Cover: Projekt 222

Projekt 222
Soll dich doch der Teufel holen und ins Paradies geleiten


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 546
ISBN: 978-3-7116-0526-9
Erscheinungsdatum: 25.03.2025
Als Außerirdische mit ihrem Schiff über der Erde erscheinen und die Botschaft „Er wird kommen“ an die Menschheit senden, werden die Weltregierung und die Weltreligionen in ihren Grundfesten erschüttert.
Rom, Vatikan


Bischof Adengu Mikambo, Professor und Dekan des Astrologischen Lehrstuhls des Vatikans, war Mann mit dem Segen eines unbestimmbaren Alters, doch mit inzwischen weißem Haar und tiefen Falten auf der klassischen Denkerstirn, lief verunsichert mit wehenden Fahnen über die Flure des Vatikans zu einer spontan von ihm eingeforderten Audienz beim Heiligen Vater.
Tagelang versuchte er, einen Termin zu bekommen, um die ersten Ergebnisse und Hypothesen an höchster Stelle vorzutragen, doch er war immer wieder vertröstet worden.
Seine Bischofsrobe war nur unzulänglich geknöpft und seine Levis 501 und die Adidas Sneaker blitzten im Kontrast zum traditionellen Gewand darunter hervor.
Erst vor zwanzig Minuten hatte er den Anruf bekommen, der ihm die Audienz gewährte. Schnellen behänden Schrittes, mit einer Leichtfüßigkeit, die irgendwie an einen alternden Panther erinnerte, eilte er an den zahlreichen Gemälden und Fresken, beobachtet von Heiligen, Engeln und dem Heiland, vorbei.
Ihm stand, als Mann in den Siebzigern, der Schweiß auf der Stirn, sein Herz pochte und seine Lunge brannte, als er mit übersäuerter Beinmuskulatur die letzten Stufen zum Audienzzimmer des Papstes erklomm. Doch das Brennen, die Atemnot und die auf das Äußerste gesteigerte Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, nahm er vor Erregung, Verzweiflung und Angst nicht einmal wahr. Seine wachen braunen Augen, die inzwischen vom inbrünstigen Studium der Heiligen Schrift und nahezu sämtlichen Schriften der Geschichte der Astrologie, Veröffentlichungen und wissenschaftlichen Aufsätzen der Astronomie, geschwächt hinter dicken Brillengläsern, verborgen lagen, wanderten hektisch von links nach rechts. Seine Lippen formten lautlose Diskussionsbruchteile, wie sie in der Dringlichkeitskonferenz am Lehrstuhl am gestrigen Abend debattiert worden waren und auch in den letzten Bruchteilen der letzten Sekunde, bevor er an die große schwere Eichentür des Audienzzimmers klopfte, ging er alles noch einmal durch. Doch er kam immer wieder, wie auch in den letzten Tagen und Nächten, zu demselben Ergebnis. Ein Szenario das die spirituelle Welt aus den Angeln heben könnte, würde, musste, könnte Wirklichkeit werden.

Viel zu laut klopfte er an die Tür und wartete mit der Ungeduld eines Ministranten darauf, dass ihm vom Generalvikar geöffnet wurde. Die Sekunden erstreckten sich in die Ewigkeit. Ein leichter Schwindel und das Gefühl der Schwäche überkamen ihn in dem Moment, als er zum Stehen und zu Luft kam. Doch mit all seinem Willen drängte er jede Schwäche zur Seite und straffte sich, um dem Heiligen Vater, dem Stellvertreter Gottes auf Erden, Bericht zu erstatten.

