Hilda vom Hof
Ein Leben in der Landwirtschaft
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 254
ISBN: 978-3-7116-0127-8
Erscheinungsdatum: 12.12.2024
Hilda wächst auf einem Bauernhof auf. Das Leben der Erwachsenen auf dem Hof ist gekennzeichnet durch schwere Arbeit und Hoffnungs- und Ausweglosigkeit. Ein verhängnisvoller Unfall mit einem Zuchtbullen verändert das Leben aller Bewohner des Hofes drastisch.
Einleitung
Meine Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, wie sie in meinem eigenen Leben bzw. meiner Familie geschehen sind. So steckt ein wenig von mir in Hilda, aber auch in Anni. Die psychische Erkrankung, die ich Hilda zugeschrieben habe, ist meine eigene Erkrankung. Vieles, was Hilda und ihre Familie in ihrem Leben auf dem Hof erlebten, sind Erlebnisse, wie sie mein eigener Ehemann in seiner Jugend auf dem elterlichen Hof machte, aber auch Ereignisse aus der Zeit, seit ich in den Hof meines Mannes hineingeheiratet habe. Mir war und ist es ein großes Bedürfnis, dem Leser nahezubringen, wie anstrengend, zeitraubend und oft undankbar das Leben auf einem Milchviehbetrieb ist. Auch ein wenig von mir steckt in Tina, der es als Landwirtsfrau ermöglicht ist weiterhin im eigenen Beruf arbeiten zu können und daher nicht das Bild abgibt wie es schon seit je her war und auch weiterhin sein sollte. Ich bin seit jeher leidenschaftliche Leserin, es ist seit Langem mein Traum, ein eigenes Buch zu schreiben, und die jetzige Vollendung dieses Traumes macht mich ungemein glücklich.
1.
Hilda betrachtete das kleine Kätzchen, das sich hungrig über die Schüssel mit frisch gemolkener Kuhmilch hermachte. Sie hatte die Milch vorher sorgfältig und mit höchster Achtsamkeit nichts zu verschütten in die kleine Porzellanschüssel gefüllt, die nun das Objekt der Begierde dieses kleinen Wesens wurde. „Hilda, was kauerst du hier faul auf dem Boden herum? Sieh zu, dass die Kälber gefüttert werden!“ Die schrille Stimme der Mutter ließ beide ruckartig in Deckung gehen, Kind sowohl als auch Kätzchen. Hilda sprang wortlos auf und rannte hinüber zur Milchkammer, der Schreck dieser lautstarken Attacke rief sie zur Flucht. „Faules Ding!“, hörte sie die Mutter noch rufen. Während Hilda nun die zwei schweren Milchkannen, die vom Vater zuvor mit frischer Kuhmilch befüllt worden waren, auf den alten Bollerwagen wuchtete, um sie rüber zum Kälberstall zu bringen, dachte sie traurig an den Streit der Eltern, den es am Morgen wieder einmal gegeben hatte. Es war die tägliche, nicht enden wollende Arbeit auf dem Hof, die Versorgung der Tiere, die nun im Sommer hinzukommende Arbeit auf den Feldern. Es raubte den Eltern die Lebensqualität, so hatte Sinas Mutter es Hilda erklärt. Sina war Hildas beste Freundin und die zwei gingen gemeinsam in die vierte Schulklasse der Grundschule im kleinen Wohnort der beiden. Sinas Familie, dazu gehörten die Eltern und der drei Jahre ältere Bruder Sven, lebten auch auf einem Bauernhof. Doch da gab es noch den Andi, der Sinas Familie bei der Hofarbeit half, und auch Sinas Großeltern lebten und arbeiteten mit auf dem Hof. Vielleicht war das auch der Grund, warum Sinas Mutter in ihrem Beruf arbeiten gehen konnte. Hildas Mutter behauptete zwar immer wieder in abfälligem Ton, Sinas Mutter sei zu faul, um im Stall mitzuarbeiten, aber Hilda war überzeugt, dass dies nicht der Fall war. Sinas Mama war überhaupt nicht faul, im Gegenteil, Hilda bewunderte immer wieder aufs Neue das herrlich ordentliche und saubere Haus der Familie, und das Beste überhaupt war, es gab keine Fliegen im Haus; es war Hilda ein Rätsel, wie Sinas Mutter es schaffte, diese lästigen kleinen Insekten außerhalb des Hauses zu halten. In ihrem eigenen Elternhaus gehörten diese kleinen Störenfriede im Sommer zum Alltag dazu und Hilda war jedes Mal beinahe froh, wenn der Sommer sich langsam dem Herbst neigte und die kältere Jahreszeit diesen Plagegeistern den Garaus machte.
Nun beobachtete Hilda das kleine Kälbchen, das genüsslich am Nuckel saugte und hungrig die noch warme Milch genoss. Die Kälbchen wurden gleich nach der Geburt von der Mutterkuh getrennt, damit sie sich gar nicht erst daran gewöhnen konnten, am Euter zu trinken. Danach wären sie nämlich sehr schwer an den Nuckel des Nuckeleimers zu gewöhnen. Heute früh waren es acht Kälbchen, die es zu versorgen galt. Hilda liebte es, die süßen Kälber zu versorgen. Sie wollte natürlich ihr Möglichstes tun, um die Stimmung der Eltern wieder etwas zu heben, und da war jede Arbeit, die zur Zufriedenheit erledigt war, natürlich ein Vorteil. Außerdem versprach es heute ein wunderbarer Tag zu werden. Es war zwar Sonntag und Sonntage waren in ihrem Zuhause generell keine guten Tage. Sonntags war die Laune der Eltern immer noch etwas schlechter: Da hieß es immer, Sonntag hin oder her, bei uns ist eh jeder Tag gleich. Doch heute waren sie, Hilda und Sina, eingeladen zur Geburtstagsfeier der Zwillinge Lisa und Lena aus dem Nachbarort. Die vier Mädchen kannten sich bereits seit dem Kindergarten.
