Cover: Chroniken vom Zerfall einer strahlenden Gottheit

Chroniken vom Zerfall einer strahlenden Gottheit


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-7116-1514-5
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
Der freie Wille unterscheidet Menschen von den anderen Schöpfungen Gottes. Doch bringt der Wille der Menschheit nicht nur Gutes hervor, und so steigt der Höchste der Engel zur Erde herab, um gemeinsam mit einer zunehmend dem Wahnsinn verfallenden jungen Frau die vermeintliche Saat des Bösen zu bekämpfen.
Erster Teil: Genesis

Mi, 18.06.1986.

Der Juni hat in diesem Jahr wundervoll begonnen. Der Frühsommer hat mit einer fast schon an ein Kinderbuch anmutenden Art jeden in seinen Bann gezogen, und kühle Tage mit kurzen Regenphasen am Morgen wechseln sich mit warmen, sonnenerfüllten Zeitfenstern ab, an denen das frische, noch helle und junge, fast durchlässige Grün an den Bäumen dem Meeresblau am Himmel dieser langen Tage im Jahreslauf entgegenwächst. Die Blüteninseln der Frühlingstage weichen zunehmend den zaghaften Trieben der Fruchtknoten, die sich über den langen Sommer farbenfroh kleiden werden und mit ihren dann rasant herangewachsenen Gestalten den Herbst und die Erntezeit einläuten. Das Gras steht bereits hoch, und die wilde Gerste an den Wegrändern ist bereits in die Frucht gegangen, die sich ungleich früher als ihre kulturgebundenen Vettern auf den Getreidefeldern strohblond färben.

Es ist zwar noch nicht einmal fünf Uhr früh, aber die Sonne ist um diese Jahreszeit bereits dabei, sanft den Horizont mit einem Feuerstreifen zu küssen, bevor einmal mehr das Licht seine Dominanz über das nur kurze Dunkel der Nacht ausübt.

Aber ich finde keine Ruhe. In meinen Geist finden die einsetzenden, beruhigenden und ungemein kunstvollen Rufe der Singvögel vor meinem Stubenfenster keinen Eingang, und obwohl die Welt nun von Moment zu Moment mehr aus dem grauen Eis der Nacht aufzutauen scheint, will sich in mir, anders als an den Bäumen und Gebäuden, keine Farbe auf den Facetten meiner Gedanken abzeichnen.

Die Verwandlung der Welt vor meinen Fenstern scheint mir unwirklich, so als ob ich selber es nicht schaffen würde, gemeinsam mit der Welt über die farblosen Fluten der Unterwelt an die sicheren Gestade des Lebens hinüberzusetzen. Ich verbleibe hier, jenseits des Styx, und beobachte, wie die Welt scheinbar in der Fähre des Charon in eine andere Art von Wirklichkeit tritt, während ich hier, mit all den Schauerlichkeiten der Unterwelt, zurückgeblieben bin.

Vor mir liegt einmal mehr aufgeschlagen jenes Notizbuch, dessen Seiten, eingeschlagen in das unscheinbare Kunstleder einer billigen Massenbindung, die dem rastlos schweifenden Blick in seiner Gier nach Auffälligkeiten in aller Kürze den Eindruck der Hochwertigkeit vermitteln soll, das Klangbild jenes Widerhalls enthalten, dessen ursprüngliche Stimme mich auch heute wieder aus dem kühl-feuchten, knochenerschütternden und seichten Schlaf gerissen hat, der seit Tagen mehr an meinen Nerven zehrt als jede durchwachte Nacht in ihrer sicheren Ehrlichkeit, die ohne falsche Versprechen von Ruhe und Erholung zumindest dieses Maß an Sicherheit bietet, statt den schutzlosen, dem Schlaf anvertrauten Geist einmal mehr in seiner fragilen Gesundheit hinterrücks zu erschüttern.

Die Dunkelheit macht mir enorm zu schaffen. Ich vermeide das Licht der Deckenlampen an den Abenden, weil diese die Dunkelheit noch mehr betonen, anstatt sie zu vertreiben. Sie wirken wie Sirenen, wie Marktschreier, die von oben herab zwar ein schummriges und unwirkliches Licht in die Räume werfen, dabei aber nur nach außen in Erscheinung treten lassen, was ansonsten zumindest im Schutz der gleichartigen Dunkelheit der Nacht verborgen wäre. Ihr Licht aber taugt nicht zu viel, außer eben, die Sichtbarkeit nach außen zu erhöhen. Wie wenn man eine Dusche an eine viel zu hohe Decke hinge, die zwar alles über kurz oder lang anzufeuchten vermag, aber viel zu schwach ist, um wirklich etwas reinigen zu können.