Als das fast dröhnende Pochen an der Tür im Audienzzimmer des Papstes, das mehr an die Ankündigung einer Razzia der Carabinieri oder eines eifersüchtigen Ehemannes erinnerte als an die ergebenste Bitte eines Bischofs in den Diensten des Vatikans um Audienz, widerhallte, zuckten Papst Paulus und sein Generalvikar Andrea Ignazio, ob des ungebührlichen Getrommels an der heiligen Tür, unwillkürlich zusammen.
Ignazio, ein dürrer Mann, dem seine karrieristischen Ambitionen, gepaart mit bedingungsloser Gottergebenheit und Bewunderung für den Papst, aus jeder Pore drangen, lief augenblicklich rot an und musste seinen aufkeimenden Jähzorn beherrschen. Für einen Hauch eines Augenblickes ließ sich der Heilige Vater von seinem Generalvikar, dem Kardinalgeneralsekretär, anstecken, doch dann huschte ein Lächeln über seine Lippen und sein gütiges Gesicht erstrahlte in der Erhabenheit seines Amtes.
Damals, als er vor inzwischen zehn Jahren in der Konklave mit Anfang sechzig zum Papst gewählt worden war, sah er noch die Möglichkeiten, die ihm durch die Wahl eröffnet wurden, zu Reformen, zu Veränderungen, weg von den Lehren eines strafenden Gottes hin zu einer christlichen Zukunft im Einklang mit der Moderne. Doch die Jahre im Vatikan hatten den Reformer in ihm langsam aber sicher geschliffen. Heute kam der Visionär, den viele damals in ihm sahen, nur noch selten dazu, nicht nur aus der Vergangenheit heraus eine Zukunft gestalten zu wollen, sondern von echten Umwälzungen zu sinnieren.
Er war als streng gläubiger Russe mit Härte erzogen worden, machte sein Abitur und studierte neben Theologie auch noch Biologie und Physik und lernte das Zweifeln, bevor er in der Bibel seine Bestimmung fand und eine beispiellose Karriere in der katholischen Kirche machte und zuletzt zum Stellvertreter Gottes auf Erden gewählt worden war.

„Ist er das?“, fragte Papst Paulus in betont mildem Ton, um seinen Assistenten und langjährigen Vertrauten zurück zur christlichen Nächstenliebe zu geleiten.
„Ja, Eure Heiligkeit“, antwortete Andrea im zackigen Rapport.
„Es geht um diesen Himmelskörper, der vor wenigen Wochen entdeckt wurde, nicht wahr?“
„Ja, Eure Heiligkeit.“
„Wie du weißt, stehe ich gerade mit den Kardinälen in fortgeschrittenen Verhandlungen über die Anpassung der Kirchensteuer, den neuen Direktiven bezüglich der diplomatischen Beziehungen zu den Regierungen in Afrika und Südostasien und aus rein taktischen Gründen über die Ehe für alle. Sie warten in der großen Halle, haben wenig Geduld oder Verständnis für mysteriöse Unterbrechungen und ich habe eigentlich keine Zeit, um mit diesem Mikambo über die Sterne, Kometen, oder Asteroiden zu plaudern, es sei denn, es wird einer auf der Erde einschlagen!“
„So ähnlich hat er sich ausgedrückt, Eure Heiligkeit.“
Jetzt war der Papst doch aufmerksam und alle Geschäftigkeit, die sich eben noch um die schnöde Kirchenpolitik drehte, fiel von ihm ab. Andrea begann völlig untypisch für ihn auf den Füßen vor und zurück zu wippen und in seine sonst so klare Prosodie schlich sich etwas, das der Heilige Vater noch nie bei seinem Stellvertreter bemerkt hatte: Unsicherheit!
Andrea fuhr immer leiser fort: „Bischof Mikambo und die Konferenz des Lehrstuhls haben mir versichert, dass die Angelegenheit von höchster Dringlichkeit sei, Eure Heiligkeit!“
„Also naht das Ende der Welt?“
„Nein, Eure Heiligkeit! Nicht unbedingt. Vermutlich nicht.“
„Was dann?“
„Vielleicht das Ende der Heiligen Katholischen Kirche, Eure Heiligkeit.“

