Cover: Liebe in Flammen

Liebe in Flammen
Eine deutsch-amerikanische Familiensaga – Band 2


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 600
ISBN: 978-3-7116-0168-1
Erscheinungsdatum: 16.12.2025
Mit dem Attentat von Sarajewo beginnt eine der größten Katastrophen der Menschheit!Während sich die Machthaber europäischen Länder immer weiter in das Verderben hineinlizitieren, gerät auch das Privatleben unserer Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen.
1. Kapitel

Siegfried Kronberg und Reuven Cohn hatten ihre Lehrzeit in der Verlagsbuchhandlung Fürst & Cohn im Mai mit einer Abschlussprüfung erfolgreich beendet und waren offiziell als frischgebackene Buchhändler in den Betrieb übernommen worden. Doch ausüben konnten die beiden ihren soeben erlernten Beruf noch nicht. Im Frühjahr eines jeden Jahres fanden im gesamten Reichsgebiet die Musterungen statt. Zwischen Februar und Mai erhielten junge Männer, welche das 20. Lebensjahr vollendet hatten, den Befehl, sich bei ihren zuständigen Ersatzkommissionen ihres Wohnortes zu melden, um sich einer medizinischen Untersuchung bezüglich ihrer Wehrdiensttauglichkeit zu unterziehen. Waren sie körperlich oder gar geistig untauglich, wurden sie nach Hause geschickt. Wer eine Berufsausbildung absolvierte, wurde gegen entsprechenden Nachweis vom Wehrdienst zurückgestellt. Wer ausgelernt oder ausstudiert hatte oder arbeitslos war, hatte den Streitkräften als Wehrpflichtiger zur Verfügung zu stehen. Der Einstellungstermin erfolgte in der Regel zu jedem Quartalsbeginn. Reuven und Siegfried hatten von einer Münchner Ersatzbehörde während ihrer Lehrzeit den Musterungsbescheid erhalten und sich gemeinsam mit unzähligen anderen jungen Männern der medizinischen Untersuchung in der Behörde unterzogen. Die Musterungskommission bestand aus einem hohen Armeeoffizier und zwei zivilen Verwaltungsbeamten. Der eine war ein dicker Stadtrat, den Siegfried und Reuven aus den Zeitungen kannten. Der zweite war ein Polizeidirektor, der am Kgl. Polizeipräsidium stationiert war. Der Armeeoffizier war General der Kavallerie Ritter von Xylander, Oberbefehlshaber des III. Kgl. Bayr. Armeekorps und Kommandant von München. Unter den wachsamen, kritischen Blicken dieser Männer mussten sich die designierten Rekruten von Kopf bis Fuß von verschiedenen Ärzten untersuchen und testen lassen. Obwohl die meisten jungen Männer diesen Tag als den schönsten in ihrem Leben empfanden, war es ihnen doch peinlich, sich für die Untersuchung nackt ausziehen zu müssen.

Reuven und Siegfried wurden für diensttauglich befunden, ließen sich jedoch gegen Nachweis in Form der Vorlage entsprechender Dokumente bis zum Ende der Ausbildung zurückstellen.

Doch im Sommer des Jahres 1911 erhielten die beiden jungen Männer ihre Einberufungsbefehle. Siegfried erhielt die Order, sich zu einem vorgegebenen Zeitpunkt, dessen Datum und Uhrzeit genau angegeben waren, beim 1. Kgl. Bayr. Infanterieleibregiment zu melden und sich zum Dienstantritt zu stellen. Reuven wurde zu einer Pioniereinheit berufen.

Für Wehrpflichtige, welche bei Infanterie- und Traineinheiten dienten, dauerte die Dienstzeit zwei Jahre. Kavalleristen, Artilleristen und Matrosen dienten drei Jahre. Bei Männern, welche Heilberufe ausübten, fiel die Dienstzeit unterschiedlich aus.

