Cover: Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Magie und Dämon

Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Magie und Dämon
Band 4


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 594
ISBN: 978-3-7116-0277-0
Erscheinungsdatum: 07.03.2025
In Ethaborn verschwinden Elbinnen und die Suche führt Tharandil tief in den Berg. Zudem erwacht in Ruthiel eine Magie, die alle erschaudern lässt. Welche Verantwortung wird ihr in Zukunft zuteilwerden? Doch zunächst muss sie zur Ausbildung in den Turm.
Abschnitt I


Ruthiel, die Magierin

Ruthiels Geheimnis

König und Stellkönigin verbringen seit dem Tage, an dem der Bote in das Esszimmer stolperte, halbe Nächte in der großen Bibliothek und werten die Nachrichten aus, die ihnen mittels Scherben und Boten zugetragen werden. Eine schlechte Kunde jagt die nächste, nirgendwo ein Lichtblick, nirgends ein Hoffnungsschimmer, und in ihre Gesichter gräbt sich die Sorge. Mehr und mehr und immer schneller bröckelt die Front und ist, das müssen sie sich rasch eingestehen, unhaltbar. Der Gardemeister zieht noch an der Schlachtlinie die letzte Konsequenz und gibt den Befehl zum sofortigen Rückzug.
Jeder Tag, der ohne Informationen über Nimrond und ihre beiden Leibwächter einhergeht, lässt Tharandil nervöser werden. Bange ist ihm ums Herz, um seinen Geliebten und die beiden Halunken und um alle anderen Jäger und Jägerinnen und zivilen Streiter, welche im Namen vom „Haus der Bäume“ nun versuchen, ihnen genügend Zeit für einen geordneten Abmarsch zu verschaffen. Deren Widerstand gegen die anstürmenden Echsentruppen ist wohl für viele Elben und Elbinnen der letzte Dienst, den sie für ihr Königshaus noch tun können. Wie soll er denen dieses Opfer jemals danken?

