Vor, während und nach dir
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 180
ISBN: 978-3-99146-955-1
Erscheinungsdatum: 10.09.2024
Morana gibt trotz eines Vaters, der sie hasst und misshandelt, und Mitschülern, die sie mobben, niemals auf. Doch als sie nach vielen Rückschlägen ihr Leben schließlich in den Griff zu bekommen scheint, holt das Schicksal zum finalen Schlag aus …
KAPITEL EINS
Wie jedes Leben begann auch dieses an dem Tag, an dem ich geboren wurde, am 27. August, in einem Ort in Italien in der Toskana.
Als mein Leben gerade begonnen hatte, endete ein anderes.
Meine wunderbare Mutter, Angela Caslano, verstarb nur wenige Stunden nach meiner Geburt.
Sie war an einer schweren Form von Leukämie erkrankt, und im Laufe der Schwangerschaft verschlimmerte sich ihr Zustand immer mehr. Die Ärzte hatten ihr geraten, das Baby abzutreiben, damit sie die Chemotherapie fortsetzen konnte, um ihr Leben zu retten. Aber anstatt sich selbst zu retten, rettete sie mich. Für mich ist sie eine Superheldin ohne Umhang, eine starke Frau, die das Leben eines anderen über ihr eigenes stellte.
Wie du weißt, lernte ich sie nie kennen, außer in diesen drei Stunden, in denen sie mich in ihren Armen hielt, bevor sie verstarb. Aber ich weiß, dass, wenn jemand die Welt retten könnte, sie dieser Jemand gewesen wäre.
Abgesehen davon habe ich einen Vater, der Oliver Caslano heißt. Er ist ein sehr erfolgreicher Mann mit einer riesigen Menge Geld, das er durch seine Arbeit angehäuft hat.
Dunkelbraune Haare, grüne Augen und ein muskulöser Körperbau: Alle Frauen verlieben sich sofort in ihn. Jeder, der ihm zum ersten Mal begegnet, hält ihn für einen charmanten und gutaussehenden Mann, dazu noch einen armen Witwer, der mit seiner Tochter allein gelassen wurde, aber ich, und nur ich, kann sagen, dass er das alles nicht war.
Oliver hasst mich seit dem Tag, an dem ich geboren wurde. Er sagt, dass ich der Grund dafür bin, dass die Liebe seines Lebens gestorben ist, und wenn er einen Wunsch frei hätte, dann wäre es meine Abtreibung gewesen, die nicht stattgefunden hat. So kam ich auch zu meinem Namen Morana, was Tod bedeutet.
Die Menschen, vor allem meine Familie, wollten mir nicht glauben, als ich ihnen erzählte, was mein Vater mir als Kind angetan hat.
Er war ein sehr mächtiger und manipulativer Mann, was für mich als Fünfjährige nicht leicht zu verkraften war, als er mich ohne Essen zu Hause ließ, allein, ohne Licht, wenn es dunkel wurde.
Die Hälfte seiner Zeit verbrachte er bei der Arbeit, um sein Geld zu verdienen, das direkt in Drogen aller Art floss. Die andere Hälfte der Zeit war er bis spät in die Nacht in Bars unterwegs und trank, bis er nicht mehr in der Lage war, gerade nach Hause gehen zu können und seine Tochter ins Bett zu bringen. Das Einzige, was mein Vater mir beigebracht hat, war die Telefonnummer unseres Nachbarn Pete, meines einzigen Freundes damals, der anstelle meines Vaters, der oft für mehrere Tage nicht nach Hause kam, für mich da war. Er gab mir die Nummer nicht, damit ich jemanden hatte, der sich um mich kümmerte und mir etwas zu essen gab, weil er es nicht konnte, er gab sie mir, damit Pete ihn zu seiner Arbeit fahren konnte, nachdem er am nächsten Morgen auf der Straße gelegen hatte und deshalb nicht zu spät kam und gefeuert wurde.
Ich erinnere mich an viele Dinge hinsichtlich Pete. Er war ein Drogendealer und gab meinem Vater das Zeug, das er wollte und brauchte.
Ich kann ihm im Nachhinein nicht einmal vorwerfen, dass er mir nicht geholfen hatte, obwohl er der Einzige war, der wusste, wie schlecht mein Vater war.
Pete ist nicht so schlimm wie Oliver, ganz und gar nicht. Er brachte mir viel über das Zeug bei, das er verkaufte, und was es mit deinem Körper macht und so, ich mochte ihn sehr. Ich bin mir nicht sicher, ob er heute noch lebt oder nicht, denn ich hörte schon lange nichts mehr von ihm. Ich hoffe nur, dass er endlich mit seiner Felicia zusammen ist, einer Frau, von der er immer sprach, wenn Drogen und Sucht nicht das Thema unserer Unterhaltungen waren. Ich fand nie herausgefunden, wer sie war, weil er nie eine Frau oder irgendwelche Freundinnen in seiner Wohnung hatte, aber er sprach von ihr, als wäre sie der beste Mensch auf Erden. Und jedes Mal, wenn er ihren Namen sagte, hatte er dieses Funkeln in seinen Augen.
Ich glaube immer noch, dass ich an Pete am liebsten mochte, dass er mich nie verletzte, weder geistig noch körperlich. Meistens war er sogar sehr lustig, aber nie auf eine nüchtern-komische Art.
Er erzählte immer ein paar flache Witze, um mich zum Lachen zu bringen, die heute zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen gehören.
Also, Moony, wenn ich dir jemals einen schlechten Witz erzählt habe, dann war er wahrscheinlich einer von seinen.
Wenn mein Vater zu Hause war, was selten der Fall war, wurde er schon bei den kleinsten Dingen aggressiv und ließ seine Wut an mir aus.
