Cover: Liebe in Flammen

Liebe in Flammen
Eine deutsch-amerikanische Familiensaga – Band 1


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 644
ISBN: 978-3-7116-0166-7
Erscheinungsdatum: 16.12.2025
Von 1908 bis 1923 scheint die Welt in Europa in Ordnung zu sein. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es für die Hauptpersonen undenkbar, aber das Unheil bahnt sich schleichend seinen Weg: Die Welt gerät aus den Fugen.
1. Kapitel

Föhniger blauer Himmel lag über München. Ein warmer Wind rauschte durch die Blätter der Bäume des Englischen Gartens. Vögel zwitscherten fröhlich und voller Inbrunst. Die Sonne stand hoch am Himmel. Siegfried Kronberg spürte ihre warmen grellen Strahlen im Gesicht. Sie blendeten ihn ein wenig, sodass er die Augen zusammenkneifen musste.

Noch wusste er nicht, dass ihm der heutige Tag – es war der 8. Juli 1908 – zum Schicksal werden würde. Gedankenverloren saß er auf den Stufen des Monopteros, jenes kleinen, runden, griechischen Tempels auf einem Hügel im Süden des Englischen Gartens, und blickte über die weite, von einigen Baumgruppen unterbrochene Karl-Theodor-Wiese hinüber zu den Türmen der Stadt, welche hinter einer breiten, dichten Laubbaumschneise hervorragten. Die Sankt-Petrus-Kirche, von den Münchnern liebevoll „Alter Peter“ genannt, die Türme des Alten und des Neuen Rathauses, der Frauenkirche, der Theatinerkirche, der Salvatorkirche und der ein wenig weiter entfernten Ludwigskirche lagen als trübe Silhouetten im Dunst der warmen Sonnenstrahlen.

Siegfried liebte diesen Platz. So oft er konnte – Sommer wie Winter – suchte er ihn auf, um die Aussicht zu genießen. Er war der Sohn eines hohen Forstbeamten, der als Offizier am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 teilgenommen hatte. Siegfrieds Mutter war die Tochter eines bedeutenden Künstlers. Weil sein Vater es so wünschte, studierte er im vierten Semester Medizin – allerdings eher widerwillig. Er trug einen billigen grauen Anzug. Sein Stehkragenhemd zierte eine billige Krawatte. Auf seinem Haupt saß eine rote Studentenschirmkappe. Unter dem Einreiherjacket mit dem modisch kurzen Revers trug er eine Weste, über welche sich quer eine dünne Schärpe mit den Farben seiner Studentenverbindung zog. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen war er darauf wenig stolz.
Siegfried genoss die friedliche Umgebung, die ihm ein wenig Zerstreuung bot. Denn er hatte das Medizinstudium nur begonnen, weil er nicht wusste, welchen Weg er sonst hätte einschlagen sollen. So quälte er sich seit zwei Jahren durch jede Vorlesung. Es kostete ihn Überwindung, Blut zu sehen. In der Anatomie wurde ihm fast immer übel. Das Lernen fiel ihm schwer. Aber ein anderes Ziel hatte er nicht. Aus diesem Grunde hatte er seinem Vater auch nicht widersprochen.

Baronesse Helena von Wildenau entstammte einem alten, bayerischen Adelsgeschlecht. Sie war mit ihren 19 Jahren ein Jahr jünger als Siegfried. Gesellschaftlich gehörten beide verschiedenen Welten an. Doch auf irgendeine Weise geschah es immer, dass Welten – gerade verschiedene – sich trafen und vom Schicksal zusammengeführt wurden, um einander zu lieben und zu verstehen oder zu hassen und zu bekämpfen.

Helenas Vater, Baron Walter von Wildenau, hatte ebenfalls am Krieg gegen Frankreich von 1870/71 teilgenommen, war jedoch mit einer schweren, irreparablen Knieverletzung heimgekehrt.

