Die Flut – Der lange Weg des Kindes einer Nonne
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 46
ISBN: 978-3-99130-783-9
Erscheinungsdatum: 17.04.2025
Als heftiger Niederschlag ein Dorf in Österreich überschwemmt, machen die Erzählerin und ihr Partner einen unmöglichen Fund in ihrer Scheune, der das düstere Geheimnis einer jungen Frau aus dem 20. Jahrhundert und die Geschichte einer Familie offenbart …
Vorwort
Diese Geschichte ist frei erfunden. Personen, die vorkommen, sind teilweise real, teilweise fiktiv.
Das Hochwasser in Niederösterreich im September 2024 hat es wirklich gegeben. Auch so manche Situationen stammen aus meinem Leben, meinem Erlebten. Wahrheit und Fiktion werden vermischt zu einer Realität, zu einer Geschichte. Ich bediene mich dieser Möglichkeit für eine Geschichte, auch wenn die Geschichte erfunden ist, enthält sie auch ein gewisses Maß an Wahrheiten, die oft niemand hören möchte, weil es einen selbst wieder in eine andere Realität versetzt, und weil es so praktisch ist, der Wahrheit zu entfliehen. Ich persönlich bin der Meinung, der Mensch war immer so, nur die Umstände der heutigen Zeit, die sozialen Medien und Internet, verleiten die Menschen dazu, nicht mehr zu hinterfragen, ob das, was berichtet und gesprochen wird, überhaupt wahr ist.
Dies sind meine Geschichte, Wahrheit und Fiktion einer Realität.
Bea Winter
1. Kapitel
Es ist September, es regnet, wie bereits vorhergesagt. Angeblich kommt ein Jahrhundertregen. Starker Niederschlag. Es wird mit Überschwemmungen gerechnet. Es ist kurz nach 6 Uhr morgens, Samstag. Ich sitze in meinem Nachthemd mit einer Tasse Kaffee und ich habe die Tageszeitung gerade zu Ende gelesen. Später möchte ich einkaufen gehen. Christian möchte noch vorbeikommen und eine Klimaanlage im Erdgeschoss montieren. Meine Birke ist gefällt, und somit gibt es auch keinen Schatten mehr. Heute war es sogar im Erdgeschoss grenzwertig heiß. Kaum habe ich erwähnt, dass ich gerne eine Klimaanlage im Erdgeschoss und nicht nur im Dachgeschoss hätte, hat Christian das Material schon bestellt, und möchte es nun installieren.
Ich habe eigentlich aufs Frühjahr gehofft, aber er kann kaum erwarten, mir den Wunsch zu erfüllen. Da sind seine Blumen, Schmuck, den er mir schenkt. Er drückt mit dem Blumenstrauß seine Liebe zu mir aus. Er ist kein Mann, der mit dem Blumenstrauß um die Ecke kommt, das wäre gesagt ein Weltwunder. Er ist anders gestrickt als die anderen, aber so wie er ist, ist er ehrlich. Die Blumen verwelken, aber die Klimaanlage habe ich länger sozusagen.
Plötzlich läutet es an der Tür. Ich sehe von meinem gemütlichen Sessel auf, in dem ich sitze. Die Tür geht auf, und da steht er und lächelt in sich hinein. Ich sehe, er hat beide Hände voll. Ein Werkzeugkoffer und ein Teil der Klimaanlage.
Sofort wundere ich mich, dass er schon so früh da ist. Er kann kommen und gehen, wie er möchte. Wenn er um 4 Uhr kommt oder manchmal gegen 22 Uhr, wenn er lange gearbeitet hat. Ich habe mich daran gewöhnt.
Er küsst mich mit einem langen, sehnsüchtigen Blick, er kann das, und ich merke, er hat etwas, ein Problem. Ich kenne ihn schon lange. Unausgeschlafen ist sein Blick. Er holt den Rest des Werkzeugs aus dem Auto, und ich plaudere aus dem Nähkästchen. Wir verschwinden noch ein bisschen ins Schlafzimmer auf dem Dachboden. Er braucht meine Nähe. Es wäre auch noch zu zeitig, um den Bohrer an der Außenmauer anzusetzen. Die Entspannung tut uns beiden gut. Das Schlafzimmer auf dem Dachboden ist unser gemeinsamer Ruheraum. Da stehen nur ein Bett mit Anrichte und zwei Bücherregale. Absichtlich nicht mehr. Dort herrscht eine eigene Atmosphäre.
Später beim Arbeiten erzählt er mir den Grund, warum er nicht schlafen konnte. Sein Bruder, knapp über vierzig, macht Terror wegen der Erbschaft. Und das jetzt schon, obwohl noch beide Eltern leben und soweit gesund sind. Sein Vater war bei ihm und sprach lange mit ihm Christian hat selbst ein besonderes Verhältnis zu den Eltern. Vor allem zur Mutter, das ist besonders gestört.