Ein Wehrpflichtiger mit höherem Bildungsgrad, der bereit und in der Lage war, die Kosten für Kleidung, Verpflegung und Unterkunft selbst zu tragen, konnte Ansprüche auf Wehrpflichtverkürzung geltend machen und seine Dienstzeit auf ein Jahr heruntersetzen. Wehrpflichtige, welche von diesem Recht Gebrauch machen konnten und wollten, erhielten somit den Status eines sogenannten Einjährig-Freiwilligen. Reuven und Siegfried konnten mit finanzieller Hilfe ihrer Familien dieses Recht in Anspruch nehmen und hatten auf diese Weise nur 12 Monate Dienst an der Waffe zu leisten, worüber beide sehr erleichtert waren. Ein wichtiges Ziel hatten sich jedoch beide gesetzt in den Einheiten, in welchen sie nun dienen sollten: das Reserveoffizierspatent. Nicht jeder Soldat besaß dafür die psychischen, physischen und sozialen Voraussetzungen – doch jeder Soldat, der als Einjährig-Freiwilliger diente, hatte sich den entsprechenden Eignungsprüfungen zu unterziehen. Aus diesem Grunde kamen auch Siegfried und Reuven nicht um die Prüfung herum, selbst wenn sie dies gewollt hätten. Reuven Cohn hatte den Antrag auf einjährig-freiwillige Dienstzeit nicht nur gestellt, um die lange Zeit zu verkürzen und Reserveoffizier zu werden. Er verfügte somit auch über die Möglichkeit, von der allgemeinen Truppenverpflegung fernzubleiben und sich außerhalb der Kaserne koscher zu verköstigen. Ein vom Kgl. Bayr. Kriegsministerium im Jahre 1885 erlassenes Gesetz gestattete jüdischen Rekruten, Ansprüche dieser Art geltend zu machen. Dies bezog sich auch auf jüdische Fest- und Feiertage. Obgleich sich die bayrische Militärverwaltung gegenüber jüdischen Soldaten überraschend tolerant zeigte und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Emanzipation auch im deutschen Armeewesen nach und nach durchgesetzt hatte, gelang nur wenigen Juden der Aufstieg in den aktiven Dienst. Trotz gesetzlicher Gleichberechtigung wurden jüdische Offiziersanwärter in der bayrischen Armee bei Prüfungen und Untersuchungen strenger beurteilt als ihre christlichen Kameraden. Das Offizierskorps betrachtete die jüdischen Kameraden noch immer als „fremdartig“ und fand immer wieder Gründe, sie durch die Prüfungen fallen zu lassen. Auch der Übertritt vom Judentum in eine der großen christlichen Kirchen änderte nichts an den latenten Ressentiments gegen Juden, seit im 19. Jahrhundert der Judenhass nicht mehr ausschließlich mit religionsideologischen Argumenten, sondern auch zunehmend mit rassenideologischen Argumenten gerechtfertigt wurde.

Im Jahre 1911 betrug innerhalb der Königlich Bayrischen Armee die Anzahl der Offiziere des sogenannten Beurlaubtenstandes 3.456. Unter diesen Reserveoffizieren befanden sich lediglich 80 Juden.

Dennoch war Reuven Cohn ehrgeizig genug, diese Hürde zu nehmen. Die Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen gliederte sich in jener Zeit in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt umfasste drei Monate Grundausbildung. Mit dem Beginn des vierten Monats erfolgte eine gesonderte theoretische und praktische Ausbildung. Diejenigen, welche für offizierstauglich befunden worden waren, hatten zum Ende der Dienstzeit eine Abschlussprüfung abzulegen und wurden als Offiziersaspiranten im Range eines Unteroffiziers der Reserve entlassen, um zu einer alljährlichen, je achtwöchigen Reserveübung erneut anzutreten mit dem Ziel, zunächst einmal Vizefeldwebel oder Vizewachtmeister zu werden. Erst nach der dritten erfolgreich absolvierten Übung konnte die Beförderung zum Reserveoffizier erfolgen.