Zur gleichen Zeit in Tel Aviv

Es herrschte rege Aufregung in der großen Synagoge zu Tel Aviv. Gestandene Männer fielen sich ins Wort, Emotionen schlugen hoch. Radikale Ansätze wechselten sich mit versöhnlichen Lösungen ab. Maß und Mitte standen noch am entfernten Horizont und harrten ihrer Stunde entgegen.
Die Große Synagoge, Zentrum des spirituellen Lebens in der israelischen Hauptstadt, einem geschichtsträchtigen Bau mit Höhen und Tiefen, war Ort des Geschehens. Sie befand sich in der Allenby Street 110, Tel Aviv, östlich des Schalomturms. Das Gebäude war 1922 von Jehuda Magidovitch entworfen und 1926 fertiggestellt worden. Zuletzt wurde sie 1970 mit einer neuen Außenfassade mit Bögen renoviert. Nach dem Bombenangriff auf das King David Hotel 1946 fanden die britischen Behörden Waffen, die im Keller der Synagoge gelagert waren. Deshalb wurde der Synagogenverwalter Eliezer Neumann verhaftet und von den Militärbehörden zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Hinter diesen Mauern wurde seit über hundert Jahren über die Ankunft des Heilands und dessen Voraussetzungen spekuliert und in den letzten Jahren insbesondere über Gaza, den Terror der Hamas und Hisbollah, den Krieg und den immer weiter entfernt erscheinenden Frieden gestritten. Doch seit drei Tagen kamen die führenden Geistlichen der jüdisch-orthodoxen und der gemäßigten Gemeinden, führende Politiker und Wirtschaftsgrößen zusammen, um etwas anderes zu besprechen. Das Thema der Zusammenkunft war vor drei Tagen aus Geheimdienstkreisen an den Premierminister und seinem Stab herangetragen worden. Nach wenigen Telefonaten auf abhörsicheren Leitungen, weniger als zehn Kurznachrichten im regierungsinternen Messenger Dienst und drei verschlüsselten E-Mails war Bazra Rosenzweig als Staatsoberhaupt Israels klar geworden, dass die nationale Sicherheit, insbesondere in einem so religiösen Staat wie Israel, in größter Gefahr war. Bazra war nicht ohne Grund schon seit langen Jahren das Staatsoberhaupt in Israel, er war ein durchtriebenes Schlitzohr und kannte die Seele seines Landes aus dem Effeff. Äußerlich sah er aus wie ein gealterter Pavarotti, aber der Eindruck täuschte, denn er war Ex-Militär und trieb immer noch Kampfsport.
Bazra hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt, war alles noch einmal durchgegangen, dann war er blass geworden und hatte sich abstützen müssen, und sein einziger Gedanke war gewesen, das könnte wirklich alles ändern, alles!
Er hatte mit zittriger Hand den Hörer ergriffen und seinen Sekretär angewiesen, eine Geheimkonferenz einzuberufen.
Seit drei Tagen erhitzen sich nun die Gemüter über dieses Phänomen, das bereits vor über fünf Wochen erstmals in Amerika vom Hubble-Teleskop entdeckt worden war.
Der israelische Geheimdienst der Mossad war hellhörig geworden, da die Angelegenheit in Amerika umgehend mit höchster Geheimstufe versehen wurde. Dies verwunderte zunächst nicht übermäßig, da das Objekt maximal auf Kollisionskurs mit dem Mond zu sein schien. Dies beruhigte natürlich die Gemüter in Regierungskreisen zumindest ein wenig, da zumindest ein direkter Impact auf der Erde ausgeschlossen werden konnte.
Doch die Thematik wurde im Laufe der Zeit immer geheimnisvoller und zuletzt konnten auch die israelischen Teleskope und Satelliten das Objekt erfassen. Das Objekt verhielt sich jedoch nicht wie errechnet. Der Mossad stocherte im Dunkeln. Warum waren die Amerikaner so aufgebracht, was wussten sie, was waren ihre Annahmen?
Spekuliert war in Israel zunächst über Rohstoffe und Ressourcen worden, die irgendwie auf diesem Objekt erschlossen werden könnten und die die wirtschaftlichen Machtverhältnisse verändern könnten. Doch mit jeder neuen Berechnung wurde dies unwahrscheinlicher. An Bazra war inzwischen auch eine andere Theorie herangetragen worden, die ihn zutiefst erschüttert hatte.

