Die Könige aus dem "Haus der Bäume" – Echsen und Enkel
Band 3
EUR 29,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 660
ISBN: 978-3-7116-0275-6
Erscheinungsdatum: 03.03.2025
König Gathame aus dem "Haus der Wogen" verbündet sich mit dem Kaiser der Echsen als Dank für die Gewährung eines Verstecks vor König Tharandil. Ganz Pelegorn werden sie gemeinsam einnehmen und künftig darüber herrschen, Gathame giert nach Rache und Macht …
Abschnitt I
König Gathames Verrat
Die anderen Elben
Es ist schon dermaßen viele Äonen her, dass selbst die ältesten vorhandenen Geschichtsbücher der Elben nicht mehr in allen Einzelheiten die Erinnerungen daran in Worten beinhalten. Nur noch vage Hinweise, einige Vermutungen, manche Theorie, aber kaum noch feste, belegbare Fakten sind auf den Seiten zu finden. Worum es sich handelt? Um die Erzählung über einen anderen Teil des Elbenvolkes, um die Männer und Frauen, die damals fortgegangen sind.
Vor langer, langer Zeit teilte sich das bislang zusammenlebende Volk der Elben in zwei Gruppen.
Die größere Anzahl von ihnen verblieb auf Pelegorn und die kleinere Schar zog durch ein Tor davon. Wohin? Das kann heute keiner mehr genau sagen, denn mit dem letzten Elben, der den Torbogen durchschritt, verlor sich jeglicher Kontakt zu ihnen. Damals glaubte man, sie seien für immer und ewig verschwunden und ihre Geschichte verblasste in den folgenden Jahrtausenden und wurde von anderen Ereignissen überlagert. Bis heute, denn eine Handvoll von den Auswanderern kehrte zurück.
Aber von Anfang an und wie es überhaupt zu der Spaltung kam.
Weit, sehr weit in der Zeit zurück, weit bevor die heutigen Königreiche entstanden, und weit bevor Pelegorn das wurde, was es nun ist, lebte das Volk der Elben in den Wäldern, der Ebene, am Fluss und dem Meer und einige Familienverbände sogar schon in den Oasen der Wüste. Ihre Welt und die Gemeinschaft waren jedoch noch nicht gefestigt, in Staaten oder Länder mit Grenzen und Familien, welche über die Gebiete und die darin wohnenden Untertanen herrschten. Fast alle Bewohner zogen als Nomaden umher und sie lebten von der Jagd und dem Fischfang und nebenbei sammelten sie, was die Pflanzenwelt ihnen an Nahrung anbot. Irgendwann im Laufe der Jahrhunderte wurde ein Teil von ihnen sesshaft und sie gründeten die ersten Siedlungen. Anfangs zogen sie noch in die naheliegenden Wälder der Jagd wegen und um die Früchte der Bäume und Büsche zu ernten, aber mit den Jahren lernten sie den Anbau von Getreide und die Viehzucht. Eine Wanderschaft von einem Jagdgrund in den anderen, ihr Zug mit den großen Herden, war nun nicht mehr nötig, um alle Individuen satt zu bekommen.
Dieser Umbruch ihrer Lebensweise führte zu einer besseren und beständigeren Versorgung mit Nahrung, aber ebenso wurden die ersten Kriege gefochten. Siedelnde Bauern stritten mit den weiterhin frei umherziehenden Stämmen ihres Volkes. Sie kämpften unerbittlich um Macht und Grund und Boden. Bruder erhob das Schwert gegen Bruder, Schwester spannte den Bogen gegen Schwester, Allianzen wurden geschlossen und gebrochen.
Die Felder und eingezäunten Wiesen behinderten die zahlreichen Antilopen, Pferde und wilden Rinder in ihrer den Jahreszeiten folgenden Wanderung, und mit dem unendlichen und offenen Grasland schwand somit die Lebensgrundlage der Tiere und mit ihr die der Nomaden. Stetig nahm die Menge des jagdbaren Wildes mit den Jahren immer weiter ab, bis auf die Größe der heutigen Bestände, und die Jäger und Sammler ließen sich infolgedessen letztendlich in den Ortschaften nieder.
Irgendwann bildeten sich aus den anfangs lose zusammenhängenden Siedlungszonen die Königreiche in der jetzigen Form aus diesem Wirrwarr heraus und der Hohe Rat wurde ins Leben gerufen, als eine alle miteinander verbindende Instanz, der es obliegt, den Frieden untereinander zu wahren.
Unter diesen neuen, technische und soziale Entwicklungen begünstigenden, Bedingungen wuchs und gedieh das Volk der Elben als eine Einheit. Ihre Gesellschaft wurde komplexer und vielschichtig. Verschiedenste Berufe und Handwerkszünfte entstanden und ihrer Hände Werk geriet im Frieden, wo es gedeihen konnte, zur Perfektion. Wohlbestellte Ländereien ernährten ihre Besitzer und alle Bewohner der Länder. Wo keine Sorge um das tägliche Brot die Tagesstunden raubt, können die Elben ihrer Fantasie und ihren Ideen Form verleihen und die Künste jeglicher Art, Schriftgut, Malerei, Zierrat und vieles mehr, was zum Leben gehört und es schöner macht, haben ihre Wurzeln in dieser Zeit.
Viele Dinge, so wie sie heute sind, entstanden in grauer Vorzeit und wurden mit Geist und Hand geschaffen, aber eine Sache gab es schon immer. Seit Anbeginn, seit den ersten Stunden, als die Götter das Grau zu einer Kugel formten, zu ihrer Welt namens Pelegorn, existieren die Tore. Sie führen hinein und hinaus aus der von ihnen bewohnten Sphäre und innerhalb ihrer Lande von einer Ecke zur anderen.
Obwohl nun die Entwicklung ihres Volkes, ihres Wissens und ihrer Kunstfertigkeit prächtig voranschritt und alle eigentlich hätten zufrieden sein müssen, gab es Männer und Frauen, welche sich nicht mit der neuen Ordnung anfreunden konnten.