Sein Vater erzählte ihm, er sei beim Notar gewesen und habe das Testament neuerlich ändern lassen. Der Bruder hat sich sein Leben lang benachteiligt gefühlt und macht Christian Vorwürfe, da stehen einem die Haare zu Berg. Der Vater hat einiges gleich widerlegt und meinte zu Christian: „Ich glaube, dein Bruder braucht einen Psychiater.“
Ich höre zu und denke mir: „Wie bei meiner Familie.“
Bis zum Tod der Eltern war die Erbschaft kein Thema, aber was nachher kam, war für mich so unglaublich, dass ich es in einem Buch niedergeschrieben habe. Christian möchte, sollte es beim Tod der Eltern wegen der Erbschaft zu Streitereien kommen, einfach auf sie verzichten. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass das nichts bringt, denn sein Bruder wird weiter gierig sein.
Irgendwann in diesem Gespräch schaut er mich lange an und sagt: „Wenn ich dir erzähle, was mein Bruder getan hat, beziehungsweise bei was ich ihn erwischt habe, wirst du es nicht glauben können.“
Er überlegt und sagt, er habe ihn einmal auf der Toilette erwischt mit seinem eigenen Kot im Kondom, während er sich dazu selbstbefriedigte. Der Bruder war damals siebzehn Jahre alt. Ich bekomme große Augen und denke mir: „Das gibts doch nicht.“ Laut sage ich: „Wer weiß, welche Praktiken er jetzt mit seiner Lebensgefährtin ausübt, vielleicht hat er sich in den Perversitäten gesteigert.“
Mir fällt ein, dass ich einmal in einer Reportage gelesen habe, dass es Menschen gibt, diesich den Kot von anderen verpackt zuschicken lassen und dafür bezahlen, um einen besonderen Kick zu bekommen, weil sie sonst keine Erektion haben. So manche Prostituierte kann bei diesem Thema mitreden. In der Fachsprache heißt der Begriff: Koprophilie.
Christian erzählt noch einige Anekdoten aus ihrer Jugend. Der Bruder dürfte eifersüchtig auf ihn sein. Zwischendurch gehe ich einkaufen, Christian arbeitet an der Klimaanlage, und irgendwie ist es bald Nachmittag. Es regnet und regnet, stürmisch ist es auch. Bei mir läuft immer das Radio, wie bei der Uroma damals im Weinviertel. Es wird schon von Überschwemmungen gesprochen. Plötzlich werde ich ruhig und sage zu Christian: „Bei dir läuft doch der Bach hinter dem Grundstück vorbei.“
Daraufhin erwidert er: „Ja, warum?“
Ich spüre etwas, meine Vorahnung, da werde ich immer still, da gibt es keine Zeit. Mich überkommt dann immer eine Ruhe, ich schaue ihn an und erkläre: „Hoffentlich läuft der Bach nicht über.“
Er arbeitet weiter, macht eine kurze Pause und wird nachdenklich. Ich vermute, er denkt an den Bach. Auch läutet zwischendurch sein Telefon, wie immer und vor allem samstags, wenn wieder irgendwo eine Heizung nicht geht oder irgendwereinen Handwerker hatte, aber der Schaden doch noch nicht repariert ist. Am späten Nachmittag fährt er los, und ich reinige das Haus.
Wie es sich später herausstellt, spät abends, als Christian bei sich zu Hause ankommt, ist der Innenhof des Grundstückes mit Wasser gefüllt. Ich bin die ganze Nacht unruhig und kann nicht schlafen und denke: „Was passiert wieder?“ Ich bin so feinfühlig und spüre immer, wenn etwas Ungutes im Anflug ist. Am Morgen ruft er mich zeitig an und berichtet: „Ich habe schon die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden hinein mit meinem Vater das Grundstück gepumpt, vom Hof auf die Straße, aber von dort kommt auch schon Wasser. Von hinten vom Stadel vorne hinaus und auch teilweise wieder hinein.“
Ich möchte gleich zu ihm fahren, aber er verneint und meint: „Die Straße ist gesperrt. Bleib zu Hause.“
Später schickt er mir ein Video. Unglaublich. Bis zum Abend hat er auch Wasser im Haus, im hinteren Teil, der zwei Stufen tiefer liegt. Er hat trotzdem Glück, denn das Wasser steigt knapp fünf Zentimeter bis zur obersten Stufe, aber es läuft nicht nach vorne ins Büro, in die Küche und den Wohnraum. Im hinteren Teil werden jedoch das Schlafzimmer, der Schrankraum und die Möbel zerstört. Bad und Toilette sind so weit okay, bis auf den furchtbaren Schmutz überall, der nur mit einem Industriehochdruckreiniger entfernt werden kann. Manche Nachbarn sind viel schlechter dran als er. Trotz allem hat er Glück gehabt. Vieles ist dennoch kaputt, und die Streiterei mit der Versicherung wird noch Nerven kosten.
2. Kapitel
Wir schreiben das Jahr 1940. Stift Ellenburg. In diesem Stift sind nicht nur Mönche, sondern seit geraumer Zeit Nonnen untergebracht. Der kleine Nonnenorden wurde aus seinem Kloster aufgrund der Umstände der Zeit vertrieben und in den Stift aufgenommen. Der Aufenthalt des Nonnenordens wir nicht von langer Dauer sein, auch von hier werden sie vertrieben, der Abt wird 1940 verhaftet und aus dem Konvent gewiesen. Wo die Brüder und Schwestern hin verschwinden, weiß niemand so genau. Nur eine Nonne wird in Erinnerung bleiben, erst viel später, etwa vierundachtzig Jahre später wird sie bekannt werden: ihre Umstände, in welchen Umständen sie sich befand, und wohin sie flüchtet. Schwester Bernadette wird noch die Zeitungen und das Internet füllen. Bernadette kann sich damals gar nicht vorstellen oder auch nur daran denken, dass die Menschen in Bildschirme schauen werden, auf die kleinen Bildschirme des Handys, um ihre Geschichte zu lesen.
