Cover: Zeitreise

Zeitreise
Reise durch Raum und Zeit


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-99130-896-6
Erscheinungsdatum: 22.10.2025
Reiseerfahrungen sind der Kern dieser Autobiografie, die verborgene Kraftlinien zwischen verschiedenen Leben und Ländern aufzeigt. Mit eigenen Bauprojekten in Südamerika, die Neues schaffen, ist Lothar Berg gleichzeitig seiner Vergangenheit auf der Spur.
Es war einer der typischen Novembertage.
Es hatte fast den ganzen Tag genieselt, und die Kälte schien sich durch die Kleidung bis zu den Knochen durchzuziehen.
Es fehlten nur noch ein Monat und vier Tage bis zum Heiligen Abend.
Der Zeiger der Uhr hatte schon seine elfte Nachtumdrehung durchlaufen.
Ich wollte nicht mehr warten.
In Bingen, in dieser Nacht, bestieg ich den Zug meines Lebens.
Zu meiner Freude war da neben meiner Mutter, einer sehr liebevollen und besorgten Frau, die Ende des Jahres ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag feiern würde, auch mein Vater, ein großer, stattlicher Bär mit großen Tatzen, die mich sicherlich jederzeit leicht verteidigen könnten.
Der große Bär hatte im Frühjahr schon seinen fünfunddreißigsten Geburtstag begangen.
Und da war mein um ein Jahr und zwei Monate älterer Bruder, der seine Rolle als großer Bruder lange, lange Jahre für mich spielen sollte.
Ich war glücklich, in diesem Abteil mit dieser Zusammensetzung die Reise meines Lebens zu beginnen.
Es waren mittlerweile mehr als fünf Jahre vergangen, seit dieser verheerende Krieg zu Ende gegangen war.
Und doch war er noch überall gegenwärtig. Nicht nur äußerlich im Erscheinungsbild der Stadt, sondern auch im Bevölkerungsmix auf den Straßen.
Schwarz – Grau
Die Wunderwaffen kamen nicht mehr zum Einsatz. Die Übermacht war zu groß. Auch die letzten Reserven, die man wohlwissend einfach verheizt hatte, konnten das Unabdingbare nicht mehr abwenden. Es gab keinen Endsieg, nur das unbegreifliche Entsetzen.
War dies das Volk der Poeten, Philosophen und Musiker?
Arbeitsame und gottgefällige Leute wurden zu unbarmherzigen Maschinen. Fremdgesteuert von der Idee, durch das Blut in ihren Adern zu außergewöhnlichen Taten befähigt zu sein.
Klar gibt es in der Nachbetrachtung eine Erklärung, die geschichtlich auch nachvollziehbar ist. Aber ist dies die Legitimation für das, was dann kam?
Nach dem Heiligen Deutschen Reich Römischer Nationen war es um die Deutschen etwas still geworden.
Große Nationen hatten die europäische Bühne betreten. England blickte schon immer argwöhnisch zum Kontinent. Die Macht Spaniens, der Niederlande, Frankreichs musste geschwächt werden und wurde geschwächt, wenn es unabdingbar war.
Nach dem wiedererstarkten zweiten Deutschen Reich in Kombination mit der zentraleuropäischen Großmacht Habsburg-Österreich-Ungarn war es nur logisch, dass dies zu einem Konflikt führen würde.
Mit welchem Recht hätte Kaiser Ferdinand den Briten den Krieg erklären dürfen, wenn diese den Tod von Prinz Charles an den Separatisten in Cardiff gerächt hätten?
Wenn zwei dasselbe tun, ist dies nicht immer das Gleiche.
Am Ende stand der totale Zusammenbruch. Nicht nur territorial und wirtschaftlich – viel tiefgreifender war der moralische Wertezusammenbruch.
Keine noch so zaghaften Erklärungsversuche konnten standhalten gegen die Bilder des Unfassbaren.
Entschuldigungen waren aufgrund des Ausmaßes in diesen ersten Jahren auch kein Mittel, um die Last zu mindern, die auf den Schultern der Überlebenden lastete.
Die Verantwortlichen – Masterminds – hatten sich feige dem allen entzogen.
Das auserwählte Volk war in den Augen dieser Feiglinge nicht würdig weiterzuleben. Man entzog sich der Verantwortung und überließ das Schicksal seinem Lauf.
Neben dieser tiefen und schweren Last gab es noch den Überlebenskampf. Zur mentalen Schwere kam die körperliche Anstrengung hinzu – weitermachen, nicht um Mitleid bitten und auch kein Leid durch einen verzweifelnden Blick vermitteln.