Der Vormittag zog sich qualvoll lange hin. Da die Eltern auf dem Feld beschäftigt waren, das gemähte Gras zu wenden, damit es zu Heu trocknen konnte, bereitete Hilda sich ein Butterbrot gegen den Hunger. Sie betrachtete die zwei fein verpackten Päckchen, die sie mit angestrengter Sorgfalt für die Zwillinge zurecht gemacht hatte, und dachte sich, dass die beiden sich ganz sicher sehr freuen würden.
Der Ruf der Freundin aus der Ferne riss Hilda aus ihren Gedanken. Sie sah zur Straße hinunter, wo Sina ihr freudig zuwinkend auf sie zu fuhr. Es war ein warmer Sommertag und die Vorfreude der Kinder war groß.
Ein lautstarkes Durcheinander drang nun, nachdem hastig Geschenke geöffnet, Papier zerrissen und anschließend wohlschmeckender Geburtstagskuchen vernascht wurde, aus der alten Scheune, die bunt geschmückt kurzerhand zum Partyraum umfunktioniert worden war. Die Kinder einigten sich auf ein Versteckspiel, welches auf dem gesamten Hofgelände galt. Die Familie der Zwillinge bewohnte einen Resthof, welchen die Eltern noch vor ihrer Geburt aufgekauft hatten, um sich den Traum vom Pferdehof zu erfüllen. Der Vater war Manager in einer großen Firma, gutverdienend, somit konnte großzügig investiert werden, und es entstand ein wohl ansehnliches Anwesen.
Die kleine Geburtstagsgruppe interessierte sich nun aber in erster Linie für die Heu- und Strohhalle, wo es viele Versteckmöglichkeiten gab. Sie schien perfekt für ihr Vorhaben. Der Nachmittag entwickelte sich zu einem fröhlichen Rennen, Toben und Fangen, und natürlich wurde herrlich im Heu und Stroh getobt und nicht wenig Stroh vom oberen Strohlager, welches die Kinder über die sichere Treppe nach oben erklommen hatten, war über das Geländer hinaus bis nach unten auf den Laufgang geflogen. Hilda und Sina hatten sich schon eine ganze Weile in einem sicheren Versteck verschanzt und kicherten immer wieder über dicht vorbeirennende Suchtrupps, als plötzlich eine lautschallende Männerstimme durch die Strohhalle dröhnte. „Verdammt, was macht ihr hier? Wie sieht das hier aus? Sofort antanzen hier, alle!“
Der Vater der Zwillinge hatte die Halle betreten und die Verwüstung, die sich ihm dort bot, verursachte einen so plötzlichen Wutausbruch, der jegliche Vernunft erlöschen ließ, sodass er sich beinahe vergaß. Die Kinder hielten so abrupt inne in ihren wilden Aktionen, dass sie Mühe hatten, zu Atem zu kommen, um die Lage zu deuten, in die sie sich völlig unbemerkt begeben hatten. „Wir haben Verstecken gespielt, Papa“, kam die dünne Stimme der mutigeren der beiden Zwillinge. Lisa nahm in diesem Moment erst wahr, wie die Scheune verwüstet worden war, und sah beklommen zur Schwester hinüber, die sich derweil im Hintergrund verschanzt hatte. Es war schon heftig gewütet worden, teilweise waren ganze Strohballen heruntergefallen. „Das wird sofort wieder aufgeräumt hier, die Party ist somit vorbei. Ich schließe euch hier ein und informiere eure Eltern, die können herkommen und anschauen, was ihr angerichtet habt. Zur Not packen die noch mit an!“ Die Kinder erschraken, dass sie nun hier eingeschlossen werden sollten und auch noch die Eltern informiert würden. Nicht wenige begannen zu weinen. Hilda und Sina, die sich inzwischen auch aus ihrem Versteck hervorgetraut hatten, schauten sich ängstlich um und wussten nicht recht, was sie nun tun sollten. Hilda war sich sicher, dass ihre Eltern nicht herkommen würden; sie wusste, dass die Arbeit auf dem Feld fertig werden musste, und das würde bis in den Abend hinein oder länger dauern. Als der Vater der Zwillinge die Halle im schnellen Schritt und mit vor Wut hochrotem Gesicht wieder verlassen hatte und die Kinder tatsächlich vernommen hatten, wie das Hallentor verschlossen wurde, machte sich eine bedrückte, ängstliche Stimmung breit.
Die Kinder machten sich eingeschüchtert und steifgliedrig an die Arbeit, wussten aber zunächst nicht wirklich, wo sie anfangen und wie sie die zerstörten Strohballen wieder zusammenbringen sollten. Während der dürftigen Versuche beschuldigten sie sich nun vermehrt untereinander und es entwickelten sich heftige Streitigkeiten. Während einige frustriert Strohballen stapelten oder leere Getränketüten und Saftflaschen aufsammelten, werkelten die anderen mit Besen und Kehrschaufel. Lautstarke Anschuldigungen und Beschimpfungen begleiteten die Arbeiten. Doch noch bevor die ganze Situation zu eskalieren drohte, hörte man plötzlich, wie das Schloss des Hallentores wieder geöffnet wurde. Erste Gesprächsfetzen drangen nun an die Ohren der Kinder. „Seht euch den Mist an, den eure Kinder hier angerichtet haben.“ Zuerst trat der Vater der Zwillinge in die Halle ein. Hilda erkannte nun auch die Stimme von Sinas Mutter, die mit deutlichen Worten klar machte, was sie von der ganzen Situation hielt. „Sorry, Thomas, aber es ist in meinen Augen absolut nicht in Ordnung, dass du die Kinder hier eingeschlossen hast, das sind immer noch Kinder“, sprach sie wütend. Der Vater der Zwillinge fuhr sich mit der Hand durchs Haar und faselte etwas von „Sicherungen durchgebrannt“ und „versetzt euch in meine Situation“. Während der verbalen Auseinandersetzungen sah Hilda ihre Mutter in die Halle schreiten und erschrak bis ins Mark. „Hilda wo steckst du? Sofort herkommen!