Drei Brüder – Farbspiel
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-99146-863-9
Erscheinungsdatum: 24.07.2024
Farbspiel – nomen est omen. Drei Brüder, die sich selten sehen, aber gut verstehen, geraten in ein gefährliches Spiel der Farben. Rätselhafte Vorfälle, Anomalien und mysteriöse Morde bringen die drei Männer zusammen, um gemeinsam ein surreales Rätsel zu lösen.
Die drei Brüder
Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atom-physiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.
Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic, und raucht Joints. Beruflich ist er selbständig und programmiert numerische Algorithmen.
Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik verstehen und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.
Weiters:
Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.
Das Ermittlerteam
Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.
Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team. Aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.
Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca öfter eskalieren.
Weiters:
Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Hilfreiches hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.
Vorwort
Farben sind allgegenwärtig. Wir Menschen sehen sie von Rot über Grün, Blau bis Violett. Die meisten von uns machen sich keine Gedanken, weil sie einfach da sind. Jeden Tag, nur nicht nachts. In der Nacht sind alle grau, die Katzen, … aber auch die Menschen. Dann flößen sie uns Angst ein. Können uns die Farben noch andere Streiche spielen?
Drei Farben beeinflussen unser Empfinden in besonderem Maße: Das Blut ist rot, die Natur ist grün, der Himmel ist blau. Im Laufe seiner Evolution hat der Mensch ein tief im vegetativen Nervensystem verankertes Bewusstsein für diese Farben entwickelt: Rot für Gefahr, Grün für Leben, Blau für Freude. Die beiden ersten Farben werden in jedem elektrischen Gerät eingesetzt, ohne deren Bedeutung erklären zu müssen, so elementar ist dieses Empfinden:
Rot Störung, Gefahr
Grün alles OK, keine Gefahr
Ein praktisches Beispiel: Verkehrsampel.
Bei Rot treten wir auf die Bremse und bei Grün aufs Gaspedal, freie Fahrt, keine Gefahr. Stimmt das immer?
Ein theoretisches Beispiel:
Würde die Verkehrsampel Rot und Grün gleichzeitig aussenden, dann sähe man ab einem bestimmten Abstand weißes Licht. Interessant, nicht?
Montag 16.08.2004
08h 30
Nichts deutet darauf hin, dass dieser Montag ein verhäng-nisvoller Tag werden wird. Es ist ein schöner Morgen in München, bereits hochsommerlich warm, wolkenlos. Das größte Risiko ist vermutlich von einem Gewitter mit Blitz und Donner überrascht zu werden.
Hoch über den Dächern leuchtet die Sonne mit goldgelben Strahlen in sein Loft, das er vor fünf Jahren gekauft hat, aus Freude am Jetzt und nicht wie andere als Vorsorge für morgen. Nichtsdestotrotz ist eine 200-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil Lehel eine durchaus empfehlenswerte Geldanlage. Rick nennt es sein Wigwam. Dort findet das Leben in einem Raum statt: Schlafen, Kochen, Essen und Trinken, Fernsehen, Büro … alles außer Duschen und Toilette. Schlaftrunken torkelt er ins Bad, duscht erstmal ausgiebig. So früh steht er normaler-weise nicht auf.
Vor drei Tagen wurden die Olympischen Spiele in Athen eröffnet. Morgens kommen zusammenfassende Berichte vom Vortag, heute Schwimmen, 400 Meter Freistil der Damen. Durchaus sehenswert, meint er. Dann verlieren sich seine Gedanken über den Dächern von München, während er genüsslich einen frisch gebrühten Cappuccino schlürft. Eigentlich wie jeden Tag, nur nicht so früh.
Absolut nichts deutet auf eine Bedrohung hin, die sich unaufhaltsam nähert.
Rick ist Anfang dreißig, sportlich und gut in Form. Bei seinem Lebenswandel eigentlich ein Wunder. Er und sein Zwillingsbruder wurden in einer Johannisnacht geboren, Chris, am 21. Juni um 23h 50 und Rick am 22. Juni um 00h 15. Ein Indiz für die Richtigkeit dieser Daten ist die von ihrer Mutter Christiane Fox geäußerte Unmutsbekundung, dass ihr damals die beiden Buben die Johannisnacht vermasselt hätten.
Vermutlich wurden die Zwillinge mehrfach verwechselt. Wie oft, ist mathematisch irrelevant, weil es nur zwei Zustände gibt, wie die rechte und linke Seite bei Schiffen: Steuerbord grün und Backbord rot. Die Gene konnte man ohnehin nicht verwechseln, es waren die gleichen. Es bleiben also nur die Namen, Chris und Rick oder Rick und Chris. Vermutlich wurde so oft hin- und hergewechselt, bis er bei Grün, also auf der Steuer-bordseite saß und Rick hieß.
