Cover: Das tiefe Tal der Tränen

Das tiefe Tal der Tränen


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 620
ISBN: 978-3-7116-0170-4
Erscheinungsdatum: 22.01.2025
Mit dem Tod ihrer Mutter muss Finnja lernen, sich dem Leben zu stellen. Trotz widriger Umstände versucht die junge Frau, ihrem Glauben, sich selbst und der Liebe treu zu bleiben. Was nicht immer leicht ist …
Prolog


Schottland, in der Zeit um Lammas 1379,
Castle Cunningham

Donner durchdrang das alte Gemäuer und Regen prasselte schon seit Tagen auf die Erde nieder. Die Räume schienen das wenige noch verbliebene Tageslicht zu verschlucken. Der wild tanzende Feuerschein der Fackeln warf mysteriöse Schatten hinter drei Männer, die im großen Saal auf eine Nachricht aus dem Gemach von Lady Caitlin warteten.
Eine unwirkliche Stille lag um sie herum, die von dem Grollen des Gewitters, das draußen sein Schauspiel vorführte, unterbrochen wurde. Die Anspannung in der großen Halle konnte Krieger in die Knie zwingen.
Besonders ein Mann schien an der Hoffnung festzuhalten, dass sich alles noch zum Guten wenden würde: Lord Ryan MacLachlan.
Immer wieder hörten die Männer die Unheil ankündigenden Schreie von Lady Caitlin, seiner Frau. Mit jeder Wehe wich etwas mehr von der Lebensenergie aus ihrem Körper.
Es war Caitlins zweite Geburt. Lord MacLachlan hörte noch die beruhigenden Worte der Hebamme in seinen Ohren nachklingen: Das zweite Kind koste weniger Kraft als das erste und es würde bestimmt bis zum Abend auf der Welt sein. Die Erinnerung an diese hoffnungsvollen Worte förderte jetzt bei ihm eine Verzweiflung zutage, die durch Mark und Bein ging. Sie lag schon zu lange in den Wehen. Zwei Tage und eine Nacht ohne Ruhe hatte sie bereits hinter sich. Er wusste, dass ihre Kräfte sie bald verlassen würden. Sie klang inzwischen so erschöpft.„Ich soll Euch rufen. Es sieht nicht gut aus.“ Die alte Frauenstimme der Hebamme unterbrach in gefasster Ruhe und ohne jede formelle Anrede die Stille. Tonlos blickte Lord MacLachlan in die Reihe der Männer, deren Mienen mitleidsvoll waren. Tapfer erhob er sich, wohl wissend, dass er zum Abschied gerufen wurde.
Mit starrem Blick folgte er der Hebamme die Stufen zum Gemach seiner Frau hinauf. Jede einzelne Stufe kostete Kraft. Nach Fassung ringend sammelte er sich und schob mutlos die dicke Holztür auf.Er zögerte einen Moment und betrat dann widerwillig ihr Gemach. Der Weg in eine Schlacht wäre ihm um vieles lieber gewesen.
Caitlin schrie verzweifelt, und ihr Gesicht war von Schmerz verzerrt. Die Hebamme lag zur Hälfte auf ihrem Oberbauch und übte mit jeder Wehe Druck nach unten auf das Kind aus. Es war der verzweifelter Versuch, die Geburt zu unterstützen.Pater Matthew, ein kleiner Mann in hohem Alter mit rundlicher Statur, bekleidet mit einer braunen Kutte, stand regungslos da. Auch ihm stand die Angst vor dem bösen Ausgang ins Gesicht geschrieben. Er wartete mit betrübter Miene und war vorbereitet, jederzeit eine Nottaufe durchzuführen, sobald die Hebamme ihm das Zeichen dafür geben würde. Pater Matthew war seit Jahrzehnten ein Vertrauter von Lady Caitlins Familie. Es brach ihm das Herz, Caitlin so leiden sehen zu müssen.Lord MacLachlan stand wie versteinert im Raum, verfolgte das Geschehen und versuchte, Herr über sich selbst zu bleiben.
„Pater, beeilt Euch. Sie öffnet sich!“, klang energisch die Stimme der Hebamme, die ihn von Caitlins Seite an den weit geöffneten Muttermund zurückbeorderte.
Die Befürchtung, ein totes Kind zu gebären, war nun traurige Wahrheit geworden. Die Fruchtblase öffnete sich und das besiegelte Schicksal zeigte sich in seinem Schwall von grünem, übelriechendem Fruchtwasser.Pater Matthew besprengte den Scheitel des Ungeborenen widerwillig mit geweihtem Wasser und taufte es im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, um der kleinen Seele angeblichen Frieden zu sichern. Nichts in der Heiligen Schrift wies darauf hin, dass eine Totgeburt nicht auf dem heiligen Acker begraben werden durfte. Dieser Aberglaube in dieser Überlieferung, die Angst vor Unheil, ließ das Volk dennoch daran festhalten.