Ruthiel und Hamiko stehen am Rande des Geschehens, aber sie beobachten genau, was vorgeht. Die Veränderung im Verhalten der Erwachsenen in ihrem Umkreise erfüllt ihre kleinen Herzen mit Furcht. Ihre Mutter ist mit einem Male überaus beschäftigt mit ernsten Angelegenheiten und bringt weniger Zeit als sonst üblich für gemeinsame Unternehmungen auf. Eigentlich sehen sie Jamena fast nur noch zu den Mahlzeiten und des Abends spät, dann huscht sie noch mal schnell zu ihnen an die Betten und küsst ihre Lieblinge. Manchmal sind Ruthiel und Hamiko aber auch schon eingeschlafen und ihre Mutter schleicht auf Zehenspitzen ins Zimmer.
Gerne würde die Stellkönigin den sich überschlagenden Ereignissen Einhalt gebieten und alles wieder auf „Null“ drehen, aber nichts und niemand kann den Lauf der Dinge bremsen.
Dann kommt der Tag, an dem Tharandil schweren Herzens den Befehl zum Aufbruch nach Gydland erteilt, und in der Hauptstadt verlesen Sprecher seine Aufforderung an alle Bewohner von Varngond, mit ihnen in das Nachbarland, das Reich von König Barin, zu fliehen. Ein Verbleib und Gegenwehr-Leisten unter den gegebenen Umständen wäre glatter Selbstmord oder der Gang in die Leibeigenschaft. Trotzdem bleibt ein Teil der Elben aus den verschiedensten privaten Gründen in ihren gewohnten Gefilden.
Und dies, obwohl Tharandil ihnen einen sicheren Ort verspricht, an dem sein Volk siedeln wird können, und was noch wichtiger ist, dort haben sie Zeit und Ruhe, um einen Plan für die Rückeroberung zu schmieden. Wie lange ihr Aufenthalt im Exil andauern wird, steht in den Sternen, aber jeder mit ein bisschen Verstand hinter der Stirn weiß, wir reden hier von Jahren.
Immer wieder betont Tharandil, diese übereilte Abreise, das Wort Flucht vermeidet er, stellt keine Kapitulation dar, sondern nur ein rein taktisches Vorgehen. Erstens, zum Schein nachgeben, zweitens, einen behüteten Platz aufsuchen, drittens, eine schlagkräftige Armee aufbauen samt Vormarschstrategie, und viertens, mit voller Kraft auf die Echsen dreinschlagen. Manchmal braucht es einfach Zeit und Geduld, damit man an sein Ziel gelangt, und der Rückzug in sichere Gefilde bildet den Auftakt für eine Heimkehr. Irgendwann.
In Windeseile packen die Mitglieder der Königsfamilie ihre privaten Habseligkeiten. Organisieren dazu den Auszug aus Schloss und Stadt und nebenbei müssen sie noch an die Elben und Elbinnen denken, die ausharren wollen.
Nimronds drastische Darstellung dessen, was sich unter den Echsen abspielt, verursacht Hektik und Durcheinander allerorten. In fast jedem Gesicht spiegelt sich die Angst davor, überrannt zu werden, die Furcht vor der ungewissen Zukunft und die übermäßige Anstrengung, denn Tag und Nacht arbeiten sie an ihrem Fortgang und die Stunden rennen dahin. Was muss nicht noch alles erledigt werden, und der Berg der Dinge, die wohl aus Zeitmangel liegen bleiben, wächst anstatt kleiner zu werden. Was nehmen wir mit und was überlassen wir den schuppigen Stinkern. Was ist das Allernötigste? Geld und Gold für König Barin, Lebensmittel und Futter für die Tiere, dazu Kleidung und Hausrat, um sich neu einzurichten, und natürlich auch ein paar persönliche Sachen. Einige wenige Dinge, die einem am Herzen liegen, Bilder, Schmuck, Parfum, der Lieblingskamm, kleine Statuetten von den Göttern und Spielzeug für die Kinder.
Wenn es ginge, würden sie gleich drei Sachen in einem Rutsch erledigen, so sehr drängt die Zeit, und doch muss alles der Reihe nach abgearbeitet werden, und damit auch ja kein Punkt vergessen wird, rennt ein jeder von ihnen mit einer Liste in der Hand rum. Alle Bewohner vom Schloss bekamen ihren Anteil an den für die Abreise zu verrichtenden Vorbereitungen zugewiesen, Tharandil und Jamena erledigen ihren Part im gleichen Maße wie Mägde und Knechte, Zofen und Stallburschen, Jäger und Küchenpersonal.
Sind sie erst mal auf der Straße unterwegs, gibt es kein Umdrehen mehr. Was unverrichtet an Ort und Stelle zurückbleibt, bleibt unerledigt und ist unweigerlich verloren.
Ruthiel jammert seit Tagen, weil es langsam ernst wird mit der Abreise aus Varngond. Die Aussicht, in ein anderes Land gehen zu müssen, schreckt sie. Die großen Kisten und Koffer mit ihren Habseligkeiten wurden bereits von Almuth gepackt und stehen zum Abtransport auf dem Gang. Es gibt keinen anderen Weg, auch wenn sie es noch so sehnsüchtig hoffte und Inana jeden Tag in der Palastkapelle Blumen brachte und um ein Wunder bat. Sie alle werden die gewohnte Umgebung, die heimeligen Kammern und vertrauten Flure im Schloss übermorgen verlassen.