Es hat ihn nie gestört und nie interessiert. Er würde immer heute hier stehen und feststellen, dass er sich allmählich sputen muss, sonst kommt er zu spät zum Notartermin, den er zusammen mit seinen Brüdern in der Innenstadt hat. Es geht um den Nachlass ihrer Eltern, die vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Die Notarin muss durch persönliche Inaugenscheinnahme prüfen, ob die drei Brüder auch diejenigen sind, die sie als hoch-wohlgeborenes Organ der Rechtspflege als die einzig Hinterbliebenen und alleinig Erbberechtigten bezeichnet und eingeladen hat. Die Brüder sehen sich nicht so oft, weil sie unterschiedliche Interessen haben und an unter-schiedlichen Orten leben. Für familiäre Zusammenkünfte muss schon jemand heiraten oder sterben. Die Letzteren werden naturgemäß immer weniger und die Ersteren sind nicht so viele und die wenigen wollen nicht, allem guten Zureden zum Trotz.
Deshalb ist heute ein Ereignis der letzteren Art und diesem sollte tunlichst mit Sorgfalt und Empathie begegnet werden. Rick ist dazu bereit. Hierzu hat er am Vorabend allen Versuchungen, die gedreht in Schubladen lagen und gekühlt im Kühlschrank standen, widerstanden, um heute einen ordentlichen, soliden, gut rasierten und gekämmten Mitbürger darzustellen. Um den guten Eindruck abzurunden, hat er sich vorgenommen, auch eine Aktentasche zu tragen, obwohl er noch nicht weiß, was er hineinpacken soll. Anziehen will er einen hellgrauen Anzug, ein T-Shirt in Altrosa mit rundem Ausschnitt, einen braunen Gürtel und, farblich abgestimmt, spanische Espadrilles, aber keine Strümpfe und keine Unterhose. Es ist Sommer. Da findet er Strümpfe und Unterhosen uncool und man darf seine Grundsätze nicht vollkommen über Bord werfen, auch dann nicht, wenn der Familienclan ante portas steht.
Rick ist selbstständig und verdient sein Geld mit der Programmierung von Algorithmen. Er hat seine Leidenschaft für die numerische Mathematik spät erkannt, als er zufällig bemerkte, dass er die natürliche Fähigkeit besitzt, Muster zu erkennen. Und zwar nicht Muster auf Tapeten oder auf Kleidungsstoffen, sondern in Datenreihen. Im Laufe der Zeit hat er ein Gefühl dafür entwickelt, welche mathematischen Operationen er auf Datenreihen anwenden muss, um ihnen ihre verräterischen, einzigartigen Muster zu entlocken. Heute verfügt er über ein großes Reservoir an solchen Algorithmen, die er als freischaffender Programmierer namhaften Firmen aus verschiedenen Branchen anbietet.
Die Leckerbissen in seiner C-Code-Sammlung sind Prognosemodelle für Ereignisse, die, wie der Name verrät, in der Zukunft liegen. Auf Basis von Werten der Vergangenheit kann er, unter Hinzufügen von genauen Anfangs- und Randbedingungen quasi in die Zukunft sehen. So ähnlich wie die Wetterfrösche. Allerdings mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass sein Prognosealgorithmus die Zukunft nicht einfach extrapolierend berechnet, sondern so lange iterativ rekursiv verändert, bis die Daten der Vergangenheit und die Daten der Zukunft ein ihr eigenes spezielles Muster ausbilden, das Rick das Eigenmuster der Datenreihe nennt. Er hat festgestellt, dass bei Vorliegen eines Eigenmusters die Vorhersagen ein enormes Vertrauensniveau haben.
Sein Know-how hat ihm einen komfortablen Lebensstil beschert, aber auch im Privatleben gute Dienste geleistet. Rick hat beispielsweise ein Prognosemodell programmiert, um die Hormonwallungen seiner liebenswerten Nachbarin Samantha zu bestimmen, die er kurz Sam nennt. Die Konditionierung der Parameter basiert auf Basisdaten wie ihre Blutgruppe, BMI, Alter, Größe, und ein paar nicht ernsthafte Spielereien wie Mondphase, Luftdruck und Erdmagnetfeld. Diese Rohdaten rechnet sein Algorithmus in eine Ereigniswahrscheinlichkeit um. Bei einem Wert von 75 % meldet sein Programm DefCon2.