“ Hildas Mutter wirkte bedrohlich und alle Anwesenden richteten nun die Aufmerksamkeit auf die fast schon raubtierähnlich hereinstürzende Person. Hilda war einer Ohnmacht nahe, ihr wurden die Knie weich und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Langsam und mit dem Kopf zum Boden geneigt löste sie sich aus der Kindergruppe und lief zögernd auf ihre Mutter zu. „Du undankbares Stück du“, schrie diese das Kind an. „Du weißt ganz genau, dass wir keine Zeit für so einen Dreck haben!“ Die Mutter holte kräftig aus und schlug dem Mädchen ins Gesicht, dass es zu Boden fiel. „Du räumst den Mist hier auf und danach hilfst du uns mit dem Heu, hast du verstanden?“, schrie sie dem Kind entgegen, welches sich langsam erhob und die blutende Nase hielt. Die versammelte Gruppe beobachtete mit Entsetzen, was sich soeben abgespielt hatte, und niemand wusste zunächst zu reagieren. Während der Vater der Zwillinge mit den Händen in die Seiten gestemmt nervös in die Runde blickte, hatte sich Sinas Mutter als Erste wieder gefasst und lief der nun hastig wieder aus der Halle tretenden Mutter von Hilda hinterher. „Tut mir leid, Anni, aber ich bin entsetzt über deine Aktion hier soeben!“ Hildas Mutter drehte sich ruckartig um und sah Sinas Mutter angriffslustig ins Gesicht. „Du hör mir mal gut zu, Tina, wie ich mit meinem Kind umgehe, das ist immer noch meine Sache, und wenn Hilda sich nicht benehmen kann, dann hat sie es nicht besser verdient“, bellte sie ihr entgegen. Sinas Mutter hatte sich wieder etwas gesammelt und erwiderte nun mit sachlicher Stimme: „In meinen Augen liegt das eigentliche Problem hier wieder einmal bei den Erwachsenen. Thomas und Sabine hätten ihren Töchtern und auch der Geburtstagsgruppe deutlich machen müssen, was okay ist und wo Grenzen sind, daher sind die Eltern der Geburtstagskinder mit schuld! Ich glaube nicht, dass deine Hilda oder auch die anderen Kinder dieses angerichtet hätten, wenn es von vornherein deutlich verboten worden wäre!“ Hildas Mutter bebte vor Aufregung und Zorn, doch auch Hilflosigkeit bezeugte ihre Körperhaltung. „Es ist nun einmal geschehen und es wird in Ordnung gebracht, ich habe weiß Gott keine Zeit für so einen Mist, mein Mann braucht mich auf dem Feld!“, erwiderte sie emotionslos und verließ das Grundstück.
Sinas Mutter sah Hildas Mutter hinterher. Sie fasste sich resigniert an die Stirn; Traurigkeit und Fassungslosigkeit zugleich machten sich in ihr breit. Manche Kinder hatten ein hartes Los mit den Eltern. Wie sollten junge, heranwachsende Menschen es lernen, einordnen zu können, was richtig oder falsch war? Die meisten Erwachsenen waren doch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und achteten überhaupt nicht auf die Gefühlswelt der jungen, heranwachsenden. Mit Bestrafungen war man doch oft sehr schnell bei der Hand, doch die Situation erklären, dem Heranwachsenden verständlich machen, worum es ging, das war für viele Erwachsene dann doch zu anstrengend.
Nun lief Sinas Mutter nachdenklich in die Halle zurück, um nach Hilda zu sehen. Sie sah, dass die Zwillinge und ihre Sina sich um Hilda versammelt hatten, ihr Tücher für die blutende Nase reichten und beruhigend und tröstend auf sie einredeten. Sinas Mutter bemerkte mit mulmigem Gefühl im Bauch, dass das Kind keine Träne vergossen hatte. Im Gegenteil: Hilda stand tapfer in der Mitte der kleinen Gruppe und winkte immer wieder beschwichtigend ab. „Mama hat es nicht so gemeint, sie hat überreagiert. Das Heu muss ja fertig gepresst werden vor dem Regen, ihr wisst ja, wie das ist!“ Sie hob beschwichtigend die Hände. „Sie wird sich später bei mir entschuldigen!“, sprach Hilda und nickte mit dem Kopf, so als müsse sie ihre Worte damit bekräftigen. Sinas Mutter sah das Kind nun versöhnend lächeln und ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihrer Brust breit. Das Verhalten des Mädchens wies in ihren Augen darauf hin, dass es wohl oft mit ähnlichen Situationen konfrontiert war und es sich auch durchaus als Schuldige sah; sie befürchtete sogar, das Kind sah sich als zusätzliche Belastung für die Eltern. Sinas Mutter fühlte nun starkes Mitleid mit Hilda, sie betrachtete das Kind noch eine Weile. Hilda war im Vergleich zu ihren gleichaltrigen Freundinnen schon ein Stück weit erwachsener. Das führte Sinas Mutter darauf zurück, dass das Kind oft auf sich allein gestellt war und es für sein Alter schon sehr viele Aufgaben auf dem elterlichen Hof zu erfüllen hatte, somit auch viel Verantwortung trug. Mit seinen goldblonden, gelockten Haaren, der geraden Nase, dem Mund mit den vollen Lippen und den hellblauen Augen, die dem Gesicht etwas Sanftmütiges verliehen, war es ein überdurchschnittlich hübsches Mädchen, dachte sie bei sich, und sehr tüchtig in der Schule war es auch, wie sie von Sina des Öfteren hörte. Es war schon schade, dass es von zu Hause aus keine Unterstützung erhielt, dort stand der Hof im Fokus und ließ keinen Platz für das Familienleben.