Am letzten Abend weint Ruthiel beim Nachtmahl und Jamena nimmt sie in die Arme und trägt sie ins Bett.
Von einer etwas anderen Seite aus betrachtet Hamiko die Lage. Klar, er ist ja auch schon groß und ein halber Mann. Er weiß, dass eine Katastrophe im Anmarsch ist, er hat doch Augen und Ohren, und dies verursacht ein ungutes Kribbeln in seinem Bauche. Ihr Leben erfährt gerade eine plötzliche Wendung in eine unfreundliche Richtung, aber der Aufbruch in ein fremdes Land bedeutet für ihn ebenso den Beginn eines großen Abenteuers.
An dem Gedanken hält er sich fest, und seitdem er davon erfahren hat, vollbringt er in seinen Tagträumen an der Seite von Xernot manche Heldentat. Hinaus in die weite Ferne und in ein vollkommen unbekanntes Gebiet jenseits eines Tores soll es gehen. Hat er zumindest gehört von den Fuchsjägern der Garde, allerdings waren die fünf Freunde gerade dabei, die Weinvorräte, soweit sie es vermochten, in sich hineinzuschütten. Wäre doch schade, wenn der gute Tropfen in Echsenschnauzen fließen täte.
Seit Tagen überlegt er, wie es dort wohl aussehen mag. Vielleicht gelbe Bäume und rotes Wasser mit Himbeergeschmack, und Zuckerstangen wachsen wie Stangenbohnen an Ranken.
Vorsichtshalber hängt er sein Schwert an den Gürtel seiner Jacke und steckt seinen Dolch in den Stiefelschaft. Sollte es außer Süßkram dort auch widerliche Monster geben, ist er bestens vorbereitet. Meint er, es gäbe irgendetwas, wovor sich seine Schwester fürchtet, oder sie schwebe in höchster Gefahr, rennt er gleich mutig herbei und schlägt die Feinde in die Flucht. Er ist Ruthiels Beschützer und Galan und wenn er auf seinem Pony im Schlosspark angetrabt kommt, schaut sie voller Stolz auf ihren starken Jäger.
Das Holzschwert in den kleinen Händen, geht der Knirps des Abends in den sparsam ausgeleuchteten Nebenfluren im Palast vorneweg und ebnet ihr den Weg, jegliches Ungetier mäht er in seiner Fantasie nieder oder verjagt es mit lauter Stimme. Oft läuft sie ihm hintendran mit einer Krone aus Papier auf dem Kopf und einem roten Umhang aus einer alten Decke genäht um die schmalen Schultern. Sämtliche Bedienstete, die Männer und Frauen der Schlossgarde und der Wachen, lächeln breit, wenn sie die zwei Kinder daherschreiten sehen. Wahrlich jetzt schon ein schönes Königspaar, Bruder und Schwester. Ihre Kinderspiele von Stellkönig Hamiko und Königin Ruthiel sind ab sofort Schnee von gestern.
Noch ist es Nacht, als Jamena und Mavron ihre beiden Kinder aus den Betten holen und ankleiden. Verschlafen murren die zwei Sprösslinge und reiben sich die müden Augen. Zu so früher Stunde am Tische zum Frühmahl zu sitzen, wirft sie aus ihrem Rhythmus, und außer einem Glas Milch und etwas süßem Brot kriegen sie nichts hinunter. Ruthiel hält ihre Puppe fest umklammert und Hamiko hat sein Stoffpferdchen unter den Gürtel mit dem Holzschwert geklemmt. Ohne sein Pony wollte er keinen Schritt aus seinem Zimmer tun.
Im flackernden Licht der Fackeln und Siberyllaternen setzt Jamena das kleine Mädchen und den etwas älteren Jungen in die große Kutsche, küsst sie auf die Wangen und schlägt dann die Wagentür zu. Dem Jäger davor befiehlt sie, ja mit allen Sinnen auf die Kinder acht zu geben. Fünf und acht Elbenjahre alt sind Ruthiel und Hamiko an diesem Morgen und was verstehen Kinder schon von der Invasion der Echsen und dem Krieg, den diese mit sich bringt und der ihr Heimatland mit Grauen überzieht. Alles, was ihnen wichtig ist und für sie bis heute ein sicherer Hort war, versinkt im Chaos eines übereilten und hastigen Aufbruches. Schnell muss es gehen, nur fort von hier, die Schuppentiere stehen quasi bereits vor dem Tor des Palastes.
Immerhin gibt es für Ruthiel ein Trostpflaster für ihre traurige Seele an diesem Morgen, die neugeborenen Kätzchen maunzen sie aus ihrem Körbchen an. Auch wenn Jamena anfangs ein Machtwort sprach, die Mäusejäger können sich ihrer Meinung nach unter den neuen Bewohnern selber versorgen, finden sich die Schnurrer kurz vor der Abfahrt in der Staatskarosse ein. Tharandil und Almuth schleppen den Bastkorb samt Katzenmutter in letzter Minute an, bevor die Pferde lostraben. Ruthiel bat am Vortag an allerhöchster Stelle, bei Tharandil, um Hilfe.