Aus welchen Gründen, meistens persönlicher Art, auch immer, waren sie keineswegs gewillt, sich in das Gemeinwesen einzufügen. Sie lehnten es sogar vehement ab, den Weisungen der Götter für ein friedvolles, harmonisches und gelungenes Dasein zu folgen, und Recht und Gesetz des Hohen Rates galt ihnen keinen Silberling.
Sie lebten nach eigenen Regeln, auch immer um Einklang mit ihrem Nächsten bemüht, nur ließen sie sich nicht von den Göttern in ihr Dasein hineinreden. Für sie waren die Götter etwas, was über ihnen schwebte, ohne eine Verbindung zwischen oben und unten, und das Gleiche galt für den Hohen Rat. Eine Instanz, deren Notwendigkeit sie in Frage stellten, jeder Mann, jede Frau kann für sich sprechen, und Streitigkeiten behoben sie in den Familienräten.
Lange dauerten ihre Querelen gegen die Gemeinschaft nicht an, und der Hohe Rat machte kurzen Prozess, weil deren Unwille sich irgendwie zu integrieren einfach anhielt. Trotz aller hilfreichen Angebote und Kompromissbereitschaft des Rates. Die Mitglieder wurden jegliche Diskussion leid und man stellte den Unverbesserlichen anheim, entweder mit den anderen an einem Strang zu ziehen oder Pelegorn zu verlassen.
Viele von ihnen wählten die zweite Option und gingen in ein fremdes Land, in dem sie eine Zukunft für sich wähnten. Ganze Familien und Dorfgemeinschaften begaben sich auf den Weg. Zusammen mit ihrem Vieh und den sonstigen Habseligkeiten, auf Ochsen- und Pferdewagen gepackt, zogen sie dahin. Sie alle wollten keinem König dienen und keinem Landesherren Steuern zahlen und ihre Söhne und Töchter nicht für ihn auf ein Schlachtfeld schicken. Sie wollten ihre eigene gesellschaftliche Ordnung und ihren eigenen Gesetzen gehorchen. Bei ihnen besaß jeder Mann und jede Frau dasselbe Recht zu sprechen und die Gemeinschaft beriet und bestimmte über Wohl und Wehe. Alle waren gleich, sie kannten keine herausgehobenen und mit Sonderrechten versehenen Persönlichkeiten.
Das Tor, welches sie für ihren Exodus wählten, führte sie in ein fremdes Land mit ähnlichen Lebensbedingungen und schien ihnen daher sehr geeignet.
Allerdings waren sie nicht die ersten Wesen, welche in dieser Welt siedelten, denn sie wurde bereits von einer Art Menschen bewohnt. Da es sich aber um eine riesige Landmasse mit vielen Flüssen und Seen handelte, bot sich genügend Platz für alle und sie beschlossen, sich dort niederzulassen.
Anfangs waren die Wege zwischen den einzelnen Ortschaften und Gruppen, Elben wie Menschen, lang und beschwerlich und es brauchte Zeit, um von einer Siedlung zur anderen zu gelangen. Wildes Land erstreckte sich, so weit das Auge reichte, zwischen den einzelnen bewohnten Gebieten.
Die Elben waren den Menschen hoch willkommen, brachten sie doch neben einer Vielzahl arbeitseifriger Hände und gutem Vieh auch technisches und medizinisches Wissen und Kunstfertigkeiten in Hinsicht auf das Handwerk mit. Im Gegenzug für ihre Bereitschaft, dies mit den Menschen zu teilen, erhielten sie Land und Wasserrechte, Waldstücke zum Roden und somit Holz für den Hausbau, grasbewachsene Ebenen und Täler für die Feldwirtschaft. Beide Seiten profitierten lange Zeit voneinander und die Zukunft hätte so schön werden können.
Nur, wie so häufig in der Geschichte der Völker, gab es Neider, eine dritte Gruppe von Wesen außerhalb ihrer wunderbaren und heilen Welt. Und ebenso war es ein Tor, durch das die Störenfriede kamen und mit ihnen das Chaos und die Katastrophe. Die traute Zusammenarbeit und das freundliche Miteinander von Menschen und Elben zog das Volk der Echsen magisch an. Sie gierten nach neuem Land und Schätzen und Sklaven.
Aber zuvor reihten sich hunderte von Jahren aneinander. Die Gesellschaft der Elben blieb fest in ihrer Tradition und ihrem Glauben verwurzelt, die der Menschen änderte sich. Aufgrund ihres unendlichen Daseins und dem Wissen, dass alles Land, alles Wasser, alles Holz und überhaupt alle Elemente endlich sind und es möglichst lange für alle reichen soll oder man ihm Zeit geben muss, um nachzuwachsen, gebaren die Elbinnen nur wenige Kinder. Gerade so viele, dass in den ersten Jahren ein leichter Anstieg ihrer Bevölkerung zu Buche schlug und ihr Volk vom Bestand her gefestigt war. Danach hielten sie mehr oder minder ihre Anzahl. Die Masse der Menschen nahm dagegen immer mehr zu. Bedingt durch ausreichend Nahrung, flächendeckende medizinische Versorgung und eine kaum vorhandene Geburtenkontrolle, die einem religiösen Wahn und einer verfehlten Politik zum Opfer fiel, stieg sie steil nach oben.
Auf einmal benötigten sie immer mehr Platz, immer mehr Wasser und immer mehr Land. Ihre eigenen Wälder gerieten langsam, aber sicher in einen kläglichen Zustand und würden bald nur noch winzige Bestände inmitten von Wüstenei sein. Überhaupt plünderten sie ihre ganze Welt, ohne Rücksicht auf ihre Kinder und diejenigen, die nach ihnen kamen.
Als letzte Konsequenz ihres Handelns begannen sie gerade darüber nachzudenken, den Elben wieder alles, was sie ihnen einst großzügig gaben, fortzunehmen. Stück für Stück, Land und Wasser, sie waren ja zuerst da gewesen, sollen die Zugereisten doch wieder gehen.