Als Bernadette aus dem Stift flüchtet, durch die Wirren des Krieges vertrieben, wölbt sich bereits der Bauch unter ihrem Habit – der Nonnenkleidung. Nicht einmal ein Jahr war Bernadette in dem Stift untergebracht. Aber dieses Jahr stellt ihr Leben auf den Kopf, sie erlebt Dinge, die sie sich nie zu träumen gewagt hätte, unglaublich sind die Abgründe, die sich auf tun.
Nie hätte sie es für möglich gehalten, sie war immer fest in ihrem Glauben mit Jesus verheiratet und im Glauben, er würde sie beschützen. Sehr schnell nach ihrer Ankunft in dem Stift, wo den Nonnen Räume zur Verfügung gestellt werden, wird ihnen klar gemacht, was der Preis für die Aufnahme im Stift ist.
Die Ordensfrau ruft irgendwann die drei jüngsten Schwestern zu sich und bereitet sie darauf vor, dass sie nach Absprache abends bei dem Abt zu erscheinen haben. Er verlangt von ihnen Handlungen, die sie zu erdulden haben, denn es ist im Namen Gottes. Und vor allem ist es die einzige Möglichkeit, um in dieser furchtbaren Zeit zu überleben und den Orden zu retten. Die drei jungen Schwestern schauen sich gegenseitig ängstlich und still an. Keine traut sich etwas zu sagen. Auch wird niemals wieder darüber gesprochen, was die jungen Schwestern in den nächsten Monaten zu ertragen haben. Sexuelle Widerwärtigkeiten in den privaten Räumen des Abtes.
Den Nonnen werden die Augen verbunden, sie werden aufgebahrt, und viele verschiedene Hände befriedigen sich an ihren Körpern, dringen in sie ein und tun widerliche Dinge mit ihnen. Es sind Rituale widerlichster Natur. Einmal, als die Augenbinde verrutscht, glaubt Bernadette im Schatten die Ordensfrau stehen zu sehen. Bernadette sieht ihren Blick, sieht die Erektion von einem der Männer in ihren Augen. Die Ordensfrau ist kein Opfer, sondern Täterin. Bernadette tritt aus ihrem Körper heraus, lässt es über sich ergehen, sie spürt nichts, nicht einmal die Schmerzen, die ihr zugefügt werden. Irgendwann fällt ihr auf, dass ihre monatliche Blutung ausfällt, sie schiebt es auf die schlechte Nahrung und den seelischen Stress, in dem sie sich befindet.
Bis die Zeit kommt, in der sich ihr Körper verändert. Die Brust spannt, der Bauch wölbt sich, und sie spürt etwas in ihrem Körper, in ihrem Bauch, ein Leben, das in ihr heranwächst. Bevor es auffällt, kommt die Zeit, in der das Kloster aufgehoben wird, und alle Brüder und Schwestern vertrieben werden. Bernadette war immer schon eine Einzelgängerin, sie flüchtet allein mit dem gewölbten Bauch. Bernadette spürt die Unruhe und flieht in Richtung ihrer alten Heimat, dem Weinviertel. Sie macht sich nachts zu Fuß auf den Weg mit ihrem Bündel. Sie hat nicht viel, nur ein Bündel mit einem Stück Brot und Apfel als Proviant.
Sie läuft durch den Wald. Morgens begegnet sie einem Bauern mit Pferdegespann, wortlos lässt er sie aufsteigen und Platz nehmen. Er fragt nicht viel. Gedanklich geht ihm viel durch den Kopf, und er fragt sich, was die Nonne wohl allein hier macht. Aber es ist eine schwierige Zeit, eine wortlose Zeit, ein Kampf ums Überleben. Manchmal wird geholfen, wortlos. Die letzten Kilometer legt sie auf einem Motorrad hinten auf dem Beifahrersitz zurück.
Ein junger Bursche bleibt auf der Straße stehen und dreht sich um. Er fragt die Nonne nach ihrem Weg und beäugelt sie. Er hört zu und meint, wenn sie sich traue, dürfe sie auf seinem Rücksitz Platz nehmen. Sie ist müde, alles spannt an ihr, vor allem der Bauch und die Beine sind angeschwollen. Sie nickt nur, der Bursche lächelt und denkt sich: „Das werden mir meine Freunde nicht glauben.“
Er war schon immer ein Lausbub, nur in diesem Moment ist es kein Streich, sondern er spürt, dass es gut ist, was er tut. Das Gesicht der Nonne sagt alles. Irgendwie schafft sie es, Platz zu nehmen. Ihren Habit schlägt sie auf, und es ist ihr egal, wenn sie etwas ihre Beine entblößt. Jesus wird es verstehen, und sie kann dafür auch beten.