Der Familienbesitz der Barone von Wildenau war ein mittelalterliches Schloss am Rande des Englischen Gartens – allerdings einige Kilometer weiter nördlich. Zu diesem Besitz gehörte noch ein kleines Gestüt, und außerdem besaßen die Wildenaus noch eine Glashütte im Tegernseer Tal.

Auch Helena ahnte nicht, dass der heutige Tag ihr Leben grundlegend verändern sollte. Sie schlenderte den Weg am Eisbach, der gleichmäßig neben ihr her floss, entlang. Dabei lauschte sie dem Rauschen des warmen Windes, dem Zwitschern der Vögel und dem Plätschern des Eisbaches, dessen fließendes Wasser in der Sonne glitzerte.***

Helena trug einen knöchellangen Rock und eine weiße, hochgeschlossene Bluse. Auf ihrem welligen, hochgesteckten Haar saß ein breiter Damenstrohhut. Helena hatte ihren kleinen Sonnenschirm aufgespannt und hielt den locker auf der Schulter liegenden Schirmstiel fest in ihrer zarten, schlanken Hand. Während sie so dahinschlenderte, sah sie viele Leute, welche sich an diesem sonnigen Tag im Englischen Garten aufhielten. Elegante Herren in hellen Sommeranzügen mit flachen, steifen, runden Kreissäge-Strohhüten oder Panama-Hüten. Ein paar Männer waren Soldaten und trugen Uniform. Manche Männer trugen Brillen, Monokel oder Kneifer auf ihren Nasen. Viele führten ihre Damen aus, welche sich bei ihnen untergehakt hatten. Sie waren wie Helena im modischen Stil der Zeit gekleidet: Lange Kleider, lange Röcke und die seit einigen Jahren in Mode gekommenen Blusen. Einige Leute saßen auf den Bänken und plauschten oder picknickten auf den Wiesen. Selbst Kinder waren anwesend. Sie wurden in Kinderwagen von ihren Müttern geschoben oder tollten fröhlich auf der Wiese umher. Kleine Buben in Matrosenanzügen, kleine Mädchen in knielangen Kleidchen und passenden Hütchen spielten unter der teils kritischen, teils wohlwollenden Aufsicht ihrer Eltern Fangen oder Ball. Ein paar Radfahrer brausten an den Fußgängern vorbei die breiten Kieswege entlang. Manche Leute warfen Helena, die ohne Herrenbegleitung unterwegs war, missbilligende Blicke zu.

Unwillkürlich richtete sich Helenas Blick auf ein Ehepaar mit einem Kinderwagen. Die junge Mutter beugte sich gerade über den Kinderwagen und versuchte, durch liebevolles Zureden ihr weinendes Kindlein zu beruhigen. Der Vater, ein Offizier in tadellos sitzender, kornblumenblauer Uniform eines Regiments der Schweren Reiter mit rot-blauer Offiziersschirmmütze, rotem Stehkragen und roten Ärmelaufschlägen, stand mit auf den Rücken verschränkten Armen dabei und blickte mit leicht schief gelegtem Kopf und glückseligem Lächeln auf seine Gattin und sein sich im Kinderwagen langsam beruhigendes Kind herab. Seine Hüfte zierte ein langer, leicht gekrümmter Säbel.

«Er lächelt», dachte Helena ein wenig ironisch, «Dann ist’s bestimmt ein Junge.» Von ihrer eigenen Kindheit geprägt, war es Helena gewöhnt – fälschlich oder zu Recht – von sich oder ihrem Vater auf andere Väter und Töchter zu schließen. Helenas Vater war ein von Kriegserlebnissen, Standesdünkeln und gesellschaftlichen Konventionen geprägter, verbitterter, unnachgiebiger, verknöcherter Despot. Und jeder wusste, dass es nur seine Behinderung war, welche ihn zu dem Menschen gemacht hatte, der er heute war. Jene Kriegsverletzung hatte seine hochtrabenden Pläne zerstört.

