Das Lied vom Kreis
Band 1 der Chroniken des Steins
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-7116-1686-9
Erscheinungsdatum: 05.11.2026
Lausche dem Lied derer, die sich allein mit der Kraft des Herzens mutig dem Joch der Finsternis entgegenstellen. Begleite sie auf einer Reise voller Prüfungen, Hoffnung und Schicksal.
Vom Schrei des Kindes
„Kommt nahe heran, wenn ihr meine Worte vernehmen wollt“, flüsterte der Erzähler. „Lauscht den Stimmen der Vorfahren. Spürt die Berührung der heiligen Winde der Zeit, und wisset, dass alles, was vor uns kam, nicht verloren ist.“
Wenige betraten diesen Pfad. Über Jahrhunderte hatte er nur die müden Schritte jener Frauen gekannt, welche unter der Bürde neuen Lebens, das sie in sich trugen, mühsam voranschritten. Ihnen öffnete er sich, weil ihre Reise zu diesem heiligen Berg in den Sternen geschrieben stand.
Die heiße Sonne brannte auf Awi nieder, ihrem schmerzenden Körper eine weitere Last aufbürdend. Von Erschöpfung angefachte Angst flüsterte ihr immer wieder ein, dass sie den Geburtsfelsen nicht rechtzeitig erreichen würden. Drei Tage waren vergangen, seit sie ihr Dorf verlassen hatten, und jede Morgendämmerung verlangte ihr mehr ab, während sie immer höher zu den schneebedeckten Gipfeln aufstiegen. Ihr Ungeborenes war ein Geschenk an das Volk. Das erste Kind, welches dem Samen entsprang, der durch die Weisheit der Alten vereint worden war. In ferner, der Erinnerung lang entschwundener Vergangenheit hatten die Altvorderen den Wert darin erkannt, sicherzustellen, dass das Erstgeborene von einem jungen Mann zu zeugen sei, den die Ältesten erwählten. Als Awi ihr fünftes Lebensjahr erreicht hatte, war entschieden worden, dass Tu, der im selben Alter war, ihr Begleiter auf ihrem Weg in die Welt der Frauen sein sollte.
Familien waren aus entfernten Regionen des Landes zusammengekommen, um das Versprechen dieser Verlobung zu feiern. Viele Kinder hatten für diese Weihungen vor dem Volk Aufstellung genommen. Kleine Kinder, die ungeduldig fortstrebten, begierig, die Kochfeuer zu besuchen, Wettrennen zum Fluss zu machen, hohe Bäume zu erklettern, an Ranken zu schwingen und lachend in tiefe Becken zu tauchen. Jedoch als Omanu, der Dorfälteste, den heiligen Redestab ergriffen hatte und vorgetreten war, waren alle und alles verstummt. Selbst die Vögel hatten beobachtet, gewartet und aufgehorcht. Jedes kleine Paar hatte sich scheu bei den Händen gehalten und war zögerlich vorwärtsgetreten, um sich im Halbkreis vor Omanu aufzustellen. Dieser hatte mit starker, liebevoller Stimme verkündet: „Zwei starke Flüsse vereinigen sich in den Leben dieser Kinder. Wir schenken sie einander für die Geburt eines Kindes. Im Anschluss werden sie frei entscheiden dürfen, ob sie ihren Weg gemeinsam fortsetzen wollen, falls dies ihr Traum sein sollte, oder ob sie nach anderen Begleitern auf dem Pfad ihres Lebens Ausschau halten möchten. So ist es Tradition und spiegelt die Weisheit unserer Vorfahren.“
Dann hatte man der alten Großmutter Ula auf die Füße geholfen und ein aufgeregtes Murmeln war durch die versammelten Kinder gelaufen. Ein ruhiges Kommando hatte ihr gedämpftes Flüstern verstummen lassen, das Lächeln auf ihren Gesichtern jedoch nicht trüben können. Jedes war sich bewusst gewesen, dass nun der Moment gekommen war, ihren Stein in Empfang zu nehmen. Selbst jene, die noch zu jung waren, um das Wunder dieses Augenblickes zu erfassen, hatten seine Kraft gespürt, als die ehrwürdige Alte neben Omanu getreten war. Jedes Kind kannte dieses Lächeln, das sich über die Gesichtszüge dieser weisen Alten, der Ältesten der Mütter, gelegt hatte. Es kündete von Lachen und Geschenken, welche wie ein Schatz in Ehren gehalten werden wollten. Alle hatten sich der Worte derer erinnert, welche sie auf diesen Tag vorbereitet hatten. „Wenn Großmutter Ula aufsteht, wird sie jedem von euch einen heiligen Stein überreichen. Haltet still, denn sie sieht nur solche Kinder, die geduldig ihr Geschenk erwarten. Laute und ungeduldige Kinder bleiben für ihre alten Augen unsichtbar.“
Ein anderer Lehrer hatte über den Stein selbst berichtet: „Dies ist nicht nur irgendein Stein. Er wurde von jenen, die sein Lied hören und sein Wesen verstehen können, von einem besonderen Berg herbeigeschafft. Und er wurde so bearbeitet, dass sein Spirit in all seiner Stärke bewahrt blieb und er dich Tag für Tag anleiten wird. Lerne auf die Botschaft deines Steines zu hören.“
Die dritte Lehrerin hatte dem ein noch größeres Mysterium hinzugefügt. Sie hatte von der farbigen Schnur gesprochen, die den Stein halten würde. Mit einer Begeisterung, die ihrer tiefsten Erinnerung entsprang, hatte sie erklärt: „Wenn Großmutter euch eure Steine hinhält, werden sie in der Sonne wirbeln, und ihr werdet für einige Momente eine wunderschöne Farbe wahrnehmen. Haltet danach Ausschau, wenn sich die Schnüre drehen, und bewahrt sie für immer in eurem Geist.“ Diese Farbe war aus der Vereinigung zweier anderer geboren, den wirbelnden Schnüren entspringend. Dieses Wunder des Ursprungs entstand, wo zwei Lebenswege sich fruchtbar vereinten, um einen dritten zu erschaffen – etwas Einzigartiges, aus jenen hervorgehend und über sie hinausreichend. Tief in der Erinnerung bewahrt, würde aus dieser Farbe Verstehen erwachsen und spätere Jahre würden ihren Sinn erschließen.