Der Krieg war immer noch sehr präsent in den nächtlichen Träumen und in den Herzen vieler Menschen. Es war unbegreiflich, dass man dies alles mitgetragen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, wie tief und schmerzvoll diese Erinnerungen waren. Wer hätte sich vorstellen können, zu welchem fatalen Entschluss dies letztendlich führen sollte?
Die ersten Jahre im Abteil mit meinen Eltern und meinem Bruder verliefen sehr friedlich. Ich entdeckte so viele kleine Dinge zum Spielen. Auch wenn es in der Tat immer wieder die gleichen unbemalten Bauklötzchen waren, so veränderten sich diese jedes Mal aufs Neue in meiner Fantasie.
Sie konnten die Form von Tieren oder von Personen, aber auch von Autos annehmen.
Besondere Freude bereitete meinem Bruder und mir, wenn unsere Mutter einen Kuchen backte und wir die Schüssel mit dem verbleibenden Kuchenteig auslecken durften.
Süße Puddinge hatten denselben Effekt, und unsere Herzen waren überglücklich.
Der Zug rollte durch die Tage und Nächte in gleichbleibendem, beruhigendem Rhythmus.
Es bahnte sich eine Veränderung an. Unsere Mutter, die immer eine liebevolle Art hatte, uns Jungs zu bemuttern, schien manchmal noch sentimentaler zu sein. Und wenn wir sie umarmten, so wurde es auch immer schwieriger, sie zu umgreifen. Ihr Körperumfang schien zuzunehmen. Und dann kam auch der Tag, an dem unsere Eltern uns mitteilten, dass wir sehr bald einen neuen Fahrgast in unserem Familienabteil bekommen würden.
Also das war die Erklärung – die Freude auf den neuen Gast wurde täglich größer. Und fast als Weihnachtsgeschenk, zwei Jahre nach meinem Einstieg in den Zug des Lebens, wurde uns unsere kleine Schwester präsentiert. Monika Margarete, ein kleines, zartes Geschöpf mit schwarzen Haaren. Ich schaute sie mit großen Augen an – versuchte, dies einzuordnen. Es hatte mir wohl die Sprache verschlagen, denn meine Mutter erwartete einen Kommentar und forderte mich dazu auf.
„Was sagst du, Lothar?“, fragte sie mich. „Ein kleines schwarzes Mädchen.“ Mit diesen Worten begrüßte ich unsere kleine Schwester. Im Zugabteil meines Lebens waren nun alle Sitzplätze besetzt – nicht ahnend, dass auf dem Platz meines Vaters zwei Personen unsichtbar mit uns reisten.