Die Bezeichnung DefCon hat Rick vom US-Pentagon übernommen, die Abkürzung für Defense Condition. Die US-Militärs verwenden fünf DefCon-Stufen, als Countdown runtergezählt von 5 bis 1. Bei DefCon1 fliegen die Fetzen. Ganz passend, dachte sich Rick. In seinem Programm sam_alert.exe entspricht dies dem Wert von 90 %. Sein Algorithmus meldet heute DefCon1, also Alarmstufe ROT. Die Message DefCon1 öffnet ein Pop-up-Fenster auf seinem Smartphone. Also Vorsicht. Nicht den geräuschvollen Lift nehmen. Barfuß auf Fußspitzen schleicht er vier Stockwerke in die Tiefgarage. Sicher ist sicher und seine Zeit ist heute nicht so bemessen, dass er sich größere Verzögerungen leisten könnte. Termine beim Notar sind wichtig. Seit seiner Kindheit weiß er von seiner Mutter, dass es nichts Wichtigeres gibt. Also fünfzehn Minuten vor der vereinbarten Zeit da sein, um mit der Vorzimmerdame alle Fragen durchzugehen, die er bereits schriftlich per E-Mail beantwortet hat.
Als Ortskundiger in München hat Rick von seinen Brüdern den Auftrag erhalten, den Notar für die Erbauseinandersetzung auszusuchen. Seine Wahl fiel auf das Notariat Dr. jur. Rautgundis von Adelboden am Marienplatz. Die Notarin hat vor fünf Jahren den Kaufvertrag seines Wigwams beglaubigt. Sie hat sich damals kräftig ins Zeug gelegt, um den wirtschaftlich unbekümmerten Rick vor der nimmersatten Geldgier der Immobilienhaie zu schützen. Er hat es sehr genossen, dass eine honorige Dame im mittleren Alter mit Doktortitel ihre schützende Hand über ihn legte. Aus Dankbarkeit hat Rick sie zur Wigwam-Inauguration-Party eingeladen. Sie kam etwas später, war sehr reserviert und stand ziemlich daneben, auch bekleidungstechnisch. Man merkte, dass sie aus reiner Höflichkeit und nicht aus Partylust gekommen war. Der hämmernde Technosound war auch nicht ihre bevorzugte Musikrichtung, ebenso wenig die Lautstärke. Man musste die Party weithin hören können. Hoffentlich ruft kein genervter Nachbar das Ordnungsamt an. Der Notarin kamen viele solcher Gedanken in den Kopf. Hoffentlich geht das alles gut und sie kommt ungeschoren aus dieser Nummer raus.
Nach einer Stunde quälender, sinnbefreiter Lall-Gespräche mit diversen gutgelaunten Partygästen hat sie sich für eine fünfköpfige Männersitzgruppe interessiert, die etwas abseits am Boden saß und ein Chillum reihum gehen ließ. Ein Chillum kannte sie nicht, und den süßlichen Duft auch nicht. Das Schließen von Wissenslücken ist eine der markantesten Eigenschaften des Homo sapiens. So kam es, dass die Notarin zu fortgeschrittener Stunde einige ihrer unvorteilhaften Kleidungsstücke abgelegt und mit Inbrunst den Regentanz der Komantschen dargeboten hat, angefeuert von urzeitlich-rhythmischen Lauten der Sitzgruppe.
Gegen vier Uhr morgens hat Rick die launisch bestens aufgelegte Notarin nach Hause gefahren, ohne großes Aufsehen. Da er selbst auch nicht mehr fahren konnte, hat er seinen befreundeten Taxifahrer Muja angerufen. Muja und Rick setzten die Frau Doktor auf den Rücksitz, wo sie zu Phil Collins You can’t hurry love nicht ganz tonsicher mitträllerte.
„Wo soll’s denn heute noch hingehen mit dem heißen Ofen?“
„Pst!“, gebot Rick mit dem Finger vor dem Mund.
„Ich habe in ihrer Handtasche einen Ausweis mit Adresse gefunden: Grünwald. Einen Haustürschlüssel habe ich auch gefunden. Fahr jetzt los und quatsch nicht so viel und vor allem vergiss die Sache hinterher wieder. Sie ist eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.“
„Ja, ist ja gut, Rick, keine Sorge.“
Am Ziel angekommen, einem schnuckeligen Bungalow, war die Notarin auf dem Rücksitz komaähnlich eingeschlafen. Rick und Muja mussten sie zu zweit aus dem Taxi ziehen und zur Haustür tragen. Es war anstrengender, als beide sich das zunächst vorgestellt hatten.
„Im Kino sieht das immer so einfach aus. Einfach hoch, um die Schulter gelegt und weg damit.“
„Aber hier ist nicht Hollywood, Muja, sondern Grünwald … und jetzt geh mal zu.“
Sie trugen die Notarin mehr schleifend zur Haustür, die etwa fünfzig Meter vom Gartentor der Doppelhaushälfte entfernt war, leise, um nicht die Nachbarschaft zu wecken. Und die hat es in sich: Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter der Soko München. Als sie endlich auf dem Wohnzimmersofa lag, nahm Rick eine Decke vom TV-Stuhl, zusätzlich ein Kopfkissen. Irgendwie entfalteten sich Gefühle, als er sie so unschuldig und verletzlich liegen sah. Er hätte gern mehr von ihrer Wohnung gesehen, aber aus Mangel an Licht und Zeit musste er darauf verzichten. Er tätschelte kurz ihren Hintern und ging dann zurück zur Haustür, wo Muja schon eine Weile rumstand und mit dem Finger ungeduldig auf das Sideboard tippte.