Großmutter Ula hatte gewinkt, ein Pärchen möge vor sie treten. Tu hatte Awi mitgezogen, auf dass sie die Ersten wären. Sie erinnerte sich an jede Nuance und den Glanz dessen, was sie von jenem Moment an gefühlt hatte. Sie erinnerte ihren festen Griff um seine Hand, ihr Bedürfnis nach einem Anker im Strudel ihrer zunehmenden Aufregung. Noch immer sah sie die ehrwürdige Alte vor sich, wie sie mit Anmut und sanften Worten der Macht diesen Pfad geöffnet und die Steine zeremoniell dem wunderschön gewobenen Korb entnommen hatte. Sie erinnerte sich des Erschauerns der Erwartung, als die entwirrten Stränge, gewoben in Rot und Gelb, zwischen knorrigen Händen straff gespannt worden waren. Zwei Steine, von der einen Hand umschlossen, und die Enden der verwobenen Stränge in der anderen. Sie hatte wie verzaubert dagestanden, als Großmutter die Steine freigegeben hatte, damit sie sich an ihrem ausgestreckten Arm hängend drehen konnten. Awi war mit Freude erfüllt gewesen, als das wirbelnde Rot und Gelb ein verschwommenes Orange erschaffen hatten. Sie hatte beobachtet, wie sich die Steine verlangsamt und schließlich angehalten und voneinander getrennt hatten. Bestimmung und Macht lagen in diesen wirbelnden Schnüren. Ihrer Magie war sich Awi mittlerweile bewusst. Das Kind in ihrem Leib ging auf jenen Moment neuen Lichtes zurück. Dieses Aufleuchten von Orange – dieser Farbe, welche über ihrer beider Farben hinausgegangen war. Diese Prinzipien entsprangen uralten Fruchtbarkeitszyklen, welche alles, das jemals existiert hatte, durch die Vertrautheit ihrer Vereinigung getragen hatten. Begeisterung und Freude hatten am Höhepunkt ihrer Umarmung jeden einzelnen Teil ihrer selbst berührt und erweckt. Es war das Gestern, Heute, Morgen gewesen. Der zeitlose Raum der Intuition. Es war Schöpfung.
Großmutter Ula hatte dann jeweils eine Schnur in jeder Hand gehalten. Sie hatte die Steine der Sonne dargeboten, um die Geheimnisse ihrer Form zu enthüllen, welche zur Begleitung der Lebensreisen in sie eingraviert worden waren. Jeder Stein hatte die Form eines Kreises, Sonne und Mond, des verschlungenen Pfades der Weisheit ohne Beginn und ohne Ende. Jeder hatte einzigartige Markierungen, um die besonderen Fähigkeiten seines zukünftigen Trägers zu ehren. Und sie trugen fein gravierte Symbole, welche von den Mysterien hinter den Mysterien kündeten. Die Schnur lief durch eine kreisförmige Öffnung, welche durch die Mitte der Steinscheibe gebohrt war. Diese Öffnung entsprach dem Gleichgewicht, jenem Raum, in dem wir nichts und alles sind, wo wir nichts berühren und doch an alles gebunden sind. Großmutter hatte ein Lachen in ihrer Stimme gehabt, als sie sie mit ihren Steinen und miteinander in enger Gemeinschaft verbunden hatte. Während sie nun diesen Bergpfad erklomm, konnte sich Awi ihrer genauen Worte nicht mehr erinnern, aber sie konnte noch immer die Magie des Augenblicks spüren, als die Schnur über ihren Kopf geglitten und der Stein an ihrer Brust zur Ruhe gekommen war. Mit ihrer freien Hand hatte sie seine glatte Oberfläche gestreichelt und er hatte sie in seine Tiefen entführt, wo sie sein Lied vernommen hatte. Sie hatte damals einen Freund gefunden. Einen, der für immer an sie gebunden sein würde.
Dann war kühles Wasser auf den Kopf des kleinen Mädchens gespritzt und hatte sie aus diesen zeitlosen Sphären zurückgerissen. Es war über ihre Brust geflossen und hatte den Stein benetzt, um die Versprechen dieses Tages durch einen heiligen Segen zu besiegeln. Awis Weg war von da an in den Pfaden des Steins festgeschrieben gewesen, welche zurückreichten bis in die Leere und zur Geburt der Sterne und voran zum Mysterium all dessen, was ist und sein wird. Damals hatte sie von all dem nur wenig verstanden. Es hatte ausgereicht, dass der Stein für sie gesungen hatte. Das Kind hatte diesen Augenblick angenommen und dann tief vergraben, hatte sich dem Ritual entzogen, um mit den anderen Kindern zu spielen und zu tanzen.
Acht Jahre später, als ihr Körper erstmals das Blut der Fruchtbarkeit hervorgebracht hatte, hatten ihre Mutter und ihre Großmutter sie zur heiligen Höhle geführt, um sie in das Wesen der Frau einzuführen. Erst da hatte sie begonnen, den langen Weg zu begreifen, welcher sie zu diesem Moment auf diesen Berg führen sollte. Während Awi sich immer höher den steilen Pfad hinaufquälte, wand sie den Mantel der Erschöpfung immer enger um sich und entfloh in die Begeisterung und die Wunder jener Tage in dieser Höhle des Lernens. Mit sanften Worten hatten die Frauen sie auf die wundervollen Tage und Nächte vorbereitet, die sie mit ihrem Verlobten Tu erleben würde. Tu war in einem entfernten Dorf geboren worden. In seinem sechzehnten Lebensjahr war er jedoch früh in der Saison langer heißer Tage und warmer Nächte in Awis Heimat gekommen, um den Jägern zu helfen, die Aale auf ihrem Weg zum Meer zu fangen. Seit ihrer Verlobung hatten sie sich mindestens alle zwei Jahre für einen Umlauf des Mondes gesehen. Manchmal war sein Volk aus deren Bergfeste mit fein gearbeiteten Steinwerkzeugen als Geschenk in ihr Dorf gekommen. Zu anderen Zeiten hatte ihre Familie Geschenke aus Trockenfisch zum Steinvolk getragen.
Awi und Tu hatten alles gemeinsam getan, denn man hatte nicht zwischen Mädchen und Jungen unterschieden. Es hatte ihnen offengestanden, sich für jegliche Lebensweise zu entscheiden. Sowohl Frauen als auch Männer bearbeiteten den Stein, arbeiteten mit den Fischernetzen, kümmerten sich um die Babys und waren Hüter der heiligen Lehren.
Schließlich war ein Besuch anders verlaufen, denn Awi und Tu hatten nun ihren eigenen Schlafplatz zugewiesen bekommen. Sie hatten ihre Speisen mit der Familie eingenommen und die Gesellschaft aller genossen, aber sie hatten festgestellt, dass ihnen mehr und mehr an der Abgeschiedenheit ihrer eigenen Unterkunft gelegen war. Diese war zu ihrem Hafen abseits all der anderen geworden, dem sich niemand ohne Einladung nähern durfte. Selbst die Jugendlichen, die ihre freie Zeit gerne mit Awi verbracht hatten, hatten diese Abgrenzung akzeptiert.