Bevor es dunkel wird, erreichen sie die Ortschaft, in der Bernadette ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, bis sie ins Kloster eingetreten ist. Sie steigt vom Motorrad ab, richtet sich ihren Habit und nickt dem Burschen zu und sagt: „Vergelt’s Gott!“
Der Bursche nickt zurück, sieht sie kurz an und dreht sich um und fährt weg. Irgendwann sieht sie nur seine Umrisse, bis er nur mehr ein Punkt am Horizont ist. Die Straße entlang liegen Felder, hügelig, eine eigene Stille hüllt die Szene ein. Hier sieht es aus wie immer. Nichts hat sich verändert. Sie wendet sich in die Richtung, in die sie gehen muss. Denken kann sie nicht viel, außer dass sie bis an das andere Ortsende gehen muss, bis sie ihr Elternhaus erreicht.
3. Kapitel
Drei Tage nach der Flut, als der Bach überging und Christians Ortschaft überschwemmt wurde, fahre ich hinaus zu ihm. Davor war entweder die Straße gesperrt oder überschwemmt, und es standen plötzlich viele Helfer da. Er war der Meinung, ich solle zu Hause bleiben, es würden sich schon alle im Weg stehen. Erst jetzt ist Arbeit für mich da, jetzt kann ich helfen. Den Schlamm und Dreck wegzuspülen, war nur mit Spezialgeräten möglich, das haben Freunde von ihm gemacht. Insgeheim stellt er immer einen Glassturz über mich, damit mir ja nichts passiert. Einen Tag lang waren seine Mutter und sein Vater da. Er braucht dann meistens vierundzwanzig Stunden, bis er sich beruhigt hat. Die Zwei regen ihn auf, machen ihn nervös, obwohl sie in dieser Situation geholfen haben. Eltern können vieles gut, aber genauso viel falsch machen.
Ich fahre durchs Tor und sehe schon den Haufen: das schöne Schlafzimmer, die Kästen vom Schrankraum Alles Holzige auf einem Haufen. Das werden einige Fuhren mit dem Hänger. Er sieht mich an, und ich sehe seinen Blick, er ist froh, dass ich da bin. Sagen tut er es nie. Er spricht mit den Augen, vielleicht brummt er etwas in seinem Dialekt, den ich schon fast ohne Dolmetscher verstehe. In seinem Dialekt spricht er nur in emotionalen Situationen. Das ist wieder so ein Moment. Ich hole einen Kaffee, und wir sitzen im Hof, still, jeder in seinen Gedanken vertieft. Ich schau ihn an und sage: „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Alles hier kann ersetzt werden, nur dein Leben nicht.“
In dieser Hochwasserkatastrophe hat es leider auch Todesfälle gegeben. Christian erzählt mir vom Sachverständigen der Gemeinde, der heute hier war, um den Schaden zu schätzen, von den Versicherungen, die angeblich nur eine bestimmte Summe pro Haushalt auszahlen werden, und von Kostenvoranschlägen, die er eingeholt hat. Wortlos umarme und streichle ich ihn, sein Gesicht. Mehr ist nicht zu sagen. Mein Gesicht sagt, es wird wieder, schau nach vorne und nicht zurück. Er kennt den Spruch schon von mir.
Ich gehe in die Küche, räume den Geschirrspüler ein und beseitige das Chaos in der Küche. Wenn ich Ordnung schaffen kann, fühle ich mich wohl, habe das Gefühl, alles wird gut. Ich höre ihn im Hof herumarbeiten, es ist noch genug zu tun. Später gehe ich mit einem Glas Cola hinaus und setze mich draußen wieder an den Tisch. Christian ist hinten in der Scheune, ich sehe ihn hantieren. Plötzlich stehe ich auf, irgendetwas zieht mich hin. Wieder so eine Eingabe von mir, da steht die Zeit still, und ich bewege mich Richtung Scheune. Dort hat er eigentlich sein Werkzeug. Vieles wird unbrauchbar sein, denke ich mir. Und als ich mich so umsehe, fixiere ich eine kleine Metallkiste. Sie ist rostig und schmutzig. Was wird da wohl drin sein? Christian sage ich: „Woher ist dieses alte Stück?“
Er antwortet: „Schau, da hinten hat der Bach bei der Scheune ein Loch gespült, ich bin hin und habe mir das Loch angeschaut.“ Er erzählt weiter, dort habe ein Teil der Metallkiste herausgeschaut, sie sei mit einer Seite oben geschwommen, und er habe sie herausgezogen. Ich beäuge diese Metallkiste und denke mir, dass sie sehr alt sein muss.
Ich schaue wieder zu Christian. „Christian, warum machen wir sie nicht auf und schauen, was drin ist? Vielleicht ein Schatz aus der Kriegszeit. Ich weiß von meiner Oma und Uroma im Weinviertel, dass sie auch im Krieg viele Dinge, sogar Lebensmittel, in der Erde vergraben haben, um sie vor Plünderungen zu schützen. Nicht nur Wertgegenstände, sondern Lebensmittel wie Kaffee wurden vergraben.“
Ich werde richtig nervös und aufgeregt. Wenn ich Christian nerve, sagt er immer „Blondie“ zu mir, aber mit einem lieblichen Schmunzeln. Es vergeht noch eine weitere Stunde, bis er seine Arbeit niederlegt und mit einer Brechzange herkommt, um die alte Kiste zu öffnen. Gleichzeitig brummt er: „Sonst gibst du keine Ruhe, Blondie.“
…
Diese Geschichte ist frei erfunden. Personen, die vorkommen, sind teilweise real, teilweise fiktiv.