Jetzt ist sie glücklich, soweit ein kleines ängstliches Mädchen dies sein kann. Eng drückt sie sich an Hamiko, der ist stark, der beschützt sie, der hat sein Schwert mitgebracht, und die Augen fallen ihr zu.
Schweigend und mit Tränen in den Augen räumen die im Palast verbleibenden Elben und Elbinnen den Tisch mit den Resten des Frühmahles ab. Zur selben Zeit erhellt ein blasser Streif den Horizont und dort hinein, in die aufgehende Sonne, fahren die Wagen. Gleichzeitig setzt sich ein Treck aus hunderten von Fuhrwerken, unzähligen Reitern, Fußgängern und Haustieren mit Tagesbeginn von Kyomoto aus in Bewegung und vereint sich mit den Kutschen und Leiterwagen der abreisenden Königsfamilie und ihrer Leute.
Wohlaufgehoben in der großen Königskutsche schlummern Ruthiel und Hamiko zusammen mit der Katzenfamilie. Kaum lagen die Kinder in Decken und Fellen eingemummelt auf den Bänken, schliefen sie auch schon wieder ein.
Neben dem Gefährt traben Jamena und Mavron auf ihren Pferden und Tharandil reitet in Begleitung einiger Fuchsjäger allen vorneweg unter dem Banner vom „Haus der Bäume“. Solange diese Fahne über ihren Häuptern weht, so lange besteht Hoffnung.
Später auf ihrem Wege zum Tor schließen sich aberhunderte von Armeeangehörigen und Zivilisten dem Zug an.
Mehr Leute, als Tharandil annahm, schafften es, vor den Echsen davonzueilen, bevor die sie töten oder gefangen nehmen konnten. Ob König Barin in Gydland sich über so zahlreichen Besuch freuen wird, bezweifelt Tharandil mit jedem Elben und jeder Elbin, die bei ihnen anlangen, mehr und mehr.
Ein Planwagen hinter dem nächsten, dazwischen einfache Leiterwagen und Handkarren, Elben und Elbinnen auf Reittieren und zu Fuß, dazu ein Gewimmel von Haustieren jeglicher Art. Wer abseits am Wegesrand steht und aus der Ferne den Tross erblickt, schaut einen aus tausenden von Individuen bestehenden Lindwurm.
Sie rasten kaum, nur des Abends halten sie für die dunkelsten Stunden der Nacht, Tier und Elbe bedürfen der Ruhe. Auch wenn die Zeit immer knapper wird, schnell, schnell zum Tor nach Gydland, und Tharandil die Reise zu langsam voran geht. Aber er muss Rücksicht nehmen, da sind Kinder und Schwangere, Alte und Verwundete und Kranke. Wenn er alleine unterwegs wäre, da wäre er schon längst auf der anderen Seite. Die Verantwortung für sie umschlingt ihn mit eisernen Ketten und statt zu rennen, bleibt ihm nur ein Tippeln. Er weiß, er wäre ein schlechter König, täte er sich davonmachen, um seinen Hintern schon mal in Sicherheit zu bringen, und seine Leute ihrem Schicksal zu überlassen.
Sollten die Echsen sie einholen oder gar überholen, dann stirbt er mit ihnen. Das kann man ja wohl von einem Regenten erwarten.
Zu ihrem Glück liegt der Übergang in einem noch nicht von den Echsen eingenommenen Gebiet von Varngond. Die kommen von der gegenüberliegenden Seite heranmarschiert.
Je näher sie dem rettenden Durchschlupf kommen, desto zahlreicher werden sie. Das Volk der Waldelben strömt aus allen Löchern, um sich mit ihrem Treck zu vereinen. Tharandil überlegt mehrfach, ob es wirklich eine so gute Idee war, lauthals alle zum Mitkommen aufzufordern. Was aber jetzt total egal ist, dass er ein Schlupfloch kennt und die Biege macht mit den Seinen, hätte sich dank der immer prächtig funktionierenden Klatschleitungen unter den Jägern sowieso in Windeseile rumgesprochen. Und die Leute einfach wieder fortschicken, kann er als ihr König natürlich auch nicht.
Die vor dem Tor auflaufende Masse an Elben führt unweigerlich zu einem Stau und es entstehen Zank und Streit unter den Flüchtlingen. Wer zuerst und wer zuletzt? Einige der Ankömmlinge werden beinahe sogar handgreiflich, um einen Platz an vorderster Stelle zu ergattern.
Eine dermaßen erhitzte Stimmung lässt König Tharandil keine andere Wahl. Er ist gezwungen, seinen Jägern zu befehlen, für Ordnung zu sorgen, und dem kommen sie sofort mit Schwertern in den Händen nach. Schön in der Reihe bleiben, ein Wagen nach dem anderen, eine Sippschaft nach der nächsten, und um ein gutes Beispiel abzugeben, heißt er seiner eigenen Familie, sich hinten anzustellen. Erst als die Hälfte aller Wartenden hindurch ist, erlaubt er Mavron, die Kinder auf die andere Seite zu bringen.