Helena setzte ihren Weg fort. Sie kam an einer Baumgruppe vorüber, blickte hinauf und sah, wie die Äste und Zweige sich im Wind wiegten. Um sich herum vernahm sie den wehenden, warmen Wind, welcher ihr ins Gesicht hauchte, und die Schritte der Passanten auf den Kieswegen.

Sie ging weiter und näherte sich schließlich dem Monopteros-Hügel. Hoch lag er vor ihr. Der kleine, runde, pavillonähnliche Tempel schien die ganze Umgebung zu beherrschen, wirkte auf Helena aber doch wie eine romantische Parkkulisse, umgeben von einigen Bäumen und ein paar Büschen.

Helena beschloss, zum Monopteros hinaufzugehen. Jahre war sie nicht mehr oben gewesen. Also schritt sie den von Bäumen gesäumten Weg an der Nordostseite des Monopteros-Hügels hinauf. Als sie oben war, ging sie um den Tempel herum zur Westseite, wo man einen wunderbaren Blick über die Wiesen und Bäume zu den Türmen der Stadt hatte. Sie bemerkte den jungen Studenten nicht, der auf den Stufen der runden Tempelplattform saß und gedankenverloren über das Panorama blickte. Er bemerkte sie ebenfalls nicht. Helena klappte ihren Sonnenschirm zusammen, stellte ihn mit der Spitze nach unten auf den Boden und legte die Handflächen auf den Knauf. Wie friedlich und still es an diesem Ort war. Die große Wiese, die Baumgruppen, der Eisbach, die Türme der Stadt. All dies lag ruhig und friedlich vor ihr. Selbst die Schritte der gemächlich dahin schlendernden Passanten waren nicht zu vernehmen. Hier im Englischen Garten war nichts zu spüren von der Hektik der Großstadt. Vom nahe gelegenen Chinesischen Turm drang das fröhliche Lachen der Biergartengäste und das Schmettern der Musikkapelle an Helenas Ohren. Aber auch dies klang für sie weit entfernt, als sie die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht spürte. Für einen Moment lang schloss sie die Augen.

Siegfried, der immer noch auf den Stufen saß, den einen Ellenbogen in den Oberschenkel gestemmt, den Kopf auf die Handfläche gestützt, wurde langsam gewahr, dass er nicht alleine war. Er drehte den Kopf in Helenas Richtung und warf ihr einen letzten gleichgültigen Blick zu. Als er wieder Richtung Karl-Theodor-Wiese blicken wollte, erwachte er plötzlich aus seiner Gedankenlosigkeit und sein Blick blieb abrupt an Helena haften. Wie schön und anmutig dieses Mädchen war. Was für ein schönes, edles, wohlgeformtes, intelligentes Antlitz. Die Augen des Mädchens blickten klug, doch mit einem leisen Ausdruck von Kummer und Leid in die Ferne. Unter ihrer Bluse zeichneten sich feste Brüste ab. Von edler Form und Schlankheit waren Becken und Taille.

In diesem Augenblick wandte Helena ihr Haupt in Siegfrieds Richtung, worauf dieser sofort den Blick seinerseits abwandte. Nun war sie es, die ihn anblickte. Siegfried, dem seine heimlichen Blicke selbst ein wenig peinlich waren, tat nun so, als hätte er Helena noch immer nicht bemerkt. Er zog sein Notizbuch aus der Jackettasche, drückte sich seinen Kneifer auf die Nase und täuschte nun vor, emsig in diesem Büchlein zu lesen.

Helena musterte Siegfried. In seinem markanten Gesicht lag ein leicht verträumter, nachdenklicher Ausdruck. Durch den Kneifer blickten intelligente, ausdrucksstarke Augen auf diesen offenbar faszinierenden Inhalt jenes Notizbuches. Helena hatte ihn jedoch durchschaut und lächelte.

Siegfried fühlte Helenas Blick. Es war ihm peinlich. Angestrengt starrte er auf den Inhalt seines Notizbuches.