Jene Rekruten, welche sich nicht zum Offizier eigneten, wurden zu Unteroffiziersaspiranten ausgebildet und auch nach Ende ihrer Dienstzeit als solche in die Reserve entlassen, um bei Militärübungen die Befähigung zum Unteroffizier der Reserve zu erringen. Rekruten, welche die Prüfungen zum Unteroffizier nicht bestanden, verließen die Armee als Gefreite der Reserve, hatten sich jedoch für alljährliche Feldübungen zur Verfügung zu halten.

Im preußischen Offizierskorps gab es jedoch nicht nur religiös motivierte Diskriminierungen, sondern auch Standesdünkel. Bei den Offiziersprüfungen wurden junge Männer adeliger Herkunft bevorzugt, Bürgersöhne ungeachtet rechtlicher Gleichstellung benachteiligt, einerlei, ob sie Juden oder Christen waren. Wenn ihnen die Offiziersprüfung gelang, wurden die Bürgersöhne bisweilen regelrecht abgeschoben zur Infanterie, Artillerie, zur Kaiserlichen Marine oder zur Kaiserlichen Schutztruppe in die Kolonien. Wenigen Bürgersöhnen, Christen wie Juden, gelang der Sprung in die Laufbahn der Kavallerie, die dem Adel vorbehalten war.

Siegfried Kronberg begann somit seine Laufbahn als Grenadier in einem bayrischen Traditionsregiment, dem 1. Kgl. Bayr. Infanterieleibregiment. Männer, welche in diesem Regiment dienten, nannte man volkstümlich „Leiber“. Bayrische Infanterie war uniformiert mit Pickelhaube, hellblauem einreihigem Rock mit rotem Kragenspiegel und roten Ärmelaufschlägen sowie hellblauen Hosen. Sie trugen fast dieselben Uniformen wie die Schweren Reiter, eine Einheit ehemaliger Kürassiere, von welchen Bayern zwei Regimenter besaß.
Seit einigen Jahren hatten die überwiegend monarchistisch regierten Bundesstaaten für ihre Armeen jedoch zu den diversen, in verschiedenen traditionellen Farben gehaltenen Uniformen Spezialuniformen eingeführt, welche wie die ursprünglichen Uniformen der jeweiligen Truppenteile der deutschen Heere geschnitten, jedoch ausschließlich für den Kampfeinsatz vorgesehen und – abgesehen von den Kragenspiegeln und Ärmelaufschlägen – aschgrau war. Für die Kopfbedeckungen wurden spezielle grau-sandfarbene Überzüge hergestellt, welche über Pickelhauben, Tschapkas und Tschakos gezogen werden sollten, wenn die Truppe in den Krieg oder zu Friedenszeiten ins Manöver zog.

Für Siegfried stand mit Beginn seiner Einjährig-Freiwilligen-Dienstzeit zunächst einmal drei Monate Grundausbildung auf dem Programm. So durchlief er drei Monate lang harte Exerzier-, Schieß- und Gefechtsübungen verschiedener Art. Ergänzt wurde die Ausbildung durch Zusatzmaßnahmen wie verschiedene Turnübungen, Fechten und, für einen angehenden Offizier von Wichtigkeit, selbst wenn er in der Infanterie dient, Reiten. Obgleich das Pferd und die Kutschen in jener Zeit nach und nach von elektrischen Straßenbahnen und Automobilen aus dem Straßenverkehr verdrängt wurden, war Reiten und Fahren für den Durchschnittsmenschen ein absolutes Muss, was unabhängige Fortbewegung betraf, auch wenn für manche soziale Schicht Pferd und Wagen ein Luxus war. Siegfried fühlte sich wohl bei der Armee, konnte er doch seinem Vaterland dienen und hatte die Gewissheit, dass ihm als Offiziersaspirant und später als Leutnant, Oberleutnant oder gar Hauptmann der Reserve jede Türe offenstand.