Das Hochwasser in Niederösterreich im September 2024 hat es wirklich gegeben. Auch so manche Situationen stammen aus meinem Leben, meinem Erlebten. Wahrheit und Fiktion werden vermischt zu einer Realität, zu einer Geschichte. Ich bediene mich dieser Möglichkeit für eine Geschichte, auch wenn die Geschichte erfunden ist, enthält sie auch ein gewisses Maß an Wahrheiten, die oft niemand hören möchte, weil es einen selbst wieder in eine andere Realität versetzt, und weil es so praktisch ist, der Wahrheit zu entfliehen. Ich persönlich bin der Meinung, der Mensch war immer so, nur die Umstände der heutigen Zeit, die sozialen Medien und Internet, verleiten die Menschen dazu, nicht mehr zu hinterfragen, ob das, was berichtet und gesprochen wird, überhaupt wahr ist.
Dies sind meine Geschichte, Wahrheit und Fiktion einer Realität.
Bea Winter
1. Kapitel
Es ist September, es regnet, wie bereits vorhergesagt. Angeblich kommt ein Jahrhundertregen. Starker Niederschlag. Es wird mit Überschwemmungen gerechnet. Es ist kurz nach 6 Uhr morgens, Samstag. Ich sitze in meinem Nachthemd mit einer Tasse Kaffee und ich habe die Tageszeitung gerade zu Ende gelesen. Später möchte ich einkaufen gehen. Christian möchte noch vorbeikommen und eine Klimaanlage im Erdgeschoss montieren. Meine Birke ist gefällt, und somit gibt es auch keinen Schatten mehr. Heute war es sogar im Erdgeschoss grenzwertig heiß. Kaum habe ich erwähnt, dass ich gerne eine Klimaanlage im Erdgeschoss und nicht nur im Dachgeschoss hätte, hat Christian das Material schon bestellt, und möchte es nun installieren.
Ich habe eigentlich aufs Frühjahr gehofft, aber er kann kaum erwarten, mir den Wunsch zu erfüllen. Da sind seine Blumen, Schmuck, den er mir schenkt. Er drückt mit dem Blumenstrauß seine Liebe zu mir aus. Er ist kein Mann, der mit dem Blumenstrauß um die Ecke kommt, das wäre gesagt ein Weltwunder. Er ist anders gestrickt als die anderen, aber so wie er ist, ist er ehrlich. Die Blumen verwelken, aber die Klimaanlage habe ich länger sozusagen.
Plötzlich läutet es an der Tür. Ich sehe von meinem gemütlichen Sessel auf, in dem ich sitze. Die Tür geht auf, und da steht er und lächelt in sich hinein. Ich sehe, er hat beide Hände voll. Ein Werkzeugkoffer und ein Teil der Klimaanlage.
Sofort wundere ich mich, dass er schon so früh da ist. Er kann kommen und gehen, wie er möchte. Wenn er um 4 Uhr kommt oder manchmal gegen 22 Uhr, wenn er lange gearbeitet hat. Ich habe mich daran gewöhnt.
Er küsst mich mit einem langen, sehnsüchtigen Blick, er kann das, und ich merke, er hat etwas, ein Problem. Ich kenne ihn schon lange. Unausgeschlafen ist sein Blick. Er holt den Rest des Werkzeugs aus dem Auto, und ich plaudere aus dem Nähkästchen. Wir verschwinden noch ein bisschen ins Schlafzimmer auf dem Dachboden. Er braucht meine Nähe. Es wäre auch noch zu zeitig, um den Bohrer an der Außenmauer anzusetzen. Die Entspannung tut uns beiden gut. Das Schlafzimmer auf dem Dachboden ist unser gemeinsamer Ruheraum. Da stehen nur ein Bett mit Anrichte und zwei Bücherregale. Absichtlich nicht mehr. Dort herrscht eine eigene Atmosphäre.
Später beim Arbeiten erzählt er mir den Grund, warum er nicht schlafen konnte. Sein Bruder, knapp über vierzig, macht Terror wegen der Erbschaft. Und das jetzt schon, obwohl noch beide Eltern leben und soweit gesund sind. Sein Vater war bei ihm und sprach lange mit ihm Christian hat selbst ein besonderes Verhältnis zu den Eltern. Vor allem zur Mutter, das ist besonders gestört.
Sein Vater erzählte ihm, er sei beim Notar gewesen und habe das Testament neuerlich ändern lassen. Der Bruder hat sich sein Leben lang benachteiligt gefühlt und macht Christian Vorwürfe, da stehen einem die Haare zu Berg. Der Vater hat einiges gleich widerlegt und meinte zu Christian: „Ich glaube, dein Bruder braucht einen Psychiater.“
Ich höre zu und denke mir: „Wie bei meiner Familie.“
Bis zum Tod der Eltern war die Erbschaft kein Thema, aber was nachher kam, war für mich so unglaublich, dass ich es in einem Buch niedergeschrieben habe. Christian möchte, sollte es beim Tod der Eltern wegen der Erbschaft zu Streitereien kommen, einfach auf sie verzichten. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass das nichts bringt, denn sein Bruder wird weiter gierig sein.
Irgendwann in diesem Gespräch schaut er mich lange an und sagt: „Wenn ich dir erzähle, was mein Bruder getan hat, beziehungsweise bei was ich ihn erwischt habe, wirst du es nicht glauben können.“
Er überlegt und sagt, er habe ihn einmal auf der Toilette erwischt mit seinem eigenen Kot im Kondom, während er sich dazu selbstbefriedigte. Der Bruder war damals siebzehn Jahre alt. Ich bekomme große Augen und denke mir: „Das gibts doch nicht.“ Laut sage ich: „Wer weiß, welche Praktiken er jetzt mit seiner Lebensgefährtin ausübt, vielleicht hat er sich in den Perversitäten gesteigert.“
Mir fällt ein, dass ich einmal in einer Reportage gelesen habe, dass es Menschen gibt, diesich den Kot von anderen verpackt zuschicken lassen und dafür bezahlen, um einen besonderen Kick zu bekommen, weil sie sonst keine Erektion haben. So manche Prostituierte kann bei diesem Thema mitreden. In der Fachsprache heißt der Begriff: Koprophilie.
Christian erzählt noch einige Anekdoten aus ihrer Jugend. Der Bruder dürfte eifersüchtig auf ihn sein. Zwischendurch gehe ich einkaufen, Christian arbeitet an der Klimaanlage, und irgendwie ist es bald Nachmittag. Es regnet und regnet, stürmisch ist es auch. Bei mir läuft immer das Radio, wie bei der Uroma damals im Weinviertel. Es wird schon von Überschwemmungen gesprochen. Plötzlich werde ich ruhig und sage zu Christian: „Bei dir läuft doch der Bach hinter dem Grundstück vorbei.“
Daraufhin erwidert er: „Ja, warum?“
Ich spüre etwas, meine Vorahnung, da werde ich immer still, da gibt es keine Zeit. Mich überkommt dann immer eine Ruhe, ich schaue ihn an und erkläre: „Hoffentlich läuft der Bach nicht über.“
Er arbeitet weiter, macht eine kurze Pause und wird nachdenklich. Ich vermute, er denkt an den Bach. Auch läutet zwischendurch sein Telefon, wie immer und vor allem samstags, wenn wieder irgendwo eine Heizung nicht geht oder irgendwereinen Handwerker hatte, aber der Schaden doch noch nicht repariert ist. Am späten Nachmittag fährt er los, und ich reinige das Haus.
Wie es sich später herausstellt, spät abends, als Christian bei sich zu Hause ankommt, ist der Innenhof des Grundstückes mit Wasser gefüllt. Ich bin die ganze Nacht unruhig und kann nicht schlafen und denke: „Was passiert wieder?“ Ich bin so feinfühlig und spüre immer, wenn etwas Ungutes im Anflug ist. Am Morgen ruft er mich zeitig an und berichtet: „Ich habe schon die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden hinein mit meinem Vater das Grundstück gepumpt, vom Hof auf die Straße, aber von dort kommt auch schon Wasser. Von hinten vom Stadel vorne hinaus und auch teilweise wieder hinein.“
Ich möchte gleich zu ihm fahren, aber er verneint und meint: „Die Straße ist gesperrt. Bleib zu Hause.“
Später schickt er mir ein Video. Unglaublich. Bis zum Abend hat er auch Wasser im Haus, im hinteren Teil, der zwei Stufen tiefer liegt. Er hat trotzdem Glück, denn das Wasser steigt knapp fünf Zentimeter bis zur obersten Stufe, aber es läuft nicht nach vorne ins Büro, in die Küche und den Wohnraum. Im hinteren Teil werden jedoch das Schlafzimmer, der Schrankraum und die Möbel zerstört. Bad und Toilette sind so weit okay, bis auf den furchtbaren Schmutz überall, der nur mit einem Industriehochdruckreiniger entfernt werden kann. Manche Nachbarn sind viel schlechter dran als er. Trotz allem hat er Glück gehabt. Vieles ist dennoch kaputt, und die Streiterei mit der Versicherung wird noch Nerven kosten.
2. Kapitel
Wir schreiben das Jahr 1940. Stift Ellenburg. In diesem Stift sind nicht nur Mönche, sondern seit geraumer Zeit Nonnen untergebracht. Der kleine Nonnenorden wurde aus seinem Kloster aufgrund der Umstände der Zeit vertrieben und in den Stift aufgenommen. Der Aufenthalt des Nonnenordens wir nicht von langer Dauer sein, auch von hier werden sie vertrieben, der Abt wird 1940 verhaftet und aus dem Konvent gewiesen. Wo die Brüder und Schwestern hin verschwinden, weiß niemand so genau. Nur eine Nonne wird in Erinnerung bleiben, erst viel später, etwa vierundachtzig Jahre später wird sie bekannt werden: ihre Umstände, in welchen Umständen sie sich befand, und wohin sie flüchtet. Schwester Bernadette wird noch die Zeitungen und das Internet füllen. Bernadette kann sich damals gar nicht vorstellen oder auch nur daran denken, dass die Menschen in Bildschirme schauen werden, auf die kleinen Bildschirme des Handys, um ihre Geschichte zu lesen.