Parallel dazu in Teheran

Mohammed Attasu ben Husseini, ältester Sohn und rechte Hand des Ajatollah Husseini, kam mit einem offiziell aussehenden Regierungsschreiben zu dem Palast seines Vaters. Sein Vater war ein großer hagerer Mann mit traditionellem langen weißen Bart und beeindruckenden Augenbrauen, der die Moderne und jeglichen Fortschritt hasste.
Viel geleistet hatte Mo in seinem Leben bislang nicht, stand er doch immer im Schatten seines allmächtigen Vaters.
Er ging inzwischen auf die dreißig zu und war sehr zum Leidwesen seines Vaters noch immer nicht verheiratet. Er trug einen nicht allzu langen Bart und ließ seine Haare wachsen, wie es gottgefällig war.
Mohammed war früher in London auf ein renommiertes Internat gegangen und hätte eigentlich nach westlichen Wertmaßstäben eine verheißungsvolle und aussichtsreiche Karriere anstrebten können. Das Internat in dem typischen altehrwürdigen Baustil mit den quasi bereits vom Architekten vorgesehenen Efeu-Überwucherungen des blaugrau behauenen Natursteins, den hohen Butzenfenstern und Türmen kostete 100.000 Pfund im Jahr. Die schulische Ausbildung in England war der Idee seines Vaters geschuldet, dass man den Feind kennen müsse, um ihn zu verstehen.
Mo träumte damals und insgeheim bis heute davon, Anwalt für Menschenrechte zu werden, um vor der Vollversammlung der UN in New York vor allen Nationen der Welt das Wort für die seit Jahrhunderten unterdrückte muslimische Welt zu ergreifen und Gerechtigkeit einzufordern.
Das Internat hatte doch seine Schattenseiten gehabt und er durfte nach den Regeln seines Vaters nicht in den Räumlichkeiten des geschlechtlich gemischten Internats wie alle anderen Kinder von superreichen Magnaten, Managern oder Wissenschaftlern, Politikern, Sportlern oder Klerikern aus der ganzen Welt übernachten. Nach dem Unterricht hatte er eine halbe Stunde, bis ihn ein Fahrer des Personenschutzkommandos abholte und in ein luxuriöses Privathaus im besten Viertel von London brachte. Dort hatte er dann Koranunterricht, bis es dunkel wurde.
Er lebte damals dort mit seiner Mutter und einer weiteren der vier Frauen seines Vaters und ein paar seiner Schwestern in einer Art Isolation mit Leibwächtern, über die die Reichtümer nur sehr bedingt hinwegtrösteten. Er lebte wie so viele vor ihm zwischen den Kulturen.
Mo hatte damals ein paar beiläufige Schwärmereien gehabt und von der Liebe keine Ahnung. Einmal hatte er die Pornosammlung eines der Leibwächter gefunden. Das Cover mit den eindeutigen Darstellungen löste in ihm ein Wechselbad der Gefühle aus. Die Triebhaftigkeit der männlichen Natur eines 17-Jährigen unter dem Deckmäntelchen der Neugier gewann die Oberhand. Deshalb nahm er eine der Blu-rays heimlich mit in sein Zimmer und nach anfänglichen Schuldgefühlen und Scham wachte er am nächsten Morgen besudelt und verklebt, jedoch zutiefst befriedigt auf. Als eine der Angestellten ihn weckte und das Zimmer betrat, um das Frühstück an das Bett zu servieren, nahm sie als Mutter von drei inzwischen erwachsenen Söhnen und Frau sofort den süßlichen Chlorgeruch von Sperma war. Nach ersten Gefühlen von Ekel grinste sie ihn verständnisvoll an und als sie ihm das Tablett auf das Bett stellte, zwinkerte sie ihm zu und sagte, leise, aber deutlich: „Das Bett ziehst du heute selber ab, mein Lieber.“ Sofort wurde er puterrot und bekam Schweißausbrüche, was das Bouquet seines Zimmers immer deutlicher in eine Pumahöhle verwandelte.