Da war mein großer Bruder, der zu Ehren seines Großvaters dessen Namen trug, dann unsere Schwester, die um die Weihnachtszeit 1952 die Familie bereicherte.
Eine Seelengemeinschaft, die noch nicht ahnte, wie tief man miteinander verwoben war.
Wir hatten einen Großvater, der sowohl für den Kaiser wie auch für den Führer sein Leben nicht geschont hatte. Zu seinem Leidwesen musste er ein fast abgeschlossenes Architekturstudium aufgrund fehlender finanzieller Mittel abbrechen. Und so verdiente er sich sein Geld als Außendienstmitarbeiter einer Tabakmanufaktur
Mein Vater war in dem Glauben und in den Normen des Großdeutschen Reiches erzogen worden. Mit vierundzwanzig Jahren hatte er seine ersten Kampferfahrungen gemacht. Geboren in einem kleinen Weindorf in der Rhein-Nahe-Region, aufgewachsen mit klaren und ehrlichen Familienbanden, sollte er viele Jahre vor seiner Zeit an dem Kommenden zerbrechen. Es war die dörfliche Welt. Jeder kannte jeden. Kinder gingen früh aufs Feld – man aß gemeinsam aus einem Topf. Er war der Kleinste von zwölf Geschwistern. Seine großen Geschwister kümmerten sich abwechselnd um ihn, sodass ihm emotional nichts fehlen sollte. Man war tiefreligiös, und gerne hätte seine Mutter es gesehen, dass er Priester würde.
Er war ein großer, stattlicher Bursche, wie viele in Tausenden von Dörfern im Reich. Sie wurden geformt zu den schnellen Windhunden, die zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl wurden.
Er wurde kein Priester – er wurde ein Teil der Generation, die unbeirrbar an diesen großen historischen Moment und Führer glaubte.
Meine Mutter, knapp neun Jahre später geboren, kam aus einem behüteten Elternhaus – Mittelklasse. Ihre Erziehung war geprägt von der Tatsache, dass sie eine ordentliche Hausfrau und Mutter sein sollte. Sie besuchte eine Haushaltsfachschule, und natürlich war sie auch ein Mädchen des Deutschen Reiches (BDM).
Am Ende des Krieges war sie zarte einundzwanzig Jahre. Bilder und Ereignisse vom Glanz bis zum brutalen Ende hatten sich in ihren Erinnerungen eingegraben.
Sie arbeitete in den Kriegsjahren eine Zeitlang in einem Fotolabor, und dort entwickelte sie Filme, die sie erschütterten. Niemand sprach damals offen über Erlebtes oder Gesehenes. Weder wenn die Nachbarn abgeholt wurden noch über andere zweifelhafte Ereignisse.
Erst zu Ende ihres Lebens erzählte sie von diesen Dingen und auch, dass es sehr gefährlich war, in der Nachkriegszeit das Haus zu verlassen.
Wenn sie zu den Bauern fuhr, um Essbares einzutauschen gegen familiäre Erinnerungsstücke, so zog sie sich nicht nur die ältesten und stinkigsten Klamotten an. Sie parfümierte sich sogar noch mit ranzigem Fett in entsprechenden Körperpartien. Dem Überlebensduft vieler junger Frauen. Aud de Vivir.
Weitere Einzelheiten waren ihr nie zu entlocken. Sie nahm diese Erinnerungen mit in ihr Grab.
Zwei Menschen, die sich im Nachkriegsdeutschland trafen und eine Familie gründeten. Jeder trug seine persönlichen Erinnerungen verborgen in seinem Herzen.
Jeder Deutsche … jeder Mensch in Europa, der diesen Krieg erlebt hatte, war begleitet von Phantasmen. Es war nicht die Zeit für Psychotherapien.

Die ersten vier Jahre lebten wir in Bingerbrück – wo mein Vater als Bahnhofsvorsteher des Güterbahnhofs tätig war. Eine kleine Stadt am Zufluss der Nahe in den Rhein. Der Rhein, Vater Rhein nannte man diesen großen wichtigen Fluss. Der romantische Rhein aufgrund der vielen Burgen, die sich rechts- und linksseitig besonders ab Bingen finden ließen. Und da war auch die Germania, eine übergroße Frauenstatue, oberhalb von Rüdesheim, auf der Bergkante, umgeben von unendlich wirkenden Weinbergen. Germania, die große Mutterfigur, die voller Stolz, aber auch drohend über den Rhein schaute, um ihre Kinder vor der Aggression aus dem Westen zu schützen. Nach dem Krieg mit den Franzosen, der letztendlich zur Gründung des zweiten Deutschen Reiches führen sollte, wurde dieses Denkmal voller Stolz einer neu formierten europäischen Großmacht errichtet. Nachdem sich viele europäische Nachbarn bereits formiert hatten und ihre Macht auch auf außereuropäische Länder ausgedehnt hatten, wollte sich unser Vaterland gleichfalls einen Platz im Kreis der Dominierenden suchen und behaupten.
Sicher ist und war unser Vaterland immer eine große, wichtige Nation – nicht wegen seiner territorialen Ausdehnung oder seiner gewonnenen Kriege – nein, vielmehr wegen seines Beitrags im Bereich von Musik und Philosophie. Man hätte stolz sein sollen und weiterhin in diesen Bereichen Weltruhm suchen sollen – nein, man wollte mitmischen – mitmischen in einer neuen Weltordnung.
Bis zum bitteren Ende, das mit zunehmendem Alter auch für mich immer sichtbarer wurde.