Genau diesen Zeitpunkt warteten die Echsen ab, er war perfekt, um den Laden zu übernehmen. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Nur schnell mussten sie sein, sonst bliebe kaum noch was, was sich zu erobern lohnt, übrig.
Den Menschen waren die Boten aus der Welt namens Ochios zwar nicht ganz geheuer, aber wohl mehr wegen des Aussehens als denn ihrer eventuellen Pläne. Allerdings erzählten die Entsandten was von einer Lösung für alle ihre Probleme, Energie, Landmangel, Wasservorräte, und so weiter. Wer würde da nicht sofort zuschlagen und eine Zusammenarbeit anstreben?
Jedoch gestaltete die sich dann in eine Richtung, wie sie sich die Menschen wohl kaum erträumt hatten, und ein jeglicher Albtraum wäre eine wundervolle, rosarote Märchengeschichte dagegen gewesen.
Die Echsen marschierten mit einer übermächtigen Kriegsmaschinerie ein, schmissen die derzeitigen Machthaber von ihren Stühlen und lösten das Problem der Überbevölkerung und der daraus resultierenden Unannehmlichkeiten mit dem Aussetzen einer Mückenart.
Klein, aber mit tödlichem Gift im Stachel. Nur wenige menschliche Exemplare überlebten das Massaker und die Anzahl der Verbliebenen war unbedeutend für die Geschichte ihrer Welt und man ließ ihnen ihr Leben als Ausstellungsstücke in Tiergärten.
Anders das Schicksal der Elben, immun gegen das Gift der fliegenden Plagegeister, blieb ihre Bevölkerungsdichte auf gleichem Niveau. Sie mischten sich auch nicht in den Krieg ein, wobei die Menschen sie für ihre Neutralität hassten. „Wir gaben ihnen eine neue Heimat und jetzt helfen sie uns nicht, sie zu verteidigen.“
Aber auch sie hatten einen hohen Preis zu zahlen, im Endeffekt vielleicht sogar mitverursacht durch ihr Nichtstun. Neutrales Verhalten hin oder her, dies interessierte die Echsen meilenweit an ihrem beschuppten Hintern vorbei. Sie wurden bedrängt und drangsaliert, jedoch unterließ man es, viele von ihnen zu töten.
Die Elben sollten die Diener der neuen Herren werden und das, was die Menschen vormals planten, setzten die Ochinger nun in die Tat um. Sie nahmen ihnen alles, aber auch wirklich alles, fort. Zum Schluss sogar ihre Freiheit und ihre Würde. Mit vorgehaltenen Waffen forderten sie den Elben die Siberyl ab und erpressten unter Folter die magischen Worte für vielerlei Zauberkunst. Dadurch erhielten sie die Herrschaft über das Elbenvolk.
Im Gegensatz zu den menschlichen Bewohnern ist den Echsen der Umgang mit Magie vertraut und beim Anblick der Siberyl wussten sie sofort um die Kraft darin und wie sie die für ihre Zwecke nutzen können.
Die einst freien und stolzen Elben wurden innerhalb kurzer Zeit zu Sklaven der Echsen. Der Durchgang durch das Tor war ihnen nun verwehrt, denn ohne ihre Steine konnten die Elben es nicht mehr öffnen und entfliehen.
Sie hatten in ihrer Gutmütigkeit und ihrem Vertrauen auf ihre Götter zu lange gewartet und die Augen vor der Realität, die sich nur alsbald nach dem militärischen Einmarsch der Echsen abzeichnete, geschlossen gehalten. Ihr Ausharren und ihr Festhalten an dem, was im „Buch der Familien“ steht, und ihr Hoffen auf eine gute Wendung, ohne selber den Kopf im Gefecht gegen die schuppigen Eindringlinge hinzuhalten, rächte sich nun fürchterlich.
Dies alles geschah vor vielen, vielen Generationen.
Inzwischen setzte das große Vergessen ein und die Elben verloren ihre Herkunft und Kultur aus ihrem Gedächtnis. Die Namen der Götter werden in der Gefangenschaft nur noch von wenigen geflüstert, die Anweisungen der Götter zum Leben sind nur noch den uralten Männern und Frauen geläufig, die Kinder wachsen ohne Jahrhaus auf, ohne Anleitung zum Erwachsensein, ohne eine von elbischen Regeln geprägte Gemeinschaft, sofern überhaupt noch Kinder da sind. Unendlich lange währt nun schon diese beklagenswerte Situation.
Zudem trennten die Echsen das Volk der Elben nach Männer und Frauen und sie lassen ein Paar nur zusammenkommen, wenn Nachwuchs für den Sklavenmarkt erwünscht ist. Elben und Elbinnen, die sich heimlich finden und beisammen liegen, drohen empfindliche Strafen, von Schlägen hin bis zur Brandmarkung. Man will immer ihre genaue Kopfzahl wissen, damit auch nirgendwo eine Gruppe außerhalb ihrer Kontrolle existiert.
Unter diesen Umständen war es nur ganz natürlich, dass das Tor beinahe in vollkommene Vergessenheit geriet. Eine alte Sage blieb von ihm übrig und nur noch einige sehr betagte Elben wissen davon zu berichten. Nebenbei bemerkt, es ist bei Strafe verboten, von der Wanderung zu sprechen.
Da ist ein Paar, eine Elbin und ein Elbe, und die Frau ist schwanger, und das ohne Erlaubnis. Die beiden haben so gut wie keine Chance, zwar wird sie das Kind zur Welt bringen können, aber sie werden es ihr, sobald abgestillt, nehmen.
Er, er wird die Schläge, die ihn erwarten, vielleicht nicht überleben, aber noch wissen die Herrenechsen nichts von ihrem sich bald rundenden Bauch und dem Vater.
Da sind zwei Geschwister, ein junger Elbe und seine nur wenige Jahre jüngere Schwester, und er tut alles in seiner Macht Stehende, um zu verhindern, dass sie als Zuchtelbin dienen muss. In nicht allzu ferner Zeit werden sie seine Schwester garantiert holen, denn sie ist wunderhübsch und gutaussehende Frauen werden besonders gerne zur Weitervermehrung eingesetzt.
