Aylana - Avas Vermächtnis
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 434
ISBN: 978-3-99146-907-0
Erscheinungsdatum: 03.07.2024
Im zweiten Band der Fantasy-Reihe rund um die junge Drachenkriegerin Aylana können sich die Leser auf weitere spannende Abenteuer der furchtlosen Elfe freuen. Wird es Aylana gelingen, das Elfenvolk und die Menschen einander näherzubringen?
Diese Geschichte handelt von den Arcandrin, den Elfen. Die Arcandrin sind ein uraltes Volk, das mit der Natur in Einklang lebt. Sie versuchen seit Jahrhunderten, ein friedliches Zusammensein aller Lebewesen auf diesem Planeten zu ermöglichen. Die Arcandrin nutzen magische Kräfte und pflegen ihre alten Rituale, die allesamt in direktem Zusammenhang mit dem Wissen um die Naturgesetze stehen. Die Welt der Arcandrin bleibt größtenteils vor den Menschen verborgen, so auch die Drachen und Naturwesen, die dort existieren. Früher lebten die Arcandrin und die Menschen friedlich zusammen. Diese Symbiose wurde jedoch durch die Habgier und den Egoismus der Menschen zerstört. So zogen sich die Arcandrin mehr und mehr zurück. Ihre Geschichte wurde jedoch in alten Legenden und Sagen weitererzählt. Alten Erzählungen nach beherrscht das Elfenvolk mutige Formen des Kampfes mit Schwert oder Pfeil und Bogen. Niemals würde ein Arcandrin zu modernen Waffen greifen, da es gegen alles verstößt, was den Elfen heilig ist. Eine Schusswaffe zu benutzen war ein schweres Vergehen im Reich der Arcandrin.
Heute leben nur noch einige Tausend Elfen unter den Menschen, wo sie weiterhin unerkannt versuchen, die Erde zu behüten und die selbstzerstörerischen Handlungen der Menschen zu unterbinden. Die oberste Doktrin der Arcandrin ist der Schutz und Erhalt allen Lebens.
Doch auch unter den Elfen gibt es eine dunkle Seite. Denn mit der Zeit hatte ein Teil der Arcandrin begonnen, die Menschen zu hassen. Sie als minderwertige und egoistische Kreaturen zu betrachten, die es nicht wert sind, auf der Erde leben zu dürfen. Die Gemeinschaft der Elfen wurden gespalten und in zwei Lager geteilt. Die abtrünnigen Elfen, die sich gegen die oberste Doktrin auflehnten, nannten sich fortan Shiazul. Sie begannen, die alleinige Herrschaft über den Planeten zu beanspruchen und wandten sich gegen ihr eigenes Volk.“
Der Zirkel entscheidet
Aylana war wieder einmal so richtig in ihrem Element. Sie jagte mit ihrem Drachen Ildur so knapp über die Wasseroberfläche, dass sich im Meer eine Bugwelle bildete wie die eines Bootes. Neben ihr, gerade noch in Sichtweite, flogen Arian und Salva. Die drei waren seit ihrem gemeinsamen Abenteuer auf Talabat ein tolles Team geworden. Sie alle waren noch in der Ausbildung zum Drachenkrieger, wo sie nebst Drachenfliegen auch den Gebrauch von Pfeil und Bogen sowie den Kampf mit dem Schwert erlernten. Ihre heutige Aufgabe bestand darin, eine Boje aufzufinden, auf der eine Lanze steckte, die es zu erobern galt. Insgesamt waren drei Teams unterwegs, und wer die Lanze eroberte, hatte gewonnen.
Und wie immer bei diesen Übungen, durfte Aylana weder Durandort, ihren Bogen, noch Xandar, ihr Schwert, verwenden. Sehr zu ihrem Missfallen. Doch sie verstand auch, dass alle Novitae Argo Fura, alle angehenden Drachenkrieger, mit denselben Übungswaffen gegeneinander antreten sollten.
Auf Arcandria, wo die drei Gruppen gestartet waren, hatten sie sich zuvor mit den Übungspfeilen ausgerüstet. Diese verletzten die Getroffenen zwar nicht, waren jedoch ziemlich schmerzhaft und hinterließen deutliche Spuren. Die Regeln waren klar definiert. Ein getroffener Körperteil durfte nicht mehr eingesetzt werden. Dies galt vor allem für die Arme. Bei einem Körpertreffer mussten die Getroffenen sofort ausscheiden. Wurde der Helm getroffen, durfte man weitermachen, sofern man dazu noch in der Lage war. Denn ein direkter Treffer am Helm konnte bis zur kurzen Bewusstlosigkeit führen. Einen Augenblick der Benommenheit hatte ein solcher Aufprall auf alle Fälle zur Folge. Alles in allem war eine solche Übung, auch wenn sie über dem Wasser stattfand, nicht ganz ungefährlich. Erst gerade im letzten Sommer war es zu einem Unfall gekommen, bei dem Arian mit seinem Drachen ins Meer gestürzt war. Aylana hatte sich bei seiner Rettungsaktion am Bein verletzt.
Sie waren jeweils fünf Kilometer voneinander getrennt gestartet und hatten nur vage Informationen betreffend Richtung und Entfernung des Zieles erhalten.
Deshalb hatte Aylana ihre Gruppe aufgefächert, um eine möglichst breite Fläche absuchen zu können. Die drei hatten sich für den Tiefflug entschieden, obwohl die Übersicht deshalb ein wenig zurückstehen musste. Sie versprachen sich davon jedoch einen schnelleren Zugriff auf die Lanze, und sie waren für ihre Konkurrenten schlechter zu sehen. Plötzlich sah Aylana, dass Salva, die rechts von ihr flog, Zeichen gab. Sie deutete auf einen Punkt rechts oberhalb von ihr. Und wirklich, da waren drei Punkte am Himmel, die sich schnell von oben herab näherten. Aylana gab Salva das vereinbarte Zeichen und schwenkte nach links zu Arian. Salva folgte ihr umgehend.
Als sie alle drei nahe genug beieinander waren, rief Aylana:
„Histo fo luda! Dreier Formation Senkrecht.“
Damit würden sie so nahe wie möglich übereinander fliegen, um beim Gegner, der von oben anflog, den Eindruck zu erwecken, dass nur ein Drache unter ihm fliegt. Dabei würde Aylana die oberste Position einnehmen, Salva in der Mitte und Arian zuunterst. Um dann, wenn der Gegner sich sicher fühlte, in eine möglichst enge Kreisformation auszuschwärmen. So könnten sie sich gegen alle Seiten wehren und waren selbst schwer zu treffen. Denn ein Drachen legt sich in die Kurve, und je enger die Kurve ist, umso besser ist der Reiter durch den Körper des Drachen gegen außen geschützt. So war zumindest die Überlegung der drei und heute sollte sich zeigen, ob ihr Plan aufging.
Aylana steuerte Ildur sofort ein wenig nach rechts versetzt über den Drachen Salvas. Arian hingegen nahm seine Position etwas links unter Salva ein. Dadurch war es für den Gegner nahezu unmöglich zu erkennen, dass sich da mehr als ein Drachen unter ihm befand.
Aylana ließ die drei Angreifer, die sich mittlerweile auseinandergefächert hatten, fast bis auf Reichweite ihrer Pfeile herankommen.
„Shira sinas! Bonngo! Bogen rechts! Los!“, rief Aylana und riss Ildur in eine scharfe Rechtskurve. Salva und Arian folgten mit einigem Abstand, und so bildeten die drei ein fast gleichschenkliges Dreieck, das sich sehr schnell drehte. Das komplett überraschte Team ihrer Gegner sah sich jetzt selbst in einer äußerst unangenehmen Lage.
Aylana und ihr Team konnten jetzt aus der geschützten Position hinter ihren Drachen Pfeil um Pfeil auf die anderen abschießen. Aylana landete den ersten Treffer am Helm eines ihrer Kontrahenten, der benommen auf seinem Sattel zusammensackte. Sie folgte ihm mit den Augen und sah erleichtert, dass sein Drache selbsttätig abdrehte und Richtung Arcandria flüchtete. Den zweiten erwischte Arian mit einem Körpertreffer, als dieser versuchte, unter sie zu gelangen, um von dort aus freie Schussbahn zu haben.
Der Dritte versuchte zu entkommen, um weiter nach der Lanze suchen zu können.
„Den hole ich mir!“, rief Salva, und brach aus der Formation aus, um dem Flüchtenden zu folgen. Er schlug Haken wie ein Hase mit seinem Drachen, um seine Verfolgerin abzuschütteln. Salva versuchte die Bewegungen des Flüchtenden vorauszuahnen, doch ihre Pfeile verfehlten noch das Ziel.
Unbemerkt von diesen beiden näherte sich in dem Moment das dritte Team von Osten her. Es war klar, dass sie den Vorteil ausnutzen wollten, um unbemerkt mit einem schnellen Angriff von oben Salva und den Flüchtenden zu überraschen.
„SALVA!“, schrie Aylana aus vollem Halse. Sie und Arian hatten bemerkt, dass Salva ihrerseits verfolgt wurde. Doch sie war bereits außer Hörweite.
„Wenn wir jetzt nicht eingreifen, wird sie sicher abgeschossen“, rief Arian. „Aber andererseits könnten wir die Lanze suchen. Niemand achtet auf uns.“
„Wir lassen sie nicht im Stich. Versuchen wir den Vorteil zu nutzen, noch nicht entdeckt zu sein.“ Aylana war entschlossen, Salva zu helfen. „Sinas Ildur. Bonngo, bonngo. Nach rechts, Ildur. Schnell, schnell.“
Sie trieb ihren Drachen zu äußerster Eile an und Arian folgte ihr sofort. Aylana ließ Ildur sofort an Höhe gewinnen, um ihrerseits aus der Sonne heraus angreifen zu können.
Während Aylana und Arian sich in Position brachten, war es Salva gelungen, ihren Gegner einzuholen, und jetzt war sie praktisch gleichauf an seiner rechten Seite. Sie spannte ihren Bogen, doch ihr Pfeil prallte am Flügel des Drachen ab, denn der Angegriffene hatte ihre Absicht noch rechtzeitig erkannt und war scharf nach links abgedreht.
Salva folgte ihm sofort und schrie erschrocken auf. Denn jetzt sah sie sich den Drachenkriegern des dritten Teams gegenüber, die mit voller Geschwindigkeit auf sie zurasten. Ihr Gegner, den sie zuvor verfolgt hatte, wurde durch einen Pfeil, der ihn mit voller Wucht am Oberkörper traf, fast vom Drachen gerissen. Somit war wieder einer mehr aus dem Spiel genommen und es stand nur noch drei gegen drei.
Salva wusste, dass sie nicht mehr abdrehen konnte und riss ihren Drachen steil in die Höhe, um durch seinen Körper gedeckt zu sein. Durch dieses waghalsige Manöver drohte jedoch ihr Drache zu viel Geschwindigkeit zu verlieren und sie musste ihn möglichst rasch wieder in eine stabile Lage bringen. Einige Pfeile zischten links und rechts an ihr vorbei, ebenso eine Sekunde danach zwei ihrer Angreifer, die nicht schnell genug verlangsamen konnten. Salva brachte ihren Drachen wieder in den Horizontalflug und wollte schon aufatmen, als sie ihren dritten Gegner direkt vor sich hatte. Sie erkannte noch für den Bruchteil einer Sekunde, dass es Moira war, eine hervorragende Bogenschützin, als sie auch schon den Pfeil auf sich zurasen sah. Sie wusste, dass sie keine Chance mehr hatte! Der Pfeil schoss genau auf ihre Stirn zu!
Salva schloss die Augen und wappnete sich für den Aufprall. Doch da hörte sie direkt vor sich ein Splittern und Aylanas triumphierenden Schrei. Salva blickte erstaunt nach oben und sah, wie Aylana und Arian beinahe im Sturzflug heranrasten. Da begriff Salva. Aylana hatte mit ihrem Pfeil Moiras Geschoss im Flug getroffen und damit ihren Abschuss verhindert. Bevor Moira die Situation richtig erfassen konnte, wurde sie bereits von Arians Pfeil am Oberkörper getroffen.
Wieder ein Gegner weniger, doch die beiden anderen hatten durch ihren Überschuss an Geschwindigkeit bereits einen großen Vorsprung gewonnen. Salva ließ ihren Drachen eine Kurve fliegen, um mit Aylana und Arian auf gleiche Höhe zu kommen.
„Danke!! Das war in letzter Sekunde!“, rief Salva zu Aylana hinüber. „Und jetzt? Verfolgen wir die beiden?“
„Sie fliegen in die Richtung, in der auch wir die Lanze vermuten. Also folgen wir ihnen so schnell es nur geht. Wir sollten uns jedoch wieder aufteilen, um ein möglichst großes Gebiet überblicken zu können.“ Aylana deutete auf Arian: „Dras. Rechts Arian.“ Und sich zu zu Salva wendend: „Sinas. Links Salva. Ich nehme die Mitte. Bonngo! Bonngo!“
Sie trieben ihre Drachen zu höchster Eile an und versuchten ihre Konkurrenten einzuholen. Diese beiden hatten sich ebenfalls getrennt, um die See besser absuchen zu können. Sie flogen alle in Richtung Südwesten, was ungefähr der Richtung entsprach, die ihre Ausbilder vorgegeben hatten. Die beiden vor ihnen hatten einen Vorsprung von fast einem Kilometer, als Aylana sah, dass sie leicht nach Süden schwenkten, und zwar so, dass sich ihre Flugbahnen in etwa drei Kilometern treffen mussten. Und sie wusste genau, was das zu bedeuten hatte.
Sie hatten die Lanze gesichtet! „Bonngo, Ildur! Bonngo!“
Aylana trieb ihren Drachen zu äußerster Eile an und konzentrierte sich nur noch darauf, ihre Gegner einzuholen und diese an der Eroberung der Lanze zu hindern.
Salva und Arian hatten ebenfalls begriffen, worum es ging. Doch ihre Drachen blieben hinter Ildur zurück und Aylana wusste, dass sie auf sich alleine gestellt war, um die Lanze noch vor dem anderen Team erobern zu können.
Sie versuchte ihre Chancen abzuwägen. Sollte sie zuerst versuchen, ihre Gegner auszuschalten oder direkt auf die Lanze zuzuhalten? Weder das eine noch das andere erschien ihr zu hundert Prozent erfolgversprechend. Wenn sie zuerst den einen Drachenkrieger angriff, konnte der andere ungestört versuchen, die Lanze zu erreichen.
Wenn sie direkt nach der Lanze strebte, war sie selbst ohne Deckung und somit angreifbar.
Aylana blickte noch einmal zurück und sah, dass sie von Salva und Arian keine Hilfe erwarten konnte. Diese beiden waren bereits weit zurückgeblieben.
Aylanas Entschluss war gefasst. Sie beugte sich weit vor auf Ildurs Hals: „Du musst mir jetzt vertrauen, Ildur. Es könnte etwas eng werden bei unserem Vorhaben.“
Ildur ließ ein Geräusch hören, das Aylana großzügig als Zustimmung interpretierte.
Das Ziel war jetzt weit vor ihnen klar erkennbar und die Krieger des gegnerischen Teams flogen beide direkt auf die Lanze zu; einer rechts und einer links von Aylana, doch beide mit Vorsprung. Sie hatten Aylana jetzt bemerkt und machten ihre Bögen schussbereit. Aylana sah, dass sie alle drei praktisch zum selben Zeitpunkt bei der Lanze eintreffen würden. Und ihre Gegner konnten sie von beiden Seiten in die Zange nehmen, und sie war schon fast in Reichweite ihrer Pfeile.
Aylana sah, wie die beiden links und rechts von ihr die Bogen spannten. Es konnte sich nur noch um Bruchteile von Sekunden handeln, bis sie getroffen wurde. Kein Drachenkrieger, auch wenn sie noch in der Ausbildung waren, konnte ein solches Ziel verfehlen.
„CAS M GLUAS, ILDUR“, schrie Aylana: „ANIOS! Auf den Rücken rollen, Ildur. Jetzt!“
Aylana wagte ein derart halsbrecherisches Manöver, dass Salva und Arian gleichzeitig erschrocken aufschrien. Ildur drehte sich mitten im Flug ruckartig auf den Rücken. Die Pfeile schossen knapp zwischen Ildurs Beinen hindurch, ohne Schaden anzurichten.
Aylana hing jetzt kopfüber im Sattel und wurde nur noch von ihren Beingurten gehalten. Rasend schnell kam das Wasser näher, denn in dieser Rückenlage konnte Ildur die Höhe nicht halten. Das war das Gefährliche an der Sache. Kamen sie der Wasseroberfläche zu nahe, bevor Ildur sich wieder drehen konnte, war der Absturz unvermeidlich. Und Drachen vermochten nicht aus dem Wasser zu entkommen. Und auch Aylana konnte dabei mit in die Tiefe gerissen werden.
Es waren jetzt nur noch etwa zweihundert Meter bis zur Lanze, und sie näherten sich dem Ziel rasend schnell. Aylana spürte, wie sich Ildurs Körper anspannte und ein leises angespanntes Grollen entsprang seiner Kehle.
„Ito ‘m mauin, Ildur. Vertraue mir, Ildur.“
Aylana streckte sich so weit es ging der Wasseroberfläche entgegen und sah, wie sie auf die Boje mit der Lanze zurasten. Eine letzte Anstrengung, und Aylana schaffte es gerade noch, den Schaft der Lanze am äußersten Ende zu packen.
„CAS! ANIOS! ILDUR! ROLLEN! JETZT!“
Aylana presste sich möglichst flach auf Ildurs Hals, um keinen Luftwiderstand mehr zu bieten. Ildur versuchte, sich so schnell er konnte zu drehen, doch sein linker Flügel tauchte bereits in die See ein und er drohte abzustürzen. Aylana warf sich mit aller Kraft nach rechts, und so gelang es Ildur im letzten Augenblick seinen Flügel aus dem Wasser zu befreien und mit einigen kraftvollen Flügelschlägen dem Sog des Wassers zu entkommen. Aylana richtete sich triumphierend auf und schwang mit einem Jubelschrei die Lanze empor. Sie hatten gewonnen! Das Blut in ihren Adern pochte und sie spürte, wie die wilde unbändige Kraft der Arcandrin ihren Körper durchdrang. In diesem Moment war Aylana eins mit Xandria, Ava, Gondrin und mit all den Seelen längst vergangener Tage.
…
Heute leben nur noch einige Tausend Elfen unter den Menschen, wo sie weiterhin unerkannt versuchen, die Erde zu behüten und die selbstzerstörerischen Handlungen der Menschen zu unterbinden. Die oberste Doktrin der Arcandrin ist der Schutz und Erhalt allen Lebens.
Doch auch unter den Elfen gibt es eine dunkle Seite. Denn mit der Zeit hatte ein Teil der Arcandrin begonnen, die Menschen zu hassen. Sie als minderwertige und egoistische Kreaturen zu betrachten, die es nicht wert sind, auf der Erde leben zu dürfen. Die Gemeinschaft der Elfen wurden gespalten und in zwei Lager geteilt. Die abtrünnigen Elfen, die sich gegen die oberste Doktrin auflehnten, nannten sich fortan Shiazul. Sie begannen, die alleinige Herrschaft über den Planeten zu beanspruchen und wandten sich gegen ihr eigenes Volk.“
Der Zirkel entscheidet
Aylana war wieder einmal so richtig in ihrem Element. Sie jagte mit ihrem Drachen Ildur so knapp über die Wasseroberfläche, dass sich im Meer eine Bugwelle bildete wie die eines Bootes. Neben ihr, gerade noch in Sichtweite, flogen Arian und Salva. Die drei waren seit ihrem gemeinsamen Abenteuer auf Talabat ein tolles Team geworden. Sie alle waren noch in der Ausbildung zum Drachenkrieger, wo sie nebst Drachenfliegen auch den Gebrauch von Pfeil und Bogen sowie den Kampf mit dem Schwert erlernten. Ihre heutige Aufgabe bestand darin, eine Boje aufzufinden, auf der eine Lanze steckte, die es zu erobern galt. Insgesamt waren drei Teams unterwegs, und wer die Lanze eroberte, hatte gewonnen.
Und wie immer bei diesen Übungen, durfte Aylana weder Durandort, ihren Bogen, noch Xandar, ihr Schwert, verwenden. Sehr zu ihrem Missfallen. Doch sie verstand auch, dass alle Novitae Argo Fura, alle angehenden Drachenkrieger, mit denselben Übungswaffen gegeneinander antreten sollten.
Auf Arcandria, wo die drei Gruppen gestartet waren, hatten sie sich zuvor mit den Übungspfeilen ausgerüstet. Diese verletzten die Getroffenen zwar nicht, waren jedoch ziemlich schmerzhaft und hinterließen deutliche Spuren. Die Regeln waren klar definiert. Ein getroffener Körperteil durfte nicht mehr eingesetzt werden. Dies galt vor allem für die Arme. Bei einem Körpertreffer mussten die Getroffenen sofort ausscheiden. Wurde der Helm getroffen, durfte man weitermachen, sofern man dazu noch in der Lage war. Denn ein direkter Treffer am Helm konnte bis zur kurzen Bewusstlosigkeit führen. Einen Augenblick der Benommenheit hatte ein solcher Aufprall auf alle Fälle zur Folge. Alles in allem war eine solche Übung, auch wenn sie über dem Wasser stattfand, nicht ganz ungefährlich. Erst gerade im letzten Sommer war es zu einem Unfall gekommen, bei dem Arian mit seinem Drachen ins Meer gestürzt war. Aylana hatte sich bei seiner Rettungsaktion am Bein verletzt.
Sie waren jeweils fünf Kilometer voneinander getrennt gestartet und hatten nur vage Informationen betreffend Richtung und Entfernung des Zieles erhalten.
Deshalb hatte Aylana ihre Gruppe aufgefächert, um eine möglichst breite Fläche absuchen zu können. Die drei hatten sich für den Tiefflug entschieden, obwohl die Übersicht deshalb ein wenig zurückstehen musste. Sie versprachen sich davon jedoch einen schnelleren Zugriff auf die Lanze, und sie waren für ihre Konkurrenten schlechter zu sehen. Plötzlich sah Aylana, dass Salva, die rechts von ihr flog, Zeichen gab. Sie deutete auf einen Punkt rechts oberhalb von ihr. Und wirklich, da waren drei Punkte am Himmel, die sich schnell von oben herab näherten. Aylana gab Salva das vereinbarte Zeichen und schwenkte nach links zu Arian. Salva folgte ihr umgehend.
Als sie alle drei nahe genug beieinander waren, rief Aylana:
„Histo fo luda! Dreier Formation Senkrecht.“
Damit würden sie so nahe wie möglich übereinander fliegen, um beim Gegner, der von oben anflog, den Eindruck zu erwecken, dass nur ein Drache unter ihm fliegt. Dabei würde Aylana die oberste Position einnehmen, Salva in der Mitte und Arian zuunterst. Um dann, wenn der Gegner sich sicher fühlte, in eine möglichst enge Kreisformation auszuschwärmen. So könnten sie sich gegen alle Seiten wehren und waren selbst schwer zu treffen. Denn ein Drachen legt sich in die Kurve, und je enger die Kurve ist, umso besser ist der Reiter durch den Körper des Drachen gegen außen geschützt. So war zumindest die Überlegung der drei und heute sollte sich zeigen, ob ihr Plan aufging.
Aylana steuerte Ildur sofort ein wenig nach rechts versetzt über den Drachen Salvas. Arian hingegen nahm seine Position etwas links unter Salva ein. Dadurch war es für den Gegner nahezu unmöglich zu erkennen, dass sich da mehr als ein Drachen unter ihm befand.
Aylana ließ die drei Angreifer, die sich mittlerweile auseinandergefächert hatten, fast bis auf Reichweite ihrer Pfeile herankommen.
„Shira sinas! Bonngo! Bogen rechts! Los!“, rief Aylana und riss Ildur in eine scharfe Rechtskurve. Salva und Arian folgten mit einigem Abstand, und so bildeten die drei ein fast gleichschenkliges Dreieck, das sich sehr schnell drehte. Das komplett überraschte Team ihrer Gegner sah sich jetzt selbst in einer äußerst unangenehmen Lage.
Aylana und ihr Team konnten jetzt aus der geschützten Position hinter ihren Drachen Pfeil um Pfeil auf die anderen abschießen. Aylana landete den ersten Treffer am Helm eines ihrer Kontrahenten, der benommen auf seinem Sattel zusammensackte. Sie folgte ihm mit den Augen und sah erleichtert, dass sein Drache selbsttätig abdrehte und Richtung Arcandria flüchtete. Den zweiten erwischte Arian mit einem Körpertreffer, als dieser versuchte, unter sie zu gelangen, um von dort aus freie Schussbahn zu haben.
Der Dritte versuchte zu entkommen, um weiter nach der Lanze suchen zu können.
„Den hole ich mir!“, rief Salva, und brach aus der Formation aus, um dem Flüchtenden zu folgen. Er schlug Haken wie ein Hase mit seinem Drachen, um seine Verfolgerin abzuschütteln. Salva versuchte die Bewegungen des Flüchtenden vorauszuahnen, doch ihre Pfeile verfehlten noch das Ziel.
Unbemerkt von diesen beiden näherte sich in dem Moment das dritte Team von Osten her. Es war klar, dass sie den Vorteil ausnutzen wollten, um unbemerkt mit einem schnellen Angriff von oben Salva und den Flüchtenden zu überraschen.
„SALVA!“, schrie Aylana aus vollem Halse. Sie und Arian hatten bemerkt, dass Salva ihrerseits verfolgt wurde. Doch sie war bereits außer Hörweite.
„Wenn wir jetzt nicht eingreifen, wird sie sicher abgeschossen“, rief Arian. „Aber andererseits könnten wir die Lanze suchen. Niemand achtet auf uns.“
„Wir lassen sie nicht im Stich. Versuchen wir den Vorteil zu nutzen, noch nicht entdeckt zu sein.“ Aylana war entschlossen, Salva zu helfen. „Sinas Ildur. Bonngo, bonngo. Nach rechts, Ildur. Schnell, schnell.“
Sie trieb ihren Drachen zu äußerster Eile an und Arian folgte ihr sofort. Aylana ließ Ildur sofort an Höhe gewinnen, um ihrerseits aus der Sonne heraus angreifen zu können.
Während Aylana und Arian sich in Position brachten, war es Salva gelungen, ihren Gegner einzuholen, und jetzt war sie praktisch gleichauf an seiner rechten Seite. Sie spannte ihren Bogen, doch ihr Pfeil prallte am Flügel des Drachen ab, denn der Angegriffene hatte ihre Absicht noch rechtzeitig erkannt und war scharf nach links abgedreht.
Salva folgte ihm sofort und schrie erschrocken auf. Denn jetzt sah sie sich den Drachenkriegern des dritten Teams gegenüber, die mit voller Geschwindigkeit auf sie zurasten. Ihr Gegner, den sie zuvor verfolgt hatte, wurde durch einen Pfeil, der ihn mit voller Wucht am Oberkörper traf, fast vom Drachen gerissen. Somit war wieder einer mehr aus dem Spiel genommen und es stand nur noch drei gegen drei.
Salva wusste, dass sie nicht mehr abdrehen konnte und riss ihren Drachen steil in die Höhe, um durch seinen Körper gedeckt zu sein. Durch dieses waghalsige Manöver drohte jedoch ihr Drache zu viel Geschwindigkeit zu verlieren und sie musste ihn möglichst rasch wieder in eine stabile Lage bringen. Einige Pfeile zischten links und rechts an ihr vorbei, ebenso eine Sekunde danach zwei ihrer Angreifer, die nicht schnell genug verlangsamen konnten. Salva brachte ihren Drachen wieder in den Horizontalflug und wollte schon aufatmen, als sie ihren dritten Gegner direkt vor sich hatte. Sie erkannte noch für den Bruchteil einer Sekunde, dass es Moira war, eine hervorragende Bogenschützin, als sie auch schon den Pfeil auf sich zurasen sah. Sie wusste, dass sie keine Chance mehr hatte! Der Pfeil schoss genau auf ihre Stirn zu!
Salva schloss die Augen und wappnete sich für den Aufprall. Doch da hörte sie direkt vor sich ein Splittern und Aylanas triumphierenden Schrei. Salva blickte erstaunt nach oben und sah, wie Aylana und Arian beinahe im Sturzflug heranrasten. Da begriff Salva. Aylana hatte mit ihrem Pfeil Moiras Geschoss im Flug getroffen und damit ihren Abschuss verhindert. Bevor Moira die Situation richtig erfassen konnte, wurde sie bereits von Arians Pfeil am Oberkörper getroffen.
Wieder ein Gegner weniger, doch die beiden anderen hatten durch ihren Überschuss an Geschwindigkeit bereits einen großen Vorsprung gewonnen. Salva ließ ihren Drachen eine Kurve fliegen, um mit Aylana und Arian auf gleiche Höhe zu kommen.
„Danke!! Das war in letzter Sekunde!“, rief Salva zu Aylana hinüber. „Und jetzt? Verfolgen wir die beiden?“
„Sie fliegen in die Richtung, in der auch wir die Lanze vermuten. Also folgen wir ihnen so schnell es nur geht. Wir sollten uns jedoch wieder aufteilen, um ein möglichst großes Gebiet überblicken zu können.“ Aylana deutete auf Arian: „Dras. Rechts Arian.“ Und sich zu zu Salva wendend: „Sinas. Links Salva. Ich nehme die Mitte. Bonngo! Bonngo!“
Sie trieben ihre Drachen zu höchster Eile an und versuchten ihre Konkurrenten einzuholen. Diese beiden hatten sich ebenfalls getrennt, um die See besser absuchen zu können. Sie flogen alle in Richtung Südwesten, was ungefähr der Richtung entsprach, die ihre Ausbilder vorgegeben hatten. Die beiden vor ihnen hatten einen Vorsprung von fast einem Kilometer, als Aylana sah, dass sie leicht nach Süden schwenkten, und zwar so, dass sich ihre Flugbahnen in etwa drei Kilometern treffen mussten. Und sie wusste genau, was das zu bedeuten hatte.
Sie hatten die Lanze gesichtet! „Bonngo, Ildur! Bonngo!“
Aylana trieb ihren Drachen zu äußerster Eile an und konzentrierte sich nur noch darauf, ihre Gegner einzuholen und diese an der Eroberung der Lanze zu hindern.
Salva und Arian hatten ebenfalls begriffen, worum es ging. Doch ihre Drachen blieben hinter Ildur zurück und Aylana wusste, dass sie auf sich alleine gestellt war, um die Lanze noch vor dem anderen Team erobern zu können.
Sie versuchte ihre Chancen abzuwägen. Sollte sie zuerst versuchen, ihre Gegner auszuschalten oder direkt auf die Lanze zuzuhalten? Weder das eine noch das andere erschien ihr zu hundert Prozent erfolgversprechend. Wenn sie zuerst den einen Drachenkrieger angriff, konnte der andere ungestört versuchen, die Lanze zu erreichen.
Wenn sie direkt nach der Lanze strebte, war sie selbst ohne Deckung und somit angreifbar.
Aylana blickte noch einmal zurück und sah, dass sie von Salva und Arian keine Hilfe erwarten konnte. Diese beiden waren bereits weit zurückgeblieben.
Aylanas Entschluss war gefasst. Sie beugte sich weit vor auf Ildurs Hals: „Du musst mir jetzt vertrauen, Ildur. Es könnte etwas eng werden bei unserem Vorhaben.“
Ildur ließ ein Geräusch hören, das Aylana großzügig als Zustimmung interpretierte.
Das Ziel war jetzt weit vor ihnen klar erkennbar und die Krieger des gegnerischen Teams flogen beide direkt auf die Lanze zu; einer rechts und einer links von Aylana, doch beide mit Vorsprung. Sie hatten Aylana jetzt bemerkt und machten ihre Bögen schussbereit. Aylana sah, dass sie alle drei praktisch zum selben Zeitpunkt bei der Lanze eintreffen würden. Und ihre Gegner konnten sie von beiden Seiten in die Zange nehmen, und sie war schon fast in Reichweite ihrer Pfeile.
Aylana sah, wie die beiden links und rechts von ihr die Bogen spannten. Es konnte sich nur noch um Bruchteile von Sekunden handeln, bis sie getroffen wurde. Kein Drachenkrieger, auch wenn sie noch in der Ausbildung waren, konnte ein solches Ziel verfehlen.
„CAS M GLUAS, ILDUR“, schrie Aylana: „ANIOS! Auf den Rücken rollen, Ildur. Jetzt!“
Aylana wagte ein derart halsbrecherisches Manöver, dass Salva und Arian gleichzeitig erschrocken aufschrien. Ildur drehte sich mitten im Flug ruckartig auf den Rücken. Die Pfeile schossen knapp zwischen Ildurs Beinen hindurch, ohne Schaden anzurichten.
Aylana hing jetzt kopfüber im Sattel und wurde nur noch von ihren Beingurten gehalten. Rasend schnell kam das Wasser näher, denn in dieser Rückenlage konnte Ildur die Höhe nicht halten. Das war das Gefährliche an der Sache. Kamen sie der Wasseroberfläche zu nahe, bevor Ildur sich wieder drehen konnte, war der Absturz unvermeidlich. Und Drachen vermochten nicht aus dem Wasser zu entkommen. Und auch Aylana konnte dabei mit in die Tiefe gerissen werden.
Es waren jetzt nur noch etwa zweihundert Meter bis zur Lanze, und sie näherten sich dem Ziel rasend schnell. Aylana spürte, wie sich Ildurs Körper anspannte und ein leises angespanntes Grollen entsprang seiner Kehle.
„Ito ‘m mauin, Ildur. Vertraue mir, Ildur.“
Aylana streckte sich so weit es ging der Wasseroberfläche entgegen und sah, wie sie auf die Boje mit der Lanze zurasten. Eine letzte Anstrengung, und Aylana schaffte es gerade noch, den Schaft der Lanze am äußersten Ende zu packen.
„CAS! ANIOS! ILDUR! ROLLEN! JETZT!“
Aylana presste sich möglichst flach auf Ildurs Hals, um keinen Luftwiderstand mehr zu bieten. Ildur versuchte, sich so schnell er konnte zu drehen, doch sein linker Flügel tauchte bereits in die See ein und er drohte abzustürzen. Aylana warf sich mit aller Kraft nach rechts, und so gelang es Ildur im letzten Augenblick seinen Flügel aus dem Wasser zu befreien und mit einigen kraftvollen Flügelschlägen dem Sog des Wassers zu entkommen. Aylana richtete sich triumphierend auf und schwang mit einem Jubelschrei die Lanze empor. Sie hatten gewonnen! Das Blut in ihren Adern pochte und sie spürte, wie die wilde unbändige Kraft der Arcandrin ihren Körper durchdrang. In diesem Moment war Aylana eins mit Xandria, Ava, Gondrin und mit all den Seelen längst vergangener Tage.
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