Wir lebten in einer kleinen Mansardenwohnung. Was in meiner Erinnerung geblieben ist, sind die schrägen Wände unseres Kinderzimmers und der offene Flur. Die Treppen schienen nicht aufhören zu wollen. Bedingt durch die kleinen Fenster hatten wir auch nicht den Lichteinfall, der unsere Kinderfantasie hätte beflügeln können. Es gab das Kinderzimmer, das Zimmer unserer Eltern, die Küche und ein kleines Bad.
Um zu baden, musste man in einem Badeofen mit Holz und Briketts ein Feuer machen. Dieses Feuer erwärmte die ganze Wohnung und auch das Badewasser. Dieses Fest gab es aber nur samstagnachmittags.
Das Wasser musste für die ganze Familie reichen und so badeten wir drei Kinder gemeinsam.
Es war ein Spaß – auch ohne Schaum, eine Ente oder Barbiesirene.
Wenn man nachts zur Toilette musste, so musste man einen kleinen Flur überqueren. Ungern passierte ich den Flur, denn durch die Eingangstür, deren Glasscheiben mit kleinen Vorhängen versehen waren, trat Licht ein. Man hätte mich eventuell sehen und von außen beobachten können.
Ein unangenehmes Gefühl. Angst sollte ich etwas später erfahren. Tief und fest schlief ich, eingerollt in meine Bettdecke. Ich spürte, dass zwei große Hände unter meine Bettdecke griffen. Und dann wurde ich aus meiner warmen Umgebung hochgehoben. Ich fühlte die Kühle der Nacht und so erstarrte ich. Nicht einen Schrei konnte ich formen. Was war das ? Wer riss mich aus meiner geborgenen nächtlichen Reise in mein Inneres heraus?
Ich sträubte mich – wollte mich befreien von dieser Abhängigkeit. „Ludi, was machst du?“, hörte ich meine Mutter sagen. Der Klang ihrer Stimme sollte mich beruhigen, aber es war schon zu spät. Mein Vater, der mich eigentlich nur liebevoll umarmen wollte, bevor er sich zur Nachtruhe begeben würde, hatte den Zugriff verloren. Ich fiel aus seinen Händen – nicht in das warme, weiche Bett – nein, auf die Bettkante. Seit dieser Nacht hatte ich eine kleine, etwa einen Zentimeter lange genähte Narbe über der linken Augenbraue. Und auch seit dieser Zeit, bevor mein Vater mir seine Gute-Nacht-Wünsche gab, küsste er meine Narbe. Es war die erste kleine Narbe, die er mir zufügte – sehr, sehr klein im Vergleich zu der Narbe, die viele, viele Jahre später mein Herz und meinen Weg beeinflussen sollte.
Wenn ich meine Augen schließe und mich in diese Zeit versetze, so war das Leben grau – dunkelgrau. Eventuell hing das damit zusammen, dass Bingerbrück ein Knotenpunkt für Transportzüge der Deutschen Bundesbahn war. Alles änderte sich. Aus der Reichsbahn wurde die Bundesbahn – aus den Reichsämtern wurden Bundesämter.
Die Abgase, die aus den Schloten der Zugloks in den Himmel stießen, hatten extremste Ozonbelastungswerte.
Damals wusste, außer den Wissenschaftlern, kaum jemand, was Ozon ist. Die Häuser waren grau – die Kleider hatten traurige Farben. Die wenigen Autos, die man sah, hatten traurige Farben.
Fast schien es, als ob die Blumen sich für die Freude, die ihre Farben vermitteln konnten, schämten.
Meine Schuhe waren die meines Bruders – seine Hosen, obgleich noch zu groß, wurden mit Hosenträgern und Gürtel angepasst. Auch diese Kleidung hatte nichts von den fröhlichen Farben, die Kinder heute tragen. Schuhe waren aus Leder und wurden in einer Größe gekauft, dass sie auch noch das nächste Jahr passen würden. Wir Jungs hatten Lederhosen und wir liebten sie. Aber dies hatte einen praktischen Grund. Sie waren strapazierfähiger und wenn man sie groß genug kaufte, so hielten diese auch zwischen drei und fünf Jahre. Am Morgen gingen mein Bruder und ich in den Kindergarten. Es war eine kirchliche Einrichtung. Man lernte, zu beten und sich gut zu benehmen. Wir wussten nichts von dem, was unsere Eltern oder Nachbarn erlebt hatten. Und wenn man es uns erlaubte, tobten und rauften wir ausgelassen, wie alle Kinder dieser Welt.