Da sind zwei Männer, sie sind seit Kindesbeinen an unzertrennliche Freunde. Alles, was ein jeder von ihnen möchte, ist eine Partnerin, mit der sie gemeinsam durch die Jahre gehen können. Alles, wonach ihre Herzen streben, ist ein normales Dasein, vielleicht eine kleine Familie, alles, was sie suchen, ist ein wenig Liebe. Aber wo sollen sie die finden in einer Welt, in der sie von einer Frau nur träumen können.
Ein jeder von ihnen glaubt der Erzählung aus dem Munde der greisen Elbin. Ihre Worte klingen so wunderbar, ein Land, in dem sie frei sein können. Was war das überhaupt noch mal, Freiheit, ein Gefühl, eine Lebenseinstellung? Die Vorstellung, durch ein Tor zu gehen und die Brüder und Schwestern wiederzusehen, wird ihnen zu einem schönen Traum und schließlich zu einem unstillbaren Verlangen. Und was noch wichtiger bei der Sache ist, essen und trinken, was immer und wann immer man will, gehen, wohin man will, lieben und begehren, wen man will.
Von der alten Elbenfrau erhalten sie ein Stück Papier. Eine Zeichnung von einer Zeichnung von einer Zeichnung, zig Mal abgemalt, etwas verschoben die Linien im Laufe der vielen Kopien, aber die Lage des Tores ist eindeutig, und es befindet sich in ihrer aller Nähe.
Alle sechs Elben und Elbinnen beschließen, sich gemeinsam auf die heimliche Suche nach dem Tor zu machen und hindurch zu gehen. Den Schlüssel dazu erhielten sie von der Frau, einen der letzten dunkelvioletten Siberyl, und sie nennt ihnen die magischen Worte zur Öffnung des Fluchttunnels. Ihr Vermächtnis an diese traurigen Gestalten, bevor sie aus freien Stücken zu den Göttern geht. Die letzte Freiheit, die ihnen verblieb und worüber die Echsen nicht bestimmen können, ist der selbstgewählte Gang in die Nebel zum Tor in die Erste Welt.
Von der anderen Seite Pelegorns aus ist allerdings heutzutage noch jemand sehr an diesem Tor interessiert. In gewisser Hinsicht sind diese Personen ebenfalls Flüchtlinge, wenn auch aus anderen Gründen. König Gathame und seine Geliebte sowie einige ihm treu ergebene Vasallen müssen zusehen, dass sie Land gewinnen. Aus Gydland hat man sie gerade mehr oder weniger rausgeschmissen und sie brauchen dringendst ein neues Versteck.
Das Königshaus von Varngond, sprich, König Tharandil und Prinzessin Jamena, haben beim Hohen Rat Anzeige gegen ihn erstattet. Kindesentführung, Machtmissbrauch und Erpressung lauten die Anklagepunkte, wegen Vergewaltigung können sie ihn leider nicht belangen. Jamena ist aus freien Stücken zu ihm gegangen und Solona hat aus Pflichtgefühl und Liebe zu ihrer Bandschwester deren Platz eingenommen. Er muss also schleunigst wieder verschwinden, sonst geht er auf alle Zeiten in die Minen. Seinen Thron weiß Gathame in all den Jahren wohl behütet. Der Bruder seiner Geliebten, der Magier, übernahm bei seinem Abmarsch in der Funktion als Truchsess die Krone vom „Haus der Wogen“.
Tharandil ließ die Sache natürlich nicht auf sich beruhen. Wie könnte er auch, er fühlt sich persönlich angegangen. Zwar zahlte seine Tochter nicht den Preis für die Herausgabe von Hamiko, sondern Solona gab sich für sie in Gathames Fänge, aber dies macht für ihn keinen Unterschied. Solona gehört über Thelekos zu seiner Familie und auch wenn sie eine Fuchsjägerin ist und mit ihrem Leben für die Mitglieder der Königsfamilie einsteht und sie somit nur ihre Pflicht erfüllte. Sie hat seines Erachtens nach ein Recht auf eine Verurteilung und Bestrafung Gathames.
Die Echsenwesen, denen Gathame und seine Leute auf der anderen Seite des Tores begegnen, sind völlig überrascht von deren Erscheinen und höchst erstaunt über die Art, wie sie daherkommen. Solche Elben haben sie noch nie gesehen, stolz und stark und frei. Wie soll man mit ihnen verfahren? Erst mal schleunigst zum Kaiser mit ihnen, der wird schon wissen, was zu tun sei. Ihr Regent zeigt sich hocherfreut und sehr zuvorkommend den Bittstellern gegenüber. Denn sie bringen kostbare Geschenke mit sich, Gold, Silber und Edelsteine für seine leere Schatzkammer, und dazu interessantes Wissen und Magie. Wo das alles herkommt, ist bestimmt noch mehr zu holen.
Zusätzlich offeriert Gathame seinem neuen Gastgeber noch einen besonderen Leckerbissen. Er bietet ihnen Varngond und seine Bewohner als Gegenleistung für den Unterschlupf an. Der Kaiser nimmt huldvoll und mit Freuden dies Gastgeschenk entgegen.
Dermaßen gierig, wie sie nach neuem Land und Reichtümern sind, können sie gar nicht anders, als den König aus dem „Haus der Wogen“ zu umschmeicheln, auch wenn es sich um eine minderwertige Lebensform, einen Elben, handelt.
Das, was Gathame in der neuen Welt erblickt, dies jämmerliche Schicksal des alten Elbenvolkes, ihr Leid lässt sein Herz völlig kalt. Er will nur seine Rache in die Tat umsetzen und der Strafe entgehen. Es dauert einige Zeit, bis er wieder einen Fuß in König Tharandils Reich setzt, der Einmarsch will gut vorbereitet sein.