Lord MacLachlan kämpfte um seine Fassung und versuchte, die Übelkeit, die in ihm aufkam, zu unterdrücken.
„Leistet ihr Beistand, Ryan“, beschwor ihn Pater Matthew barsch, „und sprecht ihr Mut zu. Ihr geht die Kraft aus.“Er selbst setzte sich zu ihr ans Bett und kühlte Caitlins Stirn mit einem nassen Tuch. Mit der nächsten Wehe kam das Kind zur Welt.Der Anblick ließ alle erschauern. Ein dunkelblau verfärbter Säugling lag regungslos zwischen ihren Beinen. Er musste mindestens seit zwei Tagen tot gewesen sein. Caitlin sackte erschöpft ins Kissen zurück. Endlich war es vollbracht.
„Ist es ein Mädchen oder ein Junge?“, erkundigte sich Caitlin erschöpft. Ihre zittrige Stimme verriet, dass die Totgeburt auch für sie nicht überraschend kam.
„Es ist ein Junge“, offenbarte die Hebamme. Bedauern klang in Pater Matthews Stimme: „Caitlin, du bist sehr tapfer gewesen.“ Wieder kühlte er ihre Stirn.
Die Nabelschnur wurde durchtrennt, das Kind grob gesäubert und in ein Leinentuch eingewickelt.„Gebt es mir!“, sagte Lady Caitlin bestimmend, aus Angst, man würde es ihr verwehren. Jeder wusste um den Ernst der Lage. Niemand wagte zu widersprechen. Niemand würde einer sterbenden Mutter den Abschied von ihrem toten Kind verwehren. Das blaue Mündel wurde ihr behutsam in den Arm gelegt und zugedeckt. Zufrieden, ihren Willen bekommen zu haben, sackte sie erschöpft zusammen. Kurz darauf war sie eingeschlafen.
Und wieder wagte es niemand, das kleine Mündel aus dem Arm der Mutter zu nehmen.
Die Hebamme nahm die Fruchtblase vom Bett und öffnete sie mit beiden Händen gegen das fahle Licht des Fensters. Sie begutachtete sie gründlich, um sicher zu sein, dass sich alles gelöst hatte.
Und wieder verriet ihre Miene nichts Gutes. Behutsam tastete sie den Bauch nach der Gebärmutter ab. Mit jedem Druck drang erneut ein kleiner Schwall Blut aus der Scheide.
„Das Schlimmste ist noch nicht überstanden“, offenbarte die Hebamme ihre Erkenntnis. Die Bitterkeit in den Worten war deutlich.
„Die Gebärmutter zieht sich nicht zusammen!“ Alle vernahmen deutlich die traurigen Worte. Die entsetzten Blicke der Umstehenden hafteten flehentlich auf ihr, als wäre ihr die Macht über Leben und Tod gegeben worden und nur ein Wort der Gnade würde das Todesurteil verwerfen.
Der Geruch des lodernden Kaminfeuers vermischte sich mit dem süßlichen Duft von Blut. Es vergingen wenige Minuten, bis Caitlin in einem blutgetränkten Laken lag. Es war ein schauriger Anblick, den sie mit dem kleinen regungslosen toten blauen Mündel im Arm bot.„Pater Matthew“, flüsterte sie ängstlich, „Pater Matthew.“
„Ich bin bei Euch, Lady Caitlin“, beruhigte er sie, nahm ihre Hand und schenkte so Hoffnung und Ruhe. Sie würde diesen letzten Weg nicht alleine beschreiten. Caitlin sammelte ihre letzten Kräfte und blickte flehentlich zu Pater Matthew. „Kümmert Euch um Finnja, versprecht es mir!“
Lord MacLachlans Blick traf Pater Matthew. Was für ein hasserfüllter Ausdruck doch in seinen Augen lag und seinen wahren Charakter zeigte.
Lady Caitlin stellte ihn durch die Bitte vor jedem Anwesenden in diesem Raume bloß. Jeder war sich im Klaren darüber, wie lästig Lord MacLachlan dieses Kind war. Doch heute wurde es ausgesprochen.
„Versprecht es mir!“, forderte Caitlin.
„Ich verspreche es“, gelobte Pater Matthew.
„Lehrt sie, alles zu halten, was Gott uns geboten hat, wie Ihr mich als Kind lehrtet!“, forderte Caitlin weiter auf ihrem Sterbebett.„Ihr habt mein Wort, Caitlin“, stimmte er beruhigend zu.
Vertraut war dieser Moment wie in ihren Kindertagen. Alles war verschwunden: Rang, Titel und sogar die Anwesenheit von Lord MacLachlan.
Wütend stampfte er aus dem Gemach, beschämt über seine Bloßstellung, ihr Kind aus erster Ehe in aller Öffentlichkeit jemand anderem anzuvertrauen.Gottes Sichtweise über Priester, die seine Schafe von ihm wegführen, anstatt zu ihm hinzuführen.