„Ohne dich hier wäre mein Leben so perfekt, Morana. Ich hasse dich für alles, was du mir angetan hast, und vor allem, weil du meiner Frau und mir das Leben genommen hast, du kleine Scheißhure.“ Ja, ich war fünf Jahre alt und wurde von meinem eigenen Vater als Hure bezeichnet. Um ehrlich zu sein und obwohl ich damals nicht einmal wusste, was das bedeutete, weinte ich trotzdem.
Das Schlimmste daran war, dass ich genau wie meine Mutter aussah. Nicht, dass ich nicht wie sie aussehen wollte, denn sie war wunderschön gewesen, aber das machte alles noch schlimmer und gab meinem Vater einen weiteren Grund, seine Wut an mir auszulassen. Ich hatte ihr hellblondes Haar, eine blasse Haut und mein Gesicht war mit Sommersprossen übersät, die sogar im Winter sichtbar waren.
Ich hasste es, wie ich aussah, denn wenn ich wie Oliver ausgesehen hätte und ein Junge gewesen wäre, hätten wir vielleicht eine normale Beziehung führen können. Das sagte er mir zumindest jeden Tag.
Wie du siehst, war er kein großer Feminist.
Man sagt mir, dass er sich, als er meine Mutter kennenlernte, um sie kümmerte, als wäre sie ein kostbarer Diamant gewesen. „Ein gefallener Engel mit einem Herz aus Gold“, soll er sie genannt haben.
Ich glaube ihnen nicht wirklich, und ich kann nicht sagen, ob er meine Mutter wirklich geliebt hat. Ich meine, die Art, wie er mich behandelt, und die Art, wie er andere Menschen behandelt, sind zwei verschiedene Welten. Deshalb macht mich der Gedanke, dass er meine Mutter so behandelt haben könnte, wie er mich jetzt behandelt, krank. Niemand wird je erfahren, ob Oliver Angela damals missbraucht hat, denn dieser Mann hat so viel Macht und kann sein wahres Gesicht im Handumdrehen ändern. Jedes Mal, wenn ich mir alte Fotos von ihnen ansehe, sehe ich meine Mutter mit blauen Flecken, und auf einem Bild kann man sogar sehen, wie ihre Lippe blutet. Wenn es stimmt, dass er sie so behandelte, wie er mich behandelt hat, kann ich es ihr nicht verübeln, dass sie lieber sterben wollte, denn ich wollte dasselbe, als ich mit ihm zusammen war. Er hatte ihr bestimmt versprochen, dass sich mit mir alles ändern würde, so wie er es immer tut.
Ich hoffe nur, dass ich mich irre und er damals wirklich ein Engel war und die Verletzungen nur von ihrem Eisenmangel herrührten, der dazu führt, dass sich leicht blaue Flecken bilden, wenn man nur aus Versehen gegen etwas stößt. Ich weiß das, weil ich das auch habe, und das macht die Schläge verletzender und sichtbarer. Aber schließlich werde ich die Wahrheit nie erfahren.
Ich sprach nie mit jemandem darüber, wie missbräuchlich und traumatisierend meine Kindheit war, weil ich nicht wollte, dass die Leute Angst um mich haben oder, noch schlimmer, mir nicht glauben. Jeder einzelne Tag mit ihm fühlte sich an, als ginge man durchs Feuer. Jeder Tag war gleich. Er kam spät nach Hause, ging in Bars und prügelte danach, so wie er es nannte, die Scheiße aus mir heraus.
Jeden. Einzelnen. Tag.
Aber es gab diesen einen Tag, der für mich der traumatischste in meinem ganzen Leben war.
Es geschah an einem Samstagmorgen, es war ziemlich warm draußen für einen Frühlingstag im April. Die Nacht davor war auch bereits ein wenig seltsam. Oliver hatte einen Tag frei und war zu Hause und nicht wie sonst in Bars unterwegs, aber er trank trotzdem sein verdammtes Bier und sah dabei fern. Aber wenigstens war jemand mit mir im Haus und ich war nicht allein mit meiner Angst vor Monstern unter meinem Bett wie jedes Kind in diesem Alter.
Und, Moony, lach mich nicht aus, weil ich an Monster glaube, ich weiß, dass sie da waren und meine Limonade getrunken haben.
Jedenfalls fühlte ich mich nachts mit Oliver im Haus einigermaßen sicher, obwohl das wahrscheinlich komisch klingt.
An diesem Morgen weckte er mich früh, damit ich ihm Frühstück machen konnte, was ich für eine Fünfjährige ziemlich gut konnte, auch wenn es nur ein Toast war, der zur Hälfte mit Erdbeermarmelade und zur anderen Hälfte mit Erdnussbutter bestrichen war.
Übrigens immer noch eines meiner Lieblingsgerichte.
Es war der erste Morgen, an dem er nach ein paar Wochen wieder einiger massen nüchtern war, und auch das erste Mal seit Jahren, dass wir zusammensaßen und frühstückten, denn normalerweise war er morgens auf der Arbeit oder schlief noch in irgend einer Bar.
„Hast du dir für heute schon etwas vorgenommen?“, fragte er, während er eine Augenbraue hochzog und seinen Toast noch im Mund hatte.
Natürlich antwortete ich mit Nein, ich meine, welche Pläne könnte eine Fünfjährige haben, außer mit Puppen zu spielen, die sie gar nicht hat?