Als ich vier Jahre alt war, bewegte sich der Zug von Bingerbrück nach Mainz. Mein Vater hatte eine neue Aufgabe bei der Bundesbahndirektion in Mainz. Wir zogen in eine große Vierzimmerwohnung – in einer Bahnwohnsiedlung – gegenüber dem städtischen Krankenhaus.
Das Tolle an diesem neuen Zuhause war für uns Kinder, dass es dort einen großen Innenhof mit einer Wiese gab. Und vor allem viele Kinder, mit denen man spielen und toben konnte. Und es gab das Plätzchen. Heute sicher zugestellt von parkenden Autos. Eigentlich fast schon ein Platz mit acht großen Kastanienbäumen – ein Platz, ideal, um Fußball zu spielen. Gegenüber unserer Wohnung gab es die Kanone – ein Kriegsdenkmal für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Mit einer großen Rasenfläche – die ebenfalls optimal zum Fußballspielen war. Vom Bolzplatz bis zum Rasenplatz war alles vorhanden.
Fußballspielen war die Freiheit für uns Jungs. Auch gab es Wettrennen um die Häuserblocks – Jahre später, für die, deren Familien das Geld hatten, Rollschuhe zu kaufen, wurde dies eine Rollschuhbahn. Der Bürgersteig wurde zur Gefahrenzone für die Passanten. Und da gab es auch noch die Gefahr der Autos. Und so kam es, dass ein Nachbarsjunge von einem Auto angefahren wurde. Es war zwar nur das Unterbein und er überlebte, aber sein Name änderte sich danach: Er war nun der Humpelhopser.
Wir wollten leben, uns ausleben. Und dort in Mainz war dies viel mehr gegeben. Deutschland schien den Aderlass an Menschen, den der Krieg verursacht hatte, auszugleichen. Auch gab es „Mothers little Helper“ noch nicht und so tobten wir, wie und wo wir konnten. Spielzeuge waren zu dieser Zeit Hüpfseil und Klicker – ein kleines Loch, und man spielte. Der, welcher Glasklicker hatte, war sehr hoch angesehen. Eisenklicker waren Statussymbole und noch höher im Wert. Man traf sich und jeder trug den Klickerbeutel zur Schau wie eine Trophäe.
Zur Hippiezeit waren es keine Klickerbeutel mehr, sondern bunt bestickte und mit Fransen versehene Haschischbeutel. Auch in dieser Zeit waren sie eine Art von Statussymbol.
Und da waren die Ruinen. Abenteuerspielplatz schlechthin. Zugeschüttete Räume im Inneren der Häuser. Da wir noch klein waren, konnten wir wie Mäuse durchschlüpfen. Teilweise gab es noch Freiräume, und wenn man eine Taschenlampe hatte, eröffnete sich das Abenteuer. Da waren Bücher, Kleider, Hausrat und auch immer die Gefahr, dass die Trümmer nachgeben würden und man darunter verschüttet werden konnte. Da war eine Tür, die wir öffneten, und was wir dort sahen, hatte sich wohl vor mehr als zehn Jahren ereignet.
Ein halbverwester Leichnam eines deutschen Soldaten. Gespenstisch sah uns dieser augenlose Schädel an. Uns fuhr die Angst in die Glieder und bewegungslos starrten mein Bruder und ich diesen Soldaten an. Wir schauten dem Tod direkt ins Auge. Wenige Jahre später sollte der Tod unsere Herzen noch intensiver umklammern.
Wir brachten das Maschinengewehr zur Oberfläche. Mein Bruder hatte eine Aktentasche gefunden. In dieser waren kleine Fläschchen. Sah aus wie kleine Schnapsfläschchen oder Essenzen, um chemische Reaktionen zu erstellen. Oder Drogen?
Wir empfingen eine furchtbare Schimpftirade unseres Vaters, der auch die Tasche an sich nahm. Niemals mehr würden wir in die Trümmer gehen, versprachen wir. Meine und auch die Eltern meiner Spielkameraden verboten eindringlich diesen Spielplatz. Aber das Abenteuer war einfach zu groß. Neben den Trümmern gab es noch ein anderes Plätzchen. Dieses Plätzchen hatte einen großen Bombenkrater. Allgemein wurde dieser Platz das Römerlager genannt. Und in der Tat, als wir beim Spielen dort Scherben fanden, kamen Mitarbeiter des Römisch-Germanischen Museums und befragten uns Kinder. Der Spielplatz wurde abgezäunt – ein Abenteuer weniger.