Pionier zu sein war ein anstrengendes Los. Rekruten, welche in einem Pionierkorps zu dienen hatten, durchliefen eine harte Ausbildung. Im Kriegsfall oblag Pionieren die Aufgabe, Brücken, Übergänge, Hindernisse zu errichten oder zu zerstören, Festungen, Städte, Dörfer oder Gelände in verteidigungs- oder belagerungsfähigen Zustand zu versetzen.
Die Grundausbildung verlief nach ähnlichen Maßstäben wie bei der Infanterie, doch wurde sie ergänzt durch dringend notwendige Zusatzausbildungen.

Als Reuven Cohn in der dunkelgrünen Uniform, bestehend aus Pickelhaube, dunkelgrünem einreihigen Rock mit grünen Ärmelaufschlägen und grünem Kragen sowie dunkelgrünen Hosen steckte, war er sehr stolz.

Doch er hätte nicht für möglich gehalten, was auf ihn zukam, als er mit unzähligen anderen Rekruten dazu ausgebildet wurde, im freien Gelände Schützen- oder Deckungsgräben und Unterstände für die Infanterie auszuheben, Deckungen für die Feldartillerie oder Feldschanzen anzulegen, Gebäude oder Waldungen verteidigungsfähig zu gestalten. In anstrengender praktischer Ausbildung erlebte er mit, wie man bei Festungen verteidigungs- und belagerungsgerechte Zustände schafft. Hierzu war das Legen von Minen, die Errichtung von Beobachtungsposten und Schanzen von ebenso tragender Bedeutung wie der äußerst aufwendige Bau von Pontonbrücken.

Neben den Herausforderungen, welche hauptsächlich in körperlicher Anstrengung bestanden, musste sich Reuven jedoch auch einem weiteren Problem stellen, das er zwar mit einigen anderen Rekruten teilte, das ihn jedoch auch belastete: Antisemitismus. Wie andere jüdische Soldaten, einerlei, welchen Rang sie bekleideten, war auch er Anfeindungen seiner Kameraden ausgesetzt. Aber genau dies war es, was ihn neben der Anstrengung, welche die militärische Ausbildung mit sich brachte, innerlich stärkte. Es spornte ihn an, mehr zu leisten als andere. Und dies sollte ihm zugutekommen.



2. Kapitel

Helena und ihr kleiner Sohn waren ständigen Demütigungen und Übergriffen seitens Helenas Mann ausgesetzt. Friedhelm Thanner hasste den kleinen Rudolf, den er nicht gezeugt hatte, aber an Sohnes statt hatte annehmen müssen, obgleich er dies gar nicht wollte. Die Tatsache, dass Friedhelm und Helena Thanner getrennte Schlafzimmer bewohnten, hinderte den gewalttätigen, nach wie vor spielsüchtigen Ehemann nicht daran, seine Frau nachts zu nehmen, wann es ihm passte, unabhängig davon, ob sie das gleiche Bedürfnis verspürte oder nicht.

Helena ließ die gelegentliche Prozedur einseitiger Triebbefriedigung angewidert über sich ergehen, zumal Friedhelm ebenso roh wie lieblos zu Werke ging, wenn er ihr zu Leibe rückte.

Helena war froh, wenn ihr Mann das Zimmer verließ. Gelegentlich kam es jedoch auch vor, dass er die ganze Nacht blieb. Es gab nichts, was Helena so abgrundtief hasste wie seine Art, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen.