Helena wartete vergeblich darauf, dass der junge Mann sie ansprechen würde. Als jedoch nichts dergleichen geschah, beschloss Helena, sich auf den Heimweg zu machen. Sie drehte sich auf dem Absatz um und wandte sich zum Gehen. Just im Augenblick der Drehbewegung brach der linke Absatz ab. Helena knickte mit dem linken Fuß um und fiel hin. Sofort war Siegfried zur Stelle. Er sprang auf, lief zu ihr hin, kniete nieder und versuchte, ihr auf die Beine zu helfen. „Haben Sie sich verletzt, gnädiges Fräulein?“, fragte er teilnahmsvoll. „Nein“, antwortete Helena gepresst, „Nein, ich glaub’ nicht.“ – „Warten Sie“, riet ihr Siegfried, „Ich helfe Ihnen.“ – „Danke.“

Siegfried packte Helena kurzerhand unter den Achselhöhlen und hob sie hoch. Helena legte dabei unwillkürlich ihre Hände auf Siegfrieds Oberarme und spürte die Muskeln, welche sich unter den Ärmeln seines Jacketts abzeichneten. Als sie stand, ließ Siegfried sie los. Noch etwas unsicher auf einem Bein stehend, kippte Helena nach vorne und konnte sich gerade noch mit den Händen an Siegfrieds Brust abstützen. Sie fühlte dabei seinen maskulinen Brustkorb unter Weste und Hemd. „Ist auch wirklich alles in Ordnung?“, fragte Siegfried. „Oh, ja“, antwortete Helena ein wenig zögernd. „Es ist alles in Ordnung.“

Sie löste sich sanft von ihm und begann, den Staub und den Kies von ihrem langen Rock zu klopfen.


„Darf ich Sie nach Hause bringen, gnädiges Fräulein?“, bot Siegfried an. Helena lächelte gehemmt. „Danke, nein“, erwiderte sie, „Es ist nicht weit von hier.“ – „Aber Sie können sich auf mich stützen“, schlug Siegfried vor, „denn ohne zweiten Absatz schaffen Sie es doch nicht, nach Hause zu kommen.“ – „Es wird schon irgendwie gehen.“

Rein zufällig trafen sich ihre Blicke. Siegfried und Helena blickten einander tief in die Augen. Ein paar Sekunden sahen die beiden einander nur an, ohne ein Wort zu sagen.

Es war Siegfried, der das Gespräch wieder aufnahm. „Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber darf ich mir dennoch erlauben, Sie nach Ihrem Namen zu fragen?“ – „Helena von Wildenau“, antwortete sie. „Mein Gott“, entfuhr es Siegfried unwillkürlich, „Dann sind Sie mit Baron von Wildenau verwandt? Mit Walther von Wildenau, Hauptmann a. D.?“ – „Ich bin seine Tochter“, erklärte Helena lachend, „Und wie ist Ihr Name?“ – „Kronberg … Siegfried Kronberg, Kandidat der Medizin im vierten Semester.“ Siegfried nahm die rote Schirmkappe ab, ergriff Helenas Hand und küsste ihren zarten Handrücken. Helena hatte Siegfrieds Blick bei dem Ausdruck „Kandidat der Medizin“ sehr wohl bemerkt. „Wollen wir uns setzen?“, unterbreitete sie. Siegfried bejahte. So ließen sie sich auf den Stufen der Tempelplattform nieder. Gemeinsam blickten sie träumerisch über die große Karl-Theodor-Wiese hinüber zu den Türmen der Stadt. Der warme Windhauch legte sich auf ihre Gesichter.