Auszug aus dem Brief des Judas



10 Ganz anders diese Leute! Über das, was sie nicht verstehen, reden sie mit abschätzigen Worten. Und das, wovon sie etwas verstehen – nämlich ihren Trieben zu folgen wie die vernunftlosen Tiere ihren Instinkten –, gerade das bringt ihnen den Untergang.

11 Weh ihnen! Sie haben den Weg eingeschlagen, den Kain gegangen ist; sie haben sich wie Bileam dafür entschieden, andere irrezuführen, weil sie sich Gewinn davon versprechen, und sie stürzen sich selbst ins Verderben, indem sie sich wie einst Korach gegen Gott auflehnen.

12 Ein Schandfleck sind diese Leute bei den gemeinsamen Mahlzeiten, zu denen ihr zusammenkommt! Denn sie feiern ohne Hemmungen mit, obwohl sie nur ihr eigenes Wohl im Auge haben, nicht das Wohl der Herde Gottes. Wolken ohne Wasser sind sie, die vom Wind vorübergetrieben werden, ohne den erhofften Regen zu bringen; Bäume, bei denen man zur Erntezeit vergeblich nach Früchten sucht, weil sie tot sind, abgestorben bis zur Wurzel.

13 Wild schäumende Meereswogen, die den Schmutz ihrer Schandtaten wie Gischt emporschleudern; aus der Bahn geratene Sterne, denen für immer und ewig ein Platz in der tiefsten Finsternis bestimmt ist.

14 Die prophetischen Worte, die Henoch, Nachkomme Adams in der siebten Generation, gesprochen hat, gelten auch diesen Leuten. „Seht“, sagte er, „der Herr ist mit seinen heiligen Engeln gekommen, einer unzählbar großen Schar,

15 Um über alle Menschen Gericht zu halten. Er ist gekommen, um alle, die ein gottloses und sündiges Leben geführt haben, für all ihr gottloses Tun zu bestrafen und für alle vermessenen Worte, mit denen sie sich in ihrer Gottlosigkeit gegen ihn gewandt haben.“

16 Ja, diese Leute beklagen sich bitter über Gott und sind mit ihrem Schicksal nie zufrieden. Sie folgen ihren Begierden, führen anmaßende Reden und schmeicheln sich bei anderen ein, weil sie sich davon einen Vorteil für sich selbst erhoffen.