„Willst du dich dazulegen oder können wir jetzt fahren, Rick?“
„Ach, lass mal gut sein, Muja. Sie ist echt in Ordnung. Du triffst heute nicht mehr viele, die eine so gute Seele sind wie die Rauti.“
Sie deponierten den Haustürschlüssel auf dem Sideboard neben der Tür und zogen diese leise wieder zu. Rick war froh, dass er etwas Gutes für die Rauti tun konnte. Sie fuhren zurück zur Party, die noch nicht zu Ende war. Rick und die Notarin haben später nie über diese Party gesprochen, und auch nicht darüber, wer sie nach Hause gebracht hat.
In der Garage angekommen, kann Rick seinen Triumph TR2 kaum öffnen, weil Generaldirektor Lührs vom zweiten Stock seinen protzigen Monster-SUV wieder einmal raumgreifend eingeparkt hat.
„Arschloch“, brummelt Rick, während er sich lang-gezogen in den TR2 zwängt.
Am liebsten würde er die ganze Garage mit Oldtimern füllen, aber dafür werden seine genialen Algorithmen nicht gut genug bezahlt. Also hat er nur den Triumph TR2, Baujahr 1954, in Korallrot. Den aber liebt er wie seine beste Freundin.
Mit lautem Röhren macht er sich schnell davon. Er ist in Sicherheit … so denkt er jedenfalls.
Der Weg zum Notariat ist nicht weit, nur etwa fünf Kilometer. Er könnte locker mit der 19er-Straßenbahn fahren, die direkt vor seinem Haus hält und nach sechs Haltestellen fußläufig zum Notariat Station macht. Aber sein heutiges Outfit passt besser zu einem korallroten TR2 als zu einer taubenblauen Straßenbahn.
Er wird nicht lange fahren dürfen. Schade. Nichts ist für ihn schöner, als mit offenem Verdeck an einem sommerlichen Morgen durch Münchens City zu fahren und die neidvollen Blicke der männlichen Passanten zu spüren. Es geht stadteinwärts. Nach der Ludwigsbrücke, gleich hinter dem Technischen Museum, kommt eine Ampelkreuzung. Der Blick nach links und nach rechts erfüllt sein Herz. Die blaue Isar plätschert geruhsam mitten durch die Stadt. In Richtung Süden erahnt man die in Dunst gehüllten Alpen, in Richtung Norden prahlt die Museumsinsel mit üppiger Architektur. Es ist einfach wunderschön.
Heute sind wenig Autos unterwegs und da seine Ampel grün zeigt, kann er zügig in die Kreuzung einfahren. Rick ist ein guter und routinierter Fahrer. Seit seiner Führerscheinprüfung hatte er noch keinen einzigen Unfall.
09h 54
Unmittelbar bei Einfahrt in die Kreuzung wird ihm plötzlich übel und er wird von grellweißem Licht geblendet. Dann kracht er ungebremst in die Beifahrerseite eines Polizeiautos, welches von links kommend in die Kreuzung eingefahren ist. Die Polizeistreife wird kalt erwischt. Im Streifenwagen springen alle Airbags auf, auch die Seiten-Airbags. Vermutlich der Grund, weshalb beide Polizisten weitestgehend unverletzt bleiben. Ansonsten wäre es wohl übel ausgegangen.
…
Prof. Dr. Chris Fox ist ein weltbekannter Atom-physiker. Wie sein Zwillingsbruder Rick ist er ledig, auch weil ihm seine Forschungsreisen in die subatomare Welt der Quanten keine Zeit für lokale Romanzen lassen. Er hat zwar ein Auge auf Rebecca geworfen, eine attraktive Kriminalbeamtin der Münchner SoKo. Aber die steht nicht auf Männer.
Rick Fox lebt im Münchner Stadtteil Lehel. Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder pflegt er einen lockeren Lebensstil, liebt seine Nachbarin Samantha und Gin Tonic, und raucht Joints. Beruflich ist er selbständig und programmiert numerische Algorithmen.
Rudi Fox ist Bergführer und besitzt ein Sportgeschäft für Alpinsport in Oberaudorf. Das Leben seiner zwei Brüder ist ihm fremd, weil er zum einen nichts von Quantenmechanik verstehen und zum anderen nichts mit dem lasziven Leben in der Münchner Szene zu tun haben will.