Mohammed war es inzwischen gewohnt, dass die westlich sozialisierten angestellten Kuffar waren und das im Westen auch die Frauen mit Männern sprachen und manchmal eben auch in einem Ton, der im Iran undenkbar war. Als die Angestellte sich demonstrativ Luft zuwendend anschickte, den Raum wieder zu verlassen, drehte sie sich nochmals zu dem in Scham versunkenen Mohammed um und sagte mit einem fast koketten Lächeln und in einem etwas zu vertraulichen Ton: „Übrigens, lass dir eins gesagt sein, Kleiner, und vergiss das nie: Du hast etwa zehntausend Schuss Munition und du willst doch noch in den Krieg ziehen, oder? Und nicht alles auf dem Schießstand verballern.“ Die Metapher mit dem Krieg ließ im ersten Moment in ihm, ganz wie selbstverständlich, Bilder von dem Dschihad aufkommen, den sein Vater in Gesellschaft gern und immer wieder in allen einzelnen grausamen Facetten eines jeden Krieges ausmalte. Aber dann bekam er die Kurve und lächelte der Angestellten noch kurz nach, als sie nochmals ihm zuzwinkernd die Tür schloss.
Mo verlor in diesem Jahr seine Jungfräulichkeit an eine Klassenkameradin, eine Muslima aus extrem wohlhabendem Hause, die jedoch nur zum Schein ein Kopftuch trug und in der Community nur vor den Augen der anderen die wohlerzogene, bescheidene, hörige und keusche Tochter mimte. Es war ein Schock für Mo gewesen, als ihm das bewusst wurde und sein Weltbild geriet weiter ins Wanken. Als ihm die anderen muslimischen Klassenkameraden erklärten, dass das kein Einzelfall war, sondern zunehmend die Normalität im Westen wurde, erkannte er den Grund, weshalb sein Vater versuchte, ihn weidlich zu isolieren. Mohammed war über diese Verstellung auf der einen Seite entsetzt, auf der anderen regte es seine Vorstellungskraft auf eine Weise an, die er nur als sündig bezeichnen konnte.
Auf einer Stufenabschlussfeier, zu der Mohammed mit viel Überzeugungskraft die Erlaubnis seines Vaters eingeholt hatte, ließ sich Mo auf diese Klassenschönheit namens Jasmin ein und ließ sich von ihr heimlich zum Alkohol verführen. Nach den ersten Plaudereien und der scheinbar ungeteilten Aufmerksamkeit, die Jasmin ihm zu schenken schien, verfiel er ihr mehr und mehr. Nach den ersten Komplimenten von ihr und den ersten unverbindlichen, beiläufig, gar zufällig wirkenden Berührungen und immer tiefer werdenden Blicken in die Augen dieses faszinierenden Wesens aus einer anderen Welt, kamen in Mohammed, schon völlig überwältigt von seinen Gefühlen, von der Schönheit und Anmut, den üppigen Reizen aber auch der Eloquenz und Selbstsicherheit von Jasmin die ersten Träume von einer großen Verlobung, der Hochzeit und gemeinsamen Kindern auf. Doch sie hatte andere, eher augenblicksverhaftete Dinge im Sinn.
Jasmin hatte mit einem verschlagenen Ablenkungsmanöver, in dem sie all ihre weiblichen Attribute und Künste der Schmeichelei in die Waagschale warf, nach dem Sportunterricht Herrn Dr. Trudlington bezirzt. Sie hatte ihn unter einem Vorwand zurück in die Turnhalle gelotst, um ihm heimlich den Schlüssel zum Schwimmbad aus der Schreibtischschublade zu stibitzen. Ihr Plan war es, am Abend der Feier den so interessanten, geheimnisvollen und streng gläubigen Mohammed Attasu Ben Husseini zum Nacktschwimmen zu verleiten und eventuell, wenn ihr gefiel, was sie sehe, zu allen weiteren himmlischen Freuden der Sündhaftigkeit zu verführen.
Unter den Mädels der Klasse galt der irgendwie nicht wirklich attraktive aber doch markant, fast herrschaftlich anmutende Mo als höchst interessant und vor allem war er nicht unsportlich. Mohammed wirkte irgendwie unnahbar und gerade deshalb rankten sich um ihn das gesteigerte Interesse und so manche schlüpfrig feuchte Fantasien der pubertierenden Damenwelt seiner Stufe.