Ankunft in Varngond
Zwischen dem vierten und fünften Sommer, nachdem König Gathame das letzte Mal gesehen ward, geschieht eine seltsame und für das „Haus der Bäume“ zunächst völlig unerhebliche Begebenheit in einem kleinen Dorf am Rande des großen Waldes.
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König Gathames Verrat
Die anderen Elben
Es ist schon dermaßen viele Äonen her, dass selbst die ältesten vorhandenen Geschichtsbücher der Elben nicht mehr in allen Einzelheiten die Erinnerungen daran in Worten beinhalten. Nur noch vage Hinweise, einige Vermutungen, manche Theorie, aber kaum noch feste, belegbare Fakten sind auf den Seiten zu finden. Worum es sich handelt? Um die Erzählung über einen anderen Teil des Elbenvolkes, um die Männer und Frauen, die damals fortgegangen sind.
Vor langer, langer Zeit teilte sich das bislang zusammenlebende Volk der Elben in zwei Gruppen.
Die größere Anzahl von ihnen verblieb auf Pelegorn und die kleinere Schar zog durch ein Tor davon. Wohin? Das kann heute keiner mehr genau sagen, denn mit dem letzten Elben, der den Torbogen durchschritt, verlor sich jeglicher Kontakt zu ihnen. Damals glaubte man, sie seien für immer und ewig verschwunden und ihre Geschichte verblasste in den folgenden Jahrtausenden und wurde von anderen Ereignissen überlagert. Bis heute, denn eine Handvoll von den Auswanderern kehrte zurück.
Aber von Anfang an und wie es überhaupt zu der Spaltung kam.
Weit, sehr weit in der Zeit zurück, weit bevor die heutigen Königreiche entstanden, und weit bevor Pelegorn das wurde, was es nun ist, lebte das Volk der Elben in den Wäldern, der Ebene, am Fluss und dem Meer und einige Familienverbände sogar schon in den Oasen der Wüste. Ihre Welt und die Gemeinschaft waren jedoch noch nicht gefestigt, in Staaten oder Länder mit Grenzen und Familien, welche über die Gebiete und die darin wohnenden Untertanen herrschten. Fast alle Bewohner zogen als Nomaden umher und sie lebten von der Jagd und dem Fischfang und nebenbei sammelten sie, was die Pflanzenwelt ihnen an Nahrung anbot. Irgendwann im Laufe der Jahrhunderte wurde ein Teil von ihnen sesshaft und sie gründeten die ersten Siedlungen. Anfangs zogen sie noch in die naheliegenden Wälder der Jagd wegen und um die Früchte der Bäume und Büsche zu ernten, aber mit den Jahren lernten sie den Anbau von Getreide und die Viehzucht. Eine Wanderschaft von einem Jagdgrund in den anderen, ihr Zug mit den großen Herden, war nun nicht mehr nötig, um alle Individuen satt zu bekommen.
Dieser Umbruch ihrer Lebensweise führte zu einer besseren und beständigeren Versorgung mit Nahrung, aber ebenso wurden die ersten Kriege gefochten. Siedelnde Bauern stritten mit den weiterhin frei umherziehenden Stämmen ihres Volkes. Sie kämpften unerbittlich um Macht und Grund und Boden. Bruder erhob das Schwert gegen Bruder, Schwester spannte den Bogen gegen Schwester, Allianzen wurden geschlossen und gebrochen.
Die Felder und eingezäunten Wiesen behinderten die zahlreichen Antilopen, Pferde und wilden Rinder in ihrer den Jahreszeiten folgenden Wanderung, und mit dem unendlichen und offenen Grasland schwand somit die Lebensgrundlage der Tiere und mit ihr die der Nomaden. Stetig nahm die Menge des jagdbaren Wildes mit den Jahren immer weiter ab, bis auf die Größe der heutigen Bestände, und die Jäger und Sammler ließen sich infolgedessen letztendlich in den Ortschaften nieder.
Irgendwann bildeten sich aus den anfangs lose zusammenhängenden Siedlungszonen die Königreiche in der jetzigen Form aus diesem Wirrwarr heraus und der Hohe Rat wurde ins Leben gerufen, als eine alle miteinander verbindende Instanz, der es obliegt, den Frieden untereinander zu wahren.
Unter diesen neuen, technische und soziale Entwicklungen begünstigenden, Bedingungen wuchs und gedieh das Volk der Elben als eine Einheit. Ihre Gesellschaft wurde komplexer und vielschichtig. Verschiedenste Berufe und Handwerkszünfte entstanden und ihrer Hände Werk geriet im Frieden, wo es gedeihen konnte, zur Perfektion. Wohlbestellte Ländereien ernährten ihre Besitzer und alle Bewohner der Länder. Wo keine Sorge um das tägliche Brot die Tagesstunden raubt, können die Elben ihrer Fantasie und ihren Ideen Form verleihen und die Künste jeglicher Art, Schriftgut, Malerei, Zierrat und vieles mehr, was zum Leben gehört und es schöner macht, haben ihre Wurzeln in dieser Zeit.
Viele Dinge, so wie sie heute sind, entstanden in grauer Vorzeit und wurden mit Geist und Hand geschaffen, aber eine Sache gab es schon immer. Seit Anbeginn, seit den ersten Stunden, als die Götter das Grau zu einer Kugel formten, zu ihrer Welt namens Pelegorn, existieren die Tore. Sie führen hinein und hinaus aus der von ihnen bewohnten Sphäre und innerhalb ihrer Lande von einer Ecke zur anderen.
Obwohl nun die Entwicklung ihres Volkes, ihres Wissens und ihrer Kunstfertigkeit prächtig voranschritt und alle eigentlich hätten zufrieden sein müssen, gab es Männer und Frauen, welche sich nicht mit der neuen Ordnung anfreunden konnten.
Aus welchen Gründen, meistens persönlicher Art, auch immer, waren sie keineswegs gewillt, sich in das Gemeinwesen einzufügen. Sie lehnten es sogar vehement ab, den Weisungen der Götter für ein friedvolles, harmonisches und gelungenes Dasein zu folgen, und Recht und Gesetz des Hohen Rates galt ihnen keinen Silberling.