Nur er, Jamena und Nimrond reiten mit ein paar Jägern als Vorhut in Gydland ein. Laroman und Xernot bleiben ebenso auf ihrer Seite zurück, ihnen obliegt es, in des Königs Namen für Ruhe und einen ordentlichen Ablauf zu sorgen. Zu jeder Tages- und Nachtstunde wandern die Elben nun durch das Nadelöhr und es dauert trotzdem seine Zeit, bis auch der letzte Kuhschwanz hinter der silbrig schimmernden Pforte verschwindet.
Sie verschlafen die Passage, auch weil Mavron ihnen einen Schlaftee gegen Abend eingeschenkt hat. Wie zwei Eichhörnchen im Kobel aneinander gekuschelt liegen Hamiko und Ruthiel auf dem Boden der Kutsche, eingelullt vom sanften Schaukeln und Mohnsaft.
Erst gegen Morgen erwachen sie in einem fremden Land. Dabei zeigt sich Hamiko ein wenig ernüchtert über das, was seine Augen durch das Fenster des Prunkwagens erblicken. Wiesen, Wald, Tiere, Elben, irgendwie hatte er sich Gydland anders vorgestellt. Hier sieht es ja aus wie zu Hause, die Höfe und Häuser genauso gebaut wie bei ihnen auf dem Lande. Von wegen Glaspaläste mit silbernen Dächern, bäuerlich und einfach, aber zweckmäßig sind Wohngebäude und Ställe aus Holz und Lehmziegeln errichtet.
Sein Traum vom Zuckerstangenernten und süßen Wasserrinnsalen verfeinert mit Beerensirup zerplatzt in dem Moment, als er die neue Umgebung in Augenschein nimmt.
Jedoch, seine Enttäuschung wandelt sich im Laufe des Tages in Erstaunen um, denn das erste Mal in seinem Leben begegnet er Menschen. Zunächst wähnt er, es seien nur fremde Elben, weil ihre Kleidung der ihren ähnelt, aber dann bemerkt er markante Unterschiede und die Sache wird spannend für ihn. Was reden die doch in einer für ihn seltsamen und unbekannten Sprache und einige der Männer haben Haarwuchs an den Wangen und unter dem Munde. Sowas haben Ruthiel und Hamiko vorher noch nie gesehen, Bärte, gestutzt oder handbreit herabhängend vom Kinn, und Ruthiel fragt allen Ernstes: „Uma, kriegen die Frauen auch einen Pelz im Gesicht, wenn sie erwachsen werden?“
Schon nach wenigen Tagen toben die zwei Rabauken gemeinsam mit anderen Elbenkindern und dem Nachwuchs der Menschen aus dem nahegelegenen Dorf herum. Neugierde hüben wie drüben und schnell stellen sie fest, so anders spielen die Kinder hier auch nicht. Vertraut sind ihnen Seilspringen, Verstecken, Ballwerfen, und rasch erlernen sie in der kurzen Zeitspanne, die sie gemeinsam auf dem Anger verbringen, eine Menge neuer Wörter aus dem Sprachschatz der Gydländer. Jamena kann nur staunen, mit was für Begriffen die zwei Knirpse um sich werfen, „Bitte“ und „Danke“ wäre wünschenswert, stattdessen prahlen sie mit deftigen Ausdrücken aus dem Bereich der Tierwelt. Eigentlich haben Ruthiel und Hamiko genug vom Wandern, aber nochmal werden die Zugtiere ins Geschirr gespannt und das Elbenvolk macht sich auf zu seinem endgültigen Ziele. Einem Landstrich, der ihnen von König Barin zugewiesen wird, und so müssen sie ihren neugewonnenen Spielgefährten „Lebe wohl“ sagen.
Der neue Ort bietet spannende Möglichkeiten für kleine Elblinge, halbverfallene Gebäude von Wildnis umwuchert, laden regelrecht dazu ein, darin rumzukriechen. Da verstecken sich bestimmt Untiere in den Büschen und fette Ratten huschen durch das Gebälk. Hier ist Hamikos ganzes jägerisches Können gefragt und er weicht nicht eine Handbreite von der Seite seiner Schwester.
Ruthiel und Hamiko stört es nur rudimentär, dass ihr Leben im Exil in einem baulichen Provisorium, dem alten verfallenen Gutshof, beginnt. Eher das Gegenteil ist der Fall, aufregend ist es hier, und sie nutzen jede Gelegenheit, um aus dem fürsorglichen Augenmerk der Erwachsenen zu verduften.
Was macht es schon, wenn Kammern und Zimmer erst noch hergerichtet werden müssen. Dann schlafen sie halt im Heuhaufen auf dem Boden und die Mahlzeiten werden von allen Mitgliedern und Mitarbeitern des Hofes an einem einfachen Holztisch in der Deele des Stalles eingenommen. Wache neben Stellkönigin, Zofe neben Gardemeister, Wäscherin neben Prinz und Prinzessin, Tharandil holt alle an eine Tafel. Einmal aus Platzgründen, aber auch um ihnen zu zeigen, dass sie zusammengehören und gemeinsam durch diese schwere Phase des Aufbaus gehen. Immerhin geht die Herrichtung der Wohngebäude flott voran und die königliche Familie kann ihre eigenen Zimmer und Gemächer beziehen. Ab diesem Zeitpunkt speisen Regenten und Gesinde wieder getrennt, auf die Dauer wäre Tharandil die Nähe zum einfachen Volke mit Sicherheit leid gewesen.