Es ist auch nicht die Dunkelheit der Nacht, in der sich alle Wesen die gleiche Abwesenheit der Sonne in der Nacht teilen, die mir zu schaffen macht, es ist die eigentümliche Dunkelheit unserer Behausungen, die mir das Gefühl vermittelt, als wäre hier eine eigene Art von Dunkelheit, die über die äußere Abwesenheit des Sonnenlichts hinausgeht und die sich trotz des wärmsten Lichtes nie ganz vertreiben lässt. Ständig lauert sie im äußersten Sichtfeld unserer Wahrnehmung und bringt uns vermittels der seltsamsten Sinnestäuschungen dazu, dass wir sie nie ganz ausblenden können.

Ich habe seit einigen Tagen nun sogar das Gefühl, dass in dieser Art von Dunkelheit etwas Lebendiges liegt, etwas, das uns unablässig verfolgt und aus der Peripherie unserer Wahrnehmung nur auf einen geeigneten Moment wartet, um uns daran zu erinnern, dass wir uns ihr nicht entziehen können.

Ich konnte dieses Gefühl in den letzten Tagen nicht mehr abschütteln und bin nun unablässig auf der Suche nach Tätigkeiten, die aus der Charakteristik ihrer Ausübung heraus nicht die Möglichkeit bieten, das stetige, bedrohliche Lauern am Rande unseres Bewusstseins zu betonen, oder deren Intensität zumindest eine kurze Ablenkung bietet und das Gefühl für einen Moment vertreibt, bei der kleinsten Unachtsamkeit in den Abgrund der Dunkelheit zu verfallen, der aus allen dunklen Ecken und Ritzen quillt, und darin zu ersticken.


Mi, 18.06.1986.

Ich habe Angst, und ich weiß nicht, wovor. Ich habe den ganzen Tag über die Übelkeit erregende Furcht der letzten Nacht mit mir herumgetragen, die sich durch nichts hat abschütteln lassen. Ich hasse diese Tage. Die Müdigkeit ist das Wenigste, am meisten zu schaffen macht mir dabei die Unruhe, die ich aus den Nächten mitnehme, in denen ich nur schlechten oder keinen Schlaf finde. Die Konzentration auf etwas fällt mir schwer, und es war kaum zu unterscheiden, ob nun noch der kalte Nachtschweiß der Angst auf mir haftete oder ob es bereits an den immer wärmeren Temperaturen der Jahreszeit liegt. In meinem Kopf will nichts haften bleiben, das Sinn macht. Völlig sinnlose Gedankenfetzen wechseln sich mit unsinnigen Passagen aus lästigen Radioliedern, und durch den Lärm in meinem Kopf dringen kaum die Worte meiner Umwelt durch. Ich frage mich schon, ob das bereits die ersten Anzeichen sind, dass ich wahnsinnig werde. Ich vermeide es, in dem Notizbuch zu lesen, so habe ich zumindest ein wenig länger das Gefühl, dass nichts geschehen ist, an das ich mich erinnern müsste. Aber die ständigen Schrecknisse in der Nacht, in der ich eigentlich schlafen sollte, das Versagen jeglicher Entspannungsroutinen und beruhigender pflanzlicher Arzneimittel, das Hineinhängen der Schreckensnächte in die Tage, egal wie erfüllt von Sonne sie sind … ich nehme an diesen Tagen nichts Positives mehr wahr oder mit, an freien Tagen versuche ich, mich durch Aktivität dem niederdrückenden Schlafdefizit zu entziehen, in der Hoffnung, dass mein Körper sich in den Nächten dann holt, wonach er tagsüber ständig verlangt – aber der Schlaf bleibt grauenhaft. Es bleibt so nur wenig Antrieb, noch Dinge abseits von Arbeit und Schlafversuchen zu unternehmen – mein Kopf kann niemandem zuhören, viel zu laut ist es darin, und die Müdigkeit macht es schwierig, aktiv zu bleiben. Aber sobald ich zu Hause ankomme, beginnt die Dunkelheit wieder zu wabern, und mit einem Schlag ist auch die Lautstärke in meinem Kopf weg – es ist totenstill, nichts außer der Angst ist mehr da. Betont unsere Art, Räume zu beleuchten, die Dunkelheit? Ich meine, so dass die Ritzen im Boden in kleinen Schatten liegen und nur den Anschein haben, als würde die Finsternis aus ihnen herausleuchten? Warum sind Schatten tagsüber nicht bedrohlich? Tagsüber suchen wir Schatten. Weil es dort weniger heiß ist, weil die Sonne vielleicht zu grell scheint. Aber sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, verändern sich die Schatten in ihrer Qualität – jeder Schatten wird dann bedrohlich, so als ob er eine Keimzelle darstellen würde für die Finsternis, die jeden Moment aus dem kleinsten Schatten heraus die Welt verschlucken könnte.