Weiters:
Samantha Hilbert ist Ricks Nachbarin. Beide schätzen ihre Unabhängigkeit, treffen sich aber mehrmals pro Woche, wenn ihr Hormonspiegel überschwappt. Sie liebt und hasst Ricks lockeren Lebensstil. Als Journalistin kennt sie die Münchner Szene. Ihr Büro ist ein Tisch im Café Magnifique.
Das Ermittlerteam
Hubert Piotrowski leitet als Hauptkommissar die SoKo München. Wie sein Vorbild Maigret hat er einen messerscharfen Verstand. Einzige Schwachpunkte sind sein schlechtes Namensgedächtnis und seine Nerven, die mit ihm durchgehen, wenn der Dezernatsleiter am Rad dreht oder seine Mitarbeiterin Rebecca hin und wieder intergalaktische Ideen hat.
Rebecca Jones ist noch nicht so lange im SoKo-Team. Aber sie hat sich schnell einen Namen gemacht, weil ihre unkonventionelle Denkweise oft entscheidend ist, den Rätseln von Verbrechen auf die Spur zu kommen. Aber auch ihr Äußeres fällt auf: schlohweiße kurze Haare, schwarz geschminkt und gekleidet. Und sie macht bewusst keinen Hehl daraus, dass sie homosexuell ist.
Jens Thorwald ist Piotrowskis Stellvertreter. Er ist ein loyaler Kollege und die gute Seele im Ermittlerteam. Ohne ihn würden die Konflikte seines Chefs mit Rebecca öfter eskalieren.
Weiters:
Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter. Viel Hilfreiches hat er zu aktuellen Fällen nicht beizutragen. Gut aber, dass er mit dem Ministerpräsidenten per Du ist, besonders dann, wenn der lahme Fortschritt seiner SoKo von der Presse durch den Kakao gezogen wird.
Vorwort
Farben sind allgegenwärtig. Wir Menschen sehen sie von Rot über Grün, Blau bis Violett. Die meisten von uns machen sich keine Gedanken, weil sie einfach da sind. Jeden Tag, nur nicht nachts. In der Nacht sind alle grau, die Katzen, … aber auch die Menschen. Dann flößen sie uns Angst ein. Können uns die Farben noch andere Streiche spielen?
Drei Farben beeinflussen unser Empfinden in besonderem Maße: Das Blut ist rot, die Natur ist grün, der Himmel ist blau. Im Laufe seiner Evolution hat der Mensch ein tief im vegetativen Nervensystem verankertes Bewusstsein für diese Farben entwickelt: Rot für Gefahr, Grün für Leben, Blau für Freude. Die beiden ersten Farben werden in jedem elektrischen Gerät eingesetzt, ohne deren Bedeutung erklären zu müssen, so elementar ist dieses Empfinden:
Rot Störung, Gefahr
Grün alles OK, keine Gefahr
Ein praktisches Beispiel: Verkehrsampel.
Bei Rot treten wir auf die Bremse und bei Grün aufs Gaspedal, freie Fahrt, keine Gefahr. Stimmt das immer?
Ein theoretisches Beispiel:
Würde die Verkehrsampel Rot und Grün gleichzeitig aussenden, dann sähe man ab einem bestimmten Abstand weißes Licht. Interessant, nicht?
Montag 16.08.2004
08h 30
Nichts deutet darauf hin, dass dieser Montag ein verhäng-nisvoller Tag werden wird. Es ist ein schöner Morgen in München, bereits hochsommerlich warm, wolkenlos. Das größte Risiko ist vermutlich von einem Gewitter mit Blitz und Donner überrascht zu werden.
Hoch über den Dächern leuchtet die Sonne mit goldgelben Strahlen in sein Loft, das er vor fünf Jahren gekauft hat, aus Freude am Jetzt und nicht wie andere als Vorsorge für morgen. Nichtsdestotrotz ist eine 200-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil Lehel eine durchaus empfehlenswerte Geldanlage. Rick nennt es sein Wigwam. Dort findet das Leben in einem Raum statt: Schlafen, Kochen, Essen und Trinken, Fernsehen, Büro … alles außer Duschen und Toilette. Schlaftrunken torkelt er ins Bad, duscht erstmal ausgiebig. So früh steht er normaler-weise nicht auf.
Vor drei Tagen wurden die Olympischen Spiele in Athen eröffnet. Morgens kommen zusammenfassende Berichte vom Vortag, heute Schwimmen, 400 Meter Freistil der Damen. Durchaus sehenswert, meint er. Dann verlieren sich seine Gedanken über den Dächern von München, während er genüsslich einen frisch gebrühten Cappuccino schlürft. Eigentlich wie jeden Tag, nur nicht so früh.
Absolut nichts deutet auf eine Bedrohung hin, die sich unaufhaltsam nähert.