Jemand ganz anderes sorgt bereits nach einigen Dekaren für leidige Mienen bei Ruthiel und Hamiko. Jamena organisiert gemeinsam mit anderen Frauen zügig einen geregelten Schulunterricht für alle mitgereisten Kinder jeglicher Altersstufen. Darin sind sich die Eltern einig, gerade jetzt in der anstrengendsten Phase, dem Aufbau einer Stadt und eines Gemeinwesens, brauchen die jungen Elben und Elbinnen einen Ort des Lernens, damit sie schnell wieder Fuß fassen, und zudem hat man sie aus dem Wege und kann sich auf andere Dinge konzentrieren.
Lehrkräfte aller Fachrichtungen sind genügend unter den mitgereisten Landsleuten und ein Platz, der sich als Schulgebäude wunderbar eignet für die verschiedenen Jahrgangsstufen, wird ebenfalls nach kurzer Suche aufgetan.
Ein großer rechteckiger mehrstöckiger Turm, ein wenig vom Gelände des Gutes entfernt gelegen, eignet sich hervorragend. Fünf Klassen, auf jedem Stockwerk eine, lassen sich dort mühelos unterbringen. Anfangs mangelt es zwar noch an Inventar und alle sitzen erst mal auf Stroh und Kissen auf dem Boden. Aber das tut der Wissensvermittlung keinen Abbruch und die Schreiner fertigen nach und nach Stühle und Pulte aus dem Holz der Bäume.
Im Gegensatz zu ihrem Bruder, dem die Praxis mehr liegt als die Theorie, versenkt sich Ruthiel bereits vom ersten Schuljahr an regelrecht in den Unterrichtsstoff. Sie besitzt für ihr Alter ein enorm leistungsfähiges Gedächtnis und kürzere Gedichte kann sie alleinig nach zwei- oder dreimaligem Lesen auswendig daher sagen.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Magie und Dämon

Delia Konzi

Gen B89 - Teil 2

Weitere Bücher von diesem Autor

Cover: Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Magie und Dämon

Johanna Maurer

Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Echsen und Enkel

Cover: Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Magie und Dämon

Johanna Maurer

Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Liebe und Leid

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder