hatte. Der ältere Bruder ihres verstorbenen Vaters hatte sich mit gerade einmal einundzwanzig Jahren erhängt, nachdem seine damalige Frau, welche die jüngere Schwester von Gerald Jakobs gewesen war, sich von ihm getrennt hatte.
Nachdem dann Geralds Schwester Greta von dem Freitod des Ehemannes erfahren hatte, war für sie trotz der Trennung der beiden jungen Menschen eine Welt zusammengebrochen. Tagelang war sie wie entgeistert gewesen, so hatte es Gerald einmal berichtet, und es war voraussehbar gewesen, dass etwas hatte passieren müssen, so waren Geralds Worte. Der tragische Autounfall, der dann Mutter und Kind das Leben gekostet hatte, war das unglaublich schreckliche Resultat gewesen. Geralds Mutter, die Großmutter des kleinen Enkelkindes, war es dann schließlich gewesen, die entschieden hatte, dass die Kinderleiche des kleinen Theo, so der Name des Kindes, auf dem Sarg des Vaters gebettet werden sollte, und so war es dann drei Wochen nach dem Freitod vom Vater auch geschehen.
Auf dem Friedhof in Hildas Heimatdorf Barstede, am Grab von Hildas Onkel Wilfried und dem kleinen Theo, dort war es gewesen, wo sich ihre Mutter und Gerald seinerzeit kennengelernt hatten.
Hilda seufzte. Wo war sie nun wieder hingeglitten mit ihren Gedanken? Sie musste sich doch auf ihre Aufgaben konzentrieren, die Abiturprüfungen standen kurz bevor, und sie wollte alles daran setzen, einen möglichst guten Durchschnitt zu erzielen. Hildas Mutter Anni trat nun zu ihr in die Küche. „Hallo Hilda, wie läuft es mit dem Lernen?“
Als Antwort gab Hilda lediglich einen Seufzer von sich und hob die Augenbrauen. „Mach doch mal eine Pause, Hilda, irgendwann kann man sich doch gar nicht mehr konzentrieren!“ entgegnete Hildas Mutter auf deren Seufzen und sprach weiter. „Besuche doch mal wieder den Hans auf dem Hof, der fragt so oft nach dir und wie es dir ergeht mit dem Abitur, der würde sich sehr freuen!“
Liebevoll dachte Hilda nun an den Hans und an die Kühe auf dem Hof, den ihre Mutter nach dem Tod des Vaters an den Hans verpachtet hatte. Der Hans war ihr zu einem sehr guten Freund geworden, mit dem sie über alles reden konnte, was ihr auf dem Herzen lag. Hilda hatte sich sehr für den Hans gefreut, als sie vor einigen Monaten eine positive Veränderung bei ihrem Freund bemerkt hatte, die sehr zur Freude für Hilda einer Verliebtheit geschuldet war. Ja, ihr guter Freund Hans hatte jemanden kennengelernt, den er, wie es aussah, sehr mochte, und derjenige mochte auch den Hans. Hilda hatte es immer schon geahnt, dass der Hans anders war, jedenfalls anders als die meisten Männer, die sie so kannte, er war immer so aufmerksam und einfühlsam, was natürlich nichts heißen musste.
Jedoch war er nie in einer Beziehung mit einer Frau gewesen, und wenn man mal zufällig darauf zu sprechen kam, dann konnte sich auch niemand daran erinnern, dass es jemals eine Frau an Hans’ Seite gegeben hatte. Der Sietse, der nun schon einige Zeit zusammen mit Hans auf dem Hof lebte, der war gebürtiger Holländer, und Hilda liebte seinen Akzent, den er sprach, und überhaupt war Sietse ein toller Mensch, der hatte immer einen lustigen Spruch auf den Lippen und war stets fröhlich gelaunt. Erneut erfreute sich Hilda darüber, dass der Hans mit dem Sietse so einen glücklichen Fang gemacht hatte. Ihre Mutter hatte recht, dachte sie nun, und beschloss, eine Lernpause einzulegen, um Hans und Sietse auf dem Bauernhof, wo sie aufgewachsen war, einen Besuch abzustatten.
Hilda saß in ihrem kleinen, schneeweißen Fiat 500, den sie von Gerald letztes Jahr im September zu ihrer Volljährigkeit geschenkt bekommen hatte. Sie hatte es kaum glauben können, als sie ihn am Morgen ihres achtzehnten Geburtstages auf der Auffahrt stehen sah. HI hatte sie sofort auf dem Kennzeichen registriert und war vor Freude direkt in die Luft gesprungen. „Mama, Gerald!“ hatte sie laut gerufen, obwohl Gerald ihr leiblicher Vater war, nannte sie ihn wie von Anfang an weiterhin beim Vornamen, und Gerald befand es auch als gut so.
Die beiden waren grinsend aus ihrem Versteck, neben dem Garderobenschrank im Flur des Hauses von Gerald, das sie drei bewohnten, hervorgekommen und hatten Hilda geherzt. „Ich glaube es kaum!“ hatte Hilda laut ausgerufen. „Was für ein hübsches Auto!“ „Ein hübsches Auto für ein noch viel hübscheres Mädchen!“ hatte Gerald erwidert, und man hatte ihm seine Freude über Hildas Reaktion und seinen unbändigen Stolz seiner Tochter wegen angesehen. Hilda war direkt ins Auto gestiegen und zur ersten Fahrt im eigenen Fahrzeug gestartet, zudem war es gleich umso aufregender gewesen, da sie diese Fahrt ganz alleine absolviert hatte und nicht wie bisher in Begleitung ihrer Eltern. Nun war sie volljährig, und es brauchte keine Fahrbegleiter mehr, dies hatte sich sehr gut angefühlt für Hilda.
Nun fuhr Hilda gut gelaunt die Auffahrt ihres ehemaligen Elternhauses hinauf. Sie betrachtete das große, alte Bauernhaus, und wieder stiegen die Erinnerungen in ihr auf. Sie sah ihren Vater in der Haustür stehen, ganz deutlich erkannte sie jeden seiner Gesichtszüge, wie er ihr zulächelte. Eine erstickende Traurigkeit umfasste Hildas Gemüt, und ganz plötzlich war da wieder diese Angst, die wie eine kalte Hand ihre Seele ergriff. Hilda erschrak bis ins Mark und sprang blitzschnell aus dem Auto, um frische Luft zu holen und in schnellen Schritten auf und ab zu gehen. „Lenke dich ab, Hilda!“ ermahnte sie sich selbst, „denke an etwas anderes!“ Mehrfach holte sie tief Luft, um sich zu beruhigen. Die letzte Panikattacke dieser Art war schon eine Weile her gewesen, mit dem Lernen für das Abitur war sie gut abgelenkt gewesen, umso heftiger erschrak Hilda nun über diesen plötzlichen Rückfall. Als kleines Mädchen hatte sie oft diese Panikattacken gehabt und war nicht selten übermüdet zur Schule gegangen, weil sie die Nacht über kaum hatte schlafen können wegen dieser Angstzustände. Sie hatte die Nächte dann mit Lesen oder auch Zeichnen verbracht, um damit von den schlimmen Gedankengängen abzulenken. Erst nachdem Hildas Panikattacken auch der Mutter aufgefallen waren, war sie von Fachärzten untersucht worden, und nach der Auswertung aller Untersuchungen hatte man ihr erklärt, diese Panikattacken seien seelisch bedingt. Sie sei körperlich kerngesund, nur ließ ihr Gehirn zu viel an die Seele heran, so hatte es Hilda damals verstanden, und es war ihr direkt besser damit ergangen, da sie endlich eine Erklärung hatte für diese schrecklichen Angstzustände. Sie war sehr traurig deswegen und regelrecht wütend auf ihr Gehirn, dass es dies mit ihr trieb, aber sie musste damit leben, es gab keine Heilung, lediglich Linderung durch Ablenkung.
Hilda vernahm laute Stimmen und Treckergeräusch vom Hinterhof, daher lief sie nun am Wohngebäude vorbei in Richtung des Hinterhofes. Als sie um die Ecke bog, sah sie den Hans, der sich lautstark, dem Treckergeräusch trotzend, mit Sietse unterhielt. Sietse saß auf dem Trecker und war wohl im Begriff, jede Sekunde zu starten, jetzt im März war Hochbetrieb auf den Bauernhöfen, es galt, die Felder zu bestellen, Getreide und Mais zu säen. Für Hilda war es ein angenehmer Anblick, der sie an ihre Kindheit erinnerte. Nun bemerkten die beiden Hilda, die sich ihnen langsam näherte, und ihre Gesichter hellten sich im selben Zuge auf und lächelten ihr fröhlich entgegen. „Hallo Hilda, wie schön, dich zu sehen!“
sprach Hans, und Sietse fügte hinzu: „Wenn man Hilda sieht, dann geht die Sonne auf!“ Hilda schmunzelte, nicht nur der Aussage wegen, auch wegen des herrlichen, holländischen Akzentes, mit dem der Sietse sprach. Plötzlich jedoch lenkte etwas ganz anderes die Aufmerksamkeit auf Hilda, es war die Kuh, die aus dem Laufstall heraus stolziert kam und direkt die Dorfstraße ansteuerte, an der der Bauernhof lag.
„Da ist eine Kuh ausgebrochen!“ rief Hilda nun und rannte bereits Richtung Straße, um der Kuh den Weg abzusperren. Hans und Sietse folgten Hilda, nachdem auch sie, Hildas Blick folgend, die Kuh auf der Flucht sahen. „Ach du meine Güte!“ rief Hans erschrocken, während er registrierte, dass der Gülleschacht offen da lag. Bevor er sich mit Sietse verschiedener Arbeitsgänge wegen abgesprochen hatte, hatte er den Gülleschacht bereits geöffnet gehabt, um anschließend mit einem dafür vorgesehenen Gülleschlauch und dem Güllewagen, der hierzu hinter dem Trecker gespannt war, die Gülle aus dem Güllekeller zu ziehen. Der Güllekeller befand sich unter dem gesamten Laufstall und fing die Gülle auf, die von der Kuhherde, die auf dem Spaltenboden darüber lief, ausgeschieden wurde. Dieser Spaltenboden bestand aus schweren Betonpfählen, die man zum sicheren Darübergehen verlegt hatte, mit jeweils dreieinhalb Zentimeter Abstand zwischen jedem einzelnen Betonpfahl, zum Ablauf der Gülle in den darunter liegenden Keller. Der außerhalb des Laufstalles liegende, etwa ein mal zwei Meter große Gülleschacht diente zur Gülleentnahme, für das Ausbringen zur Düngung auf das Feld.
Die Kuh rannte in diesem Moment direkt auf den Gülleschacht zu, und bevor die drei sich versahen, war die Kuh mit dem Hinterteil im Schacht verschwunden. Hilda fuhr, bei dem Anblick der langsam tiefer sinkenden Kuh, der Schrecken durch alle Glieder, stocksteif stand sie da und sah mit Entsetzen auf die sich ihr da bietende Szenerie. Das Tier kämpfte ums Überleben, versuchte scheinbar aussichtslos, sich aus dem engen Loch zu manövrieren. Nun hatten Hans und Sietse das immer weiter absinkende Tier erreicht, hilflos griffen sie zu, um die Kuh zumindest mit dem Kopf oben halten zu können. Plötzlich sah Hilda einen ihr fremden Mann hinter dem Laufstall hervortreten, dieser beobachtete für den Bruchteil einer Sekunde das ihm gebotene Bild, um in der nächsten Sekunde zur Hilfe zu eilen. Hans bemerkte den Mann und nickte ihm dankbar zu, wobei er rief: „Ich hole den Radlader, Sietse, bring die Kette her, wir müssen das Tier mit dem Frontlader herausziehen!“ Hilda beobachtete nun, wie der fremde Mann sich niederkniete und um den Hals des kämpfenden Tieres fasste, sie selber stand immer noch starr vor Schreck da und fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Mann war ihr in der knieenden Position mit dem Rücken zugewandt, und sie las auf seiner Arbeitsjacke die Aufschrift „Bauunternehmung Ernst Jakobs“. Allem Anschein nach ließ der Hans Baumaßnahmen durchführen, und dieser unerschrockene Helfer hatte den Tumult im Hinterhof bemerkt und hing nun am Hals der Kuh, den er mit beiden Armen fest umklammerte. Sietse war bereits zurück zum Geschehen und versuchte hastig, die Kette am Halsband der Kuh zu befestigen, nach einigen Versuchen gelang ihm dies, und in dem Moment war auch der Hans mit dem Radlader zur Stelle. Blitzschnell warf Sietse die Kette um einen Zinken der Frontladergabel, und während der Bauarbeiter das Tier nun freigab, betätigte Hans den Frontlader in die Höhe und zog die gewichtige Kuh mit der am Halsband befestigten Kette aus dem Gülleschacht.
Sobald die Kuh auf dem Pflaster niedergelegt war, raffte diese sich ruckartig auf die Beine und lief hastig zurück in den Laufstall. Die drei Männer, schwer atmend und mit Schweiß vor der Stirn, blickten der Kuh eine Sekunde hinterher, dann sahen sie sich fassungslos an, und es fehlten ihnen anscheinend die Worte, denn sie brachten nur kurze Sätze hervor wie „Das war knapp!“ und „Da stolziert sie hin, als wäre nichts gewesen!“
Hilda konnte kaum fassen, was sich da vor ihren Augen abgespielt hatte, wie unerschrocken und blitzschnell diese drei Männer gehandelt hatten und somit das Leben der Kuh gerettet hatten. Nun ebbte die Anspannung in ihren Gliedern ab und sie fühlte sich langsam wieder in der Lage, sich zu bewegen.
Sie lief hinüber zum Ort des Geschehens und mit immer noch vor Schreck bleichem Gesicht sah sie die drei an, blickte im selben Zuge hinunter zum Gülleschacht und wieder zurück zu den Männern, die allem Anschein nach auch noch damit beschäftigt waren, das gerade Erlebte zu verarbeiten.
Hans war es nun, der sich wieder auf die Gegenwart konzentrierte und sich von der kleinen Gruppe löste, um im Laufstall nach der gerade geretteten Kuh zu sehen. Sietse bedankte sich bei dem Bauarbeiter für den Einsatz und die unerschrockene Hilfeleistung und befand, dass er agiert hätte, als ginge er des Öfteren mit ähnlichen Situationen um. Hilda erfuhr nun in dem Gespräch der beiden, dass es sich bei dem Mann wohl um den Chef des Bauunternehmens handelte, denn Sietse sprach diesen mit dem Vornamen Ernst an. Sie fühlte eine große Sympathie und Dankbarkeit diesem gegenüber, der selbstlos größten Einsatz gezeigt hatte und somit mit beteiligt war, Schlimmeres zu verhindern.
Der Bauarbeiter machte sich nun wieder an seine Arbeit und Hilda erfuhr in dem kurzen Gespräch, den sie noch mit Hans und Sietse führte, dass es sich bei den Baumaßnahmen der Firma um eine Stallerweiterung handelte. Es stimmte sie froh, dass ihr elterlicher Bauernhof in gute Hände gelangt war. Mit Hans und Sietse wurde er von zwei fleißigen Menschen geführt, die zudem auch die Zukunft in den Blick behielten und gut durchdachten, wo Veränderung notwendig war. Während der Heimfahrt dachte Hilda noch einmal über das soeben Miterlebte nach und ihr wurde wieder einmal deutlich, wie sich ihr Leben und auch das ihrer Mutter doch verändert hatte, seitdem der Hof verpachtet war und sie beide bei Gerald lebten. Zwar hatte sie auch schöne Erinnerungen an ihre Kindheit auf dem Hof, doch zumeist war es erschwerlich gewesen, ihre Eltern waren gefangen gewesen in der Verantwortung und der Aufopferung
für den Betrieb. Es war kaum freie Zeit zur Verfügung gewesen, in der sie als Familie gemeinsam etwas hätten unternehmen können oder auch jeder Einzelne für sich selbst einen Ausgleich hätte finden können. Wenn sie daran dachte, wie viel freie Zeit sie heutzutage zur Verfügung hatte und auch ihre Mutter, dann fühlte sich diese Erkenntnis in ihr etwas beschämend an Hans und Sietse gegenüber, denen sie diese riesige Verantwortung und Aufopferung überlassen hatten.
Dann aber wiederum bemerkte sie, wie ihr doch mit der Zeit aufgefallen war, dass der Hans und der Sietse anders an die Sache herangingen. Natürlich war die harte Arbeit mit ihnen beiden als männliche Kräfte leichter und auch schneller zu bewältigen, aber die zwei nahmen sich ihre freien Zeiten, indem sie gemeinsam zur Jagd gingen, aber auch regelmäßige Saunagänge gönnten die beiden sich, wie Hilda es des Öfteren beobachtet hatte. Auch ihre Eltern hätten vielleicht etwas ändern können, dachte sie bei sich, aber es war einfach, wie es gewesen war, und zudem längst vergangene Zeit.
2
Hilda und ihre Freundin Sina standen an der Theke, um die soeben bestellten Getränke entgegenzunehmen. Sie besuchten die Scheunenfete eines Klassenkameraden und nippten nun an ihren Getränken. Die Scheune war bereits gut gefüllt und alle waren guter Laune, diese schönen Gelegenheiten zur Zusammenkunft, um miteinander zu feiern, waren selten genug, da waren diese natürlich gut besucht. Früher war das noch ganz anders, erzählten oft ältere Generationen, da gab es selbst hier über den Dörfern noch reichlich Diskotheken oder Kneipen, in denen man sich traf. Die heutige Jugend hatte es in der Hinsicht bedeutend schwerer, Zusammenkünfte zum Beisammensein, zum Austausch und zum Miteinanderfeiern zu finden, bemitleideten diese Generationen sie oft. Hilda hoffte insgeheim, den Jungen wiederzusehen, der ihr seit dem Q-Ball nicht mehr aus dem Kopf ging. Natürlich war Sina längst eingeweiht und wusste Bescheid über die Schwärmerei ihrer besten Freundin, Hilda hatte sich verliebt und Sina musste zugeben, dass sie Hilda verstehen konnte, denn der Junge war tatsächlich sehr gutaussehend. Er war ihnen jedoch unbekannt und sie vermuteten, er sei zwei oder auch drei Jahrgänge älter als sie selber. Der Abend zog sich dahin und für Hilda und Sina war es eine fröhliche Veranstaltung, es wurde viel gelacht und getanzt und nur die Tatsache, dass er, der, auf den sie insgeheim so gehofft hatte, nicht erschien, trübte Hildas Stimmung etwas. Es war bereits nach Mitternacht, als Hilda sich entschloss, die Scheunenfete zu verlassen und sich auf den Heimweg zu machen. Sie war selber gefahren und hatte somit keinen Alkohol getrunken, da kam man im Laufe des Abends, während die meisten vom Alkohol angeheitert lauter und lebhafter wurden, nicht mehr so ganz dazwischen und zudem bemerkte sie eine leichte Müdigkeit in sich aufsteigen. Sie verabschiedete sich von Sina, die ihr bekundete, noch bleiben zu wollen, und begab sich zum kleinen Nebenraum, in dem sie ihre Jacke abgelegt hatte. Unter der Menge an Jacken, die dort an Wänden hingen und auf Tischen lagen, suchte sie ihre heraus und war im Begriff, diese überzuziehen, als sie bemerkte, dass hinter ihr einige Jungen den Raum betraten und sich lautstark unterhielten. Hilda drehte sich ihnen zu und im selben Moment sah sie ihn, sie sah ihm direkt in die Augen und er sah ihr in die Augen. Hildas Knie wurden butterweich, ihr wurde heiß und eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Insgesamt waren die Jungen zu dritt und sie grüßten Hilda mit einem kurzen „Hi!“ Hilda gab ein sehr kleines „Hi!“ zurück und hatte zugleich größte Mühe, es überhaupt herauszubringen. Hildas Schwarm lief nun direkt auf sie zu und Hilda sah verlegen zu Boden, während sie steifgliedrig versuchte, in ihre Jacke zu kommen. Seine Worte, die er ihr nun entgegnete, mussten sie unwillkürlich wieder zu ihm aufschauen lassen. Ihr war schwindelig und zugleich musste sie sich zusammenreißen, sich nichts anmerken zu lassen.
...
Hilda saß am Küchentisch vor ihrem Laptop, sie musste sich zwingen, sich auf die Aufgabe, die es zu lösen galt, zu konzentrieren, denn ihre Gedanken wanderten immer wieder auf Abwege. Dieses auffallend hübsche Gesicht des Jungen, den sie mehrfach beobachtet hatte, auf dem Q-Ball in Großefehn, wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der Q-Ball, das war eine große Veranstaltung, organisiert von den Jungzüchtern Ostfriesland, und fand jedes Jahr im Februar statt. Hierzu wurde das Metadrom in Großefehn angemietet und es ging mit Musik und Tanz im großen Saal einher.
Hilda hatte mit ihrer besten Freundin Sina und noch einigen anderen Freunden bereits Platz genommen, als sie ihn in unmittelbarer Nähe ihres Tisches bemerkte, diesen ersten Blick, den sie mit ihm getauscht hatte, er war magisch gewesen.
Wie unter Strom hatte sie ganz plötzlich gestanden, diese Augen, in die sie geblickt hatte, die waren so berauschend gewesen, so warmherzig, so liebenswert, dass es ihr fast den Atem geraubt hatte. Seitdem ging der Junge ihr nicht mehr aus dem Kopf und sie konnte unentwegt nur noch an diese Augen, an diesen ersten Blick denken.
Immer wieder im Laufe des Abends hatte Hilda in seine Richtung geblickt, in der Hoffnung, erneut diesen magischen Moment zu erleben, den der Blick in seine Augen ihr schenkte. Leider war es nicht ein weiteres Mal dazu gekommen, aber sie hatte einen guten Blick auf ihn gehabt und hatte es zunehmend genossen, ihn zu beobachten.
Nun dachte sie plötzlich an ihren verstorbenen Vater, der nicht ihr leiblicher Vater gewesen war, was sie jedoch erst kurz vor dessen tragischem Tod erfahren hatte. So viele Jahre war es nun schon her, dass er einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, während er sich in einer Reha befand. Die Reha sollte ihn nach seinem schweren Unfall mit dem damaligen Zuchtbullen, der ihn seinerzeit schwer am Bein verletzt hatte, rehabilitieren und auf ein Leben mit einer Beinprothese vorbereiten, nachdem man ihm wegen einer Sepsis den Unterschenkel hatte amputieren müssen.