„Hast du Lust, heute Abend zu einer Marketingveranstaltung in meinem Büro zu gehen? Mein Chef macht mich wahnsinnig mit all den Fragen über dich, er sagt, er glaubt mir nicht, dass ich eine Tochter habe und dass ich die ganze Zeit gelogen hätte, weil ich nie über dich gesprochen habe oder dass ich keine Bilder von dir in meinem Büro hängen habe. Lächerlich, ich meine, ich kenne niemanden, der so einen Scheiß macht, niemand tut so etwas.“ Doch, Dad, das tun sie, dachte ich. Alle Väter, die ihre Töchter lieben, tun das. Du liebst deine nur nicht, deshalb. „Wenn ich es ihm in den nächsten Tagen nicht beweise, lässt er mich erst um Mitternacht Feierabend machen, und du weißt ja, wie gerne Papa rausgeht und Zeit mit seinen Freunden verbringt, nicht wahr? Würdest du also gerne mit mir kommen, nur dieses eine Mal, Morana?“
Arschloch. Natürlich weiß ich, wie sehr du deine Freunde und deinen verdammten Alkohol liebst, ich war diejenige, die als Kind jeden Tag damit zu tun hatte.
Sein Chef lag gar nicht mal so falsch, Oliver war auch kein Vater, nur weil er derjenige ist, der mich gezeugt hat, heißt das nicht, dass er mein Vater ist, oder jemand ist, den man Vater nennen kann.
Ein Vater sollte sein Kind lieben und sich um das Kind kümmern, egal was passiert. Er sollte jedem in seinem Büro und auch der ganzen Welt zeigen, wie sehr er seine Tochter liebt, und sie nicht verstecken, damit niemand weiß, dass es sie überhaupt gibt, weil er von ihr enttäuscht ist und sie sogar hasst.
Ich wusste, dass mein Vater bei anderen Leuten ein ganz anderer Mensch war, deshalb liebten ihn so viele Leute. Oliver Cusano, der heiße Witwer mit mehr Charme und gutem Aussehen als Verstand.
Aber es war verrückt, dass nur seine eigene Tochter wusste, wie furchtbar dieser Mistkerl eigentlich war.
Als wir bei der kleinen Veranstaltung in seinem Büro ankamen, sagten alle meinem Vater, wie süß ich sei und wie toll er mich erzogen habe. Wenn sie nur wüssten, dass ich es war, die sich großgezogen hat, weil ich keine andere Wahl hatte, und nicht Oliver.
Es war das erste Mal, dass ich so viele Menschen gleichzeitig in einem Raum sah. Außer bei der Beerdigung meiner Mutter aber an diesen Tag kann ich mich nicht mehr erinnern, aber über meinem Kopf hing zur Erinnerung ein Bild von ihrem Grab, falls ich je vergessen sollte, wer sie getötet hat.
Ich trug meine schwarze Lieblingsjeans und ein Hello-Kitty-Shirt mit einer kleinen blauen Jacke, damit mir nicht kalt wurde, wenn es spät wurde.
„Che bella ragazza“, sagten alle, als sie mich sahen.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also nickte ich nur mit dem Lächeln, das Oliver und ich geübt hatten, bevor wir hierherkamen.
Der Chef, Herr Jorgan, zeigte auf meinen Körper und wies hin wie dünn ich war. „Habe ich dir nicht genug Geld gegeben, um dein Kind zu ernähren? Sie sieht ja aus wie ein Skelett!“ Ich fühlte mich sehr unwohl, weil ich wirklich seit mehr als 12 Stunden nichts mehr gegessen hatte und es nicht das erste Mal war, dass ich Hunger hatte. Aber warum um alles in der Welt würde man ein Kind als Skelett bezeichnen, selbst wenn man damit recht hätte?
„Moranas Mutter Angela war immer sehr dünn. Erinnerst du dich nicht? Das liegt an den Genen, nicht wahr, Morana?“, antwortete Oliver und machte daraus eine Frage für mich. Ich nickte wie meistens, wenn mein Vater eine Lüge über mich erzählte, aber dieses Mal konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Wenn ich je einen dummen Satz, den ich jemals in meinem Leben ausgesprochen habe, löschen könnte, dann wäre es dieser eine. Die Worte, die ich nie vergessen würde.
„Nein, ich habe einfach nicht genug Essen zu Hause, weil ich noch nicht kochen kann und Papa nie zu Hause ist, also habe ich meistens nichts Gutes zu essen, außer meinen Lieblingskeksen in der Keksdose, wenn die Monster sie nicht auffressen. Und außerdem bin ich noch zu jung, um das Bier zu trinken, das in unserem Kühlschrank steht, das sagt zumindest Pete.“
So antwortete ich auf seine Frage und wünschte, jemand hätte mir damals einfach den Mund zugeklebt. Ich weiß nicht, warum ich so dumme Dinge gesagt habe. Ich meine, es war die Wahrheit, die Realität, in der ich lebte, aber ich wusste, dass ich anderen Leuten nicht erzählen durfte, wie mein Vater und ich lebten, denn wenn ich das getan hätte, hätte Oliver mich umgebracht. Ja, Moony, das waren seine eigenen Worte. Oliver hatte Angst, seinen Job zu verlieren, wenn es jemand herausgefunden hätte, dann hätte er auch kein Geld mehr, um seine Drogen zu kaufen.
Die Leute, die vor uns saßen und zuhörten, waren plötzlich sehr still und schockiert, weil ein kleines Kind all diese Dinge sagte. Und wie das Schicksal es wollte, war eine der anderen Begleitpersonen eine Mitarbeiterin vom Jugendamt, die mit weit aufgerissenen Augen jedes meiner Worte mithört hat.
Ich konnte sehen, wie Olivers Gesicht vor Wut oder Verlegenheit rot wurde und seine Hände sich zu Fäusten ballten, von denen ich wusste, dass sie mich treffen würden, sobald wir zu Hause ankamen.
„Ha, ist es nicht komisch, wie viel Fantasie ein kleines Kind haben kann? Morana hat nur eine Phase, in der sie bei allem überreagiert. Sie ist fünf Jahre alt, sie kann noch nicht einmal ihren Namen schreiben. Also bitte, wir sind eine glückliche und von Gott gesegnete Familie, wir zwei. Also, Morana, ich möchte nicht, dass sich die Leute wegen gar nichts Sorgen machen. Sei nicht dumm, meine Liebe“, sagte Oliver mit einem nervösen Lächeln, während ihm der Schweiß das Gesicht herunterlief. Was für ein verdammter Lügner er doch war, der versuchte, so schnell wie möglich aus der Situation herauszukommen. Mein Körper zitterte, weil mir klar wurde, was ich gerade getan hatte. Die Wahrheit war ausgesprochen.