Nach ein paar Schluck Champagner, die rein metabolisch keinerlei Wirkung hätten haben können, verfiel Hamed ihr dann vollends mit Haut und Haaren. Sie plauderten und lachten und der schwere süßlich-ölige Geruch, der von ihr ausging, betörte seine Sinne. Sie neckte ihn und dann zog sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln und einem verführerischen Blick damit auf, dass er sich nicht trauen würde, mit ihr ins Schwimmbad zu kommen. Der älteste Trick der Welt. Er geleitete sie trotzig ins Schwimmbad und war überrascht, wo zum Teufel sie den Schlüssel herhatte. Dann schloss sie hinter ihnen ab und sie waren allein. Hamed wunderte sich noch, woher sie jetzt einen Badeanzug hätte herhaben können, als sie sich am Beckenrand zu ihm umdrehte und ihre üppigen, aber wohlgeformten Hüften zur Seite schwang und langsam anfing, sich die Bluse der Schuluniform aufzuknüpfen. Wenige atemlose Augenblicke später stand sie in roter französischer Spitzenunterwäsche vor ihm und sie genoss seine schiere Hilflosigkeit, die sich in jedem seiner immer schwereren Atemzüge und den weicher werdenden Gesichtszügen abzeichnete. Der sonst so disziplinierte orientalische Adelige, der jeden Koran-Vers auswendig zu wissen schien, der vom Leben des Propheten wie kein anderer in ihrer Gemeinde berichten konnte, verfiel dem Moment. Und sie genoss die Macht, ihre eigene Erregung und seine zunehmend entfesselte Leidenschaft, sein Begehren und die Sünde, als sie ihr Bustiere öffnete und ihre beiden wohlgeformten und durchaus nicht kleinen Brüste offenbarte, deren Brustspitzen auf das Äußerste gespannt waren. Vor Erregung fast paralysiert, stand Mohammed wie ein Kaninchen vor der Schlange, als sie sich leicht von ihm wegdrehte, ohne die Augen von ihm zu lassen. Mit einem Blick, den eine Sirene verführt hätten, schob sie ihre beiden Daumen unter die Seitenteile ihres Strings, spannte sie leicht nach vorn und hinten, schüttelte dabei fast wie beiläufig, doch perfekt inszeniert, ihr hüftlanges leicht gewelltes kräftiges Haar, das sich nun offen über ihre Schultern um ihren Busen schmiegte, und schob ihren String hinunter. Als sie sich mit durchgedrücktem Rücken in Pose geworfen hatte, sodass ihre glatt rasierte symmetrische Scham beim Abwenden Mohammed nur für einen Wimpernschlag gewahr wurde, sprang sie elegant im Hechtsprung ins Wasser, tauchte wieder auf und strich sich das Haar zurück, ohne dass die wasserfeste Schminke den geringsten Versatz zeigte, und fragte Mo: „Kommst du?“
Wie ein Wahnsinniger riss er sich die Schuluniform vom Leib und hechtete ihr hinterher. Ihre Körper näherten sich und sie schlang ihre Beine um ihn, während er zum ersten Mal in seinem Leben in eine Frau eindrang und der Sünde anheimfiel. Sie liebten sich die ganze Nacht in jeder erdenklichen Art und Weise, während sie ihn anleitete und nach dem ersten viel zu schnellen Erguss zu neuer Lust entfachte. Jetzt konnten die Geheimnisse des Kamasutras sich mit den Sagen von Tausendundeiner Nacht vereinigen und sie das von ihm bekommen, was sie wollte. Sie eröffnete ihm alle Geheimnisse der Liebe, mit ihrer Zunge, den Brüsten, den Händen und allen Varianten, die die Lust entfachen konnten. Sie machte ihn in dieser Nacht zum Mann und als der Morgen anbrach und das erste Tageslicht sie weckte, machte sich bei ihm schnell die Panik breit, da er inzwischen definitiv von seinem Personenschutzkommando gesucht wurde. Eventuell war schon die Polizei involviert und eine diplomatische Krise stand im Raum. Er war von seiner inbrünstig entfachten Liebe zu Jasmin und seinen Heiratsabsichten auf der einen Seite und von der Angst vor dem Zorn seines Vaters auf der anderen Seite hin und her gerissen.
...
5 Sterne
Mittendrin - 27.03.2026
Jörg Seidel