Fr, 20.06.1986.

Ich fliege! Ich fliege durch die Welt, als wäre sie ein Raum, der sich auf meinen gedanklichen Befehl hin zusammenzieht, bis ich schneller als das Licht Zeit und Raum durchdringe. Ich habe die Materie heute verstanden, alles ist mir plötzlich offenbar geworden. Wenn ich auf die Kirschen am Baum blicke, drüben im Garten von meinem Nachbarn, kann ich durch jede der Früchte hindurchsehen, und ich sehe die Kerne darin schimmern. Niemand außer mir weiß, wie die Kerne aussehen, bevor die Frucht geöffnet wird. Das Öffnen der Früchte nämlich ist ein Vorgang, der kosmisch eine Geburt darstellt, und der Kirschkern, der damit ans Licht gelangt, ist dann wie ein neugeborenes Wesen, das ohne zu zögern das Licht der Sonne trinkt, unaufhaltsam, bis er sich mit dem Wissen der Welt gefüllt hat, und kurz vor dem Bersten muss er sich einen Ort in der Dunkelheit der Erde suchen, wo er dann in den Keim eines neuen Baumes zerplatzt. Das ist das Geheimnis hinter dem Baum der Erkenntnis, denn jeder Baum ist deshalb ein Baum der Erkenntnis! Aber das scheint niemand außer mir zu verstehen. Genauso wenig, wie irgendjemand außer mir zu hören scheint, was die Kerne in den Kirschen flüstern, bevor sie ans Licht kommen. Bei jedem Windstoß höre ich sie ganz deutlich! Zuerst hatte ich wahnsinnige Angst, weil mir gar nicht gefiel, was sie sagten, aber jetzt bin ich froh darüber. Ich muss auf der Hut vor meinen Nachbarn sein. Sie tun immer so, als wären sie so furchtbar freundlich, ein unscheinbares Paar Mitte dreißig, aber dank dem, was die Kirschkerne mir erzählt haben, weiß ich jetzt, dass ich aufpassen muss. Ich verstehe nur nicht, warum sonst niemand darauf hört. Bei jedem Windrauschen werden die Stimmen so laut, dass auch die Nachbarn es hören müssten, was ein Grund mehr ist, ihnen zu misstrauen. Bestimmt wissen sie auch schon Dinge über mich, und ich muss noch vorsichtiger sein.


So, 22.06.1986, 19:06.

Der längste Tag des Jahres liegt nunmehr hinter uns. Vor uns liegt noch die helle Zeit des Sommers mit seiner Gluthitze und den immer noch unendlich lang scheinenden Tagen voller Licht und warmen Nächten, in denen sich zwar Lichtlosigkeit bis zu einem gewissen Grad ausbreitet, aber der Lebensfreude, die mit der Wärme die Straßen und Gärten durchzieht, keinen Abbruch tut. Überall bilden sich Nester und Trauben voller Menschen, die, mit dem Licht des Tages gesättigt, in der Wärme der Abende und Nächte lachen, essen, trinken und sich bis tief in die Nacht unterhalten. Es sind keine Nächte, die in der schwärenden Dunkelheit der dunklen Zeit mit Stille und Einsamkeit die Finsternis betonen, die sich in ihnen ausbreitet.

Die Nächte fühlen sich für mich ruhig an. Auch spät in der Nacht verspüre ich nichts von der Angst, die sich am Zenit der Tageshelle ausbreiten kann. Die Sommernächte bieten den unheimlichen Schatten der Unterwelt keine Zuflucht, in ihren kühlen Schatten kann sich nichts verstecken. Mir läuft noch ein Schauer den Rücken hinunter, wenn ich demgegenüber an das denke, was ich über Mittag in den Bäumen gesehen habe. Im blendend grellen Licht der Mittagssonne verstecken sich jetzt wohl alle Dinge, die nicht gesehen werden wollen. Vor unseren Augen! Diese Vorgehensweise ist so genial einfach, dass es mir ein weiteres Mal die Nackenhaare aufstellt.