Als Bernadette aus dem Stift flüchtet, durch die Wirren des Krieges vertrieben, wölbt sich bereits der Bauch unter ihrem Habit – der Nonnenkleidung. Nicht einmal ein Jahr war Bernadette in dem Stift untergebracht. Aber dieses Jahr stellt ihr Leben auf den Kopf, sie erlebt Dinge, die sie sich nie zu träumen gewagt hätte, unglaublich sind die Abgründe, die sich auf tun.
Nie hätte sie es für möglich gehalten, sie war immer fest in ihrem Glauben mit Jesus verheiratet und im Glauben, er würde sie beschützen. Sehr schnell nach ihrer Ankunft in dem Stift, wo den Nonnen Räume zur Verfügung gestellt werden, wird ihnen klar gemacht, was der Preis für die Aufnahme im Stift ist.
Die Ordensfrau ruft irgendwann die drei jüngsten Schwestern zu sich und bereitet sie darauf vor, dass sie nach Absprache abends bei dem Abt zu erscheinen haben. Er verlangt von ihnen Handlungen, die sie zu erdulden haben, denn es ist im Namen Gottes. Und vor allem ist es die einzige Möglichkeit, um in dieser furchtbaren Zeit zu überleben und den Orden zu retten. Die drei jungen Schwestern schauen sich gegenseitig ängstlich und still an. Keine traut sich etwas zu sagen. Auch wird niemals wieder darüber gesprochen, was die jungen Schwestern in den nächsten Monaten zu ertragen haben. Sexuelle Widerwärtigkeiten in den privaten Räumen des Abtes.
Den Nonnen werden die Augen verbunden, sie werden aufgebahrt, und viele verschiedene Hände befriedigen sich an ihren Körpern, dringen in sie ein und tun widerliche Dinge mit ihnen. Es sind Rituale widerlichster Natur. Einmal, als die Augenbinde verrutscht, glaubt Bernadette im Schatten die Ordensfrau stehen zu sehen. Bernadette sieht ihren Blick, sieht die Erektion von einem der Männer in ihren Augen. Die Ordensfrau ist kein Opfer, sondern Täterin. Bernadette tritt aus ihrem Körper heraus, lässt es über sich ergehen, sie spürt nichts, nicht einmal die Schmerzen, die ihr zugefügt werden. Irgendwann fällt ihr auf, dass ihre monatliche Blutung ausfällt, sie schiebt es auf die schlechte Nahrung und den seelischen Stress, in dem sie sich befindet.
Bis die Zeit kommt, in der sich ihr Körper verändert. Die Brust spannt, der Bauch wölbt sich, und sie spürt etwas in ihrem Körper, in ihrem Bauch, ein Leben, das in ihr heranwächst. Bevor es auffällt, kommt die Zeit, in der das Kloster aufgehoben wird, und alle Brüder und Schwestern vertrieben werden. Bernadette war immer schon eine Einzelgängerin, sie flüchtet allein mit dem gewölbten Bauch. Bernadette spürt die Unruhe und flieht in Richtung ihrer alten Heimat, dem Weinviertel. Sie macht sich nachts zu Fuß auf den Weg mit ihrem Bündel. Sie hat nicht viel, nur ein Bündel mit einem Stück Brot und Apfel als Proviant.
Sie läuft durch den Wald. Morgens begegnet sie einem Bauern mit Pferdegespann, wortlos lässt er sie aufsteigen und Platz nehmen. Er fragt nicht viel. Gedanklich geht ihm viel durch den Kopf, und er fragt sich, was die Nonne wohl allein hier macht. Aber es ist eine schwierige Zeit, eine wortlose Zeit, ein Kampf ums Überleben. Manchmal wird geholfen, wortlos. Die letzten Kilometer legt sie auf einem Motorrad hinten auf dem Beifahrersitz zurück.
Ein junger Bursche bleibt auf der Straße stehen und dreht sich um. Er fragt die Nonne nach ihrem Weg und beäugelt sie. Er hört zu und meint, wenn sie sich traue, dürfe sie auf seinem Rücksitz Platz nehmen. Sie ist müde, alles spannt an ihr, vor allem der Bauch und die Beine sind angeschwollen. Sie nickt nur, der Bursche lächelt und denkt sich: „Das werden mir meine Freunde nicht glauben.“
Er war schon immer ein Lausbub, nur in diesem Moment ist es kein Streich, sondern er spürt, dass es gut ist, was er tut. Das Gesicht der Nonne sagt alles. Irgendwie schafft sie es, Platz zu nehmen. Ihren Habit schlägt sie auf, und es ist ihr egal, wenn sie etwas ihre Beine entblößt. Jesus wird es verstehen, und sie kann dafür auch beten.