Nachdem er während des Schlaganfalls schwer auf den Kopf gestürzt war, war er ins Koma gefallen und nicht mehr erwacht. Hilda schmerzte es immer noch in der Seele, wenn sie zurückdachte an diese schlimme Zeit. Auch wenn es eine Kindheit, die durch harte Arbeit und andauernde Verpflichtung dem Bauernhof gegenüber, den ihre Eltern seinerzeit geführt hatten, gewesen war, so hatte Hilda doch sehr viele liebevolle Erinnerungen daran. Hilda liebte Tiere über alles und ganz besonders diese Kühe, die hatten es ihr von klein auf angetan. Kühe strahlten so eine Ruhe und Gelassenheit aus, es fühlte sich für sie an wie Entspannung pur, wenn sie durch den Stall ging und ihre Lieblinge besuchte. Ja, zunehmend war es im Lauf der Zeit leider nur noch zu Besuchen gekommen, nachdem ihre Mutter den Hof nach dem tragischen Tod des Vaters verpachtet hatte. Hilda war aus einer kurzen Affäre hervorgegangen, die ihre Mutter jahrelang, in höchster Not und Sorge, ihre Ehe zu zerstören, verschwiegen hatte und als enorme Belastung mit sich herumgetragen hatte. Auf denkbar ungünstigste Art und Weise, nämlich während des Belauschens eines Handygespräches zwischen dem leiblichen Vater von Hilda und ihrer Mutter Anni, hatte Hildas Vater erfahren, dass er nicht der leibliche Vater war, und die Gewissheit hatte ihn zerstört. Nur kurze Zeit später war das tragische Unglück geschehen und ihr Vater war für immer von ihnen gegangen.
Wie sehr sich doch ihre Mutter seit der Zeit verändert hatte, kam es ihr nun in den Sinn, waren die ersten Monate nach dem Tod des Ehemannes für sie auch sehr schwer gewesen, so hatte sie doch große Unterstützung gehabt durch Gerald Jakobs, Hildas leiblichen Vater. Die beiden hatten wieder zueinandergefunden und waren seither unzertrennlich. Liebevoll dachte Hilda nun an Gerald, was für ein herzensguter Mensch er doch war, wie sehr er sich für sie und ihre Mutter aufopferte. Ein sehr einsamer Mann war er gewesen, der schon in jungen Jahren die einzige Schwester und einige Zeit später beide Elternteile verloren hatte. Die Eltern waren nur kurz aufeinanderfolgend verstorben, sie waren am gebrochenen Herzen gestorben, so erklärte es sich Hilda selbst, nachdem die Eltern die einzige Tochter und das Enkelkind durch einen tragischen Autounfall verloren hatten. Hildas Gedanken wanderten nun wieder zum verstorbenen Vater, der zugleich der Onkel dieses kleinen Enkelkindes gewesen war, da es das Kind des älteren Bruders war. Es lief Hilda immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran dachte, was sich damals Schreckliches abgespielt hatte. Der ältere Bruder ihres verstorbenen Vaters hatte sich mit gerade einmal einundzwanzig Jahren erhängt, nachdem seine damalige Frau, welche die jüngere Schwester von Gerald Jakobs gewesen war, sich von ihm getrennt hatte.
Nachdem dann Geralds Schwester Greta von dem Freitod des Ehemannes erfahren hatte, war für sie trotz der Trennung der beiden jungen Menschen eine Welt zusammengebrochen. Tagelang war sie wie entgeistert gewesen, so hatte es Gerald einmal berichtet, und es war voraussehbar gewesen, dass etwas hatte passieren müssen, so waren Geralds Worte. Der tragische Autounfall, der dann Mutter und Kind das Leben gekostet hatte, war das unglaublich schreckliche Resultat gewesen. Geralds Mutter, die Großmutter des kleinen Enkelkindes, war es dann schließlich gewesen, die entschieden hatte, dass die Kinderleiche des kleinen Theo, so der Name des Kindes, auf dem Sarg des Vaters gebettet werden sollte, und so war es dann drei Wochen nach dem Freitod vom Vater auch geschehen.
Auf dem Friedhof in Hildas Heimatdorf Barstede, am Grab von Hildas Onkel Wilfried und dem kleinen Theo, dort war es gewesen, wo sich ihre Mutter und Gerald seinerzeit kennengelernt hatten.
Hilda seufzte. Wo war sie nun wieder hingeglitten mit ihren Gedanken? Sie musste sich doch auf ihre Aufgaben konzentrieren, die Abiturprüfungen standen kurz bevor, und sie wollte alles daran setzen, einen möglichst guten Durchschnitt zu erzielen. Hildas Mutter Anni trat nun zu ihr in die Küche. „Hallo Hilda, wie läuft es mit dem Lernen?“
Als Antwort gab Hilda lediglich einen Seufzer von sich und hob die Augenbrauen. „Mach doch mal eine Pause, Hilda, irgendwann kann man sich doch gar nicht mehr konzentrieren!“ entgegnete Hildas Mutter auf deren Seufzen und sprach weiter. „Besuche doch mal wieder den Hans auf dem Hof, der fragt so oft nach dir und wie es dir ergeht mit dem Abitur, der würde sich sehr freuen!“
Liebevoll dachte Hilda nun an den Hans und an die Kühe auf dem Hof, den ihre Mutter nach dem Tod des Vaters an den Hans verpachtet hatte. Der Hans war ihr zu einem sehr guten Freund geworden, mit dem sie über alles reden konnte, was ihr auf dem Herzen lag. Hilda hatte sich sehr für den Hans gefreut, als sie vor einigen Monaten eine positive Veränderung bei ihrem Freund bemerkt hatte, die sehr zur Freude für Hilda einer Verliebtheit geschuldet war. Ja, ihr guter Freund Hans hatte jemanden kennengelernt, den er, wie es aussah, sehr mochte, und derjenige mochte auch den Hans. Hilda hatte es immer schon geahnt, dass der Hans anders war, jedenfalls anders als die meisten Männer, die sie so kannte, er war immer so aufmerksam und einfühlsam, was natürlich nichts heißen musste.