Sie lebten nach eigenen Regeln, auch immer um Einklang mit ihrem Nächsten bemüht, nur ließen sie sich nicht von den Göttern in ihr Dasein hineinreden. Für sie waren die Götter etwas, was über ihnen schwebte, ohne eine Verbindung zwischen oben und unten, und das Gleiche galt für den Hohen Rat. Eine Instanz, deren Notwendigkeit sie in Frage stellten, jeder Mann, jede Frau kann für sich sprechen, und Streitigkeiten behoben sie in den Familienräten.
Lange dauerten ihre Querelen gegen die Gemeinschaft nicht an, und der Hohe Rat machte kurzen Prozess, weil deren Unwille sich irgendwie zu integrieren einfach anhielt. Trotz aller hilfreichen Angebote und Kompromissbereitschaft des Rates. Die Mitglieder wurden jegliche Diskussion leid und man stellte den Unverbesserlichen anheim, entweder mit den anderen an einem Strang zu ziehen oder Pelegorn zu verlassen.
Viele von ihnen wählten die zweite Option und gingen in ein fremdes Land, in dem sie eine Zukunft für sich wähnten. Ganze Familien und Dorfgemeinschaften begaben sich auf den Weg. Zusammen mit ihrem Vieh und den sonstigen Habseligkeiten, auf Ochsen- und Pferdewagen gepackt, zogen sie dahin. Sie alle wollten keinem König dienen und keinem Landesherren Steuern zahlen und ihre Söhne und Töchter nicht für ihn auf ein Schlachtfeld schicken. Sie wollten ihre eigene gesellschaftliche Ordnung und ihren eigenen Gesetzen gehorchen. Bei ihnen besaß jeder Mann und jede Frau dasselbe Recht zu sprechen und die Gemeinschaft beriet und bestimmte über Wohl und Wehe. Alle waren gleich, sie kannten keine herausgehobenen und mit Sonderrechten versehenen Persönlichkeiten.
Das Tor, welches sie für ihren Exodus wählten, führte sie in ein fremdes Land mit ähnlichen Lebensbedingungen und schien ihnen daher sehr geeignet.
Allerdings waren sie nicht die ersten Wesen, welche in dieser Welt siedelten, denn sie wurde bereits von einer Art Menschen bewohnt. Da es sich aber um eine riesige Landmasse mit vielen Flüssen und Seen handelte, bot sich genügend Platz für alle und sie beschlossen, sich dort niederzulassen.
Anfangs waren die Wege zwischen den einzelnen Ortschaften und Gruppen, Elben wie Menschen, lang und beschwerlich und es brauchte Zeit, um von einer Siedlung zur anderen zu gelangen. Wildes Land erstreckte sich, so weit das Auge reichte, zwischen den einzelnen bewohnten Gebieten.
Die Elben waren den Menschen hoch willkommen, brachten sie doch neben einer Vielzahl arbeitseifriger Hände und gutem Vieh auch technisches und medizinisches Wissen und Kunstfertigkeiten in Hinsicht auf das Handwerk mit. Im Gegenzug für ihre Bereitschaft, dies mit den Menschen zu teilen, erhielten sie Land und Wasserrechte, Waldstücke zum Roden und somit Holz für den Hausbau, grasbewachsene Ebenen und Täler für die Feldwirtschaft. Beide Seiten profitierten lange Zeit voneinander und die Zukunft hätte so schön werden können.
Nur, wie so häufig in der Geschichte der Völker, gab es Neider, eine dritte Gruppe von Wesen außerhalb ihrer wunderbaren und heilen Welt. Und ebenso war es ein Tor, durch das die Störenfriede kamen und mit ihnen das Chaos und die Katastrophe. Die traute Zusammenarbeit und das freundliche Miteinander von Menschen und Elben zog das Volk der Echsen magisch an. Sie gierten nach neuem Land und Schätzen und Sklaven.
Aber zuvor reihten sich hunderte von Jahren aneinander. Die Gesellschaft der Elben blieb fest in ihrer Tradition und ihrem Glauben verwurzelt, die der Menschen änderte sich. Aufgrund ihres unendlichen Daseins und dem Wissen, dass alles Land, alles Wasser, alles Holz und überhaupt alle Elemente endlich sind und es möglichst lange für alle reichen soll oder man ihm Zeit geben muss, um nachzuwachsen, gebaren die Elbinnen nur wenige Kinder. Gerade so viele, dass in den ersten Jahren ein leichter Anstieg ihrer Bevölkerung zu Buche schlug und ihr Volk vom Bestand her gefestigt war. Danach hielten sie mehr oder minder ihre Anzahl. Die Masse der Menschen nahm dagegen immer mehr zu. Bedingt durch ausreichend Nahrung, flächendeckende medizinische Versorgung und eine kaum vorhandene Geburtenkontrolle, die einem religiösen Wahn und einer verfehlten Politik zum Opfer fiel, stieg sie steil nach oben.
Auf einmal benötigten sie immer mehr Platz, immer mehr Wasser und immer mehr Land. Ihre eigenen Wälder gerieten langsam, aber sicher in einen kläglichen Zustand und würden bald nur noch winzige Bestände inmitten von Wüstenei sein. Überhaupt plünderten sie ihre ganze Welt, ohne Rücksicht auf ihre Kinder und diejenigen, die nach ihnen kamen.
Als letzte Konsequenz ihres Handelns begannen sie gerade darüber nachzudenken, den Elben wieder alles, was sie ihnen einst großzügig gaben, fortzunehmen. Stück für Stück, Land und Wasser, sie waren ja zuerst da gewesen, sollen die Zugereisten doch wieder gehen.
Genau diesen Zeitpunkt warteten die Echsen ab, er war perfekt, um den Laden zu übernehmen. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Nur schnell mussten sie sein, sonst bliebe kaum noch was, was sich zu erobern lohnt, übrig.