Rick ist Anfang dreißig, sportlich und gut in Form. Bei seinem Lebenswandel eigentlich ein Wunder. Er und sein Zwillingsbruder wurden in einer Johannisnacht geboren, Chris, am 21. Juni um 23h 50 und Rick am 22. Juni um 00h 15. Ein Indiz für die Richtigkeit dieser Daten ist die von ihrer Mutter Christiane Fox geäußerte Unmutsbekundung, dass ihr damals die beiden Buben die Johannisnacht vermasselt hätten.
Vermutlich wurden die Zwillinge mehrfach verwechselt. Wie oft, ist mathematisch irrelevant, weil es nur zwei Zustände gibt, wie die rechte und linke Seite bei Schiffen: Steuerbord grün und Backbord rot. Die Gene konnte man ohnehin nicht verwechseln, es waren die gleichen. Es bleiben also nur die Namen, Chris und Rick oder Rick und Chris. Vermutlich wurde so oft hin- und hergewechselt, bis er bei Grün, also auf der Steuer-bordseite saß und Rick hieß.
Es hat ihn nie gestört und nie interessiert. Er würde immer heute hier stehen und feststellen, dass er sich allmählich sputen muss, sonst kommt er zu spät zum Notartermin, den er zusammen mit seinen Brüdern in der Innenstadt hat. Es geht um den Nachlass ihrer Eltern, die vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Die Notarin muss durch persönliche Inaugenscheinnahme prüfen, ob die drei Brüder auch diejenigen sind, die sie als hoch-wohlgeborenes Organ der Rechtspflege als die einzig Hinterbliebenen und alleinig Erbberechtigten bezeichnet und eingeladen hat. Die Brüder sehen sich nicht so oft, weil sie unterschiedliche Interessen haben und an unter-schiedlichen Orten leben. Für familiäre Zusammenkünfte muss schon jemand heiraten oder sterben. Die Letzteren werden naturgemäß immer weniger und die Ersteren sind nicht so viele und die wenigen wollen nicht, allem guten Zureden zum Trotz.
Deshalb ist heute ein Ereignis der letzteren Art und diesem sollte tunlichst mit Sorgfalt und Empathie begegnet werden. Rick ist dazu bereit. Hierzu hat er am Vorabend allen Versuchungen, die gedreht in Schubladen lagen und gekühlt im Kühlschrank standen, widerstanden, um heute einen ordentlichen, soliden, gut rasierten und gekämmten Mitbürger darzustellen. Um den guten Eindruck abzurunden, hat er sich vorgenommen, auch eine Aktentasche zu tragen, obwohl er noch nicht weiß, was er hineinpacken soll. Anziehen will er einen hellgrauen Anzug, ein T-Shirt in Altrosa mit rundem Ausschnitt, einen braunen Gürtel und, farblich abgestimmt, spanische Espadrilles, aber keine Strümpfe und keine Unterhose. Es ist Sommer. Da findet er Strümpfe und Unterhosen uncool und man darf seine Grundsätze nicht vollkommen über Bord werfen, auch dann nicht, wenn der Familienclan ante portas steht.
Rick ist selbstständig und verdient sein Geld mit der Programmierung von Algorithmen. Er hat seine Leidenschaft für die numerische Mathematik spät erkannt, als er zufällig bemerkte, dass er die natürliche Fähigkeit besitzt, Muster zu erkennen. Und zwar nicht Muster auf Tapeten oder auf Kleidungsstoffen, sondern in Datenreihen. Im Laufe der Zeit hat er ein Gefühl dafür entwickelt, welche mathematischen Operationen er auf Datenreihen anwenden muss, um ihnen ihre verräterischen, einzigartigen Muster zu entlocken. Heute verfügt er über ein großes Reservoir an solchen Algorithmen, die er als freischaffender Programmierer namhaften Firmen aus verschiedenen Branchen anbietet.
Die Leckerbissen in seiner C-Code-Sammlung sind Prognosemodelle für Ereignisse, die, wie der Name verrät, in der Zukunft liegen. Auf Basis von Werten der Vergangenheit kann er, unter Hinzufügen von genauen Anfangs- und Randbedingungen quasi in die Zukunft sehen. So ähnlich wie die Wetterfrösche. Allerdings mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass sein Prognosealgorithmus die Zukunft nicht einfach extrapolierend berechnet, sondern so lange iterativ rekursiv verändert, bis die Daten der Vergangenheit und die Daten der Zukunft ein ihr eigenes spezielles Muster ausbilden, das Rick das Eigenmuster der Datenreihe nennt. Er hat festgestellt, dass bei Vorliegen eines Eigenmusters die Vorhersagen ein enormes Vertrauensniveau haben.