Jedoch war er nie in einer Beziehung mit einer Frau gewesen, und wenn man mal zufällig darauf zu sprechen kam, dann konnte sich auch niemand daran erinnern, dass es jemals eine Frau an Hans’ Seite gegeben hatte. Der Sietse, der nun schon einige Zeit zusammen mit Hans auf dem Hof lebte, der war gebürtiger Holländer, und Hilda liebte seinen Akzent, den er sprach, und überhaupt war Sietse ein toller Mensch, der hatte immer einen lustigen Spruch auf den Lippen und war stets fröhlich gelaunt. Erneut erfreute sich Hilda darüber, dass der Hans mit dem Sietse so einen glücklichen Fang gemacht hatte. Ihre Mutter hatte recht, dachte sie nun, und beschloss, eine Lernpause einzulegen, um Hans und Sietse auf dem Bauernhof, wo sie aufgewachsen war, einen Besuch abzustatten.
Hilda saß in ihrem kleinen, schneeweißen Fiat 500, den sie von Gerald letztes Jahr im September zu ihrer Volljährigkeit geschenkt bekommen hatte. Sie hatte es kaum glauben können, als sie ihn am Morgen ihres achtzehnten Geburtstages auf der Auffahrt stehen sah. HI hatte sie sofort auf dem Kennzeichen registriert und war vor Freude direkt in die Luft gesprungen. „Mama, Gerald!“ hatte sie laut gerufen, obwohl Gerald ihr leiblicher Vater war, nannte sie ihn wie von Anfang an weiterhin beim Vornamen, und Gerald befand es auch als gut so.
Die beiden waren grinsend aus ihrem Versteck, neben dem Garderobenschrank im Flur des Hauses von Gerald, das sie drei bewohnten, hervorgekommen und hatten Hilda geherzt. „Ich glaube es kaum!“ hatte Hilda laut ausgerufen. „Was für ein hübsches Auto!“ „Ein hübsches Auto für ein noch viel hübscheres Mädchen!“ hatte Gerald erwidert, und man hatte ihm seine Freude über Hildas Reaktion und seinen unbändigen Stolz seiner Tochter wegen angesehen. Hilda war direkt ins Auto gestiegen und zur ersten Fahrt im eigenen Fahrzeug gestartet, zudem war es gleich umso aufregender gewesen, da sie diese Fahrt ganz alleine absolviert hatte und nicht wie bisher in Begleitung ihrer Eltern. Nun war sie volljährig, und es brauchte keine Fahrbegleiter mehr, dies hatte sich sehr gut angefühlt für Hilda.
Nun fuhr Hilda gut gelaunt die Auffahrt ihres ehemaligen Elternhauses hinauf. Sie betrachtete das große, alte Bauernhaus, und wieder stiegen die Erinnerungen in ihr auf. Sie sah ihren Vater in der Haustür stehen, ganz deutlich erkannte sie jeden seiner Gesichtszüge, wie er ihr zulächelte. Eine erstickende Traurigkeit umfasste Hildas Gemüt, und ganz plötzlich war da wieder diese Angst, die wie eine kalte Hand ihre Seele ergriff. Hilda erschrak bis ins Mark und sprang blitzschnell aus dem Auto, um frische Luft zu holen und in schnellen Schritten auf und ab zu gehen. „Lenke dich ab, Hilda!“ ermahnte sie sich selbst, „denke an etwas anderes!“ Mehrfach holte sie tief Luft, um sich zu beruhigen. Die letzte Panikattacke dieser Art war schon eine Weile her gewesen, mit dem Lernen für das Abitur war sie gut abgelenkt gewesen, umso heftiger erschrak Hilda nun über diesen plötzlichen Rückfall. Als kleines Mädchen hatte sie oft diese Panikattacken gehabt und war nicht selten übermüdet zur Schule gegangen, weil sie die Nacht über kaum hatte schlafen können wegen dieser Angstzustände. Sie hatte die Nächte dann mit Lesen oder auch Zeichnen verbracht, um damit von den schlimmen Gedankengängen abzulenken. Erst nachdem Hildas Panikattacken auch der Mutter aufgefallen waren, war sie von Fachärzten untersucht worden, und nach der Auswertung aller Untersuchungen hatte man ihr erklärt, diese Panikattacken seien seelisch bedingt. Sie sei körperlich kerngesund, nur ließ ihr Gehirn zu viel an die Seele heran, so hatte es Hilda damals verstanden, und es war ihr direkt besser damit ergangen, da sie endlich eine Erklärung hatte für diese schrecklichen Angstzustände. Sie war sehr traurig deswegen und regelrecht wütend auf ihr Gehirn, dass es dies mit ihr trieb, aber sie musste damit leben, es gab keine Heilung, lediglich Linderung durch Ablenkung.
Hilda vernahm laute Stimmen und Treckergeräusch vom Hinterhof, daher lief sie nun am Wohngebäude vorbei in Richtung des Hinterhofes. Als sie um die Ecke bog, sah sie den Hans, der sich lautstark, dem Treckergeräusch trotzend, mit Sietse unterhielt. Sietse saß auf dem Trecker und war wohl im Begriff, jede Sekunde zu starten, jetzt im März war Hochbetrieb auf den Bauernhöfen, es galt, die Felder zu bestellen, Getreide und Mais zu säen. Für Hilda war es ein angenehmer Anblick, der sie an ihre Kindheit erinnerte. Nun bemerkten die beiden Hilda, die sich ihnen langsam näherte, und ihre Gesichter hellten sich im selben Zuge auf und lächelten ihr fröhlich entgegen. „Hallo Hilda, wie schön, dich zu sehen!“
sprach Hans, und Sietse fügte hinzu: „Wenn man Hilda sieht, dann geht die Sonne auf!“ Hilda schmunzelte, nicht nur der Aussage wegen, auch wegen des herrlichen, holländischen Akzentes, mit dem der Sietse sprach. Plötzlich jedoch lenkte etwas ganz anderes die Aufmerksamkeit auf Hilda, es war die Kuh, die aus dem Laufstall heraus stolziert kam und direkt die Dorfstraße ansteuerte, an der der Bauernhof lag.