Ich bin in den letzten kurzen Nächten einfach aufgeblieben und habe den Stimmen der Nachbarn zugehört, die man im Freien überall bis spät in die Nacht hören konnte. Sie haben keine Ahnung vom Dämon in den Bäumen. Es war angenehm, einmal ohne den Druck, unbedingt schlafen zu müssen, die Nacht zu verbringen.


Mi, 25.06.1986.

Ich sehe die Welt, wie sie zerfällt. Ich sehe, wie alles untergeht, wie alles zerbricht und in Flammen aufgeht. Ich sehe, wie die Himmel schreien und weinen, ich sehe die Sonne und den Mond voll mit Blut. Ein giftiges, virulentes, dickes und fauliges Blut, das uns alle vergiftet, verpestet, ansteckt mit der Krankheit des Untergangs. Die Flammen lecken in feuchter Krankhaftigkeit die verwesenden Überreste der Welt auf, gierig verschlingen sie alles und werden dadurch aufgedunsen, ungesund und zerbersten fast, angefüllt bis obenhin mit dem Eiter der stinkenden Überreste.

Ich sehe das alles mit größter Deutlichkeit, und der Anblick erfüllt mich mit einer schwer zu beschreibenden Erregung. Der grässliche Untergang der Welt bietet sich mir als ein Schauspiel dar, von dem ich meinen Blick nicht abwenden kann. Mehr, mehr! Ich verschlinge den Anblick, ich empfinde jede Scheußlichkeit, die ich sehe, mit der allergrößten Freude. Ich bin wie ein Kind, das unter dem Weihnachtsbaum zu viele Geschenke vorfindet und vor lauter Aufregung erstarrt.

Ich, nur ich sehe die Welt mit Augen aus Kristall. Kristallene Becher, in denen ich den blutigen Trank der Vernichtung empfange, und gierig leere ich die Becher, immer und immer wieder. Ich kann mich nicht satt sehen daran. Elend, Leid und Untergang, gottloses Grauen ohne Ende und Erlösung. Die Ströme der Welt werden zu den elendserfüllten Gräben des großen Kriegs, und ihr Grauen fließt nun durch die Welt und füllt die Ozeane. Ich möchte in ihnen ertrinken, bis auf ihren Grund sinken, die Wässer des horrenden Klagsgesangs austrinken, bis sie mich so erfüllen, dass mich nur noch eine millimeterdünne Grenze davon trennt, eins zu sein mit dem Untergang.

Die Wälder werden zu schrecklichen Händen, die in unendlicher Fülle und Masse nach allem Lebendigen greifen und nach einem fürchterlichen Untergang geifern. Alte, vergilbte Hände, durch deren Adern das fahlgrüne Gift fließt, deren Krallen Krankheit und Siechtum in jedes Wesen streuen, während sie tiefe Furchen voller faulendem Fleisch in den Wunden hinterlassen, die sie zufügen.

Die Erde ist pulsierendes, schwärendes Totenfleisch, das an jeder Stelle tanzt und sich zusammenzieht und wabert, und statt der ehemals mächtigen Naturschauspiele der Erdbeben und Vulkane Eiter und verpesteten Husten über die Welt bringt, der voller schrecklicher, ungesunder Giftwinde alles erstickt und verdorren lässt, was er berührt.

Das ist die Welt, das ist die wahre Welt. Das ist die echte Welt, und endlich sehe ich sie! Alles war eine Lüge, dies ist die einzige Wahrheit! Meine Wahrheit, die Botschaft, die nur ich zu hören imstande bin! Ich bin der Botschafter dieser Wahrheit, der Abgesandte der echten Welt. Ich bin damit betraut worden, ihre Botschaft zu verbreiten. Ich. Ich sehe die Welt jetzt. Jetzt jetzt jetzt jetzt jetzt


Do, 26.06.1986.

Kein Schlaf. Keine Nächte, nur meine neue Heimat. Kurze Nächte, fürchterliche Tage. Die Tage vergehen so langsam. Die Nächte schnell. Schlafe ich deshalb nicht? Sind die Nächte eigentlich meine Tage? Brauche ich Tage? Ich brauche so lange am Tag für alles. Alles verschwimmt, ich habe fürchterliche Kopfschmerzen. Nicht in der Nacht. Ich muss nicht schlafen. Die Nächte waren immer so schrecklich, ich kann nicht schlafen, kann nicht schlafen, schlafe ich nicht, mag ich die kurzen Nächte, aber die Tage nicht. Mochte ich die Tage davor? Ich weiß nicht. Die Nacht beginnt. Viel zu kurz. So lange Tage. Warum? Wozu Tage? Warum nicht entweder oder, warum der stete Wechsel? Kann nicht gut sein für Menschen. Sind Menschen hier eigentlich fremd, schlafen deshalb? Ich bin fremd. Mir anderen, den Tagen. Alle schlafen, vielleicht nur weil sie nicht wissen, dass die Nächte viel kürzer sind, wenn sie nicht schlafen. Der Dämon in den Bäumen. Er beobachtet mich tagsüber. Weiß er, dass ich ihn sehe?