Innerhalb dieser Wände hatten sie über so vieles gesprochen. Sie hatten Geschichten aus ihrer Kindheit ausgetauscht, ihre innere Seelenreise geteilt, gegenseitig die Türen zu ihren jeweiligen verborgenen Tiefen geöffnet. Und über diese gesamte Zeit hatten sie das Bedürfnis nach einer Nähe empfunden, welche über alles hinausging, was ihnen bis zu diesem Zeitpunkt vertraut gewesen war. Mit einem Verständnis, das weit über ihr Alter hinausreichte, waren sie sich bewusst gewesen, dass man sich diesem Schritt am ehesten sanft und mit Geduld annähern sollte. Beide waren in der Überlieferung der Fruchtbarkeitszyklen unterwiesen worden, in der Lehre liebevoller Zuwendung. Aber Wissen und Sein waren zweierlei. Sie hatten verstanden, dass Intimität Blut mit sich bringen würde, und hatten für einige Tage furchtsam die Konfrontation mit ihrem wachsenden Verlangen gemieden. Schließlich war es Awi gewesen, welche den Moment herbeigeführt hatte. Sie war sich bewusst gewesen, dass sie von Fluten mitgerissen wurden, welchen sie sich auf Dauer nicht entziehen konnten, und hatte den Weg für Tu geöffnet. Ihre freudige Begeisterung hatte sich bis weit in die Nacht erstreckt und hatte Tiefen jenseits aller Vorstellungskraft berührt. Wissen und Sein hatten Erfüllung gefunden, während sie die Wunder zweier schöner Körper erforschten, die ein gemeinsames Lied sangen. Von da an war jeder gemeinsame Moment von einem alles verzehrenden Feuer erfüllt gewesen. Tu war täglich mit Awi zu den Netzen gegangen. Gemeinsam hatten sie den Fang gesäubert und den vorbereiteten Fisch an die Trockengestelle gehängt. Und wenn die Abendmahlzeit vorüber war, waren sie fortgeschlüpft, um den Rest des Tages in ihrem Zufluchtsort, einem einfachen Unterstand, zu verbringen.
Dann, als die Zeit der langen heißen Tage begonnen hatte, sich in die Zeit der fallenden Blätter zu wandeln, war Awis Blut der Fruchtbarkeit ausgeblieben. Sie hatte sieben Tage gewartet, bevor sie ihre Begeisterung mit Tu geteilt hatte. In den nächsten fünf Tagen hatten sie von nichts anderem gesprochen. Das Wunder eines neuen Lebens hatte alles, was sie sonst taten, überlagert. Seine Musik hatte sie in der Gesellschaft anderer in geflüsterten Worten umgeben, in freudigem Lachen unter dem Wasserfall und in der Sanftheit ihrer Liebe in der Nacht. Alles hatte sich dieser lebendigen Saat in ihrem Inneren zugewandt. Ihre Leben hatten sich auf die Umarmung dieses kleinen Funkens Leben zusammengezogen, welchen sie durch ihre Liebe erschaffen hatten, diesen Winzling, welchen ihr Mutterleib beherbergte. Und ihre Leben hatten sich ausgedehnt, um an ein ganzes Universum an Unermesslichkeit und Macht zu rühren, während ihre Welt sich in fantastischer Intuition mit den Sphären der Ahnen vereinigt hatte, als sie aus einem Gefühl der Vollständigkeit heraus nach den Sternen gegriffen hatten und noch weiter gegangen waren, um die Unendlichkeit auszuloten, wo alle Ströme sich vereinen.
In der zwölften Nacht nach Ausbleiben von Awis Blut der Fruchtbarkeit hatten sie ihre Aufregung mit ihrer Familie geteilt. Ihre Mutter hatte gelächelt und bemerkt: „Diese Nachricht ist schon vor Tagen in deinem Lächeln ersichtlich gewesen. Zwei große Ströme vereinigen sich zu einem, um das Wunder des Lebens zu erwecken. Wir sind von großer Freude erfüllt. Euer Sohn reist weit, um sich zu uns zu gesellen. Mögen wir ihn auf seinem langen Weg bis zum Tage seiner Geburt unterstützen.“
Während Awi eine weitere Anhöhe erklomm, blickte sie zurück über das Land, welches sie in den vergangenen Tagen durchquert hatten, und dachte über ihre Reise nach: Viele Pfade sind in unsere Leben gewoben – mein Kind wird in dieser Nacht die Dunkelheit durchschreiten, um seinen Spirit von einer Sternschnuppe einzufangen – so geschieht es im endlosen Lauf der Welt – und dieser Spirit, welcher zurückkehrt, um in diesen Lebendigen in meinem Mutterleib einzutreten, wird den Traum der Altvorderen mit sich führen und sich all dem öffnen, was diese in ihr Lied der Zeitalter gewoben haben – sein Weg wurde in Stein gemeißelt und den Wassern und den Himmeln über uns gesungen – er entsprang dem orange verschwommenen Licht, welches aus den wirbelnden Schnüren unseres Verlobungstages aufflackerte – er wird das Mysterium und den Zauber des Großen Einen leben – er ist etwas ganz Besonderes – nur wenige werden mit der Intuition und der Weisheit geboren, die es ihnen erlauben, den Stein und den Stern in der gleichen Hand zu halten.
Awi war bewusst, dass sie nur noch langsam geschlurft war, während sich ihr Geist immer wieder der Vergangenheit zugewandt hatte. Noch einmal nahm sie, angetrieben von einer wachsenden Dringlichkeit, alle Kraft zusammen. Ein neuer Schmerz überschwemmte sie nun in einem ganz eigenen Rhythmus. Der Kleine in ihr erwachte für seinen Übergang. Jeder Schritt wurde nun zu einer Last, welche sie tiefer und tiefer in unbekannte Reiche des Schmerzes führte. Immer und immer wieder griff ihre Hand nach dem Trost ihres Gefährtensteines. Sein Lied hob ihren Spirit zu den Spitzen der Berge. Es versicherte ihr, dass sie den Mut besaß, rechtzeitig das Ende ihrer Reise zu erreichen, auf dass sich ihr Körper auf dem Geburtsfelsen öffnen könne. Starke Arme begleiteten jeden ihrer Schritte und halfen ihr den schmalen Bergpfad entlang. Felsen, die auf den Pfad gestürzt waren, wurden von jenen beiseitegeschafft, welche vorausgingen, um den Weg freizumachen. Tröstende Worte halfen ihr bei der Überwindung zum nächsten Schritt und einem jeden darüber hinaus. Jeder Einzelne ein Sieg.