Hilda war das Verhalten ihrer Mutter sehr peinlich gewesen. Vor den ganzen Anwesenden von der eigenen Mutter ins Gesicht geschlagen zu werden, war ihr äußerst unangenehm gewesen, und dann blutete auch noch die Nase und plötzlich war es so still in der Halle gewesen, dass sie kaum gewagt hatte zu schlucken. Nun war sie froh, dass das Bluten der Nase gestoppt war und alle sich aufs Aufräumen konzentrierten. Zwar schmerzte die Nase und fühlte sich geschwollen an und auch ihre linke Wange war heiß und brannte vom kräftigen Schlag, doch sie packte eifrig mit an, die Verwüstung wieder in Ordnung zu bringen. Hilda bemerkte schon, dass die Blicke der Arbeitenden immer wieder auf sie fielen, auch der Vater der Zwillinge, der, wie es ihr schien, etwas mit seinem schlechten Gewissen haderte, sah immer mal zu ihr rüber. Es lag Unmut in der Luft. Schnellstmöglich die Sache erledigen und dann verschwinden. Niemand wollte hier noch groß herumdiskutieren: Das würde am Ende zu nichts führen. Nachdem dann endlich alles zur Zufriedenheit des Hallenbesitzers wieder hergerichtet war, machten sich die Eltern und Kinder fast wortlos auf den Heimweg. Nur die Kinder untereinander tauschten sich noch aus und verabredeten sich für den morgigen Schulweg. Hilda und Sina fuhren nun gemeinsam mit dem Fahrrad die bekannte Strecke zurück, auf der sie am frühen Nachmittag noch so fröhlich hergefahren waren. „Total gemein von Thomas, uns dort einzuschließen und auch noch unsere Eltern zu informieren. Lisa und Lena können einem leidtun mit so einem Vater“, meinte Sina wütend. „Ja und ich habe ehrlich geglaubt, die Zwillinge hätten die Erlaubnis zum Versteckspiel in der Halle“, antwortete Hilda ihrer Freundin mit voller Überzeugung. „Wie geht es deiner Nase jetzt, Hilda? Ich habe mich fürchterlich erschrocken, als deine Mutter zugeschlagen hat“, fragte Sina nun die Freundin und blickte voller Fürsorge zu ihr hinüber. Hilda sah nachdenklich auf den Weg, den sie fuhren, und erklärte ihrer Freundin dann, dass es wohl vorkommen konnte, dass der Mutter die Hand ausrutschte. „Würde meine Mutter doch auch außerhalb arbeiten gehen können, so wie deine Mutter, ich denke, dann wäre sie glücklicher und hätte bessere Laune!“ „Das hat meine Mutter auch schon gesagt und sie denkt auch, dass deine Mutter vielleicht auch gerne Abwechslung vom Hof hätte“, antwortete die Freundin aus voller Überzeugung. „Deine Mutter kann froh sein, dass ihr Mann so modern eingestellt ist und sie arbeiten gehen darf. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was bei uns los wäre, wenn meine Mutter das Thema ansprechen würde!“, sprach Hilda und sah seufzend zu Sina hinüber. Die Freundinnen lächelten sich resigniert an.
Am nächsten Morgen wartete Sina schon am vereinbarten Ort auf die Freundin, um sich gemeinsam mit ihr auf den Schulweg zu machen. Hilda war die Müdigkeit und Abgeschlagenheit ins Gesicht geschrieben und es fiel ihr schwer, die Freundin freundlich zu begrüßen. Es war am vergangenen Abend sehr spät geworden auf dem Feld, aber trotz aller Bemühungen war es der kleinen Familie nicht gelungen, die gesamte Heuernte vor dem Regen unter Dach zu bringen. Nachdem zwischenzeitlich der Motor des Traktors gestreikt hatte, was der Vater durch Ersetzen des Dieselfilters zum Glück schnell behoben hatte, war dann später das Hinterrad des Hängers, auf dem die HD-Ballen transportiert wurden, geplatzt. Da in dem Moment schon leichter Regen einsetzte, entschied man sich, den vollbeladenen Hänger vor Ort auf dem Feld provisorisch mit einer Plane abzudecken. Zusätzlich stapelten die drei, so schnell es möglich war, die restlichen Ballen auf dem Feld zusammen und zogen auch hier zum Schutz eine Plane darüber. Die harte Arbeit war für Hilda aber gar nicht so schlimm gewesen. Viel schlimmer war die Missachtung der Eltern gewesen, die nur barsche Anweisungen gaben und ansonsten Hilda kaum Beachtung schenkten. Es muss schon bald Mitternacht gewesen sein, als Hilda durchnässt von dem immer stärker werdenden Regen mit dem Fahrrad zuhause ankam. Die Eltern fuhren noch Traktor und Hoflader in den alten Gulf, der als Stellplatz für die Arbeitsgeräte diente. Für eine Maschinenhalle hatte es bisher nicht gereicht. Der niedrige Preis pro Liter Milch, den der Milchviehbetrieb der Familie von der Molkerei erhielt, die diese jeden zweiten Tag frisch vom Hof abholte, reichte gerade so zum Überleben. Hinzu kam, dass man nicht planen konnte: Der Milchpreis schwankte immer wieder und man wusste nicht, wie die Situation in einem halben Jahr sein würde. „Der Weltmarkt bestimmt den Preis“, hörte Hilda den Vater oft sagen. „Wir Landwirte müssen halt mit dem zurechtkommen, was man uns gibt“, waren sehr oft seine resignierten Worte. Er würde am liebsten alles hinschmeißen und etwas anderes machen, nur hingen halt zu viele Verbindlichkeiten an dem Hof, die es galt, abzubezahlen. In kleinen Raten, Stück für Stück, Jahr für Jahr, wie es halt finanziell möglich war. Wenn er dann wieder vom Jahr zweitausendneun sprach, wo der Milchpreis ins Bodenlose gestürzt war, sodass der Betrieb neue Kredite aufnehmen musste, um überhaupt wirtschaftlich zu bleiben, dann lag auch immer eine enorme Wut in seiner Stimme. „Wieso lässt der Staat uns Bauern hängen, warum nur hat unsere Arbeit in der Gesellschaft so einen schlechten Stellenwert?“, waren dann seine verzweifelten Worte. „Gut essen und trinken wollen alle, doch fährt der Bauer die Gülle zum Düngen aufs Feld, dann wird wegen Geruchsbelästigung geschimpft!“ Eine beklemmende Ratlosigkeit machte sich dann immer breit, ein Gefühl, der Abschaum der Gesellschaft zu sein. Hilda war mit dem Bewusstsein aufgewachsen, täglich alles geben zu müssen, um den familiären Betrieb aufrecht zu erhalten, und sich zugleich in der Gesellschaft auf der untersten Stufe zu befinden. Wenn man bedachte, dass in der Landwirtschaft dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr rund um die Uhr gearbeitet wurde, dann war das ein echtes Armutszeugnis. Wollte man mal ein paar Tage Urlaub machen, dann musste für vertrauenswürdige Ersatzkräfte gesorgt werden, die natürlich auch entlohnt werden wollten.