„Ich glaube nicht, dass Kinder in einem so jungen Alter schon so viel Fantasie besitzen, vor allem, wenn es um Missbrauch geht. Ich glaube nicht, dass Morana über so etwas lügen würde. Herr Caslano, ich kenne meinen Job, und ich habe diese Art von Gesprächen schon mehrfach geführt“, sagte die Mitarbeiterin des Jugendamts, während alle Anwesenden sie mit offenem Mund anstarrten und nichts sagten. Ihr Haar war schmutzig blond und der Haarschnitt, den sie trug, nannte sich Bob, glaube ich, und sie trug ein enges schwarzes Kleid, das sich ihrem Körper anpasste, als wäre es nur für sie geschnitten worden. Sie trug rote Stöckelschuhe, und um ehrlich zu sein, sah sie aus wie eine Chefin, die ihr ganzes Leben im Griff hat und weiß, wie die Dinge laufen, während sie mit ihrer kräftigen Stimme zu meinem Vater sprach. Ich hatte das Gefühl, dass sie versuchte, mir zu helfen, und ich dachte nur: Endlich glaubte mir jemand, auch wenn ich mir wünschte, ich hätte es nie gesagt. „Signora Bonnette, ich möchte, dass Sie sich beruhigen und etwas trinken, vielleicht würde Ihnen ein Cocktail gut tun. Ich weiß, dass Sie Ihren Job sehr ernst nehmen, aber ich denke, ich kenne mein Leben am besten und ich liebe meine Tochter. Also bitte, hören Sie auf, Gerüchte über unser Leben zu verbreiten. Sex on the Beach oder lieber einen Tequila-Shot? Oder zwei?“, sagte mein Vater mit seiner charmanten Stimme, mit der er auch weiterhin versuchte, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Moony, ich dachte wirklich, dass dies die einzige Frau war, die die Lügen meines Vaters nicht glaubte. Sie wirkte so stark und so, dass ich wirklich hoffte, sie würde ihm nicht glauben.
Aber kaum waren die Lügen aus seinem Mund gekommen, ging sie zu meinem Vater, entschuldigte sich dafür, dass sie so ein Drama daraus gemacht hatte, und fiel Oliver in die Arme, als sie zur Cocktailbar gingen. Ich war zu geschockt, um auch nur ein Wort zu sagen, während das alles passierte. Ich hatte einen Funken Hoffnung in diese Frau gesetzt, sie war die Einzige, die mir geholfen hätte oder es zumindest konnte und die Einzige, die Oliver vor all den anderen bloßstellen konnte, damit sie alle endlich sein wahres Gesicht sehen konnten und ich in ein Kinderheim gehen konnte. Aber stattdessen gingen sie an die Bar und tranken mindestens fünf Cocktails, jeder von ihnen, und natürlich zahlte der charmante Oliver. Kurz nach diesem kleinen Drama taten alle so, als wäre nichts passiert, und gingen wieder zum Tanzen oder auf ihre Gespräche über.
Die Stunden vergingen, und ich saß allein auf einem Stuhl und aß die Snacks, die auf dem Tisch standen, während alle feierten, lachten und tanzten. Ich aß in meinem Leben noch nie so viel. Es war auch der Tag, an dem ich herausfand, dass ich eine Laktoseintoleranz habe, denn nach all der Milchschokolade musste ich so schnell wie möglich auf die Toilette gehen.
Ich war auch sehr müde vom langen Sitzen auf dem Stuhl, mein Hintern schmerzte und brannte wie Feuer.
Damit ich nicht aus Versehen einschlief, meinen Hintern die nächsten Tage nicht mehr zu spüren bekam und wegen meiner Bauchkrämpfe nicht auf dem Boden liegen wollte, stand ich auf und bahnte mir einen Weg durch die tanzenden Leute, um zuerst nach meinem Vater zu suchen, den ich nicht mehr gesehen hatte, seit er mit dieser Frau, die mir einen Funken Hoffnung geschenkt hatte, an die Bar gegangen war. Moony, ich wünschte, ich wäre einfach auf meinem Stuhl sitzen geblieben. Die Krämpfe wären mir lieber gewesen.
Nachdem ich die beiden zehn Minuten lang gesucht und nicht gefunden hatte, ging ich auf die Toilette, weil ich es wirklich nicht mehr aushielt und nicht mehr die Kraft hatte, weiter nach ihnen zu suchen. Ich fragte den Kellner, wo die Toilette sei, und er zeigte mir den Weg mit seltsamen Handzeichen, er konnte kein Italienisch, aber ich glaube, er verstand das Wort „Toilette“.
Als ich die Badezimmertür öffnete, was ich lieber nicht getan hätte, fand ich Oliver und die Frau. Beide waren nackt und hatten Sex. Beiden war es ziemlich peinlich, mich zu sehen, vor allem der Frau. Aber um ehrlich zu sein, war ich nicht sonderlich überrascht, ich hatte Oliver schon mehrmals zu Hause beim Sex mit einer anderen Frau gesehen, aber noch nie auf einer Party, weil ich ja auch noch nie an einer war, also war das dass einzig Neue für mich.
Ich verließ das Bad und ging stattdessen auf die Herrentoilette, was für mich auch in Ordnung war.
Kurz nachdem sie fertig waren und zur Party zurückkamen, nahm mich Oliver auf seine Schulter und sagte mir, dass wir gleich gehen würden. Es hätte süß aussehen sollen, auf seiner Schulter zu liegen, aber ich wusste, was das bedeutete: Ich bekomme Prügel, sobald wir zu Hause ankommen.