Den Menschen waren die Boten aus der Welt namens Ochios zwar nicht ganz geheuer, aber wohl mehr wegen des Aussehens als denn ihrer eventuellen Pläne. Allerdings erzählten die Entsandten was von einer Lösung für alle ihre Probleme, Energie, Landmangel, Wasservorräte, und so weiter. Wer würde da nicht sofort zuschlagen und eine Zusammenarbeit anstreben?
Jedoch gestaltete die sich dann in eine Richtung, wie sie sich die Menschen wohl kaum erträumt hatten, und ein jeglicher Albtraum wäre eine wundervolle, rosarote Märchengeschichte dagegen gewesen.
Die Echsen marschierten mit einer übermächtigen Kriegsmaschinerie ein, schmissen die derzeitigen Machthaber von ihren Stühlen und lösten das Problem der Überbevölkerung und der daraus resultierenden Unannehmlichkeiten mit dem Aussetzen einer Mückenart.
Klein, aber mit tödlichem Gift im Stachel. Nur wenige menschliche Exemplare überlebten das Massaker und die Anzahl der Verbliebenen war unbedeutend für die Geschichte ihrer Welt und man ließ ihnen ihr Leben als Ausstellungsstücke in Tiergärten.
Anders das Schicksal der Elben, immun gegen das Gift der fliegenden Plagegeister, blieb ihre Bevölkerungsdichte auf gleichem Niveau. Sie mischten sich auch nicht in den Krieg ein, wobei die Menschen sie für ihre Neutralität hassten. „Wir gaben ihnen eine neue Heimat und jetzt helfen sie uns nicht, sie zu verteidigen.“
Aber auch sie hatten einen hohen Preis zu zahlen, im Endeffekt vielleicht sogar mitverursacht durch ihr Nichtstun. Neutrales Verhalten hin oder her, dies interessierte die Echsen meilenweit an ihrem beschuppten Hintern vorbei. Sie wurden bedrängt und drangsaliert, jedoch unterließ man es, viele von ihnen zu töten.
Die Elben sollten die Diener der neuen Herren werden und das, was die Menschen vormals planten, setzten die Ochinger nun in die Tat um. Sie nahmen ihnen alles, aber auch wirklich alles, fort. Zum Schluss sogar ihre Freiheit und ihre Würde. Mit vorgehaltenen Waffen forderten sie den Elben die Siberyl ab und erpressten unter Folter die magischen Worte für vielerlei Zauberkunst. Dadurch erhielten sie die Herrschaft über das Elbenvolk.
Im Gegensatz zu den menschlichen Bewohnern ist den Echsen der Umgang mit Magie vertraut und beim Anblick der Siberyl wussten sie sofort um die Kraft darin und wie sie die für ihre Zwecke nutzen können.
Die einst freien und stolzen Elben wurden innerhalb kurzer Zeit zu Sklaven der Echsen. Der Durchgang durch das Tor war ihnen nun verwehrt, denn ohne ihre Steine konnten die Elben es nicht mehr öffnen und entfliehen.
Sie hatten in ihrer Gutmütigkeit und ihrem Vertrauen auf ihre Götter zu lange gewartet und die Augen vor der Realität, die sich nur alsbald nach dem militärischen Einmarsch der Echsen abzeichnete, geschlossen gehalten. Ihr Ausharren und ihr Festhalten an dem, was im „Buch der Familien“ steht, und ihr Hoffen auf eine gute Wendung, ohne selber den Kopf im Gefecht gegen die schuppigen Eindringlinge hinzuhalten, rächte sich nun fürchterlich.
Dies alles geschah vor vielen, vielen Generationen.
Inzwischen setzte das große Vergessen ein und die Elben verloren ihre Herkunft und Kultur aus ihrem Gedächtnis. Die Namen der Götter werden in der Gefangenschaft nur noch von wenigen geflüstert, die Anweisungen der Götter zum Leben sind nur noch den uralten Männern und Frauen geläufig, die Kinder wachsen ohne Jahrhaus auf, ohne Anleitung zum Erwachsensein, ohne eine von elbischen Regeln geprägte Gemeinschaft, sofern überhaupt noch Kinder da sind. Unendlich lange währt nun schon diese beklagenswerte Situation.
Zudem trennten die Echsen das Volk der Elben nach Männer und Frauen und sie lassen ein Paar nur zusammenkommen, wenn Nachwuchs für den Sklavenmarkt erwünscht ist. Elben und Elbinnen, die sich heimlich finden und beisammen liegen, drohen empfindliche Strafen, von Schlägen hin bis zur Brandmarkung. Man will immer ihre genaue Kopfzahl wissen, damit auch nirgendwo eine Gruppe außerhalb ihrer Kontrolle existiert.
Unter diesen Umständen war es nur ganz natürlich, dass das Tor beinahe in vollkommene Vergessenheit geriet. Eine alte Sage blieb von ihm übrig und nur noch einige sehr betagte Elben wissen davon zu berichten. Nebenbei bemerkt, es ist bei Strafe verboten, von der Wanderung zu sprechen.
Da ist ein Paar, eine Elbin und ein Elbe, und die Frau ist schwanger, und das ohne Erlaubnis. Die beiden haben so gut wie keine Chance, zwar wird sie das Kind zur Welt bringen können, aber sie werden es ihr, sobald abgestillt, nehmen.
Er, er wird die Schläge, die ihn erwarten, vielleicht nicht überleben, aber noch wissen die Herrenechsen nichts von ihrem sich bald rundenden Bauch und dem Vater.
Da sind zwei Geschwister, ein junger Elbe und seine nur wenige Jahre jüngere Schwester, und er tut alles in seiner Macht Stehende, um zu verhindern, dass sie als Zuchtelbin dienen muss. In nicht allzu ferner Zeit werden sie seine Schwester garantiert holen, denn sie ist wunderhübsch und gutaussehende Frauen werden besonders gerne zur Weitervermehrung eingesetzt.