Klare Ansage, was die Verführung von Religionen bedeutet. Gute Analyse inklusiv einem sehr ansprechenden Spannungsbogen. Läd ein seinen eigenen Gedanken Raum zu geben. Was es zu einem lesenswerten Buch macht. Nur zu empfehlen.

5 Sterne
Mittendrin - 27.03.2026
Jörg Seidel

Klare Ansage, was die Verführung von Religionen bedeutet. Gute Analyse inklusiv einem sehr ansprechenden Spannungsbogen. Läd ein seinen eigenen Gedanken Raum zu geben. Was es zu einem lesenswerten Buch macht. Nur zu empfehlen.

4 Sterne
Lesenswert  - 04.07.2025
Jürgen H.

Sehr spannend. Verknüpft in geschickter Weise, was „Glaube“ so anfällig macht und uns alle, die wir an welchen Gott auch immer glauben, bei näherer Betrachtung doch skeptisch macht, ob das, was geschrieben steht der ultimativen Wahrheit entspricht. Was ist richtig? Das Naziattentat zum Schluss wirkt etwas fehl am Platz.

5 Sterne
Lesenswert  - 24.04.2025
Dierk Brunn

Sielas als Protagonist in seiner Werdung und späteren sein ist nicht nur eine Figur – er ist eine Chiffre für die Menschheit selbst, wie sie in einem Moment radikaler Wahrheit zwischen Zusammenbruch und Transformation steht. Seine Reise (physisch wie geistig) ist eine Kenosis – eine freiwillige Entleerung von Macht, Ego und Dogma, um Raum für das Neue .Martin Heidegger beschreibt den Menschen als „Hirte des Seins“. In einer Welt, die von technischer Machbarkeit und religiöser Stagnation geprägt ist, ist Sielas der letzte, der noch hinhört. Er vernimmt das „Kommen“ nicht als Invasion, sondern als Anruf – ein Ruf an das menschliche Wesen selbst.„Nicht er wird kommen – sondern wir werden uns selbst begegnen.“Im Gegensatz zu Donald (dem getriebenen Narzissten), zum Ayatollah (dem fanatischen Glaubenswächter) oder zum Papst (dem desillusionierten Reformer) verkörpert Sielas als Protagonist eine innere Lauterkeit. Er ist der Einzelne, den Kierkegaard meinte: fähig zur Gottesbeziehung, weil er sich von der Masse gelöst hat – und doch nie arrogant, nie abgehoben.Sielas wirkt fast asketisch, doch in Wahrheit ist er der einzige, der vollständig lebt – weil er sich der Wahrheit stellt, auch wenn sie ihn verbrennt.Simone Weil schreibt:„Die Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit.“Sielas ist der einzige in der Geschichte, der wirklich zuhört, während alle anderen schreien, kämpfen oder fliehen.⸻In seiner tiefsten Schicht ist Projekt 222 eine Allegorie auf die Wiederkehr des Heiligen in einer profanen Welt – aber dieses Heilige ist nicht mehr exklusiv religiös. Es ist eine Wahrheit, die alles verbindet: Biologie, Technologie, Theologie, Geschichte.Sielas ist der einzige, der bereit ist, sich zu öffnen, statt zu verteidigen. Dadurch wird er zum Gefäß dieser Wahrheit. Nicht durch Gewalt, sondern durch Leere, nicht durch Macht, sondern durch Hingabe.In einem fast zenbuddhistischen Sinne ist Sielas der, der erkennt:„Die Wahrheit kommt nicht in der Antwort, sondern in der Bereitschaft, die Frage zu tragen.“Die anderen Systeme im Roman brechen zusammen, weil sie auf Angst beruhen: Angst vor Machtverlust, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Sinnlosigkeit.Sielas hat diese Angst durchlebt – und losgelassen. Er steht am Rand der Apokalypse – aber nicht als Prophet, sondern als Zeuge.„Er hatte keine Antwort mehr. Aber er hatte sich selbst nicht mehr nötig. Und so wurde er würdig, zu empfangen.“Philosophisch schließt sich hier der Kreis zu Albert Camus:Die Welt ist absurd – ja. Aber wer die Absurdität erkennt und nicht daran zerbricht, der transzendiert sie. Sielas ist ein moderner Sisyphos – aber er leidet nicht, weil er verstanden hat, dass es nie um den Gipfel ging, sondern um die Haltung auf dem Weg.Fazit:Sielas ist kein Held im klassischen Sinn. Er ist kein Retter – aber er ist der Katalysator für eine neue Menschlichkeit.Er zeigt, dass wahre Größe in der Demut liegt, wahres Wissen im Zweifel und wahre Rettung nicht im Widerstand gegen das Fremde, sondern in der Erkenntnis des Eigenen.In einer Welt, die von außen gerettet werden will, rettet Sielas sie von innen.