Kapitel 1


Zehn Jahre später

Pater Matthews Zimmer glich einer Kräuterkammer des alten Ordens, in dem er selbst die Kräuter und die Kunst ihrer Verwendung erlernt hatte. Der Tisch war übersät mit Töpfen voll getrockneten und frischen Kräutern. Die Wände waren spärlich mit Holzregalen ausgekleidet, gefüllt mit Wurzeln, Schüsseln und Ölflaschen, angeordnet nach verschiedenen Größen und Wirkung. Frisch geschnittener Lavendel hing gebündelt an Schnüren in verschiedenen Höhen zwischen den Regalen. Ein intensiver wohlriechender Duft hüllte den kleinen Raum ein und übertönte den modrigen Geruch des alten Gemäuers. Das Lila des Lavendels war die einzige Farbe an diesem seltsamen Ort.Tief in Gedanken versunken saß Pater Matthew in seinem robusten Ledersessel vor dem Feuer und ließ die Fingerspitzen über das dunkle Leder der Armlehne kreisen.Das Alter nagte unaufhaltsam an seinem Körper, und tiefe Falten zeichneten sein Gesicht. Die Besorgtheit wich nicht von ihm, als sich leise die Tür öffnete und er Finnja erblickte. Sie war zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen, zierlich, zerbrechlich und unschuldig in ihrer Erscheinung. Ihr braunes langes Haar war ordentlich zu einem Zopf geflochten, was für die Tochter des Burgherrn üblich war. Auch die Wahl ihrer Garderobe ließ ihre Bescheidenheit sowie ihre inneren Werte erkennen.
Jeden Tag kam Finnja zu ihm in diesen kleinen Raum. Sie wollte mehr aus Pater Matthews Büchern lernen, wie man mit Pflanzen Krankheiten heilen oder zumindest Linderung erreichen könnte.Sie begrüßten sich immer auf dieselbe Art und Weise. Finnja kniete neben seinen Sessel, und Pater Matthew legte ihr die Hand auf die Wange – wie ein Vater, der stolz zu seiner Tochter sieht.
„Bleibt noch sitzen, Pater Matthew, ich werde zuerst alles vorbereiten.“Sie wusste um sein betrübtes Herz, das er seit einigen Tagen mit sich trug, und versuchte, ihm vermehrt Arbeit abzunehmen.
„Finnja“, seufzte er schwer, „wir müssen ein ernstes Gespräch führen.“ Er schaute weiter besorgt ins Feuer.Sie holte zögernd die Bücher aus dem Regal, stapelte sie in ihrem Arm und blieb beim Tisch nahe dem Kräuterregal stehen.Sie wartete darauf, dass Pater Matthew damit begann, sie aufzuklären, was ihm so schwer auf dem Herzen lag.
„Was möchtet Ihr mit mir bereden?“, fragte sie leise, um den Anfang zu machen und räumte weiter den Tisch frei, um die Bücher absetzen zu können.„Setz dich zu mir, mein Kind.“ Die Schwere in seinen Worten ließ Finnja aufhorchen. Sie setzte sich auf den kleinen Schemel, nahe dem Feuer neben ihn. Ihr wurde flau im Magen. Die bisherigen Gespräche galten ihrer Erziehung, Belehrung oder selten einer Rüge, aber nie war die Stimmung so ernst wie heute.
„Dein Stiefvater ist heute Morgen aufgebrochen, um einen Ehevertrag mit Devin MacLeods of Lewis auszuhandeln“, begann er.„Ich freue mich für Rachel, sie wird bestimmt in Hochstimmung sein, meint Ihr nicht auch? Man sagt ihm nach, er sei sehr vermögend“, sprudelte es voller Erleichterung und Freude für ihre Stiefschwester heraus.
„Sie freut sich meines Erachtens etwas zu sehr, mein Kind, ebenso wie du. Mir kam zu Ohren, dass er an dir Interesse bekundet“, klärte Pater Matthew sie auf. Finnja verstand die Tragweite nicht, die dieses Gerücht innehatte. „Mit Geld ist fast alles zu erreichen“, beendete Pater Matthew seinen Gedanken.