Zu leiden hatte auch der kleine Rudolf unter seinem Ziehvater. Immer wieder war der mittlerweile zweijährige Junge verschiedensten Schikanen und Demütigungen ausgesetzt. Friedhelm Thanner nutzte alterstypische Ungeschicklichkeit des Kindes, um es zu beschimpfen und zu demütigen. Selbst vor ironischem Spott schreckte er nicht zurück. Züchtigungen gegenüber diesem kleinen, hilflosen Wesen enthielt er sich – zunächst. Am liebsten pflegte er das Kind in jener Zeit herabzusetzen, als es laufen lernte. So ergötzte er sich mit taktlosen ironischen Kommentaren, wenn der kleine Rudolf bei seinen anfänglichen Gehversuchen noch unsicher auf seinen Beinchen stand, sich immer wieder mit den Händchen am Boden abstützte oder gar hinfiel und dann weinte. In seiner Mutter hatte der Kleine jedoch einen Halt. Sie war die einzige Bezugsperson, die er hatte und zukünftig haben sollte. Und für Helena war der kleine Junge der einzige Halt, welchen sie hatte. Sie versuchte auszugleichen, was ihr moralischer Taugenichts von Ehemann Schritt für Schritt zerstörte. Sie war immer für ihren kleinen Rudolf da, nahm ihn in die Arme, tröstete ihn und unternahm alles, um ihm Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu geben. Ihr bedingungsloser Mutterinstinkt verlieh ihr immer wieder die Courage, ihren Mann energisch zurechtzuweisen, wenn er wieder begann, das Kind zu quälen. Weitere Erziehungspraktiken, die Thanner an seinem Stiefsohn vollzog, bestanden darin, dass er immer wieder versuchte, das Kind zum Tragen einer Pickelhaube zu zwingen. Der Kleine wollte den Helm nicht tragen, welcher ohnehin so groß war, dass er über die Nase reichte, und verschmähte ihn ebenso wie das Kriegsspielzeug, welches in jener Zeit zur Ausstattung eines jeden Kinderzimmers gehörte. Hier regte sich in dem Kind bereits eine innere Abneigung gegen den despotischen Vater, der selbst Uniform trug. Von seiner Mutter sollte Rudolf nicht nur Sensibilität, sondern nach und nach die Liebe zur Literatur, zur Kunst und zur Musik mitbekommen und sich bezüglich all dieser Dinge vervollkommnen, je älter er wurde.

Helena war ständig damit beschäftigt, ihren Sohn in Schutz zu nehmen. Sie verhinderte mehrfach, dass Friedhelm den kleinen Rudolf aus nichtigem Anlass in eine dunkle Kammer sperrte, um ihn zu bestrafen. Sie ließ es nur zu, wenn Rudolf tatsächlich etwas angestellt hatte. Ansonsten war sie ständig der Puffer zwischen Mann und Sohn – und weiterhin das Sexualobjekt für ihren Mann. Dies blieb nicht ohne Folgen. Im Frühjahr des Jahres 1911 war sie schwanger und brachte im Spätherbst einen Sohn zur Welt, der auf den Namen Gerald getauft wurde.



3. Kapitel

Die Bayern schätzten an ihrem Prinzregenten seine Leutseligkeit, seine Aufgeschlossenheit und seine Volksnähe. Er war kein unnahbarer Absolutist, kein pompöser Repräsentant. Bescheidenheit und Freundlichkeit prägten sein Wesen. Er war so selbstbewusst, dass ihm ein bescheidener Luxus ohne übertriebene Protzigkeit genügte. Wie die meisten Mitglieder des Hauses Wittelsbach war er ein Liebhaber und Förderer der Wissenschaften und der schönen Künste, vor allen Dingen des Letzteren. Da er sich gerne unter das Volk mischte, kam es vor, dass er unangemeldet in Ateliers von Malern und Bildhauern erschien. Als Kunstmäzen erfreute er sich großer Beliebtheit. Ihm verdankten viele Künstler ihren Erfolg. Etablierte Künstler suchte er auf, um ihnen Aufträge zu erteilen, für Künstler, auf welche noch Niemand aufmerksam geworden war, bedeutete es in der Regel eine Art Erlösung, wenn dieser souveräne, freundliche, alte Mann mit dem langen weißen Bart vor der Atelierwohnungstüre stand.