„Da ist eine Kuh ausgebrochen!“ rief Hilda nun und rannte bereits Richtung Straße, um der Kuh den Weg abzusperren. Hans und Sietse folgten Hilda, nachdem auch sie, Hildas Blick folgend, die Kuh auf der Flucht sahen. „Ach du meine Güte!“ rief Hans erschrocken, während er registrierte, dass der Gülleschacht offen da lag. Bevor er sich mit Sietse verschiedener Arbeitsgänge wegen abgesprochen hatte, hatte er den Gülleschacht bereits geöffnet gehabt, um anschließend mit einem dafür vorgesehenen Gülleschlauch und dem Güllewagen, der hierzu hinter dem Trecker gespannt war, die Gülle aus dem Güllekeller zu ziehen. Der Güllekeller befand sich unter dem gesamten Laufstall und fing die Gülle auf, die von der Kuhherde, die auf dem Spaltenboden darüber lief, ausgeschieden wurde. Dieser Spaltenboden bestand aus schweren Betonpfählen, die man zum sicheren Darübergehen verlegt hatte, mit jeweils dreieinhalb Zentimeter Abstand zwischen jedem einzelnen Betonpfahl, zum Ablauf der Gülle in den darunter liegenden Keller. Der außerhalb des Laufstalles liegende, etwa ein mal zwei Meter große Gülleschacht diente zur Gülleentnahme, für das Ausbringen zur Düngung auf das Feld.
Die Kuh rannte in diesem Moment direkt auf den Gülleschacht zu, und bevor die drei sich versahen, war die Kuh mit dem Hinterteil im Schacht verschwunden. Hilda fuhr, bei dem Anblick der langsam tiefer sinkenden Kuh, der Schrecken durch alle Glieder, stocksteif stand sie da und sah mit Entsetzen auf die sich ihr da bietende Szenerie. Das Tier kämpfte ums Überleben, versuchte scheinbar aussichtslos, sich aus dem engen Loch zu manövrieren. Nun hatten Hans und Sietse das immer weiter absinkende Tier erreicht, hilflos griffen sie zu, um die Kuh zumindest mit dem Kopf oben halten zu können. Plötzlich sah Hilda einen ihr fremden Mann hinter dem Laufstall hervortreten, dieser beobachtete für den Bruchteil einer Sekunde das ihm gebotene Bild, um in der nächsten Sekunde zur Hilfe zu eilen. Hans bemerkte den Mann und nickte ihm dankbar zu, wobei er rief: „Ich hole den Radlader, Sietse, bring die Kette her, wir müssen das Tier mit dem Frontlader herausziehen!“ Hilda beobachtete nun, wie der fremde Mann sich niederkniete und um den Hals des kämpfenden Tieres fasste, sie selber stand immer noch starr vor Schreck da und fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Mann war ihr in der knieenden Position mit dem Rücken zugewandt, und sie las auf seiner Arbeitsjacke die Aufschrift „Bauunternehmung Ernst Jakobs“. Allem Anschein nach ließ der Hans Baumaßnahmen durchführen, und dieser unerschrockene Helfer hatte den Tumult im Hinterhof bemerkt und hing nun am Hals der Kuh, den er mit beiden Armen fest umklammerte. Sietse war bereits zurück zum Geschehen und versuchte hastig, die Kette am Halsband der Kuh zu befestigen, nach einigen Versuchen gelang ihm dies, und in dem Moment war auch der Hans mit dem Radlader zur Stelle. Blitzschnell warf Sietse die Kette um einen Zinken der Frontladergabel, und während der Bauarbeiter das Tier nun freigab, betätigte Hans den Frontlader in die Höhe und zog die gewichtige Kuh mit der am Halsband befestigten Kette aus dem Gülleschacht.
Sobald die Kuh auf dem Pflaster niedergelegt war, raffte diese sich ruckartig auf die Beine und lief hastig zurück in den Laufstall. Die drei Männer, schwer atmend und mit Schweiß vor der Stirn, blickten der Kuh eine Sekunde hinterher, dann sahen sie sich fassungslos an, und es fehlten ihnen anscheinend die Worte, denn sie brachten nur kurze Sätze hervor wie „Das war knapp!“ und „Da stolziert sie hin, als wäre nichts gewesen!“
Hilda konnte kaum fassen, was sich da vor ihren Augen abgespielt hatte, wie unerschrocken und blitzschnell diese drei Männer gehandelt hatten und somit das Leben der Kuh gerettet hatten. Nun ebbte die Anspannung in ihren Gliedern ab und sie fühlte sich langsam wieder in der Lage, sich zu bewegen.
Sie lief hinüber zum Ort des Geschehens und mit immer noch vor Schreck bleichem Gesicht sah sie die drei an, blickte im selben Zuge hinunter zum Gülleschacht und wieder zurück zu den Männern, die allem Anschein nach auch noch damit beschäftigt waren, das gerade Erlebte zu verarbeiten.
Hans war es nun, der sich wieder auf die Gegenwart konzentrierte und sich von der kleinen Gruppe löste, um im Laufstall nach der gerade geretteten Kuh zu sehen. Sietse bedankte sich bei dem Bauarbeiter für den Einsatz und die unerschrockene Hilfeleistung und befand, dass er agiert hätte, als ginge er des Öfteren mit ähnlichen Situationen um. Hilda erfuhr nun in dem Gespräch der beiden, dass es sich bei dem Mann wohl um den Chef des Bauunternehmens handelte, denn Sietse sprach diesen mit dem Vornamen Ernst an. Sie fühlte eine große Sympathie und Dankbarkeit diesem gegenüber, der selbstlos größten Einsatz gezeigt hatte und somit mit beteiligt war, Schlimmeres zu verhindern.