Rast. Man ließ Awi auf einem niedrigen Felsblock nieder. Dann reichte man ihr kleine Stücke geräucherten Aals. Schmackhaftes Öl tropfte von ihren Fingern. Er war eine köstliche Speise und lieferte die nötige Kraft, die über ihr ansteigenden Hänge in Angriff zu nehmen. Seine aufbauende und nährende Kraft war jenen wohlbekannt, welche in den Lehren über die hohen Pfade geschult waren. Nur wenige erreichen die Gipfel in solch aufrechter Haltung und noch wenigere wissen um die Aale, welche zu solchen Höhen aufsteigen, wenn die Schneeschmelze beginnt.
Anui, die Großmutter dieses Pfades, hatte die Arme um Awi geschlungen. Deren Bedürfnis nach Ablenkung spürend, flüsterte sie mit einer anderen Frau, welche daraufhin zu einem nahen Bach hinabstieg. Nach kurzer Zeit kehrte diese zurück, eine Hand fest geschlossen. Kichernd und vor Freude tanzend rief sie: „Du zappelst so. So viel Kraft in einem kleinen Körper. Halt still, mein Schöner, und ich werde dich Awi zeigen.“ Sie legte beide Hände zusammen und formte eine Schale, um Awi einen winzigen schwarzen Aal zu enthüllen. Er ruhte im Licht, bevor er plötzlich zum Leben erwachte, sich krümmte und streckte und sich mit Leichtigkeit ihren Arm hinaufschlängelte.
„Genug!“, sprach Anui, die Awi noch immer eng an sich gedrückt hielt. „Bring den, den sie Tuna nennen, zurück in sein Gewässer, versammle alle um mich und ich werde die Geschichte der Reise dieses kleinen Aals erzählen.“
Und so begann Anui. „Dieser Kleine, den wir den Wassern zurückgegeben haben, steigt auf zum Schnee, um zu fressen. Das läuft so ab … im Frühling folgt das Baby der Tuna dem Ruf des Berges und verlässt den Fluss, um einen schmalen Bach hinaufzuschwimmen, der von den Schneefeldern herabfließt. Es zappelt und schlängelt die tropfenden Wasser hinauf, um felsige Oberflächen zu erklimmen, welche seinen Weg zu versperren drohen. Selbst wenn es kein Wasser gibt, krümmt es seinen kleinen Körper, um den Halt zu finden, der es ihm erlaubt, raue Oberflächen zu überqueren und immer höher zu gelangen. Wochen vergehen und es strebt immer noch danach, den Schnee zu erreichen. Dann kommt die Nacht, in der ein Vollmond den kleinen Tuna in den Wassern am Saum des großen Schneefeldes grüßt. Dort ruht er sich triumphierend aus, weil er aus einer tief in seiner Erinnerung verborgenen Weisheit heraus weiß, dass sein Kampf, den Gipfel zu erreichen, mit einem Festmahl belohnt werden wird. Das Wunder, Awi, liegt darin, dass der kleine Tuna zum Schnee kommt, um eine Ernte einzufahren, die ein heftiger Schneesturm im Spätherbst gesät hat. Große Schwärme von Insekten liegen hier eingefroren. Zahlreich und frei eroberten sie in den warmen Sommertagen die Lüfte, um sich am Land fett zu fressen. Als die Kälte einfiel, wie sie es immer tut, wurden solche, die sich zu lange aufgehalten hatten, vom weißen Mantel des Winters bedeckt. Baby Tuna weiß, dass dies schon immer so gewesen ist.“ Anui machte eine Pause, um festzustellen, ob Awi sich vom letzten steilen Anstieg erholt hatte, und dann fuhr sie fort, den Arm erneut um Awi legend: „Was der Winter einfriert, befreit die Sonne. Tuna wartet und die Schmelze liefert. Alles ist, wie es sein soll. Auf Leben folgt Tod, und aus dem Tod entspringt neues Leben. Dies ist der große Kreislauf des Wissens, welcher dem Land eingewoben ist. In ihm wächst Tuna zur Stärke heran und nimmt an Länge zu, bis die weiten Wasser des Flusses ihn rufen und er den Abstieg ins Tal beginnt.“
Sie setzten ihren Weg fort. Awi bewegte sich langsam, war aber durch Rast und Nahrung gestärkt. Sie dachte an Tuna und sprach zu sich selbst: Ich wandere mit der Stärke des Kleinen, der zum Schnee aufgestiegen ist – welche Höhen er erreicht – solches Verständnis in einem Wesen, das so klein ist, dass es nicht über den nächsten Felsen hinausblicken kann – solches Vertrauen in sein Wissen, das ihn immer noch höher hinaufträgt – Tuna, Freund der hohen Pfade, ich danke dir für das Geschenk, das du mir bringst.
Der Tag ging zur Neige und der Pfad senkte sich zu guter Letzt. Es war vollbracht. Der große Fluss war nun zu einem schmalen Strom zu ihren Füßen geworden. Am Ende hatten sie den Ursprung der Wasser erreicht. Der erste Schrei ihres Sohnes würde sein Echo durch dieses Tal senden, um die Berge zu grüßen, und das Blut seiner Geburt würde in diese Wasser fließen. Eine Reise war beendet und eine neue würde bald ihren Anfang nehmen.
Awi ruhte auf einer gewobenen Matte, welche über einen Teppich aus gelbverfärbtem Gras gebreitet war, und blickte auf dunstige rote Wolken, die in der sinkenden Sonne aufleuchteten. Ihre Augen schlossen sich, als sie in die nächste Welle von Schmerz eintauchte. Sie konzentrierte sich darauf, nahm ihn an, hielt seinen Höhepunkt aus und entspannte sich schließlich mit seinem Abflachen. Die Sonne überantwortete die Himmel dem aufsteigenden Mond. Der erfüllte ihre ganze Welt. Eine strahlende Kugel aus Licht. Voll. Nun wusste sie, dass der Kreis vollendet war. Ihr Sohn würde diese von magischem weißem Licht umgebenen Gestade betreten. So lautete die Prophezeiung. Dies war der Weg.
Man brachte Awi Wasser, welches sie zügig trank. Der Aufstieg und die trockene Luft hatten ihr alle Säfte entzogen. Dann massierten liebende Hände parfümiertes Öl in die Fülle ihres schönen Körpers und streichelten sanft die Muskeln ihrer Arme und Beine. Diese Frauen, die sie nun mit ihrer Berührung nährten, waren über viele Monate ihre ständigen Begleiterinnen gewesen. Sie überließ sich deren Händen. Ein warmer Federmantel legte sich über sie, um die Kälte der Nacht abzuhalten. Sie vertraute darauf, dass alles so kommen würde, wie es die Vorfahren geplant hatten.