In diesem Augenblick verstand Finnja nichts. Sie war jünger als Rachel und hatte auch nicht MacLachlans Blut. Finnja war die Tochter von MacRae, Caitlins erstem Mann, der von einer Schlacht gegen England nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war.
Dann traf sie das Verstehen mit voller Härte. Stieftochter! Nun verstand sie die Sorge, die Pater Matthew in den letzten Tagen mit sich herumgetragen hatte.
„Nimm dich in Acht, Finnja. Es ist bis jetzt nur ein Gerücht, aber sollte Lord MacLachlan wirklich damit konfrontiert werden, weiß ich nicht, wie er reagieren wird, geschweige denn Rachel!“
Finnja wurde blass, als hätte sie einen Geist gesehen. Rachel war seit Kindheitstagen MacLeod of Lewis versprochen und erst vor fünf Monaten war er für die Unterzeichnung der Vorverträge in Cunningham gewesen. Die Verhandlungen dauerten über eine Woche und diese Zeit genossen beideausgiebig, um sich genauer kennenzulernen. Besonders Rachel nutzte die Zeit, ihn zu studieren und einzuschätzen.
„Es hatte mir den Anschein erweckt, als wäre er sehr von Rachel angetan“, erklärte Pater Matthew seinen Eindruck. Gedanken schossen Finnja durch den Kopf, die kein Ende nehmen wollten. Rachel hatte noch nie eine Rivalin in ihr gesehen, für Rachel war sie Pater Matthews Findelkind.Rachel war eine durchtriebene Person, mit viel Ehrgeiz, die ihren Platz an der Seite desjenigen innehaben wollte, der nur Aufstieg bedeuten konnte. Devin MacLeods of Lewis! Er war ein einflussreicher Mann mit vielen Ländereien und den nötigen Mitteln.„Wann erwartet man ihn zurück?“, fragte Finnja, um das Zeitfenster einschätzen zu können, bis wann sie eventuell damit konfrontiert werden würde.„Ich vermute in einer Woche, so lange war MacLeods of Lewis in Cunningham. Mir scheint es eine realistische Zeit zu sein, wenn man neue Verhandlungen in Betracht zieht. Ich hoffe nur, dass es sich nicht bewahrheiten wird, da seine Grobheit bekannt ist, und Treue ihm nicht in die Wiege gelegt wurde. Es sind, soweit ich weiß, drei Bastarde von ihm gezeugt worden, von jeweils verschiedenen Frauen. Ich bete inständig, dass Gott dir so ein Leben ersparen möge.
“Finnja nahm jedes seiner Wörter auf und begriff die aussichtslose Lage, in der sie sich befinden würde, falls es wirklich eintreffen sollte. Sie saßen eine geraume Zeit schweigend nebeneinander, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.„Es ist bis jetzt nur ein Gerücht, oder?“, wollte Finnja noch einmal bestätigt wissen.„Ja, aber ich befürchte, dass mehr Wahrheit darin liegt, als uns lieb sein wird.“Die Betrübtheit wich nicht aus Finnjas Gesicht, während sie versuchte, die Bücher zu studieren, und dabei eins nach dem anderen wieder aus der Hand legte. Ihre Gedanken verselbständigten sich. Pater Matthew beobachtete Finnja. Was für eine anmutige, junge Frau aus ihr geworden war. Er war sich bewusst, dass sie mit siebzehn Jahren ins heiratsfähige Alter gekommen war. Doch dass ihr ein ähnliches Schicksal widerfahren sollte wie ihrer Mutter, brach ihm das Herz. Zu viele Jahre musste er Caitlins Leid mitansehen. Caitlin wurde wegen ihrer Ländereien geehelicht. Dass sie überhaupt ein Kind von Lord MacLachlan erwartet hatte, war dem vielen Wein zu verdanken, der ihn an diesem einen Abend beherrschte. Alles sollte an sein Fleisch und Blut übergehen.