Sein Know-how hat ihm einen komfortablen Lebensstil beschert, aber auch im Privatleben gute Dienste geleistet. Rick hat beispielsweise ein Prognosemodell programmiert, um die Hormonwallungen seiner liebenswerten Nachbarin Samantha zu bestimmen, die er kurz Sam nennt. Die Konditionierung der Parameter basiert auf Basisdaten wie ihre Blutgruppe, BMI, Alter, Größe, und ein paar nicht ernsthafte Spielereien wie Mondphase, Luftdruck und Erdmagnetfeld. Diese Rohdaten rechnet sein Algorithmus in eine Ereigniswahrscheinlichkeit um. Bei einem Wert von 75 % meldet sein Programm DefCon2.
Die Bezeichnung DefCon hat Rick vom US-Pentagon übernommen, die Abkürzung für Defense Condition. Die US-Militärs verwenden fünf DefCon-Stufen, als Countdown runtergezählt von 5 bis 1. Bei DefCon1 fliegen die Fetzen. Ganz passend, dachte sich Rick. In seinem Programm sam_alert.exe entspricht dies dem Wert von 90 %. Sein Algorithmus meldet heute DefCon1, also Alarmstufe ROT. Die Message DefCon1 öffnet ein Pop-up-Fenster auf seinem Smartphone. Also Vorsicht. Nicht den geräuschvollen Lift nehmen. Barfuß auf Fußspitzen schleicht er vier Stockwerke in die Tiefgarage. Sicher ist sicher und seine Zeit ist heute nicht so bemessen, dass er sich größere Verzögerungen leisten könnte. Termine beim Notar sind wichtig. Seit seiner Kindheit weiß er von seiner Mutter, dass es nichts Wichtigeres gibt. Also fünfzehn Minuten vor der vereinbarten Zeit da sein, um mit der Vorzimmerdame alle Fragen durchzugehen, die er bereits schriftlich per E-Mail beantwortet hat.
Als Ortskundiger in München hat Rick von seinen Brüdern den Auftrag erhalten, den Notar für die Erbauseinandersetzung auszusuchen. Seine Wahl fiel auf das Notariat Dr. jur. Rautgundis von Adelboden am Marienplatz. Die Notarin hat vor fünf Jahren den Kaufvertrag seines Wigwams beglaubigt. Sie hat sich damals kräftig ins Zeug gelegt, um den wirtschaftlich unbekümmerten Rick vor der nimmersatten Geldgier der Immobilienhaie zu schützen. Er hat es sehr genossen, dass eine honorige Dame im mittleren Alter mit Doktortitel ihre schützende Hand über ihn legte. Aus Dankbarkeit hat Rick sie zur Wigwam-Inauguration-Party eingeladen. Sie kam etwas später, war sehr reserviert und stand ziemlich daneben, auch bekleidungstechnisch. Man merkte, dass sie aus reiner Höflichkeit und nicht aus Partylust gekommen war. Der hämmernde Technosound war auch nicht ihre bevorzugte Musikrichtung, ebenso wenig die Lautstärke. Man musste die Party weithin hören können. Hoffentlich ruft kein genervter Nachbar das Ordnungsamt an. Der Notarin kamen viele solcher Gedanken in den Kopf. Hoffentlich geht das alles gut und sie kommt ungeschoren aus dieser Nummer raus.
Nach einer Stunde quälender, sinnbefreiter Lall-Gespräche mit diversen gutgelaunten Partygästen hat sie sich für eine fünfköpfige Männersitzgruppe interessiert, die etwas abseits am Boden saß und ein Chillum reihum gehen ließ. Ein Chillum kannte sie nicht, und den süßlichen Duft auch nicht. Das Schließen von Wissenslücken ist eine der markantesten Eigenschaften des Homo sapiens. So kam es, dass die Notarin zu fortgeschrittener Stunde einige ihrer unvorteilhaften Kleidungsstücke abgelegt und mit Inbrunst den Regentanz der Komantschen dargeboten hat, angefeuert von urzeitlich-rhythmischen Lauten der Sitzgruppe.
Gegen vier Uhr morgens hat Rick die launisch bestens aufgelegte Notarin nach Hause gefahren, ohne großes Aufsehen. Da er selbst auch nicht mehr fahren konnte, hat er seinen befreundeten Taxifahrer Muja angerufen. Muja und Rick setzten die Frau Doktor auf den Rücksitz, wo sie zu Phil Collins You can’t hurry love nicht ganz tonsicher mitträllerte.
„Wo soll’s denn heute noch hingehen mit dem heißen Ofen?“
„Pst!“, gebot Rick mit dem Finger vor dem Mund.