...
„Kommt nahe heran, wenn ihr meine Worte vernehmen wollt“, flüsterte der Erzähler. „Lauscht den Stimmen der Vorfahren. Spürt die Berührung der heiligen Winde der Zeit, und wisset, dass alles, was vor uns kam, nicht verloren ist.“
Wenige betraten diesen Pfad. Über Jahrhunderte hatte er nur die müden Schritte jener Frauen gekannt, welche unter der Bürde neuen Lebens, das sie in sich trugen, mühsam voranschritten. Ihnen öffnete er sich, weil ihre Reise zu diesem heiligen Berg in den Sternen geschrieben stand.
Die heiße Sonne brannte auf Awi nieder, ihrem schmerzenden Körper eine weitere Last aufbürdend. Von Erschöpfung angefachte Angst flüsterte ihr immer wieder ein, dass sie den Geburtsfelsen nicht rechtzeitig erreichen würden. Drei Tage waren vergangen, seit sie ihr Dorf verlassen hatten, und jede Morgendämmerung verlangte ihr mehr ab, während sie immer höher zu den schneebedeckten Gipfeln aufstiegen. Ihr Ungeborenes war ein Geschenk an das Volk. Das erste Kind, welches dem Samen entsprang, der durch die Weisheit der Alten vereint worden war. In ferner, der Erinnerung lang entschwundener Vergangenheit hatten die Altvorderen den Wert darin erkannt, sicherzustellen, dass das Erstgeborene von einem jungen Mann zu zeugen sei, den die Ältesten erwählten. Als Awi ihr fünftes Lebensjahr erreicht hatte, war entschieden worden, dass Tu, der im selben Alter war, ihr Begleiter auf ihrem Weg in die Welt der Frauen sein sollte.
Familien waren aus entfernten Regionen des Landes zusammengekommen, um das Versprechen dieser Verlobung zu feiern. Viele Kinder hatten für diese Weihungen vor dem Volk Aufstellung genommen. Kleine Kinder, die ungeduldig fortstrebten, begierig, die Kochfeuer zu besuchen, Wettrennen zum Fluss zu machen, hohe Bäume zu erklettern, an Ranken zu schwingen und lachend in tiefe Becken zu tauchen. Jedoch als Omanu, der Dorfälteste, den heiligen Redestab ergriffen hatte und vorgetreten war, waren alle und alles verstummt. Selbst die Vögel hatten beobachtet, gewartet und aufgehorcht. Jedes kleine Paar hatte sich scheu bei den Händen gehalten und war zögerlich vorwärtsgetreten, um sich im Halbkreis vor Omanu aufzustellen. Dieser hatte mit starker, liebevoller Stimme verkündet: „Zwei starke Flüsse vereinigen sich in den Leben dieser Kinder. Wir schenken sie einander für die Geburt eines Kindes. Im Anschluss werden sie frei entscheiden dürfen, ob sie ihren Weg gemeinsam fortsetzen wollen, falls dies ihr Traum sein sollte, oder ob sie nach anderen Begleitern auf dem Pfad ihres Lebens Ausschau halten möchten. So ist es Tradition und spiegelt die Weisheit unserer Vorfahren.“
Dann hatte man der alten Großmutter Ula auf die Füße geholfen und ein aufgeregtes Murmeln war durch die versammelten Kinder gelaufen. Ein ruhiges Kommando hatte ihr gedämpftes Flüstern verstummen lassen, das Lächeln auf ihren Gesichtern jedoch nicht trüben können. Jedes war sich bewusst gewesen, dass nun der Moment gekommen war, ihren Stein in Empfang zu nehmen. Selbst jene, die noch zu jung waren, um das Wunder dieses Augenblickes zu erfassen, hatten seine Kraft gespürt, als die ehrwürdige Alte neben Omanu getreten war. Jedes Kind kannte dieses Lächeln, das sich über die Gesichtszüge dieser weisen Alten, der Ältesten der Mütter, gelegt hatte. Es kündete von Lachen und Geschenken, welche wie ein Schatz in Ehren gehalten werden wollten. Alle hatten sich der Worte derer erinnert, welche sie auf diesen Tag vorbereitet hatten. „Wenn Großmutter Ula aufsteht, wird sie jedem von euch einen heiligen Stein überreichen. Haltet still, denn sie sieht nur solche Kinder, die geduldig ihr Geschenk erwarten. Laute und ungeduldige Kinder bleiben für ihre alten Augen unsichtbar.“
Ein anderer Lehrer hatte über den Stein selbst berichtet: „Dies ist nicht nur irgendein Stein. Er wurde von jenen, die sein Lied hören und sein Wesen verstehen können, von einem besonderen Berg herbeigeschafft. Und er wurde so bearbeitet, dass sein Spirit in all seiner Stärke bewahrt blieb und er dich Tag für Tag anleiten wird. Lerne auf die Botschaft deines Steines zu hören.“
Die dritte Lehrerin hatte dem ein noch größeres Mysterium hinzugefügt. Sie hatte von der farbigen Schnur gesprochen, die den Stein halten würde. Mit einer Begeisterung, die ihrer tiefsten Erinnerung entsprang, hatte sie erklärt: „Wenn Großmutter euch eure Steine hinhält, werden sie in der Sonne wirbeln, und ihr werdet für einige Momente eine wunderschöne Farbe wahrnehmen. Haltet danach Ausschau, wenn sich die Schnüre drehen, und bewahrt sie für immer in eurem Geist.“ Diese Farbe war aus der Vereinigung zweier anderer geboren, den wirbelnden Schnüren entspringend. Dieses Wunder des Ursprungs entstand, wo zwei Lebenswege sich fruchtbar vereinten, um einen dritten zu erschaffen – etwas Einzigartiges, aus jenen hervorgehend und über sie hinausreichend. Tief in der Erinnerung bewahrt, würde aus dieser Farbe Verstehen erwachsen und spätere Jahre würden ihren Sinn erschließen.