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Meine Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, wie sie in meinem eigenen Leben bzw. meiner Familie geschehen sind. So steckt ein wenig von mir in Hilda, aber auch in Anni. Die psychische Erkrankung, die ich Hilda zugeschrieben habe, ist meine eigene Erkrankung. Vieles, was Hilda und ihre Familie in ihrem Leben auf dem Hof erlebten, sind Erlebnisse, wie sie mein eigener Ehemann in seiner Jugend auf dem elterlichen Hof machte, aber auch Ereignisse aus der Zeit, seit ich in den Hof meines Mannes hineingeheiratet habe. Mir war und ist es ein großes Bedürfnis, dem Leser nahezubringen, wie anstrengend, zeitraubend und oft undankbar das Leben auf einem Milchviehbetrieb ist. Auch ein wenig von mir steckt in Tina, der es als Landwirtsfrau ermöglicht ist weiterhin im eigenen Beruf arbeiten zu können und daher nicht das Bild abgibt wie es schon seit je her war und auch weiterhin sein sollte. Ich bin seit jeher leidenschaftliche Leserin, es ist seit Langem mein Traum, ein eigenes Buch zu schreiben, und die jetzige Vollendung dieses Traumes macht mich ungemein glücklich.
1.
Hilda betrachtete das kleine Kätzchen, das sich hungrig über die Schüssel mit frisch gemolkener Kuhmilch hermachte. Sie hatte die Milch vorher sorgfältig und mit höchster Achtsamkeit nichts zu verschütten in die kleine Porzellanschüssel gefüllt, die nun das Objekt der Begierde dieses kleinen Wesens wurde. „Hilda, was kauerst du hier faul auf dem Boden herum? Sieh zu, dass die Kälber gefüttert werden!“ Die schrille Stimme der Mutter ließ beide ruckartig in Deckung gehen, Kind sowohl als auch Kätzchen. Hilda sprang wortlos auf und rannte hinüber zur Milchkammer, der Schreck dieser lautstarken Attacke rief sie zur Flucht. „Faules Ding!“, hörte sie die Mutter noch rufen. Während Hilda nun die zwei schweren Milchkannen, die vom Vater zuvor mit frischer Kuhmilch befüllt worden waren, auf den alten Bollerwagen wuchtete, um sie rüber zum Kälberstall zu bringen, dachte sie traurig an den Streit der Eltern, den es am Morgen wieder einmal gegeben hatte. Es war die tägliche, nicht enden wollende Arbeit auf dem Hof, die Versorgung der Tiere, die nun im Sommer hinzukommende Arbeit auf den Feldern. Es raubte den Eltern die Lebensqualität, so hatte Sinas Mutter es Hilda erklärt. Sina war Hildas beste Freundin und die zwei gingen gemeinsam in die vierte Schulklasse der Grundschule im kleinen Wohnort der beiden. Sinas Familie, dazu gehörten die Eltern und der drei Jahre ältere Bruder Sven, lebten auch auf einem Bauernhof. Doch da gab es noch den Andi, der Sinas Familie bei der Hofarbeit half, und auch Sinas Großeltern lebten und arbeiteten mit auf dem Hof. Vielleicht war das auch der Grund, warum Sinas Mutter in ihrem Beruf arbeiten gehen konnte. Hildas Mutter behauptete zwar immer wieder in abfälligem Ton, Sinas Mutter sei zu faul, um im Stall mitzuarbeiten, aber Hilda war überzeugt, dass dies nicht der Fall war. Sinas Mama war überhaupt nicht faul, im Gegenteil, Hilda bewunderte immer wieder aufs Neue das herrlich ordentliche und saubere Haus der Familie, und das Beste überhaupt war, es gab keine Fliegen im Haus; es war Hilda ein Rätsel, wie Sinas Mutter es schaffte, diese lästigen kleinen Insekten außerhalb des Hauses zu halten. In ihrem eigenen Elternhaus gehörten diese kleinen Störenfriede im Sommer zum Alltag dazu und Hilda war jedes Mal beinahe froh, wenn der Sommer sich langsam dem Herbst neigte und die kältere Jahreszeit diesen Plagegeistern den Garaus machte.
Nun beobachtete Hilda das kleine Kälbchen, das genüsslich am Nuckel saugte und hungrig die noch warme Milch genoss. Die Kälbchen wurden gleich nach der Geburt von der Mutterkuh getrennt, damit sie sich gar nicht erst daran gewöhnen konnten, am Euter zu trinken. Danach wären sie nämlich sehr schwer an den Nuckel des Nuckeleimers zu gewöhnen. Heute früh waren es acht Kälbchen, die es zu versorgen galt. Hilda liebte es, die süßen Kälber zu versorgen. Sie wollte natürlich ihr Möglichstes tun, um die Stimmung der Eltern wieder etwas zu heben, und da war jede Arbeit, die zur Zufriedenheit erledigt war, natürlich ein Vorteil. Außerdem versprach es heute ein wunderbarer Tag zu werden. Es war zwar Sonntag und Sonntage waren in ihrem Zuhause generell keine guten Tage. Sonntags war die Laune der Eltern immer noch etwas schlechter: Da hieß es immer, Sonntag hin oder her, bei uns ist eh jeder Tag gleich. Doch heute waren sie, Hilda und Sina, eingeladen zur Geburtstagsfeier der Zwillinge Lisa und Lena aus dem Nachbarort. Die vier Mädchen kannten sich bereits seit dem Kindergarten.
Der Vormittag zog sich qualvoll lange hin. Da die Eltern auf dem Feld beschäftigt waren, das gemähte Gras zu wenden, damit es zu Heu trocknen konnte, bereitete Hilda sich ein Butterbrot gegen den Hunger. Sie betrachtete die zwei fein verpackten Päckchen, die sie mit angestrengter Sorgfalt für die Zwillinge zurecht gemacht hatte, und dachte sich, dass die beiden sich ganz sicher sehr freuen würden.
Der Ruf der Freundin aus der Ferne riss Hilda aus ihren Gedanken. Sie sah zur Straße hinunter, wo Sina ihr freudig zuwinkend auf sie zu fuhr. Es war ein warmer Sommertag und die Vorfreude der Kinder war groß.
Ein lautstarkes Durcheinander drang nun, nachdem hastig Geschenke geöffnet, Papier zerrissen und anschließend wohlschmeckender Geburtstagskuchen vernascht wurde, aus der alten Scheune, die bunt geschmückt kurzerhand zum Partyraum umfunktioniert worden war. Die Kinder einigten sich auf ein Versteckspiel, welches auf dem gesamten Hofgelände galt. Die Familie der Zwillinge bewohnte einen Resthof, welchen die Eltern noch vor ihrer Geburt aufgekauft hatten, um sich den Traum vom Pferdehof zu erfüllen. Der Vater war Manager in einer großen Firma, gutverdienend, somit konnte großzügig investiert werden, und es entstand ein wohl ansehnliches Anwesen.
Die kleine Geburtstagsgruppe interessierte sich nun aber in erster Linie für die Heu- und Strohhalle, wo es viele Versteckmöglichkeiten gab. Sie schien perfekt für ihr Vorhaben. Der Nachmittag entwickelte sich zu einem fröhlichen Rennen, Toben und Fangen, und natürlich wurde herrlich im Heu und Stroh getobt und nicht wenig Stroh vom oberen Strohlager, welches die Kinder über die sichere Treppe nach oben erklommen hatten, war über das Geländer hinaus bis nach unten auf den Laufgang geflogen. Hilda und Sina hatten sich schon eine ganze Weile in einem sicheren Versteck verschanzt und kicherten immer wieder über dicht vorbeirennende Suchtrupps, als plötzlich eine lautschallende Männerstimme durch die Strohhalle dröhnte. „Verdammt, was macht ihr hier? Wie sieht das hier aus? Sofort antanzen hier, alle!“
Der Vater der Zwillinge hatte die Halle betreten und die Verwüstung, die sich ihm dort bot, verursachte einen so plötzlichen Wutausbruch, der jegliche Vernunft erlöschen ließ, sodass er sich beinahe vergaß. Die Kinder hielten so abrupt inne in ihren wilden Aktionen, dass sie Mühe hatten, zu Atem zu kommen, um die Lage zu deuten, in die sie sich völlig unbemerkt begeben hatten. „Wir haben Verstecken gespielt, Papa“, kam die dünne Stimme der mutigeren der beiden Zwillinge. Lisa nahm in diesem Moment erst wahr, wie die Scheune verwüstet worden war, und sah beklommen zur Schwester hinüber, die sich derweil im Hintergrund verschanzt hatte. Es war schon heftig gewütet worden, teilweise waren ganze Strohballen heruntergefallen. „Das wird sofort wieder aufgeräumt hier, die Party ist somit vorbei. Ich schließe euch hier ein und informiere eure Eltern, die können herkommen und anschauen, was ihr angerichtet habt. Zur Not packen die noch mit an!“ Die Kinder erschraken, dass sie nun hier eingeschlossen werden sollten und auch noch die Eltern informiert würden. Nicht wenige begannen zu weinen. Hilda und Sina, die sich inzwischen auch aus ihrem Versteck hervorgetraut hatten, schauten sich ängstlich um und wussten nicht recht, was sie nun tun sollten. Hilda war sich sicher, dass ihre Eltern nicht herkommen würden; sie wusste, dass die Arbeit auf dem Feld fertig werden musste, und das würde bis in den Abend hinein oder länger dauern. Als der Vater der Zwillinge die Halle im schnellen Schritt und mit vor Wut hochrotem Gesicht wieder verlassen hatte und die Kinder tatsächlich vernommen hatten, wie das Hallentor verschlossen wurde, machte sich eine bedrückte, ängstliche Stimmung breit.
Die Kinder machten sich eingeschüchtert und steifgliedrig an die Arbeit, wussten aber zunächst nicht wirklich, wo sie anfangen und wie sie die zerstörten Strohballen wieder zusammenbringen sollten. Während der dürftigen Versuche beschuldigten sie sich nun vermehrt untereinander und es entwickelten sich heftige Streitigkeiten. Während einige frustriert Strohballen stapelten oder leere Getränketüten und Saftflaschen aufsammelten, werkelten die anderen mit Besen und Kehrschaufel. Lautstarke Anschuldigungen und Beschimpfungen begleiteten die Arbeiten. Doch noch bevor die ganze Situation zu eskalieren drohte, hörte man plötzlich, wie das Schloss des Hallentores wieder geöffnet wurde. Erste Gesprächsfetzen drangen nun an die Ohren der Kinder. „Seht euch den Mist an, den eure Kinder hier angerichtet haben.“ Zuerst trat der Vater der Zwillinge in die Halle ein. Hilda erkannte nun auch die Stimme von Sinas Mutter, die mit deutlichen Worten klar machte, was sie von der ganzen Situation hielt. „Sorry, Thomas, aber es ist in meinen Augen absolut nicht in Ordnung, dass du die Kinder hier eingeschlossen hast, das sind immer noch Kinder“, sprach sie wütend. Der Vater der Zwillinge fuhr sich mit der Hand durchs Haar und faselte etwas von „Sicherungen durchgebrannt“ und „versetzt euch in meine Situation“. Während der verbalen Auseinandersetzungen sah Hilda ihre Mutter in die Halle schreiten und erschrak bis ins Mark. „Hilda wo steckst du? Sofort herkommen!“ Hildas Mutter wirkte bedrohlich und alle Anwesenden richteten nun die Aufmerksamkeit auf die fast schon raubtierähnlich hereinstürzende Person. Hilda war einer Ohnmacht nahe, ihr wurden die Knie weich und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Langsam und mit dem Kopf zum Boden geneigt löste sie sich aus der Kindergruppe und lief zögernd auf ihre Mutter zu. „Du undankbares Stück du“, schrie diese das Kind an. „Du weißt ganz genau, dass wir keine Zeit für so einen Dreck haben!“ Die Mutter holte kräftig aus und schlug dem Mädchen ins Gesicht, dass es zu Boden fiel. „Du räumst den Mist hier auf und danach hilfst du uns mit dem Heu, hast du verstanden?“, schrie sie dem Kind entgegen, welches sich langsam erhob und die blutende Nase hielt. Die versammelte Gruppe beobachtete mit Entsetzen, was sich soeben abgespielt hatte, und niemand wusste zunächst zu reagieren. Während der Vater der Zwillinge mit den Händen in die Seiten gestemmt nervös in die Runde blickte, hatte sich Sinas Mutter als Erste wieder gefasst und lief der nun hastig wieder aus der Halle tretenden Mutter von Hilda hinterher. „Tut mir leid, Anni, aber ich bin entsetzt über deine Aktion hier soeben!“ Hildas Mutter drehte sich ruckartig um und sah Sinas Mutter angriffslustig ins Gesicht. „Du hör mir mal gut zu, Tina, wie ich mit meinem Kind umgehe, das ist immer noch meine Sache, und wenn Hilda sich nicht benehmen kann, dann hat sie es nicht besser verdient“, bellte sie ihr entgegen. Sinas Mutter hatte sich wieder etwas gesammelt und erwiderte nun mit sachlicher Stimme: „In meinen Augen liegt das eigentliche Problem hier wieder einmal bei den Erwachsenen. Thomas und Sabine hätten ihren Töchtern und auch der Geburtstagsgruppe deutlich machen müssen, was okay ist und wo Grenzen sind, daher sind die Eltern der Geburtstagskinder mit schuld! Ich glaube nicht, dass deine Hilda oder auch die anderen Kinder dieses angerichtet hätten, wenn es von vornherein deutlich verboten worden wäre!“ Hildas Mutter bebte vor Aufregung und Zorn, doch auch Hilflosigkeit bezeugte ihre Körperhaltung. „Es ist nun einmal geschehen und es wird in Ordnung gebracht, ich habe weiß Gott keine Zeit für so einen Mist, mein Mann braucht mich auf dem Feld!“, erwiderte sie emotionslos und verließ das Grundstück.
Sinas Mutter sah Hildas Mutter hinterher. Sie fasste sich resigniert an die Stirn; Traurigkeit und Fassungslosigkeit zugleich machten sich in ihr breit. Manche Kinder hatten ein hartes Los mit den Eltern. Wie sollten junge, heranwachsende Menschen es lernen, einordnen zu können, was richtig oder falsch war? Die meisten Erwachsenen waren doch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und achteten überhaupt nicht auf die Gefühlswelt der jungen, heranwachsenden. Mit Bestrafungen war man doch oft sehr schnell bei der Hand, doch die Situation erklären, dem Heranwachsenden verständlich machen, worum es ging, das war für viele Erwachsene dann doch zu anstrengend.
Nun lief Sinas Mutter nachdenklich in die Halle zurück, um nach Hilda zu sehen. Sie sah, dass die Zwillinge und ihre Sina sich um Hilda versammelt hatten, ihr Tücher für die blutende Nase reichten und beruhigend und tröstend auf sie einredeten. Sinas Mutter bemerkte mit mulmigem Gefühl im Bauch, dass das Kind keine Träne vergossen hatte. Im Gegenteil: Hilda stand tapfer in der Mitte der kleinen Gruppe und winkte immer wieder beschwichtigend ab. „Mama hat es nicht so gemeint, sie hat überreagiert. Das Heu muss ja fertig gepresst werden vor dem Regen, ihr wisst ja, wie das ist!“ Sie hob beschwichtigend die Hände. „Sie wird sich später bei mir entschuldigen!“, sprach Hilda und nickte mit dem Kopf, so als müsse sie ihre Worte damit bekräftigen. Sinas Mutter sah das Kind nun versöhnend lächeln und ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihrer Brust breit. Das Verhalten des Mädchens wies in ihren Augen darauf hin, dass es wohl oft mit ähnlichen Situationen konfrontiert war und es sich auch durchaus als Schuldige sah; sie befürchtete sogar, das Kind sah sich als zusätzliche Belastung für die Eltern. Sinas Mutter fühlte nun starkes Mitleid mit Hilda, sie betrachtete das Kind noch eine Weile. Hilda war im Vergleich zu ihren gleichaltrigen Freundinnen schon ein Stück weit erwachsener. Das führte Sinas Mutter darauf zurück, dass das Kind oft auf sich allein gestellt war und es für sein Alter schon sehr viele Aufgaben auf dem elterlichen Hof zu erfüllen hatte, somit auch viel Verantwortung trug. Mit seinen goldblonden, gelockten Haaren, der geraden Nase, dem Mund mit den vollen Lippen und den hellblauen Augen, die dem Gesicht etwas Sanftmütiges verliehen, war es ein überdurchschnittlich hübsches Mädchen, dachte sie bei sich, und sehr tüchtig in der Schule war es auch, wie sie von Sina des Öfteren hörte. Es war schon schade, dass es von zu Hause aus keine Unterstützung erhielt, dort stand der Hof im Fokus und ließ keinen Platz für das Familienleben.
Hilda war das Verhalten ihrer Mutter sehr peinlich gewesen. Vor den ganzen Anwesenden von der eigenen Mutter ins Gesicht geschlagen zu werden, war ihr äußerst unangenehm gewesen, und dann blutete auch noch die Nase und plötzlich war es so still in der Halle gewesen, dass sie kaum gewagt hatte zu schlucken. Nun war sie froh, dass das Bluten der Nase gestoppt war und alle sich aufs Aufräumen konzentrierten. Zwar schmerzte die Nase und fühlte sich geschwollen an und auch ihre linke Wange war heiß und brannte vom kräftigen Schlag, doch sie packte eifrig mit an, die Verwüstung wieder in Ordnung zu bringen. Hilda bemerkte schon, dass die Blicke der Arbeitenden immer wieder auf sie fielen, auch der Vater der Zwillinge, der, wie es ihr schien, etwas mit seinem schlechten Gewissen haderte, sah immer mal zu ihr rüber. Es lag Unmut in der Luft. Schnellstmöglich die Sache erledigen und dann verschwinden. Niemand wollte hier noch groß herumdiskutieren: Das würde am Ende zu nichts führen. Nachdem dann endlich alles zur Zufriedenheit des Hallenbesitzers wieder hergerichtet war, machten sich die Eltern und Kinder fast wortlos auf den Heimweg. Nur die Kinder untereinander tauschten sich noch aus und verabredeten sich für den morgigen Schulweg. Hilda und Sina fuhren nun gemeinsam mit dem Fahrrad die bekannte Strecke zurück, auf der sie am frühen Nachmittag noch so fröhlich hergefahren waren. „Total gemein von Thomas, uns dort einzuschließen und auch noch unsere Eltern zu informieren. Lisa und Lena können einem leidtun mit so einem Vater“, meinte Sina wütend. „Ja und ich habe ehrlich geglaubt, die Zwillinge hätten die Erlaubnis zum Versteckspiel in der Halle“, antwortete Hilda ihrer Freundin mit voller Überzeugung. „Wie geht es deiner Nase jetzt, Hilda? Ich habe mich fürchterlich erschrocken, als deine Mutter zugeschlagen hat“, fragte Sina nun die Freundin und blickte voller Fürsorge zu ihr hinüber. Hilda sah nachdenklich auf den Weg, den sie fuhren, und erklärte ihrer Freundin dann, dass es wohl vorkommen konnte, dass der Mutter die Hand ausrutschte. „Würde meine Mutter doch auch außerhalb arbeiten gehen können, so wie deine Mutter, ich denke, dann wäre sie glücklicher und hätte bessere Laune!“ „Das hat meine Mutter auch schon gesagt und sie denkt auch, dass deine Mutter vielleicht auch gerne Abwechslung vom Hof hätte“, antwortete die Freundin aus voller Überzeugung. „Deine Mutter kann froh sein, dass ihr Mann so modern eingestellt ist und sie arbeiten gehen darf. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was bei uns los wäre, wenn meine Mutter das Thema ansprechen würde!“, sprach Hilda und sah seufzend zu Sina hinüber. Die Freundinnen lächelten sich resigniert an.
Am nächsten Morgen wartete Sina schon am vereinbarten Ort auf die Freundin, um sich gemeinsam mit ihr auf den Schulweg zu machen. Hilda war die Müdigkeit und Abgeschlagenheit ins Gesicht geschrieben und es fiel ihr schwer, die Freundin freundlich zu begrüßen. Es war am vergangenen Abend sehr spät geworden auf dem Feld, aber trotz aller Bemühungen war es der kleinen Familie nicht gelungen, die gesamte Heuernte vor dem Regen unter Dach zu bringen. Nachdem zwischenzeitlich der Motor des Traktors gestreikt hatte, was der Vater durch Ersetzen des Dieselfilters zum Glück schnell behoben hatte, war dann später das Hinterrad des Hängers, auf dem die HD-Ballen transportiert wurden, geplatzt. Da in dem Moment schon leichter Regen einsetzte, entschied man sich, den vollbeladenen Hänger vor Ort auf dem Feld provisorisch mit einer Plane abzudecken. Zusätzlich stapelten die drei, so schnell es möglich war, die restlichen Ballen auf dem Feld zusammen und zogen auch hier zum Schutz eine Plane darüber. Die harte Arbeit war für Hilda aber gar nicht so schlimm gewesen. Viel schlimmer war die Missachtung der Eltern gewesen, die nur barsche Anweisungen gaben und ansonsten Hilda kaum Beachtung schenkten. Es muss schon bald Mitternacht gewesen sein, als Hilda durchnässt von dem immer stärker werdenden Regen mit dem Fahrrad zuhause ankam. Die Eltern fuhren noch Traktor und Hoflader in den alten Gulf, der als Stellplatz für die Arbeitsgeräte diente. Für eine Maschinenhalle hatte es bisher nicht gereicht. Der niedrige Preis pro Liter Milch, den der Milchviehbetrieb der Familie von der Molkerei erhielt, die diese jeden zweiten Tag frisch vom Hof abholte, reichte gerade so zum Überleben. Hinzu kam, dass man nicht planen konnte: Der Milchpreis schwankte immer wieder und man wusste nicht, wie die Situation in einem halben Jahr sein würde. „Der Weltmarkt bestimmt den Preis“, hörte Hilda den Vater oft sagen. „Wir Landwirte müssen halt mit dem zurechtkommen, was man uns gibt“, waren sehr oft seine resignierten Worte. Er würde am liebsten alles hinschmeißen und etwas anderes machen, nur hingen halt zu viele Verbindlichkeiten an dem Hof, die es galt, abzubezahlen. In kleinen Raten, Stück für Stück, Jahr für Jahr, wie es halt finanziell möglich war. Wenn er dann wieder vom Jahr zweitausendneun sprach, wo der Milchpreis ins Bodenlose gestürzt war, sodass der Betrieb neue Kredite aufnehmen musste, um überhaupt wirtschaftlich zu bleiben, dann lag auch immer eine enorme Wut in seiner Stimme. „Wieso lässt der Staat uns Bauern hängen, warum nur hat unsere Arbeit in der Gesellschaft so einen schlechten Stellenwert?“, waren dann seine verzweifelten Worte. „Gut essen und trinken wollen alle, doch fährt der Bauer die Gülle zum Düngen aufs Feld, dann wird wegen Geruchsbelästigung geschimpft!“ Eine beklemmende Ratlosigkeit machte sich dann immer breit, ein Gefühl, der Abschaum der Gesellschaft zu sein. Hilda war mit dem Bewusstsein aufgewachsen, täglich alles geben zu müssen, um den familiären Betrieb aufrecht zu erhalten, und sich zugleich in der Gesellschaft auf der untersten Stufe zu befinden. Wenn man bedachte, dass in der Landwirtschaft dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr rund um die Uhr gearbeitet wurde, dann war das ein echtes Armutszeugnis. Wollte man mal ein paar Tage Urlaub machen, dann musste für vertrauenswürdige Ersatzkräfte gesorgt werden, die natürlich auch entlohnt werden wollten.
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