Desert City
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 124
ISBN: 978-3-7116-1176-5
Erscheinungsdatum: 03.02.2026
Eine Dystopie in der Wüste.Zehn Teenager stehen vor einer unmöglichen Aufgabe.Das Werk einer Debütautorin.
Kapitel 1
Saffron
Ein Scheppern ertönte hinter mir und ich wusste schon, woher es kam. Ich schaltete die Maschine schnell aus und drehte mich genervt um. Wie ich schon vermutet hatte, hatten meine kleinen Geschwister Michael und Rory beim Fangenspielen ein paar leere Milchkanister umgehauen und waren schnell wieder mit schlammigen Schuhen im Haus verschwunden … Ich wollte einen Schrei ausstoßen, denn wer würde alles wieder aufräumen? Meine Mutter war hochschwanger und konnte nur das Minimum tun. Ich seufzte und ging genervt zu den Milchkanistern. Meine Mutter hatte die Milch ungefähr eine halbe Stunde vorher in einen anderen Kanister gefüllt und schnaufend zum Haus getragen, um sie zu Rahm und später zu Butter zu verarbeiten. Das konnte sie noch. Auf meine sämtlichen Bitten, sich zu schonen, denn Vater hätte nicht gewollt, dass sie sich überanstrengt, während sie seine Kinder trägt, wollte meine Mutter nicht hören Ich schrie zum Haus nach meinen Geschwistern, sie sollen doch hinauskommen und verdammt noch mal arbeiten, aber es passierte nichts Michael war zehn und Rory neun, aber sie verhielten sich wie fünf. Mutter war zu beschäftigt und erschöpft, um sie zu maßregeln, und auf mich hörten sie nicht. Kichern ertönte aus der Richtung unseres Hauses. Ich nahm gar nicht wahr, dass mein Fuß sich bewegte und erst das Geräusch der auf den Boden schellende Milchkannen brachte mich aus meiner Wut zurück.
„Saffron!“, meine Mutter steckte ihr schmales Gesicht aus dem Küchenfenster: „Woran auch immer du gerade denkst, vergiss es und mach weiter mit dem Leder! Du hast nicht den ganzen Tag Zeit!!“
Ich schluckte meine Beleidigungen an meine Geschwister nur mühsam runter und ging zurück zu meinem Ledertisch, doch jetzt war ich nicht mehr bei der Sache. Während ich so in der kleinen Scheune, was durch einem überwachsenen Hinterhof mit dem weißen, alten Ziegelhaus verbunden war, saß, dachte ich daran, was Vater jetzt machen würde. Er würde Rory und Michael sanft maßregeln und ihnen anweisen, sie sollten ihre Schulaufgaben machen. Er würde zu mir herübergehen, mir einen sanften Kuss aufs Haar drücken, und dann pfeifend die Wäsche aufhängen oder an unserer Mühle arbeiten oder singend in der Küche Butter zubereiten. Er war immer sehr fleißig. Doch es brauchte nur einen kleinen Maschinenfehler, um ihn für immer wegzureiße. Vor nicht so langer Zeit, kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag. Während ich so saß, wanderte die Sonne zum Horizont, um sich niederzulegen. Der Himmel färbte sich orange-rot und ich wusste, dass ich schnell fertigmachen und ins Haus rennen müsste, denn die Nächte in dieser Stadt mitten in der Wüste waren eiskalt. Auch wenn zum Glück die Tage durch diverse Experimente und wissenschaftliche Durchbrüche der Capte, dem Zentrum der Wüstenstadt, nicht so heiß waren, wie sie zu Beginn, als die letzten Überlebenden der Erdkatastrophe sich in der Wüste siedelten. So steht es zumindest in den Überlieferungen von damals. Wie gut, dass wir jetzt Technik hatten, so waren die Tage ertragbar und die Temperatur kontrolliert. Ich überprüfte, ob die Getreidesäcke auch zu waren und die Maschinen auch aus, drehte die schwache Petroleumlampe an der Decke aus und schloss die schwere Tür der Scheune, die wie immer knarzte und unangenehm quietschte. Ich ging erschöpft zum Haus zurück. Meine Mutter stand in der Küche und rührte in einer roten Brühe herum, was stark nach Fleisch roch. Rory und Michael saßen am Küchentisch, Rory häkelte, Michael war über sein Schulbuch gebeugt. Ich schaffte ein schwaches Lächeln, als ich die Tür zuzog und mir meine Weste von den Schultern streifte. Anscheinend war meine Mutter doch strenger mit ihnen gewesen als in den letzten Tagen. Hortensia Fallkins schaute auf, als ich hineinkam, und lächelte breit, wenn auch erschöpft. Ihr riesiger Babybauch wölbte sich unter ihrem einfachen braunen Kleid mit befleckter Schürze. Ihre Locken waren mit einem dreckigen Tuch zurückgebunden. Ihre Sommersprossen leuchteten und wieder und wieder dankte ich dem Himmel, dass ich so eine wundervolle Mutter hatte, auch wenn wir es in letzter Zeit wirklich nicht leicht hatten. Rory und Michael schauten nicht auf, ob aus Sturheit oder Konzentration mit ihrer Arbeit, konnte ich nicht sagen. Ich ging in mein Zimmer, eine kleine Kammer, die aber doch groß genug für mich war. Es war gemütlich und ich musste es zum Glück nicht mit meinen Geschwistern teilen, wobei sich das in Zukunft sicher ändern würde, wenn die Drillinge kamen. Doch das war in der Zukunft und ich war in der Gegenwart. Ich setzte mich auf meine alte Matratze. Die Spangen quietschten und ich ließ meinen Blick durch das Zimmer gleiten. Es war alles in einem schönen Hellblau gehalten, doch die Dielen, mein Schrank und mein kleiner Schreibtisch waren in altem, morschem Braun, alles selbstgezimmert von unseren Nachbarn, meiner Tante und ihren Söhnen. Ein schöner Kalender hing über meinem BettAm 31. Tag dieses Monats, also morgen, findet wieder die Auslosung statt die entschied welcher Jugendliche vor die Tore geschickt wurde. Alle zwei Jahre mussten zwei Jugendliche, ausgelost, aus den riesigen fünf, seperaten Vierteltoren gehen, die nach draußen führten. Die Alters„regel“ geht von 14 bis 18 Jahre. Sie haben zwei Wochen, um sich zu finden und weiteres fruchtbares Land zu finden, wenn sie nichts finden, werden sie als tot erklärt. So lauten die Regeln. Die, die als tot gelten, werden Ausgestoßene genannt, und sind eine„Schande für unsere Stadt“.Wenn sie zurückkommen mit fruchtbarem Land, werden sie als Helden verehrt und dürfen zusammen über den Landteil bestimmen, mit „Absprache“ mit der Capte. Es ist aber natürlich noch nie jemand zurückgekommen. Ich ließ mich auf mein Bett zurückfallen. Ich war 16 Jahre, also konnte ich ausgewählt werden. Letztes Mal, ich war 14, lag ich mit schwerer Grippe im Bett und wurde auch nicht gewählt. Da war Vater noch am Leben. Die weiche Matratze fühlte sich wohlig gut an. Schön, nach einem langen Tag in der Scheune.
„Saff!“, Michael klopfte an meine Zimmertür. Seine Stimme klang ein wenig verzagt, wie als würde er sich ein bisschen schämen. Geschieht ihnen Recht.
„Essen ist fertig.“, sagte er. Ich nickte.
„Ich komme schon.“
Kapitel 2
Saffron
Ich konnte in der Nacht nicht gut schlafen. Die Fleischbrühe, die meine Mutter gekocht hatte, lag mir schwer im Magen. Das Schnarchen und Herumwälzen meiner Geschwister in ihrem Zimmer nebenan hielt mich wach, ebenso der Wüstensturm, der durch die Stadt brauste und an den Fenstern rüttelte. Stürme konnten die Leute vom Capte nicht aufhalten, aber ich wünschte es mir in der Nacht sehr. Das elende Pfeifen des Windes machte mich wahnsinnig.D
Am Morgen machten sich meine Geschwister über meine gebeugte Gestalt und über meine Augenringe lustig, und nur die erschöpften, mahnenden Worte meiner Mutter und ihre beruhigenden Streichelbewegungen über meine Schulter hielten mich davon ab, die beiden durch das Haus zu jagen und in die Mülltonne zu stopfen. Mir hatte der beschämte Michael von gestern Abend viel mehr gefallen, aber den bekam ich ja ganz selten. Meine Mutter hatte mir ein altes Kleid aus ihrer Jugend für die Auslosung gegeben. Es war grün und ein bisschen ausgewaschen, aber ich fand es trotzdem wunderschön. Kleine Ranken mit violetten und rosafarbenen Blumen zogen sich über den Stoff. Mein Dekolleté war in einem Box-Ausschnitt entblößt und Puffärmel schnitten mir in die Arme, doch das störte mich nicht. Als ich aus meinem Zimmer kam, knöpfte meine Mutter gerade Michaels Anzug zu. Es war kein wirklicher Anzug, eher eine schöne braune Hose und ein gepflegtes Shirt mit weißen Knöpfen. Meine kleine Schwester hatte von meiner Mutter eine schöne Hochsteckfrisur bekommen, Ich fasste mich an mein Haar, das über meine Schulter fiel, nicht zusammengebunden. Die Frisuren von uns beiden zu machen, dafür hatte meine Mutter nun keine Zeit. Der Babybauch war nun noch sichtbarer unter dem eleganten Kleid der Frau, die nun in ihrem Beutel herumkramte. Sie schaute auf und lächelte. Mein kleiner Bruder grinste mich stolz an, seine fettigen blonden Haare, ungewöhnlich für einen Bewohner aus dem Verarbeiterviertel, die meistens nur braunes Haar hatten, seine kleinen Zähnchen blitzten.
Meine Mutter ging zur Tür und schulterte ihre gestickte Tasche und ging durch die Tür. Wir Kinder liefen ihr nach, wie kleine Entenkinder. Ich, als Letzte, schloss die Tür und drehte den alten Schlüssel im Schloss, der meine frisch gewaschenen Hände mit rostigem Schmutz befleckte. Ich schlug meine Hände zusammen, um sie wieder sauber zu bekommen
Auf den Straßen füllte es sich mit Familien, die auch auf dem Weg zur Auslosung waren. Alle waren in simplen Kleidern gekleidet, ein paar lächelten schwach, wie meine Mutter, ein paar hatten einen grimmigen oder traurigen Ausdruck auf ihren ausgezerrten Arbeitergesichtern. Jetzt, wo wir auf der Straße und nicht mehr in unseren vier Wänden waren, tat mir der Bauch doch wirklich weh.
Der Hauptplatz des Verarbeiterviertels war nahe der Capte, doch eine große Mauer trennte den Captebereich und den Bereich des Verarbeiterviertels voneinander. Man konnte von hier aus die große Mauer, die uns trennte, sehen, und auch rechts und links von uns irgendwo die Absperrungen zu den anderen Vierteln. Denen wurde aber jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt
Die Bürgermeisterin des Verarbeiterviertels, Ms Crosswitch, stand auf einem großen Podest. Sie war eine große Frau mit braunen Haaren, die zurückgebunden waren in einem kurzen Pferdeschwanz. Die Haare waren mit viel zu viel Haargel zurückgestrichen, weil sie sich wahrscheinlich Haarewaschen nicht würdig war. Sie hatte sich ein hübsches rotes Kleid übergestreift, mit ordentlich Schmuck und Perlen, und natürlich durfte roter Lippenstift auch nicht fehlen. Grässlich war diese Frau, versteckte ihre eigentliche Armut unter Kleidung, die eigentlich die Leute vom Capte trugen, eine falsche Hülle.
Als alle Bewohner still wurden und ruhig dastanden, lächelte die Frau und begann zu sprechen. Ihre Stimme dröhnte über den ganzen Platz hinweg, ohne Verstärker:
„Liebe Bewohner und Bewohnerinnen des Verarbeitungsviertels unserer schönen Wüstenstadt! Willkommen, willkommen, zu der diesjährigen Auslosung der Ausgesandten!“
Die Menge applaudierte, aber eher leer und lustlos als wirklich glücklich, als sich die Hexe auch schon umdrehte und ihre Hand hob, wie als würde ihr jemand gleich etwas aus dem Himmel reichen. Die Menge wagte nicht zu atmen.
Drohnen, jeweils zwei für jedes Viertel, schwärmten wie kleine Schmeißfliegen von dem großen Hauptturm der Capte und sausten zu den Vierteln herunter. Ich beobachtete, wie sie in verschiedene Richtungen flogen, und hinter den anderen Mauern in der Ferne verschwanden. Unsere beidenschwebten nun in der Luft neben unserer Bürgermeisterin und surrten leise. Sie öffnete die Klappen und nahm einen Zettel heraus, der erste Zettel, der zeigen sollte, wer hinausgesandt werden würde. Es würde jeweils ein Junge und ein Mädchen ausgewählt werden, zwischen 14 & 18 Jahren.
Ms Crosswitch faltete den ersten Zettel auseinander, lächelte zufrieden und nach einigen Sekunden, in denen die Menschenmenge gespannt wartete, sagte sie:
„Reese Willcons!“
Ein Schrei ging aus dem Rand der Menge aus. Dieser kam von einer dunkelhäutigen Frau, die im Schlamm kniete und mit lauten Schluchzern und zitternden Armen ihren ungefähr fünfzehnjährigen Sohn„festhielt. Der Junge stand stocksteif da, doch er setzte sich nach einigen Sekunden in Bewegung. Die Frau schrie sich die Kehle aus, doch ein stämmiger Mann hielt sie zurück und sie zerbrach in seinen Armen. Ich schluckte und nun fiel mir auch der kleine Babybauch auf, den die Frau hielt. Ich spürte, wie meine Mutter nach ihrem Bauch griff. In diesem Moment wurde mir übel.
Die Menge machte dem Jungen Platz, auf allen Gesichtern ein mitleidiger Ausdruck. Ein älterer Herr in grauen Klamotten klopfte ihm sogar aufmunternd auf die Schulter, doch der Junge schaffte nur ein schwaches, falsches Lächeln. Er stieg auf die Tribüne und wurde von unserer Bürgermeisterin in eine übertrieben freudige Umarmung gezogen. Er setzte sich auf den Stuhl der Jungen und starrte geradeaus, in den Horizont, und machte keinen Augenkontakt mit der Menge. Seine Eltern hatten sich an den Rand zurückgezogen, wo nun ein paar andere Frauen der Mutter gut zuredeten und sie umarmten. Der Bub schaute nicht hin.
Ms Crosswitch klatschte in die Hände und die Menge wurde still. Ihre Stöckelschuhe klackerten dramatisch auf dem Holzboden, als sie zu der zweiten Drohne hinüberstolzierte. Sie holte den Zettel lächelnd heraus, faltete ihn auseinander, hielt die Spannung noch ein paar Sekunden und sagte dann mit schallender Stimme:
„Saffron Fallkins!“
Kapitel 3
Saffron
Ein schlechter Traum, meine Geschwister hatten mich noch nicht geweckt. Aber es war kein Traum. Da stand mein Name auf dem Zettel. Ich war stocksteif und wagte es nicht zu blinzeln. Konnte ich wegrennen? Das konnte doch nicht sein! Meine Kehle fühlte sich komisch an.
Mein kleiner Bruder zupfte mich am Kleid und brachte mich zurück in die Realität. Ich blinzelte, bis sich die Welt wieder real anfühlte. Vor mir hatte sich ein Gang gebildet. Die Menschen schauten mich mitleidig an und ich entdeckte sogar einige Leute, die ich kannte, die mich kannten. Ich schaute zurück und blickte in die traurigen Augen meiner Mutter. Sie starrte mich an, bis ihre schmalen, trockenen Lippen ein Wort bildeten: „Geh!“
Rory begann zu weinen.Michael schaute zu mir auf, seine Mundwinkel tief nach unten, und wimmerte ein „Tschüss, Saffi.“
Ich blieb trotzdem stehen, denn dieses Gesicht meines Bruders versteinerte mich. Nicht weinen, nicht weinen. Meine Mutter gab mir einen sanften Stoß in den Rücken und ich taumelte vorwärts, fing mich wieder und ging langsam durch den Gang. In all den Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich ausgelost werden würde. Für mich war das mein ganzes Leben jemand anderer und nie, in einer Million Jahre, wäre ich auf den Gedanken gekommen, ich würde gewählt werden. Es war immer so weit weg, der Gedanke, dass ich es sein könnte.Ich beschimpfte mich innerlich. Ich war dumm, ganz schrecklich dumm gewesen, denn ich hatte mich immer in falscher Sicherheit gewogen. Sicherheit, die nun geplatzt war. Langsam bestieg ich die knarzenden Treppen der Tribüne. Ich blickte auf und meine Augen fanden die des Jungen Reese. Er schien auch traurig zu sein, sein Blick sagte so etwas wie: „Ach, du auch? Dann sind wir gemeinsam in dem Scheiß.“
Ich ging schnurstracks zu meinem Stuhl und setzte mich, meine Knie brannten Ich wagte nicht, meine Familie anzusehen. Jetzt wusste ich, wie sich Reese gefühlt hatte. Eine einzelne, winzige Träne entkam aus meinem Augenwinkel und rann meine Wange herunter. Zum Glück sagte niemand etwas. Aber wahrscheinlich dachten sich alle etwas. Ich schaute auch auf den Horizont und wusste, dass ich später weinen würde.
Ich merkte den Rest der Auslosung gar nicht. Ich hörte aber, wie die Menge uns Glückwünsche zurief und die Frau neben mir, in ihren teueren Kleidern, in die Hände klatschte. Erst, als mich eine andere Frau sanft von meinem Stuhl zog, wurde ich wieder wach. Ich sah sie nicht an, sondern ließ mich einfach von der Bühne führen. Noch eine weitere, dickere Träne entkam mir, als wir den dunklen Bereich hinter der Bühne abgingen, und ich wischte sie nicht weg, sondern ließ sie zu Boden tropfen. Mit einem Klatschen zerschellte sie.
Kapitel 4
Saffron
Wir wurden eine halbe Stunde lang in einem Wagen ohne Fenster zum Capte transportiert. Zumindest zu einen kleinen Mini-Teil, der auch das Schlaflager für die Ausgelosten war, wie es an der Wand geschrieben stand Alles war sehr modern, große Fenster, alles grau, weiß oder schwarz. Es war hier so anders als zuhause.Ich musste durch eine große graue Tür in einen Raum gehen gehen. Eine Frau im Kittel, lächelte mich ohne einen Ausdruck in ihrem Gesicht an, bevor sie die Tür verschloss. Kurz wurde ich in Dunkelheit getaucht, dann schaltete sich ein schwaches Licht an. Ich ging zur Tür, wie in einem Fiebertraum. Langsam, wie in Trance, studierte ich sie. Mein Körper schüttelte sich und ich schlug die Hände vor mein Gesicht, Die Tränen flossen,bis ich zu müde wurde. Erschöpft schleppte ich mich zu der dünnen Matratze, die sich auf einem Eisengestell neben einer Toilett und einem Waschbecken befand. Es gab keine anderen Möbel im Raum. Ich schluchzte und stellte mir vor, ich wäre in meinem Zimmer, mit den blauen Wänden, den dunklen Böden und dem gedimmten Licht. Ich wäre wieder in der Scheune und würde langsam am Leder arbeiten, würde mich über meine Geschwister ärgern und Getreidesäcke herumtragen. Ich wäre zu Hause, aber stattdessen war ich hier, in einem geschlossenen Raum, der immer verschwommener wirkte.
Ich dachte daran, was meine Familie jetzt machen könnte. Höchstwahrscheinlich würden sie wie Zombies nach Hause gehen. Keiner aus der Fallkins Familie würde heute schlafen. Ich weinte noch mehr, bei dem Gedanken an die Schluchzer und Verzweiflungsschreie meiner Mutter, die nun Kinder, Haushalt und Verarbeitung hochschwanger alleine machen musste. Es war mir ein Trost, dass zumindest meine Tante und meine Cousins nebenan wohnten, doch sie waren schon mit ihren eigenen Themen beschäftigt. Außerdem mochte meine Mutter meine Tante nicht, die ganz schlecht im Aufmuntern war. Ich dachte an etwas, was mir mein Vater Wochen vor seinem Tod gesagt hatte. Er hatte die Mühle gerade bedient und ging zu mir herüber. Ich saß an dem Ledertisch, sehr unentspannt, weil ich vorhin noch von Rory und Micheal in das Badezimmer eingesperrt worden war und die beiden mich danach auch noch bei der Arbeit gestört hatten, und schnitt ein großes Lederstück für eine Tasche zu- Ich bemerkte ihn erst, als er hinter mir stand und mir liebevoll bei der Arbeit zusah. Ich hatte mich umgedreht und in seine Haselnuss-Augen geschaut. Als Kind hatte ich Haselnuss immer Hasinuss genannt und hatte einmal, als ich mit meinem Vater gehäkelt habe, in seine Augen geschaut und gelacht. Vater fragte mich lächelnd: „Was ist so lustig, Mausi?“ Ich hatte nur weitergelacht und gesagt: „Du hast Hasinuss-Augen, Papa!“
Während ich so auf meinem Stuhl saß und zu ihm aufblickte, lächelte er und sagte in seiner tiefen, liebevollen Stimme: „Deine kleinen Geschwister machen dir es nicht einfach, hm?“
Ich hatte gebrummt, dass ja auch bald noch weitere Geschwister kommen, und er hatte zuerst geseufzt und dann gesagt: „Ich weiß, dass du es nicht leicht hast, aber merke dir: Wenn ich und Mama da sind, wird alles gut sein.“
Und das hatte mich berührt. Ich hatte ihn angestarrt, er hat nur gelächelt und hat sich umgedreht. Ich hatte ihm dabei zugeschaut, als er einen schweren Getreidesack nahm und summend wieder anfing, die Mühle zu bedienen. Er hatte es geliebt, an der Mühle zu arbeiten, er begrüßte sie immer wie einen alten Freund. Keiner hätte ahnen sollen, was die Mühle ihm antun würde.Mit diesen Gedanken schloss ich die Augen. Die Tränen trockneten langsam auf meinen Wangen, genauso kühl wie die Decke, die auf mir lag.
...
Saffron
Ein Scheppern ertönte hinter mir und ich wusste schon, woher es kam. Ich schaltete die Maschine schnell aus und drehte mich genervt um. Wie ich schon vermutet hatte, hatten meine kleinen Geschwister Michael und Rory beim Fangenspielen ein paar leere Milchkanister umgehauen und waren schnell wieder mit schlammigen Schuhen im Haus verschwunden … Ich wollte einen Schrei ausstoßen, denn wer würde alles wieder aufräumen? Meine Mutter war hochschwanger und konnte nur das Minimum tun. Ich seufzte und ging genervt zu den Milchkanistern. Meine Mutter hatte die Milch ungefähr eine halbe Stunde vorher in einen anderen Kanister gefüllt und schnaufend zum Haus getragen, um sie zu Rahm und später zu Butter zu verarbeiten. Das konnte sie noch. Auf meine sämtlichen Bitten, sich zu schonen, denn Vater hätte nicht gewollt, dass sie sich überanstrengt, während sie seine Kinder trägt, wollte meine Mutter nicht hören Ich schrie zum Haus nach meinen Geschwistern, sie sollen doch hinauskommen und verdammt noch mal arbeiten, aber es passierte nichts Michael war zehn und Rory neun, aber sie verhielten sich wie fünf. Mutter war zu beschäftigt und erschöpft, um sie zu maßregeln, und auf mich hörten sie nicht. Kichern ertönte aus der Richtung unseres Hauses. Ich nahm gar nicht wahr, dass mein Fuß sich bewegte und erst das Geräusch der auf den Boden schellende Milchkannen brachte mich aus meiner Wut zurück.
„Saffron!“, meine Mutter steckte ihr schmales Gesicht aus dem Küchenfenster: „Woran auch immer du gerade denkst, vergiss es und mach weiter mit dem Leder! Du hast nicht den ganzen Tag Zeit!!“
Ich schluckte meine Beleidigungen an meine Geschwister nur mühsam runter und ging zurück zu meinem Ledertisch, doch jetzt war ich nicht mehr bei der Sache. Während ich so in der kleinen Scheune, was durch einem überwachsenen Hinterhof mit dem weißen, alten Ziegelhaus verbunden war, saß, dachte ich daran, was Vater jetzt machen würde. Er würde Rory und Michael sanft maßregeln und ihnen anweisen, sie sollten ihre Schulaufgaben machen. Er würde zu mir herübergehen, mir einen sanften Kuss aufs Haar drücken, und dann pfeifend die Wäsche aufhängen oder an unserer Mühle arbeiten oder singend in der Küche Butter zubereiten. Er war immer sehr fleißig. Doch es brauchte nur einen kleinen Maschinenfehler, um ihn für immer wegzureiße. Vor nicht so langer Zeit, kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag. Während ich so saß, wanderte die Sonne zum Horizont, um sich niederzulegen. Der Himmel färbte sich orange-rot und ich wusste, dass ich schnell fertigmachen und ins Haus rennen müsste, denn die Nächte in dieser Stadt mitten in der Wüste waren eiskalt. Auch wenn zum Glück die Tage durch diverse Experimente und wissenschaftliche Durchbrüche der Capte, dem Zentrum der Wüstenstadt, nicht so heiß waren, wie sie zu Beginn, als die letzten Überlebenden der Erdkatastrophe sich in der Wüste siedelten. So steht es zumindest in den Überlieferungen von damals. Wie gut, dass wir jetzt Technik hatten, so waren die Tage ertragbar und die Temperatur kontrolliert. Ich überprüfte, ob die Getreidesäcke auch zu waren und die Maschinen auch aus, drehte die schwache Petroleumlampe an der Decke aus und schloss die schwere Tür der Scheune, die wie immer knarzte und unangenehm quietschte. Ich ging erschöpft zum Haus zurück. Meine Mutter stand in der Küche und rührte in einer roten Brühe herum, was stark nach Fleisch roch. Rory und Michael saßen am Küchentisch, Rory häkelte, Michael war über sein Schulbuch gebeugt. Ich schaffte ein schwaches Lächeln, als ich die Tür zuzog und mir meine Weste von den Schultern streifte. Anscheinend war meine Mutter doch strenger mit ihnen gewesen als in den letzten Tagen. Hortensia Fallkins schaute auf, als ich hineinkam, und lächelte breit, wenn auch erschöpft. Ihr riesiger Babybauch wölbte sich unter ihrem einfachen braunen Kleid mit befleckter Schürze. Ihre Locken waren mit einem dreckigen Tuch zurückgebunden. Ihre Sommersprossen leuchteten und wieder und wieder dankte ich dem Himmel, dass ich so eine wundervolle Mutter hatte, auch wenn wir es in letzter Zeit wirklich nicht leicht hatten. Rory und Michael schauten nicht auf, ob aus Sturheit oder Konzentration mit ihrer Arbeit, konnte ich nicht sagen. Ich ging in mein Zimmer, eine kleine Kammer, die aber doch groß genug für mich war. Es war gemütlich und ich musste es zum Glück nicht mit meinen Geschwistern teilen, wobei sich das in Zukunft sicher ändern würde, wenn die Drillinge kamen. Doch das war in der Zukunft und ich war in der Gegenwart. Ich setzte mich auf meine alte Matratze. Die Spangen quietschten und ich ließ meinen Blick durch das Zimmer gleiten. Es war alles in einem schönen Hellblau gehalten, doch die Dielen, mein Schrank und mein kleiner Schreibtisch waren in altem, morschem Braun, alles selbstgezimmert von unseren Nachbarn, meiner Tante und ihren Söhnen. Ein schöner Kalender hing über meinem BettAm 31. Tag dieses Monats, also morgen, findet wieder die Auslosung statt die entschied welcher Jugendliche vor die Tore geschickt wurde. Alle zwei Jahre mussten zwei Jugendliche, ausgelost, aus den riesigen fünf, seperaten Vierteltoren gehen, die nach draußen führten. Die Alters„regel“ geht von 14 bis 18 Jahre. Sie haben zwei Wochen, um sich zu finden und weiteres fruchtbares Land zu finden, wenn sie nichts finden, werden sie als tot erklärt. So lauten die Regeln. Die, die als tot gelten, werden Ausgestoßene genannt, und sind eine„Schande für unsere Stadt“.Wenn sie zurückkommen mit fruchtbarem Land, werden sie als Helden verehrt und dürfen zusammen über den Landteil bestimmen, mit „Absprache“ mit der Capte. Es ist aber natürlich noch nie jemand zurückgekommen. Ich ließ mich auf mein Bett zurückfallen. Ich war 16 Jahre, also konnte ich ausgewählt werden. Letztes Mal, ich war 14, lag ich mit schwerer Grippe im Bett und wurde auch nicht gewählt. Da war Vater noch am Leben. Die weiche Matratze fühlte sich wohlig gut an. Schön, nach einem langen Tag in der Scheune.
„Saff!“, Michael klopfte an meine Zimmertür. Seine Stimme klang ein wenig verzagt, wie als würde er sich ein bisschen schämen. Geschieht ihnen Recht.
„Essen ist fertig.“, sagte er. Ich nickte.
„Ich komme schon.“
Kapitel 2
Saffron
Ich konnte in der Nacht nicht gut schlafen. Die Fleischbrühe, die meine Mutter gekocht hatte, lag mir schwer im Magen. Das Schnarchen und Herumwälzen meiner Geschwister in ihrem Zimmer nebenan hielt mich wach, ebenso der Wüstensturm, der durch die Stadt brauste und an den Fenstern rüttelte. Stürme konnten die Leute vom Capte nicht aufhalten, aber ich wünschte es mir in der Nacht sehr. Das elende Pfeifen des Windes machte mich wahnsinnig.D
Am Morgen machten sich meine Geschwister über meine gebeugte Gestalt und über meine Augenringe lustig, und nur die erschöpften, mahnenden Worte meiner Mutter und ihre beruhigenden Streichelbewegungen über meine Schulter hielten mich davon ab, die beiden durch das Haus zu jagen und in die Mülltonne zu stopfen. Mir hatte der beschämte Michael von gestern Abend viel mehr gefallen, aber den bekam ich ja ganz selten. Meine Mutter hatte mir ein altes Kleid aus ihrer Jugend für die Auslosung gegeben. Es war grün und ein bisschen ausgewaschen, aber ich fand es trotzdem wunderschön. Kleine Ranken mit violetten und rosafarbenen Blumen zogen sich über den Stoff. Mein Dekolleté war in einem Box-Ausschnitt entblößt und Puffärmel schnitten mir in die Arme, doch das störte mich nicht. Als ich aus meinem Zimmer kam, knöpfte meine Mutter gerade Michaels Anzug zu. Es war kein wirklicher Anzug, eher eine schöne braune Hose und ein gepflegtes Shirt mit weißen Knöpfen. Meine kleine Schwester hatte von meiner Mutter eine schöne Hochsteckfrisur bekommen, Ich fasste mich an mein Haar, das über meine Schulter fiel, nicht zusammengebunden. Die Frisuren von uns beiden zu machen, dafür hatte meine Mutter nun keine Zeit. Der Babybauch war nun noch sichtbarer unter dem eleganten Kleid der Frau, die nun in ihrem Beutel herumkramte. Sie schaute auf und lächelte. Mein kleiner Bruder grinste mich stolz an, seine fettigen blonden Haare, ungewöhnlich für einen Bewohner aus dem Verarbeiterviertel, die meistens nur braunes Haar hatten, seine kleinen Zähnchen blitzten.
Meine Mutter ging zur Tür und schulterte ihre gestickte Tasche und ging durch die Tür. Wir Kinder liefen ihr nach, wie kleine Entenkinder. Ich, als Letzte, schloss die Tür und drehte den alten Schlüssel im Schloss, der meine frisch gewaschenen Hände mit rostigem Schmutz befleckte. Ich schlug meine Hände zusammen, um sie wieder sauber zu bekommen
Auf den Straßen füllte es sich mit Familien, die auch auf dem Weg zur Auslosung waren. Alle waren in simplen Kleidern gekleidet, ein paar lächelten schwach, wie meine Mutter, ein paar hatten einen grimmigen oder traurigen Ausdruck auf ihren ausgezerrten Arbeitergesichtern. Jetzt, wo wir auf der Straße und nicht mehr in unseren vier Wänden waren, tat mir der Bauch doch wirklich weh.
Der Hauptplatz des Verarbeiterviertels war nahe der Capte, doch eine große Mauer trennte den Captebereich und den Bereich des Verarbeiterviertels voneinander. Man konnte von hier aus die große Mauer, die uns trennte, sehen, und auch rechts und links von uns irgendwo die Absperrungen zu den anderen Vierteln. Denen wurde aber jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt
Die Bürgermeisterin des Verarbeiterviertels, Ms Crosswitch, stand auf einem großen Podest. Sie war eine große Frau mit braunen Haaren, die zurückgebunden waren in einem kurzen Pferdeschwanz. Die Haare waren mit viel zu viel Haargel zurückgestrichen, weil sie sich wahrscheinlich Haarewaschen nicht würdig war. Sie hatte sich ein hübsches rotes Kleid übergestreift, mit ordentlich Schmuck und Perlen, und natürlich durfte roter Lippenstift auch nicht fehlen. Grässlich war diese Frau, versteckte ihre eigentliche Armut unter Kleidung, die eigentlich die Leute vom Capte trugen, eine falsche Hülle.
Als alle Bewohner still wurden und ruhig dastanden, lächelte die Frau und begann zu sprechen. Ihre Stimme dröhnte über den ganzen Platz hinweg, ohne Verstärker:
„Liebe Bewohner und Bewohnerinnen des Verarbeitungsviertels unserer schönen Wüstenstadt! Willkommen, willkommen, zu der diesjährigen Auslosung der Ausgesandten!“
Die Menge applaudierte, aber eher leer und lustlos als wirklich glücklich, als sich die Hexe auch schon umdrehte und ihre Hand hob, wie als würde ihr jemand gleich etwas aus dem Himmel reichen. Die Menge wagte nicht zu atmen.
Drohnen, jeweils zwei für jedes Viertel, schwärmten wie kleine Schmeißfliegen von dem großen Hauptturm der Capte und sausten zu den Vierteln herunter. Ich beobachtete, wie sie in verschiedene Richtungen flogen, und hinter den anderen Mauern in der Ferne verschwanden. Unsere beidenschwebten nun in der Luft neben unserer Bürgermeisterin und surrten leise. Sie öffnete die Klappen und nahm einen Zettel heraus, der erste Zettel, der zeigen sollte, wer hinausgesandt werden würde. Es würde jeweils ein Junge und ein Mädchen ausgewählt werden, zwischen 14 & 18 Jahren.
Ms Crosswitch faltete den ersten Zettel auseinander, lächelte zufrieden und nach einigen Sekunden, in denen die Menschenmenge gespannt wartete, sagte sie:
„Reese Willcons!“
Ein Schrei ging aus dem Rand der Menge aus. Dieser kam von einer dunkelhäutigen Frau, die im Schlamm kniete und mit lauten Schluchzern und zitternden Armen ihren ungefähr fünfzehnjährigen Sohn„festhielt. Der Junge stand stocksteif da, doch er setzte sich nach einigen Sekunden in Bewegung. Die Frau schrie sich die Kehle aus, doch ein stämmiger Mann hielt sie zurück und sie zerbrach in seinen Armen. Ich schluckte und nun fiel mir auch der kleine Babybauch auf, den die Frau hielt. Ich spürte, wie meine Mutter nach ihrem Bauch griff. In diesem Moment wurde mir übel.
Die Menge machte dem Jungen Platz, auf allen Gesichtern ein mitleidiger Ausdruck. Ein älterer Herr in grauen Klamotten klopfte ihm sogar aufmunternd auf die Schulter, doch der Junge schaffte nur ein schwaches, falsches Lächeln. Er stieg auf die Tribüne und wurde von unserer Bürgermeisterin in eine übertrieben freudige Umarmung gezogen. Er setzte sich auf den Stuhl der Jungen und starrte geradeaus, in den Horizont, und machte keinen Augenkontakt mit der Menge. Seine Eltern hatten sich an den Rand zurückgezogen, wo nun ein paar andere Frauen der Mutter gut zuredeten und sie umarmten. Der Bub schaute nicht hin.
Ms Crosswitch klatschte in die Hände und die Menge wurde still. Ihre Stöckelschuhe klackerten dramatisch auf dem Holzboden, als sie zu der zweiten Drohne hinüberstolzierte. Sie holte den Zettel lächelnd heraus, faltete ihn auseinander, hielt die Spannung noch ein paar Sekunden und sagte dann mit schallender Stimme:
„Saffron Fallkins!“
Kapitel 3
Saffron
Ein schlechter Traum, meine Geschwister hatten mich noch nicht geweckt. Aber es war kein Traum. Da stand mein Name auf dem Zettel. Ich war stocksteif und wagte es nicht zu blinzeln. Konnte ich wegrennen? Das konnte doch nicht sein! Meine Kehle fühlte sich komisch an.
Mein kleiner Bruder zupfte mich am Kleid und brachte mich zurück in die Realität. Ich blinzelte, bis sich die Welt wieder real anfühlte. Vor mir hatte sich ein Gang gebildet. Die Menschen schauten mich mitleidig an und ich entdeckte sogar einige Leute, die ich kannte, die mich kannten. Ich schaute zurück und blickte in die traurigen Augen meiner Mutter. Sie starrte mich an, bis ihre schmalen, trockenen Lippen ein Wort bildeten: „Geh!“
Rory begann zu weinen.Michael schaute zu mir auf, seine Mundwinkel tief nach unten, und wimmerte ein „Tschüss, Saffi.“
Ich blieb trotzdem stehen, denn dieses Gesicht meines Bruders versteinerte mich. Nicht weinen, nicht weinen. Meine Mutter gab mir einen sanften Stoß in den Rücken und ich taumelte vorwärts, fing mich wieder und ging langsam durch den Gang. In all den Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich ausgelost werden würde. Für mich war das mein ganzes Leben jemand anderer und nie, in einer Million Jahre, wäre ich auf den Gedanken gekommen, ich würde gewählt werden. Es war immer so weit weg, der Gedanke, dass ich es sein könnte.Ich beschimpfte mich innerlich. Ich war dumm, ganz schrecklich dumm gewesen, denn ich hatte mich immer in falscher Sicherheit gewogen. Sicherheit, die nun geplatzt war. Langsam bestieg ich die knarzenden Treppen der Tribüne. Ich blickte auf und meine Augen fanden die des Jungen Reese. Er schien auch traurig zu sein, sein Blick sagte so etwas wie: „Ach, du auch? Dann sind wir gemeinsam in dem Scheiß.“
Ich ging schnurstracks zu meinem Stuhl und setzte mich, meine Knie brannten Ich wagte nicht, meine Familie anzusehen. Jetzt wusste ich, wie sich Reese gefühlt hatte. Eine einzelne, winzige Träne entkam aus meinem Augenwinkel und rann meine Wange herunter. Zum Glück sagte niemand etwas. Aber wahrscheinlich dachten sich alle etwas. Ich schaute auch auf den Horizont und wusste, dass ich später weinen würde.
Ich merkte den Rest der Auslosung gar nicht. Ich hörte aber, wie die Menge uns Glückwünsche zurief und die Frau neben mir, in ihren teueren Kleidern, in die Hände klatschte. Erst, als mich eine andere Frau sanft von meinem Stuhl zog, wurde ich wieder wach. Ich sah sie nicht an, sondern ließ mich einfach von der Bühne führen. Noch eine weitere, dickere Träne entkam mir, als wir den dunklen Bereich hinter der Bühne abgingen, und ich wischte sie nicht weg, sondern ließ sie zu Boden tropfen. Mit einem Klatschen zerschellte sie.
Kapitel 4
Saffron
Wir wurden eine halbe Stunde lang in einem Wagen ohne Fenster zum Capte transportiert. Zumindest zu einen kleinen Mini-Teil, der auch das Schlaflager für die Ausgelosten war, wie es an der Wand geschrieben stand Alles war sehr modern, große Fenster, alles grau, weiß oder schwarz. Es war hier so anders als zuhause.Ich musste durch eine große graue Tür in einen Raum gehen gehen. Eine Frau im Kittel, lächelte mich ohne einen Ausdruck in ihrem Gesicht an, bevor sie die Tür verschloss. Kurz wurde ich in Dunkelheit getaucht, dann schaltete sich ein schwaches Licht an. Ich ging zur Tür, wie in einem Fiebertraum. Langsam, wie in Trance, studierte ich sie. Mein Körper schüttelte sich und ich schlug die Hände vor mein Gesicht, Die Tränen flossen,bis ich zu müde wurde. Erschöpft schleppte ich mich zu der dünnen Matratze, die sich auf einem Eisengestell neben einer Toilett und einem Waschbecken befand. Es gab keine anderen Möbel im Raum. Ich schluchzte und stellte mir vor, ich wäre in meinem Zimmer, mit den blauen Wänden, den dunklen Böden und dem gedimmten Licht. Ich wäre wieder in der Scheune und würde langsam am Leder arbeiten, würde mich über meine Geschwister ärgern und Getreidesäcke herumtragen. Ich wäre zu Hause, aber stattdessen war ich hier, in einem geschlossenen Raum, der immer verschwommener wirkte.
Ich dachte daran, was meine Familie jetzt machen könnte. Höchstwahrscheinlich würden sie wie Zombies nach Hause gehen. Keiner aus der Fallkins Familie würde heute schlafen. Ich weinte noch mehr, bei dem Gedanken an die Schluchzer und Verzweiflungsschreie meiner Mutter, die nun Kinder, Haushalt und Verarbeitung hochschwanger alleine machen musste. Es war mir ein Trost, dass zumindest meine Tante und meine Cousins nebenan wohnten, doch sie waren schon mit ihren eigenen Themen beschäftigt. Außerdem mochte meine Mutter meine Tante nicht, die ganz schlecht im Aufmuntern war. Ich dachte an etwas, was mir mein Vater Wochen vor seinem Tod gesagt hatte. Er hatte die Mühle gerade bedient und ging zu mir herüber. Ich saß an dem Ledertisch, sehr unentspannt, weil ich vorhin noch von Rory und Micheal in das Badezimmer eingesperrt worden war und die beiden mich danach auch noch bei der Arbeit gestört hatten, und schnitt ein großes Lederstück für eine Tasche zu- Ich bemerkte ihn erst, als er hinter mir stand und mir liebevoll bei der Arbeit zusah. Ich hatte mich umgedreht und in seine Haselnuss-Augen geschaut. Als Kind hatte ich Haselnuss immer Hasinuss genannt und hatte einmal, als ich mit meinem Vater gehäkelt habe, in seine Augen geschaut und gelacht. Vater fragte mich lächelnd: „Was ist so lustig, Mausi?“ Ich hatte nur weitergelacht und gesagt: „Du hast Hasinuss-Augen, Papa!“
Während ich so auf meinem Stuhl saß und zu ihm aufblickte, lächelte er und sagte in seiner tiefen, liebevollen Stimme: „Deine kleinen Geschwister machen dir es nicht einfach, hm?“
Ich hatte gebrummt, dass ja auch bald noch weitere Geschwister kommen, und er hatte zuerst geseufzt und dann gesagt: „Ich weiß, dass du es nicht leicht hast, aber merke dir: Wenn ich und Mama da sind, wird alles gut sein.“
Und das hatte mich berührt. Ich hatte ihn angestarrt, er hat nur gelächelt und hat sich umgedreht. Ich hatte ihm dabei zugeschaut, als er einen schweren Getreidesack nahm und summend wieder anfing, die Mühle zu bedienen. Er hatte es geliebt, an der Mühle zu arbeiten, er begrüßte sie immer wie einen alten Freund. Keiner hätte ahnen sollen, was die Mühle ihm antun würde.Mit diesen Gedanken schloss ich die Augen. Die Tränen trockneten langsam auf meinen Wangen, genauso kühl wie die Decke, die auf mir lag.
...