Großmutter Ula hatte gewinkt, ein Pärchen möge vor sie treten. Tu hatte Awi mitgezogen, auf dass sie die Ersten wären. Sie erinnerte sich an jede Nuance und den Glanz dessen, was sie von jenem Moment an gefühlt hatte. Sie erinnerte ihren festen Griff um seine Hand, ihr Bedürfnis nach einem Anker im Strudel ihrer zunehmenden Aufregung. Noch immer sah sie die ehrwürdige Alte vor sich, wie sie mit Anmut und sanften Worten der Macht diesen Pfad geöffnet und die Steine zeremoniell dem wunderschön gewobenen Korb entnommen hatte. Sie erinnerte sich des Erschauerns der Erwartung, als die entwirrten Stränge, gewoben in Rot und Gelb, zwischen knorrigen Händen straff gespannt worden waren. Zwei Steine, von der einen Hand umschlossen, und die Enden der verwobenen Stränge in der anderen. Sie hatte wie verzaubert dagestanden, als Großmutter die Steine freigegeben hatte, damit sie sich an ihrem ausgestreckten Arm hängend drehen konnten. Awi war mit Freude erfüllt gewesen, als das wirbelnde Rot und Gelb ein verschwommenes Orange erschaffen hatten. Sie hatte beobachtet, wie sich die Steine verlangsamt und schließlich angehalten und voneinander getrennt hatten. Bestimmung und Macht lagen in diesen wirbelnden Schnüren. Ihrer Magie war sich Awi mittlerweile bewusst. Das Kind in ihrem Leib ging auf jenen Moment neuen Lichtes zurück. Dieses Aufleuchten von Orange – dieser Farbe, welche über ihrer beider Farben hinausgegangen war. Diese Prinzipien entsprangen uralten Fruchtbarkeitszyklen, welche alles, das jemals existiert hatte, durch die Vertrautheit ihrer Vereinigung getragen hatten. Begeisterung und Freude hatten am Höhepunkt ihrer Umarmung jeden einzelnen Teil ihrer selbst berührt und erweckt. Es war das Gestern, Heute, Morgen gewesen. Der zeitlose Raum der Intuition. Es war Schöpfung.
Großmutter Ula hatte dann jeweils eine Schnur in jeder Hand gehalten. Sie hatte die Steine der Sonne dargeboten, um die Geheimnisse ihrer Form zu enthüllen, welche zur Begleitung der Lebensreisen in sie eingraviert worden waren. Jeder Stein hatte die Form eines Kreises, Sonne und Mond, des verschlungenen Pfades der Weisheit ohne Beginn und ohne Ende. Jeder hatte einzigartige Markierungen, um die besonderen Fähigkeiten seines zukünftigen Trägers zu ehren. Und sie trugen fein gravierte Symbole, welche von den Mysterien hinter den Mysterien kündeten. Die Schnur lief durch eine kreisförmige Öffnung, welche durch die Mitte der Steinscheibe gebohrt war. Diese Öffnung entsprach dem Gleichgewicht, jenem Raum, in dem wir nichts und alles sind, wo wir nichts berühren und doch an alles gebunden sind. Großmutter hatte ein Lachen in ihrer Stimme gehabt, als sie sie mit ihren Steinen und miteinander in enger Gemeinschaft verbunden hatte. Während sie nun diesen Bergpfad erklomm, konnte sich Awi ihrer genauen Worte nicht mehr erinnern, aber sie konnte noch immer die Magie des Augenblicks spüren, als die Schnur über ihren Kopf geglitten und der Stein an ihrer Brust zur Ruhe gekommen war. Mit ihrer freien Hand hatte sie seine glatte Oberfläche gestreichelt und er hatte sie in seine Tiefen entführt, wo sie sein Lied vernommen hatte. Sie hatte damals einen Freund gefunden. Einen, der für immer an sie gebunden sein würde.
Dann war kühles Wasser auf den Kopf des kleinen Mädchens gespritzt und hatte sie aus diesen zeitlosen Sphären zurückgerissen. Es war über ihre Brust geflossen und hatte den Stein benetzt, um die Versprechen dieses Tages durch einen heiligen Segen zu besiegeln. Awis Weg war von da an in den Pfaden des Steins festgeschrieben gewesen, welche zurückreichten bis in die Leere und zur Geburt der Sterne und voran zum Mysterium all dessen, was ist und sein wird. Damals hatte sie von all dem nur wenig verstanden. Es hatte ausgereicht, dass der Stein für sie gesungen hatte. Das Kind hatte diesen Augenblick angenommen und dann tief vergraben, hatte sich dem Ritual entzogen, um mit den anderen Kindern zu spielen und zu tanzen.
Acht Jahre später, als ihr Körper erstmals das Blut der Fruchtbarkeit hervorgebracht hatte, hatten ihre Mutter und ihre Großmutter sie zur heiligen Höhle geführt, um sie in das Wesen der Frau einzuführen. Erst da hatte sie begonnen, den langen Weg zu begreifen, welcher sie zu diesem Moment auf diesen Berg führen sollte. Während Awi sich immer höher den steilen Pfad hinaufquälte, wand sie den Mantel der Erschöpfung immer enger um sich und entfloh in die Begeisterung und die Wunder jener Tage in dieser Höhle des Lernens. Mit sanften Worten hatten die Frauen sie auf die wundervollen Tage und Nächte vorbereitet, die sie mit ihrem Verlobten Tu erleben würde. Tu war in einem entfernten Dorf geboren worden. In seinem sechzehnten Lebensjahr war er jedoch früh in der Saison langer heißer Tage und warmer Nächte in Awis Heimat gekommen, um den Jägern zu helfen, die Aale auf ihrem Weg zum Meer zu fangen. Seit ihrer Verlobung hatten sie sich mindestens alle zwei Jahre für einen Umlauf des Mondes gesehen. Manchmal war sein Volk aus deren Bergfeste mit fein gearbeiteten Steinwerkzeugen als Geschenk in ihr Dorf gekommen. Zu anderen Zeiten hatte ihre Familie Geschenke aus Trockenfisch zum Steinvolk getragen.
Awi und Tu hatten alles gemeinsam getan, denn man hatte nicht zwischen Mädchen und Jungen unterschieden. Es hatte ihnen offengestanden, sich für jegliche Lebensweise zu entscheiden. Sowohl Frauen als auch Männer bearbeiteten den Stein, arbeiteten mit den Fischernetzen, kümmerten sich um die Babys und waren Hüter der heiligen Lehren.
Schließlich war ein Besuch anders verlaufen, denn Awi und Tu hatten nun ihren eigenen Schlafplatz zugewiesen bekommen. Sie hatten ihre Speisen mit der Familie eingenommen und die Gesellschaft aller genossen, aber sie hatten festgestellt, dass ihnen mehr und mehr an der Abgeschiedenheit ihrer eigenen Unterkunft gelegen war. Diese war zu ihrem Hafen abseits all der anderen geworden, dem sich niemand ohne Einladung nähern durfte. Selbst die Jugendlichen, die ihre freie Zeit gerne mit Awi verbracht hatten, hatten diese Abgrenzung akzeptiert.