Von Zeit zu Zeit sprachen die beiden miteinander. Siegfried, von Natur aus ein wenig schüchtern, hatte einige Schwierigkeiten. Denn er war zwar hoch gebildet, doch vor lauter Schüchternheit so nervös, dass er bisweilen ein wenig stotterte. Zudem musste er immer wieder krampfhaft nach neuen Themen suchen. Doch er stellte beglückt fest, dass Helena sich genauso für Politik, Kultur, Literatur und Kunst interessierte, wie er es selbst tat. Überdies fand sie ihn gerade wegen seiner leichten Unbeholfenheit überaus sympathisch. Sie mochte es ohnehin nicht, wenn Männer so forsch waren.
Irgendwann brachte Helena das Gespräch auf Siegfrieds Studium, worauf Siegfried sofort vom Thema ablenkte. Helena war ein wenig verwundert. «Manch einer wäre froh, wenn er die Möglichkeit hätte, Medizin zu studieren, um kranken Menschen zu helfen», dachte sie sich, «doch Herrn Kronberg scheint dies wenig zu bedeuten.»

Dennoch gefiel er ihr. Er gefiel ihr außerordentlich, nicht nur, weil er blendend aussah, sondern weil sie genau wusste, dass sich hinter seiner Schüchternheit viel Charme, Sensibilität, Humor und vor allen Dingen Klugheit verbarg. Wenn es darauf ankam, so meinte sie, konnte er sich sicher in jeder Lebenslage behaupten.

Siegfrieds Gefühle steigerten sich seit jenem Augenblick, da er ihr aufgeholfen, ihren schlanken, tadellos gewachsenen Körper gehalten und in ihr wunderschönes Gesicht gesehen hatte. Er vermochte es nicht, seine Blicke von ihr loszureißen. Immer wieder sah er sie an, beobachtete genüsslich jede ihrer Bewegungen und Gesten, ihre natürliche Anmut. Er lauschte ihrer sanften, wohlklingenden Stimme. Ihr bezauberndes Lächeln, ihr Charme und ihre Bildung taten ihr Übriges, um seine Gefühle nach und nach in echte Zuneigung zu verwandeln.

Nach einer Weile verließen sie den Monopteros. Gemeinsam schritten sie durch den Englischen Garten. Helena bereitete der fehlende Absatz tatsächlich ein wenig Probleme. So hakte sie sich bei Siegfried ein, der sie stützte, so gut er es vermochte. Die beiden schritten den Kiesweg entlang, vorüber an unzähligen Bäumen und Baumgruppen und großen, blühenden Wiesen. Dabei lauschten sie dem Wind und den Vögeln. Wie wunderschön Helena aussah, wenn sich der Schatten der Zweige auf ihr Antlitz legte.

Schloss Wildenau war kein besonders großes Schloss, doch sehr stattlich. Es war einst eine mächtige, mittelalterliche Burganlage, an der die Geschichte nicht spurlos vorübergegangen war. Die Wildenaus zählten zu den ältesten Adelsgeschlechtern Bayerns. Ihre Abstammung ließ sich lückenlos bis in die Zeit der Karolinger zurückverfolgen. Die kleine, doch wehrhafte Burg wurde im 9. Jahrhundert – rund 200 Jahre vor dem offiziellen Gründungsdatum der Stadt München – erstmalig in den historischen Annalen erwähnt. Ihr genaues Erbauungsdatum blieb unbekannt. Burg bzw. Schloss Wildenau war flächenmäßig etwa so groß wie der Alte Hof, die allererste Residenz des bayerischen Herrschergeschlechtes derer von Wittelsbach zu München. Wildenau war ein viereckiger Bau mit einem trutzigen Turm an jeder Ecke. Dabei handelte es sich um zwei Zwiebeltürme an der Ostseite und zwei Zinnentürme an der Westseite. Zwei Schlosstrakte bewohnte die Familie, einen weiteren das Gesinde. Im letzten Trakt befand sich die ehemalige Schlosskapelle mit der Familiengruft. Die Stallungen bestanden aus einem nicht an die Schlossbauten selbst angeschlossenen, doch in unmittelbarer Nähe liegenden, hufeisenförmigen Bau, an welchen sich eine große Koppel anschloss.