Als wir ins Auto stiegen, war das einzige Geräusch, das ich hörte, sein tiefer und wütender Atem.
...
Wie jedes Leben begann auch dieses an dem Tag, an dem ich geboren wurde, am 27. August, in einem Ort in Italien in der Toskana.
Als mein Leben gerade begonnen hatte, endete ein anderes.
Meine wunderbare Mutter, Angela Caslano, verstarb nur wenige Stunden nach meiner Geburt.
Sie war an einer schweren Form von Leukämie erkrankt, und im Laufe der Schwangerschaft verschlimmerte sich ihr Zustand immer mehr. Die Ärzte hatten ihr geraten, das Baby abzutreiben, damit sie die Chemotherapie fortsetzen konnte, um ihr Leben zu retten. Aber anstatt sich selbst zu retten, rettete sie mich. Für mich ist sie eine Superheldin ohne Umhang, eine starke Frau, die das Leben eines anderen über ihr eigenes stellte.
Wie du weißt, lernte ich sie nie kennen, außer in diesen drei Stunden, in denen sie mich in ihren Armen hielt, bevor sie verstarb. Aber ich weiß, dass, wenn jemand die Welt retten könnte, sie dieser Jemand gewesen wäre.
Abgesehen davon habe ich einen Vater, der Oliver Caslano heißt. Er ist ein sehr erfolgreicher Mann mit einer riesigen Menge Geld, das er durch seine Arbeit angehäuft hat.
Dunkelbraune Haare, grüne Augen und ein muskulöser Körperbau: Alle Frauen verlieben sich sofort in ihn. Jeder, der ihm zum ersten Mal begegnet, hält ihn für einen charmanten und gutaussehenden Mann, dazu noch einen armen Witwer, der mit seiner Tochter allein gelassen wurde, aber ich, und nur ich, kann sagen, dass er das alles nicht war.
Oliver hasst mich seit dem Tag, an dem ich geboren wurde. Er sagt, dass ich der Grund dafür bin, dass die Liebe seines Lebens gestorben ist, und wenn er einen Wunsch frei hätte, dann wäre es meine Abtreibung gewesen, die nicht stattgefunden hat. So kam ich auch zu meinem Namen Morana, was Tod bedeutet.
Die Menschen, vor allem meine Familie, wollten mir nicht glauben, als ich ihnen erzählte, was mein Vater mir als Kind angetan hat.
Er war ein sehr mächtiger und manipulativer Mann, was für mich als Fünfjährige nicht leicht zu verkraften war, als er mich ohne Essen zu Hause ließ, allein, ohne Licht, wenn es dunkel wurde.
Die Hälfte seiner Zeit verbrachte er bei der Arbeit, um sein Geld zu verdienen, das direkt in Drogen aller Art floss. Die andere Hälfte der Zeit war er bis spät in die Nacht in Bars unterwegs und trank, bis er nicht mehr in der Lage war, gerade nach Hause gehen zu können und seine Tochter ins Bett zu bringen. Das Einzige, was mein Vater mir beigebracht hat, war die Telefonnummer unseres Nachbarn Pete, meines einzigen Freundes damals, der anstelle meines Vaters, der oft für mehrere Tage nicht nach Hause kam, für mich da war. Er gab mir die Nummer nicht, damit ich jemanden hatte, der sich um mich kümmerte und mir etwas zu essen gab, weil er es nicht konnte, er gab sie mir, damit Pete ihn zu seiner Arbeit fahren konnte, nachdem er am nächsten Morgen auf der Straße gelegen hatte und deshalb nicht zu spät kam und gefeuert wurde.
Ich erinnere mich an viele Dinge hinsichtlich Pete. Er war ein Drogendealer und gab meinem Vater das Zeug, das er wollte und brauchte.
Ich kann ihm im Nachhinein nicht einmal vorwerfen, dass er mir nicht geholfen hatte, obwohl er der Einzige war, der wusste, wie schlecht mein Vater war.
Pete ist nicht so schlimm wie Oliver, ganz und gar nicht. Er brachte mir viel über das Zeug bei, das er verkaufte, und was es mit deinem Körper macht und so, ich mochte ihn sehr. Ich bin mir nicht sicher, ob er heute noch lebt oder nicht, denn ich hörte schon lange nichts mehr von ihm. Ich hoffe nur, dass er endlich mit seiner Felicia zusammen ist, einer Frau, von der er immer sprach, wenn Drogen und Sucht nicht das Thema unserer Unterhaltungen waren. Ich fand nie herausgefunden, wer sie war, weil er nie eine Frau oder irgendwelche Freundinnen in seiner Wohnung hatte, aber er sprach von ihr, als wäre sie der beste Mensch auf Erden. Und jedes Mal, wenn er ihren Namen sagte, hatte er dieses Funkeln in seinen Augen.
Ich glaube immer noch, dass ich an Pete am liebsten mochte, dass er mich nie verletzte, weder geistig noch körperlich. Meistens war er sogar sehr lustig, aber nie auf eine nüchtern-komische Art.
Er erzählte immer ein paar flache Witze, um mich zum Lachen zu bringen, die heute zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen gehören.
Also, Moony, wenn ich dir jemals einen schlechten Witz erzählt habe, dann war er wahrscheinlich einer von seinen.
Wenn mein Vater zu Hause war, was selten der Fall war, wurde er schon bei den kleinsten Dingen aggressiv und ließ seine Wut an mir aus.
„Ohne dich hier wäre mein Leben so perfekt, Morana. Ich hasse dich für alles, was du mir angetan hast, und vor allem, weil du meiner Frau und mir das Leben genommen hast, du kleine Scheißhure.“ Ja, ich war fünf Jahre alt und wurde von meinem eigenen Vater als Hure bezeichnet. Um ehrlich zu sein und obwohl ich damals nicht einmal wusste, was das bedeutete, weinte ich trotzdem.