Da sind zwei Männer, sie sind seit Kindesbeinen an unzertrennliche Freunde. Alles, was ein jeder von ihnen möchte, ist eine Partnerin, mit der sie gemeinsam durch die Jahre gehen können. Alles, wonach ihre Herzen streben, ist ein normales Dasein, vielleicht eine kleine Familie, alles, was sie suchen, ist ein wenig Liebe. Aber wo sollen sie die finden in einer Welt, in der sie von einer Frau nur träumen können.
Ein jeder von ihnen glaubt der Erzählung aus dem Munde der greisen Elbin. Ihre Worte klingen so wunderbar, ein Land, in dem sie frei sein können. Was war das überhaupt noch mal, Freiheit, ein Gefühl, eine Lebenseinstellung? Die Vorstellung, durch ein Tor zu gehen und die Brüder und Schwestern wiederzusehen, wird ihnen zu einem schönen Traum und schließlich zu einem unstillbaren Verlangen. Und was noch wichtiger bei der Sache ist, essen und trinken, was immer und wann immer man will, gehen, wohin man will, lieben und begehren, wen man will.
Von der alten Elbenfrau erhalten sie ein Stück Papier. Eine Zeichnung von einer Zeichnung von einer Zeichnung, zig Mal abgemalt, etwas verschoben die Linien im Laufe der vielen Kopien, aber die Lage des Tores ist eindeutig, und es befindet sich in ihrer aller Nähe.
Alle sechs Elben und Elbinnen beschließen, sich gemeinsam auf die heimliche Suche nach dem Tor zu machen und hindurch zu gehen. Den Schlüssel dazu erhielten sie von der Frau, einen der letzten dunkelvioletten Siberyl, und sie nennt ihnen die magischen Worte zur Öffnung des Fluchttunnels. Ihr Vermächtnis an diese traurigen Gestalten, bevor sie aus freien Stücken zu den Göttern geht. Die letzte Freiheit, die ihnen verblieb und worüber die Echsen nicht bestimmen können, ist der selbstgewählte Gang in die Nebel zum Tor in die Erste Welt.
Von der anderen Seite Pelegorns aus ist allerdings heutzutage noch jemand sehr an diesem Tor interessiert. In gewisser Hinsicht sind diese Personen ebenfalls Flüchtlinge, wenn auch aus anderen Gründen. König Gathame und seine Geliebte sowie einige ihm treu ergebene Vasallen müssen zusehen, dass sie Land gewinnen. Aus Gydland hat man sie gerade mehr oder weniger rausgeschmissen und sie brauchen dringendst ein neues Versteck.
Das Königshaus von Varngond, sprich, König Tharandil und Prinzessin Jamena, haben beim Hohen Rat Anzeige gegen ihn erstattet. Kindesentführung, Machtmissbrauch und Erpressung lauten die Anklagepunkte, wegen Vergewaltigung können sie ihn leider nicht belangen. Jamena ist aus freien Stücken zu ihm gegangen und Solona hat aus Pflichtgefühl und Liebe zu ihrer Bandschwester deren Platz eingenommen. Er muss also schleunigst wieder verschwinden, sonst geht er auf alle Zeiten in die Minen. Seinen Thron weiß Gathame in all den Jahren wohl behütet. Der Bruder seiner Geliebten, der Magier, übernahm bei seinem Abmarsch in der Funktion als Truchsess die Krone vom „Haus der Wogen“.
Tharandil ließ die Sache natürlich nicht auf sich beruhen. Wie könnte er auch, er fühlt sich persönlich angegangen. Zwar zahlte seine Tochter nicht den Preis für die Herausgabe von Hamiko, sondern Solona gab sich für sie in Gathames Fänge, aber dies macht für ihn keinen Unterschied. Solona gehört über Thelekos zu seiner Familie und auch wenn sie eine Fuchsjägerin ist und mit ihrem Leben für die Mitglieder der Königsfamilie einsteht und sie somit nur ihre Pflicht erfüllte. Sie hat seines Erachtens nach ein Recht auf eine Verurteilung und Bestrafung Gathames.
Die Echsenwesen, denen Gathame und seine Leute auf der anderen Seite des Tores begegnen, sind völlig überrascht von deren Erscheinen und höchst erstaunt über die Art, wie sie daherkommen. Solche Elben haben sie noch nie gesehen, stolz und stark und frei. Wie soll man mit ihnen verfahren? Erst mal schleunigst zum Kaiser mit ihnen, der wird schon wissen, was zu tun sei. Ihr Regent zeigt sich hocherfreut und sehr zuvorkommend den Bittstellern gegenüber. Denn sie bringen kostbare Geschenke mit sich, Gold, Silber und Edelsteine für seine leere Schatzkammer, und dazu interessantes Wissen und Magie. Wo das alles herkommt, ist bestimmt noch mehr zu holen.
Zusätzlich offeriert Gathame seinem neuen Gastgeber noch einen besonderen Leckerbissen. Er bietet ihnen Varngond und seine Bewohner als Gegenleistung für den Unterschlupf an. Der Kaiser nimmt huldvoll und mit Freuden dies Gastgeschenk entgegen.
Dermaßen gierig, wie sie nach neuem Land und Reichtümern sind, können sie gar nicht anders, als den König aus dem „Haus der Wogen“ zu umschmeicheln, auch wenn es sich um eine minderwertige Lebensform, einen Elben, handelt.
Das, was Gathame in der neuen Welt erblickt, dies jämmerliche Schicksal des alten Elbenvolkes, ihr Leid lässt sein Herz völlig kalt. Er will nur seine Rache in die Tat umsetzen und der Strafe entgehen. Es dauert einige Zeit, bis er wieder einen Fuß in König Tharandils Reich setzt, der Einmarsch will gut vorbereitet sein.
Ankunft in Varngond
Zwischen dem vierten und fünften Sommer, nachdem König Gathame das letzte Mal gesehen ward, geschieht eine seltsame und für das „Haus der Bäume“ zunächst völlig unerhebliche Begebenheit in einem kleinen Dorf am Rande des großen Waldes.
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