Und da waren auch noch diese Ungetüme – Fahrzeuge, die sich ab und an den Linsenberg heraufbewegten und an unserem Haus vorbeifuhren – alle Scheiben vibrierten und kündigten deren Erscheinen vorzeitig an.
Man hörte das Geratter dieser Monster schon von Weitem. Sie hatten keine Räder wie normale Fahrzeuge, nein, ihre Räder bewegten vielmehr ein Metallband. Es waren große, schwere Ungetüme – dunkelgrüne Farbe mit einem großen weißen Stern auf der Seite und auf der Front. Oberhalb dieses Bewegungsmechanismus gab es ein kleines bewegliches Gehäuse mit einer Luke – einem Deckel. Dieser Aufsatz konnte sich bewegen, und wie eine lange Pinocchionase war da ein Riesenrohr. Fast so wie das Denkmal der Kanone unseres Fußballplatzes.
Wann immer wir dieses Gedröhne der Fahrzeuge hörten, rannten wir Kinder alle zur Hauptstraße. Es war die Sensation, aus den Luken schauten sehr oft seltsam aussehende Personen. Sie hatten eine Art von Maskierung auf dem Kopf und in den Ohren – wie an Fasnacht – auch hatten viele dieser Außerirdischen ein anderes Aussehen. Ihre Lippen und Nasen und vor allem ihre Hautfarbe waren so unterschiedlich zu dem, was unsere Zuordnung bisher zeigte. Wenn sie lachten oder sprachen, so sah man ihre großen weißen Gebisse. Es war eine Art von Mensch-Tier-Maschine.
5 Sterne
Eine gelingende Heldenreise der anderen Art - 28.01.2026
Hans-Joachim Reinecke