Wie die meisten Mitglieder des Hauses Wittelsbach war er ein Liebhaber und Förderer der Wissenschaften und der schönen Künste, vor allen Dingen des Letzteren.

Hannah von Wildenau, geborene Mainländer, war noch nicht so weit, dass sie von der Malerei leben konnte. Sie verdingte sich als Kellnerin, um die Miete für die Atelierwohnung in Schwabing bestreiten zu können, welche sie gemeinsam mit ihrem Mann Rainald bewohnte. Dieser studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Geisteswissenschaften. Das Studium bezahlte seine Mutter heimlich aus ihrem Privatvermögen, welches sie einst in die Ehe mit Walther von Wildenau, der davon nichts erfahren durfte, gebracht hatte. Hannah malte und malte. Wie die meisten Künstler, einerlei, ob sie nun Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten oder Schauspieler waren, verfügte sie nur über zwei Mittel, um ihr Ziel, Erfolg zu haben, zu erreichen: Glaube an sich selbst und Geduld auf dem Wege. Und Hannah wandte diese zwei Mittel an, obgleich es ihr nicht immer leichtfiel. Doch sie hielt an ihrem Ziel fest. Sie begann, sich nach und nach geistig in die Wunsch- und Traumvorstellung, eine erfolgreiche, geschätzte Künstlerin zu sein, hineinzusteigern. Sie untermauerte dies mit Gebeten, von welchen sie als gläubige Jüdin genügend kannte. Immer wieder, wenn sie zweifelte, flüchtete sie sich in ihren Traum und in ihre Gebete. Dieser Traum war zu einer Idee geworden, die von unerschütterlichem Selbstvertrauen getragen wurde, dieses hinwiederum von der absoluten Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung mancher, die immer wieder schwarzsahen. Mit den anderen Künstlern, welche mit ihr Tür an Tür wohnten, verstand sie sich prächtig. Hier herrschte eine gewisse Solidarität. Die Schwabinger Künstlerhäuser waren in der Regel daran erkennbar, dass sie große Dachreiter mit Atelierfenstern hatten, hinter welchen die Maler ihre Werke schufen. Eine dieser Atelierwohnungen unter dem Dach bewohnte Hannah mit ihrem Mann Rainald. Diese beiden Menschen, der adelige Student und die jüdische Malerin, verfügten über wenig finanzielle Mittel, doch verband sie ihre tiefe, innige, leidenschaftliche Liebe.

In den Schwabinger Atelierhäusern wohnten die Maler meistens unter dem Dach, während in den übrigen Etagen Schriftsteller, Bildhauer, Schauspieler, Musiker, Sänger lebten. Mit den Künstlern, welche als Nachbarn mit ihnen in dem großen, schönen Atelierhaus mit der historischen Fassade am Schwabinger Nikolaiplatz wohnten, verstanden sich Hannah und Rainald prächtig. Für Rainald war der eine oder andere Umstand gewöhnungsbedürftig. Der junge Adelige war aus einer gesicherten Welt des Wohlstandes in eine Welt allgegenwärtiger finanzieller Unsicherheit gelangt, in welcher sich das Leben jenseits mancher Konventionen abspielte. Viele Künstler waren genötigt, sich ihren Lebensunterhalt durch zusätzliche Verdienste zu bestreiten, wenn sie nicht in der Lage waren, vom Erlös ihrer Werke zu leben. So verdingten sie sich entweder mit niederen Gelegenheitsarbeiten oder übten die Berufe aus, deren Qualifikationen sie durch universitäre oder betriebliche Ausbildungen erworben hatten, um sie aufzugeben, wenn sich die Möglichkeit öffnete, von der Kunst zu leben, was glücklicherweise immer wieder geschah.

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