Bevor es dunkel wird, erreichen sie die Ortschaft, in der Bernadette ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, bis sie ins Kloster eingetreten ist. Sie steigt vom Motorrad ab, richtet sich ihren Habit und nickt dem Burschen zu und sagt: „Vergelt’s Gott!“
Der Bursche nickt zurück, sieht sie kurz an und dreht sich um und fährt weg. Irgendwann sieht sie nur seine Umrisse, bis er nur mehr ein Punkt am Horizont ist. Die Straße entlang liegen Felder, hügelig, eine eigene Stille hüllt die Szene ein. Hier sieht es aus wie immer. Nichts hat sich verändert. Sie wendet sich in die Richtung, in die sie gehen muss. Denken kann sie nicht viel, außer dass sie bis an das andere Ortsende gehen muss, bis sie ihr Elternhaus erreicht.
3. Kapitel
Drei Tage nach der Flut, als der Bach überging und Christians Ortschaft überschwemmt wurde, fahre ich hinaus zu ihm. Davor war entweder die Straße gesperrt oder überschwemmt, und es standen plötzlich viele Helfer da. Er war der Meinung, ich solle zu Hause bleiben, es würden sich schon alle im Weg stehen. Erst jetzt ist Arbeit für mich da, jetzt kann ich helfen. Den Schlamm und Dreck wegzuspülen, war nur mit Spezialgeräten möglich, das haben Freunde von ihm gemacht. Insgeheim stellt er immer einen Glassturz über mich, damit mir ja nichts passiert. Einen Tag lang waren seine Mutter und sein Vater da. Er braucht dann meistens vierundzwanzig Stunden, bis er sich beruhigt hat. Die Zwei regen ihn auf, machen ihn nervös, obwohl sie in dieser Situation geholfen haben. Eltern können vieles gut, aber genauso viel falsch machen.
Ich fahre durchs Tor und sehe schon den Haufen: das schöne Schlafzimmer, die Kästen vom Schrankraum Alles Holzige auf einem Haufen. Das werden einige Fuhren mit dem Hänger. Er sieht mich an, und ich sehe seinen Blick, er ist froh, dass ich da bin. Sagen tut er es nie. Er spricht mit den Augen, vielleicht brummt er etwas in seinem Dialekt, den ich schon fast ohne Dolmetscher verstehe. In seinem Dialekt spricht er nur in emotionalen Situationen. Das ist wieder so ein Moment. Ich hole einen Kaffee, und wir sitzen im Hof, still, jeder in seinen Gedanken vertieft. Ich schau ihn an und sage: „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Alles hier kann ersetzt werden, nur dein Leben nicht.“
In dieser Hochwasserkatastrophe hat es leider auch Todesfälle gegeben. Christian erzählt mir vom Sachverständigen der Gemeinde, der heute hier war, um den Schaden zu schätzen, von den Versicherungen, die angeblich nur eine bestimmte Summe pro Haushalt auszahlen werden, und von Kostenvoranschlägen, die er eingeholt hat. Wortlos umarme und streichle ich ihn, sein Gesicht. Mehr ist nicht zu sagen. Mein Gesicht sagt, es wird wieder, schau nach vorne und nicht zurück. Er kennt den Spruch schon von mir.
Ich gehe in die Küche, räume den Geschirrspüler ein und beseitige das Chaos in der Küche. Wenn ich Ordnung schaffen kann, fühle ich mich wohl, habe das Gefühl, alles wird gut. Ich höre ihn im Hof herumarbeiten, es ist noch genug zu tun. Später gehe ich mit einem Glas Cola hinaus und setze mich draußen wieder an den Tisch. Christian ist hinten in der Scheune, ich sehe ihn hantieren. Plötzlich stehe ich auf, irgendetwas zieht mich hin. Wieder so eine Eingabe von mir, da steht die Zeit still, und ich bewege mich Richtung Scheune. Dort hat er eigentlich sein Werkzeug. Vieles wird unbrauchbar sein, denke ich mir. Und als ich mich so umsehe, fixiere ich eine kleine Metallkiste. Sie ist rostig und schmutzig. Was wird da wohl drin sein? Christian sage ich: „Woher ist dieses alte Stück?“
Er antwortet: „Schau, da hinten hat der Bach bei der Scheune ein Loch gespült, ich bin hin und habe mir das Loch angeschaut.“ Er erzählt weiter, dort habe ein Teil der Metallkiste herausgeschaut, sie sei mit einer Seite oben geschwommen, und er habe sie herausgezogen. Ich beäuge diese Metallkiste und denke mir, dass sie sehr alt sein muss.
Ich schaue wieder zu Christian. „Christian, warum machen wir sie nicht auf und schauen, was drin ist? Vielleicht ein Schatz aus der Kriegszeit. Ich weiß von meiner Oma und Uroma im Weinviertel, dass sie auch im Krieg viele Dinge, sogar Lebensmittel, in der Erde vergraben haben, um sie vor Plünderungen zu schützen. Nicht nur Wertgegenstände, sondern Lebensmittel wie Kaffee wurden vergraben.“
Ich werde richtig nervös und aufgeregt. Wenn ich Christian nerve, sagt er immer „Blondie“ zu mir, aber mit einem lieblichen Schmunzeln. Es vergeht noch eine weitere Stunde, bis er seine Arbeit niederlegt und mit einer Brechzange herkommt, um die alte Kiste zu öffnen. Gleichzeitig brummt er: „Sonst gibst du keine Ruhe, Blondie.“
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