"Du spürst eine tiefe Sehnsucht in dir, aber du gibst ihr nicht nach Du ahnst, dass da im Leben noch viel mehr sein muss, aber noch wagst Du es nicht, dieser Sehnsucht zu folgen."So hat es lange Jahre im Inneren von Lothar Berg ausgesehen, bevor er seinem unwiderstehlichen Drang, ja fast Zwang zum Ausbruch aus seinem bisherigen, bürgerlichen Leben endgültig folgt.Vom Schicksal getroffen, aber nie geschlagen, geht er auf seine "Heldenreise" (Joseph Campbell) und führt sein abenteuerliches Leben, als Phantast, Weltreisender, Philosoph und Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes.Seine Reisen durch Asien prägen ihn spirituell und geben ihm - durch die Bewegung - festen Halt. Im Verlauf eines aufregenden Lebens auf zwei Kontinenten wird er - auf seine Weise - sesshaft und es gelingt ihm schließlich die Befreiung aus den Verstrickungen seiner Kindheit.Der Weg war weit. Fast hypnotisch wird der Leser in den Bann gezogen, wenn er den Erzählungen Bergs folgt und diesen Parsival auf seiner Suche nach dem eigenen, dem richtigen Leben begleitet.Die Verschlingungen seines neuen Lebens jenseits üblicher Schemata werden mit einer sehr gelungenen erzählerischen Logik entwickelt, es bleibt bis zuletzt spannend.Zunächst eher verhalten, schleicht sich der Ryhthmus seiner Erzählung ein, bis man sich als Leser gestehen muss, dass man mit jeder Seite neugieriger wird. Man will wissen, was ihn dazu getrieben hat, nacheinander in mehreren Ländern des südamerikanischen Kontinents Fuß zu fassen, sich jeweils eine solide Existenz aufzubauen, um dann ein weiteres Mal aufzubrechen, in ein Neues, Unbekanntes.Man erfährt mehr, denn die Reise "durch Raum und Zeit" führt Lothar Berg nicht nur in seine Kindheit, sondern auch in sein Inneres. Man beginnt ihn zu verstehen, leidet mit, wenn er vom prägenden Schicksal seines Vaters berichtet. Einem Schicksal, dessen düstere Wendungen sich niemand ausdenken könnte, und das sehr weitreichend das Leben des Sohnes bestimmt.Seine schmerzhafte, mutige Befreiung aus den sich darauf ergebenen Verstrickungen gelingt mit Hilfe kluger Freunde. Sein Weg gibt so, wenn auch unerwartet, Zeugnis für die untrennbare Bindung der Kinder an die Eltern, an den Wunsch, etwas für die Eltern gut oder gar viel besser zu machen, als sie es je konnten. Der Schein trügt nicht, dass dies dem Sohn - für seinen Vater - mehr als gelungen ist.Berg macht auf der Suche nach dem Glück vieles anders. Und so folgt er zuletzt auch nicht dem klassischen Verlauf einer Heldenreise. Denn dieser Held kehrt nicht nach Hause zurück, er hat, wie man hören kann, endlich seine endgültige Heimat gefunden. In einem neuen Land - in Südamerika!Ein seltsam berührendes Buch.

5 Sterne
Mitreißender Lebensbericht eines deutschen Auswanderers nach Südamerika. - 20.11.2025
Peter Z.

Als "großer Fan" von Auswandergeschichten war ich sehr gespannt auf die Lebensgeschichte von Lothar Berg. Die Erzählungen haben sehr viel Tiefgang und Lebensklugheit, ohne belehrend oder moralisierend zu wirken. Die Zeitsprünge von Erlebnissen aus seiner Jugend und Etappen seiner Zukunftsfindung in Asien und Südamerika machen das Werk sehr kurzweilig. Es ist ein sehr authentisches Buch ohne viel Geschnörkel. Als Urlaubsreisender kannte ich Südamerika schon. Aber die Schilderungen des Autors über die Höhen und Tiefen seines langen Aussteigerlebens in Bolivien, Peru, Venezuela und zuletzt in Kolumbien haben mich regelrecht mitgerissen. Es ist ein sehr privates, ehrliches Buch, welches offensichtlich mit viel Herzblut geschrieben ist. Ich kann es nur jedem empfehlen.

5 Sterne
Absolut lesenswert - 19.11.2025
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Die Lebensreise von Lothar Berg ist keine gewöhnliche. Aus dem heimischen Rheinland-Pfalz zog es ihn unwiderstehlich in die ferne Welt, zunächst Richtung Südasien, später in viele Länder Lateinamerikas. Wie er seine vielfältigen Erfahrungen und Begegnungen beschreibt, zieht einen so in den Bann, dass man das Buch kaum wegzulegen vermag. Seine Begeisterung genauso wie seine Enttäuschungen und teils dramatischen, teils komischen Erlebnisse fasst er in eine wunderbar zu lesende Sprache, mit Humor und Tiefgang, lebendig wie das Leben selbst. Eine zutiefst erfüllende Lektüre!

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