Der Bauarbeiter machte sich nun wieder an seine Arbeit und Hilda erfuhr in dem kurzen Gespräch, den sie noch mit Hans und Sietse führte, dass es sich bei den Baumaßnahmen der Firma um eine Stallerweiterung handelte. Es stimmte sie froh, dass ihr elterlicher Bauernhof in gute Hände gelangt war. Mit Hans und Sietse wurde er von zwei fleißigen Menschen geführt, die zudem auch die Zukunft in den Blick behielten und gut durchdachten, wo Veränderung notwendig war. Während der Heimfahrt dachte Hilda noch einmal über das soeben Miterlebte nach und ihr wurde wieder einmal deutlich, wie sich ihr Leben und auch das ihrer Mutter doch verändert hatte, seitdem der Hof verpachtet war und sie beide bei Gerald lebten. Zwar hatte sie auch schöne Erinnerungen an ihre Kindheit auf dem Hof, doch zumeist war es erschwerlich gewesen, ihre Eltern waren gefangen gewesen in der Verantwortung und der Aufopferung
für den Betrieb. Es war kaum freie Zeit zur Verfügung gewesen, in der sie als Familie gemeinsam etwas hätten unternehmen können oder auch jeder Einzelne für sich selbst einen Ausgleich hätte finden können. Wenn sie daran dachte, wie viel freie Zeit sie heutzutage zur Verfügung hatte und auch ihre Mutter, dann fühlte sich diese Erkenntnis in ihr etwas beschämend an Hans und Sietse gegenüber, denen sie diese riesige Verantwortung und Aufopferung überlassen hatten.
Dann aber wiederum bemerkte sie, wie ihr doch mit der Zeit aufgefallen war, dass der Hans und der Sietse anders an die Sache herangingen. Natürlich war die harte Arbeit mit ihnen beiden als männliche Kräfte leichter und auch schneller zu bewältigen, aber die zwei nahmen sich ihre freien Zeiten, indem sie gemeinsam zur Jagd gingen, aber auch regelmäßige Saunagänge gönnten die beiden sich, wie Hilda es des Öfteren beobachtet hatte. Auch ihre Eltern hätten vielleicht etwas ändern können, dachte sie bei sich, aber es war einfach, wie es gewesen war, und zudem längst vergangene Zeit.
2
Hilda und ihre Freundin Sina standen an der Theke, um die soeben bestellten Getränke entgegenzunehmen. Sie besuchten die Scheunenfete eines Klassenkameraden und nippten nun an ihren Getränken. Die Scheune war bereits gut gefüllt und alle waren guter Laune, diese schönen Gelegenheiten zur Zusammenkunft, um miteinander zu feiern, waren selten genug, da waren diese natürlich gut besucht. Früher war das noch ganz anders, erzählten oft ältere Generationen, da gab es selbst hier über den Dörfern noch reichlich Diskotheken oder Kneipen, in denen man sich traf. Die heutige Jugend hatte es in der Hinsicht bedeutend schwerer, Zusammenkünfte zum Beisammensein, zum Austausch und zum Miteinanderfeiern zu finden, bemitleideten diese Generationen sie oft. Hilda hoffte insgeheim, den Jungen wiederzusehen, der ihr seit dem Q-Ball nicht mehr aus dem Kopf ging. Natürlich war Sina längst eingeweiht und wusste Bescheid über die Schwärmerei ihrer besten Freundin, Hilda hatte sich verliebt und Sina musste zugeben, dass sie Hilda verstehen konnte, denn der Junge war tatsächlich sehr gutaussehend. Er war ihnen jedoch unbekannt und sie vermuteten, er sei zwei oder auch drei Jahrgänge älter als sie selber. Der Abend zog sich dahin und für Hilda und Sina war es eine fröhliche Veranstaltung, es wurde viel gelacht und getanzt und nur die Tatsache, dass er, der, auf den sie insgeheim so gehofft hatte, nicht erschien, trübte Hildas Stimmung etwas. Es war bereits nach Mitternacht, als Hilda sich entschloss, die Scheunenfete zu verlassen und sich auf den Heimweg zu machen. Sie war selber gefahren und hatte somit keinen Alkohol getrunken, da kam man im Laufe des Abends, während die meisten vom Alkohol angeheitert lauter und lebhafter wurden, nicht mehr so ganz dazwischen und zudem bemerkte sie eine leichte Müdigkeit in sich aufsteigen. Sie verabschiedete sich von Sina, die ihr bekundete, noch bleiben zu wollen, und begab sich zum kleinen Nebenraum, in dem sie ihre Jacke abgelegt hatte. Unter der Menge an Jacken, die dort an Wänden hingen und auf Tischen lagen, suchte sie ihre heraus und war im Begriff, diese überzuziehen, als sie bemerkte, dass hinter ihr einige Jungen den Raum betraten und sich lautstark unterhielten. Hilda drehte sich ihnen zu und im selben Moment sah sie ihn, sie sah ihm direkt in die Augen und er sah ihr in die Augen. Hildas Knie wurden butterweich, ihr wurde heiß und eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Insgesamt waren die Jungen zu dritt und sie grüßten Hilda mit einem kurzen „Hi!“ Hilda gab ein sehr kleines „Hi!“ zurück und hatte zugleich größte Mühe, es überhaupt herauszubringen. Hildas Schwarm lief nun direkt auf sie zu und Hilda sah verlegen zu Boden, während sie steifgliedrig versuchte, in ihre Jacke zu kommen. Seine Worte, die er ihr nun entgegnete, mussten sie unwillkürlich wieder zu ihm aufschauen lassen. Ihr war schwindelig und zugleich musste sie sich zusammenreißen, sich nichts anmerken zu lassen.
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