Innerhalb dieser Wände hatten sie über so vieles gesprochen. Sie hatten Geschichten aus ihrer Kindheit ausgetauscht, ihre innere Seelenreise geteilt, gegenseitig die Türen zu ihren jeweiligen verborgenen Tiefen geöffnet. Und über diese gesamte Zeit hatten sie das Bedürfnis nach einer Nähe empfunden, welche über alles hinausging, was ihnen bis zu diesem Zeitpunkt vertraut gewesen war. Mit einem Verständnis, das weit über ihr Alter hinausreichte, waren sie sich bewusst gewesen, dass man sich diesem Schritt am ehesten sanft und mit Geduld annähern sollte. Beide waren in der Überlieferung der Fruchtbarkeitszyklen unterwiesen worden, in der Lehre liebevoller Zuwendung. Aber Wissen und Sein waren zweierlei. Sie hatten verstanden, dass Intimität Blut mit sich bringen würde, und hatten für einige Tage furchtsam die Konfrontation mit ihrem wachsenden Verlangen gemieden. Schließlich war es Awi gewesen, welche den Moment herbeigeführt hatte. Sie war sich bewusst gewesen, dass sie von Fluten mitgerissen wurden, welchen sie sich auf Dauer nicht entziehen konnten, und hatte den Weg für Tu geöffnet. Ihre freudige Begeisterung hatte sich bis weit in die Nacht erstreckt und hatte Tiefen jenseits aller Vorstellungskraft berührt. Wissen und Sein hatten Erfüllung gefunden, während sie die Wunder zweier schöner Körper erforschten, die ein gemeinsames Lied sangen. Von da an war jeder gemeinsame Moment von einem alles verzehrenden Feuer erfüllt gewesen. Tu war täglich mit Awi zu den Netzen gegangen. Gemeinsam hatten sie den Fang gesäubert und den vorbereiteten Fisch an die Trockengestelle gehängt. Und wenn die Abendmahlzeit vorüber war, waren sie fortgeschlüpft, um den Rest des Tages in ihrem Zufluchtsort, einem einfachen Unterstand, zu verbringen.
Dann, als die Zeit der langen heißen Tage begonnen hatte, sich in die Zeit der fallenden Blätter zu wandeln, war Awis Blut der Fruchtbarkeit ausgeblieben. Sie hatte sieben Tage gewartet, bevor sie ihre Begeisterung mit Tu geteilt hatte. In den nächsten fünf Tagen hatten sie von nichts anderem gesprochen. Das Wunder eines neuen Lebens hatte alles, was sie sonst taten, überlagert. Seine Musik hatte sie in der Gesellschaft anderer in geflüsterten Worten umgeben, in freudigem Lachen unter dem Wasserfall und in der Sanftheit ihrer Liebe in der Nacht. Alles hatte sich dieser lebendigen Saat in ihrem Inneren zugewandt. Ihre Leben hatten sich auf die Umarmung dieses kleinen Funkens Leben zusammengezogen, welchen sie durch ihre Liebe erschaffen hatten, diesen Winzling, welchen ihr Mutterleib beherbergte. Und ihre Leben hatten sich ausgedehnt, um an ein ganzes Universum an Unermesslichkeit und Macht zu rühren, während ihre Welt sich in fantastischer Intuition mit den Sphären der Ahnen vereinigt hatte, als sie aus einem Gefühl der Vollständigkeit heraus nach den Sternen gegriffen hatten und noch weiter gegangen waren, um die Unendlichkeit auszuloten, wo alle Ströme sich vereinen.
In der zwölften Nacht nach Ausbleiben von Awis Blut der Fruchtbarkeit hatten sie ihre Aufregung mit ihrer Familie geteilt. Ihre Mutter hatte gelächelt und bemerkt: „Diese Nachricht ist schon vor Tagen in deinem Lächeln ersichtlich gewesen. Zwei große Ströme vereinigen sich zu einem, um das Wunder des Lebens zu erwecken. Wir sind von großer Freude erfüllt. Euer Sohn reist weit, um sich zu uns zu gesellen. Mögen wir ihn auf seinem langen Weg bis zum Tage seiner Geburt unterstützen.“
Während Awi eine weitere Anhöhe erklomm, blickte sie zurück über das Land, welches sie in den vergangenen Tagen durchquert hatten, und dachte über ihre Reise nach: Viele Pfade sind in unsere Leben gewoben – mein Kind wird in dieser Nacht die Dunkelheit durchschreiten, um seinen Spirit von einer Sternschnuppe einzufangen – so geschieht es im endlosen Lauf der Welt – und dieser Spirit, welcher zurückkehrt, um in diesen Lebendigen in meinem Mutterleib einzutreten, wird den Traum der Altvorderen mit sich führen und sich all dem öffnen, was diese in ihr Lied der Zeitalter gewoben haben – sein Weg wurde in Stein gemeißelt und den Wassern und den Himmeln über uns gesungen – er entsprang dem orange verschwommenen Licht, welches aus den wirbelnden Schnüren unseres Verlobungstages aufflackerte – er wird das Mysterium und den Zauber des Großen Einen leben – er ist etwas ganz Besonderes – nur wenige werden mit der Intuition und der Weisheit geboren, die es ihnen erlauben, den Stein und den Stern in der gleichen Hand zu halten.
Awi war bewusst, dass sie nur noch langsam geschlurft war, während sich ihr Geist immer wieder der Vergangenheit zugewandt hatte. Noch einmal nahm sie, angetrieben von einer wachsenden Dringlichkeit, alle Kraft zusammen. Ein neuer Schmerz überschwemmte sie nun in einem ganz eigenen Rhythmus. Der Kleine in ihr erwachte für seinen Übergang. Jeder Schritt wurde nun zu einer Last, welche sie tiefer und tiefer in unbekannte Reiche des Schmerzes führte. Immer und immer wieder griff ihre Hand nach dem Trost ihres Gefährtensteines. Sein Lied hob ihren Spirit zu den Spitzen der Berge. Es versicherte ihr, dass sie den Mut besaß, rechtzeitig das Ende ihrer Reise zu erreichen, auf dass sich ihr Körper auf dem Geburtsfelsen öffnen könne. Starke Arme begleiteten jeden ihrer Schritte und halfen ihr den schmalen Bergpfad entlang. Felsen, die auf den Pfad gestürzt waren, wurden von jenen beiseitegeschafft, welche vorausgingen, um den Weg freizumachen. Tröstende Worte halfen ihr bei der Überwindung zum nächsten Schritt und einem jeden darüber hinaus. Jeder Einzelne ein Sieg.