Sa, 28.06.1986.

Ich kann mich in der Welt verspüren. Ich kann mich überall spüren, außer in mir. Aber ich bin jetzt überall! So kann ich das Rätsel lösen! So kann ich ihn besiegen und alle, die mit ihm unter einer Decke stecken!

Ich habe jetzt die Lösung. Ich habe die letzten Tage lange nachdenken müssen, aber ich habe alles gesammelt. Nicht aufgeschrieben, weil ich denke, dass die Nachbarn tagsüber, wenn sie unsichtbar sind, heimlich in meine Wohnung kommen. Sie lesen meine Post, vor allem die Werbeprospekte, und dort zeichnen sie immer die Dinge an, von denen sie wissen, dass sie mich ärgern, weil ich sie nie kaufen würde! Daran habe ich erkannt, dass sie es sind, weil nur sie sehen mich, wenn ich vom Einkaufen komme. Deshalb wollen sie mich dazu bringen, dass ich andere Sachen kaufe.

Ich habe lange gebraucht, aber ich weiß jetzt warum: damit sie mich schwächen und ich einschlafe, und dann holt mich der Dämon in ihrem Baum. Ich habe auch jetzt erst erkannt, dass das gar kein Kirschbaum ist – sie wollen nur, dass ich das glaube. Es ist ein Baum, den sie heimlich gegen den Kirschbaum ausgetauscht haben, vermutlich als ich früher in der Nacht noch geschlafen habe. Aber ich habe die Täuschung durchschaut!

Dieser Baum ist früher im alten Jerusalem gestanden und hat Rose von Jericho geheißen. Dort haben sie ihn hinter der Klagemauer versteckt und ihn mit alten Batterien beworfen. Und jetzt steht er hier und der Dämon ist mit ihm gekommen, und er ist uralt! So alt wie Judäa, vielleicht noch älter! Sie setzen mich dieser unsagbaren Gefahr aus, und dann kommen sie heimlich in meine Wohnung, weil sie wollen, dass ich wieder schlafe.

Deswegen schreibe ich die wichtigsten Dinge nicht mehr auf, bis ich ganz sicher bin. Ich habe alle meine Gedanken aber gesammelt in alten unauffälligen Dosen, wo niemand sie vermutet.

Ich habe mich beraten mit meinen Mitstreitern, mit denen ich in den letzten Tagen ebenfalls Kontakt aufgenommen habe. Ich musste so vorsichtig sein, in alle Richtungen ist meine Wohnung nach außen offen: Lüftungen, Fenster, Steckdosen – man hört draußen alles, alles, was ich sage oder was die anderen sagen, und den Beweis habe ich dafür, weil immer, wenn ich an den Wohnungen von den anderen vorbeigehe, hören sie auf zu reden, sonst würde ich etwas hören, aber weil sie absichtlich still sind, wenn ich komme, weiß ich, dass man alles in Wahrheit hören kann, sonst müssten sie nicht so still sein, wenn ich vorbeigehe!!!

Dann habe ich aber verstanden – es gibt nicht nur Ausgänge aus der Wohnung hinaus, sondern auch Eingänge, durch die etwas hereinkommt, aber nicht hinauskommen kann. Meine jetzigen Verbündeten sind so klug, sie haben die Wohnungen extra so bauen lassen, damit es eine Lösung gibt für das Abhören, das heißt, sie wussten schon lang, dass ich komme!

Die Abflüsse und die Toilette. Sie sind voller Wasser, und das heißt, dass nichts nach außen kann, weil das Wasser im Weg ist. Aber mit dem Wasser können meine Verbündeten mir sichere Nachrichten zukommen lassen, ich bin so beruhigt deshalb!! Ich habe die letzten Tage neben der Toilette gewartet und alle geheimen Nachrichten aufgeschrieben. So habe ich erfahren, dass die Nachfahren von Mozart im Hintergrund unser Militär übernommen haben und mir helfen wollen.

Ich muss mich jetzt stark konzentrieren, weil ich es bald schaffen kann, dass ich mich ganz in die Welt versetzen kann. Es ist nach wie vor geheim, aber so kann ich mit meinen Gedanken die Welt um mich herum manipulieren und den Baum nach Jerusalem zurückbringen.

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