„Ich habe in ihrer Handtasche einen Ausweis mit Adresse gefunden: Grünwald. Einen Haustürschlüssel habe ich auch gefunden. Fahr jetzt los und quatsch nicht so viel und vor allem vergiss die Sache hinterher wieder. Sie ist eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.“
„Ja, ist ja gut, Rick, keine Sorge.“
Am Ziel angekommen, einem schnuckeligen Bungalow, war die Notarin auf dem Rücksitz komaähnlich eingeschlafen. Rick und Muja mussten sie zu zweit aus dem Taxi ziehen und zur Haustür tragen. Es war anstrengender, als beide sich das zunächst vorgestellt hatten.
„Im Kino sieht das immer so einfach aus. Einfach hoch, um die Schulter gelegt und weg damit.“
„Aber hier ist nicht Hollywood, Muja, sondern Grünwald … und jetzt geh mal zu.“
Sie trugen die Notarin mehr schleifend zur Haustür, die etwa fünfzig Meter vom Gartentor der Doppelhaushälfte entfernt war, leise, um nicht die Nachbarschaft zu wecken. Und die hat es in sich: Dr. Julius Pauli, der Dezernatsleiter der Soko München. Als sie endlich auf dem Wohnzimmersofa lag, nahm Rick eine Decke vom TV-Stuhl, zusätzlich ein Kopfkissen. Irgendwie entfalteten sich Gefühle, als er sie so unschuldig und verletzlich liegen sah. Er hätte gern mehr von ihrer Wohnung gesehen, aber aus Mangel an Licht und Zeit musste er darauf verzichten. Er tätschelte kurz ihren Hintern und ging dann zurück zur Haustür, wo Muja schon eine Weile rumstand und mit dem Finger ungeduldig auf das Sideboard tippte.
„Willst du dich dazulegen oder können wir jetzt fahren, Rick?“
„Ach, lass mal gut sein, Muja. Sie ist echt in Ordnung. Du triffst heute nicht mehr viele, die eine so gute Seele sind wie die Rauti.“
Sie deponierten den Haustürschlüssel auf dem Sideboard neben der Tür und zogen diese leise wieder zu. Rick war froh, dass er etwas Gutes für die Rauti tun konnte. Sie fuhren zurück zur Party, die noch nicht zu Ende war. Rick und die Notarin haben später nie über diese Party gesprochen, und auch nicht darüber, wer sie nach Hause gebracht hat.
In der Garage angekommen, kann Rick seinen Triumph TR2 kaum öffnen, weil Generaldirektor Lührs vom zweiten Stock seinen protzigen Monster-SUV wieder einmal raumgreifend eingeparkt hat.
„Arschloch“, brummelt Rick, während er sich lang-gezogen in den TR2 zwängt.
Am liebsten würde er die ganze Garage mit Oldtimern füllen, aber dafür werden seine genialen Algorithmen nicht gut genug bezahlt. Also hat er nur den Triumph TR2, Baujahr 1954, in Korallrot. Den aber liebt er wie seine beste Freundin.
Mit lautem Röhren macht er sich schnell davon. Er ist in Sicherheit … so denkt er jedenfalls.
Der Weg zum Notariat ist nicht weit, nur etwa fünf Kilometer. Er könnte locker mit der 19er-Straßenbahn fahren, die direkt vor seinem Haus hält und nach sechs Haltestellen fußläufig zum Notariat Station macht. Aber sein heutiges Outfit passt besser zu einem korallroten TR2 als zu einer taubenblauen Straßenbahn.
Er wird nicht lange fahren dürfen. Schade. Nichts ist für ihn schöner, als mit offenem Verdeck an einem sommerlichen Morgen durch Münchens City zu fahren und die neidvollen Blicke der männlichen Passanten zu spüren. Es geht stadteinwärts. Nach der Ludwigsbrücke, gleich hinter dem Technischen Museum, kommt eine Ampelkreuzung. Der Blick nach links und nach rechts erfüllt sein Herz. Die blaue Isar plätschert geruhsam mitten durch die Stadt. In Richtung Süden erahnt man die in Dunst gehüllten Alpen, in Richtung Norden prahlt die Museumsinsel mit üppiger Architektur. Es ist einfach wunderschön.
Heute sind wenig Autos unterwegs und da seine Ampel grün zeigt, kann er zügig in die Kreuzung einfahren. Rick ist ein guter und routinierter Fahrer. Seit seiner Führerscheinprüfung hatte er noch keinen einzigen Unfall.
09h 54
Unmittelbar bei Einfahrt in die Kreuzung wird ihm plötzlich übel und er wird von grellweißem Licht geblendet. Dann kracht er ungebremst in die Beifahrerseite eines Polizeiautos, welches von links kommend in die Kreuzung eingefahren ist. Die Polizeistreife wird kalt erwischt. Im Streifenwagen springen alle Airbags auf, auch die Seiten-Airbags. Vermutlich der Grund, weshalb beide Polizisten weitestgehend unverletzt bleiben. Ansonsten wäre es wohl übel ausgegangen.
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