5 Sterne
Lesenswert  - 24.04.2025
Dierk Brunn

Sielas als Protagonist in seiner Werdung und späteren sein ist nicht nur eine Figur – er ist eine Chiffre für die Menschheit selbst, wie sie in einem Moment radikaler Wahrheit zwischen Zusammenbruch und Transformation steht. Seine Reise (physisch wie geistig) ist eine Kenosis – eine freiwillige Entleerung von Macht, Ego und Dogma, um Raum für das Neue .Martin Heidegger beschreibt den Menschen als „Hirte des Seins“. In einer Welt, die von technischer Machbarkeit und religiöser Stagnation geprägt ist, ist Sielas der letzte, der noch hinhört. Er vernimmt das „Kommen“ nicht als Invasion, sondern als Anruf – ein Ruf an das menschliche Wesen selbst.„Nicht er wird kommen – sondern wir werden uns selbst begegnen.“Im Gegensatz zu Donald (dem getriebenen Narzissten), zum Ayatollah (dem fanatischen Glaubenswächter) oder zum Papst (dem desillusionierten Reformer) verkörpert Sielas als Protagonist eine innere Lauterkeit. Er ist der Einzelne, den Kierkegaard meinte: fähig zur Gottesbeziehung, weil er sich von der Masse gelöst hat – und doch nie arrogant, nie abgehoben.Sielas wirkt fast asketisch, doch in Wahrheit ist er der einzige, der vollständig lebt – weil er sich der Wahrheit stellt, auch wenn sie ihn verbrennt.Simone Weil schreibt:„Die Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit.“Sielas ist der einzige in der Geschichte, der wirklich zuhört, während alle anderen schreien, kämpfen oder fliehen.⸻In seiner tiefsten Schicht ist Projekt 222 eine Allegorie auf die Wiederkehr des Heiligen in einer profanen Welt – aber dieses Heilige ist nicht mehr exklusiv religiös. Es ist eine Wahrheit, die alles verbindet: Biologie, Technologie, Theologie, Geschichte.Sielas ist der einzige, der bereit ist, sich zu öffnen, statt zu verteidigen. Dadurch wird er zum Gefäß dieser Wahrheit. Nicht durch Gewalt, sondern durch Leere, nicht durch Macht, sondern durch Hingabe.In einem fast zenbuddhistischen Sinne ist Sielas der, der erkennt:„Die Wahrheit kommt nicht in der Antwort, sondern in der Bereitschaft, die Frage zu tragen.“Die anderen Systeme im Roman brechen zusammen, weil sie auf Angst beruhen: Angst vor Machtverlust, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Sinnlosigkeit.Sielas hat diese Angst durchlebt – und losgelassen. Er steht am Rand der Apokalypse – aber nicht als Prophet, sondern als Zeuge.„Er hatte keine Antwort mehr. Aber er hatte sich selbst nicht mehr nötig. Und so wurde er würdig, zu empfangen.“Philosophisch schließt sich hier der Kreis zu Albert Camus:Die Welt ist absurd – ja. Aber wer die Absurdität erkennt und nicht daran zerbricht, der transzendiert sie. Sielas ist ein moderner Sisyphos – aber er leidet nicht, weil er verstanden hat, dass es nie um den Gipfel ging, sondern um die Haltung auf dem Weg.Fazit:Sielas ist kein Held im klassischen Sinn. Er ist kein Retter – aber er ist der Katalysator für eine neue Menschlichkeit.Er zeigt, dass wahre Größe in der Demut liegt, wahres Wissen im Zweifel und wahre Rettung nicht im Widerstand gegen das Fremde, sondern in der Erkenntnis des Eigenen.In einer Welt, die von außen gerettet werden will, rettet Sielas sie von innen.

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