Rast. Man ließ Awi auf einem niedrigen Felsblock nieder. Dann reichte man ihr kleine Stücke geräucherten Aals. Schmackhaftes Öl tropfte von ihren Fingern. Er war eine köstliche Speise und lieferte die nötige Kraft, die über ihr ansteigenden Hänge in Angriff zu nehmen. Seine aufbauende und nährende Kraft war jenen wohlbekannt, welche in den Lehren über die hohen Pfade geschult waren. Nur wenige erreichen die Gipfel in solch aufrechter Haltung und noch wenigere wissen um die Aale, welche zu solchen Höhen aufsteigen, wenn die Schneeschmelze beginnt.
Anui, die Großmutter dieses Pfades, hatte die Arme um Awi geschlungen. Deren Bedürfnis nach Ablenkung spürend, flüsterte sie mit einer anderen Frau, welche daraufhin zu einem nahen Bach hinabstieg. Nach kurzer Zeit kehrte diese zurück, eine Hand fest geschlossen. Kichernd und vor Freude tanzend rief sie: „Du zappelst so. So viel Kraft in einem kleinen Körper. Halt still, mein Schöner, und ich werde dich Awi zeigen.“ Sie legte beide Hände zusammen und formte eine Schale, um Awi einen winzigen schwarzen Aal zu enthüllen. Er ruhte im Licht, bevor er plötzlich zum Leben erwachte, sich krümmte und streckte und sich mit Leichtigkeit ihren Arm hinaufschlängelte.
„Genug!“, sprach Anui, die Awi noch immer eng an sich gedrückt hielt. „Bring den, den sie Tuna nennen, zurück in sein Gewässer, versammle alle um mich und ich werde die Geschichte der Reise dieses kleinen Aals erzählen.“
Und so begann Anui. „Dieser Kleine, den wir den Wassern zurückgegeben haben, steigt auf zum Schnee, um zu fressen. Das läuft so ab … im Frühling folgt das Baby der Tuna dem Ruf des Berges und verlässt den Fluss, um einen schmalen Bach hinaufzuschwimmen, der von den Schneefeldern herabfließt. Es zappelt und schlängelt die tropfenden Wasser hinauf, um felsige Oberflächen zu erklimmen, welche seinen Weg zu versperren drohen. Selbst wenn es kein Wasser gibt, krümmt es seinen kleinen Körper, um den Halt zu finden, der es ihm erlaubt, raue Oberflächen zu überqueren und immer höher zu gelangen. Wochen vergehen und es strebt immer noch danach, den Schnee zu erreichen. Dann kommt die Nacht, in der ein Vollmond den kleinen Tuna in den Wassern am Saum des großen Schneefeldes grüßt. Dort ruht er sich triumphierend aus, weil er aus einer tief in seiner Erinnerung verborgenen Weisheit heraus weiß, dass sein Kampf, den Gipfel zu erreichen, mit einem Festmahl belohnt werden wird. Das Wunder, Awi, liegt darin, dass der kleine Tuna zum Schnee kommt, um eine Ernte einzufahren, die ein heftiger Schneesturm im Spätherbst gesät hat. Große Schwärme von Insekten liegen hier eingefroren. Zahlreich und frei eroberten sie in den warmen Sommertagen die Lüfte, um sich am Land fett zu fressen. Als die Kälte einfiel, wie sie es immer tut, wurden solche, die sich zu lange aufgehalten hatten, vom weißen Mantel des Winters bedeckt. Baby Tuna weiß, dass dies schon immer so gewesen ist.“ Anui machte eine Pause, um festzustellen, ob Awi sich vom letzten steilen Anstieg erholt hatte, und dann fuhr sie fort, den Arm erneut um Awi legend: „Was der Winter einfriert, befreit die Sonne. Tuna wartet und die Schmelze liefert. Alles ist, wie es sein soll. Auf Leben folgt Tod, und aus dem Tod entspringt neues Leben. Dies ist der große Kreislauf des Wissens, welcher dem Land eingewoben ist. In ihm wächst Tuna zur Stärke heran und nimmt an Länge zu, bis die weiten Wasser des Flusses ihn rufen und er den Abstieg ins Tal beginnt.“
Sie setzten ihren Weg fort. Awi bewegte sich langsam, war aber durch Rast und Nahrung gestärkt. Sie dachte an Tuna und sprach zu sich selbst: Ich wandere mit der Stärke des Kleinen, der zum Schnee aufgestiegen ist – welche Höhen er erreicht – solches Verständnis in einem Wesen, das so klein ist, dass es nicht über den nächsten Felsen hinausblicken kann – solches Vertrauen in sein Wissen, das ihn immer noch höher hinaufträgt – Tuna, Freund der hohen Pfade, ich danke dir für das Geschenk, das du mir bringst.
Der Tag ging zur Neige und der Pfad senkte sich zu guter Letzt. Es war vollbracht. Der große Fluss war nun zu einem schmalen Strom zu ihren Füßen geworden. Am Ende hatten sie den Ursprung der Wasser erreicht. Der erste Schrei ihres Sohnes würde sein Echo durch dieses Tal senden, um die Berge zu grüßen, und das Blut seiner Geburt würde in diese Wasser fließen. Eine Reise war beendet und eine neue würde bald ihren Anfang nehmen.
Awi ruhte auf einer gewobenen Matte, welche über einen Teppich aus gelbverfärbtem Gras gebreitet war, und blickte auf dunstige rote Wolken, die in der sinkenden Sonne aufleuchteten. Ihre Augen schlossen sich, als sie in die nächste Welle von Schmerz eintauchte. Sie konzentrierte sich darauf, nahm ihn an, hielt seinen Höhepunkt aus und entspannte sich schließlich mit seinem Abflachen. Die Sonne überantwortete die Himmel dem aufsteigenden Mond. Der erfüllte ihre ganze Welt. Eine strahlende Kugel aus Licht. Voll. Nun wusste sie, dass der Kreis vollendet war. Ihr Sohn würde diese von magischem weißem Licht umgebenen Gestade betreten. So lautete die Prophezeiung. Dies war der Weg.
Man brachte Awi Wasser, welches sie zügig trank. Der Aufstieg und die trockene Luft hatten ihr alle Säfte entzogen. Dann massierten liebende Hände parfümiertes Öl in die Fülle ihres schönen Körpers und streichelten sanft die Muskeln ihrer Arme und Beine. Diese Frauen, die sie nun mit ihrer Berührung nährten, waren über viele Monate ihre ständigen Begleiterinnen gewesen. Sie überließ sich deren Händen. Ein warmer Federmantel legte sich über sie, um die Kälte der Nacht abzuhalten. Sie vertraute darauf, dass alles so kommen würde, wie es die Vorfahren geplant hatten.
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