Das Schlimmste daran war, dass ich genau wie meine Mutter aussah. Nicht, dass ich nicht wie sie aussehen wollte, denn sie war wunderschön gewesen, aber das machte alles noch schlimmer und gab meinem Vater einen weiteren Grund, seine Wut an mir auszulassen. Ich hatte ihr hellblondes Haar, eine blasse Haut und mein Gesicht war mit Sommersprossen übersät, die sogar im Winter sichtbar waren.
Ich hasste es, wie ich aussah, denn wenn ich wie Oliver ausgesehen hätte und ein Junge gewesen wäre, hätten wir vielleicht eine normale Beziehung führen können. Das sagte er mir zumindest jeden Tag.
Wie du siehst, war er kein großer Feminist.
Man sagt mir, dass er sich, als er meine Mutter kennenlernte, um sie kümmerte, als wäre sie ein kostbarer Diamant gewesen. „Ein gefallener Engel mit einem Herz aus Gold“, soll er sie genannt haben.
Ich glaube ihnen nicht wirklich, und ich kann nicht sagen, ob er meine Mutter wirklich geliebt hat. Ich meine, die Art, wie er mich behandelt, und die Art, wie er andere Menschen behandelt, sind zwei verschiedene Welten. Deshalb macht mich der Gedanke, dass er meine Mutter so behandelt haben könnte, wie er mich jetzt behandelt, krank. Niemand wird je erfahren, ob Oliver Angela damals missbraucht hat, denn dieser Mann hat so viel Macht und kann sein wahres Gesicht im Handumdrehen ändern. Jedes Mal, wenn ich mir alte Fotos von ihnen ansehe, sehe ich meine Mutter mit blauen Flecken, und auf einem Bild kann man sogar sehen, wie ihre Lippe blutet. Wenn es stimmt, dass er sie so behandelte, wie er mich behandelt hat, kann ich es ihr nicht verübeln, dass sie lieber sterben wollte, denn ich wollte dasselbe, als ich mit ihm zusammen war. Er hatte ihr bestimmt versprochen, dass sich mit mir alles ändern würde, so wie er es immer tut.
Ich hoffe nur, dass ich mich irre und er damals wirklich ein Engel war und die Verletzungen nur von ihrem Eisenmangel herrührten, der dazu führt, dass sich leicht blaue Flecken bilden, wenn man nur aus Versehen gegen etwas stößt. Ich weiß das, weil ich das auch habe, und das macht die Schläge verletzender und sichtbarer. Aber schließlich werde ich die Wahrheit nie erfahren.
Ich sprach nie mit jemandem darüber, wie missbräuchlich und traumatisierend meine Kindheit war, weil ich nicht wollte, dass die Leute Angst um mich haben oder, noch schlimmer, mir nicht glauben. Jeder einzelne Tag mit ihm fühlte sich an, als ginge man durchs Feuer. Jeder Tag war gleich. Er kam spät nach Hause, ging in Bars und prügelte danach, so wie er es nannte, die Scheiße aus mir heraus.
Jeden. Einzelnen. Tag.
Aber es gab diesen einen Tag, der für mich der traumatischste in meinem ganzen Leben war.
Es geschah an einem Samstagmorgen, es war ziemlich warm draußen für einen Frühlingstag im April. Die Nacht davor war auch bereits ein wenig seltsam. Oliver hatte einen Tag frei und war zu Hause und nicht wie sonst in Bars unterwegs, aber er trank trotzdem sein verdammtes Bier und sah dabei fern. Aber wenigstens war jemand mit mir im Haus und ich war nicht allein mit meiner Angst vor Monstern unter meinem Bett wie jedes Kind in diesem Alter.
Und, Moony, lach mich nicht aus, weil ich an Monster glaube, ich weiß, dass sie da waren und meine Limonade getrunken haben.
Jedenfalls fühlte ich mich nachts mit Oliver im Haus einigermaßen sicher, obwohl das wahrscheinlich komisch klingt.
An diesem Morgen weckte er mich früh, damit ich ihm Frühstück machen konnte, was ich für eine Fünfjährige ziemlich gut konnte, auch wenn es nur ein Toast war, der zur Hälfte mit Erdbeermarmelade und zur anderen Hälfte mit Erdnussbutter bestrichen war.
Übrigens immer noch eines meiner Lieblingsgerichte.
Es war der erste Morgen, an dem er nach ein paar Wochen wieder einiger massen nüchtern war, und auch das erste Mal seit Jahren, dass wir zusammensaßen und frühstückten, denn normalerweise war er morgens auf der Arbeit oder schlief noch in irgend einer Bar.
„Hast du dir für heute schon etwas vorgenommen?“, fragte er, während er eine Augenbraue hochzog und seinen Toast noch im Mund hatte.
Natürlich antwortete ich mit Nein, ich meine, welche Pläne könnte eine Fünfjährige haben, außer mit Puppen zu spielen, die sie gar nicht hat?
„Hast du Lust, heute Abend zu einer Marketingveranstaltung in meinem Büro zu gehen? Mein Chef macht mich wahnsinnig mit all den Fragen über dich, er sagt, er glaubt mir nicht, dass ich eine Tochter habe und dass ich die ganze Zeit gelogen hätte, weil ich nie über dich gesprochen habe oder dass ich keine Bilder von dir in meinem Büro hängen habe. Lächerlich, ich meine, ich kenne niemanden, der so einen Scheiß macht, niemand tut so etwas.“ Doch, Dad, das tun sie, dachte ich. Alle Väter, die ihre Töchter lieben, tun das. Du liebst deine nur nicht, deshalb. „Wenn ich es ihm in den nächsten Tagen nicht beweise, lässt er mich erst um Mitternacht Feierabend machen, und du weißt ja, wie gerne Papa rausgeht und Zeit mit seinen Freunden verbringt, nicht wahr? Würdest du also gerne mit mir kommen, nur dieses eine Mal, Morana?“
Arschloch. Natürlich weiß ich, wie sehr du deine Freunde und deinen verdammten Alkohol liebst, ich war diejenige, die als Kind jeden Tag damit zu tun hatte.