„Finnja, reich mir bitte die Heilige Schrift und setz dich zu mir“, bat Pater Matthew, dessen Gesichtszüge sich zu einem weichen, aber bekümmerten Lächeln formten. Sie holte das schwere ledergebundene Buch aus dem Regal und brauchte mehrere Versuche, die Schrift aufzuschlagen, bis sich der Verschluss endlich öffnete. Sie übergab das Buch Pater Matthew, doch er winkte ab.
„Das Lesen strengt mich heute zu sehr an, mein Kind, lies du bei der Stelle weiter, an der wir das letzte Mal aufgehört haben.“Finnja blätterte vorsichtig die wunderschön verzierten Seiten um, bis sie zu dieser Stelle kam. Andächtig begann sie mit dem Vorlesen aus Matthäus 23 Vers 23. „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den zehnten Teil von Kräutern wie Minze, Dill und Kümmel und lasst dabei die viel wichtigeren Forderungen des Gesetzes außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Diese Forderungen solltet ihr erfüllen und das andere nicht außer Acht lassen.“, Pater Matthew schwelgte bei dem Klang ihrer Stimme einen kurzen Moment in Erinnerungen, wie er Finnja das Lesen als Kind gelehrt hatte.„Verblendete Führer seid ihr! Mücken siebt ihr aus und Kamele verschluckt ihr.“
Der Nebel tanzte um ein schmales, langes Schiff, das auf Lewis Küste zusteuerte. Die Reling war mit einfachen Schnitzereien verziert, die zögerlich freigegeben wurden. Die Bug-Figur zeugte von vergangenen Schlachten und zeigte nur Reste von der ursprünglichen Handarbeit, die nicht mehr zu erkennen war. Der Rumpf erhob sich ebenso wie der Bug über das Schiff. Ein einzelner Mast hielt das von Witterung verfärbte, dunkle Segel, das vom Wind aufgebläht stolz seine ganze Größe preisgab. Das Schiff wirkte gruselig. Die Zeit nagte am gesamten Erscheinungsbild, auch wirkte es ungepflegt und nicht wie das eines wohlhabenden Mannes. Es zeichnete sich als Schatten im Nebel ab, der zur Anderswelt gehörte.
Die Männer wurden schon ungeduldig erwartet. MacLachlan hatte sich durch den Herbstnebel verspätet. Grob stieß das Boot gegen den Anlegesteg, und zügig wurde es mit den Tauen festgemacht. Von der anstrengenden Überfahrt gepeinigt, kletterten die Männer nacheinander aus dem Boot.Ein alter drahtiger Mann geleitete Lord MacLachlan und seinen Sohn Callum durch das Burgtor von Castle Lamont, über den großen Platz der Vorburg bis zum Eingang des großen Saals. Letztendlich zeigte er auf MacLeod, der ihnen entgegenkam.
„Seid gegrüßt, Lord MacLachlan. Ich habe Euch mit Ungeduld erwartet.“
„Seid auch Ihr gegrüßt. Verzeiht uns die Verspätung, doch das Wetter schlug um, und wir kamen nur langsam und mühselig voran.“Das tückische Wetter war ein stetiger Begleiter, und man ergab sich der Laune von Mutter Natur.„Ich sehe, Ihr seid heute nicht alleine gekommen. Braucht Ihr etwa Verstärkung?“, scherzte Lord MacLeod, um die Stimmung etwas zu heben. Ihm war bewusst, dass Lord MacLachlan an Jahren vorgerückt war und somit die nötige Erfahrung besaß, Verträge zu seinen Gunsten auszuhandeln.
„Mich begleitet mein Sohn Callum. Es ist nie früh genug, die Kinder auf ihre künftigen Aufgaben vorzubereiten.“
...

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