Die Geschichte der Wildenaus war untrennbar mit den Herrscherhäusern verbunden, welche Bayern regierten. Sie standen als Lehnsmänner und Krieger in den Diensten der Agilolfinger, welche als Stammesherzöge von 548 bis 791 über Bayern herrschten, ehe nach der Absetzung des letzten Herzogs Tassilos III. das Land an die Karolinger fiel, wogegen sich die Wildenauer über Jahrhunderte hinweg wehrten.

Im Jahre 1070 fiel Bayern an das Geschlecht der Welfen, welche das Land bis 1180 unter sich hatten. Der letzte Welfenherzog, der seit 1156 regierende Heinrich XII., aufgrund seiner ungestümen Tapferkeit „Der Löwe“ und wegen seiner Stadtrechtserhebungsverdienste, welche er sich unter anderem um Lübeck und Lüneburg erworben hatte, auch der „Städtegründer“ genannt, wusste die Wildenauer als tapfere Heerführer zu schätzen. Sie standen ihm als Lehnsmänner treu zur Seite, als zwischen Herzog Heinrich und Bischof Otto von Freising ein Streit wegen des Salzhandels entbrannte. Der Streit zwischen Herzog und Bischof hatte folgende Ursache: Seit etwa 100 Jahren, möglicherweise auch noch länger, worüber die Chroniken jedoch schweigen, lebte an der Isar zwischen den Bauernsiedlungen eine kleine Gruppe von Mönchen, welche auf einem Hügel eine kleine Klosterkirche errichtet und dem Heiligen Petrus geweiht hatten. Von jener kleinen Kirche, um welche bald Häuser aus der Erde wuchsen, welche sich auf dem „Petersbergl“ zu einer Siedlung zusammenschlossen, nahm München seinen Anfang. Die Mönche missionierten sehr erfolgreich in den umliegenden germanischen und keltischen Siedlungen, welche im Laufe der Jahrhunderte christianisiert wurden, sich vergrößerten und nach und nach zu Stadtteilen und Vororten Münchens zusammenwuchsen. Im Jahre 1035 wurde die erste Isarbrücke urkundlich erwähnt. Hier erhoben die Mönche Zolleinnahmen von den durchreisenden Kaufleuten. Bald wurde die Mönchssiedlung zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der ganzen Region.

Um 1100 hatte ein Freisinger Erzbischof in der einst von germanischen Bajuwaren gegründeten Ortschaft Föhring einen Markt mit Münzstätte gegründet. Dieser Markt wurde zu einem harten Konkurrenten für die damals noch junge Stadt München, deren Name sich aus einer Verballhornung des Begriffes „Mönch“ ableitete. Immer mehr Salzhändler, Fuhr- und Kaufleute überquerten die Föhringer Salzbrücke über die Isar, wodurch das Bistum Freising höhere finanzielle Gewinne erzielte. Dieser Tatbestand wurde von den Herzögen seit einigen Jahrzehnten mit Argusaugen beobachtet.

Unter Heinrich XII., dem „Löwen“ und „Städtegründer“, kam es schließlich zum offenen Streit zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit. Bischof Otto von Freising kassierte immer höhere Brücken- und Durchfuhrzölle, wodurch Heinrich der Löwe mit den Unterhaltskosten für die Salzstraße, die von Salzburg über München nach Augsburg führte, in eine Wirtschaftskrise geriet.

Der Streit eskalierte im Jahre 1158. Der Herzog entsandte die Wildenauer Ritter, um die Salzstraße bei Feldkirchen zu blockieren und nach München umzuleiten. Dann – so berichtet eine uralte Familienchronik der Wildenaus – befahl er einem der Barone von Wildenau, mit einem Heer nach Föhring zu ziehen. Der Baron lagerte unweit der Stadt und harrte der Dunkelheit, ehe er den Befehl zum Angriff gab und sowohl Stadt als auch Brücke zerstörte.


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