Sein Chef lag gar nicht mal so falsch, Oliver war auch kein Vater, nur weil er derjenige ist, der mich gezeugt hat, heißt das nicht, dass er mein Vater ist, oder jemand ist, den man Vater nennen kann.
Ein Vater sollte sein Kind lieben und sich um das Kind kümmern, egal was passiert. Er sollte jedem in seinem Büro und auch der ganzen Welt zeigen, wie sehr er seine Tochter liebt, und sie nicht verstecken, damit niemand weiß, dass es sie überhaupt gibt, weil er von ihr enttäuscht ist und sie sogar hasst.
Ich wusste, dass mein Vater bei anderen Leuten ein ganz anderer Mensch war, deshalb liebten ihn so viele Leute. Oliver Cusano, der heiße Witwer mit mehr Charme und gutem Aussehen als Verstand.
Aber es war verrückt, dass nur seine eigene Tochter wusste, wie furchtbar dieser Mistkerl eigentlich war.
Als wir bei der kleinen Veranstaltung in seinem Büro ankamen, sagten alle meinem Vater, wie süß ich sei und wie toll er mich erzogen habe. Wenn sie nur wüssten, dass ich es war, die sich großgezogen hat, weil ich keine andere Wahl hatte, und nicht Oliver.
Es war das erste Mal, dass ich so viele Menschen gleichzeitig in einem Raum sah. Außer bei der Beerdigung meiner Mutter aber an diesen Tag kann ich mich nicht mehr erinnern, aber über meinem Kopf hing zur Erinnerung ein Bild von ihrem Grab, falls ich je vergessen sollte, wer sie getötet hat.
Ich trug meine schwarze Lieblingsjeans und ein Hello-Kitty-Shirt mit einer kleinen blauen Jacke, damit mir nicht kalt wurde, wenn es spät wurde.
„Che bella ragazza“, sagten alle, als sie mich sahen.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also nickte ich nur mit dem Lächeln, das Oliver und ich geübt hatten, bevor wir hierherkamen.
Der Chef, Herr Jorgan, zeigte auf meinen Körper und wies hin wie dünn ich war. „Habe ich dir nicht genug Geld gegeben, um dein Kind zu ernähren? Sie sieht ja aus wie ein Skelett!“ Ich fühlte mich sehr unwohl, weil ich wirklich seit mehr als 12 Stunden nichts mehr gegessen hatte und es nicht das erste Mal war, dass ich Hunger hatte. Aber warum um alles in der Welt würde man ein Kind als Skelett bezeichnen, selbst wenn man damit recht hätte?
„Moranas Mutter Angela war immer sehr dünn. Erinnerst du dich nicht? Das liegt an den Genen, nicht wahr, Morana?“, antwortete Oliver und machte daraus eine Frage für mich. Ich nickte wie meistens, wenn mein Vater eine Lüge über mich erzählte, aber dieses Mal konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Wenn ich je einen dummen Satz, den ich jemals in meinem Leben ausgesprochen habe, löschen könnte, dann wäre es dieser eine. Die Worte, die ich nie vergessen würde.
„Nein, ich habe einfach nicht genug Essen zu Hause, weil ich noch nicht kochen kann und Papa nie zu Hause ist, also habe ich meistens nichts Gutes zu essen, außer meinen Lieblingskeksen in der Keksdose, wenn die Monster sie nicht auffressen. Und außerdem bin ich noch zu jung, um das Bier zu trinken, das in unserem Kühlschrank steht, das sagt zumindest Pete.“
So antwortete ich auf seine Frage und wünschte, jemand hätte mir damals einfach den Mund zugeklebt. Ich weiß nicht, warum ich so dumme Dinge gesagt habe. Ich meine, es war die Wahrheit, die Realität, in der ich lebte, aber ich wusste, dass ich anderen Leuten nicht erzählen durfte, wie mein Vater und ich lebten, denn wenn ich das getan hätte, hätte Oliver mich umgebracht. Ja, Moony, das waren seine eigenen Worte. Oliver hatte Angst, seinen Job zu verlieren, wenn es jemand herausgefunden hätte, dann hätte er auch kein Geld mehr, um seine Drogen zu kaufen.
Die Leute, die vor uns saßen und zuhörten, waren plötzlich sehr still und schockiert, weil ein kleines Kind all diese Dinge sagte. Und wie das Schicksal es wollte, war eine der anderen Begleitpersonen eine Mitarbeiterin vom Jugendamt, die mit weit aufgerissenen Augen jedes meiner Worte mithört hat.
Ich konnte sehen, wie Olivers Gesicht vor Wut oder Verlegenheit rot wurde und seine Hände sich zu Fäusten ballten, von denen ich wusste, dass sie mich treffen würden, sobald wir zu Hause ankamen.
„Ha, ist es nicht komisch, wie viel Fantasie ein kleines Kind haben kann? Morana hat nur eine Phase, in der sie bei allem überreagiert. Sie ist fünf Jahre alt, sie kann noch nicht einmal ihren Namen schreiben. Also bitte, wir sind eine glückliche und von Gott gesegnete Familie, wir zwei. Also, Morana, ich möchte nicht, dass sich die Leute wegen gar nichts Sorgen machen. Sei nicht dumm, meine Liebe“, sagte Oliver mit einem nervösen Lächeln, während ihm der Schweiß das Gesicht herunterlief. Was für ein verdammter Lügner er doch war, der versuchte, so schnell wie möglich aus der Situation herauszukommen. Mein Körper zitterte, weil mir klar wurde, was ich gerade getan hatte. Die Wahrheit war ausgesprochen.
„Ich glaube nicht, dass Kinder in einem so jungen Alter schon so viel Fantasie besitzen, vor allem, wenn es um Missbrauch geht. Ich glaube nicht, dass Morana über so etwas lügen würde. Herr Caslano, ich kenne meinen Job, und ich habe diese Art von Gesprächen schon mehrfach geführt“, sagte die Mitarbeiterin des Jugendamts, während alle Anwesenden sie mit offenem Mund anstarrten und nichts sagten. Ihr Haar war schmutzig blond und der Haarschnitt, den sie trug, nannte sich Bob, glaube ich, und sie trug ein enges schwarzes Kleid, das sich ihrem Körper anpasste, als wäre es nur für sie geschnitten worden. Sie trug rote Stöckelschuhe, und um ehrlich zu sein, sah sie aus wie eine Chefin, die ihr ganzes Leben im Griff hat und weiß, wie die Dinge laufen, während sie mit ihrer kräftigen Stimme zu meinem Vater sprach. Ich hatte das Gefühl, dass sie versuchte, mir zu helfen, und ich dachte nur: Endlich glaubte mir jemand, auch wenn ich mir wünschte, ich hätte es nie gesagt. „Signora Bonnette, ich möchte, dass Sie sich beruhigen und etwas trinken, vielleicht würde Ihnen ein Cocktail gut tun. Ich weiß, dass Sie Ihren Job sehr ernst nehmen, aber ich denke, ich kenne mein Leben am besten und ich liebe meine Tochter. Also bitte, hören Sie auf, Gerüchte über unser Leben zu verbreiten. Sex on the Beach oder lieber einen Tequila-Shot? Oder zwei?“, sagte mein Vater mit seiner charmanten Stimme, mit der er auch weiterhin versuchte, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Moony, ich dachte wirklich, dass dies die einzige Frau war, die die Lügen meines Vaters nicht glaubte. Sie wirkte so stark und so, dass ich wirklich hoffte, sie würde ihm nicht glauben.
Aber kaum waren die Lügen aus seinem Mund gekommen, ging sie zu meinem Vater, entschuldigte sich dafür, dass sie so ein Drama daraus gemacht hatte, und fiel Oliver in die Arme, als sie zur Cocktailbar gingen. Ich war zu geschockt, um auch nur ein Wort zu sagen, während das alles passierte. Ich hatte einen Funken Hoffnung in diese Frau gesetzt, sie war die Einzige, die mir geholfen hätte oder es zumindest konnte und die Einzige, die Oliver vor all den anderen bloßstellen konnte, damit sie alle endlich sein wahres Gesicht sehen konnten und ich in ein Kinderheim gehen konnte. Aber stattdessen gingen sie an die Bar und tranken mindestens fünf Cocktails, jeder von ihnen, und natürlich zahlte der charmante Oliver. Kurz nach diesem kleinen Drama taten alle so, als wäre nichts passiert, und gingen wieder zum Tanzen oder auf ihre Gespräche über.
Die Stunden vergingen, und ich saß allein auf einem Stuhl und aß die Snacks, die auf dem Tisch standen, während alle feierten, lachten und tanzten. Ich aß in meinem Leben noch nie so viel. Es war auch der Tag, an dem ich herausfand, dass ich eine Laktoseintoleranz habe, denn nach all der Milchschokolade musste ich so schnell wie möglich auf die Toilette gehen.
Ich war auch sehr müde vom langen Sitzen auf dem Stuhl, mein Hintern schmerzte und brannte wie Feuer.
Damit ich nicht aus Versehen einschlief, meinen Hintern die nächsten Tage nicht mehr zu spüren bekam und wegen meiner Bauchkrämpfe nicht auf dem Boden liegen wollte, stand ich auf und bahnte mir einen Weg durch die tanzenden Leute, um zuerst nach meinem Vater zu suchen, den ich nicht mehr gesehen hatte, seit er mit dieser Frau, die mir einen Funken Hoffnung geschenkt hatte, an die Bar gegangen war. Moony, ich wünschte, ich wäre einfach auf meinem Stuhl sitzen geblieben. Die Krämpfe wären mir lieber gewesen.
Nachdem ich die beiden zehn Minuten lang gesucht und nicht gefunden hatte, ging ich auf die Toilette, weil ich es wirklich nicht mehr aushielt und nicht mehr die Kraft hatte, weiter nach ihnen zu suchen. Ich fragte den Kellner, wo die Toilette sei, und er zeigte mir den Weg mit seltsamen Handzeichen, er konnte kein Italienisch, aber ich glaube, er verstand das Wort „Toilette“.
Als ich die Badezimmertür öffnete, was ich lieber nicht getan hätte, fand ich Oliver und die Frau. Beide waren nackt und hatten Sex. Beiden war es ziemlich peinlich, mich zu sehen, vor allem der Frau. Aber um ehrlich zu sein, war ich nicht sonderlich überrascht, ich hatte Oliver schon mehrmals zu Hause beim Sex mit einer anderen Frau gesehen, aber noch nie auf einer Party, weil ich ja auch noch nie an einer war, also war das dass einzig Neue für mich.
Ich verließ das Bad und ging stattdessen auf die Herrentoilette, was für mich auch in Ordnung war.
Kurz nachdem sie fertig waren und zur Party zurückkamen, nahm mich Oliver auf seine Schulter und sagte mir, dass wir gleich gehen würden. Es hätte süß aussehen sollen, auf seiner Schulter zu liegen, aber ich wusste, was das bedeutete: Ich bekomme Prügel, sobald wir zu Hause ankommen.
Als wir ins Auto stiegen, war das einzige Geräusch, das ich hörte, sein tiefer und wütender Atem.
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